1. Die Vielfältigkeit und Bedeutsamkeit von Prokrastination

1.1. Aufschieben, Verzögern, Prokrastinieren: Eine erste Begriffsbestimmung

Prokrastination1 (auch Aufschiebe- oder Verzögerungsverhalten) kann auf die lateinischen Wörter procrastinatio bzw. procrastino zurückgeführt werden. Procrastinatio bedeutet „die Vertagung, der Aufschub, der Verzug“, und procrastino (pro + crastinus) meint eigentlich „auf morgen verschieben“; im übertragenen Sinne „vertagen, aufschieben, verschieben“ (s. Georges, 2003, Ausführliches Lateinisch-Deutsches Handwörterbuch).

Obwohl der Begriff heute eindeutig negativ konnotiert ist und unter Prokrastination allgemein ein Aufschieben von (wichtigen) Aufgaben auf einen späteren Zeitpunkt verstanden wird, hatte dieser Begriff in seiner ursprünglichen Verwendung keine negative Bedeutung, sondern beschrieb eine durchaus positive Verhaltensweise (vgl. Ferrari, Johnson, McCown, 1995). Einige Forscher lokalisieren die Ursprünge des Aufschiebens in der frühen Menschheitsgeschichte, als nämlich Menschen eine unmittelbare Belohnung für ihr Verhalten anstrebten. Da ihr Leben ständig bedroht war, hatte im „Hier und Jetzt“ leben, ohne sich um künftige Ziele und Bedürfnisse zu kümmern, eine wichtige biologische Funktion in der Evolution. Auch wenn die Ursprünge der Prokrastination tatsächlich so weit zurückliegen sollten, gehen die meisten Forscher nicht von einer Vererbung des Verhaltens aus. Vielmehr wird angenommen, dass Aufschiebeverhalten gelernt wird, da sich keine genetischen Anlagen und kaum geschlechtsspezifische Unterschiede nachweisen lassen. Diese Auffassung wurde zumindest bis vor Kurzem in der wissenschaftlichen Diskussion vertreten. Neuerdings wird jedoch vor allem von Steel (2011) mit Verweis auf Ergebnisse der neurologischen Forschung und der Verhaltensforschung die biologische Erklärungsweise in die Diskussion gebracht.

Bei den Römern war mit Prokrastination vor allem ein Aufschub von Aktionen aus taktischen Gründen gemeint, also bedachtsames Handeln im Sinne eines besonnenen Abwägens, um v.a. in Kriegssituationen weise Entscheidungen treffen zu können. An diese ursprüngliche Bedeutung knüpft die sogenannte „Funktionale Prokrastination“ (Ferrari, 1994) an, bei der eine Handlung bewusst aufgeschoben wird, um etwa durch Warten auf weitere Informationen wichtige Hinweise für die Bewältigung einer Aufgabe zu erlangen.

In der Zeit der Industrialisierung, etwa ab dem späten 18. Jahrhundert, als bedingt durch die industrielle Revolution geregelte Zeitabläufe eine immer wichtigere Rolle spielten, bekam aufschiebendes Verhalten eine negative, abwertende Bedeutung (Steel, 2007, p. 66). Milgram (1992, zitiert nach Ferrari et al., 1995) nimmt an, dass dieser Bedeutungswandel darauf zurückzuführen ist, dass Zeit und Pünktlichkeit im Alltag und im Beruf immer wichtiger wurden. Personen, die Schwierigkeiten haben, zeitig mit einer Aufgabe zu beginnen und sie fristgerecht fertigzustellen, arbeiten nicht nach dem geforderten Arbeitsrhythmus und werden als faul, träge und unmotiviert angesehen. Wird eine Aufgabe, eine Tätigkeit oder eine Entscheidung entgegen der ursprünglichen Intention aufgeschoben, wird dieses Verhalten als dysfunktional bezeichnet (vgl. Schouwenburg, 2004).

Systematisch beschäftigte sich die Forschung erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts mit dem Aufschiebeverhalten.

Die vorliegenden Definitionen von Prokrastination akzentuieren unterschiedliche Aspekte. So definiert Schouwenburg (1995, p. 72) in Anlehnung an Solomon und Rothblum (1984, p. 503) Prokrastination als:

„the act of needlessly delaying tasks to the point of experiencing subjective discomfort“.

