Kapitel 6:
Ursache eins: Abgeschnitten von sinnvoller Arbeit
Joe Phillips
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wartete auf seinen Feierabend. Wenn man in Philadelphia das Farbengeschäft betrat, in dem er arbeitete, und nach einem Topf Farbe fragte, konnte man sich auf sein Geheiß hin auf einer Skala den gewünschten Ton heraussuchen, und er mischte ihn an. Es war immer dasselbe Vorgehen. Er gab eine bestimmte Menge von Pigmenten in die Dose, stellte die Dose dann in ein Gerät, das ein bisschen wie eine Mikrowelle aussah und die Dose durchrüttelte. Und zwar heftig, damit die Pigmente gleichmäßig verteilt wurden. Anschließend kassierte er den Betrag und bedankte sich beim Kunden. Daraufhin wartete er auf den nächsten, und alles ging wieder von vorne los. Beim übernächsten wieder dasselbe. Und das den ganzen Tag lang. Jeden Tag.
Bestellung annehmen.
Farbe schütteln.
Sich beim Kunden bedanken.
Warten.
Bestellung annehmen.
Farbe schütteln.
Sich beim Kunden bedanken.
Warten.
Und so weiter. Und so weiter.
Niemand interessierte sich dafür, ob Joe seine Arbeit gut machte. Sein Chef gab einzig dann einen Kommentar ab, wenn Joe zu spät kam, und der bestand nur aus Vorhaltungen. Wenn sich Joe auf den Heimweg machte, dachte er immer wieder: »Ich habe
nicht das Gefühl, heute etwas getan zu haben, was für irgendjemanden von Bedeutung ist.« Die Haltung seines Arbeitgebers schilderte er mir gegenüber so: »Das machen Sie so und so. Und Sie erscheinen hier zu der und der Zeit. Solange Sie sich daran halten, kriegen Sie keine Probleme.« Joe aber vermisste die Möglichkeit zur Veränderung, zur Weiterentwicklung. Er wollte die Möglichkeit haben, etwas zu tun, was seine Firma voranbrachte. Denn zur vorgeschriebenen Zeit erscheinen und das zu machen, was einem gesagt wurde, das konnte, wie er fand, jeder.
Joe gewann den Eindruck, seinen eigenen Gedanken, Erkenntnissen und Gefühlen nicht mehr trauen zu können. Wann immer er bei unserem Abendessen in einem chinesischen Lokal darüber sprach, welche negativen Gefühle seine Tätigkeit bei ihm hervorrief, nahm er gleich darauf alles wieder zurück. »Es gibt Leute, die würden diesen Job für ihr Leben gern machen, und das kann ich gut verstehen. Ich bin dankbar dafür.« Er erhielt ein angemessenes Gehalt, konnte sich mit seiner Freundin eine annehmbare Wohnung leisten – Dinge, die vielen anderen nicht zur Verfügung standen. Deshalb hatte er ein schlechtes Gewissen. Aber trotzdem meldeten sich diese Gefühle immer wieder.
Ein weiterer Topf, der geschüttelt werden muss.
Und noch ein Topf, der geschüttelt werden muss.
Und wieder ein Topf, der geschüttelt werden muss.
»Die Eintönigkeit entsteht, weil mir ständig bewusst ist, dass ich Dinge tue, die ich eigentlich nicht tun möchte«, meinte er. »Wo bleibt da die Freude? Ich bin nicht gebildet genug, um es erklären zu können, aber über alldem schwebt das Gefühl … man bräuchte etwas, um die Leere zu füllen. Auch wenn man nicht genau sagen kann, worin die Leere überhaupt besteht.«
Er brach morgens um sieben zur Arbeit auf und kehrte abends um sieben zurück. Mit der Zeit fing er an zu grübeln. »Wenn man vierzig, fünfzig Stunden pro Woche arbeitet und einem diese Arbeit eigentlich nicht gefällt, dann öffnet man einfach Depressionen und Ängsten Tür und Tor. Und man stellt die Dinge infrage – warum mache ich das überhaupt? Es muss doch Besseres geben.« Er bekam das Gefühl, dass es »keine Hoffnung« gab. »Was
soll’s? So ist es eben.«
»Was man braucht, ist eine gesunde Herausforderung.« Er zuckte die Achseln, als er das sagte. Ich glaube, es war ihm ein bisschen peinlich. »Man will wissen, dass die eigene Stimme zählt. Dass man es sagen kann, wenn man eine gute Idee hat und damit etwas verändern könnte.« Doch eine derartige Stelle hatte er noch nie gehabt und würde sie wohl auch nie haben, fürchtete er.
