KAPITEL 11
D ie Tage waren kurz und die Straßen im grimmigen englischen Winter unwegsam, also dümpelte Naylers Menschenjagd dahin. Er erhielt nur zwei Berichte über Personen, die verdächtigt wurden, Whalley und Goffe zu sein, einen aus Essex, den anderen aus Kent. Er schickte Nokes auf die schwierige Landreise, um die Verhafteten zu befragen, was sich aber in beiden Fällen als Fehlschlag erwies. Insgeheim war Nayler ohnehin längst davon überzeugt, dass sich die Königsmörder in Amerika aufhielten. Er stattete dem Zollhaus, das sich an der Themse beim Tower befand, einen Besuch ab und vereinbarte mit dem Vorsteher, dass er ihm alle aus Neuengland einlaufenden Schiffe melden solle. Allerdings stellte sich heraus, dass nur wenige Kapitäne bereit waren, sich den Gefahren der Winterstürme im Nordatlantik auszusetzen, und auf den Schiffen, die die Überquerung gewagt hatten, war niemand, ob unter den Mannschaften oder den Passagieren, der die Flüchtigen gesehen oder von ihnen gehört hätte.
Mitte Januar wurde er von Hyde ins Worcester-Haus gerufen und mit einer unliebsamen neuen Aufgabe betraut. Er sollte die Exhumierung der Leichen von Oliver Cromwell, von dessen Schwiegersohn Henry Ireton und von John Bradshaw, dem Gerichtspräsidenten des Königsmörderprozesses, aus ihren Gräbern in der Westminster-Abtei veranlassen und deren postume Exekution in Tyburn für den zwölften Jahrestag des Königsmordes vorbereiten.
Der Gedanke war ihm zuwider. Natürlich war er einverstanden, die Verräter vor der Krönung des Königs aus der Westminster-Abtei zu entfernen, aber warum sie nicht einfach an irgendeinem geheimen Ort beerdigen? Er wand sich unwohl auf seinem Stuhl. »Das ist schändlich, Sir Edward.«
»Wann hat Euch das je abgeschreckt? Die Idee stammt natürlich nicht von mir, das dürft Ihr mir glauben. Aber das Parlament will es so.« Mit plötzlicher Schärfe fügte er hinzu: »Und wirklich, Mr Nayler, wenn Ihr schon keine lebenden Königsmörder mehr finden und ihrer gerechten Strafe zuführen könnt, dann könntet Ihr Euch wenigstens damit beschäftigen, die Toten aufzuhängen.«
Und so stand er weisungsgemäß eine Woche später neben dem Stabträger des Unterhauses im zugigen Mittelgang der Kapelle von Heinrich VII . und schaute den Arbeitern dabei zu, wie sie mit Spitzhacken den Steinboden aufschlugen. Die Menge neugieriger Zuschauer wurde von Soldaten auf Abstand gehalten. Es dauerte etwa eine halbe Stunde, die Gruft zu öffnen und Cromwells Sarg freizulegen und aus dem Boden zu hieven. Schon lange waren Gerüchte umgegangen, bei der Einbalsamierung sei etwas schiefgelaufen. Der Leichnam des Lordprotektors habe giftige Dämpfe entwickelt, sei explodiert und habe deshalb schnell beerdigt werden müssen, und es sei tatsächlich möglich, dass der Leichnam in der Abtei nicht seiner sei. Beim Aufstemmen des Deckels drückte sich Nayler ein mit Lavendel und Kampfer getränktes Halstuch unter die Nase und trat näher heran.
Unter dem Deckel befand sich eine Abdeckplatte aus Blei. Nachdem diese herausgeschnitten worden war, konnte er die Umrisse eines Körpers sehen, der in ein halbes Dutzend Lagen aus grauem Tuch gewickelt war. Er beugte sich vor, schlug den Stoff zur Seite und blickte in das Gesicht von Cromwell. Das Fleisch war dünn, bräunlich und steif wie Leder. Aus dem verfaulten Kinn ragten Zähne. Aber selbst nach über zwei Jahren der Verwesung waren seine große Nase, die breite Stirn und die Reste von Schnauz- und Kinnbart unverkennbar – das Wrack eines Gesichts, doch immer noch voller Kraft und Stärke. Ein Wulst auf dem Kopf zeigte an, wo die Einbalsamierer die Schädeldecke aufgeschnitten, das Gehirn entnommen und dann den Knochen wieder eingesetzt hatten. Um seinen Hals lag eine Kette mit einem Medaillon. Nayler wandte das Gesicht ab, bevor er in den Nacken griff und die Kette über den Kopf zog. Die lateinische Inschrift war leicht zu übersetzen: Oliver, Protektor der englischen, schottischen und irischen Republik. Geboren am 25. April 1599, Amtseinführung am 16. Dezember 1653, gestorben am 3. September 1658. Hier ruht er.