Der Begriff „unnötiges Aufschieben“ deutet an, dass nicht alle verzögerten oder verspäteten Aufgabenbearbeitungen zwangsläufig als Aufschiebeverhalten bezeichnet werden müssen. Und weiter gehen die meisten Autoren davon aus, dass ein unangenehmes Gefühl bzw. ein subjektives Unwohlsein (subjective discomfort) mit dem Aufschiebeverhalten einhergeht. Prokrastination kann sich auf verschiedene Art und Weise äußern. Ferrari et al. (1995) charakterisieren aufschiebendes Verhalten folgendermaßen: Die Person beginnt zu spät mit der Tätigkeit, ist mit sich selbst unzufrieden, erlebt die Tätigkeit als aversiv und angsterzeugend und beschäftigt sich deshalb lieber mit alternativen Tätigkeiten. Schouwenburg (1995) stellt ähnliche Verhaltensweisen heraus, die typisch für Prokrastinierer sind: Aufschiebeverhalten zeigt sich in der Verzögerung der Intentionsbildung bzw. des Handlungsbeginns (Intentions-Verhaltens-Diskrepanz) und in der Verzögerung des Handlungsabschlusses durch die Beschäftigung mit alternativen Tätigkeiten. Schouwenburg (1995) betont auch, dass prokrastinierende Personen sich leicht von anderen konkurrierenden Aktivitäten ablenken lassen. Steel (2007, p. 66) definiert Prokrastination unter Zusammenfassung verschiedener in der Literatur vorliegender Definitionen:

„Combining these elements suggests that to procrastinate is to voluntarily delay an intended course of action despite expecting to be worse off for the delay.“

Damit betont er das freiwillige Aufschieben einer Handlung trotz des Wissens darüber, dass das Aufschieben negative Konsequenzen hat und man nachher noch schlechter dran ist als vorher. Es ergeben sich somit folgende Bestimmungsmerkmale, die aber nicht zwangsläufig immer zusammen auftreten müssen:

– Der Moment des tatsächlichen Lern- oder Aufgabenbeginns oder einer Entscheidung wird hinauszögert.

– Es ist eine Diskrepanz zwischen der eigenen (Lern-)Absicht und dem tatsächlichen Verhalten feststellbar (intention-action gap).

– Die aufgeschobene Tätigkeit wird als aversiv empfunden.

– Die Person geht lieber anderen, schneller zu beendenden und weniger angstbesetzten Tätigkeiten nach (vgl. Ferrari et al., 1995).

Tuckman (1991, p. 474) betont noch einen anderen Aspekt von Prokrastination, nämlich den der fehlenden Kontrolle im Sinne fehlender Selbstregulationsfähigkeit und definiert Prokrastination als „tendency to put off or completely avoid an activity under one’s control“.

Eine Aktivität, die eigentlich von der Person kontrolliert und somit prinzipiell bewältigt werden könnte, wird hinausgeschoben bzw. vollständig vermieden. Da Aufschieben nicht bedeutet, dass die Person untätig ist, sondern sich ersatzweise mit anderen Dingen beschäftigt als ursprünglich geplant, wird als Erklärungsansatz für Prokrastination auch von anderen Autoren auf unzureichende Selbstkontrolle verwiesen (Schouwenburg, 2004). Auch Helmke und Schrader (2000, S. 223) verstehen Prokrastination als eine Störung der „Selbstregulation im Verhalten – sowohl im motivationalen als auch im volitionalen Bereich“. Solch ein volitionales Defizit liegt beispielsweise vor, wenn eine Person trotz eines festen Prüfungstermins und der Absicht, die Prüfung erfolgreich zu bestehen, nicht mit dem Lernen beginnt oder sich im Lernprozess ablenken lässt. Ebenso heben Rist, Engberding, Patzelt und Beißner (2006, S. 64) hervor, dass Prokrastination eine Störung der Selbststeuerung ist, an der affektive, kognitive und motivationale Faktoren beteiligt sind.

Fasst man die verschiedenen Aspekte von Prokrastination zusammen, wird deutlich, dass Prokrastination, wie es bereits Solomon und Rothblum (1984, p. 503) beschreiben, ein vielschichtiges, oftmals chronisches Verhalten mit behavioralen, affektiven und kognitiven Facetten ist.

Während die akademische Prokrastination recht gut erforscht ist, trifft dies auf die alltägliche Prokrastination weniger zu. Alltägliche Prokrastination wird definiert als:

„the extent to which people perform routine tasks of living promptly or late“
(Milgram, Sroloff & Rosenbaum, 1988, p. 198),

„experienced difficulty in scheduling when to do many recurring life routines and in doing them on schedule“
(vgl. Milgram, Mey-Tal & Levison, 1998, p. 297f.).

Die Definition von alltäglicher Prokrastination ist beispielsweise eng angelehnt an die dazu teilweise ad hoc entwickelten Fragebögen: „Both the GP und the AIP scales were developed to assess the frequency with which people postpone everyday activities“ (Ferrari, 1992, p. 100).

