Später am Nachmittag betreten Hadley und ich die jährliche Big Dream Foundation Sunday Afternoon Gala durch den Haupteingang des Hotels, wobei sie sich fest bei mir eingehakt hat. Mit ihr so nah bei mir fällt es mir immer schwerer, mich zu konzentrieren. Mit jedem Schritt, den ich mache, scheint dieses verdammte Blumenparfum meine Sinne zu benebeln. Der einzige Grund, weswegen ich diesen Hunger noch nicht gestillt habe, ist, dass diese Spur nicht warten kann.
Bald werde ich ihr das atemberaubende rote Spitzenkleid vom Körper streifen können, mich ihr Rückgrat entlangküssen, das durch den Rückenausschnitt ihres Kleides zu sehen ist, werde diese Haarwellen in meine Hände nehmen und dabei zusehen, wie ihr Make-up von ihren Lusttränen völlig ruiniert wird.
Wir gehen um die Ecke, betreten den Ballsaal und aus dem riesigen Raum weht uns der Gestank von Reichtum förmlich entgegen. An jeden Hals schmiegen sich Diamanten, und sie funkeln an jedem Ohr, jeder Hand und jedem Handgelenk. Kostbare Stoffe sind um Frauen drapiert, die so aussehen, als würden sie demnächst über den roten Teppich bei den Oscars stolzieren. Selbst die Kinder, die hier herumlaufen, sind besser gekleidet als ich.
»Solche Events haben für mich noch nie Sinn ergeben«, sagt Hadley, während wir uns durch die Menge schieben.
Ich blicke nach unten und sehe, dass sie sich auf die Menschen, die wir passieren, konzentriert. »Warum?«
»Die Menschen geben eine Menge Geld aus, um an so einem Event teilnehmen zu können.« Sie blickt rasch zu mir und zuckt mit den Achseln. »Aber wenn sie das, was sie für ihre Frisur, ihr Make-up und ihre Kleider ausgeben, spenden würden, würde die Wohltätigkeitsorganisation dann nicht mehr Geld bekommen?«
Ich nicke und lächle, mag es, wie sie denkt. »Aber jeder liebt eine gute Party.«
»Du nicht«, sagt sie und mustert mich eingehend.
Meine Fliege fühlt sich an, als würde sie zu eng sitzen. Mein Jackett ist zu warm. Herrgott, selbst meine Hosen fühlen sich an, als würden sie sich straff über meinen Schwanz spannen. »Nein, ich nicht«, erwidere ich.
Sie beugt sich ein wenig näher zu mir, und all ihre Wärme drückt sich einladend an meine Seite. »Na ja, auch wenn du es hasst, aber der Smoking steht dir gut.«
Das lustvolle Funkeln in ihren Augen bringt mich in Versuchung, meine Meinung zu ändern und dieser Spur doch nicht weiter zu folgen. Ich bleibe stehen, ignoriere die Partygäste um uns herum, und es gefällt mir, wie sie vor Überraschung die Augen aufreißt, als ich ihr Kinn umfasse. Ich bringe meine Augen auf ihre Höhe und blicke tief in ihre. »Ich weiß, was noch viel besser an mir aussehen würde.«
»Ach ja, und was soll das sein?«, sagt sie rau.
»Du.«
Ihre Lippen öffnen sich, die Wangen sind gerötet, aber sie fasst sich schnell wieder. »Du hast recht. Das würde dir sehr viel besser stehen.« So, wie sie mich mustert, überlegt sie sich bestimmt gerade, wie sie mich aus meinem Smoking schälen und ihren Körper auf meinem platzieren soll.
Ich bin kurz davor zu sagen: Scheiß auf das Event, lass uns lieber vögeln, aber wir sind nicht hier, um zu feiern. Ich darf meine Verpflichtung Hadley und ihrem Vater gegenüber nicht vergessen. Ich sammle mich, ignoriere meinen gierigen Schwanz, sehe hinaus und lasse meinen Blick über die Menge wandern, auf der Suche nach dem Kongressabgeordneten Westhaven.
Um uns herum sind nur lächelnde Gesichter. Angefangen von der Band, die im hinteren Teil des Saales einen Klassiker von Frank Sinatra spielt, über die Menschen, die langsam miteinander tanzen, bis hin zu den Kellnern, die endlos Champagnergläser ausgeben – ich kann nicht einen einzigen Gast sehen, der nicht fröhlich wäre.
