Kapitel achtundzwanzig

Nell

Mittwoch, 3 . November
Seit sechs Tagen vermisst

Ich probiere alles, was ich kann, um mich warm zu halten. Ich gehe in dem Zimmer – dieser Zelle – auf und ab, bis die Kette meinen Knöchel wundgerieben hat und das Blut ein Muster in dem Schmutz an meinem Fuß bildet, bevor es Abdrücke auf dem Boden hinterlässt.

Ich fuchtele mit den Händen – alles, um in Bewegung zu bleiben und die Durchblutung anzuregen. Irgendwann letzte Nacht wurde ich leicht hysterisch, habe »Can’t Get You Out of My Head« von Kylie Minogue gesungen und die Tanzschritte zu erinnern versucht, die Clodagh und ich dazu früher gemacht hatten.

Ich fing an zu lachen, was jedoch schnell in Schluchzen und Schreien überging. Mir war egal, dass ich seine verdammten Regeln brach. Ich konnte nicht nur dasitzen und auf das warten, was auch immer mit mir passieren wird. Ich schrie, bis ich nicht mehr konnte. Jetzt spüre ich, dass mein Hals davon rissig und angeschwollen ist. Ich schrie in die Leere, bis ich mir sicher war, dass ich das Gewebe in meinem Hals aufplatzen fühlte.

Niemand ist gekommen. Nicht in der stundenlangen Dunkelheit. Auch nicht, als ein winziger Lichtstreifen unter der Tür erschien und ich erschöpft in der Zugluft lag.

Den ganzen Tag ist keiner hier gewesen. Der Gasofen lockt mich. Ich würde sogar den ekligen Gestank und Geschmack hinnehmen, wenn das hieße, dass mir warm würde. Ich habe die Wasserflasche ausgetrunken, die er gestern dagelassen hat. Den letzten Schluck hatte ich heute Morgen. Ich habe versucht, es so lange wie möglich zu strecken, aber ich habe Durst gehabt – und Hunger. Er lässt mir nicht viel zu essen hier. Gestern Morgen waren es ein paar fertig abgepackte Sandwiches aus dem Supermarkt mit gelbem Aufkleber, auf dem das Datum des Vortages stand. Auch mit denen habe ich mich bemüht, so lange wie möglich hinzukommen, indem ich pro Mahlzeit nur ein halbes Sandwich aß. Dabei war ich so ausgehungert, dass ich locker beide Sandwiches auf einmal hätte verspeisen können und immer noch nicht halbwegs satt gewesen wäre.

Seit Mittag habe ich nichts mehr gegessen. Damit komme ich gerade so klar, aber das fehlende Wasser? Bei meinem rauen Hals wäre ein Schluck kaltes Wasser himmlisch. Es wäre so lindernd und könnte den nagenden Hunger eventuell für eine Weile verdrängen.

Bisher habe ich es nicht getan, aber wenn er nicht bald auftaucht, schau ich mal, ob ich den Wasserkasten der Toilette öffnen und aus dem ein wenig Wasser schöpfen kann. Bei dem Gedanken wird mir schlecht, aber ich rufe mir in Erinnerung, dass es frisches Wasser ist. Und draußen ist es so kalt, dass es kühl genug sein müsste, um die Halsschmerzen zu betäuben.

Betäuben. Ich wäre gern betäubt. Und das nicht nur vor Kälte. Ich habe Angst. Dies hier ist ein entsetzlicher Albtraum, aber meine schmerzenden Knochen, das Brennen meiner aufgeschürften Haut und das Kratzen des Staubs in meinen Augen sagen mir deutlich, dass es kein Traum ist, aus dem ich aufwachen werde.

Ich bin wach. Und ich warte.

»Das Warten ist das Schlimmste.« Das sage ich dauernd zu unseren Patienten und deren Angehörigen. Zu den Patienten, die darauf warten, dass Mitarbeiter des Hol- und Bringdiensts sie zum OP bringen; zu ihren Angehörigen, wenn sie darauf warten, dass die Patienten wieder zurückgebracht werden.

Jedes Mal stimmen sie mir nickend zu. Oft lächeln wir einander an – eine kleine Geste der Solidarität. Aber ich denke nicht, dass ich es wirklich erfasst habe. Bislang nicht. Ich meine, ich musste ja noch nie auf was Ernstes warten.

Nicht auf Dinge, bei denen es um Leben und Tod geht. Nicht wie die Angehörigen, die warten, während ihre Liebsten aufgeschnitten werden, in sie hineingestochert wird, ihnen Teile entnommen, Komplikationen entdeckt, Einschnitte vorgenommen und wieder zugenäht werden. Auf einem OP -Tisch und ihr Leben in den Händen von jemand anderem.

Wie mein Leben jetzt, in diesem Raum, ohne zu wissen, wann oder ob er wiederkommt. Der Lichtstreifen unter der Tür ist wieder schwarz geworden.

