DI David Bradleys Stimme klingelt noch in seinen Ohren, obwohl sein Vorgesetzter gegangen ist, zusammen mit DS King. Beide sichtlich wütend.
Er weiß, dass er all das, was ihm gesagt wurde, und all das, was kommen wird, verdient hat. Sofortige Suspendierung für die Dauer der internen Ermittlung und möglicherweise eine Anklage. Er hat eine Ermittlung behindert, hat ihm DI Bradley unmissverständlich klargemacht. Ein Teil von ihm wollte einwenden, dass er bis gestern Abend nicht sicher wusste, ob Doire etwas damit zu tun hat. Rein theoretisch weiß er immer noch nicht, ob Doire hinter all dem steckt. Er könnte ein Opportunist sein, der ein Verbrechen, das er nicht begangen hat, für sich reklamiert, um vor seinen Internet-Followern groß und mächtig dazustehen. Das ist das Best-Case-Szenario.
Im Grunde aber ist ihm klar, dass er nicht mehr nach Strohhalmen greifen kann. Doire ist verantwortlich. Und letztlich er auch zu einem nicht unerheblichen Teil. Er hat Elzbieta oder Nell nicht entführt, aber er hat geholfen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Frauen zu Spielfiguren wurden. Er hat sie entmenschlicht, sodass sie zu Objekten wurden, die er benutzen konnte, um sich mächtig zu fühlen. Um Likes auf den Social Media zu bekommen. Für ein Gefühl von Kontrolle. Seine Motive spielen keine Rolle. Sein eigener Frust darüber, dass Männer heutzutage wie Bürger zweiter Klasse behandelt werden, tut nichts zur Sache. Wichtig ist, dass seine blöden Videos und sein dämliches Hashtag einen schwer Gestörten aus der Versenkung gelockt haben.
DI Bradley, der dafür bekannt ist, in so gut wie jeder Situation die Fassung zu wahren, war bei ihm ausgeflippt. Er hatte gebrüllt und geschrien, und an einem Punkt hatte Mark tatsächlich befürchtet, der DI würde ihn schlagen.
»Himmelherrgott! Was zum Teufel haben Sie sich dabei gedacht?«, hatte er gedonnert. Er war so laut, dass es zweifellos im Großraumbüro zu hören gewesen war, wo unter anderem Natalia arbeitete. Er schämte sich furchtbar und hielt jede Erklärung für sinnlos. Nichts könnte dies für seine Kollegen rechtfertigen. Das Leben, wie er es kennt, ist vorbei.
Er hat nur dagesessen und sich angehört, wie DI Bradley ihm sagte, dass er auf jeden Fall die PSNI in Verruf gebracht hat und »es ja nicht so ist, als hätten wir leichtes Spiel, die Leute in dieser Stadt auf unsere Seite zu ziehen«. Der Assistant Chief Constable wird an die Decke gehen. Man wird ein Exempel an ihm statuieren. Er hat Glück, dass man ihn nicht direkt in Untersuchungshaft gesteckt hat, vor all seinen Kollegen gedemütigt und in eine Zelle geworfen.
Bei dem Gedanken, dass er DI Bradleys Büro verlassen und durch den großen Raum gehen muss, in dem seine Kollegen – die anderen Officers und die Detectives – arbeiten, wird ihm übel. Sie wissen, dass er Mist gebaut hat, und jeder von ihnen, der die ganze Woche bis zum Umfallen nach Nell Sweeney gesucht hat, wird sein Blut sehen wollen.
Von den Ermittlern, die den Auftrag bekommen haben, sich unzählige Videos mit seinem doofen #IchhabedieMacht anzusehen, ganz zu schweigen. Oder dem armen Schwein, das gegenwärtig auf dem Weg zum Flughafen in Belfast ist, um die Kowalskis abzuholen – ein Auftrag, für den Mark der Mumm gefehlt hatte. Er möchte nicht einmal daran denken, wie DI Bradley das alles den Sweeneys beibringen will.
Er dachte daran, wie gebrochen Marian Sweeney heute Morgen gewirkt hatte. Sie war jenseits von Trauer und Angst und sah nur noch leer aus. Als gäbe es in ihrer Welt kein Licht und keine Hoffnung mehr.