»Dort ist er«, sagt Hadley und lenkt meine Aufmerksamkeit wieder auf sie. »Direkt dort drüben.«
Ich folge ihrem Blick, und sie hat recht. Der Abgeordnete steht mit seiner Frau, die ich von dem Foto erkenne, das Alex uns heute gezeigt hat, bei zwei Männern. »Kennst du die Leute bei ihm?«
Hadley schielt angestrengt. »Na ja, seine Frau erkenne ich natürlich. Der Mann zu Westhavens Linker ist ein Richter. Den Mann zu seiner Rechten kenne ich nicht.«
Als Hadley wieder zu mir sieht, lächle ich sie an. »Ein Richter und seine Frau sollten ausreichen, damit er sich unwohl fühlt, denkst du nicht?« Was genau der Grund ist, warum Alex vorgeschlagen hat, den Abgeordneten ausgerechnet auf diesem Event anzusprechen. Er kann uns hier nicht den Zugang verbieten, ohne eine Szene zu machen. »Bist du bereit?«, frage ich sie.
»Schätze, schon.« Sie lächelt angespannt.
Ich umfasse ihr Kinn und hebe es an. »Du bist bereit. Er hat Schuld, nicht du. Okay?«
»Okay«, sagt sie, und ihrer Stimme kann ich anhören, wie nervös sie ist.
Allein dafür könnte ich den Abgeordneten schon in der Luft zerreißen. Hadley sollte sich nicht mit solchen Dingen befassen müssen. Es gibt eine Menge Dinge auf dieser Welt, mit denen ich fertig werde, aber dass unschuldigen Menschen wehgetan wird, gehört nicht dazu.
Ich bin entschlossen zu verhindern, dass ihre Nervosität noch größer wird, also gehe ich in die Richtung des Abgeordneten. Für einen Mann Mitte vierzig ist er fit und offensichtlich athletisch. Er steht mit dem Rücken zu uns, aber seine schlanke brünette Frau wird auf uns aufmerksam. Sie sieht Hadley an, und ich beobachte sie aufmerksam dabei, aber sie scheint sie nicht zu erkennen. Als sie mich ansieht, schleicht sich in ihre hellbraunen Augen ein wenig Lüsternheit, und ich frage mich, ob sie und der Kongressabgeordnete in einer offenen Beziehung leben. Aber als sie den Blick schnell wieder abwendet und sich auf ihren Ehemann konzentriert, wird mir klar, dass dem nicht so ist.
Ich höre, wie Westhaven sagt: »Ja, wir sollten bald zu Abend essen.«
Und ich unterbreche ihn, indem ich sage: »Guten Abend, Herr Kongressabgeordneter.«
Westhaven blickt mit einem Lächeln auf dem Gesicht über seine Schulter. Dann sieht er Hadley, und sein Lächeln beginnt langsam zu verblassen.
»Oh, ja richtig«, füge ich ruhig hinzu, »Sie kennen doch Hadley, die Tochter von Senator Winters, nicht wahr?«
Westhaven verengt seine dunkelbraunen Augen, während er mich ansieht, aber dann setzt er wieder ein unverrückbares professionelles Lächeln auf. »Ja, ich bin ihr durch ihren Vater einige Male begegnet.« Er streckt Hadley die Hand entgegen. »Wie geht es dem Senator?«
Hadley schüttelt seine Hand, und als sie ohne jedes nervöse Flattern in der Stimme spricht, bin ich verdammt stolz auf sie. »Es geht ihm gut, vielen Dank. Es tut mir leid, dass er heute Abend nicht kommen konnte, aber er wird morgen in Washington erwartet. Ich stelle sicher, dass sein Büro eine Spende überreicht.«
Der Kongressabgeordnete lässt Hadleys Hand fallen, als hätte er sich an ihrem Fleisch verbrannt. »Das ist sehr freundlich, vielen Dank.« Er schiebt seine Hände in seine Hosentaschen und wirft einen Seitenblick zu seiner Frau. »Sarah, kennst du schon Hadley Winters?«
»Nein«, sagt Sarah mit einem ehrlichen Lächeln und reicht Hadley die Hand. »Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen.«
Der Richter und der andere Mann langweilen sich offenbar, weil sie nicht mehr Teil des Gesprächs sind, wenden sich ab und beteiligen sich an einem anderen Gespräch. Ich konzentriere mich weiter auf Hadley, und mir fällt auf, wie sie die Hand der Ehefrau des Kongressabgeordneten ansieht. Ich kann ihr Zögern verstehen. Die Nachricht, dass sie mit einem verheirateten Mann geschlafen hat, liegt ihr noch immer schwer im Magen, auch wenn sie es nicht offen ausgesprochen hat. Ihre fahle Hautfarbe sagt mir, dass ihr dieser Gedanke Übelkeit verursacht, und ich verstehe, was sie daran stört, denn sie kommt aus einem intakten Elternhaus, und die Ehe der beiden ist sehr glücklich.
