Es gibt mehr Fragen als Antworten. Ich schätze, darauf müsste ich gefasst sein. Heather bleibt da, macht Tee oder Kaffee. Irgendwann ist sie kurz gegangen und hat Schokokekse gekauft. Ich musste dem Impuls widerstehen, ihr zu sagen, dass sie sich die sonst wohin stecken kann. Sie scheinen zu normal für die irrsinnige Situation. Muten zu sehr wie eine Belohnung an. Alles hier kommt mir wie ein Theaterstück vor.
Ich habe es geschafft, zu duschen und mich anzuziehen. Sicher ist Stephen froh darüber – und wohl auch sonst jeder. Aber es ist höchstens eine Katzenwäsche, wie meine Mutter gesagt hätte. Und ich schminke mich nicht und föhne mir auch nicht die Haare. Ich bin sauber und habe frische Kleidung an. Das ist genug der Mühe.
DS King ist vor einer halben Stunde gekommen. Sie sieht aus, als würde sie denselben Hosenanzug wie gestern Abend tragen. Wobei ich mich nicht allzu gut an Details erinnere. Mir fällt auf, dass sie müde wirkt. Ich finde das seltsam tröstlich.
Sie bestätigen, dass Nell gestern nicht zur Arbeit erschienen war. Für den Fall, dass es sich um einen Sturm im Wasserglas handelt, haben sie heute Morgen auch im Krankenhaus angerufen, ob sie zur Arbeit gekommen ist. Aber nein. Meine Tochter wird noch vermisst.
Sie haben die Kontaktdaten zu diesem »Rob« herausgefunden, und jemand ist unterwegs, um bei seiner Arbeitsstelle mit ihm zu sprechen. Er ist nicht polizeibekannt, erzählt DS King uns. Anscheinend ist er ein ziemlich unauffälliger Büroarbeiter – im Staatsdienst. Andererseits haben Sexualstraftäter auch eher kein Zeichen über dem Kopf, das sie als solche ausweist. Die meisten von ihnen führen ein normales, ruhiges Leben, bis …
Sie haben mit Nells Vorgesetzten geredet, ihre Konten überprüft und sicherheitshalber auch das Krankenhaus, falls sie dort eingeliefert wurde, aber nein, wurde sie nicht. Das hätte ich ihnen gleich sagen können. Sie arbeitet in dem Krankenhaus und trug ihre Schwesterntracht, als sie zuletzt gesehen wurde. Wäre sie darin auf einer Krankentrage reingerollt worden, hätte man sofort geschaltet, dass sie eine von ihnen ist.
Und dann gehen die Fragen los. Hat sie Freunde oder Angehörige irgendwo, die sie besuchen könnte? Hatten wir gestritten, als wir uns das letzte Mal gesprochen haben? Wie war unser Verhältnis normalerweise? Hat sie schon jemals zuvor etwas Ähnliches gemacht?
Stephen erzählt ihnen von dem Mal, als sie die Schule geschwänzt hatte und mit dem Bus nach Belfast gefahren war. Da war sie siebzehn. Wie wir ein bisschen panisch wurden, als wir einen Anruf von der Schule bekamen. Ich sehe ihn wütend an. Das ist wohl kaum relevant. Das ist nicht dasselbe, und es ist fünf Jahre her. Für jemanden in ihrem Alter ist das eine halbe Ewigkeit. Sie war jung und dumm, und es war das einzige Mal in ihrem Leben, dass sie aus der Reihe getanzt ist. Ein Teil von mir bewunderte sie dafür. Fand es gut, diese rebellische Seite an ihr wahrzunehmen. Aber ich will nicht, dass die Polizei sie für eine Frau hält, die so etwas tut, und dann weniger intensiv nach ihr sucht.
»Nein«, gehe ich dazwischen. »Nein, das sieht ihr nicht ähnlich. Wir hocken uns zwar nicht ständig auf der Pelle, aber nein, sie ist noch nie tagelang verschwunden. Das passt überhaupt nicht zu ihr. Sie würde es einfach nicht tun.«
Also kommen wir zu Feinden. Familiengeheimnissen. Jemand, der einen Groll gegen sie hegen könnte. Oder gegen uns. Hat es vielleicht mal einen Vorfall mit einem verärgerten Patienten gegeben? Oder alten Schulfreunden? Ein wütender Ex-Freund? Ich schüttle den Kopf. Nichts hiervon klingt real. Nell ist schlicht kein Mensch, der Feinde sammelt. Nicht dass sie eine Heilige wäre, aber ihr Leben ist überhaupt nicht außergewöhnlich. Sie hat ihre Arbeit gemacht, ist mit Freunden ausgegangen und ist eine gute Tochter.
