In diesem Buch wurde das weitverbreitete Phänomen des Verzögerns und Verschiebens von Aufgaben theoretisch und empirisch näher beleuchtet. Obwohl Prokrastination sowohl im alltäglichen Leben als auch bei typisch akademischen Aufgaben auftritt, konzentriert sich die Forschung primär auf das Verzögern bei akademischen Aufgaben und Tätigkeiten. Für diesen Forschungsbereich liegt inzwischen eine hinreichend große Anzahl empirischer Studien vor. Im Kontext von Lern- und Leistungsverhalten in der Schule, im Studium und in der Ausbildung ist Prokrastination besonders behindernd, da Leistungsverhalten und somit auch die resultierenden Leistungen nicht in dem Maße eingesetzt und erbracht werden, wie es möglich und wünschbar wäre. Zugleich sind der „Leidensdruck“ und der Wunsch nach Veränderung selbstschädigenden Verhaltens im Studium bei den meisten Studierenden, aber auch später im Berufsleben sehr hoch, was sich u.a. am starken Interesse an Seminaren und Trainingsmaßnahmen und der weitverbreiteten Selbsthilfeliteratur ablesen lässt.
Nicht zufällig kommen die ersten theoretischen Überlegungen zur genaueren Beschreibung und Erklärung des Phänomens „Prokrastination“ aus dem psychotherapeutischen Bereich (vgl. Ellis & Knaus, 1977) und finden dort bis heute Anwendung, wenn es darum geht, Aufschiebeverhalten zu verändern, entweder mit fremder Hilfe oder in Form von Selbsthilfe. Zur theoretischen Klärung trägt dieser Ansatz nur bedingt bei, schon deshalb, weil bei der RET primär unangemessene Kognitionen (und deren Veränderung) im Vordergrund stehen. Diese kognitiv-behaviorale Sichtweise ist für die theoretische Erklärung von Prokrastination wichtig, aber sie konzentriert sich nur auf einen Aspekt des Aufschiebeverhaltens. Mit Hilfe der RET kann sehr gut aufgezeigt werden, warum Personen mit bestimmten Überzeugungen (z.B. „Aufgaben sollten einfach zu lösen sein“ oder „Wenn ich die Aufgabe nicht schaffe, bin ich ein Versager“) und den zugehörigen emotionalen Befindlichkeiten dazu neigen, Aufgaben aufzuschieben oder sogar zu vermeiden. Insbesondere die negativen emotionalen Begleiterscheinungen von aufschiebendem Verhalten können damit alltagstauglich und praxisnah bearbeitet werden.
Die anfängliche Theorielosigkeit in der Untersuchung des Phänomens „Prokrastination“ wird dadurch augenscheinlich, dass verschiedene Hypothesen und (Mini-)Theorien in der Forschung vertreten wurden bzw. auch heute noch publiziert werden. Bereits bei der Beschreibung des Konstrukts setzen Forscherinnen und Forscher unterschiedliche Schwerpunkte. Die geringe theoretische Fundierung und Vernetzung bereits vorliegender Arbeiten zeigt sich in einer Fülle von Merkmalen, die mit Prokrastination korreliert wurden, angefangen bei Personen- bis hin zu Aufgabenmerkmalen. Ohne ein theoretisches Netzwerk sind diese Korrelationen jedoch relativ beliebig interpretierbar, teilweise widersprüchlich und letztendlich wenig aussagekräftig.
Ob beispielsweise das Aufschiebeverhalten als eine stabile Persönlichkeitseigenschaft oder als ein situationsabhängiges Merkmal konzipiert wird, ist vor allem ein theoretisches Problem und hängt nicht zuletzt von den eingesetzten Messinstrumenten ab. So wird diese Unterscheidung für die alltägliche Prokrastination nicht erforscht (s. Tab. 2, Messinstrumente), obwohl man leicht Beispiele finden könnte, die für eine situative Prokrastination sprechen. Für die Praxis ist die Differenzierung weniger relevant. Hinzu kommt, dass beide Formen des Aufschiebeverhaltens in den meisten Studien sehr hoch miteinander korrelieren, sodass es fraglich ist, ob es sich bei diesen beiden Formen tatsächlich um unabhängige Konstrukte handelt oder ob sich deutlich überschneidende Konstrukte vorliegen.
