Kapitel 19

Sobald er das Foyer des Zentralen Gerichtshofs in der Old Bailey Street betreten hatte, musste Denison eine Isolierkammer durchqueren, die verhinderte, dass mehr als eine Person gleichzeitig das Gericht betrat. Das Licht blinkte grün, und er wurde weitergeleitet, erst zu den Wärtern, die ihn abtasteten, dann zu einem Metalldetektor.

»Legen Sie Schlüssel und Kleingeld in das Körbchen«, erklärte ein anderer Wärter ihm. Der Detektor schwieg, als Denison hindurchging. Schließlich wurde ihm ein in Plastik eingeschweißtes Schild ausgehändigt, das er sich ans Revers stecken musste.

In der Regel genoss es Denison, vor Gericht auszusagen. So kam er für einen Tag aus Coldhill heraus und konnte seinen Anzug von Paul Smith vorführen. Es machte ihn nicht nervös, vor einem großen Publikum zu sprechen, und er war immer zuversichtlich, durch die Fragen der Verteidigung nicht aus dem Konzept gebracht zu werden.

Aber das hier war etwas anderes. Das hier war der große Gerichtssaal von Old Bailey, und alle Zuschauerplätze waren belegt. Reporter nahmen jedes Wort und jede Geste auf. Die Zeichner des Gerichts würden ihn für die Zeitung skizzieren, die er am nächsten Morgen neben Millionen anderer Menschen beim Frühstück lesen würde.

Auch Olivia nicht im Stich zu lassen, machte ihn nervös. Die Leute mussten begreifen, dass sie die Morde nicht hätte verhindern können; dass sie nicht gewusst hatte, was für ein Monster sich unter der Haut des Mannes verbarg, den sie liebte. Man sollte sie bemitleiden und verstehen, dass auch sie ein Opfer war. Er wusste, dass sie Schmähbriefe bekam, wusste, dass sie von den anderen Insassinnen in Holloway verabscheut wurde. Erschien ein Foto von ihr in der Zeitung, dann niemals das, welches in der Nacht von Junes Ermordung aufgenommen worden war, mit den geweiteten Pupillen und den blauen Flecken. Immer wurde das Bild von ihr und Nick gebracht, auf dem sie lächelte, als teile sie sein Geheimnis.

Als Zeuge durfte er an den vorangehenden Verhandlungstagen nicht im Gerichtssaal sein, für den Fall, dass seine Aussage dadurch beeinflusst würde. Doch er sah, wer hineinging.

Nick wurde aus dem Zellentrakt des Gerichts hereingeführt. Er besaß nur drei Anzüge, die er abwechselnd anhatte. Sein Anwalt war sehr eigenwillig, was die Farbe der Hemden und Krawatten anging, die Nick trug. Anscheinend hatte er recherchiert, welche bei den Geschworenen am meisten Eindruck machten. Seine Eltern saßen jeden Tag oben auf der Galerie; sie wirkten steif und sehr angespannt.

Auch Paula kam, doch da sie ebenfalls eine Zeugin war, durfte sie nicht in den Saal. Manchmal konnte Denison sie in der Kantine sitzen sehen, wo sie eine heiße Schokolade nach der anderen trank und stur in eine Zeitung blickte, obwohl er nicht glaubte, dass sie wirklich las.

Lavinia Fitzstanley kam jeden Tag. Das Gerücht ging um, sie übernachte im Nobelhotel Dorchester. Ihr Mann Bertram konnte nur selten einen Geschäftstermin verschieben, weshalb er kaum da war; meistens wurde sie von einem gediegenen Gentleman mit silbergrauem Haar und einem Gehstock mit Löwenkopf begleitet. Lucinda Franz-Hurst, Elizas beste Freundin aus Schultagen, pflegte jeden Morgen zu kommen und ihrem Taxi zu entsteigen, als beträte sie den roten Teppich bei einer Premierenfeier und nicht ein Gericht. Denison war überrascht, dass sie sich noch nie nach den Fernsehkameras umgesehen hatte.

Junes Mutter Claudette war großzügigerweise von ihrem Arbeitgeber freigestellt worden, sodass sie immer kommen konnte. Sie hatte ein Foto von June dabei, das sie jeden Tag in der Hand hielt, während sie den Zeugenaussagen lauschte. Claudette hatte das Gefühl, dass es ihre Pflicht sei, die Schmerzen und das Leid ihrer Tochter zu bezeugen, egal wie grausam die Aussagen auch waren.

