Als Erstes klatscht ihm der Geruch entgegen: feucht, kalt, modrig. Seiner Meinung nach ist an dem Haus schon seit Langem nicht mehr gearbeitet worden. Wahrscheinlich seit dem ersten Lockdown nicht mehr. Draußen ist alles eine Brache aus Matsch und Unkraut, das versucht, sich seinen rechtmäßigen Platz zurückzuerobern. Es ist karg und deprimierend – umso mehr, als Mark sieht, wie es sein könnte. Ein wunderschönes Haus in einer malerischen, abgeschiedenen Gegend an der Grenze zu Donegal. Dies könnte ein idyllisches Zuhause sein; stattdessen ist es dunkel, unheimlich, und Mark merkt jetzt schon, wie sich ihm die Feuchtigkeit an die Kleidung heftet und in seiner Kehle verfängt.
Doire richtet den Strahl einer extragroßen LED -Taschenlampe auf die Gestalt am Boden, die er reflexartig vor Angst und Schmerz zurückweichen gesehen hat. Es dauert ein bisschen, bis er sie richtig erkennen kann, und obwohl er weiß, dass die Frau Nell ist und dies offensichtlich derselbe Ort, den er heute Morgen in dem Video gesehen hat, kommt ihm das Ganze surreal vor. Diese Szene ist auf eine Weise makaber, wie er es bisher nicht erlebt hat.
Das hier ist kein Zimmer in einem Haus, sondern eine Folterkammer. Die Wände sind noch unverputzt, der Boden blanker Beton. Es ist stockdunkel – die Fenster sind mit Brettern vernagelt, und in der Mitte ist dieses Ding – diese Frau, fast noch ein Mädchen, in einem altmodischen Kleid, die Haut schmutzig, der Gesichtsausdruck verängstigt und mit einer schweren Kette um ihren nackten Knöchel. Sie bibbert, wohl genauso sehr vor Furcht wie wegen der beißenden Kälte.
Es geht gegen all seine Instinkte, nicht das Jackett auszuziehen und ihr umzulegen. Doire hat jedes Vortäuschen normalen Verhaltens abgelegt und wirbelt umher, als wäre er high, betrunken oder schlicht wahnsinnig. Alles an Nells Haltung, wie sie bei jedem seiner Worte zusammenzuckt, zeigt, wie viel Angst sie hat, etwas falsch zu machen. Mark beobachtet, wie sie mühsam aufsteht, Staub und Schmutz von ihrem Kleid abstreift und sich das Haar hinter die Ohren streicht.
»Braves Mädchen«, sagt Doire. »Du kennst die Regeln. Ich bin beeindruckt.«
Sie nickt, meidet aber seinen Blick. Ihr Kopf bleibt gesenkt. Mark vermutet, das ist auch eine der Regeln. Sprich nur, wenn es dir erlaubt wird. Sei allzeit unterwürfig. Dinge, die andere Poster in dem Incel-Forum unbedingt befürworten.
»Ich habe einen Freund zum Spielen mitgebracht«, erklärt Doire. »Sei ein braves Mädchen und sag ihm Hallo.«
Blinzelnd schaut Nell zu Mark auf, die Augen im grellen Lampenschein verengt. Er fragt sich, ob sie sich an ihn erinnert, meint aber, dass sie es wahrscheinlich nicht tut, weil sie ihn in diesem Licht nicht einmal richtig sehen kann.
»Freut mich sehr«, sagt sie und streckt Mark ihre Hand hin. Er sieht, dass sie aufgeschürft und grün und blau ist, schüttelt sie aber, wobei er sich bemüht, behutsam zu sein. Er hat Angst, ihr noch mehr Schmerzen zu bereiten.
»Ganz meinerseits«, murmelt er und ärgert sich, wie erbärmlich es klingt.
