ÉTIENNE FRANÇOIS/THOMAS SERRIER

Was heißt und zu welchem Ende studiert man europäische Erinnerungsgeschichte?

Oder: Was haben wir durch unsere Weltreise über Europa entdeckt?

Warum eigentlich ein so umfangreiches Buch, warum so viele Autoren, aus so vielen Nationen? Haben wir denn auch nur im Traum tatsächlich geglaubt, mit diesen stattlichen drei Bänden eine definitive Antwort auf die Frage nach der europäischen Identität, der europäischen Geschichte und den europäischen Erinnerungskulturen präsentieren zu können?

Mitnichten: Wie in der Einleitung schon erwähnt, wissen wir nur allzu gut, dass, wie Max Weber vor mehr als einem Jahrhundert in seinem Aufsatz Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis (1904) so trefflich formulierte, „es keine schlechthin ‚objektive‘ wissenschaftliche Analyse des Kulturlebens oder […] der ‚sozialen Erscheinungen‘ unabhängig von speziellen und ‚einseitigen‘ Gesichtspunkten [gibt], nach denen sie – ausdrücklich oder stillschweigend, bewusst oder unbewusst – als Forschungsobjekt ausgewählt, analysiert und darstellend gegliedert werden“1. Mit seinem Fokus auf den Wandel kollektiver Erinnerungen im Lauf der Geschichte, mit seiner eigenen, durchaus situierten Entstehungsgeschichte ist unser Buch naturgemäß nicht mehr als ein Seismograf der Gegenwart. Diese Einsicht ändert allerdings nichts an unserer festen Überzeugung, dass es sich gleichwohl durch eine echte Pertinenz auszeichnet – trotz oder gerade wegen seiner kollektiven, experimentierfreudigen, multiperspektivisch gebrochenen Herangehensweise an ein Objekt der Vielseitigkeit, ja des Facettenreichtums

[1904], zitiert von Otto Gerhard Oexle, Geschichtswissenschaft im Zeichen des Historismus, Göttingen 1996, S. 81. par excellence: Europa beziehungsweise Europa und die europäischen Erinnerungen.

Auch wir Europäer „sind Gedächtnis“

Die allererste Lehre, die wir aus unserer Arbeit gezogen haben, ist die Bestätigung, dass „wir Gedächtnis sind“, um den Biologen Martin Korte zu zitieren. Jeder unserer Beiträge zeigt auf seine Weise, wie jede Kollektivität ihre eigene, gruppenbildende beziehungsweise gruppenstabilisierende Erinnerungskultur produziert. Jede Erinnerungskultur stellt de facto einen „Mythos“ dar – in der positiven, sinnstiftenden Bedeutung Hans Blumenbergs, Claude Lévi-Strauss‘ oder Benedict Andersons. Eine Erinnerungskultur beruht viel mehr auf dem emotional bedingten Glauben an die Unteilbarkeit historischer Erfahrung als auf einem dialogisch abgesicherten Wissen. Erinnerungskulturen sind deshalb von der Sache her durch und durch subjektiv, selektiv und normativ. Vergangenheiten werden von sozialen Gruppen eben auch deshalb als gegenwärtig relevant wahrgenommen, weil die Menschen fest von ihrem Wahrheitsgehalt, ihrer Einzigartigkeit und Unantastbarkeit überzeugt sind, sodass ihre Geschichte und ihre Identität schlussendlich ein und dasselbe sind: existenzielle, sprich nicht verhandelbare Kategorien.

