Kapitel vierundzwanzig

Marian

Mittwoch, 3 . November
Seit sechs Tagen vermisst

»Sie müssen dem nachgehen. Sofort. Sie müssen DS King oder diesen Bradley anrufen und ihnen sagen, dass sie herausfinden müssen, wer das gepostet hat«, sage ich zu Heather, die sich das Video auf meinem Handy ansieht.

»Das werde ich natürlich. Ich rufe sie sofort an.« Sie kann ihr Entsetzen nicht verbergen, als sie von dem Clip mit Nell zu der Montage klickt.

»Ich frage mich …«, beginnt sie, verstummt aber gleich wieder. »Ich rufe sie an. Okay.«

»Was fragen Sie sich?«

»Ach, nichts. Hören Sie, ich telefoniere draußen.« Mit diesen Worten gibt sie mir mein Handy zurück und greift nach ihrem eigenen. Sie schaut mich nicht an. Ich würde sogar behaupten, dass sie es absichtlich vermeidet, mich anzuschauen.

»Ich habe mit meinem Patenkind geredet, nachdem ich das gesehen hatte«, sage ich, als sie bereits aus dem Zimmer geht. »Sie sagt, diese Videos – dieses Hashtag ist letzte Woche oder so aufgetaucht. Auf TikTok und Facebook, aber sie hatte nicht richtig darauf geachtet, bis ihr ein Clip auffiel, der aussah wie in Derry aufgenommen.«

»Wir können das alles DS King und DI Bradley erzählen«, antwortet sie. »Sie werden eventuell selbst mit Ihrem Patenkind reden wollen.«

»Aber das hier wurde erst letzte Nacht gepostet – sehen Sie? Am selben Tag, als wir Nells Namen an die Presse gaben. Das kann kein Zufall sein. Wirklich nicht. Sie müssen herausfinden, wer das gepostet hat. Was ist, wenn es der Mann ist, der sie festhält? Was, wenn es uns direkt zu ihr führen kann? Vielleicht ist das hinter der Kamera dieser Rob. Es gibt einen Weg, das rauszubekommen, oder? Sein Handy orten?«

Mittlerweile bin ich aufgewühlt. Ich bin mir sicher, dass sie, wenn sie den finden, der hinter diesem Post steckt – hinter der Kamera war –, auch Nell finden. Sie werden sie finden, bevor sie wie die arme, unidentifizierte Frau in der Leichenhalle endet.

Heather kommt zurück zu mir. »Bitte, Marian, versuchen Sie, ruhig zu bleiben. Ja, das ist eine gute Spur, und meine Kollegen werden es sich ansehen. Vertrauen Sie bitte darauf, dass wir unsere Arbeit machen, und lassen Sie mich DS King anrufen.« Sie nickt und lächelt verhalten mitfühlend. Ich frage mich, ob sie in der Ausbildung auch die angemessenen Mienen einstudieren. Trotzdem ist mir bewusst, dass ich ihr auf die Nerven gehe. Mit meinem Gezeter. Meinen Forderungen. Tja, mir ist verflucht egal, ob ich sie nerve. Ich kämpfe um mein Kind.

»Wir werden tun, was wir können, um das Video zurück zu demjenigen zu verfolgen, der es geteilt hat, aber ich möchte, dass Sie realistisch sind. Dieser Clip ist allein in den letzten zwölf Stunden über fünftausendmal geteilt worden«, sagt Heather und beißt sich auf die Unterlippe. »Es könnte eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen werden, und die Zahl wächst weiter … exponentiell. Zehntausende werden es inzwischen gesehen haben. Und das nur, wenn es ausschließlich auf Facebook geteilt wird.«

Sie zeigt auf ihr Display, wo ich sehe, wie die Klickzahl in Echtzeit aktualisiert wird und innerhalb von Sekunden von zweiunddreißigtausend auf dreiunddreißigtausend anschwillt.

»Na und? Sie müssen nur die erste Person finden, die es geteilt hat. Nur die. Herrgott, ich bin kein Detective, aber das ist doch wohl offensichtlich. Und was ist mit diesen Leuten, die darüber lachen – und diese ekelhaften Kommentare schreiben?« Ich tippe auf mein Handy, um sie aufzurufen, aber meine Hand zittert zu sehr, und ich merke, wie mir im Nacken der Schweiß ausbricht. Beim dritten Versuch finde ich den Kommentar, den ich suche. Mr »Das wird ihr eine Lehre sein«. »Sehen Sie! Hier steht, dass er in Derry lebt. Er arbeitet in dieser Autowerkstatt in der Waterside. Der kann nicht so schwer zu finden sein.«

»Normalerweise überprüfen wir Leute nicht, weil sie gedankenlose Sachen bei Facebook posten«, sagt Heather.

