Kapitel 1:
Der Zauberstab
Dr. John Haygarth war ratlos. In der englischen Stadt Bath – und an diversen Orten in der ganzen westlichen Welt – geschah etwas Außerordentliches: Menschen, die jahrelang der Schmerz gelähmt hatte, erhoben sich von ihrem Krankenbett und konnten wieder laufen. Ob sie nun an Rheumatismus oder den Folgen harter Arbeit litten – es hieß, sie dürften wieder Hoffnung schöpfen. Hoffnung auf Besserung. So etwas war noch nie da gewesen.
Haygarth wusste, dass eine Gesellschaft, gegründet von dem Amerikaner Elisha Perkins aus Connecticut, vor Jahren angekündigt hatte, man habe ein Heilmittel für Schmerzen aller Art gefunden – und es gab nur eine Möglichkeit, es zu erlangen: Man musste für den Einsatz eines massiven Metallstabs bezahlen, den die Gesellschaft hatte patentieren lassen und als »Tractor« bezeichnete. Er habe besondere Eigenschaften, die die Firma leider nicht preisgeben könne, weil sonst Konkurrenten den Tractor kopieren und sie um den Gewinn bringen würden. Wer jedoch die Heilkräfte des Tractors brauche, würde von einer dafür geschulten Person zu Hause oder im Krankenhaus besucht, worauf man dem Kranken feierlich erklärte, der Tractor würde – so wie ein Blitzableiter die Blitze – die Krankheit aus dem Körper ziehen und sie in die Luft austreiben. Anschließend fuhr die geschulte Person mit dem Tractor über den Körper des Patienten, ohne ihn auch nur zu berühren.
Sie werden ein Hitzegefühl verspüren, vielleicht sogar ein Brennen, hieß es. Und dabei wird der Schmerz kontinuierlich abgezogen. Können Sie es nicht fühlen?
Sobald diese Prozedur durchgeführt war, zeigte sich der Erfolg. Viele zuvor von Schmerz gepeinigte Menschen standen tatsächlich auf. Ihr Leiden ließ wirklich nach. Zahlreiche scheinbar hoffnungslose Fälle wurden wieder mobil – erst einmal.
Dr. John Haygarth konnte sich nicht erklären, wie das möglich war. Nach allem, was er in seiner medizinischen Ausbildung gelernt hatte, war die Behauptung, Schmerz sei eine körperlose Energie, die einfach in die Luft ausgetrieben werden könne, blanker Unsinn. Aber hier gab es Patienten, die ihm versicherten, dass es funktionierte. Nur ein Narr, so schien es, konnte die Wirksamkeit des Tractors noch anzweifeln.
Also beschloss John Haygarth, ein Experiment durchzuführen. Im General Hospital der Stadt Bath nahm er einen Holzstab und umkleidete ihn mit einem alten Stück Metall. So bastelte er sich einen »Fake-Tractor«, dem die geheimen Eigenschaften der offiziellen Version fehlten. Er ging damit zu fünf Patienten in seiner Abteilung, die durch chronische Schmerzen, darunter Rheumatismus, stark beeinträchtigt waren, und erklärte ihnen, er habe einen der inzwischen berühmten Perkins-Zauberstäbe dabei und könne ihnen damit helfen. Am 7. Januar 1799 behandelte er im Beisein von fünf angesehenen Ärzten, die als Zeugen fungierten, die Leidenden mit dem vermeintlichen Zauberstab. Von den fünfen, wie er wenig später notierte, »glaubten vier der Patienten, eine sofortige und drei eine erhebliche Linderung durch den falschen Tractor zu verspüren«. Ein Mann, der unter unerträglichen Schmerzen im Knie gelitten hatte, begann ohne Hilfe zu gehen – und demonstrierte dies den Ärzten voller Freude.
