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Mit Albrechts Schmerzensschreien, als ihn die Sanitäter auf die Trage schnallten, und meiner Kurzvernehmung durch Kommissar Mackensen waren meine Recherchen erst mal beendet.
Kommissar Mackensen klopfte mir überraschend freundschaftlich auf die Schulter.
Irritiert über diese Geste, drehte ich mich zu ihm um.
»Es ist alles in Ordnung, Herr de Fries«, versicherte er mir jovial, als er sich neben mich auf die Steinmauer setzte, die Albrechts Grundstück eingrenzte.
»So, ist es das?«, erwiderte ich wenig überzeugt und musterte ihn misstrauisch.
»Zigarette?«, fragte er ungewohnt freundlich.
»Gern.« Ich griff nach der Filterzigarette, die er aus seiner Packung herausgeklopft hatte.
Als wir die ersten Züge genommen hatten, entspannte ich mich etwas und sah gedankenverloren den blauen Kringeln hinterher, die Mackensen mit der Präzision einer altgedienten Dampflokomotive ausstieß.
Der Kommissar blies noch einen blauen Kringel in die Luft, bevor er mir erklärte: »Wir ermitteln schon eine ganze Weile gegen Philipp Albrecht, ein knappes Jahr, um genau zu sein. Dabei haben wir nicht nur festgestellt, dass Albrecht geschäftlich ziemlich am Ende ist, sondern auch, dass er sehr speziellen Neigungen nachgeht, die unsere Abteilung Jugendschutz auf den Plan gerufen hat. Mit anderen Worten …«, fuhr er mit angewidertem Gesichtsausdruck fort, »Albrecht ist ein Kinderschänder allererster Güte. Wir haben vor einer halben Stunde in seinem Büro im Hangar auf drei verschiedenen Handys, zwei Computern, diversen CDs und Speichersticks über zwölf Terabyte einschlägig kinderpornografisches Material sichergestellt.« Mackensen spuckte verächtlich aus. »Widerliches Zeug! Bin gespannt, was wir hier bei der Durchsuchung seines Hauses noch alles finden.«
»Wer hat Ihrer Meinung nach Anna umgebracht?«, fragte ich, ohne auf seine Ausführungen einzugehen.
Im Moment interessierte mich nur diese eine Frage: Wer war Annas Mörder?
»Wir vermuten, Philipp Albrecht«, antwortete Kommissar Freud. »Unsere Erkenntnisse sprechen dafür.«
»Seit dem Absturz der Maschine, bei dem …«, er zögerte kurz, bevor er fortfuhr, »… Frau Harms getötet wurde, ermitteln wir mit Hochdruck«, versicherte Mackensen und zählte mit nüchterner Buchhaltermiene die technischen Fakten auf. »Die Untersuchungen des Luftfahrtbundesamtes haben ergeben, dass sowohl die Notlandung als auch der Absturz von Manfred Bendix auf manuelle Manipulationen zurückzuführen sind«, erklärte er. »In beiden Fällen wurden die Luftklappen der Flugzeuge dahin gehend manipuliert, dass sie nicht mehr einwandfrei funktionierten.«
»Das hatte Manfred Bendix auch bereits vermutet, und es wurde mir gerade von Albrecht bestätigt – allerdings in seiner Version der Geschichte«, sagte ich. »Aber Bendix war der Meinung, dass solche Gefahren durch sogenannte Check Valves erst gar nicht entstehen. Diese Rückschlagklappen lassen Luft in den Treibstoff hinein, sodass kein Staudruck entsteht, der zu einem Ausfall des betreffenden Triebwerks führen kann.«
»Stimmt«, nickte Mackensen. »Sofern diese nicht mit hochpotentem Sekundenkleber massiv in ihrer Funktionsfähigkeit eingeschränkt wurden.«
»Sekundenkleber?«, nickte ich. »Kleine Ursache mit katastrophaler Wirkung.«
»Können Sie aber glauben«, versicherte Mackensen. »Wie gesagt, wir observieren Albrecht schon eine ganze Weile, lange bevor Milan Siebrandt erschossen wurde. Nach Siebrandts Ermordung hatten wir von Anfang an Albrecht in Verdacht, die Nutznießung der Lebensversicherung zwischen den drei Geschäftspartnern ist nur allzu offensichtlich. Ganz abgesehen davon, dass uns die Versicherungsgesellschaft über die ungewöhnliche Höhe der Lebensversicherung informiert hat«, sagte er mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck. »Wir haben sehr frühzeitig Verdacht geschöpft und die forensischen Untersuchungen sind eindeutig …« Mackensen brach ab, als ein weiß gekleideter Spurensicherer mit hochgerecktem Daumen auf uns zukam.