Dabei stand für uns von Anfang an fest, dass die kollektiven Erinnerungskulturen nicht nur Vorstellungen und Diskurse sind, sondern vor allem gesellschaftliche Praxis. Sie sind durch ihre sozialen Dimensionen – von den wegweisenden „Erinnerungsunternehmern“ zur breiteren Partizipation – wie auch durch ihre institutionellen Aspekte – von offiziellen oder nicht offiziellen Gedenkveranstaltungen bis hin zu staatlichen und/oder zivilgesellschaftlichen Einrichtungen des kulturellen Gedächtnisses – charakterisiert. Vielleicht wird die Vergangenheit mit der Zeit tatsächlich zu einem fremden Land, einem foreign country, wie David Lowenthal es formulierte. Doch lebensgeschichtliche Fäden, gerade noch aufgespürte Überbleibsel verschlungener Zeiten, halbwegs dokumentierte Spuren, gerettete Fragmente nur halbwegs überlieferter Erzählungen ermöglichen es den Nachgeborenen, den Stab der Erinnerung von der Zeitzeugengeneration an sich zu nehmen. In Archiven, Museen und Bibliotheken, in den Schulen und Universitäten, in öffentlichen Gedenkritualen, aber auch im menschlich geschaffenen Landschaftsbild und in der Architektur der Städte kristallisiert sich dann der Bezugsrahmen heraus, worauf das soziale Gedächtnis sich nun über die Generationen hinweg wird stützen können. Europa: Das ist sowohl ein Raum des „kommunikativen“ als auch des „kulturellen Gedächtnisses“. Beides wurde hier gleichermaßen berücksichtigt, um ihre Interaktionen wie auch den Übergang von einer Form des Gedächtnisses in die andere besser zu verstehen, hört man doch häufig, dass das alte Nachkriegsnarrativ von europäischem Frieden und Wohlstand die jüngeren Europäer weniger überzeugt, da der Zweite Weltkrieg und die Wiederaufbauphase in immer weitere historische Ferne rücken.

Ob als Folge des Generationenwechsels oder aber binneneuropäischer Differenzen: Auf eindrückliche Weise wurde unsere wichtigste Eingangshypothese bestätigt, dass die europäischen Erinnerungskulturen – seien sie älteren oder jüngeren Ursprungs – niemals einheitlich und einvernehmlich, sondern fast immer von Asymmetrie und Ungleichheit gekennzeichnet sind. Sie existieren auf keinen Fall für sich allein, sondern sind immer mit anderen verflochten. Oft entspringen sie einem unmittelbaren Spannungsverhältnis etwa zwischen Nachbarnationen, Nachbarvölkern, Nachbarmächten; immer lassen sie sich in größere Zusammenhänge einordnen. Aus dieser Kontextabhängigkeit und grundsätzlichen Relationalität erklären sich nicht zuletzt die potenziellen Mehrfach(be)deutungen, der mehr oder minder akute Interpretationsstreit, der sich fast immer um sie rankt, und schließlich der stete Wandel, dem sie unterworfen sind.

Um Erinnerungskulturen besser zu verstehen, sollte man zunächst ihre zutiefst existenzielle Bedeutung anerkennen. Gleichwohl sollte man nicht alles eins zu eins hinnehmen. Im Gegenteil: Sowohl Erinnerungskulturen als auch Meistererzählungen gehören kritisch hinterfragt, will man begreifen – wie Pierre Bourdieu es empfiehlt –, was sie unter bestimmten Bedingungen „glaubhaft“ macht, was diese Glaubhaftigkeit aber unter anderen Vorzeichen wieder infrage stellt.

Europa: anders und mehr als die EU und der Westen

Die Europäische Union stellt sich oftmals – mit welcher Glaubwürdigkeit sei dahingestellt – als das „ganze Europa“ dar. Tatsächlich wird sie innerhalb wie außerhalb Europas für gewöhnlich mit Europa in eins gesetzt. Diese verkürzte Sicht ist auf den ersten Blick sicherlich nachvollziehbar. Die 28 Länder der Europäischen Union (EU) zählten 2018 mit insgesamt 513 Millionen Einwohnern mehr als zwei Drittel der Bevölkerung des Kontinents. Die EU ist durch eine seltene Kontinuität in der europäischen Geschichte sowie durch die vielen gemeinsamen Merkmale ihrer Länder gekennzeichnet (liberal-parlamentarische Demokratie, Marktwirtschaft und Sozialstaat, Menschenrechte und Verzicht auf innereuropäische Kriege als ultima ratio der Konflikte), von den transnationalen Strukturen der Union nicht zu sprechen. Dies alles hat ohne Zweifel eine immense nachhaltige Wirkung, man denke an die Abschaffung der inneren Grenzen oder die Dynamik der Versöhnung. Der damit einhergehende zivilgesellschaftliche Prozess der Verflechtung „von unten“ mag zwar nicht so auffällig wie all die Krisen sein, die die Geschichte der „europäischen Integration“ von Anfang an und bis hin zum Brexit begleitet haben. Der langfristig alles entscheidende Einfluss des „verkannten Bürgers“, wie Hartmut Kaelble so trefflich schreibt, führt aber dazu, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der EU größer als oft vermutet ist und dass die jeweiligen nationalen Vergangenheiten immer mehr als zugleich national und europäisch, anders gesagt: als ein gleichermaßen getrenntes und gemeinsames Erbe wahrgenommen werden. Dabei sollte nicht übersehen werden, dass die EU eine junge Erscheinung ist, die lange Zeit ein Nebenprodukt des Kalten Krieges und der US-amerikanischen Vormundschaft war, dass sie sich erst nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Blocks über den ehemaligen Eisernen Vorhang erweitern konnte und dass sie nur allmählich zu einer politischen und bürgerlichen, ansatzweise auch sozialen und kulturellen Gemeinschaft geworden ist.