Besonders bei der alltäglichen Prokrastination, aber nicht nur bei dieser, zeigt sich, dass das Konstrukt „Prokrastination“ sehr stark über die vorliegenden Messinstrumente und/oder über die Messverfahren definiert wird, weshalb es sinnvoll ist, sich diese bei der Bestimmung des Konstrukts näher anzuschauen (siehe dazu weitere Erläuterungen unter Kapitel 2 und die Fragebögen in der Anlage des Buches).

1.2. Aufschieben im Alltag, in der Schule, im Studium und Beruf

Prokrastination wird etwa seit den 1990er Jahren hinsichtlich der Ursachen, der Ausprägung, der Folgen und der Wirksamkeit potenzieller Interventionsverfahren systematisch empirisch untersucht. Vor allem die beiden Sammelbände von Ferrari et al. (1995) sowie Schouwenburg, Lay, Pychyl und Ferrari (2004) und das im Jahre 2000 von Ferrari und Pychyl herausgegebene Sonderheft der Zeitschrift „Journal of Social Behavior und Personality“ mit dem Schwerpunktthema Prokrastination geben einen differenzierten Überblick über den Stand der wissenschaftlichen Diskussion.

Insbesondere die Auswirkungen von Prokrastination auf das Leistungsverhalten und die tatsächliche Leistung waren immer wieder Gegenstand empirischer Untersuchungen. Und obwohl die akademische Prokrastination in Lern- und Leistungssituationen im engen Zusammenhang mit verschiedenen motivationsrelevanten Variablen wie Selbstkonzept, Selbstwirksamkeit, Studieninteresse, Prüfungsangst etc. (Helmke & Schrader, 2000; Rustemeyer & Rausch, 2007; Steel, 2007, 2011) steht, ist der direkte Zusammenhang zwischen Prokrastination und Leistung nicht durchgängig belegt. Rothblum, Solomon und Murakami (1986) sowie Rustemeyer und Schirner (2009) fanden bei Studierenden einen signifikanten Zusammenhang zwischen Prokrastination und der Semesterleistung. Steel (2007) konnte in seiner Metaanalyse einen mäßig negativen Zusammenhang zeigen (vgl. auch Tice & Baumeister, 1997). Mit den Leistungen in bestimmten Fächern korreliert akademisches Aufschiebeverhalten zum Teil recht hoch (vgl. Schouwenburg, 2004; z.B. Englisch (r = −.62) und Mathematik (r = −.61); ebenso fanden Owens und Newbegin (2000) bei weiblichen und männlichen Studenten einen engen Zusammenhang zwischen Mathematik- und Englischnoten und akademischer Prokrastination. Auch Elvers, Polzella und Graetz (2003) fanden einen Zusammenhang zwischen Prokrastination und Leistung. Interessanterweise gab es in dieser Studie in Online-Kursen einen signifikanten Zusammenhang zwischen aufschiebendem Verhalten und Examensnoten und Einstellungen, nicht jedoch in traditionellen Seminaren. Die Ergebnisse des Strukturgleichungsmodells von Elvers, Polzella und Graetz (2003) zeigen, dass schlechte Noten (u.a. neben domänspezifischem Selbstwertgefühl) zu hoher Prokrastination führen. In anderen Studien hingegen gibt es keinen Zusammenhang zwischen Prokrastination und Leistung (Lay, 1986; Rustemeyer & Rausch, 2007).

Einige Untersuchungen weisen auf einen Zusammenhang zwischen Prokrastination und den durch Lehrende (u.a. Lehrer, Professoren) vermittelten Normen und Standards hin. So konnten Ackerman und Gross (2005, p. 9) Unterschiede zwischen Aufschiebern und Nichtaufschiebern belegen, die besagen, dass Nichtaufschieber stärker der (Klassen-)Norm zustimmen, frühzeitig mit Aufgaben zu beginnen. Weiter antizipieren Nichtaufschieber im Vergleich zu Aufschiebern eher Belohnungen und Anreize für frühzeitigen Arbeitsbeginn, und sie beurteilen die Aufgabenstellung als klar und eindeutig.

Prokrastination wird in einigen Studien auch in Zusammenhang gebracht mit Stresserleben und der allgemeinen Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit (Tice & Baumeister, 1997; Wohl, Pychyl & Bennett, 2010). Stress und Krankheit werden in der Studie von Tice und Baumeister (1997, p. 455) als sogenannte Kosten des Aufschiebens bezeichnet, die aber eher langfristig wirksam werden, während kurzfristig oftmals vor allem der positive Effekt gesehen wird. Sie konnten dies bei prokrastinierenden Studierenden zeigen, die zu Beginn des Semesters über weniger Stress und weniger Krankheitsanzeichen berichteten als Nichtaufschieber. Am Ende des Semesters jedoch berichteten sie über höheren Stress und fühlten sich insgesamt kränker als Nichtaufschieber.

