1   Der dämlichste Kripobeamte der Welt

Der dicke Kripo-Glatzkopf meint, ich hätte was damit zu tun. Direkt sagt er das zwar nie, aber er wiederholt andauernd die gleichen Fragen – anscheinend denkt er, wenn er Druck macht, kann er mich knacken. Er hat mich ganz klar im Visier. Keine Ahnung, wieso, aber ich bin anscheinend sein Hauptverdächtiger.

Daran sieht man doch schon, was für eine Lusche er ist. An die Cops im Fernsehen kommt er nicht annähernd ran, dabei sind das bloß Schauspieler. Er sitzt die ganze Zeit bloß da, grinst mich an und wartet, dass ich noch mehr erzähle.

Ich weiß wirklich nicht, was er von mir will. Klar, ich habe Geheimnisse. Große Geheimnisse. Die Art, die man mit ins Grab nimmt. Aber nie im Leben würde ich absichtlich irgendjemandem wehtun. Schon gar nicht Mama.

Ich wische mir die Haare aus den Augen und schaue auf die Uhr an der Wand. Lange kann es nicht mehr gehen. Vielleicht schaffe ich es, das Ganze einfach auszusitzen. Ich betrachte den Schreibtisch in der Ecke von dem vollgestopften Büro. Da liegen massenhaft Bücher und Aktenmappen rum, und um den schwarzen Computer-Bildschirm pappen Klebezettel in allen Regenbogenfarben, weil Kripo-Glatzkopf sich einfach nichts merken kann. Der ganze Schreibtisch ist voll mit Sachen, es gibt nicht das kleinste bisschen freie Fläche. Das ist absolut unprofessionell.

Unprofessionell war eins von unseren Wörtern aus dem Kalender – vom Januar, glaube ich. Es hängt noch bei mir an der Wand.

Das Wort bedeutet, dass sich jemand an seinem Arbeitsplatz falsch verhält oder dass es da nicht so aussieht, wie es soll.

Gut, Button. Jetzt verwende das Wort in einem Satz, würde Mama sagen, wenn sie hier wäre.

Und ich würde ungefähr so antworten: Das Büro vom dicken Kripo-Glatzkopf ist sehr unprofessionell, weil überall Kram rumliegt und es nach Erdnussflips riecht.

Das würde Mama zum Lachen bringen. Bei unserem Wort-des-Tages-Spiel habe ich sie oft zum Lachen gebracht. Mama findet es in Ordnung, wenn man nicht weiß, wie ein Wort im Lexikon erklärt wird, solange man seine Bedeutung in eigenen Worten ausdrücken und es in einem Satz verwenden kann. Eigentlich müsste im Lexikon neben dem Begriff unprofessionell ein Foto mit dem Büro vom dicken Kripo-Glatzkopf gezeigt werden, finde ich.

Hier sieht es ganz anders aus als in den Polizeistationen im Fernsehen. Es gibt kein grelles Neonlicht und auch nicht diese coolen Glaswände vom Boden bis zur Decke, durch die der Kommissar seine Abteilung im Blick hat und Leute jederzeit reinwinken und zusammenbrüllen kann. Da ist nur ein kleines Fenster, das raus auf den Parkplatz geht, und anscheinend findet Kripo-Glatzkopf Tischlampen besser als Neonlicht. Auch wenn man im Fernsehen nicht mitkriegt, wie es in den Polizeistationen riecht, habe ich mir immer vorgestellt, dass der Geruch von Pizzaresten und Zigaretten in der Luft liegen müsste – jedenfalls nicht der von Erdnussflips. Wobei es trotzdem besser ist, dass er nicht in einem Verhörraum mit mir spricht, sondern hier. Immerhin gibt es in seinem Zimmer eine Couch, auf der ich sitzen kann, bevor sie mich einsperren und den Schlüssel wegwerfen. Jetzt kapiere ich es auf einmal. Es ist die Couch. Die Couch riecht nach Erdnussflips.

