Im Haus ist es still, als ich zurückkomme. Danny hatte heute auch früher Schluss, bestimmt ist er bei einem von seinen Highschool-Freunden, und wenn Oma mit ihrem Verdacht recht hat, rauchen sie dieses Teufelskraut. In letzter Zeit ist er jedenfalls total verschlossen und windet sich aus allem raus. Papa ist noch bei der Arbeit, und so verabschiedet mich keiner, als ich losziehe, um Mama zu finden. Sowieso denken ja alle, ich gehe bloß zu Gary, also ist mein Aufbruch für sie nichts Besonderes. Aber wenn sie wüssten, was ich vorhabe …
Ich stopfe alles in meinen Black-Panther-Rucksack – Wechselklamotten, die Essenssachen, die ich bei Mr Killen gekauft habe, Streichhölzer, noch ein Paar Socken, meine Taschenlampe. Ich gehe zur Kommode und erstarre. Da liegt der Plastikbeutel mit Mamas Ehering – einfach so auf der Kommode, wo jeder ihn sehen kann. Ich betrachte ihn und gebe meinem Kopf Zeit, um zu verarbeiten, was meine Augen sehen. Heute Morgen habe ich den Ring unter meinen dicken Winterpullover in der untersten Schublade geschoben, das weiß ich genau. Ich würde ihn nie offen herumliegen lassen. Jedenfalls bin ich so gut wie sicher, dass ich ihn verstaut habe. Das gehört zu meinem festen Morgenablauf.
Verwirrt nehme ich den Plastikbeutel und starre den Ring an. Die Härchen in meinem Nacken richten sich auf. Hektisch drehe ich mich um, weil ich das Gefühl habe, jemand beobachtet mich. Das Zimmer ist leer, aber das Fenster steht einen Spalt offen. Ich dachte, ich hätte es heute Morgen zugemacht. Ich gehe hin, drücke es zu und verriegele es. Vielleicht hat irgendwer versucht, Mamas Ring zu stehlen, und ist abgehauen, als ich heimgekommen bin. Aber irgendwie passt das auch nicht, denn es weiß ja keiner, dass ich ihn habe, und das Versteck kennt erst recht niemand. Außer den Flüsterern. Sie würden es wissen, sie wissen ja alles. Sie kennen sämtliche Geheimnisse des Universums – also auch mein Versteck für den Ring. Ob sie mir irgendwas mitteilen wollen? Vielleicht soll ich den Ring mitbringen. Vielleicht ist er so was wie der Schuh bei Cinderella: Ich muss ihn dabeihaben, damit Mama ihn als Erkennungszeichen anprobiert, das könnte doch sein. Dann wissen die Flüsterer, dass wir wirklich zusammengehören, und lassen uns nach Hause.
Ich schüttle den Kopf. Vielleicht drehe ich doch langsam durch. Aber Mama sagt immer, Vorsicht ist besser als Nachsicht, also stopfe ich den Beutel mit dem Ring in die linke Hosentasche – nur für den Fall, dass ich doch nicht komplett verrückt bin.
Bevor ich aus dem Zimmer gehe, reiße ich das Wort voluminös von meinem Kalender und klebe es ganz nah beim Boden an die Wand. Dann werfe ich noch einen Blick auf das Wort von morgen, weil ich ja nicht zu Hause sein werde.
Frohgemut.
Ich lese die Lexikon-Erklärung durch und lege das Wort in meinem Gedächtnis ab, um später einen guten Satz dafür zu finden.
Auf dem Weg nach draußen sehe ich, dass etwas auf dem Küchentisch liegt. Ein Zettel und ein Zehn-Dollar-Schein. Ich gehe hin und lese, was auf dem Zettel steht.
Gib was dazu, falls Garys Mutter
Pizza bestellt oder so.
Liebe Grüße von Dad
Ich starre auf den Zettel. Vor allem auf Liebe Grüße. Bestimmt war es furchtbar schwer für ihn, das zu schreiben. Wahrscheinlich hat er gedacht, es würde mies aussehen, wenn er gar nichts drunterschreibt, und mit freundlichen Grüßen wäre zu blöd gewesen. Also hatte er keine Wahl. Aber garantiert hat er sich den Kopf zerbrochen. Wieso hätte er sonst mit Dad unterschrieben statt mit Papa? Ich habe ihn doch nie anders als Papa genannt.