Haygarth schrieb einem Freund, einem anerkannten Arzt in Bristol, und bat ihn, dieses Experiment ebenfalls durchzuführen. Kurze Zeit später meldete sein Freund, erstaunlicherweise habe sein unechter Tractor – ebenfalls ein mit Metall umkleideter Stock – dieselben bemerkenswerten Ergebnisse hervorgebracht. Zum Beispiel gab es einen dreiundvierzigjährigen Patienten namens Robert Thomas, der so starke rheumatische Schmerzen in der Schulter hatte, dass er seine Hand seit Jahren nur noch auf dem Knie ruhen lassen konnte – als sei sie dort festgenagelt. Aber nur vier Minuten nach der Behandlung mit dem Zauberstab hob er die Hand um gut zehn Zentimeter an. Da an den nächsten Tagen immer wieder der Stab über ihm geschwungen wurde, dauerte es nicht lange und er konnte bereits den Kaminsims erreichen. Nach acht Tagen der Behandlung konnte er ein Holzbrett berühren, das sich dreißig Zentimeter oberhalb des Kaminsimses befand.
So geschah es mit einem Patienten nach dem anderen. Und die Ärzte fragten sich: Konnte es sein, dass einem Stock Kräfte innewohnten, von denen man zuvor nichts gewusst hatte? Um dies herauszufinden, variierten sie das Experiment, indem sie einen alten Knochen in Metall hüllten. Dieser funktionierte ebenso gut. Auch eine alte Tabakpfeife wurde mit Metall umkleidet. »Mit demselben Erfolg«, notierte Haygarth trocken. »Niemals war ich Zeuge einer kurioseren Farce; wir wagten kaum, einander in die Augen zu sehen«, schrieb ihm ein anderer Arzt, der das Experiment wiederholt hatte. Die Patienten hingegen schauten die Ärzte an und sagten mit Inbrunst: »Gott segne Sie, Sir.«
Rätselhaft war allerdings, dass bei einigen Patienten der Effekt nicht anhielt. Nach dem anfänglichen Wunder stellte sich die Lähmung wieder ein.
Was ging da nur vor sich? 1
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Als ich mit den Recherchen für dieses Buch begann, beschäftigte ich mich ausgiebig mit der wissenschaftlichen Debatte über Antidepressiva, die seit mehr als zwei Jahrzehnten in den medizinischen Fachzeitschriften geführt wird. Überrascht stellte ich fest, dass offenbar niemand ganz genau weiß, was diese Medikamente mit uns machen und warum – einschließlich der Wissenschaftler, die sich lautstark für sie einsetzen. Es herrscht große Uneinigkeit unter den Experten und keineswegs Konsens. Aber ein Mann wurde, wie ich sah, in dieser Debatte häufiger zitiert als jeder andere – und als ich mich über seine Erkenntnisse informierte, seine Fachaufsätze und sein Buch The Emperor’s New Drugs las, stellten sich bei mir zweierlei Reaktionen ein.
Zuerst spöttelte ich; seine Behauptungen schienen absurd und widersprachen meiner eigenen unmittelbaren Erfahrung in vielerlei Hinsicht. Und dann wurde ich wütend. Er schien die Säulen umzustoßen, auf denen meine Version der Geschichte stand. Er bedrohte, was ich über mich und meine Depression wusste. Sein Name war Professor Irving Kirsch, und als ich ihn in Massachusetts aufsuchte, war er stellvertretender Direktor eines maßgeblichen Programms an der Harvard Medical School.
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In den Neunzigerjahren hatte Kirsch in seinem mit Bücherregalen gefüllten Büro gesessen und seinen Patienten erklärt, sie sollten Antidepressiva nehmen. 2 Er ist ein großer, grauhaariger Mann mit einer sanften Stimme, und ich kann mir vorstellen, mit welcher Erleichterung sie diese Empfehlung aufnahmen. Manchmal, so fiel ihm auf, wirkten die Medikamente und dann wieder nicht, aber er zweifelte nicht an der Erklärung für ihre Erfolge: Depressionen wurden durch einen niedrigen Serotoninspiegel ausgelöst, und diese Medikamente hoben ihn an. Also schrieb er Bücher, in denen er die neuen Antidepressiva als gute, wirksame Behandlung darstellte, die durch Psychotherapie ergänzt werden sollte, um zugleich bestehende psychologische Probleme zu behandeln. Kirsch glaubte den Forschern, die ihre umfangreichen Ergebnisse publiziert hatten, und er sah mit eigenen Augen die positiven Auswirkungen, wenn es seinen Patienten nach einiger Zeit besser ging.