Amandas Eltern, Julia und David Montgomery, trugen schwarz und hatten jeden Tag frische weiße Rosen am Aufschlag. David Montgomery hatte sich seit Beginn der Verhandlung nicht rasiert, und jeden Morgen sah sein Anzug verknautschter aus. Julia Montgomery wirkte erstaunlich gefasst, sogar dann, wenn die Journalisten ihr Mikrofone ins Gesicht hielten und sie und ihren Mann über die Straße verfolgten. Ihr Ausdruck änderte sich bei keiner der Zeugenaussagen; sie vergoss nicht einmal eine Träne, als sie Tracey Webb erzählen hörte, wie sie die Leiche gefunden hatte, oder als Weathers vor Gericht darlegte, dass Amandas Kopf im Tiefkühlfach von Nicholas Hardcastles möbliertem Zimmer aufgetaucht war. Doch eines Tages ging Junes Mutter die Treppe hinunter zur Toilette, wo sie Julia antraf, die sich das Herz aus dem Leib weinte. Claudette nahm sie in die Arme, sagte ihr, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis Nick Hardcastle für den Rest seines Lebens hinter Gitter wandern würde, und wischte ihr sanft die verschmierte Wimperntusche mit einem Taschentuch weg.

Denisons Aussage lief gut. Er konnte erkennen, dass die Geschworenen, die seiner Überzeugung, Nick habe Olivia manipuliert und ausgenutzt, skeptisch gegenübergestanden hatten, nun viel mehr Mitgefühl für sie empfanden. Nicks Verteidiger würde dagegen angehen, doch Denison hoffte, dass die Geschworenen während Olivias Aussage ihre Röntgenbilder und die Brandnarben auf ihren Armen zu sehen bekämen. Dass sie auch das Bild von dem, was Nick ihr in der Nacht von Junes Ermordung angetan hatte, sahen. All das fußte natürlich darauf, dass Olivia wirklich in den Zeugenstand trat und gegen den Mann aussagte, den sie als die Liebe ihres Lebens betrachtet hatte.

Denisons Nervosität wegen eines möglichen Meinungswechsels von Seiten Olivias wäre noch größer gewesen, wenn er sie am Abend vor ihrer Zeugenaussage in ihrer Zelle gesehen hätte, wie sie wieder und wieder einen Brief las, den Nick ihr in jenem ersten Sommer ihrer Trennung geschickt hatte.

»Eines Tages möchte ich dich dorthin mitnehmen, wo ich ins Internat gegangen bin«, hatte er geschrieben. »Um dich all meinen Lehrern vorzustellen. Besonders Mr. Jenkins wird dir gefallen, er ist ziemlich abgefahren. Aber eigentlich möchte ich dir das Gelände rund um die Schule zeigen – die Gartenanlagen sind umwerfend, es gibt sogar eine kleine Höhle. Am Rand des Geländes kommt man in den Wald, und dort stehen überall Statuen, einfach so, zwischen den Bäumen. Und der Aussichtspunkt ist toll – dort haben wir im Sommer immer abgehangen, gelesen und heimlich geraucht. Außerdem gibt es Tennisplätze – sicher lassen sie uns eine Runde spielen, wenn wir nett fragen.«

Und nur wenige Absätze später:

»Ich halte es nicht aus, dich nicht zu sehen. Ich träume immer von dir. Stelle mir dein dunkles Haar auf meinem Kopfkissen vor, deine Lippen auf meiner Haut. Ich werde hier noch verrückt, so ohne dich. Lass mich doch nach London kommen. Ich mache mir Sorgen um dich, und die Vorstellung, wie du dort festsitzt, gefällt mir nicht. Nie geht jemand ans Telefon, wenn ich anrufe. Warum darf ich dich nicht sehen? Bist du sauer wegen meiner dummen Eltern? Hör einfach nicht darauf, was andere sagen, Liv – wir gehören zusammen. Du und ich, für immer. Ich verspreche dir, dass ich dich nie gehen lasse.«

Um Olivias Zeugenaussage zu hören, nahm Godfrey sich einen Tag frei von seinem Job in der Londoner City. Am Vorabend übernachtete Sinead auf seinem Gästesofa, und beide wachten früh auf. Godfrey mahlte Kaffeebohnen und machte für jeden einen Espresso, den sie zu ihren Bagels tranken. Keiner von beiden hatte wirklich Hunger, und keiner sprach viel.

Als Godfrey anschließend seine Zähne putzte, betrachtete er sich im Badezimmerspiegel und dachte über Eliza nach. Darüber, wie sie immer das Haar über die Schulter geworfen hatte. Über ihre Zehennägel, die sie in der Regel in einem hübschen Rosa lackiert hatte. Den weißen Abdruck auf der gebräunten Haut, wo der Bikini gesessen hatte. Wie sie sich beim Kichern den Mund zugehalten hatte. Wie sie einmal nicht gewusst hatte, wie man »bourgeois« ausspricht, und nach ihm gehauen hatte, als er sie auslachte.

Es war ihm erspart geblieben, sie identifizieren zu müssen, doch oft kehrte er im Traum wieder zu jenem Abend und an den Fluss zurück und suchte endlos, während die Feuerwerkskörper über seinem Kopf explodierten. In einem Traum fand er sogar ihre Leiche; allerdings war sie nicht zu Tode geprügelt, sondern ertränkt worden und trieb nun mit dem Gesicht nach oben im Cam, und die bunten Lichter des Feuerwerks spiegelten sich in ihren leeren Augen. Er dachte daran, dass auch sie Alpträume gehabt hatte, in denen der Killer Amandas sie jagte. Und er hatte sich über sie lustig gemacht, hatte ihr gesagt, sie solle nicht so melodramatisch sein. Er hatte sie überredet, in Cambridge zu bleiben.

