Nachdem Nina fort war, kam Tom das Zimmer nochmal so leer und trostlos vor wie zuvor. Wie in der Nacht versuchte er, Isabelle zu erreichen, aber sie hatte ihr Handy immer noch ausgeschaltet. Also rief er im Krankenhaus an und erfuhr, dass Sylvies Zustand unverändert war. Es gab weder eine Verbesserung noch eine Verschlechterung, und er wusste nicht, ob das gute oder schlechte Nachrichten waren. Er duschte, zog sich neue Klamotten an. Dann holte er Handfeger und Kehrblech aus der Gemeinschaftsküche, kehrte Blumentopfscherben, Erde und die traurige Palme mit den raschelnden Blättern auf und warf alles zusammen in den Mülleimer.
Einige Sekunden lang starrte er danach auf den Erdfleck an der Wand. Isabelle wollte ihn nicht im Krankenhaus haben. Er knirschte mit den Zähnen. Scheißegal! Heute würde er sich nicht von ihr vom Bett seiner Tochter verjagen lassen. Er schnappte sich seine Lederjacke und machte sich auf den Weg.
Isabelle war da, als er Sylvies Zimmer betrat. An den tiefen Schatten unter ihren Augen und an dem Kostüm unter ihrem Krankenhauskittel, das das gleiche wie gestern war, erkannte er, dass sie die ganze Nacht am Bett ihrer Tochter gesessen haben musste. Er machte sich darauf gefasst, erneut von ihr angegangen zu werden, aber zu seiner Verwunderung war sie heute Morgen versöhnlicher gestimmt.
»Keine Veränderung«, sagte sie statt einer Begrüßung.
»Ja.« Er trat an Sylvies Bett. »Ich weiß. Ich habe vorhin auf Station angerufen.«
Sie verstand den versteckten Vorwurf – warum hast du dein Handy aus? –, aber wieder verwunderte sie ihn. Sie ging nicht zum Angriff über. Im Gegenteil. »Es tut mir leid, dass ich gestern so aggressiv war.«
Er verbiss sich einen spöttischen Spruch, aber auch ein Schon gut kam ihm nicht über die Lippen. Alles, was er zuwege brachte, war ein knappes Nicken. Das Bett seiner Tochter kam ihm vor wie ein unüberwindlicher Abgrund zwischen ihnen. Noch nie hatte er sich seiner Frau ferner gefühlt.
Irgendwann kam Dr. Heinemann herein. Er begrüßte erst Isabelle, schließlich Tom und untersuchte dann Sylvies Vitalwerte. »An ihrem Herzschlag hat sich nichts geändert. Die weißen Blutzellen haben zugenommen und der Hämoglobinwert geht etwas runter.« Er lächelte matt. »Das bedeutet, Sylvies Immunsystem hat einen Eindringling erkannt.«
»Ist das gut oder schlecht?«, fragte Isabelle.
»Es macht Hoffnung.«
Schwester Tanja kam herein. Auf Heinemanns Anweisung hin maß sie Sylvies Temperatur.
»Achtunddreißig Komma neun«, verkündete sie. »Keine Veränderung zu den Werten in der Nacht.«
Tom schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, sah Heinemann ihm direkt ins Gesicht. »Wir wussten, dass hier Geduld gefragt ist. Wir werden noch etwas warten müssen, bis wir wissen, wer in der Schlacht die Oberhand behält, die Phagen oder die Bakterien.« Er sah Isabelle in das erschöpfte Gesicht. »Sie sollten jetzt besser gehen. Die Schwester hat mir erzählt, dass Sie die ganze Nacht hier waren …«
Isabelle schien ihn nicht gehört zu haben. Sie reagierte jedenfalls nicht, sondern starrte weiter auf Sylvies blasses, eingefallenes Gesicht. Tiefe Falten hatten sich um ihre Mundwinkel gegraben, und ihre Haut wirkte so dünn, dass die violetten Schatten unter ihren Augen Tom so vorkamen, als hätte jemand sie geschlagen.
»Wollen Sie Ihre Frau nicht nach Hause bringen, Herr Morell?«, fragte Dr. Heinemann. »Sie können Sylvie in diesem Kampf nicht helfen, und es nützt niemandem etwas, wenn einer von Ihnen beiden uns hier zusammenklappt.«
Widerwillig nickte er. Sein Kopf tat weh, sein Herz auch. Eigentlich sein gesamter Körper. Er umfasste Sylvies Hand, hatte Mühe, sie wieder loszulassen.