Die Auswirkung von Prokrastination im Beruf ist ebenfalls untersucht worden. So scheinen bestimmte Arbeitsplatzmerkmale das Aufschieben zu fördern und sich damit letztendlich negativ auf die individuelle und die betriebliche Produktivität auszuwirken. In der Studie von Lonergan und Maher (2000) wurden Beschäftigte im Gesundheitswesen befragt. Wenn sie angaben, dass sie nur bedingte Möglichkeiten hätten, selbstständig zu arbeiten, wenig Rückmeldung von ihren Vorgesetzten bekämen und eine fehlende Kontrolle über Arbeitsabläufe hätten, zeigten sich signifikante Zusammenhänge zum Aufschieben von Entscheidungen.

Der vermutete volkswirtschaftliche Verlust, der einer Gesellschaft durch das Aufschieben der Arbeitnehmer entsteht, hat u.a. Steel (2011) dazu angeregt, diesen zu berechnen. Als Berechnungsbasis legte er Daten einer Befragung der Unternehmen AOL und Salary.com zugrunde, bei der eine große Anzahl von Personen nach ihren Gewohnheiten am Arbeitsplatz befragt wurden (Malachowski, 2006). Die Arbeitnehmer gaben an, rund zwei Stunden pro Tag, ohne Einrechnung von Mittagspause und Zigarettenpausen, zu vertrödeln, und zwar bevorzugt am PC. Rechnet man die Kosten für die verlorene Arbeitszeit hoch, kommt Steel auf mehr als eine Billiarde Dollar Verlust pro Jahr (Steel, 2011, S. 140).

Wie (wenig) aussagekräftig solche Berechnungen auch immer sein mögen, es gilt doch zu bedenken, dass durch die umfassende und leichte Verfügbarkeit der Internetnutzung am Arbeitsplatz, den Zugang zu Computerspielen, sozialen Netzwerken etc. an fast allen Arbeitsplätzen eine hohe Verführbarkeit und Ablenkungsgefahr gegeben ist, die dazu führen kann, sich angenehmeren Dingen zu widmen als den anstehenden Aufgaben. Daraus jedoch den Schluss zu ziehen, dass „wir immer mehr und immer öfter aufschieben“ (Steel, 2011, S. 94), oder noch allgemeiner von einer „aufschiebenden Gesellschaft“ zu sprechen, entbehrt u.E. allerdings einer validen Grundlage.

1.3. Übersicht über verschiedene Arten des Aufschiebens: Eine Prokrastinations-Taxonomie

Um eine möglichst trennscharfe Unterscheidung der in der Forschung gebräuchlichen Prokrastinationsarten zu gewährleisten, wird in Tabelle 1 eine Taxonomie vorgestellt, in der die zentralen Unterscheidungsmerkmale berücksichtigt werden. In einem weiteren Zuordnungsschritt werden in Tabelle 2 die verwendeten Messinstrumente den entsprechenden Prokrastinationsarten zugeordnet, und die Fragebögen werden, soweit sie in der Literatur verfügbar sind, im Anhang aufgelistet.

Eine Zuordnung der Messinstrumente zu den Prokrastinationsarten ist allerdings nicht in jedem Fall eindeutig möglich. An entsprechenden Stellen wird darauf im Text hingewiesen. Mit der vorliegenden Klassifizierung soll eine möglichst hohe konzeptuelle Klarheit hinsichtlich des Konstrukts „Prokrastination“ und der entsprechenden Messverfahren erzielt und damit auch dem Leser eine bessere Orientierung ermöglicht werden.

Alltägliche und akademische Prokrastination

Eine grundlegende, theoretisch unstrittige Unterscheidung ist die zwischen alltäglicher Prokrastination, die sich auf Entscheidungen und Verhaltensweisen im Alltag richtet, und akademischer Prokrastination, die vorrangig im Aufschieben von schulischen bzw. studiumsbezogenen Aufgaben und Tätigkeiten besteht. Die meisten empirischen Arbeiten wurden im universitären Kontext durchgeführt, nicht zuletzt aufgrund forschungsökonomischer Erwägungen. Messinstrumente zur akademischen Prokrastination, die vor allem für Studierende und für studentische Stichproben entwickelt wurden, sind für die Erforschung alltäglichen Aufschiebeverhaltens jedoch weitgehend irrelevant oder ungeeignet (Ferrari et al., 1995, p. 56).

