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Wenn mich im Nachhinein jemand fragen würde, welcher Teufel mich geritten hatte, mich in Manfred Bendix’ Flugzeug zu setzen – ich könnte die Frage nicht beantworten.
Nachdem Manfred uns zu einem Rundflug eingeladen hatte, hatten sowohl Anna als auch Leif sofort zugestimmt. Meinen Protest hatte er geflissentlich überhört, als er uns aufforderte, ihn zu seinem Schulflugzeug zu begleiten.
»Entspann dich«, hatte Anna mir ins Ohr geflüstert und mich mitgezogen, während Leif Manfred auf den Fersen folgte.
Widerwillig ließ ich mich mitziehen und starrte misstrauisch das vor uns stehende Flugzeug an.
»Das ist eine Cessna«, stellte Manfred uns das silbrig in der Nachmittagssonne glitzernde Flugzeug vor. »Eine Skydive mit 230 PS.«
»Voll krass!«, sagte Leif beeindruckt und bewies damit, dass auch ein Hochbegabter sich von einem Moment auf den anderen wie ein ganz normaler Junge in seinem Alter auszudrücken vermochte.
»Wow!« Anna drückte meinen Arm. »Das ist ja ein dolles Ding!«
Ich sagte nichts, sondern wechselte lediglich die Gesichtsfarbe.
»Und du nimmst uns wirklich mit?« Leifs Begeisterung wäre ansteckend gewesen, wenn es sich bei dem vor uns stehenden Objekt um ein Boot, ein Motorrad oder einen Oldtimer gehandelt hätte, wobei mir Letzterer am liebsten gewesen wäre – aber doch bitte kein Flugzeug!
»Aber klar.«
Ich glaubte immer noch, nicht recht zu hören.
»Nee, lass mal sein, Manfred«, entgegnete ich mit aufsteigender Beklemmung. »Ein anderes Mal vielleicht.«
»Nö!«, plärrte Leif und verzog das Gesicht.
»Das wäre doch gar nicht mal so schlecht«, raunte Anna mir ins Ohr. »Wir fliegen mit deinem Freund eine Runde, du kannst dich in Ruhe mit so einem Flugzeug bekannt machen, verlierst deine Angst und wir jetten im Herbst nach Mallorca.«
Erschrocken riss ich die Augen auf. Das wurde ja immer besser!
Anna gab mir zur Beruhigung einen Kuss auf die Stirn. »Na komm schon. Ist ja schließlich nur ein kleines Flugzeug. Und du kennst den Piloten.«
Voller aufsteigender Panik schüttelte ich den Kopf.
»Das beste Mittel, um sich mit seiner Flugangst oder Phobie auseinanderzusetzen, ist die direkte Konfrontation mit dem betreffenden Objekt«, gab Leif seine Hausfrauenpsychologie mit breitem Grinsen zum Besten.
»Halt die Klappe, du kleiner Klugscheißer«, zischte ich leise. »Sonst steck ich dich kopfüber in die nächste Düne.«
Leif verschluckte seinen Kommentar, der ihm wahrscheinlich bereits auf der Zunge lag, und sah mich an, als ob er sich vergewissern wollte, dass ich nur Spaß gemacht hatte. Diesen Gefallen konnte ich ihm nicht tun – ich meinte es mehr als ernst.
»Pssscht«, machte Anna und drückte sich eng an mich. »Sonne, Strand, blaues Meer – Mallorca.«
»Haben wir doch hier auch«, erwiderte ich diplomatisch. »Schau dich um: Sonne, Strand ohne Ende und das Meer … okay, es ist mehr silbergrau als blau. Aber Meer ist Meer.«
»Eben nicht!«, befand Anna. »Du kannst die Nordsee nicht mit dem Mittelmeer vergleichen.«
Ergeben zuckte ich die Achseln, obwohl sich mir nicht erschloss, warum Anna sich nach Sonne, Strand und Meer sehnte, wo wir hier rundum doch genau die von ihr gewünschten Attribute im Überfluss genießen konnten. Ich gab’s auf, Frauen im Allgemeinen und Anna im Speziellen verstehen zu wollen.
