24   Carolyn Riley James

Mein Gesicht ist warm. Auch sonst ist mir ziemlich warm, und ich rieche scheußlich. Ein Schmerz im Nacken bringt mich dazu, die Augen aufzuschlagen. Die Welt ist voll Sonnenlicht, und alles wirkt seltsam verrutscht. Nicht weit von mir liegt was Großes, Spitzes auf der Seite, dahinter steigt die Sonne hoch. Nirgends mehr Bäume. Stattdessen Gras. Und Blumen. Und taufeuchte Morgenluft.

So was wie eine Decke hüllt mich ein. Es ist warm, riecht aber nach Männerschweiß und Achselhöhle. Ich berühre den ausgeblichenen Jeansstoff. Mordecais Hemd. Er muss mich getragen haben, den ganzen Weg vom Waldrand bis hierher. Also hat er mich wirklich im Auge behalten.

Etwas Schweres drückt gegen meinen Rücken. Ich drehe mich um und sehe Tucker. Sein Körper mit dem dichten Fell ist eng an meinen geschmiegt, so wie früher, bevor das mit meinem Problem losging, als er noch bei mir im Bett geschlafen hat.

Mein Problem.

Ich zucke zusammen und betaste meine Hosen. Sie sind knochentrocken, was mich überrascht. Nicht der kleinste Tropfen Pisse ist danebengegangen. Ich habe die ganze Nacht hier geschlafen und nicht in die Hose gemacht. Aber wo verdammt noch mal bin ich überhaupt?

Ein paar Schritte weiter ragt ein großer Stein mit einem geschwungenen Abschluss aus der Erde. Rechts davon gibt es noch einen, der ähnlich aussieht, und links auch noch welche, alle in verschiedenen Größen und Formen. Auf manchen sind Kreuze drauf, und vor ein paar von den Steinen stehen verwelkte Blumen oder solche aus Kunststoff. Ich betrachte wieder das große, spitze Ding. Jetzt, nachdem ich mich gesetzt habe, steht es aufrecht da, und endlich macht es Klick in meinem verschlafenen Hirn. Ich bin auf dem Friedhof hinter der North Creek Church of God.

Ich stupse Tucker mit dem Ellbogen an. »Tuck. Wach auf.« Er rührt sich nicht. Kein bisschen. Und er schnarcht auch nicht.

»Tucker?«

Auch sein Brustkorb bewegt sich nicht wie sonst, wenn er schläft. Panik macht sich in mir breit, als ich auf die andere Seite krabble, damit ich ihm ins Gesicht sehen kann. Seine Augen sind offen, aber leblos und kalt.

»Tucker! Tucker, jetzt wach schon auf, Junge!«, rufe ich und schüttle ihn. Meine Kehle ist wie zugeschnürt. »Alles okay, Junge. Alles okay. Ist doch alles wieder in Ordnung.« Tränen steigen mir in die Augen, dabei dachte ich, ich wäre ganz leer geweint. »Bitte, Tucker. Verlass mich nicht. Bitte verlass mich nicht. Bitte verlass mich nicht.«

Ich wiederhole das wie ein Gebet, aber Tucker bewegt sich nicht. Er starrt einfach an mir vorbei. Seine Augen sehen mich nicht mehr. Er ist nicht mehr da. Gott hört meine Gebete immer noch nicht. Oder ihm ist alles egal. Ich schlinge die Arme um Tuckers haarigen Körper und ziehe ihn auf meinen Schoß. Vergrabe mein Gesicht in der weichen Kuhle an seinem Hals und schluchze.

»Wieso denn hier, Tuck? Ich will hier nicht sein. Überhaupt nicht. Bloß nicht hier.«

So sitze ich eine Weile lang, weine in sein Fell und wiege den leblosen Körper des großartigsten Hundes in der Geschichte der Hunde. Mein Beschützer. Mein Freund.

Mein Blick ist vom vielen Weinen verschwommen, als ich aufschaue und den Grabstein vor mir anstarre – den Stein, unter dem ich die Nacht über geschlafen habe, den Stein, unter dem Tucker gestorben ist. Ich lese den Namen, der in schönen, spitz zulaufenden Buchstaben in den Stein eingemeißelt ist.

Carolyn Riley James.