Es mag befremdlich klingen, aber ich habe schreckliche Angst, dass er nicht zurückkommt. Nie mehr. Sosehr ich mich vor ihm fürchte, sosehr ich ihn hasse, habe ich Angst, dass ich einfach hiergelassen werde, um zu verhungern oder zu erfrieren. Die Temperatur ist weiter gefallen – oder ich kann mich vielleicht nicht mehr warm halten. Ich bin hungrig und müde, und mein Körper verbraucht all meine Reserven. Trotzdem will ich so nicht sterben. Was ist, wenn mich keiner findet? Was, wenn dies mein Grab ist?

Ich habe versucht, das anzusprechen, was noch an Menschlichkeit in ihm übrig ist, weil ich mir sicher bin, dass da noch welche sein muss. Bei der Arbeit schien er so normal, sogar nett. Er ist stets recht höflich gewesen; schüchtern, aber harmlos.

Er war immer freundlich zu mir, wenn auch nicht übertrieben. Wenn wir uns unterhielten, wurde er rot, was ich fast schon niedlich fand. Aber Lucy, eine Schwesternschülerin im dritten Jahr, sagte, dass sie ihn ein bisschen unheimlich findet. »Bei dem krieg ich das Würgen«, hatte sie in ihrem viel zu lauten Belfast-Akzent gesagt. So laut, dass ich denke, er könnte es gehört haben. Er hatte gerade erst die Schwesternstation verlassen, und ich bin mir sicher, dass ich ihn kurz stocken sah, bevor er weiterging.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, glaube ich, mich zu erinnern, dass Elzbieta auch dabei war. Ja, war sie. Definitiv. Sie hatte gelacht und den Spruch wiederholt, wobei sie den nordirischen Akzent nicht ganz hinbekam. »Ich liebe es, wie du redest«, hatte sie gesagt.

Ich hatte Lucy streng angesehen, aber sie beachtete mich gar nicht und redete weiter über ihren neuesten Freund. Lucy flirtet immerzu, ist flatterhaft und all das, was ich nicht bin. Zuversicht trieft ihr aus jeder Pore, und sie ist so selbstsicher.

Ich weiß nicht, warum ich es für nötig hielt, doch als ich ihn das nächste Mal sah, habe ich mich bei ihm für sie entschuldigt. Er war rot geworden und meinte, ich solle mir keine Gedanken machen. Dann führten wir eine komische Unterhaltung über eine neue Krimiserie, die am Abend zuvor im Fernsehen gelaufen war. Es war ein anstrengendes Gespräch, steifer, als es sein sollte, und mir tat er noch mehr leid. Sein Selbstvertrauen hatte durch Lucys grausame Worte eindeutig einen Knacks erlitten.

Ich bin nicht der selbstbewussteste Mensch aller Zeiten, weshalb ich ihn zu verstehen glaubte. Ich wollte freundlich zu ihm sein und hatte Sorge, sollte ich sein Angebot, für mich zu kochen, ablehnen, würde ich seinem Selbstwertgefühl endgültig den Garaus machen. Ich habe Lucy nicht erzählt, wohin ich wollte oder zu wem – niemandem. Es war ja schließlich »rein freundschaftlich«.

Sie und meine neuen »Freunde« (inzwischen ist mir klar, wie dumm ich war, sie für echte Freunde zu halten) hätten es nicht verstanden. Und sie hätten sich gnadenlos über mich lustig gemacht. Und Clodagh? Tja, mit Clodagh hatte ich es mir versaut, indem ich mich mit Lucy und Co. einließ. Eine Weile lang ist es nett gewesen, sich anders zu fühlen. Ein bisschen an der Kante zu leben. Risiken einzugehen.

Dafür bezahle ich jetzt. Bei Gott, und wie ich dafür bezahle!

Ich würde weinen, wären meine Augen nicht zu trocken und mein Bauch zu verkrampft. Ich habe solche Schmerzen, und mir ist so kalt, dass ich nichts gegen mein Zähneklappern tun kann. Ich rolle mich so fest zusammen, wie es meine Kette erlaubt, zurre die klamme, muffige Decke um mich und kneife die Augen fest zu, um inständig zu beten, dass jemand mich retten kommt. Jemand muss es.

Beim Klimpern des Schlüssels, der ins Türschloss gerammt wird, zucke ich zusammen. Meine Muskeln verkrampfen sich noch mehr – fast als wollten sie mich so klein wie möglich machen – klein, hart und undurchdringlich. Jeder Millimeter meines Körpers tut weh.

Könnte ich auf Kommando bewusstlos werden, würde ich es. Ich würde sehr gern das Bewusstsein verlieren, könnte ich so dem entkommen, was er tun wird. Ich bin schon fertig genug.

Da ist ein grelles Licht. Die Taschenlampe seines Handys, vermute ich, als er hereinkommt. Er richtet den Strahl direkt auf mich.