Diese Einschränkung gilt teilweise auch für das Verzögerungsverhalten von Kindern und Jugendlichen. Studien mit jugendlichen Teilnehmern beziehen sich auf schulische Aufgaben und Tätigkeiten; für diese Studien können zwar Messinstrumente zur akademischen Prokrastination für den Kontext „Schule“ angepasst werden, bislang liegen jedoch nur wenige empirische Studien mit Kindern und Jugendlichen vor. Betrachtet man den Fragebogen zur Anstrengungsvermeidung von Rollett und Bartram (1977) als ein äquivalentes Instrument zur Messung schulischer Prokrastination, liegen zumindest im deutschsprachigen Raum Ergebnisse für Schülerinnen und Schüler vor.

Ein weiterer Forschungszweig, der in jüngster Zeit immer stärkere Beachtung findet, ist die Erforschung der Auswirkungen von Prokrastination im Beruf (z.B. Claessens, van Eerde, Rutte & Roe, 2009). Steel (2011) stellt in seinem Buch Berechnungen zur Höhe des wirtschaftlichen Schadens vor, der durch das Aufschieben am Arbeitsplatz entsteht.

Prokrastination als Eigenschaft der Person und als situationsspezifischer Zustand

Prokrastination wird entweder als eine habituelle, situationsunspezifische Persönlichkeitseigenschaft oder als ein konkretes, situationsspezifisches Verhalten der Person konzipiert, ähnlich wie es in der Forschung beim Konstrukt „Angst“ geschieht. So wird unterschieden zwischen ängstlichen Personen (Angst als Trait-Merkmal) und Ängsten, die bei Personen nur situationsbedingt auftreten, wie etwa in mündlichen oder schriftlichen Prüfungen (Angst als State-Merkmal). Eine vergleichbare Unterscheidung kann auch für Prokrastination vorgenommen werden.

Prokrastination als Persönlichkeitsmerkmal (trait)

Die Trait-Prokrastination tritt unabhängig von der Aufgabenstellung und der vorliegenden Situation auf bzw. sollte dies nach der vorliegenden Konzeption tun. Für die Forschung sind insbesondere die entsprechenden Persönlichkeitsmerkmale interessant, die diese Art der Prokrastination begleiten und fördern. Laut Schouwenburg (1995) ist Prokrastination eine Persönlichkeitseigenschaft, die eng mit anderen Persönlichkeitsmerkmalen (in Anlehnung an das Big-Five-Modell, s. Kapitel 6.2) verbunden ist, sodass ein nomologisches Netzwerk dieser Persönlichkeitseigenschaft erstellt werden kann. Die dazugehörigen Merkmale sind u.a.: unzureichende Leistungsmotivation und Arbeitsdisziplin, mangelnde Selbstkontrolle und mangelndes Pflichtbewusstsein, die den Big-Five-Faktoren „Extraversion“ und „Gewissenhaftigkeit“ entsprechen (vgl. Patzel, 2004, S. 14).

Obwohl die Trait-State-Differenzierung auch für die alltägliche Prokrastination sinnvoll erscheint, wenn etwa berücksichtigt wird, dass Personen nur bestimmte alltägliche Aufgaben aufschieben, wie etwa die jährliche Steuererklärung, während sie andere alltägliche Aufgaben sehr wohl zügig bearbeiten, konzentrieren sich die meisten Autoren auf die habituelle Alltagsprokrastination. Eine besondere Form dieser habituellen Alltagsprokrastination ist die sogenannte neurotische Prokrastination, die schon von Ellis und Knaus (1975) beschrieben wurde und dadurch gekennzeichnet ist, dass Personen dazu neigen, wichtige Lebensentscheidungen im Berufsleben, in der Familie oder in Beziehungen immer wieder hinauszuzögern. So gehen Ellis und Knaus (1975) davon aus, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale wie etwa eine geringe Frustrationstoleranz gegenüber unangenehmen Aufgaben oder eine passiv-aggressive Orientierung gegenüber bestimmten Lebenssituationen dafür verantwortlich sind (Milgram et al., 1988).

Prokrastination als situationsspezifisches Merkmal (state)

In diesem Fall wird Prokrastination nicht als Persönlichkeitsmerkmal gesehen, sondern sie tritt vorübergehend, kurzfristig und bei bestimmten Aufgaben oder in bestimmten Situationen auf. Insbesondere Interventionsansätze gehen direkt oder indirekt davon aus, dass Aufschiebeverhalten zwar ein relativ stabiles Verhaltensmuster sein kann, aber dennoch dauerhaft veränderbar ist (vgl. Schubert-Walker, 2004; Tuckman & Schouwenburg, 2004; van Essen, van den Heuvel & Ossebaard, 2004; van Horebeek, Michielsen, Neyskens & Depreeuw, 2004). Situationsgebundene Prokrastination ist intensiv bei akademischer Prokrastination untersucht worden und steht hier in enger Wechselwirkung mit bestimmten Aufgabenmerkmalen, wie fehlende Attraktivität einer Aufgabe oder Aversivität gegenüber einer Tätigkeit, die Personen dazu verleiten, sich von bestimmten Aufgaben oder Tätigkeiten abzuwenden und keine Lernanstrengungen zu investieren.