Schwester Tanja berührte ihn am Ellenbogen. »Wir werden Sylvie ein bisschen Musik anmachen, das erweist sich oft als unterstützend bei Menschen, die im Koma liegen. Sie mag die Zauberflöte, nicht wahr?«
»Turandot«, warf Isabelle ein. »Sie liebt besonders Nessun Dorma.«
Schwester Tanja nickte. »Dann also Turandot.«
Tom dachte an das Gespräch zurück, das er mit Sylvie über diese beiden Opern geführt hatte. Hatte sie da nicht gesagt, dass die Königin der Nacht ihr Lieblingslied war? Er wusste es nicht mehr genau, darum hielt er lieber den Mund.
Das Beatmungsgerät presste einen weiteren Atemzug in die malträtierte Lunge seines Mädchens. Er schwankte kurz. Dann umrundete er das Bett und nahm Isabelle am Arm. »Dr. Heinemann hat recht: Du musst dich ein bisschen ausruhen.«
Als habe sie keinen eigenen Willen mehr, ließ Isabelle sich von ihm auf die Beine helfen. Er verabschiedete sich von dem Arzt, bat noch einmal darum, sofort angerufen zu werden, sobald sich der Zustand seiner Tochter änderte, und führte Isabelle dann nach draußen.
Vor dem Haupteingang der Klinik blieb sie stehen wie eine Puppe, deren Mechanismus abgelaufen war. »Ich will, dass sie gesund wird«, hörte Tom sie flüstern. Plötzlich waren ihre Wangen tränenüberströmt.
Der Anblick stürzte Tom in noch tiefere Hilflosigkeit. Ein älteres Pärchen ging vorbei, die Frau warf ihm einen mitleidigen Blick zu. Tom hätte am liebsten irgendwas zertrümmert. »Komm«, sagte er zu Isabelle. »Ich bringe dich nach Hause.«
Anders als die letzten Male widersprach sie ihm diesmal nicht. Sie ließ sich von ihm bis in die Wohnung führen, wo er ihr einen starken Kaffee machte. Während die Maschine ihre Arbeit aufnahm und aromatischer Geruch die makellos aufgeräumte Küche flutete, rief Tom mit Isabelles Handy ihre Schwester Valérie an.
»Kannst du kommen?«, fragte er ohne jegliche Begrüßung. Valérie wusste Bescheid darüber, dass man gestern mit Sylvies Behandlung den Weg der allerletzten Hoffnung beschritten hatte.
»Natürlich«, sagte sie sofort. »Ich bin in zehn Minuten da.«
Tom nutzte die Zeit, um Isabelle aus der Jacke zu helfen, ihr den Kaffee zu reichen und darauf zu achten, dass sie ihn auch trank. Er hatte sie auf das Sofa gesetzt. Mittlerweile hatte sie die Schuhe abgestreift und die Füße untergeschlagen. Der Anblick erinnerte ihn an die junge Frau, die er vor einer halben Ewigkeit kennengelernt hatte.
Es mochten fünf Minuten vergangen sein, als sein Handy klingelte. Er erkannte Ninas Nummer, aber er ging nicht ran, auch nicht, als es nur Sekunden später noch einmal klingelte. Dann signalisierte das Gerät mit einem Vibrieren, dass er eine Nachricht erhalten hatte.
Bitte ruf mich umgehend zurück, hatte Nina geschrieben. Bei YouGen ist was Schlimmes passiert.
Er zögerte. Beim Lesen der Nachricht hatte er darauf geachtet, dass Isabelle nicht auf das Display schauen konnte, aber er hatte sie unterschätzt. Sie war nicht dumm.
Mit einem letzten leisen Schniefen sagte sie: »Ist sie das?«
»Wer sie?«
»Na, diese Nina. Deine Neue.«
Es zog ihm den Boden unter den Füßen weg, dass sie jetzt damit anfing. Wut und Scham ballten sich in seiner Brust und machten ihm das Atmen schwer. Er dachte an die vergangene Nacht, daran, dass zwischen ihm und Nina nicht das Geringste passiert war. Warum zum Teufel hatte er trotzdem so ein schlechtes Gewissen?
Die Antwort war einfach: weil er gewollt hatte, dass etwas passierte.
Isabelle stieß ruckartig das Kinn vor. »Na los! Ruf sie an! Das ist es doch, was du willst!«
»Hör auf, Isabelle!« Er konnte nicht verhindern, dass er aggressiv klang, und auch dafür schämte er sich. Er wusste schließlich, dass Isabelle dazu neigte, Nebenkriegsschauplätze zu eröffnen, wenn ihr etwas auf der Seele lag. Zu seiner grenzenlosen Erleichterung klingelte es an der Wohnungstür, bevor die Sache eskalieren konnte.