Wenn man sich so viele Stunden innerlich abtöten muss, um den Tag zu überstehen, könne man das nur schwer wieder abstellen, um sich zu Hause auf die Menschen einzulassen, die man liebe, erklärte er mir. Joe blieben fünf Stunden für sich, ehe er schlafen ging und dann erneut Farbtöpfe schüttelte. In dieser Zeit wollte er einfach nur vor dem Fernsehgerät hocken oder allein sein. Am Wochenende ging es ihm lediglich ums Trinken, oder er sah sich ein Spiel an.
Joe hatte sich mit mir in Verbindung gesetzt, nachdem er einen meiner Online-Vorträge gehört hatte, und wollte mit mir über »Sucht« sprechen, das Thema meines letzten Buches. Wir verabredeten einen Treffpunkt und schlenderten durch die Straßen Philadelphias, ehe wir essen gingen. Im Restaurant erzählte er mir dann seine Geschichte. Nach Jahren des Farbenschüttelns hatte er mit einem seiner Freunde abends ein Spielcasino besucht und von einem anderen aus der Gruppe eine kleine blaue Pille angeboten bekommen. Sie enthielt dreißig Milligramm eines auf Opiatbasis hergestellten Schmerzmittels mit dem Wirkstoff Oxycodon. Joe fühlte sich nach der Einnahme angenehm betäubt. Kurze Zeit später kam er auf die Idee, sich damit auf der Arbeit durch den Tag zu retten. Und tatsächlich wurden die Gefühle, die ihn sonst überfluteten, schwächer. Schon bald »achtete ich darauf, vor der Arbeit welche einzunehmen und genügend dabeizuhaben, um mich über die Runden zu bringen, und ich teilte sie mir gut ein«, schilderte er. Nach Feierabend nahm er dann wieder welche, dazu trank er ein paar Bier. Dabei dachte er: »Wenn ich weiß, dass ich nach dem Heimkommen diese Möglichkeit habe, kann ich mit dem Elend in der Arbeit besser fertigwerden.«
Ein weiterer Topf, der geschüttelt werden muss.
Und noch ein Topf, der geschüttelt werden muss.
Und wieder ein Topf, der geschüttelt werden muss.
Ich fragte mich, ob ihn das Opioid nicht ebenso ausdruckslos und leer machte wie die Arbeit selbst. Es schien, als würde es den Konflikt zwischen seinem Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun, und der Realität seines Alltags in nichts auflösen. Als er sich an Menschen wandte, die ihm beim Entzug von der Droge helfen sollten, wurde ihm gesagt, »die Sucht sei ihm in die Wiege gelegt«. Dies hatte er mir auch gleich zu Anfang erklärt. Aber als wir das Thema vertieften, erzählte er mir auch von Phasen mit starkem Alkoholkonsum, dem Rauchen von Cannabis und gelegentlichem Genuss von Kokain als Collegestudent, obwohl er nie das Bedürfnis verspürt hatte, dies über die gelegentlichen Partys hinaus auszudehnen. Erst mit Aufnahme seines abstumpfenden Jobs – in seinen Augen eine Sackgasse – begann er mit den betäubenden Drogen.
Als er nach harten Monaten von dem Opioid entwöhnt war, empfand er sein Leben jedoch bald wieder als unerträglich. Während der Herstellung einer Farbmischung nach der anderen kehrten all die Gedanken zurück, die er hatte loswerden wollen.
Er wusste, dass die Menschen Farbe brauchten, sagte er. Ein weiteres Mal fügte er hinzu, dass er eigentlich dankbar sein müsse. Doch er könne den Gedanken nicht ertragen, in den nächsten fünfunddreißig Jahren bis zu seiner Pensionierung solch ein Leben zu führen. »Aber Sie … Ihnen gefällt, was Sie tun, nicht wahr?«, fragte er mich. Ich verharrte gespannt. »Morgens, wenn Sie aufwachen, freuen Sie sich auf den Tag. In meiner Arbeit aber gibt es gar nichts, auf das ich mich freuen kann, wenn ich wach werde … Sie ist einfach etwas, was ich tun muss.«
***
In den Jahren 2011 und 2012 führte das Meinungsforschungsinstitut Gallup die bislang detaillierteste Studie zu der Frage durch, welches Verhältnis die Menschen zu ihrer Arbeit hatten.
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Man befragte dazu Arbeiter und Angestellte in hundertzweiundvierzig Ländern. Dreizehn Prozent, so stellte
sich heraus, gaben an, an ihrem Arbeitsplatz »engagiert« zu sein, verrichteten also ihre Arbeit »mit Begeisterung und Hingabe und brachten sich in ihrem Unternehmen ein«.
Dreiundsechzig Prozent aber kreuzten »nicht engagiert« an; sie taten »Dienst nach Vorschrift«, das heißt, sie »durchliefen ihren Arbeitstag schlafwandelnd und investierten lediglich Zeit – nicht aber Energie und Leidenschaft – in ihre Beschäftigung.«
Weitere vierundzwanzig Prozent hatten bereits »innerlich gekündigt«.