Hadleys Finger legen sich fester um meinen Arm, während sie Sarahs Händeschütteln erwidert. »Ich hoffe, Sie genießen den Abend, Sarah.«
»Oh ja, es ist ein zauberhaftes Event«, erwidert Sarah lächelnd. »Diese Stiftung liegt mir sehr am Herzen.« Sie wendet sich mir zu, reicht mir ihre Hand und ihre dunklen Augenbrauen senken sich herab. »Verzeihung, ich fürchte, mein Ehemann vergaß, Sie vorzustellen.«
»Ryder Blackwood, Ma’am.« Ich erwidere ihr zartes Händeschütteln. Ich verstehe nicht, warum der Abgeordnete fremdgegangen ist. Sarah ist eine atemberaubende Frau mit gefühlvollen Augen und einem freundlichen, gütigen Herzen. »Es ist mir eine Ehre. Sie schaffen etwas Großartiges für die Kinder, die diese Stiftung betreut.«
Das süße Lächeln, das sie mir schenkt, lässt meine Abneigung gegen den Mann neben mir weiter anwachsen. »Wie lange unterstützen Sie beide die Stiftung schon?«, fragt sie mich.
»Seit Kurzem«, unterbricht uns Hadley.
Ich lasse meine Hand über Hadleys gleiten, ziehe sie auf meinen Unterarm in der Hoffnung, dass sie spürt, ich stehe nicht nur neben ihr, sondern stelle mich mit ihr dieser Situation. Darum komme ich auch gleich zum Punkt. »Wir sind eigentlich gekommen, um mit Ihrem Ehemann zu sprechen. Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir ihn kurz entführen?«
»Oh?« Sarahs Augen werden groß, als sie ihren Ehemann ansieht, der stumm wie eine Statue neben ihr steht.
Der Abgeordnete sieht mich an und versucht offensichtlich herauszufinden, was ich vorhabe.
Ich lächle, und darin liegt die Bedrohung, die ich gerne auf ihn loslassen würde.
Westhaven wendet sich schnell an seine Frau. »Ja, Liebes, ich hatte sie gebeten, sich heute Abend hier mit mir zu treffen, damit wir ein paar Dinge besprechen können. Warum holst du uns nicht noch etwas zu trinken?«
»Natürlich«, sagt sie mit einem deutlichen Zögern und sieht jetzt mit Misstrauen zu Hadley und mir.
Der Abgeordnete beugt sich vor und drückt einen Kuss auf Sarahs Wange. »Es wird nicht lange dauern. Versprochen.«
Ich behalte einen neutralen Gesichtsausdruck bei, weil ich diese überaus reizende Frau nicht besorgt sehen will, die diese furchtbare Ehe, in der sie steckt, wahrscheinlich nicht verdient hat. Ich werfe einen schnellen Seitenblick zu Hadley; sie sieht aus, als würde sie sich jeden Augenblick auf Westhavens Schuhe übergeben.
Sarah wendet sich uns zu und lächelt. »Wie ich bereits sagte, es war mir ein Vergnügen. Genießen Sie den Abend.«
»Sie ebenso.« Ich erwidere das Lächeln.
Erst als sie außer Hörweite ist, nimmt uns der Drecksack, der gerade zwei Frauen durcheinandergebracht hat, wieder wahr. »Folgen Sie mir«, zischt er mit hasserfülltem Blick.
Als er sich umdreht, nicke ich Hadley zu und bin stolz darauf, wie gut sie sich im Griff hat. Stumm folgen wir ihm, während er uns durch den Ballsaal führt und dabei fröhlich den Leuten, an denen wir vorbeikommen, zulächelt und winkt. Er legt eine perfekte Show hin.
Sobald wir den Ballsaal verlassen haben, schickt Westhaven die Security weg und führt uns zu dem Treppenhaus für das Personal, das sich am Ende des Flurs befindet. Ich sehe über die Schulter, sein Leibwächter ist uns nicht gefolgt. Trotz des Befehls, den er gegeben hat, schüttle ich enttäuscht den Kopf. Ich würde den Blick nicht einen einzigen Moment von meinem Klienten nehmen, außer es handelt sich um ein geheimes Meeting oder er befindet sich in der sicheren Zuflucht, die ich für ihn in seinem Zuhause kreiert habe.