»Nicht mal, wenn darin eine Vermisste vorkommt, die in Gefahr sein könnte? Sie haben einen Zusammenhang mit der armen Frau, die gestern gefunden wurde, nicht ausgeschlossen. Sie könnten es hier mit einem Serienmörder zu tun haben. Und diesen Rob haben Sie auch noch nicht gefunden – er ist nicht da. Er könnte jetzt gerade bei ihr sein. Dies hier könnte uns gleich zu den beiden führen! Oder, oh Gott, was ist, wenn uns die Zeit davonrennt? Er könnte sie verletzen!« Meine Stimme klingt nicht nur eine Spur hysterisch, aber das interessiert mich nicht. Ich werde nicht mal versuchen, es zu verbergen.

So ruhig wie möglich, aber sehr, sehr dezidiert sagt Heather mir, dass sie die leitenden Ermittler anrufen will. Und dass sie es jetzt machen muss. Sie erinnert mich daran, dass sie auf meiner Seite ist. Auf Nells Seite.

»Danke«, sage ich, denn mir ist der Wind aus den Segeln genommen. »Das weiß ich zu schätzen.« Sie nickt und geht durch den Wirtschaftsraum in den Garten, als Stephen auf Socken und noch verschlafen in die Küche kommt.

»Ich habe laute Stimmen gehört«, meint er zögernd. »Ist alles in Ordnung?«

Ich kann nicht mal sprechen, sondern breche in Tränen aus. Ich hasse es, dass ich ihm von dem Video erzählen und es ihm zeigen muss. Nun muss ich ihm das Gewicht dieses Horrors und Schmerzes auch aufbürden.

»Marian, du machst mir Angst! Was ist los?« Er greift nach mir, umfasst meine Arme und will mir ins Gesicht sehen, aber ich will ihm nicht in die Augen blicken, wenn ich ihm sage, dass jemand unsere Tochter gejagt hat. Dass unsere Tochter, verängstigt und hilflos, von unzähligen Leuten online beobachtet wird und viele über ihre Angst lachen.

»Es gibt ein Video«, spucke ich heraus. Die Worte fühlen sich an, als gehörten sie nicht in meinen Mund. Und ich schaue doch zu ihm und sehe meine Angst in seinen Zügen gespiegelt. »Julie-Anne hat angerufen, weil Mia es auf Facebook entdeckt hat.«

»Mia? Was? Was für ein Video?«

»Irgendein Online-Trend, aber es ist furchtbar, Stephen. Jemand jagt sie, bis sie schreckliche Angst hat.«

»Die Person, die sie entführt hat?«

»Ich … ich weiß es nicht. Könnte sein. Heather ruft gerade DS King an und sagt es ihr. Es ist neu, und so was machen Männer überall. Ängstigen Frauen und posten ihre Reaktionen.«

Stephens Griff an meinem Arm lockert sich. »Dann muss es gar keine konkrete Spur sein?«, fragt er, und ich kann nicht erkennen, ob es ihn wütend macht oder ob er erleichtert ist.

»Es wäre schon ein großer Zufall, dass es online gepostet wird, als sie verschwindet und wir ihren Namen publik machen. Meinst du nicht?«

Er dreht sich um, geht weg, wendet sich mir wieder zu und fährt sich mit der Hand durchs Haar. »Und kann die Polizei es nachverfolgen? Herausfinden, wer das gepostet hat?«

»Weiß ich nicht … Du weißt, dass ich nicht viel von Technik verstehe.«

»Um Himmels willen, Marian. Man folgt einfach dem Link. Zeig es mir!« Ich gebe ihm mein Handy, und er tippt auf dem Display herum wie ein Profi. Mir war nicht klar, dass sich mein Mann so gut mit den Social Media auskennt. Er runzelt die Stirn und sieht wieder aufs Display.

»Die Person, die das ursprünglich gepostet hat«, sagt er und schaut mich an, »das ist ein Troll-Account.« Er schwenkt das leuchtende Display vor meinem Gesicht hin und her, gibt mir jedoch keine Zeit, mich auf die Worte und Bilder vor mir zu konzentrieren. Keine persönlichen Fotos. Neuer Account. Keine Freunde. Keine Einstellungen zur Privatsphäre – überhaupt keine Informationen. Stephen scrollt rauf und runter, bis er das Video anklickt, vor dem er sich bisher gedrückt hat. Ich sehe, wie er sich beim Anschauen verändert. Seine Augen werden dunkler, sein Gesicht verzerrt. Er greift nach dem Display, als könnte sich die Berührung des gepixelten Bilds unserer Tochter irgendwie so anfühlen, wie sie tatsächlich zu berühren.