Europa ist aber entschieden mehr. Und zwar nicht nur mit Blick auf seine vieldimensionale Gegenwart, sondern auch hinsichtlich seiner äußerst variablen geografischen Ausdehnung und seiner mehr als zwei Jahrtausende alten Geschichte. Europäische Länder, die nicht zur EU gehören, und so gut wie alle nichteuropäischen Länder wurden im Lauf der Geschichte von Europa tangiert. In der longue durée kann die Ineinssetzung von EU und Europa deshalb nur irreführend sein. Um es mit Reinhart Koselleck zu formulieren: Die Europäische Union stellt sicherlich einen bedeutsamen „Erfahrungsraum“ für die heutigen EUBürger dar – aber nicht nur für sie. Ein „Erwartungshorizont“ bleibt sie für viele EU-Bürger, aber eben nicht alle, während sie sehr wohl ein Magnet für viele europäische und außereuropäische Nicht-EU-Bürger ist. Somit beeinflusst die EU das „kollektive Gedächtnis“ ihrer Bürger, aber nicht ausschließlich ihres. Das hat mit den Überlappungen, aber auch mit den Unterschieden zwischen dem, was gemeinhin zu Europa gerechnet wird, und anderen, angrenzenden oder ferneren Regionen der Welt zu tun.

„Der Westen“ etwa: Das ist, spricht man von Europa, die zweite geläufige Identifizierung, die jedoch einen nicht ganz unproblematischen normativen Kern besitzt. Der besonders in (West-)Deutschland verbreitete Begriff geht davon aus – wie vor allem von Heinrich August Winkler vertreten –, dass „der alte Westen, d.h. das Abendland[,] und der neue Westen, d.h. die USA“, eine für die ganze Welt vorbildliche „Wertegemeinschaft“ bilden.2 Die Führungsrolle der USA seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts steht selbstverständlich außer Frage. Noch heute nimmt ihre Wirtschaft den ersten Platz in der Welt ein; dies gilt auch für Wissenschaft, Technologie und Medien; militärisch sind die USA bei Weitem das mächtigste Land der Welt, von der weltweiten Ausstrahlung des amerikanischen way of life nicht zu sprechen. Ließe sich nicht zugespitzt sogar sagen, dass Europa „heute psychologisch abhängiger von den Vereinigten Staaten als vor 30 Jahren ist“, wie der ehemalige US-Botschafter in Deutschland John Kornblum kürzlich meinte?3 Soll das aber bedeuten, dass Europa nur ein Teil des „Westens“ wäre? Wer dies glaubt, übersieht, dass der so verstandene Westen eine indirekte Fortsetzung des Kalten Kriegs darstellt, die eine wiederholte Marginalisierung Osteuropas, des Balkanraums und Russlands zur Folge hat. Die These, nach der der „Westen“ identisch mit dem A und O der Weltgeschichte wäre, führt schließlich zu einer illusorischen Wahrnehmung: Die Erstplatzierung der USA geht nämlich zurück und das traditionelle Zusammenhalten mit Europa schwächelt schon seit Jahrzehnten. In einer globalen Welt müssen solche globalen Koordinaten jenseits alter Denkautomatismen neu gedacht werden.

