Am Donnerstag ist Nell nicht von der Arbeit nach Hause gekommen. Das war vor vier Tagen. Vier Tage. Und jetzt höre ich zum ersten Mal davon.
Ich packe die Einkäufe aus und fluche über eine geplatzte Joghurtpackung, als mein Telefon klingelt und mich die Mitbewohnerin meiner Tochter – eine extrem schüchterne Krankenschwester namens Clodagh – fragt, ob ich wisse, wo Nell sei.
Ich sehe zur Uhr. Es ist Viertel nach sieben abends. Nell arbeitet normalerweise bis sieben. Manchmal länger. Jedenfalls ist es eine komische Zeit für Clodagh, sich um Nells Verbleib zu sorgen.
Es ist überhaupt komisch, dass Clodagh mich anruft. Ich bin wahrlich keine Helikopter-Mutter, und Nell ist ausgesprochen eigenständig, seit sie vor Jahren von zu Hause auszog. Es kommt häufig vor, dass wir eine Woche oder länger nichts voneinander hören.
»Ich nehme an, sie arbeitet länger oder kauft noch kurz bei Tesco ein«, sage ich, greife mir ein Stück Küchenpapier und wische einen Klecks von dem griechischen Joghurt von Marks & Spencer auf, bevor er auf meiner Arbeitsplatte fest wird oder Harry Styles – der flauschige, dreifarbige Kater, den Nell nach ihrem Teenagerschwarm benannte – ihn aufschlecken kann.
Ich bin genervt, weil ich mir jetzt etwas anderes fürs Frühstück morgen überlegen muss. Da sind all die frischen Beeren, die gegessen werden wollen …
Mir wird bewusst, dass Clodagh stammelnd antwortet, und etwas an ihrem Tonfall lässt mich aufmerken. Ich blinzle, als könnte ich so die nicht gehörten Worte zurückholen.
Hat sie gesagt, dass Nell nicht bei der Arbeit war? Ich scheuche Harry Styles weg, lege das Küchenpapier hin und drehe mich mit dem Rücken zur Arbeitsplatte. Als ich zur Wanduhr schaue, sehe ich, dass es dreizehn Minuten vor acht ist.
»Ist sie krank?«, frage ich. Bei meinem letzten Gespräch mit Nell hatte sie erzählt, dass sie das häufigste aller Leiden plagte: Dauermüdigkeit. Ich hatte ihr gesagt, dass sie mal zu ihrem Arzt gehen soll. In meinem Alter permanent erschöpft zu sein, ist eine Sache, aber so sollte es keiner Zweiundzwanzigjährigen gehen.
Sie hatte gelacht. »Mum, bei der Arbeit sehe ich den ganzen Tag Ärzte. Alles gut, ich bin nur müde. Es ist Winter! Wir haben unglaublich viel zu tun, und es fällt ständig jemand wegen Krankheit aus. Aber mir geht es gut, ehrlich. Oder zumindest so gut wie allen Krankenschwestern dieser Tage. Ich brauche eine Woche in der Sonne, weiter nichts.«
»Nein. Nein. Na ja, ich weiß nicht«, unterbricht Clodagh meine Gedanken, und ihr Ton scheint noch dringlicher zu werden. »Also haben Sie sie heute nicht gesehen?«
»Nein«, antworte ich. »Ich habe sie nicht mehr gesehen seit … heute vor einer Woche? Da war sie hier, um irgendwas aus ihrem Zimmer zu holen. Schuhe oder so.«
Jetzt fällt es mir wieder ein. Es waren diese entsetzlichen klobigen Plateaustiefel. Irgendwann bricht sie sich in denen noch die Knöchel, da bin ich mir sicher.
»Aber haben Sie mit ihr gesprochen? Oder von ihr gehört? Eine Textnachricht oder eine WhatsApp?«
Ich schüttle den Kopf, als könnte sie mich sehen. »Nein. Seit einigen Tagen nicht mehr. Warum?«
»Wie viele Tage sind einige?«, fragt Clodagh, und mir wird klar, dass etwas nicht stimmt.
»Weiß ich nicht. Ich kann nicht klar denken. Ich glaube nicht, dass ich sie gesprochen habe, seit sie hier war. Was ist los, Clodagh?« Mir entgeht nicht, dass mein Tonfall zu schroff ist. Hinreichend schroff, dass Harry Styles einen Buckel macht und mich angewidert ansieht.
»Dann haben Sie sie seit Donnerstag nicht gesehen? Oh, Mist!«
»Clodagh«, entgegne ich, als versuchte ich, zu einem Kleinkind durchzudringen, »sagen Sie mir, was los ist.«
Ich fühle, wie sich meine Nackenhaare aufstellen und mir Kälte den Rücken hinaufkriecht.