Mir fällt niemand ein, der etwas gegen sie haben könnte. Befremdlich, wie es ist, wünsche ich es mir, weil wir dann wenigstens irgendwo anfangen könnten. So ist es wie die Suche nach der Stecknadel in einem unendlich großen Heuhaufen.
Ich höre, dass Stephen sich räuspert, und wappne mich für das, was als Nächstes kommt. Dieses Räuspern kenne ich nur zu gut. Als er wieder spricht, ist seine Stimme klar und nur ein bisschen zu laut. Er will gehört werden – seine Dominanz klarstellen. »Wir sitzen hier und beantworten all diese dämlichen Fragen. Und Sie haben mir gesagt, dass es sinnlos ist, herumzufahren und nach ihr zu suchen, aber ich sehe keinen Hinweis darauf, dass irgendjemand aktiv nach ihr sucht. Wo suchen Sie? Was machen Sie? Der ganze ›Wir haben das im Griff‹-Unsinn; verraten Sie mir, was das eigentlich heißt!«, wütet er. Ich krümme mich innerlich, will ihm sagen, dass er sich beruhigen soll. Wir wollen uns nicht mit der Polizei anlegen oder ihnen auf die Nerven gehen.
Natürlich sage ich nichts. Es würde nicht gut ausgehen. Und so wenig ich mich mit der Polizei streiten will, mit Stephen will ich es noch viel weniger.
»Wir haben ein Team, das daran arbeitet«, antwortet DS King ihm. »Und ich muss Sie daran erinnern, dass Nell erwachsen ist und nicht als gefährdet gilt. Menschen verschwinden ständig, und das ist nicht zwangsläufig ein Hinweis darauf, dass ein Verbrechen stattgefunden hat. Aber wir glauben, dass ihr Verhalten hinreichend untypisch ist, um den Fall ernst zu nehmen. Mr und Mrs Sweeney, Sie müssen wissen, dass Sie nicht von allem erfahren, was wir tun, aber von dem, was von Bedeutung für Sie ist. Es ist wichtig, dass Sie uns zutrauen, unsere Arbeit auf unsere Art zu machen, so wie wir uns darauf verlassen, dass Sie unsere Fragen wahrheitsgemäß beantworten.«
Ich muss DS King lassen, dass sie ruhig bleibt, auch wenn ich mich keinerlei Illusionen hingebe, dass es ihr vollkommen ernst ist.
»Wir haben nur Angst«, murmle ich, und es ist das erste Mal, dass ich es laut ausspreche. Die Angst frisst mich auf. Das hier ist mehr als Sorge. Mehr als Besorgnis. Es ist kalte, harte, erdrückende Furcht. Ich habe entsetzliche Angst.
»Selbstverständlich haben Sie die«, sagt DS King sanft, während Heather mitfühlend nickt. »Und wir wollen auch nicht gefühllos sein, aber es ist wichtig, dass wir unsere Fragen stellen und die Antworten bekommen, die wir brauchen. Ich weiß, dass es sich ein bisschen zu sachlich anfühlen kann, weil es um Ihre Tochter geht, doch so viele Informationen wie möglich zu bekommen, heißt, dass wir zielgerichteter nachforschen können, um sie Ihnen bald wieder zurückzubringen.«
Stephen beißt nicht zurück. Er ist jetzt still, nickt und reibt sich das Kinn. Ich höre, wie seine Finger über Stoppeln fahren. Er muss sich rasieren. Und duschen. Mir wird klar, dass er dieselben Sachen wie gestern trägt. Und er riecht ein wenig nach altem Schweiß. Ich greife hinüber und lege eine Hand auf sein Knie, das auf und ab wippt. Er hält es still. Für einen Moment fühlt es sich an, als steckten wir wirklich gemeinsam in dieser Lage. Als könnten wir alles andere beiseitelassen und als Partner daran arbeiten, unsere Tochter wiederzubekommen.
»Also, zurück zu meinen Fragen. Fällt Ihnen jemand ein, der einen Groll gegen Ihre Tochter haben könnte?«
»Nein«, antworte ich. »Sie hat sich keine Feinde gemacht. Würden Sie sie kennen, würden Sie wissen, dass das nicht ihre Art ist.«
»Okay«, sagt DS King.