»Und was ist dann passiert, Riley?«, fragt Kripo-Glatzkopf – schon wieder.

Kripo-Glatzkopf hat einen Namen. Er heißt Frank. Gleich beim ersten Mal, als ich zur Vernehmung musste, meinte er, ich soll ihn ruhig Frank nennen. Mama findet es nicht gut, wenn wir Erwachsene mit dem Vornamen anreden, aber Frank will es so, und sein Wort ist Gesetz. Ich sollte nämlich besser tun, was er von mir will, damit er mich nicht noch mehr verdächtigt.

Genau genommen hat Frank sogar drei Namen. Alle drei stehen an seiner Tür und auch auf dem dreieckigen Namensschild, das auf seinem Schreibtisch steht. Oma sagt, Leute, die ihre drei Namen wirklich alle benutzen, hätten Allüren, aber ich bezweifle sehr, dass Frank zu so was überhaupt imstande ist. Er ist klein, rund und glatzköpfig und sieht aus wie Mr Potato Head, bloß ohne diesen kleinen schwarzen Hut. Wenn ich ihn angucke, fällt mir als Name jedes Mal gleich dicker Kripo-Glatzkopf ein.

»Ich weiß nicht mehr«, sage ich.

Er fragt mich immer wieder, was an dem Tag passiert ist, und ich wiederhole immer wieder, dass ich das nicht mehr weiß. Dieses Spielchen treiben wir jetzt schon seit fast vier Monaten. Als wir damit angefangen haben, war ich zehn. Inzwischen bin ich in einem anderen Alter. Ich hatte Geburtstag, Sommerferien waren seitdem auch, und in der Schule bin ich eine Klasse höher. Kommissar Chase Cooper in Sondereinsatzkommando Chicago löst seine Fälle in einer Stunde. Oder in fünfundvierzig Minuten, wenn man die Werbung abzieht. Frank wird nie so schlau wie Kommissar Chase Cooper sein. Und auch nie so gut aussehen. Dabei ist Frank nicht mal böse oder so. Er meint es ja gut. Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass er diesen Fall jemals lösen wird, jedenfalls nicht, bevor ich zwölf werde. Ihm läuft die Zeit davon. Mama auch.

Frank und seine Männer sollten draußen sein und versuchen, den Täter zu finden – sie sollten Spuren verfolgen und Leute befragen. So läuft das jedenfalls im Fernsehen, und da schnappen sie die Kerle immer. Die hocken nicht in schlecht beleuchteten Räumen rum und verhören in einer Tour das elfjährige Kind der vermissten Person. Aber vielleicht ist das hier auf dem Land eben anders. Vielleicht gucken die Cops hier einfach nicht genug Fernsehen.

»Erzähl noch mal, woran du dich erinnerst«, sagt Frank mit dieser ruhigen Lächelstimme, die ich nicht ausstehen kann. Als ob ich zehn wäre oder so und alles ausspucken würde, wenn er nur leise und langsam genug spricht.

Ich seufze, so laut ich kann, damit klar ist, wie sehr mich das nervt. »Das hab ich doch schon gesagt. Mama hat im Wohnzimmer ein Schläfchen gemacht.«

Das war allerdings schon irgendwie seltsam, wir benutzen das Wohnzimmer nämlich nur bei besonderen Gelegenheiten, an Weihnachten zum Beispiel, da packen wir die Geschenke dort aus, oder wenn der Prediger der North Creek Church of God zu Besuch kommt. Aus irgendeinem Grund heißt die Couch im Wohnzimmer Sofa und die in der Lümmelecke einfach nur Couch. Die Möbel im Wohnzimmer sind nicht besonders bequem. Mama meint, das wäre auch nicht nötig, was für mich keinen Sinn ergibt – wozu sollen Möbel denn unbequem sein? Das alles habe ich Frank schon oft genug erzählt, also sage ich es nicht noch mal. Ich habe gelernt, nur die wichtigen Sachen zu wiederholen. Sonst fallen Frank bloß neue Fragen ein. Neue Fragen mag ich nicht.