Sinead erinnerte sich nicht an Tote. Godfreys Wohnung ging auf die Themse, und sie sah den Touristenbooten hinterher, die durch das graue Wasser pflügten. Dabei musste sie an eine E-Mail denken, die sie am Vortag erhalten hatte. Leo hatte sie an sie weitergeleitet; sie war von Freunden aus dem College, die gerade ein Baby bekommen hatten, das – vermuteten sie – während der Abschlussprüfungen entstanden war. »Dachte, du würdest vielleicht gern die neuesten Babyfotos sehen. Sie wächst wirklich schnell, und es wird nicht lange dauern, bis Paul ihr das Periodensystem erklärt. Er ist überzeugt, dass sie das Alphabet bereits dank der Tapetenbordüre in ihrem Zimmer beherrscht (›Eee wie Elefant‹).« Die angehängten Fotos zeigten das Baby – June Charlotte Zarach – einmal verwirrt, einmal glucksend. Es hatte dunkelblaue Augen und orange Haare und trug einen gelben Strampler, der mit Entchen bestickt war. Sinead fragte sich, ob sie je selbst Töchter haben würde, und wenn ja, ob sie diese nach Amanda oder Eliza benennen würde.

Sie kamen früh am Zentralen Gerichtshof – das war der offizielle Name des Old Bailey – an. Die Verhandlung würde frühestens um zehn Uhr fortgesetzt werden. Godfrey rauchte draußen eine Zigarette und ignorierte dabei die ein oder zwei Presseleute, die ihn wiedererkannten und versuchten, ihm einen kurzen Kommentar zu entlocken. Sinead stieß ihn an, um ihn darauf aufmerksam zu machen, dass Paula Abercrombie auf sie zukam.

Auch Paula bemerkte sie, und er sah, wie sie zögerte. Dann senkte sie den Blick und ging weiter.

»Kennst uns wohl nicht mehr, was?«, rief Sinead, als sie näher kam. »Schämst du dich zu sehr, um hallo zu sagen?«

Paula blieb abrupt stehen, sog scharf die Luft ein und fuhr auf dem Absatz herum. »Was willst du damit sagen?«, fauchte sie. »Es gibt nichts, wofür ich mich schämen müsste!«

»Abgesehen von der Tatsache, dass du es mit einem Killer getrieben hast!«, entgegnete Sinead.

Paula schüttelte den Kopf. »Er hat mir was vorgespielt, klar? Wolltest du das hören? Ich wusste nicht, dass er ein Killer ist.«

»Ach, sei doch nicht so naiv«, sagte Godfrey und drückte seine Zigarette an der Wand aus. »Was glaubst du denn, was er in Junes Zimmer gemacht hat, in jener Nacht? Ihr ’ne Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen?«

Paula hätte ihn fast geschlagen – nur die Anwesenheit der Fotografen hielt sie davon ab. Stattdessen setzte sie einen Fuß vor den anderen und ging weiter. Sie war wütend und versuchte, nicht zu weinen.

Olivia war um 5.30 Uhr von der Nachtschwester geweckt worden, die sie in ein Wartezimmer führte und ihr das Frühstück brachte: ein sehr weich gekochtes Ei, zwei Scheiben Toast, deren Ecken sich nach oben bogen, Cornflakes mit nur einem Zentimeter Milch auf dem Boden der Schale und eine Tasse lauwarmen Tee. Sie aß langsam und gleichmäßig und saß dann mit im Schoß gefalteten Händen da und wartete auf die Beamten, die sie begleiten sollten.

Olivia wurde eingeklemmt zwischen zweien von ihnen ins Polizeirevier von Newington Park gebracht. Dort wurde sie in Polizeigewahrsam übergeben und kam in dieselbe Zelle, in der sie auch die Nacht nach ihrer Verhaftung verbracht hatte. Sie saß auf der harten Bank und strich ihren Rock glatt. In Holloway wurden Untersuchungshäftlingen nur drei Kombinationen an Kleidung zugestanden, doch ihre Anwältin wollte, dass sie ein Kostüm trug, und hatte ihr bei Jigsaw einen Blazer in Beige und einen Rock gekauft, die sie mit einer weißen Bluse und braunen Absatzschuhen trug. Ihr Haar wurde zum Teil von einer Spange zurückgehalten.

Nicks Brief steckte in der Innentasche des Blazers, über ihrem Herzen. Das Papier wurde von ihrem Körper erwärmt. Sie drehte den Silberring an ihrer rechten Hand, der mit einem Bernstein besetzt war. Nick hatte ihn ihr zum zweiten Jahrestag ihrer Beziehung geschenkt; er hatte damals gesagt, dass der Stein ihn an ihre Augen erinnere.