Deshalb stellt sich Europa in unserem Buch anders dar als der bloße Westen; deshalb ist es mehr als nur Europäische Union. Solche Kongruenzen sind nicht ausgeschlossen; sie mögen sogar ab und zu Sinn ergeben. Doch sind sie konjunkturelle Erscheinungen und eine Sache des Blickwinkels. Als starre Größen dürfen sie nicht verstanden werden. Europa, wie in diesem Buch verstanden, umfasst umgekehrt eine vielseitige und vielschichtige, konkrete, lebendige und sich wandelnde Realität. Gewiss werden die europäischen Erinnerungen heute entscheidend durch die Europäische Union bestimmt. Im Mittelpunkt dieser Bände, deren Ziel es ist, den unerschöpflichen Reichtum an erinnerungskulturellen Spiegelungen zu erhellen, stehen jedoch eine mehr als tausendjährige Tiefendimension sowie ein kontinental und global weitverzweigtes Geflecht an historischen Bezügen.

Die Vielfalt Europas

Auch wenn es heute viele transnationale Institutionen gibt, auch wenn die EU in vieler Hinsicht eine übernationale Realität ist, so bleiben doch die Nation und der Nationalstaat entscheidend für das Verständnis der Geschichte Europas und seiner Gedächtniskulturen. Wie der Mediävist Hermann Heimpel (1901–1988) einmal bemerkte: „Dass es Nationen gibt, ist historisch gesehen das Europäische an Europa.“ Ohne Europa gäbe es keine Nationen, aber ohne Nationen auch kein Europa. Das Paradox ist längst bekannt: Trotz – oder vermutlich eher wegen – der Globalisierung und der EU-Erweiterung haben in Europa weder der Nationalstaat noch die nationalen Gedächtniskulturen an Anziehungskraft verloren. Europa zählt seit dem Zusammenbruch des Ostblocks vierzehn neue Nationalstaaten, weitere Neugründungen – auch im westlichen Europa – sind nicht ausgeschlossen, blickt man nach Katalonien, Schottland oder Flandern. Bis heute bietet der nationale Rahmen tatsächlich die wichtigste Struktur kollektiver Erinnerungen, was vielleicht gerade in der Art und Weise zu beobachten ist, wie besonders grenzübergreifende Themen wie das christliche Erbe, die europäische Aufklärung oder der Kapitalismus sich in Meisternarrativ und Symbolik auch immer national herunterbrechen lassen: Mit Immanuel Kant, David Hume, Voltaire, Cesare Beccaria, Katharina II., Joseph II. oder Stanisław II. August verfügt jedes europäische Land über landeseigene Ikonen der Aufklärung.

Der Thematik der Grenzen und Abgrenzungen wurde deswegen nicht von ungefähr mit einer Vielzahl an einschlägigen Beiträgen eine zentrale Bedeutung in unserem Vorhaben beigemessen: Eine wichtige Erkenntnis aus unserem erinnerungsgeschichtlichen Großpanorama ist im Nachhinein tatsächlich, dass Europa auch Jahrhunderte, nachdem bestimmte Konflikte beigelegt wurden, ein Kontinent der Tausenden und Abertausenden Grenzen ist: Es mögen neben den fast als „klassisch“ zu bezeichnenden Grenzen wie dem Rhein oder der Berliner Mauer auch „unsichtbare Grenzen“ wie etwa zwischen Protestanten und Katholiken oder vergangene, aber weiterhin raumstrukturierende „Phantomgrenzen“ in Wahrnehmung, Erfahrung und Gestaltung sein, wie Béatrice von Hirschhausen so schön sagt. Mit der bleibenden Relevanz zweier wichtiger innereuropäischer Grenzen sahen wir uns bei der Arbeit immer wieder konfrontiert: einerseits der jahrtausendealten Scheidelinie zwischen der lateinischen und der griechischen Christenheit, auf der anderen Seite der viel jüngeren, sich erst im 18. Jahrhundert in Form von stereotypen Selbst- und Fremdbildern herauskristallisierenden, dafür aber durch die eigene Dramaturgie des Kalten Kriegs noch sehr emotional geprägten Grenze zwischen dem westlichen und dem östlichen Europa. Von „zwei Europa“ würden wir trotz allem nicht mehr reden wollen. Das war schon damals – und ist nun noch mehr angesichts der vielen neuen beziehungsweise wieder hervorgetretenen Brechungen – viel zu oppositionell gedacht, rückt man die sehr unterschiedlichen regionalen Entwicklungen seit drei Jahrzehnten in die Tiefenperspektive von mehreren Jahrhunderten.

