23   Der Biberdamm

Mordecai hat recht gehabt. Es dauert nicht lange und ich habe den Biberdamm gefunden. Ein Rauschen führt mich zu der Stelle, wo eine gewaltige Mauer aus Stöcken und Ästen das Wasser von einem Flüsschen aufstaut. Ich kann mir kaum vorstellen, wie lange die Biber gebraucht haben müssen, um das hier zu bauen. Jetzt verstehe ich erst richtig, was Oma meint, wenn sie sagt, sie wäre fleißig wie ein Biber. Und das ist sie ja wirklich.

Tucker schlabbert gierig von dem Flusswasser, geht dann zu einem Baum in der Nähe und erbricht es gleich wieder. Ich knie mich neben ihn und reibe seinen Kopf – mein Bauch fühlt sich an wie verknotet. Er schnauft richtig schlimm, lächelt dabei aber so breit, dass die Zähne zu sehen sind. Er will nicht, dass ich mir Sorgen um ihn mache.

»Alles in Ordnung, Tuck. Das wird schon wieder.«

Er sieht mich mit seinen großen dunklen Augen an und jault, das Ganze scheint ihm peinlich zu sein. Tucker macht nie viel Theater um irgendwas, auch nicht, wenn er krank ist. Und er hasst es, wenn ihm irgendwo im Haus ein Malheur passiert, aber manchmal kann er eben nicht anders.

Ich kratze ihn hinter den Ohren und suche das Ufer ab. Dicht bei dem Damm gibt es einen Baumstumpf, der aussieht, als wäre er extra aufgestellt worden, damit man sich hinsetzen und in Ruhe den Biberdamm betrachten kann. Ich schleppe mich hin, mit dem keuchenden Tucker im Schlepptau. Meine Beine fühlen sich taub an, und meine Augenlider sind schwer von zu wenig Schlaf. Wenn ich ein paar Minuten hier sitzen und mich ausruhen würde, wäre ich fitter und könnte Mama besser helfen, wenn ich sie finde.

Mein Hintern sackt geräuschvoll auf die Erde, und ich lehne mich mit dem Rücken an den Baumstumpf. Tucker legt sich dicht neben mich, sein großer Rottie-Kopf ruht auf meinem Bein. Dankbar für die Pause schließt er die Augen, und eine Minute später schnarcht er wie Oma auf der Couch, wenn sie als Nachtisch ihre Pillen eingenommen hat. Allerdings braucht Tucker dazu keine Pillen. Er kann von einer Sekunde auf die andere einschlafen, wenn er will. Wie ein Roboter, der sich für Wartungsarbeiten selbst abschaltet. Die Vorstellung von Tucker als Cyborg-Hund ist wirklich cool. Und es würde viel erklären. Dass er so schlau und so groß ist und dass er so perfekt aussieht. Dann könnte er für immer am Leben bleiben.

Ich lehne den Kopf an den Baumstumpf, höre zu, wie das Wasser durch die Ritzen im Damm rieselt, und trinke den Rest aus Mordecais Flasche. Meine Augenlider sind schwer wie Beton. Wenn ich sie doch nur für fünf Minuten zumachen könnte …

Mama sitzt auf der Verandaschaukel hinterm Haus und sieht mir zu, wie ich den Maisfeld-Chor dirigiere. Sie ist eben erst von ihrer Schicht im Krankenhaus zurückgekommen und sagt, sie ist zu müde, um mitzumachen, aber zuschauen kann sie, also geben wir ihr ein Privatkonzert. Den Anfang macht »Amazing Grace«, dann singen wir »Blessed Assurance« und am Schluss Mamas liebstes Kirchenlied: »It Is Well with My Soul« – alles Lieder, die trösten und vom Vertrauen auf Gott handeln.

Mama liegt im Schlafzimmer auf dem großen Bett und schläft ein bisschen. Zum Glück hat sie den Zeitarbeitsjob im Krankenhaus endlich aufgegeben, aber sie ist immer noch meistens müde, wegen so was wie einer richtig schlimmen Grippe. Ich glaube, ich habe sie aus Versehen geweckt, jedenfalls setzt sie sich im Bett auf.

»Wie spät ist es, Button?«, fragt sie und sieht mich an.

Ihr Haar ist irgendwie komisch und ihr Gesicht ganz blass. Diese Grippe hat ihr wirklich arg zugesetzt.

»Halb sieben«, sage ich.

»Hat euch Oma schon was zum Essen gemacht?«, will sie wissen. »Und ist Papa zurück?«

Sie steht auf und geht ein paar Schrittchen auf mich zu.