Prokrastination als Prozess

In einer weiteren Sichtweise wird Prokrastination ebenfalls nicht als Persönlichkeitsmerkmal, sondern als dynamischer Prozess begriffen. Das bedeutet, Prokrastination wird nicht mehr punktuell betrachtet, sondern Entstehungsbedingungen, Zusammenhänge mit anderen Merkmalen, Auftretensweisen und Auswirkungen werden innerhalb eines bestimmten zeitlichen Rahmens, in dem verschiedene Phasen durchlaufen werden, betrachtet und untersucht.

Bei diesem Prozess kommt es oftmals gar nicht zu einer Handlungsintention, oder die Bildung einer Intention wird verzögert (van Eerde, 2000). Für den Prokrastinationsprozess wird dann in der Literatur häufig der Begriff „Selbst- oder Handlungsregulations-Defizit“ verwendet (vgl. Schulz, 2007, S. 6).

In der motivations-volutionspsychologischen Sicht, wie sie beim Rubikonmodell von Heckhausen vorliegt (s. hierzu Kapitel 6.3.) und wie sie von Helmke und Schrader (2000) vertreten wird, wird besonders der Prozesscharakter von Prokrastination betont.

Konzeptionelle Unterscheidungen zwischen Trait- und State-Merkmalen sowie der prozesshaften Betrachtung basieren auf unterschiedlichen psychologischen Paradigmen der Verhaltenserklärung. Trait-Merkmale entsprechen dem eigenschaftstheoretischen Ansatz, während State-Merkmale dem situationistischen bzw. interaktionistischen Paradigma zuzuordnen sind (Rustemeyer, 2003, S. 3ff.). Die einzelnen Paradigmen basieren auf unterschiedlichen Annahmen, die in der sogenannten „Dispositionismus-Situationismus-Kontroverse“ heftig diskutiert wurden. Dabei zeigt sich aber auch, dass Eigenschafts- und situationsbedingte Merkmale keineswegs eindeutig bestimmt werden können (vgl. dazu ausführlicher Rustemeyer, 2003). Auch in der Prokrastinationsforschung zeigt sich die Schwierigkeit einer trennscharfen empirischen Abgrenzung zwischen den beiden Formen der Prokrastination, obwohl theoretisch konzipierte Fragebögen zu beiden Prokrastinationsformen existieren (s. ausführlich in Kapitel 2). In vielen Studien ist ein relativ hoher positiver Zusammenhang zwischen Trait- und State-Prokrastination zu finden (u.a. Helmke & Schrader, 2000; Rustemeyer & Rausch, 2007), der verschiedene Interpretationsmöglichkeiten eröffnet, die von der unzureichenden theoretisch-empirischen Abgrenzung der verschiedenen Prokrastinationsformen bis hin zur Interaktion dispositioneller und situativer Bedingungen reichen.

Die verschiedenen Auffassungen von Prokrastination als Trait, State oder als Prozess stellen zunächst einfach unterschiedliche Betrachtungsmöglichkeiten dar, die jedoch unterschiedliche Messinstrumente und methodische Verfahren erfordern. Die Überlegung, Prokrastination als ein zeitlich ausgedehntes, länger andauerndes, prozesshaftes und dynamisches Geschehen zu konzipieren, ist dem Paradigma des Interaktionismus zuzuordnen.

Die Differenzierung zwischen den verschiedenen Sichtweisen wird noch einmal im Kapitel 6 aufgegriffen, wenn es um die verschiedenen theoretischen Ansätze zu Beschreibung und Erklärung von aufschiebendem Verhalten geht.

