»Wir raten Ihnen davon ab, die Website zu suchen«, sagt DI David Bradley, während ich mir Mühe gebe, mich auf sein Gesicht und seine Stimme zu konzentrieren. »Ich weiß, dass die Versuchung groß ist, aber das Darknet ist verstörend. Sie könnten eine Menge furchtbaren Content finden, und im Moment müssen wir wirklich das Positive im Fokus behalten. Zu wissen, wo die Originalvideos gepostet wurden, ist schon ein großes Puzzlestück, und unsere besten Techniker arbeiten an der Rückverfolgung der Videos zum ursprünglichen User. Wir stehen in direkter Verbindung mit der Cyber Crime Unit bei Scotland Yard, um diesen User so schnell wie möglich aufzuspüren. Es ist immer noch eine riesige Aufgabe, trotzdem wurde sie gerade wesentlich überschaubarer.«
»Wie haben Sie die Website gefunden?«, fragt Stephen. »Das Darknet taucht ja nicht mal eben so bei einer Google-Suche auf.« Mich erstaunt, wie rational er denken kann, um eine so sinnvolle Frage zu stellen. Ich kann so gut wie gar nicht denken. Mein Verstand schreit, dass er sehen will, was in all den Posts, von denen DI Bradley mit aschfahlem Gesicht erzählt, über meine Tochter geschrieben wird.
»Ein Forum-User hat uns einen Hinweis gegeben«, antwortet er, ohne uns direkt anzusehen. Ich habe das Gefühl, dass da mehr ist, was mir nicht nur seine Haltung, sondern auch DS Kings grimmige Miene verrät.
»Die Ermittlung schreitet momentan ziemlich rasant voran, und das ist gut so«, sagt sie. »Heute Morgen hatten wir noch wenig, und jetzt wissen wir von diesem Forum, in dem es Diskussionen über Elzbieta und Nell gibt.«
Ihre Begeisterung wirkt so erzwungen, dass ich erst recht glaube, sie enthalten uns etwas vor. Ich will sie fragen, als DI Bradley wieder etwas sagt.
»Ich denke, Heather hat Ihnen beiden schon mitgeteilt, dass Sie diese Information vorerst unter Verschluss halten müssen. Was wir wissen, ist, dass derjenige, der Nell hat, nach Aufmerksamkeit giert. Er hat gepostet, dass er berühmt sein will, hierfür in Erinnerung bleiben will. Wir dürfen die Möglichkeit nicht ausschließen, dass er für die Verbreitung der ersten Videos verantwortlich ist, in denen Frauen von Männern Angst gemacht wurde. Er wird sie aus seiner Nische im Internet in die öffentlicheren Kanäle geleitet haben. Er will eine Riesendiskussion in Gang setzen, und wenn wir ihm den Sauerstoff der Aufmerksamkeit nehmen, stehen die Chancen besser, dass wir ihn hervorlocken.«
»Oder ihn zu drastischen Taten verleiten«, sagt Stephen. Mehr muss er nicht erklären. Ich weiß genau, was er meint.