Da sehe ich es. Das Fleischermesser von diesem Serienkiller. Es liegt auf dem Bett. Ich drehe durch. Wieder dieser Traum, und wieder stecke ich darin fest. Egal wie sehr ich es versuche, ich wache nicht auf. Im Gegenteil, ich ertrinke in einem Ozean von Schlaf.

»Schnell, Mama.«

Mehr kriege ich nicht raus, und sie macht einfach nicht schneller. Sie ist zu müde. Das Messer steigt vom Bett auf und schwebt in der Luft, die Klinge zeigt auf ihren Rücken.

»Mama, mach schnell!«, schreie ich, aber sie bewegt sich jetzt nur noch in Zeitlupe. Aufwachen. Aufwachen. Ich muss aufwachen.

»Mama!« Ich will zu ihr rennen, aber meine Füße kleben am Boden, ich kann sie nicht bewegen. Ich kriege keine Luft mehr. Genau in dem Moment, als ich beide Hände nach Mama ausstrecke, rast das Mördermesser durch die Luft und bohrt sich in ihren Rücken.

Mit einem lauten Schrei wache ich auf.

Tucker hebt erschrocken den Kopf und reckt die Ohren in die Höhe. Er starrt mich an, wie um zu fragen: Wieder dieser Albtraum, Kumpel?

Ein leises Brummen an meinem Ohr lässt mich zusammenfahren. Schnell komme ich auf die Füße und sehe mich um. Hoffentlich keine Motte. Aber das Brummen ist nicht mehr zu hören. Im Wald ist es dämmrig geworden. Wie lange habe ich geschlafen? Fünf Minuten? Fünf Tage? Keine Ahnung.

Ich suche die Baumwipfel ab, kann aber nicht erkennen, wo genau die Sonne steht. Vielleicht ist der Sonnenuntergang schon vorbei. Was ist, wenn ich sie verpasst habe? Ich gehe zum Ufer und spritze mir Wasser ins Gesicht. Es ist so kalt, dass es fast wehtut auf der Haut, aber das fühlt sich gut an. Ich muss wach bleiben.

Ich schaue auf. Ein einsamer Biber tappt über den Damm, mit einem Stöckchen im Maul. Er interessiert sich kein bisschen für mich, läuft nur hin und her, immer an der gleichen Stelle, bis er den richtigen Platz für den Stock gefunden hat und ihn sorgfältig einbaut. Biber sind ausgesprochen beharrlich.

Beharrlichkeit ist, wenn man lange auf etwas warten kann, ohne sich gleich ins Hemd zu machen.

Wie in Man braucht echt viel Beharrlichkeit, wenn man einen riesigen Damm aus lauter einzelnen Stöcken bauen will.

Riley.

Schnell drehe ich den Kopf, aber ich kann nicht sagen, aus welcher Richtung die Stimme kommt. Irgendwas berührt mich am Arm, und ich krieche zurück zu dem Baumstumpf. Tucker sitzt aufrecht da und schnüffelt, er scheint sie riechen zu können. Ich atme tief durch und warte. Schaue. Lausche.

Riley.

Ich drehe suchend den Kopf, doch ihre Stimmen sind überall und nirgends. Das Abendkonzert beginnt, und bald ist die Sinfonie der Natur so laut, dass ich noch schwerer erkennen kann, aus welcher Richtung die Stimmen kommen. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, die Flüsterer würden zu dieser Musik tanzen, ihr Tanz wäre Teil der großen Vorführung. Als mich noch einmal etwas am Ohr berührt, ganz sacht, öffne ich die Augen wieder.

Einer nach dem anderen schlüpfen die Flüsterer durch die Hintertür meiner Fantasie hinaus in die wirkliche Welt. Ich sehe sie – die tanzenden blauen Lichter, mal heller, mal blasser, auf einmal sind sie überall. Ein Licht ist direkt neben mir, nur Zentimeter weit weg. Ein anderes schwebt am anderen Ufer durch die Luft. Zwei sind rechts von mir, ein anderes links, sie fädeln sich durch die Baumkronen, immer hin und her in Schlangenlinien, und tauchen wie aus dem Nichts direkt vor meinem Gesicht auf. Aber wenn ich versuche, eins der Lichter richtig ins Auge zu fassen, verschwindet es. Anscheinend wollen sie mit mir Verstecken spielen, oder ich soll sie fangen. Trotzdem bleibe ich ganz still sitzen, und einen Augenblick später sind es schon fünfmal mehr. Ich kann kaum fassen, wie viele von ihnen jetzt hier herumschwirren – vielleicht Hunderte, vielleicht Tausende. Die Luft ist erfüllt von blau schimmernden Linien. Kleine blaue Feen, so hat Mordecai doch gesagt, oder? So schön und so magisch.