Wir betreten das Treppenhaus durch die Tür, und in dem Augenblick, in dem die schwere Stahltür sich schließt, wirbelt Westhaven zu uns herum, und seine Stimme ist fast ein Knurren: »Sie hätten nicht herkommen sollen.« Die Wut in seiner Stimme ist deutlich zu hören, während er sich gegen das Stahlgeländer uns gegenüber lehnt und die Arme verschränkt. »Sagen Sie mir, was Sie von mir wollen, damit wir das hinter uns bringen können. Ich werde nicht zulassen, dass Sie meiner Frau wehtun.«
Hadley sieht schnell zu mir, ihre Nase ist vor Verwirrung gerümpft. Mir geht es ebenso wie ihr, und ich wende mich mit einem Stirnrunzeln Westhaven zu. »Wie bitte?«
»Was wollen Sie?«, wiederholt der Abgeordnete mit harter Stimme. »Geld? Ist es das, was sie wollen? Ich besitze nicht so viel, wie die Leute glauben, aber ich kann Ihnen etwas –«
Ich hebe meine Hand, bringe den Redestrom damit zum Erliegen, weil mir plötzlich etwas klar geworden ist. »Denken Sie, wir wollen Sie erpressen?«
»Wollen Sie das nicht?«, schnaubt Westhaven.
»Moment. Was? Nein.« Hadley keucht und schüttelt den Kopf. »Ich werde erpresst und bin heute Abend hergekommen, um herauszufinden, wen sie dafür angeheuert haben, mich zu hacken.«
Eine Pause. Dann seufzt Westhaven. »Ich nehme an, das bedeutete, der andere Mann, der mit uns in dem Video war, steckt dahinter?«
Ich öffne den Mund, um zu antworten, brauche aber eine Minute, um hinterherzukommen. Das Letzte, was ich erwartet hatte, heute Abend herauszufinden, war die Tatsache, dass Westhaven erpresst wird. »Wollen Sie damit sagen, Sie wissen nicht, wer der Mann in dem Video ist?«
»Ja, ich kenne ihn nicht«, erwidert Westhaven.
»Erklären Sie mir bitte, wie das möglich ist?« Ich kann das nicht glauben.
Der Abgeordnete nimmt einen langen, tiefen Atemzug und schiebt seine Hände in seine Hosentaschen. »Ich habe in meinem Spind im Club eine Einladung gefunden, in der ich zu der Nacht im Hotel eingeladen wurde. Normalerweise bin ich derjenige, der die Leute einlädt, daher war es … nun ja, ein verführerisches Angebot.« Er lässt den Kopf hängen, schabt mit seinem Schuh über den Betonboden. »Hören Sie, meine Frau …« Er hebt den Kopf wieder, sieht uns an, und sein Gesichtsausdruck ist verzerrt und verstört. »Sie weiß nichts von meinen besonderen Bedürfnissen. Und sie darf nichts davon erfahren. Niemals. Ich will das weder meiner Familie noch ihr antun.«
Auch wenn ich gerne darauf hinweisen würde, wie selbstsüchtig das ist, und dass seine sexuellen Vorlieben nichts sind, weswegen er sich schämen müsste, tue ich es doch nicht und konzentriere mich stattdessen in alldem auf Hadley. Sie ist das Einzige, was mir wichtig ist. »Sie haben keine Ahnung, wer Ihnen die Einladung geschickt hat?«
Er schüttelt den Kopf. »Glauben Sie mir, wenn ich es wüsste, säße derjenige bereits im Gefängnis.«
Hadley sieht zwischen dem Kongressabgeordneten und mir hin und her und fragt dann: »Ich weiß, was der Mann von mir will, aber was will er von Ihnen? Hat es etwas mit meinem Vater zu tun?«
»Ihrem Vater?« Westhaven reißt die Augen auf. »Nein, überhaupt nicht.« Er blickt die Treppe hinauf und hinunter, ist sichtlich besorgt, dass jemand uns belauschen könnte, und dann sagt er leise zu uns: »Vor etwa einer Woche erschien eine Nachricht auf meinem Bildschirm, in der stand, dass ich das Video zu einem Auto bringen sollte, das in der Nähe der Bucht geparkt war. Falls ich das nicht tue, würden alle meine Geheimnisse an die Medien weitergeleitet werden.«
Meine Finger verkrampfen sich zu einer Faust, als mir die Bedeutung seiner Worte klar wird. »Sie haben Hadley also nicht nur ohne ihre Einwilligung gefilmt, sondern sind auch noch der Grund dafür, dass dieses Video existiert?«
Der Abgeordnete nickt, den Blick zu Boden gesenkt.