»Stimmt, wir können nicht genau vorhersagen, wie er reagiert, aber wir wollen auch eine mögliche Panik verhindern. Wir müssen unsere Ressourcen darauf konzentrieren, Nell sicher nach Hause zu bringen und diesen Mann zu finden, bevor er wieder einen Mord begeht.«
»Aber warum Nell?«, frage ich. »Das ergibt keinen Sinn. Warum hat er sie ausgesucht? Was in aller Welt kann er erreichen, indem er sie … sie verschleppt?« Ich bringe nicht »sie verletzt« oder gar »sie umbringt« heraus. Diesen Worten darf ich in meinem Kopf keinen Raum geben. »Sie hat in ihrem ganzen Leben noch nie jemandem etwas getan«, sage ich. »Sie ist Krankenschwester, Herrgott! Sie hat sogar schon als Schwesternschülerin während der Covid-Pandemie zusätzliche Schichten übernommen. Sie bringt ihr Leben damit zu, anderen zu helfen.«
»Wir wissen nicht, warum er sich Ihre Tochter oder Miss Kowalski ausgesucht hat«, antwortet DI Bradley. »Aber es steht zu vermuten, dass die Person, nach der wir suchen, in irgendeiner Form mit dem Krankenhaus zu tun hat. Darauf konzentrieren wir jetzt unsere Bemühungen. Wir haben Officers, die mit den Mitarbeitern reden, einschließlich der Dienstleister. Und wir schauen uns auch die Schichtpläne an, um herauszufinden, ob sich aus denen Verdachtsmomente gegen jemanden ergeben. Falls jemand sich verdächtig benommen oder mit beiden Frauen Zeit verbracht hat. Soweit wir aus dem Forum wissen, ist Nell freiwillig zu einem Treffen mit diesem Mann gegangen. Sie müssen schon vorher eine wie auch immer geartete Beziehung gehabt haben. Ich kann Ihnen nur versichern, dass wir alle verfügbaren Kräfte an diesem Fall haben und genauso erpicht wie Sie darauf sind, die Person zu schnappen.«
Ich bezweifle, dass sie so erpicht sind wie ich, aber das sage ich nicht laut. Stephen hüstelt auf die Art, wie er gern vermittelt, dass er das Gesagte für kompletten Blödsinn hält. Normalerweise finde ich es maßlos unverschämt, jetzt aber nicht. Denn jetzt heißt es das, was ich auch denke.
»Diese anderen Forum-User haben ihn einfach nur angefeuert? Warum haben die ihn nicht früher gemeldet? Was stimmt mit denen nicht? Ich verstehe das nicht. Haben sie gewusst, was er vor heute getan hat, und trotzdem den Mund gehalten?«
»Anscheinend betrachtet er sich als Teil einer größeren Mission, eine Art politisches Statement abzugeben«, antwortet DI Bradley.
»Ein politisches Statement?«, wiederhole ich ungläubig und frage mich, was für ein politisches Statement es sein soll, mein Kind zu entführen und eine andere junge Frau umzubringen.
»Es gehört zu einer Bewegung für Männerrechte«, erklärt DS King, und ich kann die Verachtung in ihrer Stimme hören.
»Eine Bewegung für was?«, frage ich immer noch ungläubig. »Ist das Ihr Ernst? Diesen jungen Frauen wird Angst eingejagt, sie werden entführt und ihnen wird weiß der Himmel was angetan, für was? Für Männerrechte? Ich habe ja schon viel gehört! Himmelherrgott!«
»Es ist eine große Bewegung, und so lächerlich sie sich anhören mag, dürfen wir sie doch nicht unterschätzen«, sagt DI Bradley. »Sie nennen sich selbst Incels, was heißt, dass sie sich als unfreiwillig zölibatär verstehen, involuntarily celibate. Sie glauben, dass die Gesellschaft sich zu sehr zugunsten der Frauen verschoben hat und ihnen ihre Menschenrechte verwehrt werden, sie diskriminiert und von Frauen abgelehnt werden. Es hat ziemlich furchteinflößende und aufsehenerregende Massentötungen durch Anhänger gegeben – von denen einige den Status von Märtyrern erlangten. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass aus diesem Grund niemand aus dem Forum uns irgendwas gemeldet hat. Diese Leute glauben fest an das, was sie tun – dass Frauen entbehrlich sind, wertlos. Sie haben diesen Mann angefeuert. Die andere Möglichkeit ist, dass ihnen klar ist, wenn sie uns die Informationen mitteilen, belasten sie sich selbst, weil sie in etwas Finsteres und Gefährliches verwickelt sind.«
»Mein Gott«, sage ich, während ich das alles noch zu begreifen versuche.
