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Der Kleinflürleinsweg führte durch ein Stadtviertel, das sich aus handtuchschmalen, aneinandergeklebten Häusern formierte. Ihre Entstehung verdankten sie den späten Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren und dem Boom, den der Aufbau der Nachkriegszeit auch denen bescherte, die für das Kapital der vielen Baulöwen, Neu-Industriellen und Hähnchenkönige eigentlich verantwortlich waren: den Maurern, Lager- und Fließbandarbeitern und ihren Frauen. Sie alle brauchten schließlich bezahlbare Wohnungen.

Die Häuser waren neu verputzt und leuchteten jetzt in modernen Farben, fast als schämten sie sich ihrer Herkunft. Das Plastik an den Hauseingängen war durch Glas ersetzt, die Kunststoffverstrebungen durch Holz, um dem ursprünglich bescheidenen Äußeren Charakter zu verleihen.

Nr. 19 war ein ebenso schmales, zweistöckiges Haus wie seine Nachbarn und an diese unmittelbar angebaut. Es war in einem auffallenden Terrakottarot gestrichen, die Fensterläden waren grün und im Vorgarten stand die unvermeidliche Blautanne.

Anne parkte ihren noch immer lädierten Wagen halb auf der Straße und halb auf dem Gehsteig. Sogar in dieser wenig frequentierten Gegend gab es keine Parkplätze und Anne fragte sich gehässig, warum hier wohl keine Parkscheinautomaten standen. Dass sich die Stadt diese moderne Form der Wegelagerei entgehen ließ? Nichts anderes war doch die Parkgebührenabzocke moderner Städte. Früher hatten die Straßenräuber allerdings noch so viel Scham besessen, sich hinter Büschen zu verstecken, bevor sie ihre Opfer anfielen – heute bediente man sich zu demselben Zweck eines öffentlich platzierten Automaten.

Sie warf einen letzten prüfenden Blick in den Schminkspiegel hinter der Sonnenblende, bevor sie ausstieg. Natürlich waren ihre Augen immer noch geschwollen, trotz kalter Teebeutel und Eisstückchen, mit denen sie am Morgen die Spuren der vergangenen Nacht und ihrer vielen Tränen zu tilgen versucht hatte. Sie war auf dem Weg hierher beim Gemeindehaus vorbeigefahren, um ihren vergessenen Mantel abzuholen, aber dort war noch alles verschlossen gewesen.

Mit schmerzenden Gliedern und pochenden Kopfschmerzen war sie heute Morgen aufgewacht und hatte verstört festgestellt, dass ein wehes Herz durchaus körperliche Konsequenzen hatte. Sie musste sich dazu zwingen, zum Telefonhörer zu greifen, um Melanie Hetzelt ihren Besuch anzukündigen. Das Gefühl der Sinnlosigkeit all ihres Bemühens hatte sie beinahe resignieren lassen. Sie hatte gar nicht den Versuch gemacht, irgendeine Reportage zu irgendeinem Zweck zu erfinden, sondern ganz einfach um ein Gespräch gebeten. Fast, so stellte sie jetzt fest, wäre es ihr ebenso recht gewesen, wenn sich Melanie Hetzelt geweigert hätte, mir ihr zu sprechen. Aber überraschenderweise war sie auf ihren Wunsch eingegangen.

Das Türschild war per Hand mit Kugelschreiber beschriftet und wirkte ein bisschen beiläufig neben den anderen Schriftzügen, die entweder in Messing geprägt oder mit Schreibmaschine geschrieben waren. Ohne Vorwarnung schnarrte der Türsummer, als Anne klingelte. Die Bewohnerin musste entweder sehr vertrauensselig sein, dachte sie, oder aber völlig gleichgültig. Im Flur schlug ihr eine Welle von Modergeruch entgegen, der aus der offenen Kellertür ungehindert nach oben strömte.

