4   5-4 -3-2-1-Obstsalat

Ich sitze am Küchentisch und schäle Äpfel mit Opas geliebtem alten Taschenmesser, einem echten Schweizer-Armeemesser. Wenn ich rüberkomme, lässt er mich immer damit spielen, aber mitnehmen darf ich es nicht. Oma fände es besser, wenn ich ein Schälmesser nehmen würde, aber dieses Messer liegt mir perfekt in der Hand, und wenn ich es benutze, fühle ich mich wie ein richtiger Schweizer Offizier. Keine Ahnung, wie die Soldaten aus der Schweiz mit so einem kleinen Ding ihr Land verteidigen wollen, aber es ist wirklich sehr praktisch. Der Griff ist aus Holz, nicht aus Plastik wie bei den neuen. Weil Opa das Messer jahrzehntelang benutzt hat und sein Vater vor ihm auch, ist das Holz schön geschmeidig.

Mein Uropa hat ihm das Messer gegeben, als Opa in den Krieg gezogen ist. Das ist auch schon so ungefähr alles, was Opa überhaupt vom Krieg erzählt. Ich weiß nicht mal, welcher Krieg das gewesen sein soll, es hat ja ziemlich viele gegeben. Ich hoffe nur, dass Opa mir das Messer schenkt, wenn ich vierzehn werde, damit ich es benutzen kann, wenn ich mit meinem besten Freund Gary im Wald campen gehe. Das wird wahrscheinlich so sein, denn Danny hat von Opa zu seinem vierzehnten Geburtstag die alte Zwölf-Kaliber-Schrotflinte von Onkel Mike bekommen. Seitdem ist es Dannys Mission, die Erde von Eichhörnchen zu befreien. Im Umkreis von acht Kilometern um unser Haus ist wahrscheinlich kein einziges mehr übrig. Aber ich will kein Gewehr. Waffen machen mir Angst, mehr als anderen Jungs. Mama mag sie auch nicht, sie hat sich gar nicht gefreut, als Danny die Schrotflinte von Opa bekommen hat.

»Wie viele sind das?«, fragt Oma. Ihre Gesichtszüge sind irgendwie nach unten gesackt, schon seit Monaten.

»Zwei«, antworte ich.

Ich weiß genau, dass es nur zwei Äpfel sein sollen, trotzdem fragt sie mich zur Erinnerung jedes Mal, wenn ich beim zweiten bin. Mama nennt das passiv-aggressiv. Oma tut so, als würde ein Apfel zu viel den Ruf ihres Obstsalats für alle Zeiten ruinieren. Ihr berühmter 5-4-3-2-1-Obstsalat ist simpel, aber man muss sich genau an die Regeln halten.

Fünf Orangen.

Vier Bananen.

Drei Pfirsiche.

Zwei Äpfel.

Und eine Packung Tiefkühl-Erdbeeren von der Marke Birds Eye, halbiert und in Zuckersirup.

Andere Tiefkühl-Erdbeeren gehen einfach nicht. Oma sagt, nur mit denen von Birds Eye schmeckt der Salat so, wie er soll. Als Mr Killen die mal nicht mehr geführt hat, hat ihn Oma zwei Monate lang mit Protestbriefen bombardiert, bis er sie doch wieder angeboten hat. Sie hätte beinahe eine Petition gestartet.

Das war eins von den Wörtern aus dem Kalender – vom April, glaube ich – , aber wegen Oma wusste ich die Bedeutung schon vorher.

Eine Petition ist ein Schreiben, unter das ein Haufen Leute ihre Unterschrift setzen, wenn sie sich sehr über irgendwas ärgern und ihren Kopf durchsetzen wollen.

So wie in: Bei ihrem 5-4-3-2-1-Obstsalat kommt man Oma besser nicht in die Quere, sonst hat man gleich eine Petition am Hals, unterschrieben von allen in Buckingham County, die ihn jemals gekostet haben.

»DIE FLÖHE HUSTEN HÖREN!«, brüllt Opa von nebenan.

Er hat seinen gebratenen Speck mit rüber vor den Fernseher genommen, weil er Glücksrad gucken will, ohne den Ton bis zum Anschlag hochzudrehen. Ab und zu ruft er aus dem Nichts ein paar Wörter, weil er bei den Rätseln miträt. Das klingt ziemlich verrückt, aber Oma und ich kümmern uns nicht weiter darum.