Binnengrenzen sind natürlich nicht das Einzige. Wie in vielen Abhandlungen nachzulesen ist: Europa ist ein Kontinent, der sich von Anfang an durch eine Abgrenzung von der islamischen/muslimischen Welt definiert hat – von der Schlacht von Poitiers über die Reconquista und die jahrhundertlange Auseinandersetzung mit dem Osmanischen Reich bis hin zur Ablehnung der EU-Aufnahme der Türkei. Dass viele Länder wie Portugal, Spanien, England, die Niederlande, Frankreich, Belgien, Italien, Russland, aber auch Deutschland und Dänemark eine weltweite Kolonialausdehnung erlebten, führte darüber hinaus zu einer bleibenden Abgrenzung zwischen den Weißen auf dem Kontinent und den Nichtweißen in Übersee. Allerdings sollte man hinzufügen, dass die Außengrenzen der EU, die, unmittelbar politisch definiert, administrativer und juristischer Natur sind, etwas anderes als die Grenzen Europas sind, die durchaus ein brisantes Politikum darstellen, vor allem aber in den kulturellen und sozialen Repräsentationen schweben, die ihrerseits oftmals geschichtlich oder pseudogeschichtlich untermauert werden. Deshalb besteht der Bedarf des genaueren Hinschauens: Historisch gewachsene oder im Entstehen begriffene Identitäten lassen sich oftmals nur aus der Differenz oder „entlang der Gräben“ (Navid Kermani) verstehen, woraus sich ein aktueller Trend der Reiseliteratur und Grenzberichterstattung aus den alt-neuen Rändern des europäischen Kontinents – vom Kollaps des sowjetischen Imperiums bis zur vom Brexit überschatteten Gegenwart – besser begreifen lässt (man lese Ryszard Kapuściński, Geert Mak, Andrzej Stasiuk, Jurij Andruchowytsch, Paolo Rumiz, Rory Stewart oder den bereits erwähnten Kermani, um nur einige Autoren zu nennen).

Die allgegenwärtige Bedeutung gegenseitiger Abgrenzungen in der europäischen Geschichte und die sich daraus herleitende Vielfalt der überwiegend national geprägten Erinnerungskulturen bedeuten allerdings auf keinen Fall, dass diese komplett voneinander getrennt wären. Das spezifisch Europäische an ihnen liegt im Gegenteil vielmehr darin, dass sie so gut wie alle strukturell miteinander verflochten sind. Nicht nur, dass alle europäischen Länder sich auf das Erbe der Antike (die altgriechischen Epen, die Philosophie und Demokratie, das römische Recht und das Römische Reich, die lateinische Sprache et cetera) berufen. Oder dass Grenzüberschreitungen konstitutiv waren (und mehr denn je sind) für die Herausprägung ihrer Kultur, Musik, Philosophie oder beispielhaft ihrer Literatur: „Laurence Sterne“, so listet Milan Kundera auf und hält damit eine genuin europäische Dynamik fest, „reagiert auf François Rabelais, und Denis Diderot wird von Laurence Sterne angeregt; Henry Fielding beruft sich ständig auf Miguel de Cervantes, und an Fielding misst sich Stendhal; die Tradition von Gustave Flaubert setzt sich im Werk von James Joyce fort, und Hermann Broch entwickelt in seiner Reflexion über Joyce seine eigene Poetik des Romans, während Franz Kafka Garcia Márquez klarmacht, dass es möglich ist, aus der Tradition auszuscheren und ‚anders‘ zu schreiben.“4