Ich lausche dem Soundtrack: den Schritten, dem Atmen, dem Regen, der aufs Pflaster fällt. Dem Ringen nach Luft, als Nell sich umdreht und in die Kamera blickt. Ich muss es nicht sehen, um zu wissen, was passiert – es hat sich fest in mein Hirn eingebrannt. Und es wird nie wieder weggehen.

Stephen macht ein paar Schritte zum Tisch und setzt sich auf einen der Küchenstühle. Er hat den Kopf in die Hand gestützt, sagt nichts. Er macht fast gar kein Geräusch, und ich bin starr, unsicher, ob ich ihn trösten soll oder auf Abstand bleiben.

»Wer tut so was?«, fragt er schließlich und sieht mich an.

Ich zucke mit den Schultern und wische eine Träne weg, die mir über die Wange läuft, aber es kommt bereits die nächste. »Können sie herausfinden, wer das gepostet hat?«, frage ich ihn. »Selbst wenn es ein … was hast du gesagt … Troll-Account ist?«

Resigniert antwortet er: »Weiß ich nicht. Das hängt von mehreren Dingen ab. Sie können die IP -Adresse zurückverfolgen, schätze ich. Aber die lässt sich umgehen. Mit VPN s und so.«

»Was sind VPN s?«, frage ich, denn ebenso gut könnte Stephen in einer Fremdsprache mit mir reden.

»Ein virtuelles privates Netzwerk«, sagt er, was es für mich keinen Deut klarer macht. Es ist bloß Buchstabensalat. Da er mir meine Verwirrung ansieht, sagt er schlicht: »Es gibt Möglichkeiten, sich online zu verstecken. Oder es zumindest schwerer zu machen, aufgespürt zu werden. Man muss sich ein bisschen mit Computern auskennen, um es gut zu machen, doch unmöglich ist es eindeutig nicht. Das Internet ist ein dunkler Ort.«

Er stützt den Kopf wieder auf die Hand und kratzt sich die Bartstoppeln. Seine Haut ist nicht mehr so geschmeidig wie früher, verschiebt sich unter seinen Fingern und ist faltig. Als er abermals aufblickt, sehe ich, dass er in den letzten paar Tagen um zehn Jahre gealtert ist. Ich hake nicht nach, woher er all diese kleinen Internetgeheimnisse kennt. Er arbeitet in der Technikbranche – im Vertrieb. Vielleicht ist die Fähigkeit, seine Spuren verwischen zu können, heutzutage ein Verkaufsargument. Und Stephen ist ja weiß Gott geübt darin, ob mit oder ohne Computer.

Stumm mache ich ihm einen Kaffee, hauptsächlich, um irgendwas zu tun. Ich muss meinen Körper bewegen, und sei es nur, indem ich einen Kessel anhebe, denn ich weiß, wenn ich reglos stehen bleibe, werde ich zu Boden sinken und mich vielleicht nie wieder aufrichten können.

»Denkst du wirklich, das könnte die Person sein, die sie hat?«, fragt er. »Dass er ein Psycho ist, der Videos davon postet?«

Ich stelle ihm seinen Kaffeebecher hin, sage aber nichts. Kann ich nicht. Mein Gehirn spielt mir eine Myriade von Horrorszenarien vor, die alle in dem Moment beginnen, in dem das kurze Video endet. Wir stecken beide in unserem stummen Entsetzen fest, einen Meter voneinander entfernt, unfähig, den anderen anzusehen oder, Gott bewahre, einander zu trösten, als Heather zurückkommt. Wie erschrockene Erdmännchen blicken wir gleichzeitig auf und betteln mit großen Augen um neue Informationen.