Ob es nun meine Bereitschaft war, Annas Wunsch zu erfüllen, oder Leif mich austrickste, als er sagte, dass ich Traute versprochen habe, auf ihn aufzupassen, und dabei flink wie ein Eichhörnchen in die Kanzel der einmotorigen Cessna kletterte, vermochte ich einen Augenblick später nicht mehr zu sagen. Zu sehr war ich von dem Gefühl beeindruckt, neben Manfred auf dem Sitz des Co-Piloten zu sitzen.
»Setz den hier auf«, sagte Manfred und hielt mir einen schwarzen Kopfhörer mit einem am unteren Ende befindlichen Mikrofon hin.
Widerspruchslos ließ ich mir das Headset in die Hand drücken und stülpte es mir über den Kopf. Ich zuckte erschrocken zusammen, als Manfreds Stimme direkt in meinen Ohren erklang.
»Alles klar«, sagte er knapp und gab die Kennung der Cessna durch. »Wir sind startklar.«
Ich konnte nicht glauben, was gerade mit mir geschah.
Ja, natürlich war ich in der Vergangenheit schon mehrfach geflogen und würde das auch in Zukunft tun – wenn es sich nicht vermeiden ließ. Ein Flug allerdings, an dessen Ziel mich Sonne, Strand und Meer erwarteten, gehörte für mich zweifellos zu den Dingen, die sich vermeiden ließen, da ich ja nun gerade hier auf Juist Sonne, Strand und Meer von morgens bis abends satt und per Fähre erreichbar hatte.
»Das hier ist eine Schulmaschine, genau wie die gelbe Cessna, die jetzt unten am Deich steht«, hörte ich Manfreds Stimme so klar und deutlich im Kopfhörer, als ob ich einen Mann im Ohr hätte. »Das heißt, beim Co-Piloten befinden sich die gleichen Instrumente und ein Steuerruder wie beim Piloten. So kann man sich das Kommando gegenseitig übergeben.«
»Keine Sorge, ich fass hier nix an!«, stellte ich unmissverständlich klar.
Manfred warf mir einen kurzen Seitenblick zu, erwiderte aber nichts auf meine Feststellung.
»Auf geht’s«, verkündete er statt einer Antwort und legte seine Hand auf einen Griff, der in der Mittelkonsole zwischen uns angebracht war.
Der Motor der Cessna röhrte auf. Die Maschine beschleunigte mit hohem Schub. Wir wurden in die Ledersitze des einmotorigen Fliegers gepresst. Ich spürte, wie mir der Schweiß ausbrach.
Reglos starrte ich auf die Rollbahn, deren weiße Mittelstreifen mir entgegenflogen. Ein paar aufgeschreckte Rebhühner rannten aufgeregt mit flatternden Flügeln und lang gestrecktem Hals quer über die Startbahn, auf der die Cessna entlangraste.
Ich schloss die Augen.
Nicht auszudenken, wenn einer dieser Vögel von dem Propeller angesaugt werden würde.
Noch während sich mein Gehirn Horrorszenarien ausmalte und auf die Leinwand meines inneren Kopfkinos produzierte, spürte ich Annas Hand an meiner Schulter. Der Druck ihrer Hand war genau das, was ich gerade brauchte. Eine emotionale Erdung, die mich Annas Nähe beruhigend spüren ließ. Dankbar griff ich nach ihrer Hand und erwiderte ihre Berührung.
Die Maschine erhöhte ihre Geschwindigkeit.
Während die Räder der Cessna vom Boden abhoben, sah ich aus den Augenwinkeln, wie sich die Landebahn unter uns absenkte und kleiner wurde.
Wir flogen!
Ich schloss die Augen und bemühte mich, meinen Atem unter Kontrolle zu bekommen.
»Alles klar mit dir, Jan?«, hörte ich Manfreds Stimme direkt in meinem Ohr.
Ich zuckte zusammen. »Ja.« Ich nickte mit geschlossenen Augen. »Alles klar.«
»Mach die Augen auf, Jan«, empfahl Manfred mir mit ruhiger Stimme. »Schau mal raus. Es ist wunderschön hier oben.«
»Das ist megakrass!«, schrillte Leifs Stimme begeistert in meinen Ohren. Er und Anna hatten ebenfalls ein Headset auf. »Schaut mal hier. Norderney! Und da ist …« Leifs Stimme verstummte.
Manfred lachte amüsiert.
»Das ist … ähm …«, überlegte Leif laut.