Im Gegensatz zu diesen Leuchtsternen europäischer Kulturgeschichte haben aber auch die ständigen Auseinandersetzungen, Konflikte und Kriege, die die europäische Geschichte bis heute kennzeichnen, bei der Ausformung eines großen zusammenhängenden Erinnerungsgeflechts eine zentrale Rolle gespielt. Um gleich ein fundamentales Beispiel zu nennen: Die zweitausendjährige Geschichte des Christentums in Europa lässt sich nur im Zusammenhang mit dem Judentum, dem es entsprungen ist, und dem Islam, mit dem es sich ständig auseinandersetzte, verstehen. Das Gleiche gilt in umgekehrter Weise für das Judentum wie auch für den Islam. Kultureller Austausch und Spannungsverhältnis gehören hier wie in etlichen anderen Beispielen aufs Engste zusammen. Getrennte, wenn nicht geradezu gegensätzliche Erinnerungen haben deshalb oftmals eine gemeinsame Matrix. So trägt die teilweise erfolgende Europäisierung der nationalen Erinnerungskulturen und der europäischen Erinnerungsorte, die als Folge des Friedens, der Annäherung und des Ausbaus der EU seit den 1950er-Jahren zu beobachten ist, immer noch die Züge des Wettstreits der Nationen aus dem „langen 19. Jahrhundert“ und der blutigen Auseinandersetzungen aus der Weltkriegsepoche. Mit Fokus auf das bereits angesprochene Thema Grenzen lässt sich sagen: Durch die häufigen territorialen Veränderungen, die neuen Grenzziehungen und die wortwörtlich zu verstehenden kulturellen Hinterlassenschaften, insbesondere in Grenzgebieten, zieht sich die Problematik der kulturellen Aneignung eines „fremd-“ beziehungsweise mehrfach kodierten Raumes wie ein Leitmotiv durch die europäische Geschichte hindurch. Wenn einem deutschen Leser vielleicht als Erstes das Kulturerbe ehemals deutscher, nunmehr polnischer Städte einfällt, für die Breslau/Wrocław oder Danzig/Gdańsk zwei Paradebeispiele liefern, so ist Vergleichbares als Erbe von Konflikten aus älteren Zeiten oder noch nicht vernarbten Dramen jüngster „ethnischer Säuberungen“ wie im ehemaligen Jugoslawien überall anzutreffen.

Es ist vor diesem Hintergrund nur allzu verständlich, dass unsere Eingangshypothese zur Dialektik und Konflikthaftigkeit europäischer Erinnerungskulturen ohne Ausnahme von jeder einzelnen Abhandlung in allen drei Bänden bestätigt wurde. Wie schon oben bemerkt, sind Erinnerungskulturen alles andere als fest und endgültig. So betrachtet, sind vergangenheitspolitische Gesetze oder soziale Bemühungen der Sakralisierung eines Gedächtnisses nur fragile, oftmals vergebliche Versuche, den Fluss der Erinnerung zu stabilisieren, was die Dignität solcher Gesten nicht mindert: Wie in unserem Buch überall nachzulesen ist, sind die Sorge und der Wettstreit um Vergangenheitsdeutung oftmals auch deshalb von solch existenzieller Verbissenheit gekennzeichnet, weil ihre entscheidende gruppenbildende Rolle für die Gegenwart und die Zukunft den sozialen Akteuren durchaus bewusst ist.

Europa und die Welt oder: Wem gehören die europäischen Erinnerungen?

Dem gewissen Gefühl der Europäer, dass sie gewollt oder ungewollt etwas miteinander teilen – ob in einer gemeinsamen Vergangenheit, in der Gegenwart oder in einer noch nicht klar definierten Zukunft –, sind wir dennoch in unseren drei Bänden Schritt für Schritt begegnet. So ist letztendlich auch das hier benutzte „Wir“ legitim, wenn auch als ein fragiles, stets im Wandel begriffenes „Wir“. In diesem Sinn, so ein wichtiges Fazit der Untersuchung, lässt sich sehr wohl von einer europäischen Identität sprechen. Frühere Gegensätze bergen in diesem Sinn ein eigentümliches Potenzial. Schlachten werde zu späteren Begegnungsorten – genauer: Wie viele hier untersuchte Beispiele und Gegenbeispiele zeigen, können sie es zumindest werden. In Zeiten des Zweifels kann der wiederholte Verweis auf die bereits überwundenen Gräben nach 1945 und 1989 durchaus dienlich sein. Dafür, so eine weitere Lehre, gilt es, die Geschichte europäischer Gegensätze als die eines gemeinsamen Erbes zu erzählen, auch wenn an dieser Stelle noch einmal an Tzvetan Todorovs bereits in der Einleitung zitierte Bemerkung über die „Europäer von morgen“ erinnert werden darf: Was bei der Suche nach einem „gemeinsamen“ Gedächtnis auf dem Spiel steht, ist letztlich die Anerkennung, dass „die Erinnerung des Nachbarn genau so legitim ist wie die eigene“.