Melanie Hetzelt wohnte im ersten Stock und machte nicht den geringsten Hehl aus der Neugier, mit der sie Anne musterte. Die Natur war nicht sehr freundlich mit Melanie umgegangen, dachte Anne, als sie sich vorstellte, und hatte wohl alle ihre Gaben für die jüngere Schwester aufgespart. Vor ihr stand eine Frau in den späten 40ern, rief sich Anne nach einem kurzen Rückschluss auf das Alter des Zeitungsberichts ins Gedächtnis, aber Melanie Hetzelt hätte gut und gern auch Ende fünfzig sein können. Ihr dünnes Haar war strähnig, die dunkelbraune Tönung war am Ansatz herausgewachsen, eine dicke Brille betonte ihre ausgeprägten Tränensäcke und ihr Gesicht war aufgedunsen. Immerhin hatte sie sich Mühe gegeben und etwas Make-up aufgelegt, auch wenn das Ergebnis eher laienhaft war. Sie trug eine braune Polyester-Hose und einen hellen Pullover undefinierbarer Farbe.

„Sie werden sich wundern, was ich von Ihnen möchte …“, begann Anne, als sie sich vorgestellt hatte und der Wohnungsinhaberin in eine ziemlich enge Küche folgte.

„Ja, allerdings – meine Meinung interessiert doch wohl kaum irgendjemanden, geschweige denn eine Journalistin“, gab Melanie mit unfrohem Auflachen zu, während sie Anne bedeutete, an einer Eckbank Platz zu nehmen. Sie selbst setzte sich auf einen Stuhl ihr gegenüber.

„Möchten Sie etwas trinken?“, fragte sie. „Kaffee oder Tee kann ich Ihnen leider nicht anbieten, aber ich habe ein Mineralwasser da.“

Anne konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass ihre Gastgeberin heilfroh war, als sie ablehnte. „Ich weiß nicht so recht, wo ich beginnen soll“, setzte Anne auf Ehrlichkeit, „aber, um noch einmal darauf zurückzukommen, Ihre Meinung ist mir sehr wichtig. Vielleicht liegen die Ereignisse aber auch zu weit zurück, als dass Sie sich erinnern könnten.“ Sie fuhr fort, als Melanie Hetzelt sie fragend anschaute und die Stirn runzelte. „Genau genommen geht es mir um die Beziehung Ihrer Schwester zu Matthias Reininger.“ Anne schluckte tapfer ihre Befürchtung hinunter und setzte hinzu, bevor sie es sich anders überlegen würde: „Und um ihren mysteriösen Tod. Es gibt da … gab da“, verbesserte sie sich, „nämlich auch eine Beziehung zwischen Matthias Reininger und mir und ich habe ein paar Notizen Ihrer Schwester bei ihm gefunden, die mir Angst gemacht haben, ja und ich bin außerdem noch auf den Zeitungsbericht über ihren Tod gestoßen …“

Wenn Melanie über Annes Vorgehen erstaunt war, ließ sie es sich jedenfalls nicht anmerken. „Sie wäre in diesem Herbst 32 geworden“, antwortete sie, als hätte Anne nach einem Backrezept gefragt, „ich habe erst vor Kurzem daran gedacht. Sie war 10 Jahre jünger als ich.“ Anne verbarg so gut es ging ihr Erschrecken darüber, dass Melanie Hetzelt demzufolge erst 42 Jahre alt war. Auch wenn sie sich den Anschein von Unbeteiligtsein erweckte, stellte Anne fest, dass Melanies Stirn ein feiner Schweißfilm überzog, und dass ihre Hände zu zittern begannen.

„Wenn es Ihnen schwerfällt, darüber zu reden, kann ich das gut verstehen. Solche Ereignisse vergisst man nie“, versuchte Anne es ihrer Gesprächspartnerin leicht zu machen, „aber es ist inzwischen lebenswichtig für mich, die Ereignisse von damals zu rekonstruieren.“

„Ihr Tod hat mich nicht als gebrochene Frau zurückgelassen, da liegen Sie völlig daneben“, gab Melanie kühl zurück. „Es gab eine Zeit, da habe ich ihn ihr fast gewünscht. Sie hat unsere gesamte Familie zerstört. Aber das war – nüchtern betrachtet – auch unsere eigene Schuld. Als sie dann starb, war es ohnehin für alles zu spät.“ Melanie wirkte bei ihren Worten so unbewegt, dass Anne unwillkürlich Gänsehaut bekam, und fuhr kurz darauf mit der gleichen, seltsam monotonen Stimme fort: „Regina war nicht wirklich meine Schwester, wissen Sie“, und setzte hinzu, als sie Annes fassungslose Miene sah: „Das wusste niemand – aber da Sie der erste Mensch sind, der überhaupt danach fragt und da ich ohnehin nichts mehr zu verlieren habe, warum sollten Sie es nicht erfahren.“ Sie stand auf, nahm sich ein Glas und ging zum Kühlschrank.

