Kapitel einunddreißig

Marian

Donnerstag, 4 . November
Seit sieben Tagen vermisst

Aus der Journalistenhorde am Ende des Gartens ertönt ein Ruf. Er ist anders als die anderen. Dieser ist keine Bitte, rauszukommen und noch ein Statement abzugeben oder um Kinderbilder von Nell. Es ist kein Versuch, den anderen voraus zu sein – auf die Tränendrüsen von Lesern zu drücken, die nicht mal in der Nähe von Derry wohnen, Nell nicht kennen und denen es wahrscheinlich schnurz ist, ob sie lebend oder tot gefunden wird.

»Mr und Mrs Sweeney«, ruft eine Männerstimme, »ich habe eine wichtige Information für Sie.« Mir fehlt die Kraft, aufzustehen und aus dem Fenster zu sehen. Stephen nicht. Er zieht die Vorhänge zurück, und allein das scheint Dutzende Kamerablitze auszulösen. Er blinzelt, als würde ihm die Helligkeit wehtun. Was wahrscheinlich stimmt. Momentan scheint alles wehzutun. Denken. Atmen. In diesem Zimmer zu sein, mit dem Gewicht dessen in der Luft, was ich heute Morgen zu ihm gesagt habe, tut weh. Seither spricht er nicht mehr mit mir, doch ich bin zu müde, als dass es mich interessiert. Ich denke nicht, dass es irgendwas gibt, was wir einander noch sagen können.

Ich habe eine Diazepam genommen. Nicht mal das Versprechen von einer wichtigen Information schafft es durch meinen mentalen und physischen Wattenebel.

»Kommen Sie vom Fenster weg«, sagt Heather ruhig und führt Stephen zu dem Sessel, als wäre er alt, gebrechlich und hätte die Neigung, desorientiert herumzuwandern. »Draußen sind Officers, die mit diesem Mann reden und überprüfen, ob er echt ist.«

»Warum sollte er nicht echt sein?«, fragt Stephen. »Warum sollte jemand herkommen, sich vor unser Haus stellen, wenn er keine richtigen Informationen hat?«

»Solche Ereignisse fördern das Schlimmste in den Leuten zutage. Und es gibt immer welche, die so dringend helfen wollen, dass sie alles tun, um die Aufmerksamkeit der Polizei zu gewinnen, selbst wenn sie uns überhaupt nichts Konkretes mitteilen können. Andere wollen einfach nur im Mittelpunkt stehen«, erklärt sie und sieht kurz nach draußen, ehe sie die Vorhänge wieder zuzieht.

»Das hier ist keine verfluchte Freakshow!«, sagt Stephen, und ich kann nur denken, dass es sehr wohl eine beknackte Freakshow ist. Unsere dysfunktionale Ehe liegt vor allen offen. Unsere Tochter ist in den Nachrichten, weil sie vermisst wird. Die Presse ballt sich vor unserer Haustür, und Fremde schreien in der Straße herum, dass sie »wichtige Informationen« hätten.

»Natürlich nicht«, sagt Heather. »Und deshalb sind wir hier. Um Sie zu schützen und Ihnen beizustehen. Sie sind nicht allein.«

Ich sehe sie und meinen Mann an, denke an Julie-Anne und Mia. An meine Arbeitskollegen. Meine Familie und meine Freunde, und alles, was mir durch den Kopf geht, ist, dass ich allein bin. Wenn es hart auf hart kommt, bin ich eine Mutter ohne ihr Kind. Etwas Einsameres gibt es nicht.

Als es an der Tür klingelt, bedeutet Heather uns zu bleiben, wo wir sind, und geht aus dem Zimmer, dessen Tür sie hinter sich schließt. Stephen und ich sehen uns an, sagen aber nichts. Ich glaube nicht, dass uns noch etwas zu sagen bleibt. Ich höre Stimmen – Heather und ein Mann, der Lärm der Presse hinter ihnen. Ich hasse dieses Zimmer. Ich hasse es, hier festzusitzen, auf andere Leute zu warten, die Neuigkeiten bringen. Nichts zu tun, das helfen könnte, sie zu finden. Nicht einmal schlafen zu können, um dem Horror für eine Weile zu entkommen, weil ich zu große Angst habe, in der Zeit nicht an sie zu denken. Vor dem Schlafen fürchte ich mich noch mehr als davor, wach zu sein und die schlimmsten Nachrichten zu erfahren.