Aber Kirsch war zugleich ein weltweit hoch angesehener Experte auf einem Gebiet, das in Bath begründet wurde, als John Haygarth erstmals seinen falschen Zauberstab schwang. Damals hatte der englische Arzt erkannt, dass ein Patient bei einer Behandlung mit Medikamenten eigentlich zweierlei bekommt. Zum einen erhält er eine Arznei, die in der Regel irgendeine chemische Wirkung auf den Körper zeigt. Zum anderen bekommt er eine Geschichte, die schildert, wie sich die Behandlung auf ihn auswirken wird.
So erstaunlich es scheinen mochte, Haygarth erkannte, dass die Geschichte, die man dem Patienten präsentiert, oft genauso wichtig ist wie das Medikament selbst. Woher wissen wir das? Weil die Patienten, die nichts außer einer Geschichte erhalten – zum Beispiel, dass dieser alte, mit Metall ummantelte Knochen ihre Schmerzen heilen wird –, außerordentlich häufig beschwerdefrei werden.
Dieses Phänomen wurde als Placeboeffekt bekannt, und in den letzten zweihundert Jahren hat man seine Existenz mit umfangreichen wissenschaftlichen Belegen bewiesen. Mediziner wie Irving Kirsch haben bemerkenswerte Auswirkungen von Placebos beobachtet. Sie beeinflussen nicht nur, wie wir uns fühlen – unter Umständen haben sie sogar körperliche Auswirkungen. So kann ein Placebo dafür sorgen, dass eine Entzündung im Kiefer abheilt. Oder ein Magengeschwür kurieren. 3 Wenigstens ansatzweise und bis zu einem gewissen Grad kann es die meisten medizinischen Leiden mildern. Wenn wir damit rechnen, dass es wirkt, dann wird es vielen von uns helfen.
Wissenschaftler stoßen seit Jahren immer wieder auf den Placeboeffekt. Dabei geraten sie oft ins Staunen. Ein Beispiel: Als die Alliierten im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis kämpften, gab es so viele Verwundete mit schwersten Verletzungen, dass den Sanitätern häufig die opiathaltigen Schmerzmittel ausgingen. Henry Beecher, ein amerikanischer Anästhesist, der an der Front stationiert war, befürchtete, dass die Soldaten an Herzversagen sterben würden, wenn er sie ohne Betäubung operierte. Weil er sich keinen Rat mehr wusste, führte er ein Experiment durch. Er versicherte den Männern, sie erhielten Morphium, obwohl er ihnen in Wirklichkeit nur eine Salzwasserinfusion verabreichte. Sie schrien nicht, sie heulten nicht, und sie erlitten auch keinen Schock. 4 Es funktionierte.
Mitte der Neunzigerjahre war Irving Kirsch der weltweit führende Experte auf diesem Gebiet, und er war im Begriff, in Harvard eine leitende Stellung in einem Forschungsprogramm zum Placeboeffekt anzutreten. Allerdings glaubte er, dass die neuen Antidepressiva tatsächlich besser waren als Placebos – dass sie eine echte chemische Wirkung zeigten, und dies aus einem einfachen Grund. Wenn man ein Medikament in den Handel bringen will, muss man ein strenges Verfahren durchlaufen. Das Medikament wird an zwei Gruppen getestet: Die eine bekommt den echten Wirkstoff, die andere eine Zuckerpille (oder ein anderes Placebo). Dann vergleichen die Wissenschaftler die beiden Gruppen. Das Medikament erhält erst dann eine Zulassung, wenn es deutlich besser abschneidet als das Placebo.
Als nun einer seiner Doktoranden – ein junger Israeli namens Guy Sapirstein – mit einem Vorschlag auf ihn zukam, war Kirsch zwar interessiert, aber nicht in heller Aufregung. Sapirstein erklärte, ihn treibe die Neugier um. Wenn man ein Medikament nimmt, gibt es neben der chemischen Wirkung immer auch einen gewissen Placeboeffekt. Aber in welchem Maße ist er an der Wirkung beteiligt? Bei starken Medikamenten geht man in der Regel davon aus, er sei nur geringfügig. Sapirstein meinte, die neuen Antidepressiva eigneten sich sehr gut dazu, die genauen Verhältnisse zu erforschen – und zu sehen, inwieweit die Wirksamkeit eines Medikaments auf unseren Glauben zurückzuführen ist. Sie gingen davon aus, bei ihren Studien festzustellen, dass der Großteil der Wirkung chemisch bedingt sei, fanden es jedoch auch interessant, den geringfügigeren Placeboeffekt zu untersuchen.