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Laut Gallup-Mitteilung sind sie nicht nur »unglücklich am Arbeitsplatz, sondern drücken dieses Gefühl auch in ihrem Handeln aus. Tag für Tag untergraben sie die Leistungen ihrer engagierten Kollegen … Mitarbeiter, die innerlich gekündigt haben, sind mehr oder weniger darauf aus, ihrem Unternehmen zu schaden.«
Zusammengefasst konnte man der Gallup-Studie entnehmen, dass sich siebenundachtzig Prozent der Befragten zumindest ansatzweise in Joes Schilderung wiedererkannt hätten. Es gibt demnach nahezu doppelt so viele Menschen, die ihren Job verabscheuen, wie solche, die ihn lieben.
Und das, was die meisten von uns nicht mögen – was ihnen wie Schlafwandeln oder Schlimmeres vorkommt –, verschlingt inzwischen mehr und mehr von unseren wach verbrachten Stunden. Ein Professor, der sich genauer mit diesem Phänomen befasst hat, schreibt: »Eine jüngere Studie bestätigt, dass ein Acht-Stunden-Arbeitstag der Vergangenheit angehört. Im Durchschnitt sieht sich ein Angestellter von heute um 7:45 Uhr seine E-Mails vom Arbeitsplatz an, findet sich um 8:18 Uhr dort ein und verlässt ihn um 19:19 Uhr … Zudem, so zeigt die Studie, liest einer von drei Angestellten in Großbritannien seine E-Mails vom Arbeitsplatz bereits vor 6:30 Uhr, und achtzig Prozent der britischen Arbeitgeber halten es für vertretbar, ihre Beschäftigten außerhalb der Arbeitszeit anzurufen.«
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Das Konzept »Arbeitszeit« verliert für die meisten gerade an Konturen, und das, was siebenundachtzig Prozent der Menschen keine Freude macht, nimmt einen immer größeren Platz in ihrem Leben ein.
Nach meiner Begegnung mit Joe stellte ich mir die Frage, ob all dies nicht zur Entstehung von Depressionen und Ängsten
beitragen könnte. Ein verbreitetes Symptom von Depressionen ist das »Derealisationserleben«: das Phänomen, dass einem nichts von dem, was man tut, noch echt oder wahr vorkommt.
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Als ich darüber las, schien es mir hundertprozentig auf Joe zuzutreffen – und es klang nicht so, als sei es etwas Irrationales, sondern eher wie eine normale menschliche Reaktion auf eine lebenslange Tätigkeit wie seine. Aus diesem Grund machte ich mich auf die Suche nach wissenschaftlichen Studien über die emotionalen Auswirkungen des Arbeitsplatzes und nach der Antwort auf die Frage, ob es eine Verbindung zu Depressionen und Ängsten gab. Dies fand ich jedoch erst heraus, als ich mich mit einem bemerkenswerten Wissenschaftler traf.
***
Ende der Sechzigerjahre erschien eine kleine Frau griechischer Herkunft in der Ambulanz einer Klinik am Stadtrand von Sydney. Die Klinik befand sich im ärmsten Teil der Stadt und wurde hauptsächlich von griechischen Einwanderern besucht. Die Frau erklärte dem diensthabenden Arzt, sie würde unentwegt weinen. »Mein Leben ist nicht mehr lebenswert«, klagte sie. Sie saß zwei Männern gegenüber – einem europäischen Psychiater mit einem starken Akzent und einem hoch aufgeschossenen jungen Mann, dem Australier Michael Marmot. »Wann ging es Ihnen zum letzten Mal rundum gut?«, erkundigte sich der Ältere. »Ach, Herr Doktor, mein Mann hat wieder zu trinken begonnen und schlägt mich. Mein Sohn sitzt erneut im Gefängnis. Meine minderjährige Tochter ist schwanger. Und ich muss fast jeden Tag weinen. Ich habe keine Kraft mehr und kann nicht schlafen.«
Michael Marmot fiel auf, dass viele Patienten, die in die Ambulanz kamen, über ähnliche Probleme klagten. In Australien hatten Einwanderer stark mit Rassismus zu kämpfen, und gerade die erste Generation lebte zumeist unter harten, entwürdigenden Bedingungen. Waren die Leute derart am Boden wie diese Frau, attestierte man ihnen meist ein medizinisches Problem. Manchmal verschrieb man ihnen quasi als Placebo ein mildes, manchmal aber auch ein bedenklicheres Medikament.