Hadley ergreift in dem offensichtlichen Versuch, die Situation zu entspannen, das Wort: »Aber hat dieser Mann verlangt, dass Sie uns filmen? Ich meine, wenn Sie ihn nicht gekannt haben, woher sollte er dann wissen, dass Sie dieses Video besitzen?«
Westhavens Kiefermuskel zucken, bevor er erklärt: »Vor sechs Monaten wäre ich fast wegen Voyeurismus angeklagt worden, aber aus irgendeinem Grund haben die Frauen, die die Vorwürfe erhoben haben, ihre Aussagen wieder zurückgezogen, bevor Anklage erhoben werden konnte.«
Endlich fügen sich die Puzzleteile zusammen, und das Bild, das sich daraus vor unseren Augen ergibt, gefällt mir gar nicht. »Sie wollen uns also erzählen, dass Sie vor Kurzem kontaktiert wurden, jemand sie gezwungen hat, das Video zu übergeben, und wenn Sie das nicht getan hätten, hätte die ganze Welt erfahren, dass Sie ein Voyeur sind?«
»Das ist richtig«, sagt der Abgeordnete.
Ich mustere ihn sehr lange. Ein Mann, der wirkt, als hätte er alles, und doch reichen seine schmutzigen Geheimnisse tiefer, als ich es je ergründen könnte. Heute Abend bin ich in der Hoffnung hergekommen, dass er unser Mann ist und dass alles vorbei wäre. Ich starre ihn an, schaue hinter all seine Schutzwälle, suche nach Anzeichen dafür, dass er lügt.
Aber es gibt keine.
Es zerreißt mich innerlich, dass ich schließlich zu dem Abgeordneten sagen muss: »Gehen Sie.«
»Was?«, entfährt es Hadley und ihm gleichzeitig.
Ich funkle den Abgeordneten wütend an. »Raus hier, bevor ich es mir noch anders überlege, wieder dort reingehe und Ihrer wirklich süßen Frau all die Dinge erzähle, von denen sie nicht weiß, dass Sie sie hinter ihrem Rücken machen.«
Er geht, ohne mir noch einen weiteren Grund zu geben, ihn anzugreifen, und auch ohne einen letzten Blick zu Hadley, was zeigt, wie wenig sie ihm bedeutet hat, was mich noch wütender macht. Oh, was ich diesem Mann am liebsten alles antun würde. Nicht nur für Hadley, sondern für all die Frauen, die er dadurch verletzt hat, dass er sie ohne ihre Einwilligung gefilmt hat.
In der Sekunde, in der die Tür zufällt, wirbelt Hadley zu mir herum. »Bitte erklär mir, warum du ihm gesagt hast, er soll gehen. Wir haben jetzt genauso wenig in der Hand wie zu dem Zeitpunkt, als wir hergekommen sind.«
Ich seufze, kämpfe gegen das verzweifelte Verlangen an, sie beschützen zu wollen, und gegen das Wissen, dass es verdammt noch mal nichts gibt, was ich gerade tun kann. »Er wird ebenfalls erpresst«, antworte ich ihr sanft. »Ich glaube ihm, was er uns erzählt hat, und es führt uns nirgendwohin, wenn wir hier weitere Zeit verschwenden. Aber er hat uns etwas Wichtiges verraten.«
»Und das wäre?«
»Wer auch immer das getan hat, hat Zugriff zu Polizeiakten, was bedeutet, wir haben es hier mit jemandem zu tun, der in der Machthierarchie ganz oben steht.«
Sofort bereue ich, was ich gesagt habe, als ich sehe, wie die Farbe aus ihrem Gesicht weicht.
»Und wir haben was?« Sie keucht, ihre Augen wandern hin und her. »Ein bisschen mehr als 24 Stunden, um die Erpresser nicht nur zu finden, sondern sie auch aufzuhalten.«
In diesem Augenblick werden mir gleichzeitig drei Dinge klar.
Erstens: Vierundzwanzig Stunden erscheinen Hadley nicht so lang, wie sie es für mich sind.
Zweitens: Ihre Stärke hat auch einmal ein Ende.
Drittens: Dieses Ende habe ich gerade erreicht.