Valérie war da.
Sie begrüßte Tom mit derselben kühlen Verachtung, die sie ihm gegenüber schon immer an den Tag gelegt hatte. Dann rauschte sie an ihm vorbei und kniete sich vor seiner Frau auf den Teppich. »Isa, ma petite!«
Tom sah noch mit an, wie sie Isabelle an sich zog. Gleich darauf jedoch verließ er die Wohnung. Die Tür zog er lautlos hinter sich ins Schloss.
Er musste erst ein paar hundert Meter Entfernung zwischen sich und die Wohnung bringen, bevor er es schaffte, Nina anzurufen. Bei YouGen ist was Schlimmes passiert …
»Was …?«, wollte er fragen, aber sie ließ ihn nicht ausreden.
»Sie haben Ethan verhaftet«, würgte sie hervor. »Sie glauben, er ist Prometheus.«
Ein Streifenwagen kam Tom entgegen, als er in die Straße einbog, in der YouGen lag.
Sie haben Ethan verhaftet, hallten Ninas Worte in ihm wider. Er hastete die Stufen hoch und durch die Sicherheitsglastür, die nicht schnell genug zur Seite glitt, sodass er sich die Schulter anstieß.
Mehrere Laborangestellte standen in der Empfangshalle und auf dem angrenzenden Flur. Sie wirkten ratlos und geschockt und unterhielten sich leise miteinander.
»Ich kann es einfach nicht glauben!«, hörte Tom eine junge Frau sagen, deren Augen hinter einer Brille riesengroß waren.
»Tom!« Nina stand in der Tür des vorderen Besprechungsraumes. Er eilte auf sie zu, aber bevor er sie erreichte, machte sie kehrt und betrat den Raum. Tom folgte ihr. Maren saß auf einem der Stühle und wiegte sich ruckartig vor und zurück.
Tom wandte sich an Nina. Sie war bleich.
»Sie haben ihn mitgenommen«, murmelte sie. »Sie sagen, er ist Prometheus! Wenn das stimmt, Tom, hat er … all diese Menschen in dem Altersheim vergiftet … Und offenbar ist er auch verantwortlich für den Tod dieser beiden Polizisten und … und …« Die Stimme versagte ihr, und da zögerte er nicht mehr. Er zog Nina an seine Brust. In derselben Sekunde begann sie zu zittern. Sie lehnte die Stirn gegen seine Schulter, und er konnte die Wärme spüren, die von ihr ausging.
Über sie hinweg ließ er den Blick zu Maren gleiten. Deren Augen glänzten vor ungeweinten Tränen, und er dachte daran, wie Nina bei ihren langen Gesprächen vergangene Nacht auch über sie geredet hatte. Maren wäre sonst eher der flatterhafte Typ, hatte sie gesagt. Aber das mit Ethan schien was Besonderes zu sein …
Die Kollegen brachten Ethan Myers in einen Verhörraum am Tempelhofer Damm, in dem Voss ihn über seine Rechte als Beschuldigter aufklärte und ihn fragte, ob er einen Anwalt wolle. Lukas brachte unterdessen das gefundene Handy ins KTI.
»Ich brauche keinen Anwalt. Ich bin nicht Prometheus, das habe ich Ihnen kürzlich schon gesagt.« Myers legte beide Hände flach auf die Tischplatte, als er das hervorpresste.
Voss wechselte einen Blick mit Runge.
»Das Handy, das wir gefunden haben«, begann sie ihre Befragung. »Ist das Ihres, Dr. Myers?«
Er zuckte die Achsel.
»Sagt Ihnen der Name Jegor etwas?« Sie hoffte auf ein Zeichen des Erkennens, ein winziges Blinzeln oder Stutzen oder irgendetwas anderes, das ihr verraten würde, dass er Jegor kannte, aber so einfach war er nicht zu knacken.
»Nein«, sagte er. Er schien jetzt sein inneres Gleichgewicht wiedergefunden zu haben. Gelassen lehnte er sich zurück und sah ihr geradeaus ins Gesicht.