Für Marmot, den jungen Arzt in Ausbildung, war dies eine seltsame Art, mit solchen Patienten umzugehen. »Mir wurde auf erschreckende Art klar«, schrieb er Jahre später, »dass die Depression dieser Frau auf ihre Lebensumstände zurückzuführen war. Wir aber speisten die Leute, die mit schwerwiegenden Problemen in ihrem Leben zu uns kamen, mit einer Flasche Abführmittel ab.«
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Er vermutete, dass noch viel mehr der Erkrankungen, mit denen sie konfrontiert wurden – wie etwa die männlicher Patienten mit rätselhaften, scheinbar grundlosen Magenschmerzen –, ebenfalls auf die Belastungen eines Lebens zurückzuführen waren, dem sie nicht entrinnen konnten.
Bei seinen Rundgängen durch die Krankenhausstationen dämmerte Marmot, dass all die Krankheiten und das viele Elend womöglich ein Spiegel der Gesellschaft und ihrer Mängel war. Er versuchte, darüber mit den anderen Ärzten zu sprechen, darüber, dass man bei Frauen wie dieser Patientin seiner Meinung nach »die Aufmerksamkeit auf die Ursachen der Depression lenken sollte«. Seine Kollegen reagierten ablehnend und hielten das alles für Humbug. Psychische Probleme könnten keine körperlichen Krankheiten auslösen. Ähnlich dachten weltweit die meisten Mediziner. Marmot glaubte zwar, dass sie sich irrten, doch er konnte ihnen nichts entgegensetzen. Er hatte keine Beweise für seine These, und es schien auch niemand auf diesem Gebiet zu forschen. Er hatte eine Vermutung, mehr nicht.
Doch einer seiner Kollegen gab ihm vorsichtig zu verstehen, wenn ihm dies so wichtig sei, solle er sich besser nicht als Psychiater niederlassen, sondern lieber in die Forschung gehen.
***
So kam es, dass sich Michael Marmot einige Zeit später im London der turbulenten Siebzigerjahre wiederfand.
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Die Zeit der englischen Gentlemen, die mit einem Bowler zur Arbeit gingen, neigte sich dem Ende zu, und die Herren trafen auf der Straße nun auf junge Mädchen im Minirock. Die Vertreter zweier Epochen vermieden peinlichst jeden Blickkontakt, wenn sie einander begegneten. Als Marmot in einem eiskalten Winter in England
eintraf, schien das Land im Begriff zu sein, auseinanderzubrechen. Wegen eines langwierigen Streiks gab es nur drei Tage in der Woche Strom.
Doch im Herzen dieser konfliktgeladenen Gesellschaft surrte immer noch ein gut geöltes Räderwerk. Der britische Staatsdienst, dessen Bürogebäude sich an der Whitehall vom Trafalgar Square bis zum Parlamentsgebäude hinziehen, betrachtet sich gern als Rolls-Royce der staatlichen Bürokratie. Er besteht aus einem riesigen Beamtenapparat, der jeden Bereich des britischen Staatswesens reguliert, und ist so straff organisiert wie eine Armee. Tag für Tag strömten Tausende Männer – damals waren es fast ausschließlich Männer – aus der U-Bahn an ihre sauber aufgeräumten Schreibtische, um von dort aus das Leben auf den britischen Inseln zu verwalten.
Für Marmot war es das ideale Laboratorium, um der Frage nachzugehen, die ihn so brennend interessierte: Wie beeinflusst die Arbeit unsere Gesundheit? Die Frage lässt sich kaum beantworten, wenn man nicht zwischen verschiedenen Berufen differenziert. Stellt man etwa einen Bauarbeiter neben eine Krankenschwester oder einen Buchhalter, hat man derart viele Variablen, dass man kaum herausfinden wird, um was es im Kern eigentlich geht. Bauarbeiter haben häufiger Unfälle, Krankenschwestern sind größerer Ansteckungsgefahr ausgesetzt, und Buchhalter verbringen viel Zeit sitzend (was schädlich sein kann). Deshalb lässt sich nur schwer herauskristallisieren, wo die Ursache für bestimmte Probleme liegt.
Doch im britischen Staatsdienst ist niemand wirklich arm, niemand muss in eine feuchte Wohnung zurückkehren, niemandem droht körperliche Gefahr. Alle Mitarbeiter haben einen Bürojob. Allerdings gibt es in den jeweiligen Tätigkeitsbereichen massive Unterschiede in Bezug auf Rang und Entscheidungsfreiheit. Britische Staatsbedienstete sind in strikt voneinander getrennte Dienstgrade eingeteilt, und die Stellung innerhalb der Hierarchie der verschiedenen Verwaltungsebenen entscheidet über die Gehaltsstufe und das Maß der Verantwortung. Marmot wollte untersuchen, inwieweit sich diese Unterschiede auf die Gesundheit auswirkten, und hoffte,
Aufschluss darüber zu bekommen, warum so viele Menschen depressiv oder von Ängsten geplagt waren – jenes Rätsel, das ihn seit seiner Zeit in Sydney beschäftigte.
