Vorwort:
Der Apfel
An einem Frühlingsabend im Jahr 2014 ging ich im Zentrum von Hanoi eine schmale Gasse entlang, als ich an einem Stand am Straßenrand einen Apfel bemerkte. Er war unglaublich groß und rot und sah einfach zum Anbeißen aus. Feilschen fällt mir schwer, also zahlte ich drei Dollar für diesen einen Apfel und nahm ihn mit auf mein Zimmer im Very Charming Hanoi Hotel. Wie jeder brave Ausländer, der die Warnhinweise gelesen hat, wusch ich den Apfel sorgfältig mit Trinkwasser aus der Flasche, aber als ich hineinbiss, schmeckte er bitter und chemisch. Es war das Aroma, das alle Speisen nach einem Atomkrieg haben würden – so in etwa hatte ich mir das als Kind jedenfalls vorgestellt. Mir war klar, dass ich es lassen sollte, aber ich war zu müde, um noch einmal rauszugehen und mir etwas anderes zu essen zu besorgen, also aß ich die Hälfte und legte den Rest angewidert weg.
Zwei Stunden später begannen die Magenschmerzen. Zwei Tage lang hockte ich in meinem Zimmer, das sich mit zunehmender Geschwindigkeit drehte, war aber nicht weiter besorgt. Lebensmittelvergiftungen hatte ich schon öfter durchgemacht. Ich wusste, wie es abläuft. Man musste einfach Wasser trinken und es durch sich hindurchfließen lassen.
Am dritten Tag ging mir auf, dass mir im Schleier der Krankheit meine Zeit in Vietnam entglitt. Ich war hier, um für ein anderes Buchprojekt mit Menschen zu sprechen, die den Krieg überlebt hatten, also rief ich Dang Hoang Linh an, meinen Übersetzer, und sagte ihm, wir könnten jetzt unsere geplante Fahrt tief in die ländlichen Gebiete südlich der Stadt antreten. Auf unserer Reise – da ein zerstörter Weiler, dort ein Agent-Orange-Opfer – wurde ich allmählich stabiler. Am folgenden Morgen führte mich Dang in die
Hütte einer siebenundachtzigjährigen Frau. Ihre Lippen leuchteten rot von den Kräutern, die sie kaute, und sie rutschte auf einem Holzbrett, das jemand mit Rädern versehen hatte, auf mich zu. In den neun Jahren des Krieges, erklärte sie mir, war sie stets auf der Flucht vor den Bomben gewesen und hatte versucht, ihre Kinder zu retten. Sie waren die einzigen Überlebenden aus ihrem Dorf.
Während sie mit mir sprach, erlebte ich etwas Seltsames. Ihre Stimme schien von sehr weit her zu kommen, und der Raum drehte sich, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Dann – völlig unerwartet – explodierte ich wie eine Bombe, Erbrochenes und Fäkalien verteilten sich über ihre Hütte. Als ich – einige Zeit später – wieder zu Bewusstsein kam, sah mich die alte Frau mit traurigen Augen an. »Dieser Junge gehört ins Krankenhaus«, sagte sie. »Er ist sehr krank.«
Nein, nein, widersprach ich. In Ostlondon habe ich mich jahrelang hauptsächlich von Brathähnchen ernährt, ich hatte also nicht zum ersten Mal mit Kolibakterien zu tun. Ich bat Dang, mich zurück nach Hanoi zu fahren, damit ich mich in meinem Hotelzimmer beim Anschauen von CNN und meinem eigenen Mageninhalt noch ein paar Tage erholen konnte.
»Nein«, entgegnete die alte Frau resolut. »Ab ins Krankenhaus.«
»Pass auf, Johann«, sagte Dang, »sie ist die Einzige aus ihrem Dorf, die mit ihren Kindern neun Jahre amerikanischen Bombenkrieg überlebt hat. Ich traue ihr, was medizinische Ratschläge betrifft, mehr zu als dir.« Er schleppte mich zu seinem Auto und fuhr mich, während ich unter Krämpfen würgte, zu einem schlichten Gebäude, das, wie ich später erfuhr, vor Jahrzehnten von den Sowjets erbaut worden war. Ich war der erste Ausländer, der jemals dort behandelt wurde. Einige Schwestern kamen heraus, eilten – halb aufgeregt, halb verdutzt – auf mich zu und trugen mich zu einem Tisch, wo sie sofort anfingen zu schreien. Dang schrie zurück, und nun kreischten sie in einer Sprache, von der ich kein einziges Wort verstand. Ich bemerkte, dass sie etwas eng um meinen Arm gezurrt hatten.
Mir fiel auch auf, dass in einer Ecke ganz allein ein kleines
Mädchen mit einem Pflaster auf der Nase lag. Sie sah mich an. Ich sah sie an. Wir waren die einzigen Patienten im Raum.