Was ein Arschloch, dachte sie spontan, entschied sich aber, völlig ruhig und freundlich weiterzufragen. »Wir wissen, dass Sie von diesem Handy aus mehrfach mit einem Mann namens Jegor telefoniert haben. Wir wissen auch, dass dieser Jegor in Zusammenhang steht mit der Ermordung von insgesamt fünf Menschen, zwei davon Polizeibeamte. Was hatten Sie und Jegor so oft zu besprechen, Dr. Myers? Haben Sie ihm Anweisungen gegeben, wen er und seine Partner als Nächstes erschießen sollen?«
Die einzige Reaktion, die Myers auf diesen Frontalangriff zeigte, war ein weiteres Achselzucken. »Wie ich bereits sagte: Ich kenne niemanden mit Namen Jegor.«
»Gut. Gehen wir das Ganze mal von einer anderen Seite an. Sie sind Inhaber einer Firma, in deren Labors mit biologischem Material gearbeitet wird. Wenn wir in Ihren Schränken nachsehen, finden wir dort dann auch Listerien und Salmonellen?« Sie öffnete die Akte, die sie vor sich hingelegt hatte, und warf einen Blick hinein. »Genauer gesagt: multiresistente Listeria monocytogenes und Salmonella enterica.«
»Vermutlich. Wir sind ein Analyselabor für mehrere Ärzte und Krankenhäuser in der Stadt, und diese Bakterienstämme liegen sicherlich als Referenzstämme bei uns vor.«
»Finden wir auch gefährlichere Stoffe in Ihrer Firma?«
»Wovon genau reden Sie?«
Voss ging nicht auf diese Rückfrage ein. Sie konnte förmlich sehen, wie es hinter Myers Stirn arbeitete. Sie wartete und machte sich in Gedanken eine Notiz, eine Genehmigung, diesmal für die Suche nach diesen Stoffen, zu beantragen.
Eine Minute verging in Schweigen.
»Sie engagieren sich für die Pandemic Fighters«, setzte Voss nach.
»Auch das hatten wir bereits, ebenso wie Ihre Frage danach, was ich auf der Hochisolierstation der Charité zu suchen hatte.«
»Sind Sie Prometheus?« Die Frage schoss sie förmlich auf ihn ab.
Er zuckte nicht einmal mit der Wimper. »Nein«, antwortete er. »Ich bin nicht Prometheus.«
Voss blätterte die Akte um. Irgendwann in den vergangenen anderthalb Wochen hatte sie Lukas gebeten, das Bekennervideo zu verschriftlichen und einen Ausdruck davon zu machen. Dieser Ausdruck hatte die ganze Zeit an ihrer Fallwand gehangen, aber im Vorfeld dieser Befragung hatte sie ihn abgenommen und in die Akte gelegt.
Jetzt las sie Auszüge daraus vor. »Prometheus hat den Menschen das Feuer der Erkenntnis gebracht. Und das sehe ich auch als meine Aufgabe an. Ich will, dass ihr in Panik geratet. Oder: Stellt euch vor, ihr schneidet euch beim Abendbrotmachen in den Finger und sterbt an dieser kleinen Wunde. Stellt euch vor, euer Kind kommt ein paar Wochen zu früh zur Welt, und die Ärzte können es nicht retten, weil Antibiotika nicht mehr wirken! Stellt euch vor, ihr bekommt eine Lungenentzündung, und sie ist euer Todesurteil! Oder: Sorgt dafür, dass die Verantwortlichen endlich handeln!« Sie machte eine Pause. »Stammt das von Ihnen?«
Er starrte sie nur an. Zwischen seinen Augenbrauen stand eine steile Falte. Seine ganze Haltung war mittlerweile die eines Mannes, der hochgradig angepisst war.
Ungerührt legte Voss nach. »Sie engagieren sich für die Pandemic Fighters. Unsere Linguisten konnten nachweisen, dass der Duktus dieses Bekennervideos den Pressemitteilungen der Initiative ähnelt.«
»Na und?«
»Haben Sie Jegor den Auftrag gegeben, im Altersheim St. Anton eine Quarkspeise mit resistenten Listerien zu verseuchen?«
»Nein.«
»Oder eine Spritze mit Salmonellen in den Heuerschen Höfen zu platzieren?«
»Nein.«
»Was ist Ihr Ziel?«
An dieser Stelle hob Myers den Blick. Kam jetzt ein Geständnis? Wohl kaum. Myers schwieg.
Voss zitierte weitere Sätze aus dem Video. »Steht auf! Setzt euch ein für euer Leben und eure Rechte! Sorgt dafür, dass die Verantwortlichen endlich handeln!«
»Klingt doch überaus vernünftig«, sagte Myers trocken.
Voss hätte ihn am liebsten gepackt und geschüttelt. »Hatten Sie weitere Anschläge geplant?«, fragte sie.
Schweigen.