Olivia konnte das Zittern ihrer Hände nicht abstellen. Allmählich wünschte sie sich, sie hätte auf den Rat der anderen Zellinsassinnen gehört und die Schwester beim Frühstück um ein Beruhigungsmittel gebeten. Sie wollte den Tag so schnell wie möglich hinter sich bringen. Das Einzige, worauf sie sich freute, war das Wiedersehen mit Nick. Es war fast ein Jahr her, dass sie sein Gesicht gesehen und ihm in die Augen geschaut hatte.

Die Tür sprang auf und ihre Anwältin erschien. Adina Kennedy lächelte sie an und umarmte sie.

»Sie sehen sehr gut aus, Olivia«, sagte sie. »Sind Sie nervös? Schmetterlinge im Bauch?«

»Schmetterlinge?«, erwiderte Olivia, die Hand auf dem Magen. »Eher Fledermäuse.«

Adina lachte. »Hören Sie, alles läuft gut. Dr. Denison war in Bestform gestern. Ich wette, dass die Hälfte der Geschworenen heimgegangen ist, um ihr letztes Monatsgehalt sofort an die nächste Kinderschutzorganisation zu überweisen.«

Olivias Lächeln erlosch. »Was wollen Sie damit sagen? Hat er meine Eltern sehr niedergemacht? Hat er den Missbrauch erwähnt?«

Adina legte eine Hand auf Olivias Arm. »Entschuldigen Sie, Olivia, ich wollte Sie nicht beunruhigen. Keine Sorge, Matthew hat den sexuellen Aspekt ausgelassen. Er hat den Geschworenen nur von dem körperlichen und psychischen Teil der Misshandlungen erzählt und weshalb Sie dadurch zur perfekten Zielscheibe für jemanden wie Hardcastle werden konnten. Doch den Großteil seiner Aussage hat er damit verbracht, das Battered-Wife-Syndrom zu erklären: warum Sie Nick nicht verlassen haben, warum Sie ihn immer noch liebten, warum Sie gewillt waren, sich für ihn zu opfern.«

Olivia setzte sich wieder auf die Bank. »Stand heute etwas in den Zeitungen?«

Adina nickte. »Offensichtlich wurde über den Prozessfortgang berichtet. ›Psychiater erklärt Geschworenen, warum Hardcastles Freundin ihn deckte‹, so was in der Art.«

»Hat er Einzelheiten meines Geständnisses erwähnt?«, fragte Olivia und drehte unaufhörlich den Ring an ihrem Finger.

»Er hat gesagt, dass Sie die drei Morde gestanden hätten, dass aber die Fakten Ihre Aussage nicht stützen. Ich sage das höchst ungern, Olivia, aber ich habe das Gefühl, dass Nicks Anwälte die Verteidigung darauf aufbauen werden, Ihnen die Morde in die Schuhe zu schieben.«

Die Polizei war an diesem Morgen stark vor dem Old Bailey vertreten, aber dennoch wurde der Transporter, der Olivia brachte, von wütenden Demonstranten mit Eiern und sogar Steinen beworfen.

»Bezahlte Randalierer, wie üblich«, sagte Adina und schnitt eine Grimasse. »Wenn sie doch bloß verschwinden würden.«

Der Polizeitransporter hielt auf der Rückseite des Gerichtsgebäudes, und eine Beamtin bot Olivia ein Laken an. Olivia sah sie ernst an und schüttelte den Kopf.

Die Tür ging auf, und Gegröle und Beschimpfungen schlugen ihr entgegen. Sorgsam jeden Blick vermeidend ließ sie sich von den Polizisten ins Gebäude führen, froh darüber, kein Ei auf dem Kostüm zu haben.

Sie wurde abgetastet und dann in den Zellentrakt im Untergeschoss gebracht. Die Zellen waren düster, aber wenigstens hatte sie eine für sich allein. Vermutlich war es das, was sie am meisten an ihrem Leben vermisste – etwas Zeit und Raum für sich selbst. Eine Rückzugsmöglichkeit, ein bisschen Ruhe. In Holloway war es nie ruhig. Sogar nachts führten andere Insassinnen lautstarke Gespräche von Zelle zu Zelle, und die geistig gestörten Frauen, die der Aufmerksamkeit der Gefängnisärzte bislang entgangen und noch nicht im »Idiotentrakt« gelandet waren, kreischten und schrien und schlugen ihre Betten, Tassen und Köpfe gegen die Türen ihrer Zellen. Monatelang hatte Olivia nie mehr als ein paar Stunden am Stück geschlafen.

Es wurde elf Uhr, bevor sie aufgerufen wurde. Die Polizistinnen brachten sie nach oben und schwatzten währenddessen über Grillpartys und Pläne für den Sommerurlaub. Adina Kennedy wartete in dem Vorzimmer, das zum Zeugenstand führte.

»Ich bin nicht sicher, ob ich das kann«, platzte Olivia heraus. Adina sah sie in Panik an, packte ihren Arm und zog sie zur Seite.