Damals glaubten die meisten, die Antwort bereits zu kennen, und hielten seine Studie für überflüssig. Man nehme nur den Leiter einer großen Regierungsbehörde und daneben einen Mann elf Dienstgrade unter ihm, der dessen Akten ablegt und Notizen abtippt, und frage dann: Für wen besteht ein höheres Herzinfarktrisiko? Wer wird an Überlastung leiden? Wer ist anfälliger für eine Depression? Fast alle gaben darauf die gleiche Antwort: der Behördenleiter. Er hat mehr Stress und muss schwere Entscheidungen treffen, die massive Konsequenzen nach sich ziehen. Der für die Akten zuständige Untergebene hat weit weniger Verantwortung zu tragen. Kurz, er hat ein leichteres Leben.
Mit einem Team von Mitarbeitern begann Michael Marmot, die Staatsbediensteten zu ihrer seelischen und körperlichen Gesundheit zu befragen. Seine Studie zog sich über Jahre hin und war in zwei separate Abschnitte unterteilt. Zunächst führte man mit jedem einzelnen der Beamten ein einstündiges Gespräch über seinen Arbeitsplatz. Das Team befragte insgesamt achtzehntausend Staatsbedienstete auf diese Weise. Schon bald fielen Marmot die Unterschiede zwischen den einzelnen Sprossen dieser gesellschaftlichen Rangleiter auf. Führungskräfte lehnten sich meist zurück und übernahmen die Kontrolle über das Gespräch, indem sie es beispielsweise ihrerseits mit der Frage begannen, was der Interviewer wissen wolle. Angehörige der unteren Dienstgrade hingegen beugten sich vor und warteten ab, dass ihnen Fragen gestellt wurden.
Nach Jahren intensiver Befragungen fassten Marmot und sein Team die Ergebnisse zusammen. Für die Angehörigen der Führungsriege im Staatsdienst bestand ein
viermal geringeres
Herzinfarktrisiko als für die Beamten der unteren Ränge.
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Dies war das Gegenteil von dem, was man erwartet hatte. Ein weiterer Punkt aber war noch auffälliger.
Wenn man die Ergebnisse in einer Kurve darstellte, zeigte sich, dass ein Aufstieg auf der Karriereleiter von einem Absinken des
Depressionsrisikos begleitet war. Es bestand also ein enger Zusammenhang zwischen der Stellung in der Hierarchie und der Anfälligkeit für Depressionen. In den Sozialwissenschaften bezeichnet man diese Korrelation als »Gradient«. »Ich finde es wirklich erstaunlich«, schrieb Marmot. »Warum haben gebildete Menschen mit einem guten und nicht gefährdeten Arbeitsplatz ein höheres Risiko, plötzlich tot umzufallen [oder an einer Depression zu erkranken], als Menschen mit einer nur ansatzweise besseren Bildung oder einer leicht höheren Position?«
***
Irgendetwas in ihrem Job machte die Menschen depressiv. Aber was? Als Michael Marmot und sein Team zu weiteren Untersuchungen nach Whitehall zurückkehrten, befassten sie sich mit der Frage: Welche Faktoren der Arbeit änderten sich nach einem Aufstieg im Staatsdienst, die diesen Umschwung erklären könnten?
Auf der Grundlage ihrer bisherigen Erfahrungen hatten sie bereits eine Hypothese formuliert: Hatten hochrangige Staatsdiener womöglich eine größere Kontrolle über ihre Arbeit als die auf den unteren Rängen und deshalb ein geringeres Depressionsrisiko? Es schien plausibel. »Nehmen Sie sich selbst«, sagte Marmot, als wir uns in seinem Büro im Stadtzentrum Londons trafen, »schauen Sie sich an, wie Sie sich fühlen. Am schlimmsten fühlt man sich in einem Job – und wohl auch im Leben generell –, wenn man die Dinge nicht in der Hand hat.«
Es gab eine Möglichkeit, das zu überprüfen. Diesmal verglich das Forschungsteam nicht Menschen der oberen, mittleren und unteren Dienstgrade miteinander, sondern Beamte derselben Rangstufe, die jedoch ein unterschiedlich hohes Maß an Entscheidungsfreiheit hatten. Es ging um die Frage, ob jemand auf der mittleren Verwaltungsebene eher eine Depression entwickelte oder einen Herzinfarkt bekam als jemand auf der gleichen Stufe, der jedoch mehr Kontrolle über sein Tätigkeitsfeld besaß. Zu diesem Zweck führten sie weitere Gespräche und sammelten detailliertere Daten.