Sie beschloss, ihre Taktik zu ändern. Sie nahm Fotos von ihren beiden toten Kollegen, von Victor Wolkow, Michail Rassnow und der Antiquarin heraus. Eines nach dem anderen legte sie vor Myers hin. »Der Mann, mit dem Sie so oft telefoniert haben, ist dafür verantwortlich.«
Es klopfte an der Tür. Runge, der die ganze Zeit aufmerksam zugehört und Myers dabei nicht aus den Augen gelassen hatte, stand auf und wechselte durch den Türspalt hindurch ein paar Worte mit jemandem. Als er zurück an den Tisch kam, sagte er: »Das war einer vom KTI. Sie haben die Fingerabdrücke auf dem Handy mit denen von Herrn Myers verglichen. Sie stimmen überein.«
Zu ihrer Überraschung lächelte Myers plötzlich. Mit der Zunge fuhr er sich über die Lippen, und es sah aus, als sei er kurz davor, etwas Wichtiges zu sagen.
Genau das tat er auch. »Ich glaube, ich will jetzt doch einen Anwalt.«
Tom stand am offenen Fenster seines Zimmers und starrte in die Abenddämmerung hinaus. Die Zigarette, die er sich angezündet hatte, war zur Hälfte verglommen, ohne dass er einen einzigen Zug gemacht hatte.
»Ich muss Isabelle anrufen«, sagte er. Seine Finger kribbelten ebenso wie die Haut in seinem Genick.
Hoffnung, dachte er. So fühlt sich Hoffnung an.
Vor fünf Minuten hatte Dr. Heinemann angerufen und ihm mitgeteilt, dass Sylvies Fieber leicht runtergegangen war und sie immer noch keine Anzeichen eines septischen Schocks zeigte. Tom wollte sich an diesen guten Zeichen festklammern, wollte wenigstens für eine Weile ein bisschen weniger Angst haben. Aber er wusste nur zu gut, wie schnell sich Hoffnungen zerschlagen konnten. Und einen danach in noch tiefere Verzweiflung stürzten.
Eine Bewegung hinter seinem Rücken ließ ihn den Kopf wenden. Nina trat an ihn heran, legte die Arme um ihn und schmiegte die Wange an seinen Rücken. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass ihre Freundin Maren mit der Verhaftung ihres Geliebten klarkommen würde, hatte sie darauf bestanden, ihn hierher zu begleiten. Jetzt ihre Berührung zu spüren – ihre vor seinem Bauch verschränkten Hände, ihren warmen Körper an seinem Rücken – ließ das Verlangen, dem er vergangene Nacht nicht nachgegeben hatte, neu aufflackern.
Er räusperte sich.
Sie lachte auf.
»Was?«, fragte er und drückte die unberührte Zigarette im Aschenbecher auf der Fensterbank aus.
»Nichts. Aber du wirkst ein bisschen so, als wäre ich eine Schwarze Witwe, die vorhat, dich nach der Begattung aufzufressen.«
Himmel!, schoss es Nina durch den Kopf. Das war einer dieser strunzdummen Biologensprüche, die ihr früher manchmal rausgerutscht waren, wenn sie mit einem schüchternen Kommilitonen ins Bett gegangen war. Hier bei Tom kamen ihr die Worte unendlich dämlich vor. Und peinlich dazu.
»Nicht dass ich …« Sie verstummte, bevor sie alles nur noch schlimmer machte.
In ihrem Arm drehte er sich um. »Nicht dass du … was?«
Sie musste den Kopf in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht zu sehen. Ein Lächeln spielte um seine Mundwinkel, und sie wünschte sich, es würde auch seine ernsten Augen erreichen. Sie spürte, wie ihre Wangen rot wurden.
Tom lachte leise. Dann hob er eine Hand, berührte Nina mit dem Daumen sanft am Kinn. Ein Kribbeln übertrug sich von seiner Haut auf ihre, rann ihren Körper entlang und schoss ihr tief in den Unterleib. Behutsam legten sich seine Hände um ihr Gesicht. Er beugte sich zu ihr herab, zögerte.
Mach schon!
Er rührte sich nicht. Sie ahnte, dass sie ihm entgegenkommen musste, und genau das tat sie. Sie küsste ihn. Es war ein Gefühl wie ein Stromschlag, der ihre Knie weich werden ließ.
Tom ahnte, dass sie taumeln würde. Er ließ ihr Gesicht los, zog sie in seine Arme und erwiderte den Kuss. Seine Hände suchten und fanden den Weg unter ihr Shirt, und als sie ihm seines aus dem Hosenbund zerrte, drängte er sie rückwärts bis zum Bett.