»Memmert«, half ich. »Das ist die Vogelschutzinsel Memmert. Und dahinter kommt gleich Borkum, dann ist Schluss mit Ostfriesland. Hinter dem Emszufluss liegt Holland.«
»Stimmt genau«, sagte Manfred. »Und weil hinter Borkum die Niederlande beginnen, fliegen wir jetzt eine Kehre.«
Ich konnte es nicht fassen, dass ich plötzlich so erstaunlich gelassen in diesem Flugzeug saß und auf die unter uns liegenden Inseln hinunterschaute. Aber wenn ich schon mal hier oben war, konnte ich auch die Aussicht genießen. Ich durfte nur nicht daran denken, dass sich unter meinem Sitz nur eine dünne Blechhaut und darunter nichts mehr befand. Schnell schaute ich aus dem Fenster und verdrängte den Gedanken.
Es war ein strahlender Spätsommertag Ende August. Bis auf ein paar vereinzelte Ansammlungen von Schäfchenwolken spannte sich der Himmel in einem so leuchtenden Blau über uns, wie er es nur über Ostfriesland vermochte.
Die Fernsicht war unglaublich. Ich hatte das Gefühl, direkt über die Nordsee hinweg bis nach England oder Norwegen schauen zu können.
»Unglaublich«, flüsterte ich leise und vergaß, dass meine Mitreisenden jedes Wort von mir über Headset mithören konnten.
Annas Hand streichelte zärtlich meine Schulter, während Leif mir begeistert zustimmte. »Ja, das ist krass! Ich glaube, ich werde doch lieber Pilot als Architekt.«
Noch während Manfred sein Flugmanöver ankündigte, legte sich die Maschine in eine Seitenlage, sodass ich unvermittelt unter mir die silbrig glitzernde Wasseroberfläche der Nordsee sah statt des Horizonts.
Ich schluckte schwer. Annas Hand auf meiner Schulter war mir eine große Beruhigung.
»Wir nehmen jetzt nordwestlichen Kurs«, plauderte Manfred entspannt mit der Ruhe eines hundertjährigen Reiseführers. »Vor euch seht ihr Juist, dahinter Norderney, Langeoog und da ganz hinten Wangerooge.«
Ich gestattete mir einen Blick auf die vor uns liegende Insellandschaft, deren Inseln sich aneinanderreihten wie Perlen auf einer Schnur.
»Kannst du mal kurz das Steuer halten?«, ertönte Manfreds Stimme in meinem Ohr.
»Steuer?« Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen. »Was denn für ein Steuer?«
»Na, das Steuer, mit dem ich uns hier oben in der Luft halte«, erwiderte Manfred seelenruhig.
»Mit Sicherheit nicht!«, erwiderte ich energisch. »Ich habe gesagt, dass ich hier nichts anfasse. Und schon gar nicht das Steuer oder wie das Ding da heißt.«
»Ich fürchte, genau das wirst du tun müssen«, sagte Manfred, dessen Stimme mit einem Mal einen brüchigen Ton angenommen hatte. »Mir geht’s nicht gut.«
»Wie bitte?« Wie von der sprichwörtlichen Tarantel gestochen fuhr ich in meinem Co-Piloten-Sitz hoch und sah Manfred ungläubig an. »Was ist mit dir?«
»Keine Ahnung«, erwiderte der und schloss die Augen. »Das Herz. Ich glaube, es ist das Herz. Ich schalte vorsichtshalber den Autopiloten ein.« Er drückte mit dem Daumen einen der drei runden weißen Knöpfe am Steuer, der vierte Knopf war rot, dann fiel seine Hand schlaff nach unten.
»Manfred!«, fuhr ich ihn an.
Er reagierte nicht, stattdessen atmete er röchelnd.
»Manfred!« Mit aller Kraft versuchte ich, meine aufsteigende Panik zurückzudrängen und meine Stimme ruhig klingen zu lassen. »Menschenskind! Das kannst du doch jetzt nicht machen. Wir sind hier oben und du machst schlapp? Mensch, mach die Augen auf!«
Manfred reagierte nicht mehr.
