Kapitel acht

Er

Zwei Monate zuvor

Er hat es wieder getan. Auf dem Heimweg von der Arbeit. Natürlich nicht auf derselben Strecke. Er muss vorsichtig sein. Noch probt er.

Es ist ein kalter Abend, nass und windig. Er war nicht sicher, ob er bei dem Wetter und um die Zeit jemanden findet. Aber da war sie. Diesmal war es anders. Etwas stimmte mit der Frau nicht. Sie stolperte ein bisschen, und ihre Schritte in den hohen Schuhen wirkten unsicher, als hätte sie die zum ersten Mal an.

Sie trug einen kurzen Rock und eine kurze wattierte Jacke. Ihr Haar wehte ihr ums Gesicht. Der Wind peitschte den Regen gegen ihre nackten Beine. Ihr muss eiskalt gewesen sein.

Zuerst war sie nicht schneller geworden. Ihm ging auf, dass der Wind wahrscheinlich das Geräusch seiner Schritte übertönte. Und so, wie sie ging, dachte er, dass sie getrunken oder Drogen genommen haben musste.

Es wäre leicht, das Ganze zu eskalieren, dachte er. Ihr ein bisschen dichter auf die Pelle zu rücken. Bestimmt könnte er nach vorn greifen und sie berühren. Sie packen und zusehen, wie sie sich ängstlich umdreht, nur um dann zu lächeln und sich eine Entschuldigung auszudenken, nach dem Weg zu fragen oder so. Hatte er erst die Angst in ihren Augen gesehen, war sein Bedürfnis befriedigt.

Am Ende hatte er sich aber gegen eine Berührung entschieden. Noch nicht. Er hatte es genauso gehalten wie am Abend vorher. Und es war wunderbar gelaufen. Genau, wie er gehofft hatte.

Das heißt, bis sie versucht hatte, hastig seiner Nähe zu entkommen, und auf ihren schwindelerregend hohen Absätzen umgeknickt war. Er hatte zugesehen, wie sich ihr Knöchel unter ihr wegbog, und sie musste ihren Sturz mit einer Hand abfangen. Er hatte gehört, wie sie auf dem nassen Asphalt des Gehsteigs landete.

Da musste er eine Entscheidung fällen. Er musste wählen, ob er zu ihrer Rettung kam oder weiterging. Er hatte beobachtet, wie sie sich im strömenden Regen aufsetzte und ihren Knöchel rieb. Und da beschloss er, sie sich selbst zu überlassen. Er hatte ja nichts getan, außer für ihr Empfinden ein wenig zu nahe hinter ihr zu gehen. Sie hatte entschieden, ihn als Bedrohung anzusehen, wie er schon geahnt hatte. Sollte sie sich allein wieder aufrappeln.

Doch es hat ihm gefallen, denkt er nun, als er seine Haustür aufschließt. Er hat es genossen, sie so wehrlos zu sehen. Es hat einen Kitzel in ihm ausgelöst, dass sie ihre Strafe bekommen hat. Sie ist unglaublich dumm gewesen. Spätabends nach Hause zu gehen, angezogen wie eine Prostituierte. Was hatte sie denn erwartet?

Er geht nicht in die Küche oder schaut ins Wohnzimmer, ob Jade und Cormac fernsehen. Gut möglich, dass sie in Jades Zimmer sind oder um diese Zeit vielleicht schon schlafen. Er ist versucht, Jades Tür zu öffnen, nur um nachzuschauen, ob sie dort waren, zusammen. Das hatte er schon einmal gemacht – am späten Abend ihre Tür geöffnet und sie in der Dunkelheit betrachtet, als er wusste, dass sie schlief. Ihr Haar war aufgefächert auf dem Kissen, die Decke halb weggestrampelt und ein langes, muskulöses Bein gekrümmt obendrauf, als Jade auf der Seite lag. Sie hatte nur ein kleines Trägerhemd und einen Slip an. Er hatte dagestanden und die Kurve ihres Hinterns sowie den Schatten zwischen ihren Beinen bewundert.

Aber nein, das tut er heute Abend nicht. Er will nicht riskieren, sie zu wecken oder Cormac wütend zu machen. Er will das High dessen, was eben war, auskosten. Also geht er direkt in sein Zimmer, schaltet seinen Laptop ein und loggt sich in seinen Chatroom ein.

Er tippt seine Version dessen ein, was war, schmückt es nicht aus. Hält es realistisch. Er muss nichts ausschmücken, denkt er. Wieder benutzt er #IchhabedieMacht und drückt auf Enter, um es zu posten. Erst dann geht er duschen und denkt an all die Antworten, die hinterher auf ihn warten.

Er fühlt sich gut.

Er hat die Kontrolle.

In seinen Boxershorts und einem alten T-Shirt setzt er sich wieder an seinen Schreibtisch und sieht sich seinen Post an, um die Reaktionen zu lesen. Die Ermutigungen befeuern ihn. Dass er »eine Legende« genannt wird. Von Männern, die sagen, sie versuchen es vielleicht selbst mal.

Ein Post jedoch geht ihm unter die Haut. Er beginnt, ihn zu lesen, erwartet mehr Lob. Doch stattdessen ist da ein Meme vom Mastermind -Stuhl. Darüber steht in weißer Schrift: Und mein gewähltes Spezialgebiet sind Dinge, die nie wirklich passiert sind.

Er will den Absender fragen, warum er ihm nicht glaubt. Ihm sagen, dass er sich verpissen soll. Er will hundert Argumente anbringen, warum der Typ sich irrt. Aber dann sieht er, dass die Antwort eine Handvoll »Likes« bekommen hat. Der mysteriöse Absender ist nicht der Einzige, der seine Geschichte anzweifelt.

Er wird etwas tun müssen, bald, um ihnen zu beweisen, dass er es ernst meint. Dass er das hier macht. Dass es so berauschend ist, wie er sagt.

Er wird es ihnen zeigen, und dann lachen sie nicht mehr über ihn. Er muss bloß überlegen, was.