Ich habe nicht geweint. Nicht richtig, aber da ist etwas in diesem Moment – in diesem verdunkelten Wohnzimmer, das sich anfühlt, als hätte es nichts mit meiner Familie zu tun –, das die Schleusentore öffnet. Als ich zuhöre, wie andere Leute über dies hier reden, als wäre es nicht mehr als eine Schlagzeile für sie, beginne ich zu weinen. Eine Träne rinnt mir über die Wange, und ich habe nicht die Kraft, sie wegzuwischen oder die zweite zurückzuhalten, die ihr folgt. Ehe ich es mich versehe, fließen die Tränen frei, beben meine Schultern und spannt sich mein ganzer Körper an. Jeder Muskel ist so hart vor Kummer und Angst, dass es physisch wehtut, und ich weiß keine andere Art, diesen Schmerz zu lindern, als zu schluchzen. Ich pfeife darauf, stoisch zu ein. Mir ist egal, ob mich Leute hören. Alles ist mir gleich. Ich schluchze einfach, und ich heule und schreie, weil es nicht fair ist. Es ergibt keinen Sinn. So soll es nicht sein.

Hätte ich die Kraft, ich würde Sachen kaputt machen, aber ich habe sie nicht. Ich will nur von diesem Sessel rutschen, auf dem Fußboden liegen und schreien. Ich will meinen Kopf gegen die Wände knallen, um den Schmerz und die Angst rauszubekommen. Ich will nicht hier sein, kann das hier nicht. Alles, woran ich denken kann, ist, dass ich es nicht kann.

Als ich heule und schluchze, fühle ich, wie sich Arme um mich legen und mich so fest halten, dass ich nicht um mich schlagen kann, obwohl ich es will. Ich spüre die Wärme eines anderen Körpers an meinem und höre meinen Mann, der mich zu beruhigen versucht. Auch er schluchzt, und ich kann nichts anderes tun, als mit ihm zu weinen.

Wir hören nicht, wie die Tür wieder aufgeht, und bemerken auch nicht, dass Heather zurück in die Küche gekommen ist. Ich weiß nicht, wie lange wir dastehen, aber als ich mich von Stephen löse, bin ich vollkommen erschöpft. Ich habe das Gefühl, dass ich endlich schlafen könnte, und sei es nur für eine Stunde.

»Marian …« Heather sagt meinen Namen sehr leise, als fürchtete sie, dass ich abermals vor ihr zusammenbrechen könnte.

»Stephen«, ergänzt sie. Ich sammle mich und drehe mich zu ihr um. Sie ist blass, und ich sehe ihr an, dass etwas Großes geschehen ist. Hat der mysteriöse Mann der Polizei eine entscheidende Spur gegeben? Ist sie gefunden worden? Stephen drückt meine Hand, und sosehr wir auch geschrien und gestritten haben, vermittelt es mir Trost und Kraft.

»Was ist?«, frage ich. »Was hat der Mann gesagt?«

»Oh, der …« Sie schüttelt den Kopf. »Er war niemand. Nur ein Verrückter. Meinte, er sei Hellseher. Nein, es hat nichts mit ihm zu tun. Ich hatte eben einen Anruf von DI Bradley, und er ist auf dem Weg hierher, um mit Ihnen beiden zu sprechen.«

»Fangen Sie nicht das schon wieder an«, entgegnet Stephen. »Erzählen Sie uns, was zum Teufel Sie uns sagen müssen.«

Sie blinzelt, und hinter ihrer Verzweiflung sehe ich mehr, kann in meiner Benommenheit aber nicht recht erkennen, was es ist.

»Werde ich, oder zumindest so viel, wie ich weiß«, antwortet sie. »Zunächst einmal, sie wird immer noch vermisst. Ich möchte Ihnen keine falschen Hoffnungen machen. Aber es hat einen Durchbruch in dem Fall gegeben.«

»Was meinen Sie?«, frage ich und versuche immer noch, ihren Gesichtsausdruck zu deuten.