»Haben Sie mit DS King gesprochen?«, fragt Stephen. »Was hat sie gesagt?«

»Ich habe nicht direkt mit ihr geredet«, antwortet sie. »Aber ich glaube, sie ist im Krankenhaus und nimmt die Aussagen von Nells restlichen neuen Freunden auf. Allerdings habe ich ein paar Neuigkeiten. Dieser Rob hat sich heute Morgen auf der Strand Road Police Station gemeldet. Er ist die letzten Tage in Belfast gewesen und hat seine Eltern besucht – was seine Eltern und das Personal eines Restaurants, in dem er mit ihnen gewesen ist, bestätigt haben. Er fällt also aus.«

Mich überkommt eine seltsame Enttäuschung. Wir sind weiter denn je davon entfernt, sie zu finden. Nicht einmal die Tatsache, dass er am Wochenende mit einer der anderen Krankenschwestern ausgegangen war, hatte mich davon abgehalten, alle erdenklichen mentalen Rechenübungen zu vollführen, um mich zu überzeugen, dass sie zusammen sein könnten. Dass er »normal« und sie in Sicherheit sein könnte, ganz gleich, wie sehr sich die gegenteiligen Beweise mehrten.

»Tja, ich denke, DS King sollte sich ganz auf dieses Video, das die Runde macht, konzentrieren, anstatt mit irgendwelchen Idioten im Krankenhaus zu reden«, sagt Stephen und lehnt sich auf seinem Stuhl zurück. Sein Tonfall ist scharf, und ich unterdrücke den Impuls, ihn wieder daran zu erinnern, dass Heather nicht unsere Feindin ist – obwohl ich selbst ihr noch vor Kurzem hart zugesetzt habe.

»Ich bin ziemlich sicher, dass es ganz oben auf der Liste landet, wenn sie es sieht«, sagt Heather. »Sie hat am Vormittag sehr viel zu tun, aber mir wurde gesagt, dass es ihr so bald wie möglich gezeigt wird.«

Heather spricht merkwürdig, als gäbe es etwas, das geschieht und von dem wir nichts wissen. Ihre Worte klingen zu einstudiert, oder ihr Tonfall ist eigenartig. Ich spüre es einfach.

»Da ist etwas, das Sie uns nicht erzählen«, sage ich, und es ist eine Feststellung, keine Frage. Sie sieht mich mit ausdrucksloser Miene an, als wüsste sie nicht recht, wie sie reagieren soll. »Ist etwas passiert? Haben man etwas herausgefunden?« Ich erlaube meinem Verstand nicht, wieder in das Loch zu fallen, in dem ich mich frage, ob sie unsere Tochter gefunden haben. Dass sie vielleicht schon wissen, dass unsere Tochter nicht in Sicherheit ist. Dass DS King vielleicht nicht mal im Krankenhaus ist. Vielleicht ist sie jetzt gerade bei Nell. Oder bei dem, was von Nell übrig ist.

»Ich bin nicht in der Position, mehr zu sagen«, antwortet Heather.

»Aber das ist Ihr Job«, erwidert Stephen. »Sie sind die Vertrauensbeamtin. Es ist Ihre Aufgabe, uns über alle Entwicklungen zu informieren.«

»Mr Sweeney.« Mir entgeht nicht, dass sie bei mir längst den Vornamen benutzt, bei meinem Mann hingegen nicht. »Wie wir Ihnen bereits erklärt haben, werden Sie aus ermittlungstechnischen Gründen nicht alle Informationen sofort erhalten. Wir müssen erst alles verifizieren. Es sind auch andere Leute betroffen. Ich weiß, dass das sehr frustrierend sein muss, aber wir haben gute Gründe.« Sie spricht sanft, fast beruhigend, dennoch fühle ich mich nicht beruhigt.

»Also gibt es mehr«, hake ich nach. »Sonst würden Sie schlicht ›Nein‹ sagen. Sie müssen in keiner Position sein, um ›Nein‹ zu sagen.«

Heather schaut mich blinzelnd an. Ich sehe, wie es in ihrem Kopf arbeitet, als sie sich die beste Antwort überlegt. »DS King kommt so bald wie möglich her. Ich weiß, wie schwer es für Sie ist, aber sie hat die nötigen Informationen, um Sie auf den neuesten Stand zu bringen. Das Schlimmste, was ich zu diesem Zeitpunkt tun könnte, wäre, Ihnen falsche Informationen zu geben.«

»Sagen Sie mir nur – haben Sie sie gefunden?«, fragt Stephen so leise, dass es kaum als Flüstern durchgeht. »Ist die Entwicklung, dass sie gefunden wurde?«

Heather schüttelt den Kopf. »Tut mir leid, aber nein. Nell wird immer noch vermisst.«

Einen winzigen Moment lang bin ich erleichtert. Wenn sie noch vermisst wird, kann es keine weiteren Leichen geben.

