Tag 33
An dem die humpelnde Brasilianerin nicht mehr humpelt, dafür aber seltsame Schuhe trägt. Auch wird an dem Tag klar, warum Sex immer alles verändert
Lieber Jochen, was heißt nett?
aw:
Ziemlich nett. Erstaunlich nett.
re:
Wenn du reden willst, dann rede. Aber hör auf mit diesen vagen Andeutungen. Meine Schwiegermutter ist nett. Die Katze vom Nachbarn ist nett. Eine Teewurststulle ist nett. Also was heißt »ziemlich nett«?
aw:
Wir trafen uns in einem vietnamesischen Restaurant, wo wir die einzigen Gäste waren. Anna kam ohne Krücken. Sie sah schmal aus und trug hellbraune, flache Wildlederschuhe, und ich dachte: Okay, an ihrem Schuhgeschmack muss man vielleicht arbeiten. Aber es war gut. Also, der Abend. Wir gingen anschließend in ein kleines französisches Bistro und tranken Wein. Sie rot, ich weiß. Wir redeten, weil wir das gut miteinander können: reden. Sie wurde nicht langweilig. Und ich dachte: Hoffentlich denkt sie das auch von mir.
Ich merke, dass ich ab und an beginne, darüber nachzudenken, was sie von mir halten könnte. Während sie spricht, während ich aufmerksam nicke, denke ich: Was gefällt ihr? Was würde ihr gefallen an mir? Ich beginne wie ein Verkäufer zu denken, ein Verkäufer meiner selbst. Ich werde dadurch ganz zwangsläufig etwas verlogen, in Grenzen unaufrichtig.
Anna fährt gerne Rad. Sogar im Winter. Sie mag Männer, die Rad fahren. Sie erzählt mir das, und ich nicke, lächle und denke: Scheiße. Du sagst jetzt nicht, dass du gar kein Fahrrad besitzt. Dass du seit zehn oder fünfzehn Jahren kein Fahrrad mehr gefahren bist. Dass du Fahrradfahren albern findest, dass du im Auto über niemanden so fluchst wie die verdammten Fahrradfahrer, die Verkehrsverlangsamer, die Ohne-Licht-Fahrer, die Ökotrutschen, die Fahrradmänner, die ihren Kopf in potthässliche Helme schnallen.
Ich lüge nicht, Maxim. Ich schweige verlogen. Anna fragt mich ja auch nicht, ob ich ein Rad habe. Sie fordert also nicht direkt Wahrheit ein. Vermutlich weil sie sich das nicht vorstellen kann: ein Mann ohne Rad.
Wir verließen das Bistro ziemlich betrunken. Anna hatte nicht weniger getrunken als ich. Das finde ich gut. Sie hatte auch nicht weniger gegessen. Nur unglaublich langsam. So langsam wie ein Kind.
Ich brachte sie zur Ecke. Dann ging sie wieder nach links, die Straße rauf, und ich nach rechts, die Straße runter.
Kein Kuss auf den Mund, nur eine Umarmung mit Wangenkuss. Mein Herz war ruhig. Aber angenehm gewärmt. Und ich dachte trotzdem, Maxim, dass alles keinen Sinn hat. Erst das zweite Treffen, und schon trägt sie seltsame Wildlederschuhe und fährt ständig Rad. Beim dritten, vierten Treffen, sollte es eines geben, werden weitere Scheußlichkeiten herauskommen.
Jedes Treffen wird sowieso immer schwerer. Es muss ja weitergehen. Der nächste Schritt gegangen, die nächste Stufe erreicht. Man bohrt immer tiefer im Leben des anderen. Es ist auch nicht schlimm, wenn es endet. Das ist ja die Regel, Maxim. Liebesgeschichten beginnen oft nicht. Zwei angenehme Treffen, das ist keine schlechte Ausbeute. Eine Ausbeute, mit der man sich schon mal zufriedengeben kann. Ich brauche Anna nicht. Und sie mich auch nicht.
Das ist die Lage. Das ist der Stand.
re:
Ich dachte mir schon, dass der alte Jochen irgendwann durchkommt. Vergiss die Fragen, die nächsten Schritte. Konzentriere dich nur auf dein gewärmtes Herz. Was ist schlecht an Wildlederschuhen? An Fahrrädern? Eine Frau könnte angeklebte Fingernägel tragen, zu laut lachen, eine Raucherhaut haben, unerträglich dumm sein oder sich für Astrologie interessieren und dich nach deinem Sternzeichen fragen und dem dämlichen Aszendenten. Das alles wäre möglich gewesen, Jochen. Du hast Glück, weil sie nur Fahrrad fährt. Das ist sehr gut, Jochen. Also such keine Vorwände, keine Munition für den Rückzug.
Beachte die alte Regel von Väterchen Leo aus dem Jahre 1873: Keine Erwartung, keine Enttäuschung.