Er legte das Medaillon zurück in den Sarg, wobei er die silberne Kette langsam in einem Kreis auf der Brust des Lordprotektors ablegte, und trat einen Schritt zurück. Er hatte weiß Gott nichts für den Mann übrig, aber die Schändung seines Grabs kam ihm vor, als erniedrigten sie sich dadurch selbst mehr als ihren Feind.
»Das ist Cromwell, kein Zweifel.«
Auf Anweisung des Stabträgers des Unterhauses wurde der Sarg in den Hauptteil der Abtei getragen, wo neugierige Bürger den Leichnam für die Gebühr von einem halben Schilling in Augenschein nehmen konnten, während mit der Exhumierung der beiden anderen Königsmörder weitergemacht wurde. Ireton, Vizestatthalter von Irland, der seit neun Jahren und damit am längsten unter der Erde lag, war geschrumpft, gänzlich ausgetrocknet und schwarz angelaufen. Bradshaw dagegen sah nach vierzehn Monaten grün aus. Von dem Gestank beim Öffnen des Deckels mussten sich die Arbeiter neben dem Sarg übergeben.
Zum Ausklang des kurzen Wintertags wurden die drei Leichen auf einen Pferdewagen geschichtet und zur Taverne Red Lion in Holborn gebracht, wo eine Parodie auf Cromwells ursprüngliche öffentliche Aufbahrung veranstaltet wurde. Ungeachtet des stinkenden Bradshaws standen die Leute Schlange und zahlten Eintritt.
Am Morgen des Dreißigsten folgte Nayler zu Pferd den Holzschlitten, auf denen die Leichen durch die Straßen von Tyburn geschleift wurden, wo eine Menge von mehreren Tausend wartete, um sie hängen zu sehen. Als die Leichen schließlich im Wind schaukelten, stieg der öffentliche Scharfrichter die Leiter herab und sagte zu Nayler: »Ich hätte Old Noll ja noch den Schwanz und die Eier abgeschnitten, aber die waren zu verschrumpelt«, worauf Nayler sich von ihm abwandte. Am Nachmittag wurden die Leichen abgenommen und enthauptet – für Cromwells lederigen Nacken benötigte der Henker acht Hiebe. Die Rümpfe wurden in ein Gemeinschaftsgrab geworfen, die Köpfe auf lange Stangen gespießt und über dem Gerichtshof der Westminster-Halle ausgestellt.
Nayler hatte alle Maßnahmen beaufsichtigt und machte sich nun bei Sonnenuntergang schnurstracks auf den Weg in das Bordell in der Milford Lane, wo er die erstbeste Frau nahm, die man ihm anbot – ob jung oder alt, hübsch oder hässlich, es fiel ihm weder auf noch kümmerte es ihn, er wollte sich nur in lebendigem Fleisch verlieren. Spätnachts in seiner Schlafkammer zündete er zum ersten Mal seit Jahren nicht die Kerze unter Sarahs Bild an. Er hätte es nicht ertragen, sie anzuschauen oder von ihr angeschaut zu werden.
Am nächsten Morgen ließ er Nokes ausrichten, er sei krank.
In den Tagen darauf hielt er sich in seinen Räumen auf, blieb zumeist im Bett, traf sich mit niemand und ließ sich die Mahlzeiten von seinem Diener vor die Tür stellen. An derartigen Anfällen von Niedergeschlagenheit litt er seit seiner Jugend immer wieder, und sie konnten ihn jederzeit überkommen. Manchmal dauerten sie wochenlang an – eine kalte, trockene Schwermut, gegen die keines der empfohlenen Heilmittel half, ob Lorbeersud oder Weißer Nieswurz oder Pferdeegel zum Aderlass.
Eines Morgens, seine Klausur dauerte nun schon über drei Wochen an, schreckte ihn gegen elf Uhr morgens lautes Klopfen an seiner Tür auf. Er versuchte es zu überhören. Aber es klopfte weiter. Schließlich warf er sich einen Mantel über das Nachthemd, schlurfte zur Tür und öffnete sie einen Spalt. Im trüben Ganglicht stand ein großer Mann, der um die vierzig Jahre alt war.
»Mr Richard Nayler?«
Nayler blinzelte ihn an. Seine Worte schienen von weit her zu kommen. »Wer will das wissen?«
»Ich bin Kapitän Thomas Breedon, Sir.« Der Mann nahm seinen Hut ab und verbeugte sich. »Schiffseigner und Kaufmann der Massachusetts-Bai-Gesellschaft in Amerika, gestern aus Boston in London eingetroffen. Beim Zollhaus hat man mich an den Kronrat verwiesen, und Euer Sekretär hat mich zu Eurer Unterkunft geschickt. Ich habe eine Geschichte zu erzählen, Mr Nayler, die für Euch von Interesse sein könnte.«