Die Ergebnisse, die Marmot erhielt, waren sogar noch erstaunlicher als die seiner ersten Umfrage. Sie sprachen eine deutliche Sprache. Ein Mitarbeiter im Staatsdienst, der über ein höheres Maß an Kontrolle in seinem Tätigkeitsbereich verfügte, hatte ein weitaus geringeres Risiko, an Depressionen oder schweren seelischen Problemen zu erkranken, als Beamte
auf derselben Gehaltsstufe, auf derselben Verwaltungsebene, in derselben Behörde
, die geringere Kontrollmöglichkeiten hatten.
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Michael Marmot erzählte mir von einer Frau namens Marjorie. Sie arbeitete als Sekretärin in einer Schreibzentrale und musste Tag für Tag Dokumente tippen. Sie fand es »himmlisch«, dass sie am Schreibtisch rauchen und Süßigkeiten naschen durfte, jedoch »absolut nervtötend«, mit Arbeit zugeschaufelt zu werden, die sie nicht verstand. »Wir durften nicht miteinander reden«, sagte sie.
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Sie hockten also schweigend inmitten von Kollegen und Kolleginnen, mit denen sie nicht sprechen durften, im Büro und tippten Dokumente, die nach dem wenigen, was ihnen darüber gesagt wurde, auch in Schwedisch hätten verfasst sein können, für Menschen, die sie nicht kannten. »Das Hervorstechende an Marjories Arbeit sind nicht die Anforderungen, die an sie gestellt werden«, schrieb Marmot, »sondern die Tatsache, dass sie keinerlei Befugnis hat, Entscheidungen zu treffen.«
Wenn hingegen ein Staatsbediensteter mit größerer Handlungsfreiheit eine Idee hatte, bestanden gute Aussichten, dass er sie auch umsetzen konnte, eine Erfahrung, die sich durch seine gesamte Existenz zog und die seine Weltsicht prägte. Als Beamter der unteren Ränge aber musste man lernen, passiv zu sein. »Stellen Sie sich einen ganz normalen Dienstagmorgen in einer großen Regierungsbehörde vor«, schrieb Marmot Jahre später. »Marjorie aus dem Schreibbüro kommt zu Nigel, der innerhalb derselben Verwaltungsebene mehr Verantwortung hat, und sagt: ›Ich habe nachgedacht. Wir könnten viel Geld sparen, wenn wir unser Material im Internet bestellen. Was hältst du davon?‹ Meine Einfallskraft hat nicht ausgereicht, um mir solch ein Gespräch vorzustellen.«
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Man muss sich innerlich panzern, um so etwas durchzustehen, und Marmot führte den Nachweis, dass sich dies auf das ganze Leben auswirkte.
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Je höher die Stellung im Staatsdienst, desto lebhafter die gesellschaftlichen Aktivitäten und desto größer der Freundeskreis, den der Einzelne genoss. Dies verlor sich, je weiter man in den Dienstagraden nach unten kam – jemand mit einem langweiligen Job mit wenig Ansehen wollte nach Feierabend einfach nur noch vor dem Fernsehgerät in sich zusammensinken. »Hat man eine erfüllende Tätigkeit, ist das Leben reicher, ein Faktor, der sich auf alles überträgt, was man außerhalb der Arbeit unternimmt«, erklärte Michael Marmot mir. »Ist sie jedoch abstumpfend, [fühlt man sich] am Ende des Tages zerschlagen, einfach nur noch zerschlagen.«
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Infolge dieser Studie und der neuen Forschungsgebiete, die sich daraus ergaben, »hat sich die Vorstellung über stressauslösende Faktoren am Arbeitsplatz grundlegend geändert«, erklärte mir Marmot. Die schlimmste Belastung bestehe nicht in einem hohen Maß an Verantwortlichkeit. Sie werde empfunden, erklärte er mir, als wir beisammensaßen, wenn Menschen eine Arbeit ertragen, die »monoton, langweilig, nervtötend ist; [wenn] bei ihnen jeden Tag etwas abstirbt, sobald sie morgens zur Arbeit kommen, weil ihre Tätigkeit nichts in ihnen, nichts von dem, was sie ausmacht, berührt«. Nach Marmots Maßstäben hatte Joe im Farbengeschäft also einen der aufreibendsten Jobs überhaupt. »Im Kern aller körperlichen, seelischen und emotionalen Probleme«, sagte er, »steht die Entmächtigung.«
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***
Vor einigen Jahren, lange nach diesen Whitehall-Studien, wandte sich der britische Staatsdienst mit einem brandeiligen Auftrag an Michael Marmot. Es gab ein Problem in den Finanzämtern der Regierung, da es in den für die Prüfung der Steuererklärungen zuständigen Stellen zahlreiche Selbsttötungen gegeben hatte. Also suchte er die Mitarbeiter in ihren Büros auf und führte Gespräche mit ihnen.