Ohne auch nur eins der Instrumente zu berühren, geschweige denn das Steuer in die Hand zu nehmen, beugte ich mich zu Manfred hinüber und griff nach seinem Handgelenk. Sein Puls war gut zu spüren, nicht flach und schnell, sondern gut tastbar. Kein Anzeichen für einen Kreislaufkollaps. Als ich das Headset beiseiteschob und mein Ohr direkt über seinen Mund hielt, war ich erleichtert, als ich seinen Atem spürte. Denn bei dem Motorenlärm konnte von Hören nicht die Rede sein. Behutsam ließ ich sein Handgelenk los und lehnte mich zurück in meinen Sitz. Ich war etwas beruhigter, da offenbar keine akute Lebensgefahr für Manfred bestand. Zumindest, soweit ich das als Nichtmediziner beurteilen konnte. Auch wenn wir uns in einer mehr als heiklen Lage befanden, war ein bewusstloser Pilot besser als ein toter.
Wie versteinert saß ich neben Manfred auf dem Co-Piloten-Sitz und durchdachte fieberhaft die Optionen, die wir hatten. Davon gab es allerdings nicht viele. Entweder Manfred wachte auf, bevor uns der Sprit ausging und wir ins Meer stürzten, oder er wachte nicht auf. Mehr Möglichkeiten gab’s nicht.
Das konnte doch alles nicht wahr sein!
Jeden Moment würde Motte mich wecken und mir mit seiner feuchten Zunge übers Gesicht fahren. Es konnte doch nicht sein, dass meine größte irrationale Angst wahr geworden war, ohne jede Möglichkeit, etwas zu tun – in einem Flugzeug zu sitzen, das jede Sekunde abstürzen konnte. Mir sollte noch mal jemand etwas von Kontrollverlust erzählen.
»Ach du Scheiße.« Annas Stimme zitterte, als sie sich zwischen den Ledersitzen zu mir nach vorne beugte. »Was machen wir denn jetzt?«
Ich antwortete nicht, da ich keine Antwort wusste.
»Die Ruhe bewahren«, empfahl Leif.
Wieder erstaunte der Junge mich mit seinem nicht originellen, aber zutreffenden Kommentar. Jedes andere Kind wäre in unserer Situation in Tränen ausgebrochen oder hätte sich ängstlich an Anna oder mich geklammert. Aber nicht so Leif, der uns stattdessen empfahl, was das Sinnvollste war: ruhig Blut bewahren und nicht in Panik verfallen. Wilder Aktionismus wäre das Letzte gewesen, was uns weitergebracht hätte – er hätte uns eher umgebracht.
»Guter Plan«, erwiderte ich und fühlte mich überraschenderweise tatsächlich ruhiger, als ich mir je in einer solchen Situation hätte vorstellen können.
Wie gebannt klebte mein Blick auf dem Steuerknüppel zwischen meinen Knien, eine Art Griff, an dessen oberem Ende ein trapezförmiges Element angebracht war, in dem vier kleine Drehregler eingelassen waren; drei waren weiß, einer war rot. Unter dem roten Regler stand Alarm. Ein Grund mehr, meine Hände nicht zu bewegen und nichts anzufassen. Aber genau das musste ich im schlimmsten Fall tun. Denn auch wenn unser Pilot neben mir bewusstlos vor sich hin röchelte, musste dies nicht unser Todesurteil bedeuten.
Ich konnte etwas tun. Allerdings wusste ich nicht, was.
Mir schossen alle möglichen Ideen und Bilder gleichzeitig durch den Kopf. Allen voran Szenen aus alten Katastrophenfilmen, in denen aus dramaturgischen Gründen beide Piloten ums Leben gekommen waren und ein beherzter Passagier mithilfe des Towers die Maschine mit ein paar Hundert Passagieren sicher landen konnte. Solche Szenarien waren Hollywood. Das hier aber war echt!
Ich musste nur ruhiges Blut bewahren, wenn wir alle lebend den Flugplatz erreichen wollten.
Annas Hand krallte sich in meine Schulter. »Tu was, Jan«, flüsterte sie so leise, dass ich sie kaum verstand.
»Würd ich ja gern«, flüsterte ich in der gleichen Tonlage zurück wie Manfred, als er mir vor einer Minute gesagt hatte, dass es ihm nicht gut gehe.
Wieder wandte ich meinen Kopf Manfred zu, um zu sehen, ob er nicht doch schon wieder ansprechbar war. Dem war leider nicht so. Er hockte noch immer wie leblos in seinem Sitz, sein Kopf war gegen die Scheibe gelehnt und sein rechter Arm hing neben dem Sitz herab.