»So sieht also die Zombieapokalypse aus«, sagte Tom sehr viel später. Er lag auf der Seite, hatte den Ellenbogen aufgestellt und den Kopf in die Hand gestützt.
»Ich verstehe nicht«, flüsterte sie. Sie fühlte sich noch zitterig von seinen Küssen, von seinen Händen auf ihrer Haut, seinem Körper auf ihrem. In ihrem. Ihr Herz jagte, und der Luftzug, der durch das angekippte Fenster hereindrang, strich über ihren schweißnassen Bauch.
Toms Blick ging über sie hinweg zu dem Stuhl, auf und um den verstreut ihre Kleidung lag, ihr nachtblaues Seidentop und das Höschen obenauf. Ein jungenhaftes Lächeln hob seine Mundwinkel, und für den Moment war der ernste Ausdruck aus seinen Augen verschwunden. »Und wenn die Welt in einer Zombieapokalypse untergeht, ich werde Ihnen nicht meine Unterwäsche zeigen! Das hast du in dieser Toilette gesagt, als wir nach den Wanzen gesucht haben.«
Sie wurde schon wieder rot, obwohl es völlig bescheuert war, nachdem sie ihm kurz zuvor mit begehrlicher Hast die Klamotten vom Leib gerissen und ihn auf sich gezerrt hatte. »Stimmt.« Sie schloss die Augen und lauschte in sich hinein. Gerade war alles warm und wohlig und so gut, dass sie den Scherz hinunterschluckte, der ihr schon auf der Zunge lag.
Tom neben ihr bewegte sich.
Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie, dass er den Kopf auf den angewinkelten Ellenbogen gelegt hatte, sie aber immer noch anblickte. Seine Pupillen waren so weit, dass sie das Gefühl hatte, bis in die Tiefe seiner Seele zu sehen. Sie drehte sich gleichfalls auf die Seite, sodass ihre Gesichter nur Zentimeter voneinander entfernt waren. Sein Atem streifte über ihre Stirn.
»Ich habe mich an dem Tag schon gefragt, ob du welche hast und vor allem, wo.« Mit dem Zeigefinger tippte er auf das kreisförmige Tattoo, das sie auf den Rippen dicht beim Herzen trug. Es zeigte einen Baum mit verschlungenem Wurzel- und Blattwerk.
»Jetzt weißt du es.«
»Stimmt. Es ist das einzige.« Er grinste. »Ich habe ziemlich gründlich nachgesehen.«
Ihr wurde warm bei diesen Worten. Sie lächelte. »Wohl wahr.«
Er schwieg einen Moment, streichelte über das Tattoo. »Wofür steht es? Es sieht ein bisschen aus wie eine nordische Weltenesche.«
»Es ist ein Baum des Lebens. Für uns Biologen steht er symbolisch für die Evolution.«
»Du musst deinen Beruf sehr lieben, dass du ihn in der Nähe des Herzens trägst.«
Ein feines, aber sehr schmerzhaftes Gefühl von Traurigkeit erfasste sie, und sie wollte es nicht. Nicht jetzt.
Da hielt er mit dem Streicheln inne, und etwas sagte ihr, dass er den Grund für ihre plötzliche Traurigkeit entdeckt hatte. In den Wurzeln des Baumes war ein Name verborgen. Georgy. Sie sah Tom schwer schlucken. »Er war dein Fundament, oder?«
Sie wollte jetzt nicht über Georgy reden, wollte die Trauer nicht in dieses Bett lassen, dazu fühlte sie sich mit Tom viel zu wohl. »Du hast keins«, sagte sie. »Und ich habe auch ziemlich genau nachgesehen.«
»Stimmt.« Er lachte leise. Das Geräusch ging ihr durch und durch.
»Das finde ich ungewöhnlich.«
»Weil ich der Typ bin, zu dem Tattoos gehören?«
Es war ihr ein bisschen peinlich, aber irgendwie war es wohl genau das, was ihr spontan durch den Kopf geschossen war. Ihr Lächeln kehrte zurück. »Vielleicht habe ich mir vorgestellt, wie du dir irgendwo in Indonesien eins hast machen lassen. In so einem finsteren Hinterhof.«
»Wenn schon, dann in einem Knast in Hyderabad.« Er versank eine Weile lang in seinen Gedanken. Dann fragte er: »Du hältst mich für einen ziemlichen Abenteurer, oder?«
»Bist du das nicht?«
Diesmal war er es, der schluckte, und sie spürte, dass das Gespräch in eine Richtung lief, die ihn schmerzte. Beide hatten sie offenbar in ihrer Vergangenheit eine Menge Minen vergraben. »Warum hast du keins?«, kehrte sie zu ihrem Thema zurück.