Sobald sie meinen Blutdruck gemessen hatten – gefährlich niedrig, wie die Schwester mir, von Dang übersetzt, mitteilte –, fingen sie an, mich mit Nadeln zu piksen. Dang erzählte mir später, er habe behauptet, ich sei ein Prominenter aus dem Westen, und wenn ich hier stürbe, wäre das eine Schande für das vietnamesische Volk. Jedenfalls ging das zehn Minuten lang so weiter, während mein Arm mit all den Kanülen und Einstichen immer schwerer wurde. Dann fingen sie an, laut schreiend Fragen über meine Symptome zu stellen, die Dang für mich übersetzte. Eine scheinbar endlose Liste über den Charakter meiner Beschwerden.
Während sich all das abspielte, fühlte ich mich seltsam gespalten. Einerseits hatte mich die Übelkeit fest im Griff – alles drehte sich so schnell, und ich dachte immerzu: Es soll aufhören, es soll aufhören. Aber andererseits führte ich – daneben, unterhalb oder jenseits davon – ein ganz vernünftiges kleines Selbstgespräch. Oh, du bist dem Tode nahe. Niedergestreckt von einem vergifteten Apfel. So wie Eva oder Schneewittchen oder Alan Turing.
Dann dachte ich: Soll dein letzter Gedanke wirklich so anmaßend sein?
Dann dachte ich: Wenn dich ein halber Apfel so fertigmachen kann, was richten diese Chemikalien dann mit den Bauern an, die auf den Feldern Tag für Tag, Jahr für Jahr damit zu tun haben? Das wäre eine gute Story, irgendwann einmal.
Dann dachte ich: So etwas solltest du an der Schwelle zum Tod nicht denken. Denk lieber an innige Augenblicke in deinem Leben. Du solltest Flashbacks haben. Wann warst du wirklich glücklich? Ich erinnerte mich, wie ich als kleiner Junge in unserem alten Haus mit meiner Großmutter auf dem Bett lag, mich an sie kuschelte und die britische Serie Coronation Street
sah. Ich erinnerte mich, wie ich Jahre später auf meinen kleinen Neffen aufpasste und er mich morgens um sieben aufweckte, sich zu mir ins Bett legte und mir ausführliche und ernste Fragen über das Leben stellte. Ich erinnerte mich, wie ich mit siebzehn Jahren auf
einem anderen Bett lag, und zwar mit dem ersten Menschen, in den ich mich jemals verliebt hatte. Es ging dabei nicht um Sex – einfach daliegen und festgehalten werden.
Moment mal, dachte ich. Warst du immer nur glücklich, wenn du im Bett lagst? Was sagt das über dich aus? Dann wurde dieser innere Monolog durch einen Würgreflex unterbrochen. Ich bat die Ärzte, mir etwas zu geben, was diese extreme Übelkeit wegmachen würde. Dang unterhielt sich angeregt mit den Medizinern. Schließlich erklärte er mir: »Der Arzt sagt, du brauchst deine Übelkeit. Sie ist eine Botschaft, und wir müssen auf die Botschaft hören. Sie wird uns sagen, was dir fehlt.« Und dann begann ich wieder zu kotzen.
Viele Stunden später erschien ein Arzt – ein Mann um die vierzig – in meinem Gesichtsfeld und sagte: »Wir haben festgestellt, dass Ihre Nieren versagt haben. Sie sind extrem dehydriert. Wegen des Erbrechens und des Durchfalls hat Ihr Körper sehr lange Zeit kein Wasser aufgenommen, Sie sind also wie ein Mensch, der tagelang durch die Wüste gewandert ist.«
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Und dann fügte Dang noch hinzu: »Er sagt, wenn ich dich zurück nach Hanoi gefahren hätte, wärst du unterwegs gestorben.«
Der Arzt bat mich, alles aufzuzählen, was ich in den letzten drei Tagen gegessen hatte. Die Liste fiel kurz aus. Einen Apfel. Er sah mich komisch an. »War es ein sauberer Apfel?« Ja, erwiderte ich, ich habe ihn mit Trinkwasser gewaschen. Alle brachen in Gelächter aus, als hätte ich den Witz des Jahres erzählt. Wie sich herausstellte, genügt es in Vietnam nicht, Äpfel zu waschen. Sie sind mit Pestiziden getränkt, damit sie Monate überdauern, ohne zu verfaulen. Man muss sie sorgfältig abschälen – oder es kann einem ergehen wie mir.
Obwohl ich es nicht recht verstand, ging mir bei der Arbeit an diesem Buch etwas immer wieder durch den Kopf, das dieser Arzt an jenem Tag in der wenig glamourösen Stunde meiner Vergiftungserscheinungen zu mir gesagt hatte.
Sie brauchen Ihre Übelkeit. Sie ist eine Botschaft. Sie wird uns sagen, was Ihnen fehlt.
Richtig verstanden habe ich es erst an einem ganz anderen Ort, Tausende Kilometer entfernt, am Ende meiner Reise zu den
wahren Ursachen von Depressionen und Ängsten, auf der ich lernte, wie wir wieder nach Hause finden.