Mamas Name. Mein Name. Ein Name, der uns verbindet. So wie Danny und Papa durch ihren Namen verbunden sind. Direkt unter dem Namen stehen ein Tag und ein Monat, unser Geburtstag – noch etwas, das uns verbindet. Dann kommt das Jahr, in dem Mama geboren wurde. Ein Stück weiter ist noch ein Datum eingemeißelt, es liegt ungefähr vier Monate zurück. Da war ich zum letzten Mal hier. Auf ihrer Beerdigung. Und ganz unten auf dem Grabstein stehen vier Wörter, die meine löchrige Erinnerung auf Hochtouren bringen.

SCHLAF GUT, MEIN SCHATZ.

Ich halte Tucker fest im Arm, und während ich sanft sein Fell streichle, strömt mir wieder die Seele aus den Augen. Ich summe ein Lied für ihn, mein Lied, das Lied, das sich Mama für mich ausgedacht hat. Jetzt erinnere ich mich wieder. An alles. Wie Mama immer schwächer und kränker wurde; wie sie zur Chemotherapie (und nicht wegen irgendeinem Job auf Zeit) ins Krankenhaus nach Upton musste; an ihre schönen langen Haare, die immer dünner wurden und dann ausgefallen sind; an den Abend, an dem sie gestorben ist – Danny und ich waren bei Oma und Opa, als Papa angerufen hat; an Omas lautes Schreien und Klagen, das mir so Angst gemacht hat und daran, wie Opa in seinem Fernsehsessel vor sich hin geschluchzt hat – ich hatte ihn vorher noch nie weinen gesehen; an die Totenwache bei uns zu Hause, bei der Mama aufgebahrt im Sarg gelegen hat – und nicht zum Ausruhen auf dem Sofa; an Schwester Grimes und die Frau vom Prediger, die sich in Mamas Küche um die von den Leuten mitgebrachten Speisen gekümmert haben; an die Beerdigung in der North Creek Church of God, die so voll war wie nie. Ich erinnere mich an alles, obwohl ich es nicht will. Die Erinnerungen kommen aus dem dunklen Winkel in meinem Hirn, wo ich sie monatelang eingesperrt hatte. Und ich schaue nicht weg; ich streichle immer weiter Tuckers Fell und singe ihm Mamas Schlaflied vor und lasse das, was wirklich passiert ist, endlich frei in mir hochsteigen.

»Riley!«

Vom Waldrand her höre ich meinen Namen, was mich ziemlich verwirrt. Es klingt nicht so, wie wenn die Flüsterer ihn rufen, außerdem weiß ich inzwischen, dass es sie gar nicht gibt. Erst als die Stimme zum zweiten Mal ruft, erkenne ich sie und schaue zum Wald.

Dylan rennt auf mich zu, mit zwei Rucksäcken über der Schulter, an der außerdem auch noch seine Flinte baumelt. Ich lege mein Kinn auf Tuckers Kopf und starre Mamas Namen auf dem Grabstein an. Sie kommt nie mehr zurück. Und das ist meine Schuld.

»Riley?« Das Trappeln von Dylans Schritten ist jetzt ganz nah. »Alles okay mit dir? Ich hab dich überall gesucht. Dein Dad auch. Ich bin zu ihm und hab ihm gesagt, dass ich dich nicht finden kann. Er macht sich furchtbar Sorgen. Ich hab in die Luft geschossen, ich dachte, das hörst du vielleicht.«

Erst jetzt schaue ich richtig hin und erkenne, dass Dylan meinen Black-Panther-Rucksack mitgebracht hat. Er betrachtet Tucker mit großen Augen.

»Er ist tot«, sage ich zwischen zwei Schluchzern. »Sie ist auch tot.« Ich richte das Kinn auf Mamas Grabstein. »Ich hab sie umgebracht.«

Dylan lässt die beiden Rucksäcke fallen, legt die Flinte auf den Boden und geht vor mir in die Knie, genau wie ein Erwachsener das tun würde.

»Das tut mir so leid, Riley.« Er streichelt Tuckers Kopf und seine Augen werden feucht. Einen Moment später laufen ihm schon Tränen übers Gesicht, genau wie mir. Und auf einmal kommt mir Dylan gar nicht mehr erwachsen vor, auch nicht wie ein Superheld, sondern wie ein ganz normaler Junge, nicht anders als ich. Er wirft einen Blick auf Mamas Grabstein und fährt sich mit dem Handrücken über die Nase. »Aber du hast sie nicht umgebracht. Wieso sagst du so was?« Seine Stimme klingt zittrig.

Vor einer Weile wäre mir das alles viel zu peinlich gewesen. Ich hätte mich geschämt, Dylan von meinem anderen Problem zu erzählen. Aber jetzt ist es mir egal. Jetzt ist mir alles egal.