Da Europa heutzutage nur noch einen kleinen Teil der Welt darstellt, hängt seine Zukunft aber auch sicher von dem Selbstverständnis und der Positionierung der Europäer gegenüber der Welt ab. Lässt sich anhand von Erinnerungsdiskursen und Erinnerungspraktiken nicht konkreter erfassen, wer „wir“ sind, was einen Europäer ausmacht, also auch wer nicht dazugehört beziehungsweise dazugehören soll? Diese Doppelfrage in unserer Zeit zu stellen, ist zweifelsohne alles andere als komfortabel, denn – so viel spürt der Wissenschaftler bis in seinen legendären Elfenbeinturm – es ist nicht weit von der sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschung zu ihrer politischen Operationalisierung. Unser Kontinent, der noch vor nicht allzu langer Zeit die Welt dominierte, irrt in unseren Augen vollkommen, wenn er ernsthaft daran denkt, sich nunmehr von der „restlichen Welt“ durch neu gezogene Mauern abzuschotten. Die Ära von Kolonialismus und Imperialismus hat zwangsläufig tiefe Spuren hinterlassen, auch insofern, als dass nichteuropäische Völker Europa nun sehr wohl an dessen propagierte „universelle“ Werte und die sich daraus herleitende heutige Verantwortung erinnern. Wenn in diesen Bänden jenseits allen Eurozentrismus eine These verteidigt und illustriert werden sollte, dann diese: Europäische Erinnerungen lassen sich nicht in die Grenzen Europas einschließen – nicht nur, weil mancher Erinnerungsort im wörtlichen Sinn außerhalb Europas verortet ist, sondern vor allem, weil alle „europäischen“ Erinnerungsorte europäische und globale Bezüge zugleich aufweisen und Erinnerungskulturen niemandes Eigentum sind. Europas gemeinsame und geteilte Erinnerungen lassen sich heute immer mehr nur mit einem Ohr für ihre globalen Resonanzen verstehen; die „Gegenwart unserer Geschichte“, wie unser Untertitel lautet, spielt sich trotz des dezidierten europäischen Fokus und Forschungsobjekts nicht ausschließlich auf dem europäischen Kontinent ab.

Die Frage danach, wer denn Teil an den europäischen Erinnerungen hat, weist aber auch eine andere, sozialere Komponente auf. In seiner berühmten Rede Was ist eine Nation? (1882) bemerkte der Historiker Ernest Renan: „Das Vergessen – ich möchte fast sagen: der historische Irrtum – spielt bei der Erschaffung einer Nation eine wesentliche Rolle, und daher ist der Fortschritt der historischen Studien oft eine Gefahr für die Nation.“ Dennoch dürfen wir zum Schluss getrost die Frage nach dem etwaigen Vergessenen, wenn nicht gar Verschwiegenen aufwerfen. Oder in anderen Worten: Was gäbe es noch zu untersuchen?