Frank verschränkt die Hände über seinem Basketballbauch und lächelt schon wieder. Ich kann dieses Lächeln nicht ausstehen. Es kommt mir vor wie das Plastikgrinsen in Mr Potato Heads Gesicht, das er jederzeit anstecken und wieder abnehmen kann.

»Und wo warst du, als deine Mutter ihr Schläfchen gemacht hat?«

Ich verdrehe die Augen. Papa fände das gar nicht gut. Sei nicht so respektlos, würde er sagen, Frank meint es doch nur gut.

Aber ich habe diese ewig gleiche Frage schon so oft beantwortet. Wenn er sich die Antwort nicht merken kann, warum schreibt er sie nicht auf einen von seinen fünftausend bunten Klebezetteln oder nimmt das Gespräch auf, so wie im Fernsehen? Ich frage mich wirklich, wo er seine Ermittler-Ausbildung gemacht hat. Muss wohl ein Online-Kurs gewesen sein, nur dass sie den armen Frank da ordentlich abgezockt haben. Wenn Mama hier wäre, würde sie wahrscheinlich hinzufügen: Der Herr segne ihn. Das klingt nett, ist aber nicht wirklich so gemeint.

»Ich habe draußen mit meinen Freunden gespielt«, antworte ich.

Frank zieht seine buschigen Augenbrauen hoch. »Und …«

»Und als ich wieder reingekommen bin, hat Mama auf dem Sofa im Wohnzimmer gelegen, das hab ich doch schon gesagt.«

»Und was hast du dann gemacht?«, fragt der dämlichste Kripobeamte der Welt.

»Ich habe ihre Hand berührt, weil ich sehen wollte, ob sie schläft«, erkläre ich. Das klingt wie ein Bibelvers, den ich auswendig lernen musste und jetzt auf Kommando runterrassele.

Frank verzieht sein Mr-Potato-Head-Gesicht zu einer hochnäsigen Miene. »Und wie hat es sich angefühlt, ihre Hand zu berühren?«

Das ist was Neues. Herrje, was soll das bedeuten? Wie Haut und Handcreme, wie denn sonst? Und wie soll so ein Schwachsinn der Polizei helfen, Mama zu finden? Warum fragt mich Frank nicht lieber nach dem verdächtigen Fahrzeug, das an dem Tag vor dem Haus geparkt hat? Das habe ich ihm gleich beim ersten Mal erzählt, als ich zum Verhör hierhergeschleppt wurde, aber er ist nie darauf zurückgekommen. Stattdessen verschwendet er seine Zeit mit der Frage, wie sich Mamas Hand angefühlt hat. Dämlichster Kripobeamte der Welt, aber ehrlich. Des Universums.

»Sie war ein bisschen kühl, darum habe ich die Decke ein Stück höher gezogen, über ihre Hände. Ich wollte Mama nicht wecken, also bin wieder raus zum Spielen gegangen.«

Frank verzieht das Gesicht, als wäre das nicht die Antwort, um die es ihm geht. Er glaubt, ich würde ihm etwas verheimlichen. Als wäre ich der Verdächtige. Das ist total verrückt, denn ich wünsche mir ja nichts sehnlicher, als dass er sie endlich findet. Das schwöre ich.

»Das ist das Letzte, woran du dich erinnerst?«, fragt er. »Dass du die Hand deiner Mutter berührt hast, während sie auf dem Sofa lag? Sonst nichts?«

Er weiß doch, dass das alles ist. Außer er hat was über Kenny aus Kentucky rausgekriegt. Oder über den Ring.

Bleib bei deiner Geschichte, sage ich mir. Im Fernsehen sagt man das immer zu Leuten, die in ein Verbrechen verstrickt sind: Bleib bei deiner Geschichte, dann wird alles gut. Dabei hat mich noch niemand richtig beschuldigt. Das macht aber keinen großen Unterschied, denn es schauen mich trotzdem alle an, als ob sie wüssten, dass ich etwas verberge.