»Weißt du, wie du das Flugzeug landen kannst?«, hörte ich Annas Stimme im Kopfhörer.
Ich schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung.«
Vor mir am Armaturenbrett befanden sich eine Unzahl verschiedenster Instrumente, deren Sinn und Aufgabe sich mir in keiner Weise erschloss. Lediglich dem kleinen runden Instrument mit der Beschriftung »Vertical Speed« konnte ich eine Bedeutung zuordnen und natürlich dem kleinen weißen Flugzeugsymbol, welches vor einem beweglichen künstlichen Horizont schwebte.
Vorsichtig, als könnte das Steuer unter Starkstrom stehen, legte ich meine Fingerspitzen auf das Leder. Ich spürte die Kraft, die von dem Steuer ausging, und umgriff es fester.
»Wo fliegst du hin, Jan?«, erklang Leifs Stimme in meinem Kopfhörer.
»Nirgendwohin«, antwortete ich mit unnötig lauter Stimme, da ich mich nicht daran gewöhnen konnte, mich über ein Headset zu unterhalten. »Ich hab nur die Hand am Steuer, alles andere macht das Flugzeug selber.«
»Dann solltest du etwas tun.« Leifs Stimme hatte nun doch einen verängstigten Unterton angenommen. »Unter uns ist nichts mehr.«
Ebenso langsam, wie ich das Steuer berührt hatte, zog ich meine Hand wieder weg und richtete meinen Blick durch die Windschutzscheibe nach draußen.
Vor uns war nichts mehr – außer der silbrig glänzenden Wasseroberfläche der Nordsee. Auch durch das Fenster an meiner rechten Seite war nichts außer Wasser zu sehen.
Leif hatte recht. Ich musste etwas tun.
Außerdem hatte Manfred offenbar eine Herzattacke gehabt und musste dringend ärztlich versorgt werden. Er saß noch immer in sich zusammengerutscht in seinem Sitz. Es war nicht mehr davon auszugehen, dass er in den nächsten Minuten die Augen aufschlug und die Maschine sicher zum Landen bringen würde.
Der Tower!
Ich musste den Tower anrufen und uns als Notfall melden. Der Tower konnte mir sagen, was ich tun musste, um uns heil auf den Boden zu bringen.
»Jetzt ganz ruhig!«, beschwor ich meine Hände, die plötzlich ein zittriges Eigenleben führen wollten.
Bevor ich meine Aufmerksamkeit den Instrumenten widmete, warf ich nochmals einen Blick nach draußen. Unter uns war nichts als Wasser. Wir befanden uns über der offenen Nordsee, und wenn ich nichts unternahm und der Treibstoff reichte, würden wir wahrscheinlich demnächst der Queen einen Besuch abstatten.
Ich löste meine Augen von der Wasserwüste unter uns und richtete sie stattdessen auf die Bordinstrumente vor mir. Auf meiner Co-Piloten-Seite befanden sich vier große, kreisrunde Anzeigen, mit denen ich nichts anzufangen wusste. Lediglich die Funktion der runden Anzeige mit dem kleinen Flugzeug inmitten eines waagerechten Strichs, der wohl einen künstlichen Horizont darstellte, und dem darüberliegenden blauen Halbkreis, der offenbar den Himmel symbolisierte, war mir halbwegs klar, aber Begriffe wie NAV 1 , Gear down , Ident , Fuel Flow und alle möglichen weiteren Bezeichnungen, die da standen, sagten mir rein gar nichts.
Ich hatte das Gefühl, dass das gesamte Cockpit aus Instrumenten bestand. Meine Nervosität wuchs und auf meiner Stirn standen dicke Schweißtropfen.
»Ruf doch mal den Tower an«, schlug Leif vor, der seinen Blondschopf zwischen den Lehnen der Sitze durchstreckte. »Da oben ist doch das Funkgerät.«
»Du wirst mir unheimlich«, erwiderte ich mit vor Aufregung ausgetrockneter Kehle. »Wenn du mir auch noch sagen kannst, wo genau …«
»Na, da oben«, unterbrach Leif mich und zeigte mit dem Zeigefinger auf eine Anordnung von rechteckigen weißen Knöpfen und drei Drehreglern, die mit ihrem kleinen Bildschirm an ein Autoradio erinnerten. »Das ist das Funkgerät.«
»Wenn das stimmt, gebe ich dir einen Kakao aus – sobald wir wieder heil am Boden sind«, versprach ich.