„Allerdings brauche ich dazu erst einmal etwas Vernünftiges zu trinken“, sagte sie und goss einen reichlichen Schuss Whisky ins Glas.

„Schauen Sie nicht so entgeistert“, äußerte sie zu Anne gewandt. „Ich weiß sehr wohl, dass es erst kurz nach zehn am Vormittag ist. Aber auch für ein vernünftiges Leben ist es längst zu spät.“

Jetzt verstand Anne das eigenartige Gebaren Melanie Hetzelts, ihr Zittern und ihren Schweißausbruch. Sie war Alkoholikerin.

Ihr fiel inzwischen auch auf, was sie wohl die ganze Zeit schon störte: Die Wohnung vermittelte – wie ihre Bewohnerin – den Eindruck von Vernachlässigung. Zwar war sie oberflächlich aufgeräumt, doch Anne sah, dass sich unter dem Kissen auf der Eckbank Zeitungen stapelten, und dass aus einer Schranktür der Zipfel eines Geschirrtuchs hervorlugte. Auf dem Tisch waren Gläserränder und auf der Lehne der Eckbank hätte dringend einmal Staub gewischt werden müssen. Dennoch war sie gerührt, dass Melanie zumindest den Versuch gemacht hatte, Ordnung zu schaffen, bevor sie kam.

Mit dem Erkennen des Zustands von Reginas Schwester wuchs jedoch auch Annes Zweifel am Wahrheitsgehalt ihrer Aussage. Wie viel davon war suchtbedingter Realitätsverlust? „Sie wollten mir etwas erzählen“, erinnerte sie Melanie freundlich.

„Regina war tatsächlich nicht meine Schwester“, setzte diese ihren Bericht fort, als hätte sie Annes Gedanken gelesen. „Ich war schon zehn, als meine Eltern sie adoptierten, und sie war ungefähr ein Jahr alt.“ Das Whisky-Glas war leer und Melanie schenkte sich ein nächstes ein. Sie trank einen kräftigen Schluck und Anne bemerkte, dass ihre Hände ruhiger wurden.

„Von dem Tag an, als sie in unser Haus kam, hörten mein Vater und ich für meine Mutter praktisch auf zu existieren. Sie war vernarrt in Regina, nicht nur weil sie so ein Püppchen war. Es gab buchstäblich keine Aussage, kein Lächeln des kleinen Sonnenscheins, woraus meine Mutter kein Fest zelebriert hätte. Ich denke heute, mit Regina hat sich für meine Mutter ein geheimer Traum ihrer Putzfrauenseele erfüllt. Sie gehörte endlich dazu.“ Ein bitterer Zug legte sich wie ein Schatten über Melanies Züge, als sie innehielt.

„Wozu?“, fragte Anne.

„Zu den Reiningers, natürlich.“ Melanies Ton war sarkastisch. „Zu den verherrlichten, täglich aufs Neue heiliggesprochenen Reiningers.“

„Ich verstehe nicht“, meinte Anne.

„Wie sollten Sie auch?“ Ein neuer Griff zum Glas. „Regina war das Kind von Irene Reininger.“

„Das ist doch nicht möglich!“ Anne war fassungslos. „Sie muss doch da erst …“

„14 Jahre alt gewesen sein“, vollendete Melanie Annes Satz. „Oh doch, Irene war ein aufgewecktes Mädchen, in jeder Beziehung. Sie hat ihr Leben lang jedem Mann den Kopf verdreht, ohne sich jemals selbst auf ein Gefühl einzulassen. Aber offensichtlich hat sie sich damals doch übernommen“, schloss sie ihren Satz. „Wer allerdings der Vater von Regina war, hat selbst meine Mutter nie erfahren. Ich habe sie tausendmal mit meinem Vater darüber rätseln hören. Sie war der festen Überzeugung, Ludwig Moreno, der Nachbarjunge, sei es gewesen. Mein Vater hingegen hat immer eine gewisse Ähnlichkeit mit Kurt Falser gesehen.“