Daraufhin entwickelten sie ein recht einfaches Konzept. Will man wissen, welcher Anteil der Wirkung eines Medikaments, das man einnimmt, durch die darin enthaltenen Chemikalien und welcher Anteil durch den Glauben an seine Wirkung erzeugt wird, lässt sich dies ziemlich leicht feststellen. Die Forscher müssen dazu eine spezielle wissenschaftliche Studie durchführen. Die Teilnehmer werden in drei Gruppen aufgeteilt. Den Patienten der ersten Gruppe sagt man, sie erhielten ein chemisches Antidepressivum – aber in Wirklichkeit bekommen sie ein Placebo: eine Zuckerpille, so wirksam wie John Haygarths Zauberstab. Die Teilnehmer der zweiten Gruppe erfahren, dass sie ein chemisches Antidepressivum erhalten – und erhalten es tatsächlich. Und die dritte Gruppe bekommt gar nichts – kein Medikament und keine Zuckerpille, das Befinden der Teilnehmer wird lediglich über einen längeren Zeitraum hinweg beobachtet. 5
Die dritte Gruppe, so Kirsch, ist wirklich wichtig – obwohl sie bei fast allen Studien weggelassen wird. »Stellen Sie sich vor«, erklärt er, »dass Sie ein neues Mittel gegen Erkältung erforschen.« Dabei erhalten die Leute entweder ein Placebo oder ein Medikament. Im Lauf der Zeit erholen sich alle. Die Erfolgsrate ist erstaunlich. Aber dann erinnert man sich, dass eine Erkältung bei vielen Menschen ohnehin nach ein paar Tagen abklingt. Wenn man das nicht berücksichtigt, erhält man einen völlig irreführenden Eindruck über die Wirksamkeit des Mittels, denn es scheint, als seien Patienten durch das Medikament geheilt worden, während sie einfach von selbst wieder gesund wurden. Man braucht die dritte Gruppe, um den Anteil jener Menschen herauszufinden, die sich ohne Hilfe von außen erholen.
Also verglichen Kirsch und Sapirstein die Ergebnisse aller bisher veröffentlichten Studien zu Antidepressiva für diese drei Gruppen. Um die chemische Wirkung eines Medikaments zu ermitteln, sollte man zweierlei tun. Erstens muss man alle Menschen abziehen, die sich ohnehin erholt hätten. Dann zieht man all jene ab, deren Befinden sich nach Einnahme des Placebos besserte. Was übrig bleibt, verrät die tatsächliche Wirksamkeit des Medikaments.
Als die beiden Forscher anschließend die Zahlen aus allen öffentlich zugänglichen wissenschaftlichen Studien zusammenzählten, erhielten sie ein verblüffendes Ergebnis.
Es zeigte sich, dass fünfundzwanzig Prozent der Wirkung von Antidepressiva auf natürliche Selbstheilung zurückzuführen waren, fünfzig Prozent wurden durch die Geschichte bewirkt, die man zu hören bekam, und nur fünfundzwanzig Prozent gingen auf die chemischen Inhaltsstoffe zurück. 6 »Das hat mich verdammt überrascht«, erklärte mir Kirsch im Wohnzimmer seines Hauses in Cambridge. Sie nahmen an, es sei ihnen ein Fehler unterlaufen oder sie hätten sich verrechnet. Wie Sapirstein mir später berichtete, war er sicher, dass »mit den Daten etwas nicht stimmte«. Deshalb gingen sie die Zahlen monatelang immer wieder durch. »Ich war es so leid, diese Daten und Tabellenkalkulationen anzusehen und sie auf jede erdenkliche Weise zu prüfen«, sagte er. Aber irgendwo musste der Fehler ja stecken. Doch da Sapirstein und Kirsch keine Mängel fanden, veröffentlichten sie ihre Daten und warteten ab, was andere Wissenschaftler davon hielten.
Die Folge war, dass Kirsch eines Tages eine E-Mail erhielt, aus der er schloss, dass sie möglicherweise nur an der Oberfläche eines viel tiefer greifenden Skandals gekratzt hatten. Das war, denke ich, der Augenblick, in dem Kirsch zum Sherlock Holmes der Antidepressiva wurde.
