104.

An der Wand Lenin. Darunter, hinter seinem Schreibtisch, Lew Michailowitsch Chintschuk, der sowjetische Botschafter, Vertreter seiner Partei und seiner Regierung, Vertrauter des Außenministers Litwinow und des KP-Generalsekretärs Stalin, der seine tatsächlichen oder angeblichen Konkurrenten in die Verbannung und sonst wohin verjagt hatte. Er blickte Thälmann an, einen Vertrauten, einen Genossen, der die Weisungen der Kommunistischen Internationale in Moskau Buchstabe für Buchstabe erfüllte. »Ich habe mit dem Genossen Stalin gesprochen. Er sagt, ihr sollt die Planung fürs Attentat einstellen. Was er zur Begründung gesagt hat, erspare ich dir. Es war nichts, worauf ihr stolz sein könntet. Ihr schafft es nicht, diesen Marktschreier umzulegen, wie wollt ihr seine Partei aufhalten?«

»Seine Partei ist im Niedergang, Lew Michailowitsch. Auch die Sozialfaschisten verlieren an Boden.«

»Und wir sind die stärkste der Parteien?« Er beugte sich vor.

»Noch nicht. Aber wir haben Zulauf.«

»Die Nazis haben uns abgehängt, mitten in ihrem Niedergang«, ätzte Chintschuk. »Mir wäre es lieber, wir hätten deren Niedergang als unseren Aufstieg.«

»Aber der Genosse Stalin hat …«

»Der Genosse Stalin ist ein höflicher Mann. Wir rechnen damit, dass Hitler an die Macht kommt …«

»Und abwirtschaftet«, sagte Thälmann.

»Und nicht abwirtschaftet. Das schreiben wir nicht in unseren Zeitungen. Wir müssen kämpfen. Wir müssen die sozialfaschistische Führung der SPD von der Arbeiterklasse trennen. Wir müssen taktisch geschickter sein. Schicken wir Wels und Genossen doch Bündnisangebote, die sie ohnehin ausschlagen. So können wir die Arbeiter über den wahren Charakter dieser Verräter aufklären. Aber das weißt du alles. Was ich dir ausrichte, stammt vom Genossen Stalin persönlich. Ihr habt uns den Genossen Neumann geschickt, diesen Spinner. Aber Kippenberger und Schneller sind keinen Funken besser. Ulbricht und Pieck sollten mehr Einfluss bekommen. Ulbricht vor allem, treu und ein Organisator. Vor allem richtet euch darauf ein, dass die Bourgeoisie den Hitlers die Macht übertragen wird. Ihr müsst euch eine Weile verkriechen. Wenn es den Nazis gelingen sollte, die Arbeiterklasse zu enthaupten, unsere Partei auszuschalten, dann wird das mit dem Abwirtschaften schwierig.«

»Wir blasen die Attentatspläne also ab?«

»Glaubst du, dass ein Reichskanzler Hitler uns nach einem gescheiterten Attentat ein Freundschaftsangebot macht?«

Thälmann starrte ihn an. Er begriff nichts.

»Es wird so oder so zu einem Krieg zwischen unseren Ländern kommen, wenn ihr keine Revolution schafft. Wir brauchen Zeit. Wir sind nicht auf dem Niveau der deutschen Industrie. Wir helfen den Deutschen bei der geheimen Aufrüstung. Und haben gelernt, dass sie derzeit zwar keine Waffen haben, aber wissen, wie man sie zügig baut. Daher kennen wir den Vorsprung, den wir aufholen müssen. Die Volkskorrespondenten, die aus der Industrie berichten, sind wichtig. Aber sie sind keine Ingenieure. Wir lernen wenig durch sie.«

»Ich verstehe, Genosse Chintschuk«, sagte Thälmann. »Wir sagen das Attentat ab.« Aber verstanden hatte er immer noch nichts.

»Geh zum Genossen Bordjuk, zusammen mit Kippenberger. Er wird euch unterrichten, was ihr zu tun habt.«