Als ich zu Stephen sehe, erkenne ich, dass er sehr angespannt ist. Seine Züge sind verhärtet, und ich weiß, dass er alles in seiner Macht Stehende tut, um seine Gefühle im Zaum zu halten. Diesen Ausdruck habe ich schon Millionen Male gesehen, und ich weiß genau, was geschieht, wenn er den Kampf verliert.

»Okay«, sage ich in dem Versuch, Ruhe in den Raum abzustrahlen. »Das muss etwas Gutes sein, oder? Keine Nachrichten sind gut, oder nicht?«

Heather reagiert nicht. Sie stimmt mir nicht zu, dass das Fehlen einer Leiche etwas Positives ist, an das man sich klammern kann. Sie hat keine tröstenden Statistiken, mit denen sie mich optimistisch stimmen könnte. Wir alle wissen, dass es ernst ist. Wir alle wissen, wenn jemand seit sechs Tagen vermisst wird, ohne Aktivitäten auf den Konten, dem Handy oder den Social Media, geht es gewöhnlich nicht gut aus. Aber keiner von uns ist bereit, es laut auszusprechen, deshalb schweigen wir. Wir riskieren es nicht, zu sprechen. Heather geht ans Fenster und flucht leise.

»Das glaub ich jetzt nicht«, murmelt sie, bevor sie sich zu uns umdreht. Ich höre, wie draußen eine Autotür zugeschlagen wird.

»Wer ist das?«, frage ich und versuche, über ihre Schulter hinweg aus dem Fenster zu schauen. Es kann doch sicher nicht schon DS King sein? Und falls sie es ist, bezweifle ich sehr, dass Heather fluchen würde. Wahrscheinlich wäre sie entzückt, uns mal für eine Weile an jemand anderen zu übergeben.

Ich sehe eine Frau, schlank, blond, vielleicht Mitte dreißig, in unserer Auffahrt. Sie kommt mir vage bekannt vor, auch wenn ich sie nicht zuordnen kann.

»Ingrid Devlin.« Heather sagt ihren Namen, als würde er ihr einen ekligen Geschmack im Mund verursachen. »Die Journalistin.«

Jetzt weiß ich, wo ich sie schon mal gesehen habe. Sie war in der Late Late Show und hat mit Ryan Tubridy über ihr neues Buch gesprochen. Mir kam sie aalglatt vor. Ich dachte, darauf konzentriert sie sich jetzt – ihre Bücher. Ich will Heather fragen, warum Ingrid zu uns kommt, als sie sagt, dass ich bleiben soll, wo ich bin, und sie sich darum kümmert. Dann ist sie weg und hat die Tür hinter sich geschlossen.

Es dauert nicht lange, bis laute Stimmen zu hören sind – sehr professionell klingend, aber dennoch erhoben.

»Hören Sie«, sagt Ingrid, »ich finde es wirklich wichtig und denke, die Sweeneys haben ein Recht, es zu erfahren. Ich habe kein Problem damit, es gleich zu veröffentlichen, ohne einen Kommentar von ihnen, aber ich bin die, die diese Information bekommen hat. Die Quelle ist zu mir gekommen.«

»Bei allem Respekt, Ingrid, dies ist eine sehr schlimme Zeit für die Familie. Wir erwarten DS King, die sie auf den neuesten Stand bringt, und ich halte es für angemessener, dass sie, nicht eine Journalistin, ihnen diese Information mitteilt. Ich bin mir sicher, wenn Sie mit unserer Pressestelle sprechen, wird es dort …«

Sie wird von einem abfälligen Lachen unterbrochen. »Jetzt hören Sie aber auf, Heather! Sie wissen sehr gut, dass mir die Pressestelle nichts bringt. Die Sweeneys werden wollen, dass so viele Leute wie möglich nach Nell suchen, vor allem jetzt.«

»Das wird über die richtigen Kanäle gehandhabt«, erwidert Heather.

»Mir scheint, dass die richtigen Kanäle nicht sehr weit kommen. Wenn das Mädchen seit Donnerstag vermisst wird …«

»Ms Devlin, ich diskutiere das nicht mit Ihnen. Die Sweeneys reden nicht mit der Presse«, sagt Heather, und ich spüre eine Bewegung hinter mir, als Stephen sich an mir vorbeidrängt und die Tür aufreißt.

»Ich denke, das sollten die Sweeneys entscheiden, oder nicht?«, fragt er. »Wissen Sie etwas, Ms Devlin? Können Sie uns irgendwas erzählen?«

Das ist eindeutig genug für Ingrid, dass sie glaubt, das Haus betreten zu dürfen, und sie sieht Heather dabei nicht einmal an.