»Was ist mit festen Freunden oder Liebesbeziehungen? Gibt es in ihrer Vergangenheit jemanden Wichtiges, von dem wir wissen sollten? Auch wenn es scheint, als hätte die Beziehung freundschaftlich geendet, sollten wir mit jemandem reden?«
Ich denke an meine Tochter. Sie ist eine Romantikerin, liebt schmalzige Filme, Songs von Taylor Swift und Liebesromane. Aber sehr zu ihrem Verdruss hat sie bisher nicht den Richtigen gefunden. Sie hatte ein paar feste Freunde – mit denen sie einige Wochen oder ein paar Monate zusammen war. Aber mit keinem war es ernst genug, um mir wichtig zu erscheinen. Ich denke daran, wie ich ihr gesagt habe, sie solle nur Ruhe bewahren, denn die Liebe komme eben, wenn sie komme. Sie ist ja noch so jung.
»Keine ernsthaften Beziehungen. Ich glaube, sie hat auf die große Romanze gewartet«, sagt Stephen, und ich denke an mich in demselben Alter, als ich mich mit Leib und Seele in die große Romanze gestürzt hatte, von der ich glaubte, sie mit ihm gefunden zu haben. Und erschrecke, als er eine Hand auf mein Knie legt und es ein wenig zu fest drückt.
»Sie ist ein braves Mädchen«, fügt er hinzu, und alles in mir sträubt sich. Nell ist kein Welpe, Herrgott! Sie ist unser Kind. Sie ist unser Kind, das heute eine erwachsene Frau ist. Ich atme tief durch.
»Ja, gewiss ist sie das«, bemerkt DC Black. Es ist das erste Mal, dass er etwas sagt. Den Rest der Zeit hat er nur an der Spüle gestanden und uns beobachtet. Ich vermute, das ist sein Job. Den Raum zu lesen. Auf irgendwelche Hinweise, subtile Anzeichen zu achten. Und ich frage mich, ob er die Spannungen zwischen Stephen und mir wahrnimmt. Muss er. Die Luft in der Küche ist schwer von ihnen.
Stephen sieht ihn an, als hätte er vergessen, dass er da ist. Es sind so viele Gesichter hier gewesen und wieder verschwunden, so viele Leute, die sich mit ihren Titeln vorstellten, dass mir davon ganz schwindlig ist. Ihm wird es kaum anders gehen.
Aber DC Black ist schon bei etwas anderem und blickt auf sein Handy. Ich beobachte, wie seine Augen sich ein wenig weiten und er sich entschuldigt, um nach draußen zu gehen. Ich kann den Raum auch lesen. Ich bin zur Expertin darin geworden, die subtilsten Stimmungsveränderungen wahrzunehmen. Und ich will ihm nachgehen. Mein Gefühl sagt mir, dass es um unsere Tochter geht, und es scheint absurd, dass irgendwas, das mit ihr zu tun hat, ohne uns diskutiert wird, egal, was DS King gesagt hat. Mir wird bewusst, dass ich mich mit diesem »Sie werden nicht von allem erfahren« schwertue.
»Wir wissen durchaus, wie schwierig das für Sie ist«, sagt DS King. »Ich bin selbst Mutter und kann nachvollziehen, was Sie durchmachen. Aber vertrauen Sie mir, wir gehen es aus zahlreichen unterschiedlichen Blickwinkeln an. Wir werden umgehend eine Mitteilung an die Presse herausgeben, zusammen mit Nells Foto und der Frage, ob jemand ihren Aufenthaltsort kennt. Wir werden auch einen Suchaufruf auf den Social Media posten und in den üblichen Nachrichtenmedien. Natürlich hoffen wir, dass Nell gesund und munter da draußen ist, vielleicht ein kleines Abenteuer erlebt und sich meldet, wenn sie sieht, dass wir alle uns um sie sorgen. Was nicht heißt, dass wir nicht alles tun, was wir können, bis wir sie zurückhaben.«
Das Geräusch von DC Black, der wieder reinkommt, lenkt uns ab. Er nickt DS King zu, und sie entschuldigt sich.
Wie in einem einstudierten Skript springt Heather ein. »Versuchen Sie, nicht zu viel darüber nachzudenken, was das bedeuten könnte«, sagt sie und nickt zu den beiden, die rausgehen.
Fast bin ich versucht zu lachen. Wie sollen wir denn bitte nicht darüber nachdenken?