Der Techniker der Spurensicherung beugte sich zu Mackensen hinunter und flüsterte ihm etwas zu.
Mackensen nickte und sah sehr zufrieden aus, als sich der Spurenexperte entfernte.
»Philipp Albrecht hat beide Flugzeuge manipuliert«, stellte er fest. »Die Spurensicherung hat exakt den Kleber, der hierfür verwendet wurde, in der hintersten Ecke einer Schublade seines Arbeitszimmers gefunden, denselben Sekundenkleber, den wir auch an den Maschinen gefunden haben.«
»Das heißt …« Ich verstummte, weil mir meine eigene Stimme fremd vorkam, so trocken und spröde war sie.
»Genau das heißt es, Herr de Fries.« Mackensen drückte seine Kippe am Schuhabsatz aus. »Das heißt, dass Philipp Albrecht den Absturz der Cessna verursacht hat und für den Tod von Anna Harms verantwortlich ist. Wir haben den Mörder von Anna Harms – Philipp Albrecht!«
Ich hätte Mackensens Worten nur zu gern geglaubt, aber nachdem Albrecht mir seine Version der Ereignisse geschildert hatte, war ich nicht davon überzeugt. Anstatt mich erleichtert bei den beiden Kommissaren zu bedanken, schüttelte ich langsam den Kopf.
»Leif hatte einen Schutzengel«, erklärte ich die Zusammenhänge, die mir selber gerade erst so richtig klar geworden waren. »Einen dunklen Schutzengel, der auch töten würde«, zitierte ich Rita Albrecht, als sie über ihre beiden Söhne gesprochen hatte. »Die ganze Zeit über war Leifs Bruder Vince da! Ich vermute nämlich, dass Vince derjenige ist, der Milan Siebrandt getötet hat. Und er war es auch, der vorhin den Pfeil abgeschossen hat, der Philipp Albrecht daran hinderte, Leif zu missbrauchen und mich zu töten.«
Mackensen seufzte schwer und kramte die zerdrückte Packung Zigaretten erneut aus einer seiner Taschen. Routiniert zündete er sich eine frische Zigarette an. »Wieso sollte Vince Albrecht so etwas tun?«, fragte er.
»Weil sein Stiefvater auch ihn als Kind missbraucht hat und er seinen kleinen Bruder Leif vor dem gleichen Schicksal bewahren wollte«, antwortete ich. »Manfred Bendix, Philipp Albrecht und Milan Siebrandt beabsichtigten eine Insel-Airline zu gründen, die hier an der Küste und auf den Inseln der alteingesessenen Frisia-FLN Konkurrenz machen sollte«, erklärte ich. »Leider waren die Geschäftspartner der zukünftigen Airline nicht sonderlich erfolgreich, also mussten neue Investoren her. Und während man sich auf die Suche nach neuen Geldgebern begab, spannte Manfred Bendix seinem Geschäftspartner Philipp Albrecht die Frau aus, was den allerdings nicht sonderlich interessierte, da er Kinder bevorzugte. Philipp Albrecht, der klassische Päderast.«
Mackensen und Freud sahen mich aufmerksam an.
»Gute Geschichte«, sagte dann Mackensen. »Allerdings erzählen die Beweise eine andere Version. Und unsere Gerichte sprechen Recht nach Sachverhalten und nicht danach, wer die bessere Geschichte erzählt. Das sollten Sie als Anwalt am besten wissen.«