Als er einen Schritt auf mich zu macht, möchte ich mich in mir selbst verkriechen. Ich muss hier weg. Blinzelnd äuge ich an ihm vorbei und sehe, dass die Tür offen ist. Mein Herz rast. Könnte ich mich von dieser Kette befreien, an ihm vorbeikommen … aber wie? Ich weiß nicht, wie.

Das Licht kommt näher und wird mit jedem Schritt seiner schweren Stiefel auf dem kalten Betonboden greller. »Du bist berühmt«, sagt er. Seine Stimme ist tief und dröhnend, und das Licht seines Handys blendet mich immer noch. »Heute bist du überall in den Nachrichten gewesen. Ein richtiger Star.«

Er sieht mich an, fordert mich heraus zu reden, aber ich weiß inzwischen, dass es gegen die Regeln verstößt, wenn ich ohne Erlaubnis spreche. Es kostet mich meine ganze Willenskraft, ihn nicht um Informationen anzuflehen. Suchen sie nach mir? Bestimmt bedeutet es, dass sie nach mir suchen. Wenn ich in den Nachrichten bin, muss die Polizei wissen, dass ich nicht bin, wo ich sein sollte. Ich fühle, wie sich ein Funken Hoffnung tief in mir regt.

»Die arme Elzbieta hat nicht mal ihre fünfzehn Minuten Ruhm bekommen, ohne dass du ihr das Rampenlicht stiehlst. Was muss ein Mädchen tun, um einen öffentlichen Aufruf für sich allein zu kriegen?« Er richtet das Licht weiterhin auf mich, sodass ich nicht richtig an dem Strahl vorbeisehen kann.

Ich sage nichts. Er verstummt, hockt sich vor mich hin und ergreift mein Kinn, um mein Gesicht zu ihm zu drehen. »Freust du dich nicht, mich zu sehen?«, fragt er.

»Doch, natürlich«, würge ich hervor. »Ich habe dich vermisst.« Die Worte bleiben mir fast im Hals stecken, aber ich darf nicht riskieren, ihn zu verärgern. Nicht jetzt, da ich weiß, dass nach mir gesucht wird.

»Ich nehme an, dir fehlt sie auch?«, fragt er.

Ich nicke.

»Mir auch. Vielleicht hätte ich ihr noch eine Chance geben sollen, aber Regeln sind Regeln. Wie viele Männer bekommen bei euch eine zweite Chance? Ihr schreibt uns lieber gleich beim ersten Blick ab. Wir müssen mit den Konsequenzen unseres Handelns leben, und das tut auch Elzbieta.« Wieder hält er inne, weicht ein wenig zurück, und sein Gesichtsausdruck ist grotesk hämisch. Seine Kamera ist noch auf mich gerichtet, und ich will nach oben greifen und sie zuhalten, ihn so fest ich kann wegstoßen. Als er zu lachen anfängt, ist es erst ein tiefes Brummen, so unecht, dass mir eiskalt wird. Er kneift die Augen zusammen, rückt wieder näher zu mir und sagt: »Das ist witzig, mit den Konsequenzen leben zu müssen. Denn sie tut es nicht. Leben, meine ich.«

Das Gewicht seiner Worte trifft mich wie ein Tritt in den Solarplexus, und ich habe keine Ahnung, wie ich es schaffe, ruhig zu bleiben, denn innerlich schreie ich. Sie darf nicht tot sein. Das ist Irrsinn. Ich weiß, dass er wahnsinnig ist, aber sie umbringen? Sie kann nicht tot sein. Das darf sie einfach nicht.

Er sieht mich ununterbrochen an. Ich fühle, wie sich sein Blick in mich hineinbohrt – um eine Reaktion bettelt. Sein Handy hält er weiter hoch, nimmt jede Sekunde hiervon auf, das Schwein. Meine Gedanken schweifen zu dem Mann ab, dem Perversen mit dem Handy, der mir gefolgt war und dann lachte, als ich Angst bekam. Er hatte mich auch gefilmt, und mein Horror schlägt in Wut um. Eine solch starke Wut, dass ich die Fäuste ballen muss, bis sich das, was von meinen Fingernägeln noch übrig ist, in meine Handflächen gräbt, damit ich nicht zuschlage.

Es wäre genau das, was er will. Ich würde die Regeln brechen. Ich würde die Folgen hinnehmen müssen. Dieselben Folgen wie Elzbieta.

Sehr ruhig und regungslos halte ich seinem Blick stand und schaue dann direkt in das Licht seines Handys, in die Kameralinse. Ich habe keine Ahnung, wer es sehen wird. Ich weiß nicht, ob er es für sich behält, aber ich spiele mit. Ich tue alles, was nötig ist, um hier rauszukommen und dafür zu sorgen, dass Elzbieta Gerechtigkeit widerfährt. »Sie hat es nicht anders gewollt«, sage ich leise und werde mit einem Tätscheln meines Kopfes und einem »braves Mädchen« belohnt. Ich schlucke die Säure herunter, die mir in die Kehle gestiegen ist.