Sie erklärten ihm, dass sie schon beim Eintreffen in der Arbeit vom Eingangskorb überwältigt würden. Es kam ihnen vor, als würde er »sie verschlingen. Je höher der Stapel im Eingangskorb, desto größer das Gefühl der Bedrohung, weil man glaubt, der Sache niemals Herr werden zu können.« Auch wenn sie sich tagsüber noch so anstrengten, zu Feierabend war der Stapel höher als am Morgen. »Ein Urlaub quälte sie«, stellte Michael Marmot fest, »denn die Flut der Akten würde sich aufstauen, sodass sie bei ihrer Rückkehr förmlich darin versinken würden. Es war aber nicht nur die unausweichliche Arbeitsbelastung, die ihnen zu schaffen machte, sondern auch die mangelnde Einflussmöglichkeit. Auch wenn sie noch so schwer und beständig arbeiteten, so fielen sie doch immer weiter zurück.«
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Und niemals hörten sie ein Dankeschön für ihre Leistung – schließlich ist niemand begeistert, wenn seine Steuertricks aufgedeckt werden.
Während der Whitehall-Studien war Michael Marmot ein weiterer Faktor in der Welt der Arbeit aufgefallen, der möglicherweise Depressionen begünstigte, und den fand er auch hier: Niemand würdigte, wie schwer diese Finanzbeamten arbeiteten und dass sie ständig ihr Bestes gaben. Aber auch schludriges Arbeiten fiel niemandem auf. Wie Marmot herausgefunden hatte, stellt sich Verzweiflung oft dann ein, wenn »zwischen Bemühen und Anerkennung keine Ausgewogenheit herrscht«.
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Dies galt auch für Joe im Farbengeschäft. Keiner bemerkte, wie sehr er sich anstrengte. Die Botschaft, die man von der Welt bekommt, lautet in einer solchen Situation, dass man bedeutungslos ist. Niemanden kümmert, was man tut.
Michael Marmot erklärte also der Leitung der Finanzbehörde, dass die schweren Depressionen, die bei den Mitarbeitern in Selbsttötungen gemündet hatten, durch die Diskrepanz zwischen ihren Bemühungen und dem Mangel an Anerkennung entstanden waren.
***
Als Marmot vierzig Jahre zuvor in dem Krankenhaus am
Stadtrand von Sydney die Frage aufgebracht hatte, ob Depressionen womöglich durch unsere Lebensumstände ausgelöst würden, hatten es die Ärzte, von denen er lernen sollte, verächtlich abgetan. Heute werden die von ihm vorgelegten Beweise von niemandem ernsthaft angezweifelt, obwohl man sie nur selten thematisiert. Marmot ist inzwischen einer der weltweit führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der öffentlichen Gesundheit. Doch noch immer begehen wir, wie mir scheint, denselben Fehler wie die Ärzte damals: Die Griechin, die geklagt hatte, sie weine den ganzen Tag, litt nicht unter einer Erkrankung des Gehirns – sie litt unter ihrem Leben. Doch die Mitarbeiter der Klinik gaben ihr ein paar Tabletten, die nur Placebos waren, und schickten sie damit nach Hause.
***
Als ich mich in Philadelphia mit Joe traf, berichtete ich ihm von den Whitehall-Studien und anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen, von denen ich inzwischen gehört hatte. Anfangs interessierte er sich dafür, aber nach einer Weile meinte er leicht gereizt: »Man kann mit all dem Zeug wirklich in die Tiefe gehen und Kluges zutage fördern, doch letztlich läuft es darauf hinaus, dass man irgendwas tun muss. Und wenn man nicht sieht, wozu es gut ist, und man keine andere Möglichkeit hat, als damit weiterzumachen, fühlt man sich einfach schrecklich. So ist es jedenfalls bei mir. Also, was soll das Ganze?«
***
Es gab etwas, was ich bei Joe nicht verstand. Er verabscheute seine Arbeit im Farbengeschäft, doch im Gegensatz zu vielen anderen steckte er nicht in der Falle: Er hatte keine Kinder oder sonstige Verpflichtungen, er war noch jung und verfügte sogar über eine Alternative. »Was mir richtig Spaß macht, ist Angeln«, erzählte er mir. »Bevor ich sterbe, möchte ich in allen fünfzig Staaten der USA geangelt haben. Siebenundzwanzig habe ich schon, und das mit zweiunddreißig [Jahren].« Er hatte darüber