»Sie, na ja, sie ist am Donnerstag nicht von der Arbeit nach Hause gekommen, und ich habe gedacht, dass sie, ähm, vielleicht noch bei Rob ist.«
»Wer ist Rob?«, frage ich und komme mir schlagartig wie die schlimmste Mutter aller Zeiten vor, weil ich keine Ahnung habe, wer dieser Mensch im Leben meiner Tochter ist.
»Rob. Sie hat ihn vor einigen Wochen kennengelernt. Auf Tinder. Es lief gut zwischen ihnen. Deshalb dachte ich, sie ist vielleicht, Sie wissen schon, bei ihm. Sie wissen doch, wie das ist, wenn man frisch zusammen ist.«
Es ist sehr, sehr lange her, seit ich frisch mit jemandem zusammen war, aber ich erinnere mich gut genug, um zu verstehen, was sie meint. Und ich denke ungern an meine Tochter in dieser Situation. Vollkommen lustgesteuert. Diesen Gedanken schüttle ich gleich wieder ab, und mir ist kalt. Ich sollte die Heizung anstellen. Es kühlt rapide ab. In der Nacht wird es wohl wieder Frost geben.
Ist meine Tochter irgendwo da draußen in der Kälte?
»Aber sie ist nicht bei diesem Rob?«, frage ich, was dämlich ist. Clodagh würde mich wohl kaum anrufen, wenn sie es wäre.
»Nein, oder ich denke nicht, denn Jenny von der Arbeit hatte am Samstagabend ein Date mit ihm, und da hat er bei ihr übernachtet«, sagt Clodagh, und ich frage mich, ob ich ein Schluchzen höre. »Ich habe jeden angerufen, der mir einfällt, und keiner hat sie gesehen oder von ihr gehört. Und sie ist heute nicht zur Arbeit gekommen, hat sich aber auch nicht krankgemeldet …«
Mir beginnt der Kopf zu schwirren. Ich klammere mich mit einer Hand an der Arbeitsplatte fest, um etwas Reales zu halten. Greifbares. Und ich hoffe, dass meine Hand direkt hindurchschwimmt, weil dies alles Teil eines Traums ist.
Aber ich fühle den kalten Granit an meiner Haut.
Dies ist real.
»Seit Donnerstag?«, platze ich heraus. Meine Kehle ist eng.
»Und sie ist auch nicht auf ihren Seiten in den Social Media gewesen«, sagt Clodagh. Jetzt ist deutlich zu hören, dass sie weint.
Ich blicke zu meinen Schlüsseln, zu meiner Tasche, die ich auf die Arbeitsplatte geworfen hatte, und zu den halb leeren Einkaufstaschen. Dem abgelegten Küchenpapier. Alles schaue ich an, ohne hinzuhören, was Clodagh noch sagt. Stattdessen sage ich zu ihr, sie solle die Polizei rufen und ich sei gleich da.
Harry Styles maunzt laut, als ich gehe, ohne ihm vorher sein Abendessen hinzustellen. Er kann den blöden griechischen Joghurt haben. Alles andere muss warten. Ich fluche, als ich warte, dass sich mein Handy mit dem Bluetooth meines Wagens verbindet. Normalerweise dauert es nie so lange, aber heute natürlich schon.
Schließlich tippe ich die Sprachsteuerung an und befehle dem Wagen, Nell anzurufen. Lausche der Automatenstimme, die mir sagt, dass sie angerufen wird. Ich will schreien, dass sie still sein soll, weil ich die Stimme meiner Tochter hören will. Nein. Ich muss ihre Stimme hören. Und da ist sie, das »Hallo«, das ich hören muss, und ich atme auf, bis sofort folgt: »Sorry, ich kann gerade nicht rangehen.«
Ich unterdrücke ein Schluchzen, knalle den Rückwärtsgang rein, und mein Bein zittert, als ich die Kupplung kommen lasse.
Ich rufe meinen Mann an. Vielleicht hat er mit ihr gesprochen. Er müsste auf der Rückfahrt von der Arbeit sein. Ich frage mich, wie viel ich sagen soll, denn er muss von Belfast herfahren, und das bei heikler werdenden Straßenverhältnissen. Ich will nicht, dass er vor lauter Panik einen dummen Fehler macht.
»Stephen«, sage ich und zwinge mich, ruhig zu sprechen, »ich wollte nur fragen, ob du heute oder am Wochenende etwas von Nell gehört hast.«
»Am Wochenende?« Ich höre das Ticken seines Blinkers und das Schaben und Stocken seiner Scheibenwischer.
»Ja«, sage ich und bemühe mich, nicht ungeduldig zu sein, obwohl ich schreien möchte.