Nur wenige Hinweise gibt es bislang zu den Entwicklungsbedingungen von Prokrastination. Auch Schüler und Schülerinnen schieben gerne Aufgaben auf die lange Bank und vertrödeln ihre Zeit, was aber wenig untersucht worden ist, und wenn, dann am ehesten im deutschsprachigen Raum mit dem Fragebogen zur Anstrengungsvermeidung von Rollett und Bartram (1998). Möglicherweise hat sich bei Kindern und Jugendlichen die Überzeugung, dass es sich dabei um problematisches, leistungsschädigendes Verhalten handelt, noch nicht ausgebildet. Das Vorbild des Elternhauses, das häufig zunächst unreflektiert übernommen wird, und auch der elterliche Erziehungsstil scheinen eine wichtige Rolle zu spielen (Rosario et al., 2009).
Die in der aktuellen Forschung vertretenen Modellvorstellungen gehören zu unterschiedlichen psychologischen Schulen, und es ist – zumindest zum jetzigen Zeitpunkt – keine integrative Theorie in Sicht, die die unterschiedlichen Ansätze vereinen könnte. Vor allem zwei Ansätze haben sich als theoretisch und empirisch fruchtbar erwiesen, nämlich der persönlichkeitspsychologische Ansatz auf der Basis des Modells von Costa und McCrae und der Ansatz zur Handlungsregulation. Beide Ansätze bieten ein differenziertes nomologisches Netzwerk, indem Zusammenhänge mit (Persönlichkeits-)Variablen modelliert werden können. Allerdings unterscheiden sich beide Modelle grundlegend, da sie unterschiedlichen wissenschaftlichen Paradigmen angehören. Das Big-Five-Persönlichkeitsmodell rekonstruiert Prokrastination als ein Persönlichkeitsmerkmal und richtet sich somit nicht auf situationsabhängiges Aufschiebeverhalten.
Damit ist als wichtiger Kritikpunkt dieses theoretischen Rahmenmodells die Vernachlässigung sozialer und situativer Einflüsse auf das Aufschiebeverhalten zu nennen. Diese können in anderen theoretischen Modellen wesentlich besser berücksichtigt werden. Eine zweite wichtige Begrenzung des Big-Five-Modells in der Anwendung auf Prokrastination liegt darin, dass keine aussagekräftigen individuellen Verhaltenserklärungen aufgrund der ermittelten Wesenszüge möglich sind. Dahinter steht die grundlegende Frage, ob nämlich die „Wesenszugkonstrukte der Persönlichkeit, die bei der Untersuchung von Unterschieden zwischen Individuen in der Population identifiziert wurden“, auf der individuellen Ebene Verhalten sinnvoll erklären können (Pervin et al., 2005, S. 337).
Ob und welchen praktischen Wert das Big-Five-Modell für den Bereich der Einflussnahme und Veränderung bei aufschiebendem Verhalten besitzt, ist also keineswegs klar. Veränderungen des Aufschiebeverhaltens, z.B. durch Interventionen, dürften nach diesem Modell schwer zu erreichen sein, da es sich bei den Big-Five-Faktoren „Gewissenhaftigkeit“ und „Neurotizismus“, die für die Erklärung von Prokrastination wichtig sind, um stabile, relativ dauerhafte Persönlichkeitsmerkmale handelt. Weiter bestimmen der Anteil und die Stärke der Teilfacetten eines Faktors mit darüber, welche Ausprägung die Prokrastination zeigt. So hat eine Personengruppe einfach ein schlechtes Zeitmanagement und somit Schwierigkeiten, Aufgaben sinnvoll und zielgerecht zu erledigen, kann keine Prioritäten setzen und widmet sich stattdessen unwichtigen Aufgaben und Tätigkeiten. Eine andere Personengruppe kann sich schlecht konzentrieren, lässt sich leicht von anderen, angenehmen Reizen ablenken und schiebt deshalb die Aufgabenbearbeitung hinaus. Eine dritte Personengruppe schiebt auf, weil sie Angst vor Misserfolg hat, an den eigenen Fähigkeiten zweifelt und deshalb lieber die Beschäftigung mit einer schwierigen Aufgabe möglichst lange vermeidet. Und es sind noch weitere Gruppen denkbar, die sich durch ein spezifisches Persönlichkeitsprofil charakterisieren ließen. Wird also beim Aufschiebeverhalten einer Person von einer relativ starren Persönlichkeitsstruktur ausgegangen, wie einer sehr gering ausgeprägten Gewissenhaftigkeit oder einer sehr hohen Impulsivität, die zu einer fehlenden Anpassung an bestimmte fordernde Umweltgegebenheiten und zu Problemen im zwischenmenschlichen Bereich und am Arbeitsplatz fuhren, dann ist eine Änderung dieser Persönlichkeitsstruktur zumindest kurzfristig nicht zu erreichen. Gegebenenfalls ist sogar zu prüfen, ob nicht eine Persönlichkeitsstörung vorliegt, die nach einer sorgfältigen Anamnese psychotherapeutisch zu behandeln wäre (vgl. Schouwenburg, 2004).