»Ihr seid euch aber schon begegnet«, sagt Doire. »Unser Mark hier hat mich auf die Idee gebracht, dich zu entführen.«
Nell blinzelt wieder und schaut zu ihm, hebt eine Hand, um ihre Augen vor dem grellsten Licht abzuschirmen. Er möchte das Gesicht abwenden, was ihn jedoch verraten würde. Er muss so dreist wie Doire wirken. Die Person sein, die er in dem Forum war. Die zeterte, dass Männer ungerecht behandelt würden und Frauen zu viel Macht hätten. Und ihr dieselbe Verachtung entgegenbringen wie an dem Abend ihrer ersten Begegnung. Als er ihr Angst eingejagt und es gefilmt hat – um es dann online zu posten, als wäre sie nichts weiter als eine Pointe. Als hätte die Aktion ihm Macht verliehen und wäre nicht durch und durch falsch gewesen.
Er grinst spöttisch, als sie die Augen leicht zusammenkneift und ihn richtig zu sehen versucht.
»Ah, erkennst du deinen Co-Star nicht?«, fragt Doire. »Also ich war sowieso schon ein Fan seiner Arbeit, aber dann hat er dieses Video von dir geteilt – du weißt schon, wo er dir eine Todesangst einjagt –, und da wusste ich, dass du perfekt für mein Spiel bist. Denk nur, wäre dieses Video nicht gewesen, hätte ich mir eines der anderen Mädchen ausgesucht. Eine von diesen Schlampen, die mich ausgelacht haben. Das muss ich dir lassen, Nell, du hast mich nie ausgelacht. Du bist nett gewesen. Aber es war so verlockend. Dieser Ausdruck in deinem Gesicht. Da habe ich mich richtig lebendig gefühlt.«
Ein kalter Schauer läuft Mark über den Rücken. Hier ging es nie darum, dass man sich als Mann mies behandelt fühlte. Doire war höchstwahrscheinlich seit jeher wahnsinnig.
Nell lächelt. Es ist so offensichtlich, dass sie weiß, sie muss alles geben, sonst bricht sie eine von Doires Regeln. »Ja, ich erinnere mich. Wie schön, dich wiedersehen«, sagt sie zu Mark.
»Ich hätte nicht gedacht, dass sich unsere Wege noch einmal kreuzen.« Mark gibt sich alle Mühe, unverschämt und übertrieben selbstbewusst zu klingen. »Aber ich freue mich, dass sie es haben. Und das auch noch heute Abend.«
»Ist das nicht eine schöne Überraschung?«, fragt Doire.
»Ist es«, antwortet Nell. »Vielen Dank.«
Er weiß nicht, ob der Livestream schon läuft. Doire hat ihm erzählt, dass es mehrere gut versteckte Kameras in dem Zimmer gibt, die Nell nicht sehen kann. Aber er hofft es, denn das hieße, dass neben den Usern im Forum auch die Polizei zusieht.
»Also«, sagt Mark, »habt ihr zwei euch vorher gekannt?« Er hofft, dass er dem Rest des Teams so viele Informationen wie möglich geben kann. Er weiß nicht, ob Doire mehrere Leute hat, die alles beobachten, oder wirklich allein operiert.
Nell öffnet den Mund, doch Doire hebt eine Hand, bevor sie etwas antworten kann. »Vorsicht«, sagt er. »Du weißt es doch besser, Nell. Aber diesen Patzer schenke ich dir. Er ist allerdings deine letzte Chance.«
Sie nickt.
»Du darfst sprechen«, gestattet er ihr im pompösen Ton eines römischen Kaisers. Mark fühlt, wie sein Ekel und sein Hass wachsen.
»Danke«, sagt Nell, bevor sie wieder Mark anschaut. »Eddie und ich sind Kollegen.«
Sie hat den Satz kaum beendet, da wird sie mit einem Fausthieb ins Gesicht zu Boden geschlagen. Marks Magen rebelliert, als er sieht, wie sie Blut spuckt und ein Schluchzen unterdrückt.
»Du hast meinen Namen benutzt«, brüllt Doire. »Damit hast du gegen die wichtigste Regel von allen verstoßen.«
Ehe Mark eingreifen kann, legt Doire, oder Eddie oder wie immer er heißt, mit einem Tritt direkt in Nells Bauch nach, während sie noch am Boden ist. Sie krümmt sich um seinen Fuß, und er stößt einen Laut aus, der irgendwo zwischen einem Schrei und einem Knurren angesiedelt ist.