Hätte er doch nur …
Er lässt den Kopf in die Hände fallen und sagt sich, dass es keinen Zweck hat, über all das Hätte, Sollte und Könnte nachzudenken. Was geschehen ist, ist geschehen, und es wird ihm für den Rest seines Lebens nachhängen, egal, wie es ausgeht.
DS Kings Blick fällt ihm wieder ein. Seine Chefin, die er in den letzten Jahren sowohl bewundert als auch gehasst hat. Wahrscheinlich hat er mehr Zeit im Dienst mit ihr verbracht als mit irgendjemandem sonst. Sie hatten zahlreiche Fälle zusammen bearbeitet, eine Menge Schurken geschnappt. Sie haben sich in der besten und in der schlimmsten Verfassung erlebt, müde, gestresst und frustriert. Und sosehr er sie in den letzten Wochen hasste – als sie anfing, ihn zu verhöhnen, wenn er sich einen Patzer leistete, sich mit ihrer Beförderung vor ihm aufspielte –, ihren Respekt nun vollkommen und endgültig verloren zu haben, ist die größte Erniedrigung von allen.
Während Bradley tobte – außer sich war vor Zorn –, war Eve King ruhig geblieben. Unter anderen Umständen hätte er sich vielleicht gratuliert, dass er sie stumm vor Schock gemacht hatte. Er hätte es vielleicht genossen zu sehen, wie sie seine Litanei von Klagen las, dass Frauen eine Lektion erteilt werden müsse. Eventuell hätte es ihm Spaß gemacht zu beobachten, wie ihr allmählich klar wurde, dass er nicht nur dieser große, schlaksige Nebendarsteller zu ihrer Hauptrolle war. Vielleicht hätte er es genossen, Zeuge zu werden, wie ihr aufging, dass sie ihn zwar verspottete und herumkommandierte wie ein Kind, er aber derweil etwas schuf, das zu einer viralen Social-Media-Bewegung wurde.
Aber heute hat er es nicht genossen. Denn jetzt erkennt er die Probleme bei diesem viralen Trend – der sich einem Virus gleich ausgebreitet hat und mutiert ist. Und obwohl es bisher erst einen Mord gab, von dem er weiß, hat der Trend bereits zu viele Leben gekostet.
Da hatte sich keine Wut in Eve Kings Zügen gespiegelt. Nicht einmal Schock. Stattdessen riesengroße Enttäuschung. Er hatte gesehen, wie sich in dem Moment jedes Fitzelchen Achtung, das sie noch für ihn bewahrt haben mochte, verflüchtigte. Und wofür hat er alles ruiniert? Es erfordert wahrlich keinen Mut, sich von hinten an eine Frau anzuschleichen, die Kopfhörer trägt, und sie glauben zu machen, sie würde verfolgt. Es braucht keine Courage, sich im Internet vor einer Horde gleichgesinnter Arschlöcher auszukotzen. Ja, es hatte ihn Mut gekostet, diesen Raum zu betreten und seine folgenschweren Fehler zu gestehen –, aber das hat er erst getan, als ihm keine andere Wahl mehr blieb. Als ihm bewusst wurde, dass er nicht mit dem Tod noch einer Frau auf dem Gewissen leben konnte. Als er wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war – von Tagen, Wochen oder Monaten –, bis die Videos, die nun in Mainstream-Social-Media wie Facebook und TikTok kursierten, seine Kollegen ohnehin zu ihm führen würden.
Und es war nur eine Frage der Zeit, bis sie bestätigt hätten, dass er das Video gemacht hatte, in dem die erschrockene Nell Sweeney so verängstigt aussieht. Er kann es aus dem Forum und von seinem Handy gelöscht haben, aber was einmal online ist, entwickelt ein Eigenleben. Er wird wahrscheinlich nie erfahren, ob Doire Nell von dem Video wiedererkannt hat. Ob ihr Gesichtsausdruck ihn dazu gebracht hat, sie für sich zu wollen. War es das Bild einer Frau, die er kannte – mit der er höchstwahrscheinlich bei der Arbeit zu tun hatte –, was ihn über die Kante getrieben hatte?