„Möchten Sie auch einen Whisky?“, fragte sie Anne. „Sie sehen aus, als könnten Sie einen gebrauchen.“ Anne lehnte ab, obwohl Melanie mit ungewöhnlichem Scharfblick ihre Verfassung richtig einschätzte, und lauschte teils fasziniert, teils ungläubig ihrem weiteren Bericht: „Für eine Abtreibung war es wohl zu spät, als Irenes Eltern ihren Zustand bemerkten. Aber das war für diese Geldaristokraten natürlich kein Problem. Irene wurde zu einem ‚Sprachaufenthalt‘ nach Jersey geschickt – ich glaube, eine Tante begleitete sie – und nach etwa einem Jahr holte meine Mutter Irenes Kind als ihr eigenes von dort nach Hause. Ich hatte über Nacht eine Schwester.“ Melanie stand auf und Anne befürchte fast, sie würde sich einen neuen Whisky einschenken, doch sie drehte lediglich die Heizung höher.

„Ich weiß nicht, mit wie viel Geld sie damals meine Eltern bestochen haben, aber es muss eine ganze Menge gewesen sein. Es reichte immerhin, dass sich mein Vater zu Tode saufen konnte, auch nachdem er keine Arbeit und kein Einkommen mehr hatte, und dass meine Mutter bis heute ein sorgenfreies Leben führen kann. Ich habe mich nicht bestechen lassen … Aber das ist unschwer zu bemerken.“

Melanies Gesicht hatte inzwischen eine gesündere Farbe angenommen und Anne fragte sich, ob der Alkohol dafür verantwortlich war oder ob es sie erleichterte, sich alles von der Seele zu reden. Und wieder traf Melanie Hetzelt mit ihrem nächsten Satz Annes Gedanken: „Sie fragen sich wahrscheinlich, warum ich Ihnen dies alles erzähle, nachdem ich jahrelang geschwiegen habe? Nun, vielleicht ist es endlich an der Zeit. Ich dachte damals oft, ich müsste an der ganzen Heuchelei ersticken. Aber in meinen Fantasien muss ich wohl, aller täglichen Erfahrung zum Trotz, geglaubt haben, die Liebe meiner Mutter zurückgewinnen zu können, wenn ich ihr nur zu Willen war. Aber das war wohl ein Trugschluss. Nach Reginas Tod war ich dann Luft für sie geworden.“ Sie lachte rau. „Sie sind der erste Mensch, der sich dafür interessiert, was ich über die ganze Angelegenheit denke.“

„Ihr mysteriöser Tod“, griff Anne den Faden auf, „ich habe nur diese eine Notiz in der Zeitung gefunden, wurde er denn nie aufgeklärt?“

Ihre Frage brachte sie zurück zu dem Grund ihres Besuchs: Matthias‘ Beteiligung an Reginas Tod. Doch bereits während sie sprach, ging ihr die ganze Tragweite von Melanies Aussage auf. Sie schauderte.

„Hat Matthias Reininger schließlich die Wahrheit erfahren?“, fragte sie. „Hat er sie zu Tode geprügelt, als er erfuhr, dass er sich mit seiner Nichte eingelassen und die Beziehung keine Zukunft hatte? Wurde deshalb die ganze Affäre unter dem Einfluss der Reiningers unter den Teppich gekehrt?“

„Nein!“ Jetzt war Melanie bestürzt. „Regina hat bis zu ihrem Tod nicht erfahren, wer ihre wahre Mutter war. Ich bin mir sicher, auch Matthias wusste nichts vom Fehltritt seiner Schwester. Außerdem, was bringt Sie auf den Gedanken, er hätte sie zu Tode geprügelt?“

„Das war meine Annahme, weil ich seinen Hang zur Gewalttätigkeit inzwischen sehr gut kenne“, gab Anne zurück.

„Da kennen Sie die Abgründe seiner Seele besser als ich. Ich habe ihn eigentlich immer als sehr aufmerksam erlebt.“ Melanies Ton war traurig und Anne fragte sich, ob sie irgendwann einmal auch, insgeheim und hoffnungslos, in den jungen Matthias verliebt gewesen war.

„Regina war schwanger“, führte ihre Gastgeberin weiter aus. „Ich habe einmal ein Gespräch zwischen Irene und meiner Mutter belauscht. Als Irene wohl Reginas Schwangerschaft bemerkt hatte, drängte sie meine Mutter und Regina zu einer Risikountersuchung. Die beiden waren doch die Einzigen, die wussten, dass Regina niemals ein Kind von ihrem Onkel austragen durfte.“ Mit einer müden Geste wischte sie sich über die Stirn.