Erregungs-, Vermeidungs- und Entscheidungsprokrastination

Personen weisen in Befragungen immer wieder darauf hin, dass Aufschieben für sie auch eine positive Komponente haben kann. Mit Verweis auf subjektives Erleben und aufgrund empirischer Befunde spricht einiges dafür, Prokrastination in zwei Typen zu unterteilen, wobei der erste eben positive Effekte zeigt. So differenziert Ferrari (1992) zwischen einem „arousal procrastinator“ und einem „avoidence procrastinator“ (vgl. auch Ferrari, O’Callaghan & Newbegin, 2005). In den späten 1990er Jahren wurde auf der Grundlage vieler Studien, die vor allem von Ferrari und Mitarbeitern durchgeführt wurden, das sogenannte dreiteilige Ferrari-Modell entwickelt, das als dritte Form die Entscheidungsprokrastination („decision procrastination“) umfasst und auf den Studien von Mann (1982, vgl. dazu auch Mann, Burnett, Radford & Ford, 1997) basiert. Der „arousal procrastinator“ ist dadurch gekennzeichnet, dass er den Erregungsschub, der durch das Aufschieben und den sich aufbauenden Zeitdruck entsteht, braucht, während der „avoidence procrastinator“ aus Angst vor Misserfolg oder um das eigene Selbstwertgefühl zu schützen das Herangehen an Aufgaben und Tätigkeiten verschiebt. Entscheidungsprokrastination dagegen meint ein Verschleppen und Verzögern wichtiger Entscheidungen, bis hin zu grundlegenden Lebensentscheidungen (Steel, 2010, p. 4).

Eine ähnliche Unterteilung wie bei Ferrari (1992) finden wir auch bei Chu und Choi (2005); sie unterscheiden zwischen einer positiven (active procrastinators) und einer negativen (passive procrastinators) Art des Aufschiebens. Personen, die das Arbeiten unter Druck bewusst bevorzugen, also die aktiven Aufschieber (active procrastinators), sind in der empirischen Studie von Chu und Choi (2005) am ehesten mit Nichtaufschiebern hinsichtlich bestimmter Merkmale und Eigenschaften (bei untersuchten Variablen wie Selbstwirksamkeit, Zeitkontrolle, Copingstrategien, erzielten Ergebnissen etc.) vergleichbar, während die passiven Aufschieber (passive procrastinators) dem klassischen Bild der Prokrastination mit den einhergehenden dysfunktionalen Verhaltensweisen entsprechen. Tatsächlich schieben aktive positive Prokrastinatoren genauso stark auf wie passive Prokrastinatoren, sie können sich aber, so die Annahme von Chu und Choi (2005, p. 260f.), flexibler auf neue, unerwartete Anforderungen der Umgebung einstellen, spontaner handeln, und sie können, falls erforderlich, Prioritäten hinsichtlich der Aufgabenbearbeitung schneller ändern. Insgesamt ist jedoch der Typ der positiven Prokrastination bislang wenig untersucht worden.

Durch die Untersuchung von Steel (2010) wird jedoch die Differenzierung des Ferrari-Modells der habituellen Prokrastination in drei Typen wieder in Frage gestellt (siehe ausführlicher in Kapitel 2.1.).

Weitere Differenzierungsversuche wurden u.a. von Iskender (2011) vorgeschlagen; er unterscheidet in Anlehnung an Milgram et al. (1998) fünf Arten von Prokrastination: (A) akademische Prokrastination, (B) allgemeine bzw. alltägliche Prokrastination, (C) Entscheidungsprokrastination, (D) neurotische Prokrastination (bezieht sich auf grundlegende Lebensentscheidungen) und (E) dysfunktionale Prokrastination (Letztere verbindet Entscheidungs- und Verhaltensprokrastination in einer Person).

Ausgehend von der grundlegenden Differenzierung in alltägliche und akademische Prokrastination kommen ergänzend zum Ferrari-Modell (das nur alltägliche Prokrastination berücksichtigt) die neurotische und dysfunktionale Prokrastination hinzu. Diese beiden Prokrastinationsformen wie auch die sogenannte „funktionale Prokrastination“ (Ferrari, 1994) sind als Sonderfälle zu betrachten:

a) Die neurotische Prokrastination ist eng an das therapeutische Konzept der Rational-Emotiven Therapie (RET) von Ellis und Knaus (1977) gebunden und sehr allgemein formuliert, sodass eine Einordnung in die folgende differenzierte Taxonomie nicht möglich ist.

b) Die dysfunktionale Prokrastination ist lediglich eine Kombinationsform von Entscheidungs- und Verhaltensprokrastination (s.o.).

c) Funktionale Prokrastination wird in der Literatur relativ unspezifisch in Abgrenzung zur dysfunktionalen Prokrastination bestimmt (Ferrari, 1994, p. 673). So sei Aufschieben dann funktional, wenn die Verzögerung dazu dient, weitere wichtige Informationen einzuholen, um den Aufgabenerfolg zu maximieren. Da aber in der Regel erst post hoc anhand des Resultats entschieden werden kann, ob das Aufschieben funktional oder dysfunktional war, bleibt bei dieser Beschreibung unklar, ob hier (nur) die Einschätzung des Aufschiebenden relevant ist oder das erzielte Resultat. Hinzu kommt, dass Personen möglicherweise zum Schutz des eigenen Selbstwertes behaupten, aus funktionalen Überlegungen heraus aufzuschieben.