»Wollen Sie mir erzählen, dass kleine Jungs, die keine Freundin finden, denken, sie hätten irgendwie die Pflicht oder das Recht, Frauen zu entführen und sie sogar umzubringen?« Stephens Stimme klingt wütend, und ich kann es ihm nicht verübeln. Das Leben unseres Kindes ist in Gefahr, weil irgendein Arsch sich für verfolgt hält. Ich schüttle den Kopf.
»Wir haben mit so was wenig Erfahrung, aber Netzwerke wie das Darknet bieten Gleichgesinnten einen Ort, an dem sie zusammenkommen, über ihre Theorien reden und ihre eigenen Manifeste formulieren können. Bis vor Kurzem konnte man derartige Boards noch auf den Mainstream-Websites finden, aber dann hat man die geschlossen, was lediglich zur Folge hatte, dass die militantesten Leute in den Untergrund abgewandert sind. Ich muss wohl nicht erwähnen, wie viel schwerer es dadurch für uns geworden ist, diese Leute zu überwachen oder Drohungen zu entdecken, bevor sie wahr gemacht werden.«
Ich fahre mir mit den Fingern durchs Haar und merke, wie direkt hinter meinen Augen Kopfschmerzen einsetzen. Es ist solch ein Wust, den ich kaum begreifen, geschweige denn ihm einen Sinn abringen kann. Was als eine Art blöder Video-Trend von Männern angefangen hat, die Frauen Angst machen, ist zu einem realen Albtraum geworden.
»Ich fürchte, Bewegungen wie diese locken all die Irren aus ihren Verstecken hervor, und wir haben es hier eindeutig mit einem sehr labilen Individuum zu tun«, ergänzt DI Bradley.
Auf einmal will ich wissen, wie labil dieses Individuum ist. Mir ist gleich, wie verstörend die Posts in dem Forum sind, ich muss sie sehen. Ich muss lesen, wie er sagt, dass sie lebt. Ich muss wenigstens einen Bruchteil von dem fühlen, was sie fühlt; verstehen, was sie durchmacht, und vielleicht fällt mir beim Lesen der Posts etwas auf, was niemand sonst erkennt. Die Intuition einer Mutter ist stark. Das Band zwischen Mutter und Kind ist noch stärker. Es gibt keine zweite Kraft wie diese auf der Welt. Mag sein, dass ich mich an Strohhalme klammere, wenn ich denke, dass es irgendeinen Hinweis gibt – eine geheime Botschaft, ein Zeichen, das nur ich lesen kann –, aber das muss besser sein, als nur herumzusitzen und nichts zu tun.
»Ich möchte die Posts sehen«, sage ich, doch DI Bradley schüttelt den Kopf.
»Wie gesagt, ich denke wirklich nicht … in dieser Phase der Ermittlung … nun, das könnte Ihre Verzweiflung noch verstärken, anstatt Ihnen zu helfen«, meint er.
»Ich kann Ihnen versichern, was mir momentan durch den Kopf geht, verstärkt meine Verzweiflung ohnehin schon. Wenn ich zumindest wüsste, was genau gerade passiert … Wenn wir diese Posts lesen«, entgegne ich und sehe zu Stephen, der mich anstarrt, als hätte ich nun vollends den Verstand verloren, »müssten wir uns nicht mit Mutmaßungen quälen, was in ihnen stehen mag. Wir könnten sogar etwas finden, das Sie übersehen haben. Schließlich ist sie unsere Tochter. Wir müssen etwas tun. Können Sie diese dunkle Kloake des Internets nicht aufmachen und uns zeigen? Wir haben ein Recht darauf, das zu sehen.«
»Ich will nichts davon sehen«, sagt Stephen leise und ruhig. »Jetzt nicht und auch nicht irgendwann anders. Ich denke nicht, dass Eltern das lesen müssen, und ich habe keine Ahnung, wie du auf die Idee kommst, ich würde lesen wollen, was diese kranken Schweine schreiben, oder warum du das sehen willst.«
Seine Worte fühlen sich wie ein Verrat an. Wie ein Urteil. Als würde er denken, mit mir stimmte etwas nicht. Ich wäre irgendwie pervers.