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In der E-Mail erklärte ein Wissenschaftler namens Thomas J. Moore, Kirschs Ergebnisse hätten ihn aufgerüttelt und er glaube, es gebe eine Möglichkeit, die Forschung weiter voranzutreiben – und den tatsächlichen Vorgängen auf den Grund zu gehen. Fast alle von Kirsch bisher herangezogenen wissenschaftlichen Studien hatten einen Haken. Die große Mehrzahl der Studien über die Wirksamkeit von Medikamenten wird von den großen Pharmaunternehmen finanziert, und sie beschäftigen sich aus einem bestimmten Grund damit: Sie wollen die betreffenden Mittel vermarkten, um Gewinne zu erzielen. Deshalb führen die Medikamentenhersteller ihre Studien heimlich durch und veröffentlichen anschließend nur jene Ergebnisse, die ihr Medikament gut oder das Produkt ihrer Konkurrenten schlecht aussehen lassen. Das tun sie aus demselben Grund, warum die Betreiber eines Hähnchengrills Informationen zurückhalten würden, die besagen, dass Brathähnchen Ihrer Gesundheit schaden.
Das bezeichnet man als »Publikationsverzerrung«. 7 Von allen Studien, die Pharmafirmen durchführen, werden vierzig Prozent niemals veröffentlicht, und viele weitere erscheinen nur in gekürzter Form, wobei negative Ergebnisse der Schere des Zensors zum Opfer fallen.
Die E-Mail seines Kollegen machte Kirsch darauf aufmerksam, dass er bisher nur jene Teile der wissenschaftlichen Studien betrachtet hatte, die für unsere Augen bestimmt sind. Aber Thomas J. Moore meinte, es gebe eine Möglichkeit, Zugang zu all den Daten zu bekommen, die uns die Pharmafirmen vorenthalten. Und das geht so: Wer auf dem US-Markt ein Medikament verkaufen möchte, muss bei der Food and Drug Administration (FDA), der zuständigen Behörde für Lebens- und Arzneimittel, einen Antrag stellen. Dabei sind alle Tests, die das Unternehmen durchgeführt hat, vollständig vorzulegen – ob sie nun umsatzfördernd sind oder nicht. Das ist, als würden Sie Selfies machen und von den zwanzig Aufnahmen neunzehn aussortieren, die Sie mit Doppelkinn oder triefäugig zeigen. Auf Facebook oder Instagram posten Sie nur das eine Foto, auf dem Sie großartig aussehen (oder, in meinem Fall, weniger scheußlich). Aber die Pharmafirmen sind – per Gesetz – verpflichtet, der FDA quasi alle Selfies zu schicken, auch die, auf denen sie alt aussehen.
Wenn man aber über den Freedom of Information Act (das Gesetz zur Informationsfreiheit) einen Antrag stellt, so hieß es in der E-Mail, dürfe man Einsicht in die kompletten Unterlagen nehmen. Dann ließe sich herausfinden, was wirklich los ist.
Gemeinsam mit Moore forderte Kirsch daraufhin die Unterlagen an, die Pharmafirmen für die sechs in den Vereinigten Staaten meistverwendeten Antidepressiva eingereicht hatten: Fluctin (Fluoxetin), Paroxetin (das Medikament, das ich genommen hatte), Zoloft (Sertralin), Trevilor retard (Venlafaxin), Dutonin (Nefazodon) und Citalopram. 8 Mehrere Monate später erhielten sie die Daten, und Kirsch nahm sie gründlich unter die Lupe.
Gleich zu Anfang sah er, dass die Pharmafirmen bereits seit Jahren nur eine Auswahl ihrer Forschungsergebnisse publiziert hatten, dies allerdings in weit größerem Umfang als von ihm erwartet. So hatten bei einem Test beispielsweise zweihundertfünfundvierzig Probanden Prozac (Fluctin) bekommen, doch nur für siebenundzwanzig von ihnen waren von dem Unternehmen die Ergebnisse veröffentlicht worden. 9 Diese siebenundzwanzig Patienten waren jene, für die das Medikament zu wirken schien. Das war ein Teil des Musters.
Kirsch und Sapirstein erkannten, dass sie mithilfe dieser realen Zahlen berechnen konnten, um wie viel besser es Menschen mit Antidepressiva ging als jenen, die Zuckerpillen schluckten. Forscher ermitteln die Schwere einer Depression anhand der Hamilton-Skala, entworfen 1959 von dem Psychiater Max Hamilton. Die Hamilton-Skala reicht von null (man hüpft fröhlich herum) bis einundfünfzig (man ist im Begriff, sich vor den Zug zu werfen). Ein Anhaltspunkt: Sie verbessern Ihren Hamilton-Wert um sechs Punkte, wenn Ihre Schlafstörungen nachlassen.