Ich stopfe das Geld und den Zettel in die Hosentasche. Eins brauche ich aber noch, bevor ich losziehe. Ich gehe zum Haus von Oma und Opa und lasse Tucker auf der hinteren Veranda warten. Dann schleiche ich durch die Küchentür nach drinnen. Einen wirklich guten Plan habe ich nicht. Ich hoffe einfach, dass Oma und Opa mal wieder vor dem Fernseher eingeschlafen sind, wie oft um die Zeit, wenn es noch eine Weile hin ist bis zu den Abendnachrichten. Ich höre Stimmen aus dem Fernseher und schiele um die Ecke. Da läuft irgendein alter Western in Schwarz-Weiß. Opa hat jeden Schwarz-Weiß-Western gesehen, der jemals gedreht worden ist. Auf der Couch schnarcht Oma leise vor sich hin, Opa liegt in seinem Fernsehsessel, halb wach und halb dösend. Aber er hört mich sowieso nicht, und Oma schläft bei allem weiter, solange es nicht ihr Küchenwecker ist.
Auf Zehenspitzen laufe ich durch den Flur zum Schlafzimmer. Die Holzdielen knarren ein bisschen, aber nicht so laut, dass sie merken, dass jemand im Haus ist. Die Zedernholzschachtel steht wie immer auf Opas Kommode. Ich gehe hin, klappe sie auf und nehme mir das Schweizer-Armeemesser. Er wird es nicht vermissen, weil er es nur rausholt, wenn ich da bin. Ich lasse das Messer in die rechte Hosentasche gleiten. Dann schleiche ich zurück und spähe auf dem Weg nach draußen noch mal zu Oma und Opa. Inzwischen läuft Werbung – in Farbe. Es geht da um diese komischen Pillen für Männer, die machen, dass sie auf einmal unbedingt ihre Frau oder ihre Freundin küssen wollen. Eine schöne Frau und ein gut aussehender älterer Mann laufen über eine Wiese mit Wildblumen, dann bleiben sie stehen und knutschen. Das sieht aus, als ob sie sich gegenseitig das Gesicht abkauen wollen. Ich habe auch mal jemanden geküsst. Hoffentlich hat das nicht so ausgesehen. Aber wahrscheinlich nicht, ich habe ja keine von diesen Kuss-Pillen genommen. Kurz schaue ich noch mal Oma und Opa an. Sie haben sich nicht bewegt, und Opa schläft jetzt auch richtig tief. Ich bin ein besserer Einbrecher, als ich dachte. Kein Wunder, dass mir Leute schwere Straftaten zutrauen.
Nach nicht mal fünf Minuten bin ich schon wieder draußen auf der Veranda und habe das Messer. Mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken und dem zusammengerollten Schlafsack unterm Arm ziehe ich los in den Wald. Ich habe zu viel Zeug dabei, um mit dem Rad zu fahren, also laufe ich. Tucker trottet vor mir her, er ist ein bisschen schneller als ich, bleibt aber alle paar Minuten stehen, legt sich hin und schaut, ob ich nachkomme. Anscheinend will er, dass ich mich beeile, keine Ahnung, warum.
»Langsam, Tucker«, sage ich.
Weil er ein gehorsamer Hund ist, bleibt er für den restlichen Weg an meiner Seite, beschwert sich aber die ganze Zeit mit einem fiependen Winseln. Ich tätschle ihm besorgt den Kopf und frage mich, warum er in letzter Zeit so komisch ist. Neulich hat er zum Beispiel draußen im Regen gesessen und unentwegt das Maisfeld angestarrt. Dabei hasst er Regen. Inzwischen frage ich mich, ob er die Flüsterer schon früher gehört hat als ich. Sachen hören, die Menschen nicht hören, ist nämlich eine von Tuckers Superkräften. Vielleicht spürt er aber auch, dass sich irgendwas Schlimmes zusammenbraut, das er verhindern oder vor dem er mich beschützen will, nur weiß er nicht, wie. Hunde sind schlau, viel schlauer als Menschen, besonders bei solchen Sachen. Und Tucker liegt mit so was eigentlich immer richtig. Diesmal hoffentlich nicht.