Ich komme nicht mal dazu, zu lachen, zu weinen oder auch bloß die Augen zu verdrehen, denn DS King ist sofort wieder da. »Okay, wir haben eben Aufnahmen einer Überwachungskamera von einem Wagen gesehen, möglicherweise ein Taxi, das Nell am Donnerstag von der Arbeit abgeholt hat. Wir versuchen, den Fahrer aufzuspüren, um herauszufinden, wo er sie abgesetzt hat. Heather bleibt hier bei Ihnen, und wir fahren los und gehen dem nach.«
Ein Funken Hoffnung regt sich in mir. Das erste Puzzleteil ist da.
Ich sehe meinen Mann an, möchte diesen ersten greifbaren Hinweis mit ihm zusammen festhalten, doch er blickt nach unten auf den Tisch, den Kopf in die Hände gestützt. Ich zucke zusammen, als er aufsteht, wobei sein Stuhl laut über die Fliesen schabt.
»Ich muss hier raus«, sagt er.
»Mr Sweeney, es wäre vielleicht klüger …«, hebt Heather an.
»Sie können mich nicht zwingen zu bleiben. Oder? Ich darf raus, wenn ich will?«
»Stephen«, flehe ich ihn an. »Heather versucht nur zu helfen. Was ist, wenn Nell sich meldet? Willst du dann nicht hier sein?«
»Ach, um Himmels willen, Marian!«, brüllt er. »Sie wird sich nicht melden. Entweder will sie es nicht oder sie kann es nicht. Du bist doch nicht dumm, Marian. Das musst du doch wissen.«
Sein Tonfall ist wie eine Ohrfeige, und ich merke, wie meine Wangen rot werden, als hätte er mich tatsächlich geschlagen. Es ist eine Sache, so in der Abgeschiedenheit unserer dysfunktionalen Familie mit mir zu reden, aber vor anderen?
Garantiert spürt Heather, dass die Spannungen zwischen uns nichts Neues sind. Dieser Ausbruch ist mehr als Panik aus der Situation heraus. So empfindet er. So denkt er über mich. Er stampft aus der Küche, und als ich die Haustür zuknallen höre, brennen Tränen in meinen Augen.
»Unterschätzen Sie nicht, welchen Stress so eine Situation für Beziehungen bedeutet«, sagt Heather sanft und voller Mitgefühl. »Ich habe schon alles gesehen und bin nicht hier, um Sie zu verurteilen.«
Ich starre sie an und glaube ihr keine Sekunde lang, dass sie nicht hier ist, um uns zu verurteilen. Vielmehr frage ich mich, wie viel sie von dem, was sie sieht, direkt ihren Vorgesetzten meldet. Sie kann unmöglich denken, dass wir naiv genug sind zu glauben, dass sie einzig hier ist, um uns beizustehen.
Trotzdem nicke ich. Es scheint mir angebracht. Ich habe Kopfschmerzen. Es ist, als wäre ein Band um meinen Kopf geschnürt, das beständig strammer wird. Ich wünschte, ich könnte auch rausstürmen. Frische Luft schnappen. Sogar zur Arbeit zu gehen, wäre eine Ablenkung von meinen Gedanken – meinen eigenen Albträumen. Aber das verstünde Heather gewiss nicht. Ich bin eine beraubte Mutter. Und wie könnte ich die Bedürfnisse von potenziellen Hauskäufern über die meiner Tochter stellen?
»Ich muss mich kurz hinlegen«, verkünde ich ihr. »Ist das okay?«
Sie nickt. »Selbstverständlich. Ich wecke Sie, falls ich Sie brauche. Aber Sie müssen bei Kräften bleiben.«
Ich stehe mit zittrigen Beinen auf. »Heather«, sage ich und sehe sie an. »Haben Sie das schon mal gemacht?«
»Ja«, antwortet sie.
»Und Ihrer Erfahrung nach … ist es wahrscheinlich, dass es ihr gut geht? Dass sie wiederkommt?«
Ich beobachte ihre Reaktion genau. Da ist ein Stocken, aber ihre Züge verraten nichts. »Es wäre nicht fair von mir, Mutmaßungen anzustellen, Mrs Sweeney. Nicht in diesem Stadium.«
Mir fehlt die Energie, weiter nachzuhaken. »Dann lege ich mich jetzt hin«, sage ich und gehe die Treppe hinauf. Nichts hieran – gar nichts – ist fair.