Er würde gern denken, dass es reiner Zufall war – nur ist nichts jemals nur Zufall. Er ist zu lange beim CID , um das wirklich zu glauben.
Ihm ist befohlen worden, hier zu warten, bis seine Vorgesetzten zurück sind. Er rechnet damit, dass jeden Moment die Tür aufgeht und Kollegen hereinkommen, um mit der schaurigen Aufgabe zu beginnen, seine Posts zu lesen, IP -Adressen nachzuverfolgen und dergleichen. Es gibt Sachen auf dieser Website, bei denen einem das Blut in den Adern gefriert. Er wird ihre Mienen sehen müssen, wenn sie sein bescheuertes Manifest lesen. Wenn er den großen Macker mimt, weil andere seine blöden Videos mit dem blöden, kindischen Hashtag loben. Es wird keine Rolle mehr spielen, dass er jetzt etwas gesagt hat. Dass er ihnen »Doire« als Durchbruch in ihrer Ermittlung geliefert hat, denn es ist zu wenig und zu spät.
Sie haben ihm sein Handy nicht abgenommen. Noch nicht. Auch das ist nur eine Frage der Zeit. Es wird jetzt ein Beweismittel sein. Alles in seinem Leben wird mit forensischer Gründlichkeit untersucht werden. Seine Kollegen werden jedes einzelne traurige Detail seines Lebens erfahren. Er entsperrt sein Handy und scrollt wieder durch das Forum, sieht nun, was es wirklich ist, in all seiner Erbärmlichkeit.
Und dann aktualisiert sich die Seite, und es startet ein neuer Thread von Doire. Beim Lesen wird ihm schwindlig, und säße er nicht bereits, würde er fraglos umkippen.
Game on: Heute Abend Livestream. Ich erteile dieser kleinen Schlampe eine Lektion.
Obwohl er auf keinen Fall auch nur daran denken will, was sonst noch in dem Thread steht, klickt er ihn an.
Kommt um acht wieder, um die Liveshow zu sehen – oder klickt den Link vorher für eine Vorschau an.
Es ist nicht so schwer, eine Frau folgsam und respektvoll zu machen. Und wenn sie es nicht auf die leichte Tour wollen, machen wir es eben auf die harte. Vergesst nicht: Ihr habt die Macht!
Das kleine Bild unten ist eine Nahaufnahme von einem Gesicht – ein verängstigter Ausdruck, den er von seinem eigenen Video von Nell in der Nähe des Krankenhauses wiedererkennt. Sie ist irgendwo, wo es dunkel ist, und ihr Gesicht ist schmutzig und tränenfleckig. Wieder überkommen ihn Schuldgefühle, als er auf Play klickt und eine Aufnahme von Nell Sweeney in einem Raum sieht, der wie eine Gefängniszelle wirkt, barfuß und mit einer Kette um ihren Knöchel. Er hört den Mann hinter der Kamera fragen, ob sie Elzbieta vermisst, und Nell gibt sich alle Mühe, nicht vollkommen verängstigt auszusehen.
Er schaut das Video noch an, als die Tür zu DS Bradleys Büro geöffnet wird. Doch als er sich umdreht – er rechnet mit jemandem aus dem Technikteam –, sieht er zu seinem Entsetzen Natalia, deren Gesicht der Inbegriff des Abscheus ist. Er wird feuerrot vor Scham und will sich bei ihr entschuldigen, aber was kann er schon sagen? Es gibt nichts, was das hier irgendwie besser machen könnte.
»Ich soll dir sagen, dass du in den Vernehmungsraum eins gehen sollst. Da kommt bald jemand zu dir.«
Ihre Stimme bebt, und er kann nichts tun, außer zu nicken.
»Mach ich. Ich muss nur erst telefonieren. Dieses Video … ist neu.«
Natalia sagt nichts mehr, nickt stumm und verlässt das Büro. Die Tür schließt sie hinter sich.
DC Mark Black nimmt sein Handy und ruft DI Bradley an, um ihm zu sagen, dass die Uhr nun lauter und schneller denn je tickt.