Auf einmal kommt Leben in Tucker, er springt auf und schnappt nach ihnen. Ich glaube nicht, dass er sie fressen will, aber weil er keine Hände hat, ist das die einzige Art, nach ihnen zu greifen.

»Nein, Tucker!«

Er hört nicht auf mich, sondern verfolgt sie bis zum Ufer und tritt mit seinen riesigen Pfoten auf diejenigen, die dicht am Boden fliegen. Ehrlich gesagt habe ich mehr Angst um Tucker als um die Flüsterer. Kann doch sein, dass sie magische Kräfte haben, mit denen sie ihm Stromschläge verpassen, und wenn er sie zu sehr ärgert, bleibt am Ende nur ein Häufchen Asche von ihm übrig. Oder seinem Cyborg-Hunde-Hirn knallt die Festplatte durch, und er ist für immer gelähmt.

»Tucker!«

Er dreht sich zu mir um und erstarrt für einen Augenblick, dazu hechelt er im höchsten Gang.

Ich zeige mit dem Finger auf ihn und sehe ihn streng an. »Nein!«

Jaulend beäugt er die Flüsterer, die jetzt dicht um seinen Kopf schwirren, aber er hört endlich auf, mit seinen tödlichen Cyborg-Hunde-Kiefern nach ihnen zu schnappen. Ich lege einen Finger auf die Lippen, als Zeichen, dass er still sein soll. Die Sinfonie der Natur wird immer lauter, was noch mehr Flüsterer anlockt, anscheinend wollen sie auch einen Auftritt bei diesem Konzert. Jetzt ist die Gelegenheit. Aber nachdem ich Opas Schweizermesser und Mamas Ehering schon weggegeben habe, fehlt mir eine Opfergabe, die ich ihnen anbieten kann. Hoffentlich werden sie das verstehen.

Ich gehe zurück zu dem Baumstumpf und stelle mich hinter ihm auf, als ob er der Altar des Predigers in der North Creek Church of God wäre. Ich räuspere mich und gebe Tucker noch mal ein Zeichen, dass er stillhalten soll. Er hechelt so stark, dass sein ganzer Körper bebt, und guckt irgendwie ängstlich, aber er gehorcht. Ich beobachte den Schwarm von Flüsterern vor mir. Inzwischen fürchte ich mich nicht mehr, sie direkt anzuschauen, denn ich habe nichts mehr zu verlieren. Nicht mal Hoffnung.

»Ich habe euch alles gegeben, was ich habe«, sage ich und bin überrascht, wie laut und klar meine Stimme klingt. »Das wertvolle Armeemesser von meinem Opa und den Ehering von meiner Mutter. Ihr habt gesagt, sie wäre hier. Also, wo ist sie?«

Ein nach Geißblatt duftender Windstoß wogt über den Fluss, wie eine duftende Meereswelle. Ich höre genau hin und versuche alle Geräusche auszublenden, die nicht von den Flüsterern kommen. Ein einziges dahingewispertes Wort schwirrt um meine Ohren.

Opfergabe.

»Aber ich habe keine Gaben mehr!« Ich schreie jetzt fast. Ich bin müde und wütend. Und ich will, dass es endlich vorbei ist.

Seele.

Das Wort dröhnt in meinem Innern. Tucker wird wieder unruhig und knurrt die Flüsterer an. Er bleibt, wo er ist, und schnappt auch nicht nach ihnen, aber anscheinend versteht er, was sie gesagt haben, und es gefällt ihm gar nicht.

Ich seufze laut. Meine Geduld ist vorbei. »Meine Seele? Wie soll ich das machen, verdammt noch mal? Was ist mit meiner Familie? Das kann ich ihnen nicht antun.«

Hoffentlich merken die Flüsterer nicht gleich, dass das gemogelt ist. Ehrlich gesagt käme meine Familie nämlich sehr gut ohne mich klar. Wahrscheinlich ginge es ihnen sogar besser, wenn sie nicht jeden Tag der Person ins Gesicht schauen müssten, die für Mamas Verschwinden verantwortlich ist.

Ich schaue mich um und frage mich, ob irgendwo da draußen wirklich Mordecai ist und mich im Auge behält, so wie er es gesagt hat. Wenn ja, dann soll er jetzt kommen – ich könnte wirklich gut Hilfe gebrauchen.