»Ich fürchte allerdings, Sie müssen«, sagte sie. »Drei junge Frauen sind wegen dieses Mannes tot, und Sie sind die wichtigste Zeugin der Anklage. Wenn er aus verirrter Loyalität Ihrerseits freigesprochen wird, landet die ganze Schuld bei Ihnen.« Adina sah, dass Olivia zitterte, und ihr Tonfall wurde sanfter. »Olivia, Sie müssen doch nur die Wahrheit sagen«, erklärte sie. »Denken Sie daran, was er Ihren Freundinnen angetan hat. Denken Sie an ihre Eltern, ihre kleinen Brüder und Schwestern.«

»Miss Olivia Corscadden«, sagte der Wärter. Adina drückte Olivia kurz an sich, dann wurde Olivia durch die Tür gebracht und stand plötzlich im Gerichtssaal.

Der Raum war groß, alt und holzgetäfelt. Und er war zum Bersten gefüllt, voll mit Leuten, die sie anstarrten. Einer davon war Nick.

Er saß auf der Anklagebank zwischen zwei Polizeibeamten. Er wirkte müde, doch seine Augen waren noch immer von einem lebendigen, strahlenden Blau. Er blickte zu ihr, und sie sahen sich einfach schweigend an. Der Augenblick schien sich länger und länger zu dehnen. Schließlich lächelte er. Sie musste sich beherrschen, um das Lächeln nicht zu erwidern.

»Können Sie dem Gericht Ihren vollen Namen nennen?«

Sie atmete tief ein. »Cleopatra Olivia Corscadden.«

Der Gerichtsdiener kam zum Zeugenstand. »Bitte legen Sie Ihre Hand auf die Bibel und sprechen Sie mir nach: Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen, dass ich die Wahrheit sagen werde, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit.«

Sie wiederholte den Schwur.

»Sie dürfen sich setzen.«

Sie ließ sich auf den Stuhl sinken und blickte verstohlen zu dem Richter, der mit roter Robe und weißer Perücke neben ihr saß. Er trug eine Halbbrille und wirkte sehr streng.

Der Anwalt der Anklage erhob sich. Auch er trug eine weiße Perücke, doch seine Robe war schwarz. Zuerst fragte er Olivia, wie es ihr ginge. Dann bat er sie, die Geschichte ihrer Beziehung zu Nick darzustellen.

Denison saß hinten im Saal und sah zu. Anfangs noch zögerlich beschrieb Olivia, wie Nick sie zum ersten Mal geschlagen hatte, dann zum zweiten und dritten Mal, bis die Misshandlungen regelmäßig auftraten. Sie erzählte davon, wie er sie nach und nach aus ihrem Freundeskreis gelöst hatte, bis die einzigen Leute, mit denen sie noch zusammentraf, er und seine eigenen Freunde waren. Und sie erzählte dem Anwalt, dass ihre Zukunftspläne immer um Nick gekreist waren: wo er hinziehen wollte, was er machen wollte.

Schließlich war die Anklage mit dieser Art Fragen am Ende und ging zum nächsten Punkt des Falles über: wie Olivia den Mord an June Okeweno erlebt hatte.

Danny Armstrong hatte bereits den Streit bezeugt, der beim Maiball zwischen Olivia und June stattgefunden hatte, und hatte zugegeben, dass er Nick die Einzelheiten berichtet hatte, als er ihn einige Minuten danach in einem der Musikzelte getroffen hatte.

»Nick war wütend«, stimmte Olivia zu. »Er war sauer auf June, weil er wusste, dass sie versuchte, ihn und mich auseinanderzubringen. Und er war wütend auf mich, weil ich mir ein teures Kleid gekauft hatte, das ich mir nicht wirklich leisten konnte. Darüber hat er mit mir vor den anderen gestritten.«

»Was geschah, als Sie beide allein auf Ihren Zimmern waren?«, fragte der Anwalt.

»Na ja, eigentlich hat er mich verprügelt«, sagte sie errötend.

»Können Sie das genauer ausführen?«

»Er hat mir ein paar Mal ins Gesicht geschlagen, mich an den Haaren durchs Zimmer gezerrt und mir in den Bauch geboxt.«

Die Anklage verlangte, den Geschworenen das Foto vorzulegen, das in der Nacht von Junes Ermordung von Olivia gemacht worden war. Die Verteidigung führte an, dass es außer Olivias Wort keinen Beweis dafür gab, dass Nick ihr diese Verletzungen zugefügt hatte. Der Richter stimmte zu, es als Beweis aufzunehmen, doch könne daraus keine Schuldzuweisung abgeleitet werden.

»Was geschah dann?«, fuhr der Ankläger fort.

»Als er fertig war, bin ich ins Bad gegangen. Dort hatte ich Jod und Watte, und ich habe die aufgeplatzten Stellen gereinigt. Als ich aus dem Bad kam, war Nick nicht mehr im Zimmer. Ich hörte ein Geräusch von nebenan und ging nachsehen. Ich hatte den Eindruck, es käme aus Junes Zimmer – ich konnte sie durch die Tür hören. Sie sagte: ›Nein, nicht.‹ Ich habe versucht, die Tür aufzumachen, aber sie war abgeschlossen.«

»Was taten Sie dann? Haben Sie um Hilfe gerufen?«

»Ich rief Nicks Namen.«

»Weil Sie dachten, er sei derjenige, der June zusetzte?«

»Nein«, gestand sie. »Ich rief nach ihm, damit er mir zu Hilfe kommt. Ich habe wieder und wieder gegen die Tür gehämmert, weil da diese schrecklichen Geräusche waren. Und dann ging die Tür schließlich auf.«

»Und wer hat die Tür aufgemacht?«

Olivia machte den Mund auf, doch es kam kein Geräusch heraus. Sie schloss ihn wieder.