Auch wäre zu prüfen, ob nicht die aktive Prokrastination (vgl. Chu & Choi, 2005) als eine Ausprägung der funktionalen Prokrastination angesehen werden kann, wenn „funktional“ im Sinne der zeitökonomischen, zügigen und erfolgreichen Erledigung von Arbeiten interpretiert wird.

Schließlich verweisen verschiedene Autoren wie van Eerde (2003a), van Hooft, Born, Taris, Flier und Blonk (2004, p. 242) darauf, dass von Prokrastination nur dann gesprochen werden sollte, wenn es sich um ein von der Person nicht intendiertes Aufschieben handelt; ein geplantes Aufschieben dagegen sollte nicht als Prokrastination bezeichnet werden. Schließt man sich dieser Sichtweise an, wäre der Begriff funktionale Prokrastination generell abzulehnen.

Tab. 1: Taxonomie der verschiedenen Prokrastinationsarten

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Prokrastination als Intentions- und Verhaltensdiskrepanz

Die meisten Autoren stimmen darin überein, dass die Diskrepanz zwischen der Intention einer Person und ihrem tatsächlichen Verhalten (intention-action gap) ein bestimmendes Merkmal von Prokrastination ist (Blunt & Pychyl, 1998; Dewitte & Lens, 2000; Dewitte & Schouwenburg, 2002; Lay, 1995; Steel, 2007; van Hooft et al., 2005).

Blunt und Pychyl (1998, p. 837) beschreiben in Anlehnung an Sabini und Silver (1982) die Intentions-Verhaltens-Diskrepanz folgendermaßen:

„someone who knows what he or she wants, in some sense can do it, is trying to do it, yet doesn’t do it.“

Die Kluft zwischen den eigenen Intentionen und dem tatsächlich ausgeführten Verhalten kann bei unterschiedlichen Prokrastinationsarten auftreten. Da es der Person nicht gelingt, ihre Intentionen mit ihrem Verhalten in Übereinstimmung zu bringen, kann dieser Mangel als eine typische Form geringer Selbstkontrolle bezeichnet werden (vgl. Steel, 2007). Einen Erklärungsansatz bietet die Theorie der Handlungskontrolle von Kuhl (1983), die im Kapitel 6.3. weiter ausgeführt wird.

1.4. Zusammenfassung

Prokrastination oder Aufschiebeverhalten ist ein bekanntes Alltagsphänomen, von dem viele betroffen sind bzw. angeben, dass sie damit Schwierigkeiten haben. Zunächst wurde Prokrastination in den USA beschrieben und erforscht, und das starke Interesse an diesem selbstschädigenden Verhalten fand seinen Niederschlag in Ratgebern und Selbsthilfebüchern. Bislang liegen weder eine einheitliche Definition noch eine überzeugende Theorie vor, die in der Lage wären, die vielen einzelnen relativ atheoretischen empirischen Befunde und Erklärungsansätze zur Prokrastination zu bündeln. Auch in wissenschaftlichen Publikationen ist teilweise eine Vermischung von alltagspsychologischem und wissenschaftlichem Begriffsverständnis zu finden. Als Folge davon können die verwendeten Definitionen deutlich voneinander abweichen und unterschiedliche Akzente setzen.

Prokrastination ist ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes selbstschädigendes Verhalten, und es wird unterschieden zwischen Aufschieben in alltäglichen Situationen und Aufschieben im akademischen Kontext (Schule, Universität, Ausbildung), also in Lern- und Leistungskontexten, sowie Aufschiebeverhalten in der beruflichen Tätigkeit. Weiter kann Prokrastination als situationsunspezifische Persönlichkeitseigenschaft oder als ein situationsbedingtes Verhalten der Person gesehen werden. Das sogenannte Ferrari-Modell differenziert zwischen Erregungs-, Vermeidungs- und Entscheidungsprokrastination, während andere Autoren eine Intentions- und Verhaltens-Diskrepanz als grundlegend annehmen. Hier wird das Phänomen „Prokrastination“ als eine besondere Form fehlender Selbstregulation angesehen. Funktionale Prokrastination wird lediglich in Abgrenzung zur dysfunktionalen Prokrastination gesehen und ist nicht systematisch erforscht worden.

 

 

 

 1 Im vorliegenden Buch werden die Begriffe „Aufschiebeverhalten“, „Aufschieben“, „Zögern“, „Vermeiden“ und „Prokrastination“ synonym verwendet. Aufschiebende Personen werden als „Prokrastinierer“ bezeichnet.