Erfolgversprechend ist zurzeit das Handlungsphasenmodell, das einen weiten Rahmen bietet, um Prokrastination zu beschreiben und zu erklären. Auch wenn – so die Auffassung einiger Autorinnen und Autoren – aufschiebendes Verhalten in allen Teilphasen des Modells von der Abwägung und der Wünschbarkeit von Handlungsoptionen bis zum eigentlichen Handeln und zur abschließenden Bewertung auftreten kann, wird heute überwiegend die Überzeugung vertreten, dass Prokrastination auf ein Defizit in den beiden volitionalen Phasen des Planens und Handelns zurückzuführen ist. Prokrastination kann somit im Handlungsphasenmodell als eine spezifische Form der unzureichenden Selbstregulation vor allem im volitionalen, aber auch im motivationalen Bereich angesehen werden (Helmke & Schrader, 2000; Jorke, 2007; Schulz, 2007). Forscht man jedoch nach empirischen Arbeiten, die etwa belegen, dass die Planungsfähigkeit und die Zielsetzung von Aufschiebern defizitär sind, sind auch hier direkte Nachweise kaum zu finden. Bislang nicht überprüft, weil empirisch-methodisch nur aufwendig zu realisieren, ist die Überprüfung von Aufschiebeverhalten in einem chronologisch verlaufenden Prozess, der prinzipiell alle Phasen von der Zielsetzung bis zur Handlungsbewertung mit entsprechenden Rücklaufschleifen umfasst und dokumentiert. Hier sind noch viele Forschungsanstrengungen erforderlich, um aus Sicht dieser Theorie die Beziehung zwischen Prokrastination und den verschiedenen Variablen wie „Selbstwirksamkeitserwartungen“, „Intentions-Verhaltens-Diskrepanz“, „Leistungsängste“, „Zeitmanagement“ usw. herauszuarbeiten. Weitere empirische Forschung ist auch in Bezug auf die Handlungskontrolltheorie von Kuhl notwendig. Das Konstrukt der Lageorientierung leistet einen wichtigen Beitrag zur Prokrastinationsforschung; es ist aber nicht geklärt, ob die Lageorientierung ein Erklärungsansatz für aufschiebendes Verhalten ist oder lediglich ein Korrelat von Prokrastination.
Die in diesem Buch vorgestellten Interventionen zur Überwindung von Prokrastination können zumindest kurzfristige Erfolge vorweisen. Sie konzentrieren sich überwiegend auf die Änderung des problematischen Verhaltens und die Veränderung unangemessener Kognitionen und arbeiten dabei überwiegend mit Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie. Unter den häufig gegebenen zeitlichen Beschränkungen sind diese Interventionen die beste Möglichkeit, kurzfristige Erfolge zu erzielen, die bei der Verminderung unerwünschten Verhaltens helfen können. Sie sind aber weniger darauf ausgerichtet, Prokrastination dauerhaft zu „heilen“. Dafür fehlt bislang eine überzeugende empirische Bestätigung. Schouwenburg (2005, p. 199) vermutet deshalb, dass diese Interventionen vor allem geeignet sind, „normales“ Zögern zu behandeln.
Da es eine Reihe an möglichen Motiven und Ursachen für Prokrastination gibt, ist ein differenzierteres, theoriegeleitetes Angebot an Interventionskonzepten, die sich auf individuelle Ursachen konzentrieren, wünschenswert. Solche alternativen Konzepte werden in einem ersten Überblick in dem Buch von Schouwenburg et al. (2004) beschrieben. Sie können Anregungen geben für die notwendige theoretische und praktische (Weiter-)Entwicklung geeigneter Interventionen.