Olivia sah zu Nick. In ihren Augen standen Tränen, und ihre Unterlippe zitterte. Denison hielt den Atem an, und sein Puls raste plötzlich.

»Olivia? Wer hat die Tür aufgemacht?«

Sie schloss die Augen, und zwei dicke Tränen glitten über ihre Wangen. Sie wandte sich wieder an den Anwalt.

»Nick. Nicholas Hardcastle.«

Denison wartete beim Verlassen des Gerichtssaals auf sie. Er stand da, und sie warf sich in seine Arme und brach in Tränen aus.

»Ist ja gut, ist ja gut«, sagte er und strich ihr übers Haar. »Es ist vorbei. Er wird Ihnen nie wieder wehtun, das verspreche ich.«

Denison war auch während der drei letzten Prozesstage anwesend, als Nicholas seine Aussage machte. Soweit Denison erkennen konnte – und er war ganz schön clever, wenn es um Körpersprache ging –, hatten die Geschworenen sich an dem Tag entschieden, als sie Paula Abercrombies Aussage über den Fund von Amanda Montgomerys Kopf in Nicks Tiefkühlfach hörten. Er beobachtete sie, als Nick auf die Bibel schwor, die Wahrheit zu sagen, und konnte sehen, dass sie skeptisch waren, bevor er auch nur ein Wort gesagt hatte. Als Nick erklärte, den Kopf angeblich von dem Klempner »untergeschoben« bekommen zu haben, den ihm die Hausverwaltung geschickt hatte, um einige Probleme in der Wohnung zu beheben, lachte sogar einer der Geschworenen. Und wie Adina Kennedy vorhergesagt hatte, behauptete die Verteidigung, die wahre Schuldige sei Olivia, obwohl die Verteidiger dafür keinen Beweis erbringen konnten.

»Dann erklären Sie mir mal, Mr. Hardcastle, wie Miss Corscadden es geschafft hat, Amanda Montgomerys Kopf in Ihr Kühlfach zu zaubern? Wollen Sie etwa behaupten, der Klempner sei in Wahrheit die verkleidete Miss Corscadden gewesen?« Niemand konnte so sarkastisch wie Anwälte sein, dachte Denison. Außer vielleicht noch Verkehrspolizisten. Dieses Mal lachte der ganze Saal.

Weathers und Denison hatten sich länger nicht gesehen und liefen sich am Tag, als die Geschworenen sich zur Beratung zurückgezogen hatten, vor dem Gerichtssaal über den Weg. Sie tauschten ein knappes »Hallo«.

»Falls du Lust hast, ich wollte kurz gegenüber ein Bierchen trinken«, sagte Weathers beiläufig. Denison dachte nach.

»Okay«, sagte er dann.

Aus dem einen Bierchen wurden vier und ein Essen beim Inder in Soho.

»Du glaubst also, wir haben ihn?«, fragte Weathers und schob den Teller zur Seite, auf dem sich Reis und leuchtend rot mariniertes Huhn befunden hatten. Er trank von seinem Cobra-Bier.

Denison nickte. »Ich denke schon. Die Geschworenen Nummer vier und acht scheinen mir ein bisschen wankelmütig zu sein, aber die meisten sind bereit, ihn schuldig zu sprechen.«

»Ich dachte, mein Herz setzt aus, als Olivia im Zeugenstand plötzlich verstummt ist«, gestand Weathers. »Dieser verdammte Hardcastle hat ihr schöne Augen gemacht, und man hat förmlich gesehen, wie sie dahingeschmolzen ist. Ich hab dich nie gefragt – aber wie hast du sie dazu gebracht auszusagen?«

Denison rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Er war unfähig, Weathers zu gestehen, dass er Olivia die Tatortfotos gezeigt hatte. Er hätte sie niemandem, der mit dem Fall zu tun hatte, zeigen dürfen, schon gar nicht der Person, die für die Morde verantwortlich gemacht wurde.

»Ich konnte sie davon überzeugen, dass die Morde nicht nur deshalb geschehen sind, weil Nick die Beherrschung verloren hat«, sagte er ausweichend. »Eine derartige Psychose kann nicht mehr gerechtfertigt werden, auch nicht durch den Edelmut, seine große Liebe schützen zu wollen.«

»Das ist so ziemlich das Romantischste, was du je zu mir gesagt hast«, erwiderte Weathers grinsend.

Denison hob sein Glas. »Darauf, dass wir einen Serienmörder gestoppt haben, bevor er zur magischen Ziffer fünf kommt«, erklärte er.

»Und auf dein Buch – Bestseller oder Pleite«, sagte Weathers und stieß mit seinem Freund an.