»Ich will versuchen, es zu verstehen«, antworte ich. »Und deshalb muss ich wissen, was diese Leute über sie sagen. Ich will alles tun, was ich kann, egal, wie unangenehm oder schmerzlich es sein mag, um sie zurückzuholen.«
Da ist ein Blick – einmal geblinzelt, und man hätte es verpasst –, den Bradley und King wechseln, und jetzt weiß ich sicher, dass sie uns etwas verschweigen. Vielleicht versuchen sie, uns vor etwas zu schützen, das zu furchtbar ist. Dieser Gedanke ist wie ein übelkeiterregender Schlag in die Magengrube. Wollen sie die schlimmste Wahrheit von allen verbergen – dass sie schon tot ist? Dass sie bereits das gleiche Schicksal ereilt hat wie Elzbieta?
Ich schaue meinen Mann an und hoffe, er erkennt an meinen Augen, dass ich Angst habe und es wissen muss. Dass er seine eigene Furcht überwinden kann und einsieht, warum ich die Posts lesen muss, so entsetzlich und grauenhaft sie auch sind. Als wir Nell in diese Welt gesetzt haben, haben wir unausgesprochen geschworen, ihr immer beizustehen, ganz gleich, wie hart ihr Leben wird. Die wahre Bedeutung von »in guten wie in schlechten Zeiten, in Gesundheit und Krankheit«. Ein Schwur, der stärker ist als jedes Versprechen, das wir einander hätten geben können; es war ein Eid, der nicht ausgesprochen werden musste. Er ist mir ins Herz eingeschrieben. Ganz gleich, welcher Horror lauert. Wir sind ihre Eltern. Ich bin ihre Mutter, Herrgott. Es ist mein Job, sie zu beschützen.
»Sie verschweigen uns etwas«, sage ich, und meine Stimme bricht. »Sie erzählen uns nicht alles, und wagen Sie es ja nicht, mir wieder mit diesem ›Sie müssen darauf vertrauen, dass wir Ihnen sagen, was Sie wissen müssen‹-Mist zu kommen. Was ist es?«
»Marian, du musst dich beruhigen«, befiehlt Stephen mir.
Was fällt ihm ein?, denke ich. Wie kann er es wagen, mir zu sagen, dass ich mich beruhigen soll? »Und du kannst mich mal!«, herrsche ich ihn an, bevor ich wieder die Polizisten mir gegenüber anschaue. »Also, bei Gott, wenn Sie mir nicht sagen, was los ist, kann ich für nichts garantieren. Ich werde diese Ingrid Devlin anrufen und ihr von dem Forum erzählen, von diesen kranken Schweinen und diesem Darknet.«
»Davon würden wir wirklich abraten, Mrs Sweeney«, sagt DI Bradley, doch mir fällt auf, dass er etwas unruhig wird und DS King ansieht. Sie nickt kaum merklich.
Plötzlich wird mir bewusst, dass Heather neben mir aufgetaucht ist, wo doch Stephen sein sollte. Sie nimmt meine Hand auf eine Weise, die mich wissen lässt, dass etwas Schlimmes kommt. Ich schüttle sie instinktiv ab.
»Ich höre mir das nicht an«, sagt Stephen. »Du kannst hier sitzen und dich selbst quälen, wenn du willst. Nur zu. Aber ich mache da nicht mit.« Er stürmt aus dem Raum und die Treppe hinauf. Heather will ihm nach, doch ich rufe sie zurück.
»Lassen Sie ihn. Wenn er das nicht packt, ist das seine Sache, aber ich will es wissen. Und zwar jetzt.«
»Mrs Sweeney …«, beginnt DI Bradley.