Nennen wir drei Stränge. Zum einen sind sicherlich die noch im Entstehen begriffenen kollektiven Erinnerungen zu nennen, von denen man bereits jetzt annehmen kann, dass sie ein großes Thema für morgen sein werden. Trotz der täglichen Nachrichten, die jedoch fast ausnahmslos die Dramatik der Meeresrettung in Szene setzen, sind hier die Gruppen der „Neueuropäer“ (Flüchtlinge, Migranten) zu nennen. Auch wenn sie – vollkommen zu Recht – bereits Eingang in unser Buch gefunden haben: Durch Film, Theater, Reportagen, Literatur wächst der Platz ihrer individuellen wie kollektiven Erfahrungen derzeit rasant im europäischen Diskurs. Aber auch die viel erfreulicheren Erinnerungen von ERASMUS-Paaren und bi- und multinationalen Familien sind im allgemeinen Bewusstsein noch weniger präsent, als ihnen gebührt. Zweitens: Unterdrückte oder medial marginalisierte Gruppen haben es ebenfalls schwer, ihren Erinnerungen ein breiteres, geschweige denn europaweites Echo zu verschaffen, was den dürftigen Platz der Frauen, der Landarbeiter, der Arbeiter, nicht zuletzt der Arbeitslosen und verkrachten Existenzen im europäischen Erinnerungsdiskurs erklärt. Dies ist erinnerungsgeschichtlich die Kehrseite eines trotz aller Larmoyanz nach wie vor reichen Kontinents mit seinen charakteristischen sozialen Hierarchien. Drittens sei auf das Verschüttete, auf das aus den lebendigen Erinnerungen allmählich Verschwundene hingewiesen, das mehr und mehr zur Sache reinen Wissens mutiert. So erinnert in Budapest mit Ausnahme einiger Bäder und der Türbe (Grabstätte) des Derwischs Gül Baba als des nördlichsten Wallfahrtsorts des Islam nur noch sehr wenig an das osmanische Kapitel in der Geschichte der ungarischen Hauptstadt, das immerhin von 1526 bis 1684/86 dauerte.

Schließen wir ab, wie wir in unserer Einführung begonnen haben: mit Paul Ricoeur. Der französische Philosoph weigerte sich bekanntlich in seinem Spätwerk Gedächtnis, Geschichte, Vergessen, aus epistemologischer Sicht zwischen der „Wahrheit“ der Geschichte und der „Treue“ des Gedächtnisses zu entscheiden, und sondierte stattdessen moderierend die „Idee einer Politik der gerechten, richtigen und ausgewogenen Erinnerung“ („juste mémoire“). Mit Blick auf die vielen Spannungen, die die Erinnerungskulturen mit ihren Opferdiskursen und wechselseitigen Anschuldigungen nicht selten begleiten, ist man dem sehr zugeneigt. Es obliegt uns Autoren und Lesern, die die Diskrepanz zwischen Geschehenem und Erinnertem, Wahrgenommenem und Inszeniertem nun besser kennen, Europa nicht zu beschönigen, sondern unter Berücksichtigung eben dieser Gegensätze neu zu erfassen. Vielleicht hilft neben dem Wunsch nach einer forcierteren Förderung der Übersetzungen und einer immer breiteren Europäisierung der Schulcurricula ein weiterer Vorschlag Ricoeurs dabei tatsächlich aus der Sackgasse: nämlich „sich seine eigene Geschichte von den anderen erzählen zu lassen“. Dazu liefert „Europa. Die Gegenwart unserer Geschichte“ seinen kollektiven Beitrag. Dass diese Tour d’Horizon durch Geschichte, Politik und Erinnerungskultur jedoch weder reichen wird noch reichen kann, hat Augustinus bereits vor mehr als 16 Jahrhunderten gleichsam meditativ nahegelegt: „Groß ist sie, diese Kraft des Gedächtnisses; gewaltig ist sie, mein Gott, ein weiter, ein unendlicher Innenraum. Wer erreichte je seinen Grund?“5 Die Auseinandersetzung mit Europa, seinen Gedächtnissen und seiner Identität ist grundsätzlich offen; sie wird unsere Zukunft bestimmen. Freuen wir uns darüber.

 

 

 

    1 Max Weber, Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis

    2 Hans-Dietrich Genscher und Heinrich August Winkler, Europas Zukunft. In bester Verfassung?, Freiburg/Br. 2013, S. 43–44.

    3 John Kornblum, Der Tagesspiegel, 4.8.2019.

    4 Milan Kundera, Der Vorhang, aus dem Französischen von Uli Aumüller, München 2005, S. 52–53.

    5 Augustinus, Bekenntnisse, aus dem Lateinischen übersetzt und herausgegeben von Kurt Flasch und Burkhard Mojsisch, Stuttgart 2017, Zehntes Buch, Paragraf 5, S. 258.