Es gibt etwas, das ich Oma gern fragen möchte, aber ich habe Angst, dass sie vielleicht anfängt zu weinen. Ich hasse es, wenn Oma weint, und in den letzten vier Monaten hat sie das oft getan. Sie versucht es nicht mal zu verstecken, sondern heult einfach los. Vor allen Leuten, als ob sie stolz drauf ist. Früher konnte das auch im Gottesdienst passieren, aber seit Mama weg ist, hat Oma keinen Fuß mehr in eine Kirche gesetzt. Anscheinend ist sie wütend auf Gott, weil er ihr beide Kinder genommen und ihre Gebete nicht erhört hat, sie gesund wieder nach Hause zu bringen. Das kann ich gut verstehen.

Ich wische die Messerklinge an einem Geschirrtuch ab und sehe sie an. »Hast du Mama, als sie noch klein war, die Geschichte von den Flüsterern erzählt?« Ich weiß genau, dass sie das getan hat, aber ich muss mehr erfahren, und dafür brauche ich einen Anfang.

Omas Gesicht sackt noch mehr nach unten, doch sie zwingt sich zu lächeln. Ihre Augen werden sofort feucht, aber bis jetzt ist noch keiner von Omas großen Tränenausbrüchen in Sicht.

»Das habe ich, ja«, sagt sie. »Genau wie meine Mutter sie mir erzählt hat, und die hatte sie selbst auch von ihrer Mutter.«

Sie schüttet die aufgetauten Erdbeeren aus der Packung in die große Schüssel mit fein geschnittenem Obst und rührt alles mit einem riesigen Holzlöffel durch.

Dann schaut sie blinzelnd von der Schüssel auf, und aus ihrem linken Auge rollt eine einzelne Träne. »Wieso fragst du das?«

»Ach, egal«, sage ich, strecke die Hand nach unten und kratze Tucker am Kopf. Er schnauft vor Behagen, und als ich aufhöre, schüttelt er seine Mähne, als ob ich ihm die Frisur durcheinandergebracht hätte oder so. Oma gibt Obstsalat in ein Schälchen und stellt es vor mich hin.

»Hast du jemals gedacht, dass es die wirklich gibt?«, frage ich.

Sie nimmt einen Löffel vom Abtropfständer und reicht ihn mir. »Wen denn?«

Vor lauter Ungeduld entwischt mir ein Seufzer. Mama findet mich öfter mal ungeduldig; sie sagt, dass ich das von Papa habe. Immerhin etwas, das er mir vererbt hat. Alles andere hat Danny gekriegt – das Aussehen und das Talent für Sport und für die Jagd. Sogar Papas Namen.

»Die Flüsterer«, sage ich. »Meinst du, es gibt sie wirklich?«

Ich starre sie an, während ich einen übervollen Löffel Obstsalat in meinen Mund bugsiere. Zum Langsam-Essen ist er viel zu gut – die cremig-weichen Bananen, die erfrischenden Orangen, die leicht knackigen Äpfel, die überreifen Pfirsiche mit ihrem intensiven Geschmack, und alles zusammen durchzogen von süßem Erdbeersirup. Das schmeckt so unglaublich lecker, dass mir der Kiefer fast ein bisschen wehtut.

Endlich kommt eine Antwort von Oma, ziemlich klar und direkt. »Natürlich gibt’s die.«

Ich wische mir den Mund mit einem Küchentuch ab und schlucke meinen halb zerkauten Obstsalat runter. »Du meinst ganz in echt? Wie sehen sie aus? Wie groß sind sie? Wo leben sie?«

Oma antwortet nicht, sondern schaut zum Herd, wo das Wasser in einem Stieltopf voller Teebeutel wie wild zu blubbern beginnt.

»GRIMMS MÄRCHEN, DU SCHAFSKOPF! IST DOCH KLAR

Oma wackelt zum Herd und nimmt den heißen Topf mit einem gequilteten Topflappen von der Platte. Sie ist schon immer klein und rund gewesen, aber neuerdings kann sie nicht mehr gut laufen. Probleme mit den Knien. Probleme mit den Knöcheln. Blutende Krampfadern. Oma ist eindeutig das, was man einen Hypochonder nennt.

Ein Hypochonder ist ein Mensch, der behauptet, jede Krankheit unter der Sonne zu haben, egal ob er wirklich daran leidet oder nicht. Aber das heißt nicht, dass diese Leute schlecht sind. Sie können einfach nicht anders.

Natürlich ist nach Mamas Verschwinden mit Oma alles noch schlimmer geworden. Davor war sie ziemlich aktiv. Früher ist sie im Sommer sogar mit Danny und mir ins Schwimmbad nach Upton gefahren. Jetzt verlässt sie das Haus nur noch einmal im Monat. Sie fährt dann zu Miss Ethels Friseursalon und lässt sich die Haare färben und legen oder geht zu irgendwelchen Ärzten. Das Einkaufen erledigt Opa. Bloß kriegt er das nie richtig hin.