»Ich hatte keine Ahnung, dass du davon weißt«, entgegnete Denison verlegen.

»Ich glaube, deine Vertretung in Coldhill hat mir davon erzählt. Aber wie willst du die ärztliche Schweigepflicht umgehen?«

»Anscheinend ist das kein großes Problem, solange man keine Einzelheiten aus laufenden Fällen nennt und die Namen der Patienten ändert, wenn man psychiatrische Sitzungen beschreibt.« Denison knabberte an seinem Naan-Brot.

»Und, willst du diesen Fall besprechen?«

Denison sah ihn über das Brot hinweg an. »Ehrlich gesagt geht’s den Verlegern genau darum. Die sind schließlich auf mich zugekommen, nicht umgekehrt. Dem Schlächter von Cambridge gehört das erste Kapitel.«

»Und darin erzählst du von deinen Sitzungen mit Olivia?«

»Bis zu einem bestimmten Punkt. Es wäre natürlich ein Vertrauensbruch, wenn ich den Missbrauch ohne ihre Einwilligung erwähne. Ich muss vorsichtig vorgehen.«

»Und wenn Nick freigesprochen wird? Kannst du das Buch dann immer noch rausbringen?«

Denison dachte darüber nach. »Paul Britton hat den Fall Rachel Nickell in seinem Buch besprochen, obwohl der Richter den Prozess abgelehnt hatte, also vermutlich ja.«

»Dann drücken wir mal die Daumen, hm?«

Plötzlich sahen sie sich ernst an. »Drücken wir die Daumen«, stimmte Denison zu.

Die Geschworenen kehrten nach fünfzehnstündiger Beratung mit einem Urteil zurück.

»Würde der Sprecher der Geschworenen sich bitte erheben?«, wies der Gerichtsdiener ihn an. »Bitte beschränken Sie sich bei der Antwort auf meine erste Frage auf ein klares Ja oder Nein. Geschworene, sind Sie in allen Anklagepunkten zu einem einstimmigen Urteil gelangt?«

»Ja«, sagte der zum Sprecher Ernannte.

»Geschworene, sprechen Sie den Angeklagten, Nicholas Hardcastle, in Punkt eins der Anklage des Mordes schuldig oder nicht schuldig?«

»Schuldig«, sagte der Sprecher.

Nick wurde bleich. Sogar die Farbe seiner Haare und seiner Augen schien ins Aschgraue zu spielen.

»Geschworene, sprechen Sie den Angeklagten, Nicholas Hardcastle, in Punkt zwei der Anklage des Mordes schuldig oder nicht schuldig?«

»Schuldig«, sagte der Sprecher.

»Ja!«, zischte Elizas beste Freundin. Nicks Mutter brach neben ihrem Mann zusammen. Er hielt sie fest umklammert und starrte Nick mit feuchten Augen an. Er wünschte sich, ihn vor den Menschen schützen zu können, die ihn wegbringen würden.

»Geschworene, sprechen Sie den Angeklagten, Nicholas Hardcastle, in Punkt drei der Anklage des Mordes schuldig oder nicht schuldig?«

»Schuldig«, sagte der Sprecher.

»Und das ist Ihr einstimmiges Urteil?«

»Das ist es.«

Claudette Okeweno und Julia Montgomery lächelten sich an und umarmten sich dann fest. Tränen strömten über beider Gesichter.

Godfrey, der sich vom Live-Ticker der BBC im Minutentakt aktualisierte Meldungen auf den Bildschirm seines PCs kommen ließ, überflog die Nachrichten zum hundertsten Mal in einer Stunde und sah endlich, worauf er gewartet hatte. »Ja!«, jubelte er verhalten und schlug mit der Faust auf den Tisch. Er schickte eine SMS mit der Neuigkeit an Sinead, die sie weiter an Rob McNorton leitete, der sie bereits von Leo erhalten hatte.

Denison zweifelte nicht daran, dass noch in den fünfziger Jahren der Richter zu diesem Zeitpunkt ein Stück schwarzen Stoff über seine Perücke gelegt hätte, um das Todesurteil zu fällen. Unter dem Blick des alten Mannes wurde Nick noch bleicher.

»Nicholas Hardcastle, erheben Sie sich. Sie wurden der Morde an Amanda Montgomery, Eliza Fitzstanley und June Okeweno für schuldig befunden. Ich hege keinen Zweifel daran, dass es sich hierbei um die unmenschlichsten Verbrechen handelt, bei denen ich das Unglück hatte, den Gerichtsvorsitz innezuhaben. Diese drei Frauen waren jung, intelligent und schön. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nicht auch zu bewundernswerten und produktiven Erwachsenen geworden wären, wenn Sie es nicht für angebracht gehalten hätten, dieses Versprechen im Keim zu ersticken. Mir bleibt keine Wahl, als bei Ihnen die gesetzliche Höchststrafe auszusprechen: In allen drei Punkten werden Sie zu lebenslänglich verurteilt. Ich bedaure zutiefst, dass ich Sie zu keiner härteren Strafe verurteilen kann. Denjenigen, die in der Zukunft die unerfreuliche Aufgabe haben werden, über eine Begnadigung zu befinden, rate ich dringend, sich an die Gesichter von Amanda, Eliza und June zu erinnern und in ihrer Weisheit zu entscheiden, dass man nie riskieren darf, Sie wieder auf freien Fuß zu setzen.« Er winkte den Aufsehern. »Bringen Sie ihn weg.«

Es dauerte nur etwa zwanzig Minuten, bis die Neuigkeit zu den Insassinnen von Holloway durchsickerte. Laticia kam ins Fernsehzimmer gerannt, wo Olivia sich ein Kinderprogramm in dem zerkratzten Gerät ansah.