„Nun, es war wohl meine Mutter, die Regina zu einer Abtreibung überredete. Reginas Kind wäre tatsächlich missgebildet zur Welt gekommen. Das war damals gar nicht so einfach. Regina ist nach Jugoslawien gefahren – und dann an den Folgen einer verpfuschten Abtreibung gestorben.“

Inzwischen standen Tränen in Melanie Hetzelts Augen. Sie stand auf und schaute aus dem Fenster, um sie vor Anne zu verbergen. „Was für eine Tragödie“, sagte sie leise. „Ich habe bis heute Zweifel, ob Matthias tatsächlich der Vater von Reginas Kind war. Nach Jugoslawien begleitet hat er sie jedenfalls nicht. Dorthin fuhr Kurt Falser mit ihr.“

Anne wurde es schwindelig. Jetzt erst erfasste sie, was sie möglicherweise mit ihrer beiläufigen Anklage Kurt gegenüber angerichtet hatte. Er würde nicht lange zögern, ebenfalls Melanie Hetzelt einen Besuch abzustatten. Vielleicht war er schon auf dem Weg.

Sie stand auf, nahm ihren Mantel und ihre Tasche und gab Melanie Hetzelt die Hand. „Sie haben mir sehr geholfen, Frau Hetzelt, ich danke Ihnen sehr. Ich lasse von mir hören, wenn ich meine persönlichen Probleme ausgestanden habe.“

„Aber ich habe Ihnen noch längst nicht alles erzählt“, sagte ihre Gastgeberin drängend, als ihr Telefon klingelte. Doch so sehr Anne darauf brannte, hinter das ganze Geheimnis zu kommen, ihre Unruhe vor einem Zusammentreffen mit Kurt war stärker. Sie wandte sich eilig zum Gehen, als Melanie zum Telefon griff. Vielleicht würde sie zu einem anderen Zeitpunkt noch einmal zurückkommen.

Als Anne weggefahren und ihr Adrenalinspiegel wieder auf ein einigermaßen normales Level gefallen war, spürte sie, dass ihre Knie zitterten. Sie fuhr auf einen freien Parkplatz am Straßenrand. Würde diese Angst jemals wieder weichen? Plötzlich überfiel sie ohne jede Vorwarnung das heulende Elend. Ihre ganze Welt war aus den Fugen gebrochen. Gestern noch voller Hoffnung, Glück und endlich einer Perspektive, fühlte sie seit dem Aufstehen heute Morgen in jeder Pore die wirkliche Bedeutung des Begriffes ‚verletzt‘. Das Erlebnis gestern im Ballsaal mit Phils Anklagen hatte sie wie paralysiert zurückgelassen, ihr Körper eine einzige Blessur, ihr Herz klopfend wie eine eiternde Wunde.

Dazu kam die schmerzende Erkenntnis, dass Phil vielleicht genauso tief getroffen war von ihrer vermeintlichen Doppelrolle. Sie hatte sich wirklich wie die sprichwörtliche dumme Pute benommen. Konnte sie denn nicht den Mund aufmachen, bevor es zu spät war? Anne drückte die Zigarette aus, die sie viel zu hastig geraucht hatte. Sie würde zumindest versuchen müssen, mit Phil zu sprechen.

Anne ließ den Motor wieder an, legte den ersten Gang ein und fuhr in die Redaktion. Und Kurt? Reflexartig trat sie auf die Bremse. Der Fahrer des Wagens hinter ihr hupte. Anne fuhr langsam weiter. Kurt würde sie wohl kaum im Kreise der Kollegen bedrohen. Sah sie ihn überhaupt noch objektiv?

Sie sehnte sich nach Phils gesundem Menschenverstand. Wie gerne hätte sie alles mit ihm besprochen und sich an ihn gelehnt. Früher hätte er sie getröstet, und auch wenn sie seine Hilfe zurückgewiesen hätte, wäre alles gut gewesen. Aber das ging jetzt nicht mehr, sagte sie sich. Sie beide hatten eine Schwelle überschritten und die frühere Freundschaft war jetzt nicht mehr möglich. Sie konnte den Bruch mit Phil und alles, was er beinhaltete, kaum ertragen.