nachgedacht, als Führer Touristen in Florida beim Angeln zu begleiten. Er würde zwar viel weniger verdienen als jetzt, aber das würde ihm Spaß machen. Mit solch einem Job könnte er sich jeden Morgen auf seinen Arbeitstag freuen. Er dachte laut darüber nach, wie das sein würde. Doch gleich darauf fragte er: »Darf man seine finanzielle Sicherheit für etwas opfern, was einem wirklich Spaß macht? Bei den Lebenshaltungskosten …?«
Seit Jahren spielt Joe mit dem Gedanken, zu kündigen und nach Florida zu gehen. »Ich kann nur für mich selbst sprechen«, sagte er, »aber zu Feierabend habe ich dieses übermächtige Gefühl, dass es nicht sein kann … dass ich keine Perspektive am Horizont sehe. Manchmal sage ich zu mir: ›Junge, kündige deinen Job … geh nach Florida und werde Angelführer auf einem Boot. Dann wärst du glücklich‹.«
»Warum tun Sie es dann nicht, Joe?«, fragte ich ihn. »Warum bleiben Sie hier?« – »Genau!«, sagte er und sah aus, als würde er Hoffnung schöpfen. Aber dann wirkte er ängstlich. Später im Gespräch kam ich darauf zurück. »Sie könnten es schon morgen tun«, meinte ich. »Was hält Sie davon ab?« Wir alle haben einen Teil in uns, erklärte er, der meint, »wenn ich mir mehr anschaffen kann und den Mercedes kriege und das Haus mit den vier Garagen kaufe, denken die Menschen draußen, dass ich gut gestellt bin. Dann kann ich mich zum Glücklichsein zwingen.« Nach Florida zu gehen war sein Wunsch. Und dennoch hemmte ihn etwas, was weder er noch ich richtig begriffen. Seit diesem Gespräch versuche ich zu ergründen, warum Joe wahrscheinlich nicht aufbrechen wird. Offenbar gibt es noch etwas Stärkeres als die Notwendigkeit, unsere Rechnungen zu bezahlen, das viele von uns in einer solchen Situation gefangen hält. Ich sollte mich bald damit befassen.
Als ich mich von Joe verabschiedet hatte und er langsam fortging, rief ich ihm nach: »Gehen Sie nach Florida!« Im selben Augenblick kam ich mir albern vor. Er drehte sich nicht um.
***
Diese Dynamik vollzieht sich in brutaler Weise in Deutschland,
dem Land mit der größten Depressionskrise in der OECD gleich nach Island.
In der bisher umfangreichsten Studie zu ihren Ansichten, finanziert durch das Bundesministerium für Gesundheit, gaben depressive Deutsche an, was zu ihrem Leiden beigetragen habe – dabei bezogen sich fast alle auf ihre Arbeitsbedingungen. Außerordentliche 97,8 Prozent erklärten, sie seien mindestens teilweise an ihrer Erkrankung schuld. Vom Jahr 2000 bis 2013 stiegen die Krankmeldungen aufgrund von Depressionen um siebzig Prozent. Am stärksten betroffen waren Jobs mit der geringsten Kontrolle und Autonomie: Callcenter-Mitarbeiter führten mit durchschnittlich 2,8 depressionsbedingten Krankheitstagen pro Jahr die Liste an.
Gelegentlich rückte dies in den Mittelpunkt einer größeren gesellschaftlichen Debatte. Dr. Tom Bschor erklärte mir: »Wir hatten vor drei oder vier Jahren eine Debatte über Burn-out« – zu einer Zeit, als »es geradezu epidemische Ausmaße annahm. Viele Menschen diagnostizieren bei sich Burn-out, der Anteil der Arbeitsunfähigen wegen Burn-out ist angestiegen, manche gehen deshalb sogar in den Vorruhestand. Es gab Prominente, die in den Medien bekannt gegeben haben: ›Ich leide unter Burn-out, ich kann nicht mehr als Schauspielerin oder Fußballspieler arbeiten.‹« Bschor hält dies insgesamt für grob vereinfachend. Man konzentrierte sich darauf, wie viel
man arbeitet, die wichtigeren Faktoren seien aber »Kontrolle und das Gefühl, bei der Arbeit zu wissen, warum man diese Arbeit tut. Das ist maßgeblich.« Diesen tieferen Faktoren weicht man aus, »vielleicht weil es bereits schwer zu verstehen ist. Die Massenmedien lieben einfache Erklärungen für ihre Storys. [Sie wollten einfach behaupten], zu viel Arbeit ist gleich Burn-out, weniger Arbeit ist gleich weniger Burn-out.«
Heute, so Bschor, ist sogar diese simplifizierende Debatte verstummt. »Jetzt ist es vorbei, und wir haben keine große Debatte über die sozialen Ursachen für Depression.« Aber die Depression, die durch die Arbeitsbedingungen in Deutschland ausgelöst wird, hält an, Tag für Tag.