Ich sitze ganz geduldig da, während Oma mit der Rückseite einer Gabel die Teebeutel ausdrückt, damit auch noch der allerletzte Tropfen Geschmack im heißen Wasser landet.

»Man darf auf keinen Fall verschwenderisch sein«, erklärt sie.

So redet sie, wenn sie besonders gebildet klingen will. Sie wäre gerne Lehrerin geworden, aber sie ist die Älteste von sechs Geschwistern, und ihr Papa hat sie nach dem Tod ihrer Mutter aus der Schule genommen, damit sie sich um die Kleinen kümmern konnte.

Sie schüttet den Tee aus dem Stieltopf in eine Kanne, dabei zittern ihre Hände ein bisschen. Dann tut sie zwei große Löffel Zucker in den Tee und gibt kaltes Wasser dazu.

»In Afrika hungern die Kinder, das weißt du ja«, ergänzt sie.

Irgendwie bezweifle ich, dass die hungernden Kinder in Afrika unbedingt gezuckerten Eistee brauchen. Ihre Gebete hört Gott wohl auch nicht. Aber statt etwas in der Art zu sagen, versuche ich, Oma wieder auf Kurs zu kriegen. Auf meinen Kurs.

»Oma?«

Sie rührt weiter, während sie mich ansieht. »Was denn, Schätzchen?«

Ich atme tief durch, damit das, was ich sage, nicht ärgerlich oder respektlos klingt, obwohl Papas Ungeduld in meinen Adern pocht. »Die Flüsterer. Hast du mal einen gesehen?«

»Na ja«, antwortet sie nach einer Weile. »Ich kann nicht behaupten, dass ich wirklich mal einen zu Gesicht gekriegt hätte.«

Ich seufze enttäuscht. »Woher weißt du dann, dass es sie gibt?«

Sie stellt den Herd aus, wackelt wieder zum Tisch und setzt sich mir gegenüber. Dann schaut sie mir direkt ins Gesicht, mit finsterer Miene. »Meine Mama hat gesagt, sie hätte sie mal gesehen. Die wären hässlich wie die Nacht, hat sie gemeint. Klein, das ja, aber mit krummen gelben Zähnen und Hörnern auf den kahlen Köpfen und mit Flügeln, scharf wie Rasierklingen.«

Ich starre sie mit offenem Mund an. Irgendwie erwarte ich, dass sie gleich loslacht, so wie manchmal, wenn sie mich nur an der Nase herumführen will, aber das tut sie nicht.

»Und dann gibt’s natürlich noch die Hobgoblins.« Sie steht auf, um mein leeres Schälchen zur Spüle zu bringen.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass ich sie richtig verstanden habe. »Die Hob … – was?«

»Hobgoblins«, sagt sie und spült mein Schälchen aus, als wäre es vollkommen normal, mit einem elfjährigen Enkel über die Existenz von furchteinflößenden Fabelwesen zu sprechen. »Die wohnen auch im Wald, so was wie Kobolde. Große, böse alte Kerle. Und was die fressen, willst du lieber gar nicht wissen.«

Ich kann nicht anders, als zu fragen: »Was denn?«

Sie wirft mir einen Blick über die Schulter zu. »Sieh lieber zu, dass du nie einem begegnest, mein Junge.«

Ich schlucke. »Hast du denn schon mal einen gesehen von diesen … Hobgoblins?«

»PRÄSIDENT DER VEREINIGTEN STAATEN!«, brüllt Opa drüben vorm Fernseher.

Oma wischt sich die Hände an dem Geschirrtuch ab, das ihr über der Schulter hängt, und ihre Augen werden glasig.

»Oma«, sage ich.

Sie sieht mich an, doch ihr Blick wirkt jetzt ganz abwesend. »Was denn, Schätzchen?«

Mist.

»Die Hobgoblins«, sage ich vorsichtig. »Du hast mir was von den Flüsterern und den Hobgoblins erzählt. Die im Wald wohnen.«

Ihr Gesicht wird runzlig vor lauter Verwirrung – den Ausdruck habe ich in letzter Zeit schon öfter gesehen. Im einen Moment ist sie blitzgescheit und im nächsten wie im Nebel. Wahrscheinlich liegt das an der Schuhschachtel voller Pillendosen, die sie auf dem Couchtisch stehen hat. Wir reden nicht drüber, nicht mal wenn Oma offen und vor allen Leuten darin herumkramt.

»Ist doch egal«, sage ich. Ich will sie nicht noch mehr verwirren. »War nicht so wichtig.«

Sie lächelt schwach und wischt dann den Küchentresen ab, so als ob sie unser Gespräch aus dem Gedächtnis streichen könnte. Aber mir hat sich das eine Wort tief eingebrannt.

Hobgoblin.