»Bisher haben Sie mich Marian genannt. Das können Sie auch weiterhin«, wimmle ich seinen Versuch ab, mich friedlich zu stimmen. Wenn er mich wirklich respektiert, wird er mir die Wahrheit sagen.
Er nickt. »Marian, Sie müssen wissen, dass es in der Angelegenheit noch eine umfassende Ermittlung geben wird. Sowohl extern als auch intern. Ich kann Ihnen versichern, dass alle Police Officers überprüft werden und man von ihnen erwartet, den allerhöchsten Standards gerecht zu werden. Dennoch sieht es so aus, dass einer unserer Officers in dieser Bewegung gewesen und für einige der Originalvideos verantwortlich ist.«
Ich höre, was er sagt, kann es aber schier nicht glauben. Es muss mir anzusehen sein, denn DI Bradley fährt fort: »Es war einer unserer Officers, der uns heute auf die Website aufmerksam gemacht und uns auf den Mann verwiesen hat, von dem wir glauben, dass er Miss Kowalski und Ihre Tochter entführt hat.«
»Einer Ihrer Officers? Ein Polizist? Und er gehörte zu dieser Gruppe von frauenhassenden Wahnsinnigen? Weiß er von diesem Fall? Wenn ja, warum hat er es Ihnen heute erst erzählt? Warum nicht am Montag? Warum nicht am Donnerstag, als Nell entführt wurde, oder wann immer Elzbieta verschleppt wurde?«
»Wir hatten noch keine Zeit, alle Posts zu studieren oder den Officer gründlich zu befragen, deshalb fürchte ich, dass ich das noch nicht beantworten kann. Ich kann nur betonen, dass wir unsere Bemühungen verdoppeln, Nell zu finden und wohlbehalten nach Hause zu bringen. Für eine umfassende Ermittlung ist noch Zeit, sobald wir sie wieder bei Ihnen zu Hause haben, und wir sind zuversichtlich, dass wir dazu immer noch in der Lage sind. Wie gesagt, alle Augen sind auf diesen Fall gerichtet.«
»Sollten wir dann nicht jetzt alle Informationen rausgeben, damit so viele Leute wie möglich sie sehen? Sicher könnte jemand etwas an diesem Mann wiedererkennen – an seiner Ausdrucksweise oder so.«
»Darüber haben wir auf der Fahrt hierher gesprochen«, erklärt DS King. »Aber wir haben die Befürchtung, wenn wir den Fokus direkt auf ihn lenken, könnte dies eine von zwei möglichen Folgen haben. Die eine wäre, dass er sich ermutigt fühlt, Nell für ein größeres Statement zu benutzen.« Sie muss mir nicht erzählen, wie dieses »Benutzen« aussähe.
»Die andere wäre, dass es ihn in den Untergrund treibt und wir dann auch keine Chance mehr haben, ihn aufzuspüren. Gegenwärtiger Stand ist, dass wir einen Usernamen haben, was nicht viel ist, aber immerhin ein Anfang. Unser Officer spricht jetzt gerade mit einem leitenden Ermittler, und glauben Sie mir, wir werden so viele Informationen von ihm wie möglich bekommen. Er kooperiert voll und ganz mit uns.«
»Toll von ihm«, sage ich und denke, dass sich alles ein bisschen zu wenig und zu spät anfühlt. »Wer ist er? Kenne ich ihn?«
»Ich denke nicht, dass ich Ihnen das zum jetzigen Zeitpunkt sagen kann«, antwortet DI Bradley.
»Aber Sie sind für diesen Fall zuständig, oder nicht? Also wenn jemand Informationen preisgeben darf, sind das doch Sie?« Ich will ihn schütteln. Er hat mir soeben erzählt, dass einer seiner Officers den Schlüssel zum Aufenthaltsort meiner Tochter haben könnte. Dass derselbe Officer wertvolle Tage lang auf Informationen zu ihrer Entführung gesessen hat.