»Wow, holla!«, sagt Mark mit zitternder Stimme. »Immer mit der Ruhe. Du willst das doch genießen. Noch so ein Tritt, und du hast nichts mehr, womit du arbeiten kannst.«
»Ja, stimmt, stimmt«, sagt Doire und wendet sich ab. »Da war ich wohl ein bisschen zu aufgeregt. Ist ja ein großer Abend.« Er klingt beinahe euphorisch, surrt vor Adrenalin und möglicherweise auch etwas Illegalem. Mark sieht wieder zu Nell und stellt fest, dass sie ihn direkt anguckt. Und jetzt ist da mehr in ihrem Blick als Angst. Das ist abgrundtiefer Hass. Und macht ihn betroffen, bis er sich daran erinnert, dass sie keine Ahnung hat, wer er ist. Sie hat keinen Grund, in ihm mehr als den Irren zu sehen, der sie gejagt hatte, um sie zu erschrecken, und jetzt mit ihrem Peiniger hier auftaucht.
Nach einer kurzen Pause wendet er sich wieder an Doire. »Du hast Wein mitgebracht, oder? Trinken wir was.«
»Bier auch«, antwortet Doire und richtet sein Handy auf sich. »Hi, alle zusammen«, sagt er, während er in eine Tüte greift und eine Bierflasche herausholt, die er mit dem Rand ihres Halses gegen die Ecke eines kleinen Tisches schlägt, um sie zu öffnen. Dann nimmt er einen großen Schluck. »Falls irgendwer von euch gern Werbung platzieren möchte, meldet euch.«
Doire redet weiter mit seinen Zuschauern, und Mark macht einen Schritt auf Nell zu, die sofort weiter zurückweicht. Selbst in der Dunkelheit sieht er, dass Tränen in ihren Augen schwimmen. Er hockt sich hin und fragt sich, ob er es riskieren kann, ihr etwas zuzuflüstern.
Sie liegt völlig passiv da, als er die Hand ausstreckt und ihr das Haar hinters Ohr streicht, wobei er Doire sagt, dass er eine gute Wahl getroffen hat.
»Klar hab ich das!«, sagt Doire und hockt sich neben sie. »Ich bin ja nicht blöd. Du hast alles, Nell, was? Alles, was du brauchst, damit Leute genau das machen, was du willst. Ein kurzes Klimpern mit den Wimpern, und schon habe ich gesehen, wie alle Pfleger sich überschlagen haben, dir zu helfen. Du hast uns die ganze Zeit ausgenutzt.«
»Habe ich nicht«, schluchzt Nell, worauf er ihr Haar hinten packt und es sich stramm um die Hand wickelt. »Ich habe dir doch gesagt, es wird nicht geredet!«, faucht er. »Das hast du dir selbst zuzuschreiben!«
Sie verstummt. Mark beobachtet, wie Doire ihr Haar loslässt und mit den Händen über ihren Körper streicht, ihre Brüste befühlt und dabei in die Kamera grinst.
»Na, dann«, sagt Doire. »Fangen wir an. Nell, es muss fair sein.« Er befiehlt ihr aufzustehen, und Mark schaut zu, wie er innen an ihrem Bein entlangfährt und sich ihr Gesicht verzerrt. Er könnte in die Jacke greifen und seine Waffe ziehen, denkt er. Doire befehlen aufzuhören, auf Abstand zu gehen. Aber Doire ist unberechenbar. Mark würde es nicht überraschen, wenn es dadurch nur umso schlimmer für Nell würde, und das Wagnis darf er nicht eingehen. Was auch immer jetzt geschieht, er darf die Situation für sie nicht noch übler machen. Die ist schon schlimm genug.
Und ihr Blick jetzt – voller Angst, dass sie vergewaltigt wird – wird ihn für den Rest seines Lebens begleiten.
Er sieht, wie sie die Augen schließt in Erwartung dessen, was kommt, ist allerdings überrascht, als Doire innehält, sich auf die Fersen zurücklehnt und die Kette von ihrem Knöchel löst.