Er zuckte mit den Schultern. Auch er war schweißnass, und sie konnte den Blick einfach nicht von ihm lassen. »Vielleicht bin ich zu feige, mich dem Schmerz zu stellen.«
»Sagt der Mann, der sich für Max eine Kugel eingefangen hat.« Sie richtete sich halb auf und tastete nach der Stelle an seinen Rippen, die mittlerweile so weit verheilt war, dass nur noch zwei Klammerpflaster sie bedeckten.
Er hielt ihre Hand fest. »Es war nur ein harmloser Streifschuss, Nina.«
Auf einmal standen die Dinge, die sie gemeinsam erlebt hatten, im Raum und nahmen ihnen beiden den Atem. Nina biss die Zähne zusammen. »Also?« Sie versuchte, so leichthin wie möglich zu klingen. »Kriege ich dann mal eine Antwort auf meine Frage?«
»Ich hatte mal vor, mir eins stechen zu lassen. Kurz nach Sylvies Geburt. Da wollte ich mir ihren Namen hierhin tätowieren lassen.« Er deutete auf die Stelle dicht über seiner linken Brustwarze.
»Warum hast du es nicht getan?«
Er zögerte. Als er schließlich wieder sprach, klang es, als müsse er über eine Klippe springen. »Ich konnte nicht. Ich hatte zu der Zeit einen Freund, der schwer krebskrank war, und ich wollte mir nicht die Möglichkeit verbauen, ihm Knochenmark zu spenden.«
Okay, Nina. Na, herzlichen Glückwunsch! Plötzlich war sämtliche Leichtigkeit dahin. Sie verspürte einen Fluchtreflex, den unbändigen Wunsch, zu leichteren Themen zurückzukehren, aber es kam ihr feige vor, einfach über diese Sache hinwegzugehen.
»Und?«, fragte sie leise.
»Mein Knochenmark war dann nicht passend.«
»Dein Freund?« Sie wusste, was kam, bevor er es gesagt hatte.
»Ist gestorben.«
»Das tut mir leid!« Sie berührte ihn an der Wange.
Er nahm ihre Hand und küsste ihre Fingerspitzen. »Ist schon eine Ewigkeit her.« Er richtete sich auf und beugte sich über sie. »Themawechsel«, murmelte er und küsste ihr Tattoo.
»Woran denkst du?«, fragte Tom, nachdem sie sich zum zweiten Mal geliebt hatten.
»An Ethan«, sagte sie und schenkte ihm ein entschuldigendes Lächeln. »Tut mir leid! Ich möchte die ganze Zeit froh sein, dass alles vorbei ist. Die beiden Typen, die meinen Ziehvater umgebracht haben, sind tot. Ethan sitzt im Gefängnis. Prometheus ist gefasst. Es ist vorbei.«
»Du klingst, als würdest du das nicht glauben.«
Sie zuckte die Achsel. »Ist es vorbei, Tom?«
Er wusste es nicht.
Nina seufzte. »Ich kann einfach nicht glauben, dass Ethan Menschen mit gefährlichen Keimen infiziert haben soll, um auf diese Antibiotikaresistenzen aufmerksam zu machen. Ich meine: Er hatte doch zusammen mit Max alle Möglichkeiten, das Thema anders zu transportieren.«
»Kommissarin Voss scheint es zu glauben«, sagte Tom behutsam. »Und du kennst ihn erst seit Kurzem.«
»Ja. Ja, ich weiß.« Sie seufzte. »Arme Maren! Da hat sie endlich mal einen Mann gefunden, für den sie ehrlich was empfindet, und dann stellt sich raus, dass er ein Terrorist ist!«
Tom biss sich auf die Zunge, weil ihm bewusst wurde, dass ihm Ethans Taten ziemlich egal waren. Er war nur froh darüber, dass Voss den Mann erst verhaftet hatte, nachdem es ihm gelungen war, die Phagenlösung für Sylvie herzustellen.
Nachdem Myers einen Anwalt verlangt hatte, musste Voss das Verhör abbrechen und sich gedulden, bis der Mann vor Ort war. Und natürlich ließ dieser Winkeladvokat sich jede Menge Zeit.
Schlecht gelaunt kehrte sie in ihr Büro zurück, wo Lukas auf sie wartete. Er hatte Myers’ Handy in einer Beweismitteltüte aus dem KTI abgeholt und es auf ihren Schreibtisch gelegt.