»Es sind neue Informationen ans Licht gekommen, und die könnten uns helfen herauszufinden, wer Nell hat.«

»Aber das sind großartige Neuigkeiten«, sagt Stephen. »Oder nicht? Neue Informationen sind gut. Was sind das für Informationen? Können Sie uns die verraten?«

Unsicher schiebt sie die Hände in die Hosentaschen und zieht sie gleich wieder raus. »DI Bradley hat alle Einzelheiten, aber wir sind auf eine Website aufmerksam gemacht worden, auf der anscheinend jemand behauptet, sowohl Elzbieta Kowalski als auch Nell entführt zu haben.«

Mein Herz wummert. Das muss helfen. Muss es. Sie sollten den Betreffenden aufspüren können, indem sie die IP -Adresse oder wie immer das heißt nachverfolgen. Ungeachtet dessen, was Stephen sagt, muss die Polizei Methoden haben, wie sie die zurückverfolgen. Wer das auch ist, er wird doch gewiss technisch nicht so ungeheuer versiert sein.

»Welche Website?«, fragt Stephen, lässt meine Hand los und nimmt sein iPad vom Tisch auf.

»Diese Information habe ich nicht, aber ich kann Ihnen sagen, dass er zwar zugegeben hat, eine Frau getötet zu haben, doch im Moment behauptet er, dass er noch eine Frau bei sich hat. Das ist ein gutes Zeichen, denn wir dürfen hoffen, dass Ihre Tochter noch am Leben ist.«

Tatsächlich regt sich Hoffnung in mir, und ich sehe zu Stephen, weil ich mir wünsche, dass auch er optimistisch wirkt, doch er schaut nicht einmal in meine Richtung, bevor er sich hinsetzt und hastig tippend im Internet sucht.

»Stephen, ich glaube nicht, dass Sie die Website finden. Wie ich es verstanden habe, ist sie in einer der dunklen Nischen des Netzes, also nicht ganz legal.«

Mein Bauch verkrampft sich aufs Neue. Nicht ganz legal. Ich will nicht mal daran denken, was das heißt.

»Woher haben Sie diese Information?«, fragt Stephen. »Hat jemand bei der Hotline angerufen?«

»Das möchte DS Bradley mit Ihnen besprechen«, sagt sie, und wieder hat sie diesen komischen Gesichtsausdruck. Hier ist mehr dran, als sie zugibt.

»Können Sie uns das nicht sagen?«, frage ich.

Heather schüttelt langsam den Kopf. »Nein, ich fürchte nicht. Aber DI Bradley ist schon auf dem Weg. Ich weiß, dass es sich wohl von selbst versteht, aber ich muss Sie bitten, nichts von dem weiterzuerzählen, was ich Ihnen eben mitgeteilt habe, oder auf den Social Media zu posten. Die Pressestelle kümmert sich um alle Medienbelange, und wir ziehen es vor, wenn das auch so bleibt.«

Stephen schnaubt spöttisch. »Und dabei wollte ich eben ein Update auf Facebook posten.« Seine Worte triefen von Sarkasmus.

»Stephen, bitte …«, sage ich so ruhig und gefasst zu ihm, wie ich seit Tagen, Wochen nicht mit ihm gesprochen habe. »Heather macht nur ihren Job.«

Er schaut mich an, und ich rechne halb damit, dass er seine Wut an mir auslässt, aber das tut er nicht. Er nickt und blickt zu Heather. »Tut mir leid. So hätte ich nicht reden dürfen.«

Zu meinem Entsetzen sieht Heather aus, als wäre sie den Tränen nahe. Ich kenne die Anzeichen. Die weit aufgerissenen Augen, um die Tränen zurückzuhalten, die sich bilden; der schnelle, flache Atem; das mühsam hervorgebrachte »Schon gut« und wie sie sich von uns abwendet. »Ich warte draußen auf die anderen Officers«, sagt sie, und ihre Stimme bricht hörbar. Ich glaube nicht, dass es Stephens Ton war, der sie getroffen hat. Hier geht etwas anderes vor, und wie es sich anfühlt, gefällt mir ganz und gar nicht.