Als ich den Feldweg am Maisfeld schon ziemlich weit entlanggegangen bin, höre ich in der Ferne das Dröhnen von einem Traktor. Ich stelle mir Dylan vor, wie er obendrauf sitzt, nur in Jeans, Arbeitsstiefeln und seiner roten Peterbilt-Kappe. Auf einmal regt sich wieder mein anderes Problem und verursacht ein Kribbeln unterhalb von meiner Gürtelschnalle. In einer seiner flammenden Reden über die Sünden des Fleisches hat der Prediger der North Creek Church of God behauptet, solche Empfindungen würden mir gewaltigen Ärger einbringen. Ich weiß nicht, ob er wirklich direkt mich gemeint hat, es hat sich jedenfalls so angefühlt.
Immerhin muss ich solche Predigten jetzt nicht mehr aushalten – kein Dasitzen mit knallrotem Gesicht, kein tauber Hintern mehr von den harten Holzbänken. Vielleicht setzt sich ja der Teufel nach und nach in meiner Seele fest. Ich habe so lange zu Gott gebetet, er soll mein anderes Problem heilen, aber das hat er nicht getan. Keine Ahnung, warum. Vielleicht hat er ja auch einen Charlie-Brown-Übersetzer, den er anstellt, wenn er mich beten hört. Ich versuche das Bild von Dylan mit nacktem Oberkörper aus meinem sündigen Hirn zu verscheuchen, indem ich an seine geschwollene Lippe, sein zerschlagenes Gesicht und den finsteren Ausdruck in seinen Augen denke, vorhin im Laden von Mr Killen. Das funktioniert.
Der Traktor kommt näher und das Rumpeln wird lauter, aber die Sonne steht schon tief und blendet mich. Genau in dem Moment, als ich glaube, meinen ganz persönlichen Superhelden zu Gesicht zu kriegen, sehe ich, dass nicht Dylan den Traktor fährt, sondern sein Vater. Mr Mathews ist ein harter, schroffer Mann. Sein runzliges Gesicht ist wie aus Leder und die Hornhaut an seinen Händen so rau und dick, dass die Leute sagen, man hätte bei ihm das Gefühl, mit einem Ziegelstein Hände zu schütteln. Er ist die Art von Mann, die Papa wahrscheinlich für einen Schwächling halten, nur weil wir umsonst auf Opas Land leben. Aber das liegt bloß daran, dass Opa seine Familie gern um sich hat. Jedenfalls ist Papa kein Schmarotzer oder so.
Als der Traktor näher kommt, schaut Mr Mathews in meine Richtung, winkt aber nicht. Soweit ich erkennen kann, sieht er mich eher böse an, dann wendet er den Traktor mit einem Ruck und fährt zu seiner Farm zurück. Auch wenn mich Papa nicht mehr besonders mag, habe ich tausendmal lieber ihn zum Vater als Mr Mathews.
Ich sehe die beiden am Waldrand stehen und bin ernsthaft sauer, dass Gary Carl mitgebracht hat. Ich habe wirklich keine Lust, mich ausgerechnet dann mit einem quengelnden Kleinkind rumzuschlagen, wenn das größte Abenteuer meines Lebens ansteht – ein Abenteuer, das mich zum Helden machen wird, nicht nur in unserer Familie, sondern in ganz Buckingham, South Carolina. Weil ich nämlich Mama finden werde, nachdem alle anderen versagt haben, besonders Frank. Gary merkt anscheinend, dass ich enttäuscht bin, jedenfalls zuckt er mit den Achseln, als ich ankomme.
»Meine Mutter hat gesagt, ich muss ihn mitnehmen«, erklärt er mit einem Nicken zu Carl hin.
Tucker beschnüffelt Garys Bauch, als ob er die Unmengen von Essen riechen könnte, die da reingewandert sind, und trottet dann zu Carl. Er lässt sich von Carl umarmen und sich einen Kuss seitlich auf den Kopf drücken. Dann leckt er ihm das Gesicht ab und macht es sich bei Carls Füßen gemütlich. Verräter.
»Du musst aber durchhalten«, erkläre ich Carl so streng und energisch, wie ich es nur hinkriege. »Dieses Wochenende haben wir was Großes vor. Vielleicht wirst du Sachen sehen und hören, die du nicht verstehst. Aber du darfst auf keinen Fall ausflippen und uns alles verderben.« Na ja, mir alles verderben.
»Mach ich nicht«, sagt Carl in seinem typischen Jammerton. Schon gleich der erste Patzer. Dabei sind wir noch nicht mal losgezogen.
Ich sehe Gary an. »Lass uns da langgehen.« Ich zeige nach Norden.