»Das ist kein Spiel«, sage ich mit lauter Stimme, auch mein Tonfall ist scharf. Ich hatte das eigentlich nicht sagen wollen, aber auf einmal komme ich mir wie Kommissar Chase Cooper vor, der mit einem Täter verhandelt. »Eine Frau ist womöglich in Gefahr. Sie braucht Hilfe. Bringt mich zu ihr, dann belästige ich euch nie mehr.«

Die Flüsterwesen sind jetzt überall, die blassblauen Lichter schwirren durch den Wald, leuchten heftig auf und werden nach und nach wieder blasser. Sie wirken wie der Herzschlag des Waldes. Tucker ist von ihnen umzingelt und versucht auszuweichen.

Eine einzelne kleine Stimme kitzelt mein Ohr. Seele.

»Ich kann nicht!« Meine Stimme hallt durch die Bäume, als mir der Ausdruck über die Lippen kommt, den Mama mir verboten hat. »Ich kann euch meine Seele nicht geben. Ich weiß doch nicht, wie.«

Du bist fast da.

Sie ist fast da.

Mein Herz hämmert so stark, dass es fast durch das Hemd bricht. »Mama?«, flüstere ich.

Carolyn.

Mama.

Ich verstehe nicht, wie ich den Flüsterern meine Seele als Opfergabe überlassen kann. Vor allem habe ich keine Ahnung, was mit mir passieren würde, falls ich es täte. Würde ich dann wirklich einer von ihnen werden und müsste für immer im Wald bleiben, so wie in der Geschichte? Aber … Mich kümmert das alles nicht mehr. Wenn das der einzige Weg ist, um Mama zu finden, dann ist es das wert. Sie kann mich ja im Wald besuchen kommen, und ich kann ihr jeden Abend zur magischen Zeit mit dem Wind etwas zuflüstern. Das wird nicht so sein, wie eine richtige Mama zu haben, aber immerhin besser, als wenn ich gar keine habe.

»Okay«, sage mit lauter, fester Stimme. »Ich gebe euch meine Seele. Zeigt mir, wie. Bitte. Zeigt mir, wie.«

Kalte Tränen laufen mir die Wangen runter, und vor lauter Erschöpfung und Verzweiflung schluchze ich so sehr, dass ich auf die Knie sinke. Ich zittere am ganzen Körper. Mir ist kalt und ich habe das Gefühl, mich aufzulösen. Ich weiß nicht, was mit mir passiert. Das Schluchzen packt mich und schüttelt mich durch, ich ertrinke in Wogen von Kummer. Ich habe keine Kontrolle, kann nichts dagegen tun. So sehr habe ich noch nie geweint, und ich kann gar nicht mehr damit aufhören. Vielleicht holen sich die Flüsterer auf die Art meine Seele. Vielleicht strömt sie ja in einem Meer von Tränen aus mir heraus. Vielleicht wohnt sie genau dort, die Seele – in meinen Tränen.

Aber das alles bringt Mama nicht zurück. Ich opfere den Flüsterern jede Seelenträne, die ich habe, aber sie kommt einfach nicht. Die haben mich angelogen. Die Flüsterer haben gelogen.

Schreiend kämpfe ich mich zurück auf die Füße und schlage mit beiden Händen nach ihnen, aber weil mir dabei die Seele aus den Augen strömt, sehe ich fast nichts. Als Tucker das merkt, springt er auf und macht mit bei dem Krieg gegen die Flüsterer, so gut er kann.

»Ihr habt gesagt, sie ist hier! Ihr habt mich angelogen! Ich hasse euch!«

Ich greife in meine Hosentasche und ziehe das Einzige raus, was noch drin ist. Den Zettel von Papa und den Zehn-Dollar-Schein. Ich reiße beides in kleine Fetzen und werfe sie in die Luft. Der Wind nimmt sie mit und verstreut sie überall.

»Hier«, schreie ich. »Jetzt habt ihr alles. Ihr habt mir alles abgeknöpft.«

Ein paar von den Fetzen landen am Ufer, ein paar andere gleich im Wasser, sie treiben flussabwärts wie stinknormaler Müll. Meine letzte Opfergabe ist den Flüsterern egal.

Sie werden immer weniger, von einem Moment zum andern, nach und nach ziehen sie sich in den Waldschatten zurück. Als einer dicht an meinem Ohr vorbeiflattert, schlage ich nach ihm und packe ihn mit der Faust. Ich spüre, wie seine kleinen Flügel gegen meine Hand ankämpfen, aber nicht lange. Ich quetsche das Ding zusammen, mit dem ganzen Schmerz, der schon so lange in mir brodelt. Ich quetsche es, weil es mich angelogen hat. Ich quetsche es, weil Papa mich nicht mehr lieb hat. Ich quetsche es, weil Gott unsere Gebete nicht hört – nicht bloß meine, sondern die von allen. Ich quetsche es, weil ich Mama nie finden werde. Ich quetsche es, weil mit mir irgendwas nicht stimmt. Ich quetsche das Ding, bis es tot ist.