PS: Hättest du Anna schon küssen können an diesem Abend?
aw:
Vielleicht.
re:
Warum hast du nicht?
aw:
Warum sollte ich?
re:
Weil man das so macht als Mann. Der Mann gibt den Takt vor, will vorankommen. Er will erst küssen. Dann fummeln. Und dann die Nuss knacken. Und das alles möglichst zügig.
aw:
Stimmt, Maxim. Mit 20 und auch noch mit 28. Aber ich bin 39, und Anna ist 35. Schnell die Nuss knacken ist gut, aber ehrlich gesagt, hoffe ich heute eher, dass es nicht zu schnell geht. Es ist doch so: Bis Ende 20 rennen die Männer vorneweg, weil sie Sex wollen. Ab Anfang 30 rennen dann die Frauen vorneweg, weil sie Kinder wollen und ein Eigenheim am Stadtrand.
Ich hoffe, dass die Frau nicht zu schnell mehr will als ich. Dass es keine Dysbalance der Liebe gibt. Bedeutet: Sie hat Gefühlsvorsprung, und ich renne hinterher. Sie fühlt schon, während ich erst noch fühle, ob ich fühle. Sie denkt: Ich will ihn! Ich denke: Will ich sie?
Eine Dysbalance macht alles schwierig. Sie führt zu Fragen, Vorwürfen.
Zum Beispiel zu der Frage: »Was ist los mit dir?«
Dann sage ich: »Nichts.«
Dann fragt sie: »Bist du verliebt?«
Ich sage: »Ich glaube, ja.«
Und sie sagt: »Glaubst du oder weißt du?«
Und ich sage: »Ich weiß nicht, aber ich glaube.«
Und sie sagt: »Warum weißt du das nicht?«
Und schon ist man in einem Paarstreit, ohne ein Paar zu sein.
Ich bin langsam in Gefühlssachen, Maxim. Mit einer Turbofrau kann ich deshalb nichts anfangen. Das geht nicht gut. Ich bin ein Schisser, und ich brauche eine Schisserfrau. Eine, die am Anfang sagt: Mal sehen. Vielleicht.
Vielleicht ist das schönste Wort in angehenden Liebesbeziehungen.
Ich weiß nicht, ob Anna eine Schisserfrau ist.
Vielleicht.
re:
Lieber Jochen, was für komplizierte Zeiten. Ich liebe die guten, alten 90er! Aber ich frage mich natürlich auch: Sind es wirklich die Zeiten, die so kompliziert sind? Oder bist du so kompliziert? Wahrscheinlich unterschätze ich auch den Altersunterschied. Ich verliebte mich in Catherine, da war ich 24, also 15 Jahre jünger als du jetzt. Ich wollte damals nur eine Nuss knacken, keine Frau fürs Leben finden. Ich habe dann gefunden, was ich nicht gesucht habe. Vielleicht weil ich nicht gesucht habe.
aw:
Eine Nuss knacken, Maxim, ist heute nicht ungefährlich. Ich habe Frauen über 35 kennengelernt, die nur darauf hoffen, schwanger zu werden. Egal von wem, egal wie. Hauptsache, schwanger. Ich kann das sogar verstehen, die Uhr tickt immer lauter. Aber es macht die Sache natürlich nicht einfacher. Hätte mir, damals mit 25, eine gleichaltrige Frau gesagt, sie nimmt die Pille, hätte ich mit ihr geschlafen, ohne mir Gedanken zu machen. Heute würde ich in jedem Fall ein Kondom benutzen, auch wenn die Frau schwört, sie verhütet mit Pille, Diaphragma und Spirale gleichzeitig. Ich kenne Männer, die plötzlich Vater wurden, ohne dass sie das wollten.
re:
Zögerst du den Sex hinaus, wenn dir eine Frau wichtig ist?
aw:
Nein. Wozu soll das gut sein? Was man hat, hat man, oder? Allerdings verändert Sex immer alles. Vielleicht nicht der erste Sex, aber spätestens der dritte oder vierte. Obwohl vorher beide Seiten so tun, als würde Sex nichts verändern. »Es ist nur Sex. Wir sind erwachsene Menschen. Menschen mit Hormonen und Geilheit. Wir haben einfach Spaß miteinander. Wir machen das, was Millionen Menschen zur gleichen Zeit tun.«
Diese Sätze habe ich manchmal gehört, manchmal auch gesagt.
So reden wir den Sex klein. Wir versuchen ihn gefühlsmäßig zu entkleiden, mit Worten einzukochen, bis bloß noch der Akt selbst übrig bleibt.
Aber das funktioniert nicht. Ich kenne Frauen, die sagen: »Wir haben einfach nur Sex.« Aber ich kenne keine, die das auf lange Sicht auch so meint. Nicht mal auf mittelfristige Sicht. Sie will es vielleicht so meinen. Aber sie scheitert an der Umsetzung. Sex führt, anders als Eisessen, bei einer Frau immer zu der Frage: Und was kommt jetzt? Was wird aus uns?
Alle Frauen, in die ich mich verliebte, waren übrigens Frauen, mit denen ich nicht gleich schlief. Es dauerte. Begehren mischte sich mit Angst, Aufregung, Respekt. Eine Frau, die gleich zu allem bereit ist, verliert, so dumm es klingt, ein bisschen ihre Anziehungskraft. Sie ist ein kampfloses Gebiet. Sie ruft sofort: Surrender! Das ist praktisch und bequem, aber eben auch ein McDrive-Gefühl. Man kriegt alles und auch als Menü und extra large und muss nicht mal mehr seinen Hintern aus dem Auto bewegen.