»Wieso denn?«
Ich werfe Carl einen kurzen Blick zu. Wie viel hat ihm Gary wohl von unserem Plan erzählt?
»Weil ich glaube, sie sind in dieser Richtung.«
»Wer?«, fragt Carl.
Anscheinend hat ihn Gary nicht groß eingeweiht. Auch jetzt ignoriert er Carls Frage und läuft einfach los nach Norden. Carl folgt ihm, Tucker und ich bilden den Schluss. Gary schleppt ziemlich viel Gepäck mit sich rum, er trägt die Schlafsäcke für sich und seinen Bruder und hat außerdem auch noch einen großen Rucksack mit Essenssachen dabei. Wahrscheinlich hat er genug Proviant für eine ganze Woche eingepackt. Gary isst immer Unmengen, wenn wir campen gehen. Anscheinend spielt sein Selbsterhaltungstrieb verrückt und er hat Angst, dass er draußen im Wald vom Fleisch fällt und stirbt, wenn er nicht eine Familienpackung Knabberzwiebeln auf einmal verdrücken kann.
Carl hat einen kleineren Rucksack, mit Batman drauf, und trägt ein leichtes Zelt, das wir aber nur bei Regen aufbauen. Wir schlafen lieber im Freien ums Feuer. Aber ich darf nicht einschlafen. Ich habe mein Lysol nicht dabei und auch keinen Essigreiniger – wobei das auch nichts bringen würde. Schlafsäcke mit Gummilaken oder Kunststoffbezügen gibt es nicht. Ich werde zwei Nächte am Stück wach bleiben müssen. Das kann doch nicht so schwer sein.
Gary führt uns in nördlicher Richtung mitten durch den Wald – wie lange, weiß ich nicht, vielleicht eine Stunde oder so. Das Licht, das durch die Baumkronen dringt, wird von Minute zu Minute schwächer. Ich bemühe mich, wachsam zu bleiben, und mustere alles, was sich bewegt. Diesen Teil des Waldes kenne ich nicht so gut, er kommt mir ein bisschen unheimlich vor. Diese Als-ob-uns-Hunderte-von-Augenpaaren-beobachten-Art von unheimlich. Vielleicht ist das nur Einbildung. Oder es gucken uns bloß ein paar Eichhörnchen an, die Dannys Flinte entwischt sind. Vielleicht auch Hirsche, die stocksteif dastehen, bis wir vorbei sind, und dass wir sie nicht sehen, liegt nur am dichten Blattwerk. Vielleicht ist es aber doch mehr. Womöglich beobachten uns andere Wesen – die Flüsterer oder das Schattenmonster von gestern Abend. Oder Hobgoblins. Bestimmt geht es mir besser, wenn wir haltmachen und unser Feuer bauen. In den Märchen heißt es doch immer, dass Trolle Angst vor Feuer haben, und ich vermute mal, Trolle und Hobgoblins sind so ziemlich das Gleiche. Die gehören bestimmt zu einer Familie, wie Cousins oder so.
»Ich kann nicht mehr«, jammert Carl. »Wann halten wir an?«
Schon der zweite Patzer in kurzer Zeit.
»Halt die Klappe, Carl«, blafft Gary über die Schulter weg und stürmt weiter, schiebt Gestrüpp beiseite und bahnt uns wie bei einem Hindernislauf einen Weg durch die Kiefern.
Gary weiß, dass ich für unser Lager tiefer in den Wald will als sonst, aber Carl hat er das wahrscheinlich nicht erklärt. Trotzdem müssen wir haltmachen, bevor die Sonne untergeht und es dunkel wird. Und Tucker wird immer langsamer. Er muss sich ausruhen und braucht Wasser. Fressen für ihn habe ich auch dabei, wenn er welches will.
Irgendwann findet Gary so was wie einen Pfad durch den Wald, und wir kommen besser voran.
»Superman oder Iron Man?«, ruft Gary.
Das ist ein Spiel zwischen uns – zwei Superhelden gegeneinander aufstellen und entscheiden, wer bei einem Kampf gewinnen würde.
»Iron Man«, ruft Carl zurück.
»Superman«, sage ich. »Ohne seinen Anzug ist Iron Man nur ein ganz normaler Typ. Superman hat Superkräfte. Er würde Iron Man vernichten.«
»Wonder Woman oder Black Widow?«, fragt Gary.
»Wonder Woman«, rufe ich. Keiner widerspricht.