Anhand der realen Daten, die nicht durch den PR-Filter gegangen waren, stellte Kirsch fest, dass Antidepressiva tatsächlich die Position auf der Hamilton-Skala verbessern – sie erreichen, dass Depressive aufleben. Das Plus liegt bei 1,8 Punkten.
Kirsch staunte. Das war nur ein Drittel der Punktzahl, die man durch besseren Schlaf erzielt. Das war erschreckend. Wenn es stimmte, dann hieß es, dass die Medikamente eine überraschend geringe Wirkung zeigten, jedenfalls für den Durchschnittskonsumenten, der sich so wie John Haygarths Patienten damals in Bath dank der Geschichte für eine Weile besser fühlte, dann aber einen Rückfall erlitt, weil sich das zugrunde liegende Problem wieder bemerkbar machte.
Aber die Daten zeigten noch etwas anderes. Die Nebenwirkungen der Medikamente waren durchaus real. Bei vielen Patienten führten sie zu Gewichtszunahme, sexuellen Funktionsstörungen oder Schweißausbrüchen. Schließlich handelt es sich um echte Medikamente mit realen Wirkstoffen. Betrachtet man hingegen ihre vermeintlichen Auswirkungen auf Depressionen und Ängste, bieten sie für die meisten Menschen höchstwahrscheinlich keine Lösung ihres Problems.
Kirsch wollte das nicht wahrhaben. Es widersprach den Arbeiten, die er selbst veröffentlicht hatte, aber er erklärte mir: »Ich bin stolz darauf, dass ich die Daten prüfe und mir erlaube, meine Meinung zu ändern, wenn sie anders aussehen als erwartet.« Er hatte diese Medikamente Patienten empfohlen, als er nur auf die handverlesenen Studien der Pharmafirmen zurückgreifen konnte. Jetzt lagen ihm ungeschönte Ergebnisse vor, und ihm wurde klar, dass er so nicht weitermachen konnte.
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Als Irving Kirsch seine Zahlen in einer Fachzeitschrift veröffentlichte, rechnete er mit großem Widerstand vonseiten der Forscher, die an all diesen Studien beteiligt gewesen waren. Tatsächlich aber stellte er in den folgenden Monaten fest, dass sich viele von ihnen – wenn sie denn überhaupt reagierten – beschämt und erleichtert zeigten. Eine Forschergruppe schrieb, auf ihrem Gebiet sei es lange Zeit ein »schmutziges kleines Geheimnis« gewesen, dass die Wirksamkeit dieser Medikamente bei Depressionen in Wirklichkeit sehr gering sei. 10 Bevor sein Aufsatz erschien, dachte Irving Kirsch, er habe mit der Aufdeckung erschreckender und bisher unbekannter Fakten einen Knüller gelandet. Doch im Grunde hatte er nur aufgedeckt, was viele Fachleute insgeheim bereits wussten.
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In Deutschland machten Ärzte dieselbe Entdeckung. Dr. Tom Bschor erklärte mir, er habe – nachdem er jahrelang Antidepressiva verschrieben hatte – mit der Lektüre dieser Studien begonnen. »Je mehr ich mich in die Studien über Antidepressiva – oder die Daten zu Antidepressiva – vertiefte, desto größer wurden meine Zweifel … Die Studien, die Wirksamkeit nachweisen, sind nicht wirklich überzeugend und umfassen zahlreiche Patienten, die nicht reagieren.« Der Unterschied zwischen Placebo und Antidepressiva ist nicht gleich null, aber Bschor stellte fest, dass er »ziemlich gering ist«.
Mit der Folge, so Bschor, dass die »Psychiater in Deutschland geteilter Meinung sind. Es gibt eine wachsende Minderheit mit einer kritischen Haltung zu Antidepressiva«. Nur wenige Ärzte glauben, die Medikamente hätten gar keinen Einfluss oder sie würden niemandem helfen – aber immer mehr meinen, ihr Nutzen und die Versprechungen, sie würden für die meisten Menschen das Problem lösen, seien gewaltig übertrieben gewesen.