»Ist sauber«, sagte er. »Die Jungs haben alle Spuren gesichert, Sie können es also anfassen.«
Sie nahm es heraus und öffnete die Anruferliste. Sie war leer.
»Myers war vorsichtiger als Jegor«, sagte sie. »Er muss die Liste nach jedem Telefonat gelöscht haben.«
»Das bedeutet, wir haben keinerlei Hinweise, ob er außer mit diesem Jegor noch mit anderen Gleichgesinnten Kontakt gehabt hat.«
»Exakt.« Voss seufzte. »Wenn du mich fragst: Myers ist nicht der Typ einsamer Wolf.«
Lukas reagierte mit einem skeptischen Blick, aber je länger sie darüber nachdachte, umso stärker wuchs in ihr der Verdacht, dass Myers dadrinnen in diesem Verhörzimmer viel zu ruhig und selbstsicher wirkte. Was, wenn der Grund dafür war, dass er nicht allein agierte?
Sie stand auf und trat an ihre Fallwand. Sekundenlang starrte sie Jegor in die Augen. Der Kerl lief immer noch frei da draußen herum. Sie nahm einen Stift, malte einen Kreis um Jegors Bild und von dort aus eine Linie zu einer freien Stelle auf der Wand. Dorthin schrieb sie:
Gibt es weitere Mitglieder von Prometheus?
Lukas schluckte, als er die Worte las.
»Ruf Ben Schneider an und stell auf laut«, befahl sie. »Ben!«, stieß sie hervor, nachdem Ben sich gemeldet hatte. Sie stand noch immer vor ihrer Fallwand. »Kannst du versuchen, die Genehmigung zu bekommen, bei Myers’ Provider nach seinen Telefondaten anzufragen?«
»Du willst wissen, mit wem Myers noch telefoniert hat?«
»Exakt.«
Er versprach, sich zu kümmern, aber an seiner Stimme hörte sie, dass er nicht besonders optimistisch war.
»Das läuft sich tot«, erklärte Voss, nachdem Ben aufgelegt hatte.
Lukas wirkte verwundert. »Wieso das?«
»Der Richter wird ihm die Genehmigung nicht geben.«
»Aber wieso? Immerhin ermitteln wir in einem Terrorfall!«
»Stimmt. Aber das Auslesen einer Anruferliste berührt immer Persönlichkeitsrechte von Menschen, die mit der Sache gar nichts zu tun haben. Daten- und Persönlichkeitsschutz so.« Sie sah, wie sich Lukas’ Miene verfinsterte. Wie die meisten ihrer Kollegen haderte er damit, dass der deutsche Staat die Privatsphäre seiner Bevölkerung gut schützte – auch vor seinen eigenen Beamten.
»Es geht um Verhältnismäßigkeit«, erklärte sie. »Wir könnten geltend machen, dass wir weitere Anschläge verhindern wollen, aber erstens wissen wir nicht, ob das stimmt. Zweitens haben wir es hier nicht mit Ebola zu tun, was dem Richter vielleicht Beine machen würde. Die bisherigen Anschläge waren ja eher überschaubar. Und drittens, und das ist vermutlich der wesentliche Punkt: Wir haben Myers in Gewahrsam und können die nötigen Informationen dazu aus ihm rausholen. Kein Richter wird Ben die Genehmigung für die Einsicht der Anruferliste beim Provider erteilen.«
»Okay«, meinte Lukas gedehnt. »Was bleibt uns dann noch?«
»Zunächst mal, einen Durchsuchungsbeschluss für die Labore von YouGen zu beantragen, der uns mehr erlaubt, als nur nach einem Handy zu suchen. Irgendwie brauchen wir Beweise, dass dort die Listerien und Salmonellen für den Anschlag hergestellt wurden.«
Lukas krauste skeptisch die Nase. »Das ist ein Hightech-Biolabor! Selbst wenn wir diese Stoffe da finden, es ist Teil seiner täglichen Arbeit.«
Egal, dachte Voss. Sie würde diesen Beschluss trotzdem beantragen. Vielleicht fanden sie ja etwas, das sich nicht mit Myers’ täglicher Arbeit erklären ließ. Sie seufzte. »Erstmal warten wir darauf, dass der Anwalt und Myers sich zu Ende besprochen haben und wir ihn weiter befragen können.«
»Das Ganze ist ganz schön mühsam!«, beklagte Lukas sich.
Voss grinste ihn an. »Willkommen im Alltag eines Polizisten.« Sie nahm den Filzschreiber wieder zur Hand und umkringelte den letzten Satz auf der Fallwand mehrmals.
Hat Prometheus weitere Mitglieder?