Ich schreie noch mal meine geballte Faust an. Tucker hinter mir winselt, aber ich kümmere mich nicht um ihn. Ich starre nur wie ein Wahnsinniger auf meine Faust. Meine Knöchel sind weiß und mir ist schwindlig. Ich lockere meinen Griff und atme langsamer, damit ich nicht umkippe. Dann löse ich einen Finger nach dem anderen und starre auf das winzige zerdrückte Wesen auf meiner Handfläche.

Der blaue Schein leuchtet noch einmal kurz auf, wie ein letzter Atemzug vorm Sterben, und jetzt sehe ich, was dieser Flüsterer in Wirklichkeit ist. Keine Fee. Und auch kein Wesen aus Haut und Fleisch und Knochen wie ich oder aus Baumrinde oder Blättern oder Erde. Nichts Schönes und nichts Magisches. Sondern ein Käfer. Einfach nur ein Käfer.

Irgendwo in der Ferne kracht ein ohrenbetäubender Donnerschlag, und mein Schluchzen hört jäh auf. Tucker bellt wie zur Antwort. Aber irgendwie war das doch kein Donner. Sondern etwas anderes, etwas, das ich gut kenne. Der Knall einer Flinte. Meine Gedanken rasen.

Dylan.

Oh nein. Was ist, wenn er Mordecai erschossen hat, weil er dachte, der hätte mir was getan? Oder wenn Danny in seinem Eichhörnchenwahn einen Schuss auf Dylan abgefeuert hat? Oder auf Gary oder Carl?

Ein zweiter Schuss zerreißt die Luft, der Wind trägt das Echo durch die Bäume.

Tucker reagiert mit einem drängenden Bellen und trottet los, genau in die Richtung, aus der die Schüsse gekommen sind.

»Tucker! Nein!«

Aber er ist weg. Ich renne hinter ihm her, den zerquetschten Käfer immer noch in der Hand. Tucker läuft nicht in seinem vollen Tempo, aber ich bin so müde, dass ich trotzdem nicht hinterherkomme. Ich taumele nur noch seinem Bellen hinterher.

»Tucker!«

Ich bleibe an einem Ast hängen und falle hin – mit dem Kopf voll auf den Boden, richtig schlimm. Meine Knie tun weh und mein Gesicht brennt. Ich versuche, schnell wieder auf die Füße zu kommen, aber weil ich so müde bin, brauche ich einen Augenblick, um mich wieder zu orientieren. Tuckers Bellen ist jetzt weit weg. Kalter Mountain Dew und ein paar Knabberzwiebeln würden mir die Kraft geben, die ich so dringend brauche. Aber an Schlafen oder Essen zu denken hilft mir auch nicht weiter.

Im Weiterlaufen schlagen mir Zweige ins Gesicht, und ich stolpere immer wieder über Äste, aber nach ein paar Minuten erreiche ich den Waldrand und gelange auf eine weite, offene Fläche. Vor lauter Schweiß und Tränen kann ich kaum richtig gucken, und das Zwielicht der Dämmerung macht es noch schlimmer – aber das, was ich sehe, wirkt auch sonst vollkommen unsinnig.

Wie bin ich bloß hierhergekommen?

Vielleicht träume ich. So muss es sein. Das war alles ein Traum. Bestimmt wache ich gleich auf, in meinem vollgepinkelten Bett. Komischerweise ist das im Moment sogar eine ziemlich schöne Vorstellung. Ich weiß, dass ein Sechserpack Mountain Dew im Kühlschrank steht, und Danny hat in seinem Zimmer garantiert irgendwo ein paar Knabberzwiebeln versteckt.

Aber das hieße, dass auch die Flüsterer nur ein Traum gewesen sind. Und das mit Mordecai wäre dann auch nicht real – dass er kein unheimlicher Hobgoblin, sondern ein Mensch ist und noch dazu freundlich. Und das mit Dylan letzte Nacht auch, der perfekteste Moment in der Geschichte der Momente. Vielleicht war überhaupt alles nur geträumt.

Meine Augen weigern sich, auch nur eine Sekunde länger offen zu bleiben. Meine Wackelbeine geben unter mir nach, und während ich falle, rattert in meinem benebelten Hirn eine Frage.

War Mama nur ein Traum?