»Nein, ich bin mir ziemlich sicher. Mal überlegen. Ich würde auf meinem Handy nachsehen, aber ich sitze im Auto. Warum? Ist alles okay?«
Ich beschließe, ihn zu belügen. Meinen Mann. Meinen Partner seit siebenundzwanzig Jahren. Es wird ihm nicht gefallen. Genau genommen wird er es hassen, aber ich denke an ihn am Steuer seines Wagens. Seine müden Augen. Sein grau meliertes Haar, das weniger meliert als grau ist. Die Falten in seinen Augenwinkeln. Das Pendeln fällt ihm zusehends schwerer, aber er will es nicht zugeben. Nell nennt ihn einen sturen alten Bock.
»Ja«, sage ich. »War nur eine Frage. Nichts Dringendes. Ich fahre bei ihr vorbei. Einfach mal nach ihr sehen. Wie wäre es, wenn du auch hinkommst?«
Es ist eine lächerliche, nein, eine grausame Lüge, denke ich, als ich ihn mir vorstelle, wie er bei ihr ankommt und sie nicht da ist. Vielleicht wird stattdessen die Polizei dort sein. Aber so schlimm, wie die Dinge stehen, brauche ich ihn bei mir. Nell ist ebenso sehr Teil von ihm wie von mir. Sie ist das Bindeglied zwischen uns.
»Herrgott, Marian, ich bin müde, und es wird eine höllische Fahrt. Ich will bloß noch nach Hause.«
»Bitte«, sage ich, und mir ist schleierhaft, wie ich verhindere, dass meine Stimme kippt.
»Himmelherrgott.« Er seufzt. »Wenn du mich dann zufriedenlässt, na gut, ich komme vorbei. Aber nur ganz kurz.«
Mein Magen verkrampft sich bei seinem Ton, und ich spüre, wie hinter meinen Augen pochende Kopfschmerzen einsetzen.
»Danke«, sage ich und dass wir ihn bald sehen. Wir. Als wäre ich sicher, dass Nell dort sein würde, was ich selbstverständlich nicht bin.
Zu meiner Überraschung bin ich den Tränen nahe. Ich bin keine Heulsuse. So eine Frau bin ich nicht. Ich bin keine Mutter, die sich bei Schulaufführungen vor Stolz die Tränen wegtupfen musste oder weint, wenn sie Babyfotos betrachtet. Ich kann konzentriert bleiben und logisch an Dinge herangehen. So musste ich sein, als Nell klein war.
Aber jetzt? Es ist, als würde ich tief in meinem Innern wissen, dass etwas nicht stimmt.
Die emotionale Nabelschnur, von der ich glaubte, ich hätte sie gar nicht, verbindet mich doch mit meinem Kind und flutet mich jetzt mit all den Gefühlen, all den Momenten, die heute lediglich Erinnerungen sind. Ein Gefühl, dass es vielleicht keine weiteren Erinnerungen geben wird – jedenfalls keine guten.
Ich lege eine Hand auf meinen Bauch. Warum, weiß ich nicht. Es ist, als hoffte ich, dort eine Bewegung zu spüren. Einen Tritt. Ein Lebenszeichen. Aber natürlich ist das absurd, denke ich kopfschüttelnd und versuche, mich auf die Fahrt vor mir zu konzentrieren. Es wird nicht passieren. Wird es nie.
Ich befehle meinem logischen Ich, wieder zu übernehmen. An das zu denken, was ich tun kann. Was ich ändern kann. Gefühle helfen mir jetzt nicht. Vorerst muss ich so schnell wie möglich zu Nell und mit Clodagh und der Polizei reden.
So liebenswert Clodagh auch sein mag, man kann sich nicht auf sie verlassen, selbst eine Suche einzuleiten. Sie ist ein reizendes Mädchen, neigt jedoch zur Hysterie. Könnte es nur Hysterie sein? Wird ihr wieder einfallen, dass sie gestern erst mit Nell gesprochen, und sie sich mit einer »Ich Dussel«-Geste an die Stirn geschlagen hat?
Nein. Ich greife nach Strohhalmen. Und das tue ich grundsätzlich nicht. Aber dies hier ist anders. Es ist mein Kind. Mein Magen verkrampft sich wieder.
Noch einmal rufe ich Nells Nummer an. Höre ihre Stimme, die mir sagt, dass sie mich zurückruft. Ihre jugendliche, vielversprechende Singsangstimme. Ich überlege, eine Nachricht zu hinterlassen. Sie anzuflehen, sich zu melden. Ihr zu befehlen, dass sie tut, was ihr gesagt wird.
Aber ich flehe oder weine nicht. Ich beende das Gespräch und konzentriere mich aufs Fahren, das Schalten, das Bremsen und das Beschleunigen, was mühsamer als sonst ist. Das hier darf nicht passieren.