Hatte sie deshalb so gezögert, sich auf ihn einzulassen? Hatte ihr Unterbewusstsein recht, das ihr noch immer suggerierte, dass sie nicht liebenswert war? Sie hatte mehr gewollt und so auch noch eine kollegiale Kameradschaft zerstört. Phil war in seinem männlichen Stolz gekränkt – und das würde er ihr nicht verzeihen. War es tatsächlich Liebe gewesen, was er für sie empfunden hatte? Anne konnte es nicht mehr glauben. Wenn er sie liebte, hätte er sie zumindest angehört – oder nicht?

Zwei Polizeibeamte kamen aus der Tür, als sie vor dem Tagblatt parkte.

Anne fragte sich, was das schon wieder zu bedeuten hatte, eilte die Treppe hoch und ging in Carlas Büro.

„Kurt hat nach dir gefragt“, begrüßte Carla sie pragmatisch, nachdem sie den unvermeidlichen Telefonhörer aufgelegt hatte. Sie widmete sich mit größter Konzentration dem Schnipseln von Apfelstücken, mit dem sie vermutlich vor dem Telefongespräch schon begonnen hatte. Vor sich hatte sie eine kleine Schüssel mit Joghurt und Müsli stehen und Anne beobachtete Carlas flinke Hände. Fast widerwillig stellte sie fest, dass sich nun doch ein leises Hungergefühl in ihr regte, nachdem sie am Morgen geglaubt hatte, nie mehr einen Bissen hinunterzubekommen.

„Was wollte er denn?“ Annes Stimme war ein bisschen atemlos. „Und wo ist er jetzt?“

„Gerade weggegangen – du müsstest ihm eigentlich begegnet sein. Aber ich glaube, deine Reportage über irgendeine Renovierung hat er inzwischen vergessen.“

Carla lächelte rätselhaft und Anne kam es vor, als verberge sie eine Spur Überheblichkeit. Sie hatte eigentlich keine Lust auf Carlas Katz-und-Maus-Spielchen, aber sie musste erfahren, was sie zu ihrer Ich-weiß-etwas-und-lasse-dich-zappeln-Haltung bewog.

„Ist etwas vorgefallen?“, fragte sie deshalb pflichtschuldig.

„Eigentlich nichts Besonderes – nur die Polizei hat ihn den ganzen Morgen mit Beschlag belegt.“

„Du weißt doch sicher inzwischen auch warum, wie ich dich kenne.“ Anne wurde langsam ungeduldig.

„Leider nicht“, gab Carla zurück und etwas in ihrem Ton veranlasste Anne, ihr zu glauben. „Ich habe nur beobachtet, wie die beiden Beamten zusammen mit Kurt seinen BMW genauestens inspiziert haben. Weißt du, ob er einen Unfall hatte? Er zieht dich doch eigentlich immer ins Vertrauen.“ Du bist nicht mehr auf dem neuesten Stand, Carla, dachte Anne und sagte laut: „Kurt hat sich sehr verändert, findest du nicht auch?“

„Mag sein“, antwortete Carla, „aber ich kann das nicht so beurteilen. Vielleicht hat er ja nur mehr Stress, seit Wielands unverhofftem Abgang.“ Sie führte genüsslich einen Löffel ihres Müslibreis zum Mund und fuhr dann fort: „Übrigens – Wieland soll am Montag wieder zurückkommen, hat Kurt mir offenbart, aber eine weitere Erklärung habe ich nicht bekommen. Und ich habe gebohrt, das kannst du mir glauben.“

Spätestens jetzt war Kurt bei Melanie Hetzelt. Anne wusste nicht, woher sie ihre Gewissheit nahm, aber sie war davon überzeugt. Sie spürte, dass Carla ihr auch nicht mehr weiterhelfen konnte und wollte das Gespräch abschließen. So beiläufig wie möglich fragte sie: „Ist eigentlich Phil schon da?“

„Nein“, antwortete Carla, „er war heute Morgen schon da, als ich kam, hackte wie ein außer Kontrolle geratener Derwisch in seinen Computer, knallte Kurt seinen Bericht und die Fotos auf den Schreibtisch und hat sich für den Rest des Tages freigenommen.“

Anne sank das Herz noch ein Stückchen tiefer als es ohnehin schon saß. „Weißt du, ob er daheim ist?“ Ihre eigene Stimme kam ihr fremd vor, so zaghaft klang sie.