»Black Panther oder Captain America?« Gary kickt einen Ast aus dem Weg.
»Captain America«, sage ich, ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken. »Captain America ist der Beste.«
Gary wirft mir einen stirnrunzelnden Blick zu, und ich werde rot. Ich hätte nicht gedacht, dass er sich an das Captain-America-Shirt erinnert, das Dylan in der Schule anhatte, aber anscheinend tut er das doch.
»Seit wann geht dir irgendwer über Black Panther, Alter?«, fragt er. »Du hast doch sogar einen Black-Panther-Rucksack.«
Ich zucke nur mit den Achseln und schiebe Dylan aus meinen Gedanken, so gut ich kann, damit man mir nichts ansieht. Tucker stürzt los, er hat einen Bach entdeckt. Gierig schlabbert er Wasser und hört nicht auf, bis wir ihn erreicht haben.
Gary sieht sich in der Lichtung um und schaut hoch in den dämmrigen Himmel. »Hier okay?«
Ich begutachte die Gegend und nicke. Carl lässt sich dramatisch auf die Knie sinken, als ob er die Sahara durchquert hätte. Er zieht eine Flasche Wasser aus seinem Rucksack und schüttet sie mit viel Geklecker in sich rein, ohne abzusetzen. Das Wasser läuft ihm den Hals runter bis auf sein T-Shirt.
Tucker beschnüffelt unseren Lagerplatz. Anscheinend ist er zufrieden mit unserer Entscheidung, vor allem gefällt ihm, dass es hier endlos viel Wasser gibt. Er trinkt an immer neuen Stellen am Ufer, wohl um herauszufinden, wo es am leckersten schmeckt. Gary und ich packen unsere Sachen aus und sammeln Feuerholz, während Carl japsend auf einem Felsen sitzt und zuguckt. Dieses Kind ist wirklich für nichts zu gebrauchen.
Ich traue mich nicht allzu weit von unserem Platz weg. Der Wald hier wirkt irgendwie gespenstisch. Die Kiefern stehen dicht an dicht, der letzte Rest Sonnenlicht schafft es kaum durch die Baumkronen. Es ist still, aber nicht auf friedliche Art. Eher im Gegenteil, es ist so eine Wir-sind-nicht-alleine-hier-Stille. Und der Pfad, den wir vorhin zufällig gefunden haben, geht weiter, immer tiefer in den Wald hinein. Ich frage mich, wo er hinführt. Und ob Mama vielleicht auf diesem Pfad gegangen ist. Ob jemand sie hier entlanggezerrt hat. Auf einmal bin ich in Panik, ich kriege Seitenstechen und will unbedingt nach ihr rufen.
Ich lege die Hände wie einen Trichter um den Mund. »Mama!«
Das Echo meiner Stimme schwebt durch den Wald, wandert von Baum zu Baum. Aber eine Antwort bekomme ich nicht. Ich habe auch nicht ernsthaft daran geglaubt. Und trotzdem gehofft, dass es so einfach sein könnte. Dass sie mich hört und zurückschreit. Als ich mich umdrehe, sehe ich in die Gesichter von Gary und Carl. Sie starren mich mit großen Augen an. Sogar Tucker, der sich neben Gary niedergelassen hat, legt den Kopf schief, wie um zu fragen: Im Ernst, Kumpel?
»Was denn?« Meine Stimme klingt schärfer, als ich will.
Gary schüttelt bloß den Kopf und fängt an, einen Platz für das Feuer vorzubereiten. Bestimmt wollte er nicht, dass ich sein Kopfschütteln sehe. Das war so was Kurzes, Unwillkürliches, er hat für einen Moment einfach seine Manieren vergessen oder so. Ich glaube, er hält mich auch für verrückt. Verrückt genug, um mir einzubilden, dass mich irgendwelche magischen Waldwesen zu Mama führen können. Ja, ich bin mir ziemlich sicher, dass Gary so denkt, ich habe nämlich seinen Blick gesehen, bevor er sich weggedreht hat. Da war so was wie Anteilnahme drin.
Anteilnahme ist, wenn jemand dich für einen totalen Versager hält und Mitleid mit dir hat.
Wie in Garys Anteilnahme brauche ich nicht, ich werde nämlich die Flüsterer aufspüren, und die helfen mir dann, dass ich endlich Mama finde.
Ohne Hoffnung geht es nicht, oder?