»Mr Sweeney, es tut mir sehr leid, Sie beide in dieser Situation zu behelligen. Es muss furchtbar für Sie sein. Doch anders, als die Polizei Nordirland Sie glauben machen will, sind die Medien wirklich bemüht, Ihnen bei der Suche nach Nell zu helfen.«

»Sie haben gesagt, dass Sie neue Informationen haben«, beharrt Stephen. »Was wissen Sie?«

»Wahrscheinlich ist es besser, wenn ich reinkomme und wir drinnen darüber reden«, antwortet Ingrid, die noch einen Schritt nach vorn macht, was Heather jedoch ebenfalls tut, sodass sie ihr die Haustür versperrt.

»Ms Devlin, bitte«, sagt Heather richtig flehend.

»Haben Sie die Videos gesehen, die auf den Social Media rumgehen?«, fragt Ingrid. »Nell ist auf einem. Haben Sie das gesehen?«

»Falls Sie deswegen hier sind, verschwenden Sie Ihre Zeit. Ja, wir haben das Video von Nell gesehen. Heute Morgen schon.« Ich sacke ein wenig zusammen. Das ist nichts Neues.

»Sagt Ihnen der Name Elzbieta Kowalski etwas?«, fragt Ingrid.

»Ms Devlin, Sie sollten das wirklich der Polizei überlassen. Dies ist ein sensibles Stadium in der Ermittlung.« Da ist ein Hauch von Panik in Heathers Stimme.

»Nein«, antworte ich und sehe zu Stephen, der den Kopf schüttelt. »Wer ist das?«

»Ich habe eine Quelle, die mir gesagt hat, dass die Überreste, die gestern gefunden wurden, die von Elzbieta Kowalski sein können.«

»Ms Devlin!« Heather wird jetzt lauter; sie will unbedingt gehört werden. »DS King wird jeden Moment hier sein, und ich finde wirklich, dass es angemessener ist, wenn das von einer leitenden Ermittlerin kommt.«

»Wir haben noch nie von einer … was sagten Sie … Elizabeth Kowalski gehört.«

»Elzbieta, aber ich glaube, einige Freunde haben sie Eliza genannt«, erklärt Ingrid, die auf Zehenspitzen steht, um über Heathers Schulter hinweg mit uns zu sprechen. Sie will mehr sagen, als uns ein Wagen ablenkt, der vorfährt – und sofort erkenne ich, dass es DS Kings Auto ist und DC Black bei ihr. Sie steigen aus, gefolgt von einem uniformierten Officer, der hinten gesessen hat.

»Ingrid Devlin«, sagt DS King. »Ich hätte mir denken müssen, dass Sie nicht lange brauchen, bis Sie hierherkommen. Ihnen entgeht aber auch nichts, oder?«

»Nicht viel«, antwortet Ingrid. »Ich wünschte, dasselbe könnte ich von der Polizei Nordirland sagen.« Dabei lächelt sie. Die zwei Frauen sind eindeutig schon häufiger aneinandergerasselt, aber ich will ihnen beiden sagen, sie sollen still sein und ihren Kleinkrieg woanders austragen. Dies ist weder die Zeit noch der Ort. Ich muss wissen, wer Elzbieta Kowalski ist und was Ingrid Devlin sonst noch weiß. Oder DS King. Um ehrlich zu sein, ist mir völlig egal, wer es mir erzählt, solange es irgendwer tut, und das bald.

»Ach ja«, antwortet DS King, ohne eine Miene zu verziehen. »Mr und Mrs Sweeney, wenn wir alle reingehen könnten, weg von dieser lauernden Reporterin, haben wir einige neue Informationen für Sie.«

Ich blicke von ihr zu Ingrid, deren Blick direkt auf Stephen gerichtet ist. Ohne groß nachzudenken, trete ich zurück, sodass die Polizei ins Haus kann, drehe mich aber nicht direkt um, um ihnen zu folgen. Stattdessen beobachte ich, wie Ingrid blinzelt und den Blickkontakt zu meinem Mann abbricht. Ich sehe hin, bis ich fühle, wie eine Hand meine berührt. Heather zieht mich sanft ins Wohnzimmer.

»Elzbieta Kowalski hat im Krankenhaus gearbeitet. Auf derselben Station wie Nell«, ruft Ingrid, als DC Black ihr die Tür vor der Nase zumacht. »Ich bin hier, falls Sie reden wollen.«