»Igitt!«, rief Leif angewidert. »Bloß nicht. Aber mit einer Flasche Bitter Lemon kommen wir ins Geschäft.«
»Wenn wir heil runterkommen, spendiere ich dir eine ganze Kiste«, versprach ich und wandte meine Aufmerksamkeit dem Funkgerät zu. In dem Moment war mir völlig egal, welche möglichen gesundheitlichen Risiken chininhaltige Getränke für Kinder haben könnten. Meinetwegen hätte Leif auch einen doppelten Martini trinken können. Und ich gleich einen mit.
Ich drehte alle Regler über der Anzeige, die ich nach Leifs Hinweis für das Funkgerät hielt, auf und zu, von links nach rechts und drückte nacheinander alle Knöpfe am Armaturenbrett.
Leider vergeblich.
Nichts tat sich. Der kleine Bildschirm blieb schwarz, in meinen Kopfhörern blieb es still.
»Hallo?«, sprach ich in das Mikro vor meinem Mund. »Hallo, Tower. Hören Sie mich?«
Nichts.
Da ich noch nicht einmal ein Knacken oder Rauschen im Kopfhörer hörte, ging ich davon aus, dass das Funkgerät ausgeschaltet war. Da konnte ich so viel rufen, wie ich wollte, niemand hörte mich. Es gelang mir nicht, Kontakt mit dem Tower herzustellen. Resigniert ließ ich meine Schultern sinken und lehnte mich in meinem Sitz zurück. Ich hatte keine Ahnung, welcher der Kippschalter und Regler das Funkgerät einschaltete.
Die aufsteigende Angst, die sich langsam, aber zunehmend eisiger als aufkommender Bodenfrost in meinen Gliedern auszubreiten begann, versuchte ich zu ignorieren, was wahrscheinlich falsch war, da Fachleute niemals müde werden, einem zu raten, sich seinen Ängsten zu stellen; sie quasi zu begrüßen, um sich erfolgreich mit ihnen auseinanderzusetzen.
Ich hatte absolut keinen Bock, meine Flugangst zu begrüßen. Ich wollte einfach nur, dass sie verschwand. Und wenn ich sie zumindest verdrängen konnte, reichte mir das für den Moment.
Ich schloss kurz die Augen, um mich zu konzentrieren.
Da der Funkkontakt mit dem Tower etwas Elementares und Lebenswichtiges war, konnte ich davon ausgehen, dass sich der Knopf fürs Funkgerät in unmittelbarer Griffweite des Steuerknüppels befand. Da ich aber einen Heidenrespekt vor den Instrumenten und den Reaktionen des Flugzeugs hatte, wenn ich irgendetwas anfassen und womöglich versehentlich den Autopiloten ausschalten würde, ließ ich meine Hände auf meinen Oberschenkeln liegen.
Aber regungslos hier sitzen und drum beten, dass Manfred wieder zu sich kam, konnte nicht die Lösung sein.
Das Adrenalin pulste durch meinen Körper.
Ich wollte etwas tun, und ich musste was tun, um uns heil aus dieser Situation herauszubringen.
Verdammt! Aber was?, dachte ich mit zunehmender Verzweiflung.
Meine Augen suchten die Instrumente nach einem hilfreichen Hinweis ab. Verzweifelt blickte ich in der Kabine umher. Nichtsdestotrotz wurde mir beim zufälligen Blick aus dem Fenster bewusst, welch malerisches Bild sich draußen bot: Unter uns glitzerte die Wasseroberfläche friedlich im Sonnenlicht. Ein paar Möwen kreisten über den Wellen, auf denen kleine weiße Schaumkronen tanzten.
Ich hatte keine Ahnung, wie viel Treibstoff sich noch in den Tanks befand. Wie lange es dauern würde, bis wir unweigerlich in den Sinkflug gehen würden, um dann auf der Wasseroberfläche zu zerschellen.
Ich hasste diesen Kontrollverlust!
Mühsam unterdrückte ich meine aufsteigende Panik. Irgendwie musste ich uns heil runterbringen!