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Einige Zeit nachdem die Presse ausgiebig über die Enthüllungen berichtet hatte, besuchte Guy Sapirstein, der Doktorand, der quasi als Dr. Watson die Detektivarbeit seines Professors unterstützt hatte, eine Familienfeier. Dort sprach ihn eine Verwandte an, die seit Jahren Antidepressiva einnahm. Unter Tränen erklärte sie ihm, sie habe den Eindruck, er würde alles, was sie unter dem Einfluss von Antidepressiva erlebt habe – ihre tiefsten Gefühle –, als unecht abtun.
»Das will ich keineswegs«, erwiderte er. »Die Tatsache, dass der größte Teil [der Wirkung] auf einem Placeboeffekt beruht, heißt nur, dass dein Gehirn der allerunglaublichste Teil deines Wesens ist – und einen großartigen Beitrag dafür leistet, dass du dich besser fühlst.« Irreal ist nicht, wie du dich fühlst, erklärte er. Deine Gefühle haben nur nicht die Ursache, die man dir geschildert hat.
Sie war nicht überzeugt. Jahrelang sprach sie kein Wort mehr mit ihm.
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Kurze Zeit später wurde Irving Kirsch unter der Hand eine nicht veröffentlichte Studie zugespielt. Als ich sie las, traf es mich besonders schwer, weil sie eine Situation betraf, die ich aus eigener Erfahrung kannte.
Kurz bevor ich mit der Einnahme von Paxil begann (in Deutschland unter verschiedenen Bezeichnungen wie Paroxalon, Paroxat oder Seroxat auf dem Markt), hatte dessen Hersteller, der Pharmariese GlaxoSmithKline, heimlich drei klinische Versuche zu der Frage durchgeführt, ob der zugrunde liegende Wirkstoff Paroxetin Teenagern wie mir verabreicht werden sollte. Eine Studie ergab, das Placebo wirke besser , eine andere stellte keinen Unterschied zwischen Medikament und Placebo fest, und eine dritte zog eine gemischte Bilanz. Keine konnte einen Erfolg nachweisen. In einer Teilveröffentlichung der Ergebnisse wurde jedoch verkündet: »Paroxetin kann zur Behandlung schwerer Depressionen bei Jugendlichen erfolgreich eingesetzt werden.«
Die interne Diskussion, die damals innerhalb der Firma stattfand, gelangte später auch an die Öffentlichkeit. Ein Mitarbeiter hatte gewarnt: »Es wäre wirtschaftlich nicht hinnehmbar, wenn wir die Aussage aufnehmen, dass keine Wirksamkeit nachgewiesen wurde, weil dies das Profil von Paroxetin aufweichen würde.« Mit anderen Worten: Wir dürfen nicht sagen, dass es nicht wirkt, weil wir sonst weniger Geld verdienen. Also verschwiegen sie es.
Letztlich wurde das Unternehmen im Staat New York von einem Gericht für diese Lüge zu einer Strafe von 2,5 Millionen Dollar verurteilt, nachdem der dortige Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer Anklage erhoben hatte. 11 Mir war dieses Medikament als Teenager verschrieben worden, und ich hatte es anschließend zehn Jahre lang eingenommen. Später führte The Lancet, eine weltweit führende Fachzeitschrift, eine detaillierte Studie mit vierzehn Antidepressiva durch, die auch Jugendlichen verschrieben werden. Die Beweise – abgeleitet aus den ungefilterten, realen Resultaten – enthüllten, dass sie keinerlei Wirkung hatten – bis auf eine einzige Ausnahme, die sehr geringe Erfolge zeigte. Die Zeitschrift kam zu dem Schluss, dass diese Mittel Teenagern nicht mehr verschrieben werden sollten. 12
Dieser Artikel markierte für mich einen Wendepunkt. Da war das Medikament, das ich seit meiner Jugend eingenommen hatte, und da war die Firma, die es herstellte und mit eigenen Worten erklärte, dass es bei Menschen wie mir nicht wirkte. Aber trotzdem machte sie weiter dafür Werbung. 13
Als ich das las, wurde mir klar, dass ich die Aussagen von Irving Kirsch nicht mehr ohne Weiteres abtun konnte. Aber das war nur die erste seiner Enthüllungen. Eine weit erschreckendere wartete noch auf mich.