»Das hat Schwester Grimes gesagt«, erkläre ich, so fest und klar, wie ich kann.

»Was zur Hölle redest du da?« Da ist sie wieder, seine Superheldenstimme, aber die Tränen laufen ihm trotzdem noch übers Gesicht.

Ich wische mir mit dem stinkigen Ärmel von Mordecais Hemd über die Augen. »Schwester Grimes hat gesagt, es würde Mama umbringen, wenn sie rauskriegt, dass ich komisch bin. Und dann hat mich Mama erwischt, wie ich in Papas Werkzeugschuppen Kenny aus Kentucky geküsst habe. Bald danach ist sie krank geworden und am Ende gestorben, genau wie Schwester Grimes das vorhergesagt hat.«

Dylan schaut mich mit sanftem Blick an, aus tränennassen Augen. Er reagiert ganz anders auf mein Geständnis, als ich mir das vorgestellt habe. Jedenfalls wirkt er nicht schockiert oder angewidert. Er nennt mich auch nicht pervers oder rennt weg, und er haut mir auch keine rein. Das, was er tut, kommt so unerwartet, dass ich gleich wieder anfange zu weinen. Er setzt sich neben mich, den Rücken an Mamas Grabstein gelehnt, drückt meinen Kopf sanft an seine Superheldenbrust und zieht mich in seine Arme. So sitzen wir eine Weile da, während ich herausweine, was von meiner Seele noch übrig ist. Dylan hält mich. Ich halte Tucker. Und Mama hält uns alle.

Es dauert lange, bis Dylan wieder etwas sagt, aber das macht mir nichts aus, im Gegenteil. Seit Mama verschwunden ist, habe ich mich nicht mehr so geborgen gefühlt wie jetzt, wo ich mit dem Kopf an seiner Brust dasitze, in seine Arme gekuschelt. Seit Mama gestorben ist. Als mein Schluchzen endlich nachlässt, wird es still. Die einzigen Geräusche, die ich noch höre, sind der Herzschlag von Dylan und die zwitschernden Morgenvögel.

»Sie ist einfach gestorben, Riley«, haucht Dylan in mein Ohr.

Sonst geht ja immer gleich mein innerer Charlie-Brown-Übersetzer an, wenn jemand so was sagt, aber der funktioniert anscheinend nicht mehr. Ich höre klar und deutlich, was Dylan sagt. Sie ist einfach gestorben.

»Das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass sie gesehen hat, wie du einen Jungen küsst. Sie war schwer krank. Sie hatte Krebs. Monatelang ist sie zur Chemotherapie nach Upton gefahren, aber das hat nichts genützt. Es ist nicht deine Schuld. Niemand hat Schuld. Das passiert einfach so. Und weinen ist total in Ordnung, das ist nämlich wirklich eine ganz große Scheiße. Meine Mama ist genauso gestorben, schon lange her, da war ich noch ganz klein.«

Von dem, was Dylan dann tut, wird mir von Kopf bis Fuß wohlig warm. Er küsst mich auf den Kopf, genau wie Papa das getan hat, als er mich noch lieb hatte.

»Komm, ich bring dich heim, du kannst dann mit deinem Dad zurückkommen und Tucker holen.« Dylan streichelt mit der Hand über meine Brust, und dabei raschelt irgendwas in Mordecais Hemd. Ich schiebe die Hand in die Hemdtasche.

»Wo hast du das Ding denn her?«, fragt Dylan. »Das stinkt.«

»Von Mordecai Mathews«, sage ich und ziehe den Plastikbeutel heraus, den ich in der Lichtung gelassen habe.

»Mordie?«, fragt Dylan. Erst wirkt er überrascht, dann erschrocken. »Hat er dir was getan?«

Mir ist vollkommen klar, was ich sagen möchte: Nein. Der Hobgoblin ist in Wirklichkeit ein hilfsbereiter Mensch, und ich bin sicher, er hat das, was man ihm anhängen will, nie gemacht. Mama hat ihm jedenfalls geglaubt, und ich glaube ihm auch. Wie die Leute ihn behandeln, ist furchtbar.

Aber ich sage gar nichts, sondern starre nur auf das, was in dem Plastikbeutel ist. Der Zettel mit dem Wort PRIVAT, in dickem Filzstift geschrieben, verdeckt den Blick auf Opas Schweizer-Armeemesser und Mamas Ehering nämlich nur teilweise.