»Er wurde schuldig gesprochen, Olivia!«, sagte sie und schüttelte ihre Freundin. »Er hat lebenslänglich gekriegt oder so was!«

Olivia sah in Laticias strahlendes Gesicht und nickte.

»Du kannst dich ruhig freuen, weißt du«, sagte Laticia. »Jetzt kann er dir nichts mehr tun. Du musst nicht traurig sein.«

»Ich bin nicht traurig«, sagte Olivia, »ehrlich nicht.«

»Dann lächle doch mal.«

Olivia lächelte.

***

»Oje, ist das ein trostloses Gemäuer«, sagte Denison, der zum siebten Mal in Holloway zu Besuch war. Olivia zuckte die Achseln und lächelte ihn an.

»Es könnte schlimmer sein.«

»Noch schlimmer?«, erwiderte er zweifelnd.

»Ich könnte in einem Thai-Knast sitzen«, sagte sie. »Oder in einem türkischen. Ich habe Midnight Express gesehen, wissen Sie. So schlecht ist es hier gar nicht.«

»Ist es anders?«, fragte er. »Jetzt, wo Sie nicht mehr in U-Haft sind?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nicht wirklich. Man hat weniger Privilegien, aber positiv ist, dass ich jetzt einen eigenen Fernseher habe.«

»Es muss aber dennoch schwierig sein. Eingesperrt mit Mördern und Drogendealern, obwohl Ihr Verbrechen nur in dem Versuch bestand, den Mann, den Sie liebten, zu schützen.«

Sie runzelte die Stirn. »Seien Sie nicht zu romantisch. Sie sollten es besser wissen. In der Zeit, als ich versucht habe, Sie davon zu überzeugen, dass ich die Schuldige bin, hätte Nick noch jemanden umbringen können. Ich danke Gott jeden Tag dafür, dass er es nicht getan hat. Hören Sie, Matthew, ich verdiene es, hier zu sein. An manchen Tagen denke ich sogar, ich hätte eine höhere Strafe bekommen sollen. Nein, schütteln Sie nicht den Kopf. Ich hatte Glück, und wir beide wissen das.«

Eine Zeitlang sagte keiner von ihnen etwas. Schließlich wühlte Denison in seiner Aktentasche und zog eine Stange Zigaretten hervor.

»Na, die sollten reichen, bis ich aus der Haft entlassen werde«, sagte Olivia grinsend. »Aber die dürfen Sie mir hier nicht geben. Sie müssen sie am Empfang abgeben; die reichen sie dann weiter. Vielen Dank.«

»Ich bin nicht sicher, ob Sie jetzt mehr rauchen, aber nach meinen Berechnungen sollten sie mindestens für einen Monat reichen. Aber ich durfte nicht mehr als zweihundert mitbringen.«

»Vielen Dank«, sagte sie erneut. »Ich versuche, sie mir einzuteilen. Nur noch ein paar Wochen. So lange sollten sie reichen. Was macht übrigens Ihr Buch?«

»Bei den Rechten für den Vorabdruck haben sich die Interessenten gegenseitig überboten. Drei große Zeitungen wollten es abdrucken. Mein Verleger ist ganz aus dem Häuschen.«

Sie nickte. »Das überrascht mich nicht – Geld und Gratiswerbung. Haben Sie schon einen Titel?«

Denison lächelte. »Habe ich. ›Twisted Wing – Der Parasit unter uns‹. Scheint mir die Fähigkeit des Soziopathen, sich geschickt bei anderen einzugliedern, genau zu treffen.«

Sie erwiderte sein Lächeln. »Ich glaube, dass ein ganz bestimmter Hellseher versuchen dürfte, Sie in nächster Zeit dafür zu verklagen.«

Ihr Haar war während der Haft gewachsen, und die Locken glichen nun eher Wellen. Sie bemerkte, wie er ihre dunklen Haare musterte, und fuhr verlegen mit einer Hand hindurch.

»Ich möchte Sie etwas fragen«, sagte sie.

»Schießen Sie los.«

»Wenn ich hier raus bin ... nicht, wenn ich zur Bewährung draußen bin, sondern erst, wenn ich die ganze Strafe verbüßt habe und wirklich wieder frei bin ... könnte ich Sie dann wiedersehen?«

Denison sah zum letzten Mal in ihre glänzenden goldenen Augen. »Natürlich«, sagte er.