»Aus verfahrenstechnischen Gründen und wegen der laufenden Untersuchung müssen wir solche Ermessensentscheidungen fällen. Wie gesagt, wichtig ist, dass er jetzt kooperiert.« DI Bradley spuckt einen Brei aus Schlagworten und Phrasen aus, und ich möchte ihm entgegnen, dass mir sein PR -Desaster völlig egal ist. Ich habe kein Interesse daran, den Betreffenden zu schützen. Ich will einfach nur Nell.
Genau das will ich gerade äußern, als ein Handy klingelt und DS King ihres hervorangelt. Ich beobachte sie dabei, wie sie stumm »Black« zu Bradley sagt, bevor sie aufsteht und rausgeht.
Ich bleibe mit dem Ermittlungsleiter zurück. Vermutlich wird er nicht oft verlegen, jetzt allerdings sieht es so aus, als wäre er es.
»Haben Sie Kinder?«, frage ich ihn.
»Ja, ein kleines Mädchen. Sie ist erst ein Jahr alt.« Ich sehe den Anflug eines Lächelns und die Liebe in seinen Augen, als er sie erwähnt.
»Wie heißt sie?«, frage ich. Warum ich das wissen muss, weiß ich nicht, aber ich muss. Ich will diese Gemeinsamkeit mit ihm betonen, damit er begreift, wie dringend er meine Tochter finden muss.
»Lola«, sagt er. »Den Namen hat ihre Mutter ausgesucht.«
Ich nicke, und mir fällt wieder ein, wie Stephen meinte, Nell sei ein Name für alte Frauen – keiner, den man einem Baby gibt. Doch kaum sah ich sie, wusste ich, dass Nell der einzige Name war, der jemals zu ihr passen würde.
»Marian, ich kann mir nicht annähernd vorstellen, wie sich das für Sie anfühlen muss«, sagt er. »Sie durchleben den schlimmsten Albtraum aller Eltern. Das ist uns bewusst, und ich ziehe alles an Ressourcen zusammen, was wir haben, um dem Ganzen auf den Grund zu gehen.«
Mein »Danke« kommt gewürgt heraus. Wieder spüre ich Heathers Hand auf meiner, und diesmal ziehe ich meine nicht weg. Tränen, von denen ich glaubte, sie vor nicht einmal zwei Stunden alle geweint zu haben, brennen in meinen Augen.
Als DS King wieder hereinkommt, verändert sich die Atmosphäre im Raum schlagartig. Es gelingt ihr nicht zu verbergen, dass etwas geschehen ist. Sollte ich geglaubt haben, mein Magen könnte nicht noch tiefer sinken, habe ich mich geirrt. Jetzt sackt er richtig tief ab, und Heather drückt meine Hand so fest, dass es fast wehtut.
»Was ist?«, frage ich.
»Es hat eine neue Entwicklung gegeben, und DI Bradley und ich müssen ihr unsere volle Aufmerksamkeit widmen.«
»Und Sie müssen mir auch sagen, was es ist«, entgegne ich und sehe, wie sie blinzelt. Sie versucht, eine Miene aufzusetzen, die nicht den Horror dessen spiegelt, was sie mir mitteilen will.
»Eve?«, fragt DI Bradley.
Sie sieht erst mich, dann den DI an. »Es wurde ein neues Video hochgeladen. Eines von Nell. Wir denken, dass es erst vor Kurzem aufgenommen wurde.«
»Heißt das, sie lebt?«, frage ich voller Hoffnung.
»Scheint so«, antwortet DS King. »Aber ihr Entführer sagt in dem Video, dass er später einen Livestream macht. Um ihr eine Lektion zu erteilen.«
Mir schwirrt der Kopf. Adrenalin flutet meine Adern, und ich bin auf den Beinen, ehe ich es überhaupt richtig merke, und übergebe mich in die Spüle. Mein Körper zittert so sehr, dass ich mich frage, ob ich nicht jeden Moment unter dem Gewicht meiner Angst zusammenbrechen werde.