„Keine Ahnung – aber irgendetwas hat er gebrummelt, dass er dringend mal wieder zu seinem alten Herrn fahren wollte, glaube ich; beschwören möchte ich es allerdings nicht.“

Also wollte er auf keinen Fall mit ihr zusammentreffen, folgerte Anne. Sie bedankte sich und ging in ihr Büro.

Dort suchte sie ihre Notizen und vertiefte sich in die Reportage über die Renovierung des Ebracher Hofs. Sie arbeitete wie ferngesteuert, wenn sie sich erlaubte nachzudenken, würde sie zusammenbrechen. Vielleicht sollte ich öfter an den Rand meiner Kraft kommen, dachte sie selbstironisch, als sie den Artikel beendet hatte. Es war zumindest ein gangbarer Weg, den inneren Zensor auszuschalten, der ihr gewöhnlich wie ein aufdringlicher Bittsteller folgte und ihre Gedanken blockierte.

Die Leere, die sich jetzt in ihrem Kopf breitmachte, entsprach ihrer Gesamtverfassung und Anne erinnerte sich, dass sie heute noch überhaupt nichts gegessen hatte. Sie musste sich irgendwo ein Sandwich kaufen, wenn sie nicht schlappmachen wollte. Seltsamerweise war es der Gedanke an diese ganz alltägliche Verrichtung, der ihr die Hoffnungslosigkeit ihrer Situation schlicht und unverfälscht bewusst werden ließ. Sie hatte einen Fehler gemacht, der sich wohl nicht mehr korrigieren ließ.

Sie bereute jetzt, Phil ihre intimsten Befürchtungen anvertraut zu haben und hätte einiges darum gegeben, den Briefumschlag wieder zurückzuhaben. Für ihn musste sich das Protokoll ihrer Ängste hoffnungslos überkandidelt anhören. Zu allem Überfluss hatte sie mit ihrem geplanten Besuch bei Melanie Hetzelt geschlossen. Ein Anruf bei ihr – wenn es Phil überhaupt erwog, dort anzurufen – würde ihm den wahren Sachverhalt offenbaren und sie, Anne, als reif für die Couch eines Psychiaters ausweisen. Phil würde ihr Elaborat konstruiert finden, wenn er nicht gar schallend lachen würde. Der Gedanke war unerträglich.

Anne griff zu einem leeren Blatt Papier und schrieb darauf:

Lieber Phil,

schade, dass du meine Sicht der Dinge nicht mehr hören willst. Aber für irgendetwas wird auch diese Erfahrung wieder gut sein – vielleicht ist es besser so. Ich bitte dich nur um eines, gib mir den Umschlag, den ich dir anvertraut habe, einfach wieder zurück. Du kannst ihn ja bei Carla deponieren, wenn du nicht mit mir sprechen magst. Und – trotz allem, danke – einen Tag lang war ich richtig glücklich.

Anne

Sie steckte den Brief in einen Umschlag und legte ihn auf Phils Schreibtisch. Nach einem kurzen Augenblick des Nachdenkens nahm sie ihn wieder an sich. Er konnte in die falschen Hände fallen. Sie ging zu Carla und bat sie, ihn Phil auszuhändigen.

„Ist dir nicht gut, Anne?“, fragte diese. „Du siehst richtig grau aus, wenn ich das so sagen darf. Vielleicht wäre es wirklich besser, du bliebest einmal im Bett, bis du dich auskuriert hast. Du gefällst mir schon die ganze Zeit nicht.“ Sie musste wirklich krank aussehen, dachte Anne, wenn sogar Carla ihr zum Ausspannen riet. Ungewollt hatte sie ihr damit das Stichwort geliefert.

„Würdest du mich bitte als krank entschuldigen, Carla? Ich mag nicht mehr auf Kurts Rückkehr warten.“

„Soll ich dich heimfahren?“, bot Carla an, „oder nimm wenigstens ein Taxi, bevor du mir noch beim Fahren umkippst.“

„Danke – aber es geht schon.“

Anne ging, bevor ein weiteres fürsorgliches Wort Carlas den tatsächlichen Grad ihrer Erschöpfung offenbaren konnte.