»Ja, Sir«, sage ich so respektvoll wie möglich, auch wenn Frank das nicht verdient. »Das ist das Letzte, woran ich mich erinnere.«

Frank mustert mich mit zusammengekniffenen Augen. Klar, er denkt, dass ich lüge. Oder verrückt bin. Vielleicht auch beides. Aber ich lüge nicht, zumindest nicht so richtig. Kenny aus Kentucky ist längst weg, und nach dem Ring hat mich keiner gefragt, also hab ich nie was gesagt. Außerdem setzt es ordentlich was von Papa, wenn er rauskriegt, dass ich den Ring habe. Ob er wohl als Beweismittel gilt? Können die mich einsperren, weil ich ein Beweismittel zurückhalte? In Sondereinsatzkommando Chicago ist mal so was vorgekommen, glaube ich. Ich weiß nicht mehr, was da genau passiert ist, jedenfalls hat Kommissar Chase Cooper den Fall garantiert in fünfundvierzig Minuten gelöst.

Frank redet immer weiter, aber ich verstehe ihn nicht. Seine Stimme klingt wie die von dem Lehrer in dem Peanuts-Film, den ich mit Mama angeschaut habe.

… wah waah wah wah, waah wah waah …

Ab und zu nicke ich, um höflich und respektvoll zu wirken. Frank hat ein paar ziemlich durchgeknallte Theorien über das, was Mama an dem Tag passiert sein könnte, und jedes Mal wenn er wieder spekuliert, stelle ich meinen inneren Charlie-Brown-Übersetzer an.

Spekulieren ist, wenn schlecht ausgebildete Kripobeamte irgendwelche dummen Vermutungen über einen Fall anstellen, ohne Beweise zu haben.

Verwende das Wort in einem Satz, Button, höre ich Mama sagen.

Frank muss endlich seinen fetten Hintern hochkriegen und Mama finden, bevor es zu spät ist, statt nur zu spekulieren, was an dem Tag passiert sein könnte.

Frank wirft einen Blick auf die Uhr und seufzt sein Das-bringt-doch-nichts-Seufzen, er weiß nämlich genau, dass ich nicht mehr zuhöre.

»Draußen wartet bestimmt schon dein Vater auf dich«, sagt er. »Weißt du, Riley, jetzt sind schon fast vier Monate vergangen. Es wäre wirklich besser, wenn du mir selbst erzählst, was passiert ist. Aber wenn du das nicht kannst – oder nicht willst – , helfe ich dir gerne, ein paar Lücken zu füllen, wenn du mich lässt.«

Oh, Mist! Ich weiß genau, was Frank da macht, im Fernsehen tun die Cops das auch immer. Dass sie dem Verdächtigen erklären, was ihrer Meinung nach passiert ist. Sie beschuldigen denjenigen immer wieder und immer lauter, bis er endlich gesteht.

»Wie läuft es mit dem Fall?«, frage ich. Vielleicht kann ich das Thema wechseln. »Gibt es eine neue Spur? Neue Informationen? Haben Sie ihren Wagen schon gefunden?«

Frank atmet langsam ein, dann spitzt er die Lippen und lässt einen sauer riechenden Luftzug ausströmen. »Es gibt keine neuen Informationen, Riley, das weißt du doch.« Er steht auf und winkt mich zur Tür. »Wenn dir irgendwas einfällt, bevor wir uns das nächste Mal sehen, sag deinem Vater, er soll mich anrufen, okay? Das ist sehr wichtig.«

Ich gehe aus dem Zimmer, mit einem Kopfschütteln, damit Frank weiß, wie enttäuscht ich von ihm bin. Wozu werden diese Leute überhaupt bezahlt, mit Papas hart verdienten Steuerdollars, wenn die nicht mal meine Mama finden können?