Kapitel 7:
Ursache zwei: Abgeschnitten von den Mitmenschen
In meiner Kindheit erlebten meine Eltern etwas, womit sie nicht gerechnet hatten. Mein Vater war in den Schweizer Bergen in dem kleinen Dorf Kandersteg aufgewachsen, dessen Bewohner er alle namentlich kannte, meine Mutter in einer der schottischen Arbeitersiedlungen, wo, wenn man laut sprach, die Nachbarn jedes Wort mitbekamen. Als ich noch ein Säugling war, zogen sie an einen Ort namens Edgware. Es ist die letzte Metro-Station der Northern Line – eine Vorortsiedlung mit Einfamilienhäusern im sogenannten Grüngürtel Londons. Wenn man im Zug eingeschlafen ist und dort wieder aufwacht, sieht man rundherum Gebäude, Fast-Food-Ketten, einen Park und zahllose anständige, liebenswerte, entfremdete Menschen, die zwischen alldem herumhasten.
Als meine Eltern hierherzogen, versuchten sie, mit ihrer Nachbarschaft Kontakt aufzunehmen, wie sie es von ihrem Herkunftsort gewohnt waren – für sie ein natürlicher Impuls wie das Atmen. Doch was sie hier erlebten, machte sie perplex. Die Leute in Edgware waren nicht feindselig. Sie lächelten einen an, aber das war es auch schon; jeder Versuch, über einen kurzen Plausch hinauszukommen, wurde abgewehrt. Und allmählich begriffen meine Eltern, dass das Leben hier im eigenen Haus stattfand. Für mich war das nichts Ungewöhnliches – ich kannte es ja nicht anders –, aber meine Mutter konnte sich nie damit abfinden. »Wo sind die bloß alle?«, fragte sie mich einmal, als ich noch klein war, und schaute ratlos die leere Straße entlang.
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Heute hängt die Einsamkeit wie ein dicker Nebel über unserer Gesellschaft. Mehr Menschen als je zuvor sagen, dass sie sich allein fühlen – und ich fragte mich, ob dieses Phänomen mit der deutlichen Zunahme von Depressionen und Ängsten in Zusammenhang stehen könnte. Bei meinen Recherchen stellte ich fest, dass zwei Wissenschaftler diesen Zusammenhang seit Jahrzehnten untersuchen und dabei eine Reihe entscheidender Durchbrüche erzielt haben.
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Als Mitte der Siebzigerjahre ein junger Neurowissenschaftler namens John Cacioppo den Vorlesungen seiner Professoren lauschte – sie zählten zu den besten der Welt –, blieb ihm eine Sache stets ein Rätsel.
Bei dem Versuch zu erklären, warum sich die Emotionen der Menschen verändern, schienen sie sich nur auf eins zu konzentrieren, nämlich darauf, was im Gehirn stattfand. Sie zogen nicht in Betracht, was im Leben der Menschen geschah und ob dies der Grund für die Veränderungen im Gehirn sein könnte, die sie entdeckt hatten. Es war, als würden sie das Gehirn als eine Insel ansehen, abgeschnitten vom Rest der Welt und ohne Wechselwirkung mit ihr.
Deshalb fragte sich Cacioppo: Was würde passieren, wenn wir das Gehirn nicht mehr untersuchen würden, als wäre es eine von der Welt abgeschnittene Insel. Was, wenn wir es zwar als eine Insel betrachten würden, jedoch als eine, die durch hundert Brücken mit der Außenwelt verbunden wäre, über die unablässig Dinge hin und her transportiert werden, während Signale aus der Welt eingehen?
Als er diese Fragen seinen Mentoren stellte, waren sie irritiert. »Wissen Sie«, erwiderten diese, »selbst wenn sie relevant wären, so sind [die Faktoren außerhalb des Gehirns] nicht von fundamentaler Bedeutung« für Veränderungen wie Depressionen oder Ängste. Und außerdem sei es viel zu kompliziert, das zu erforschen. »In den nächsten hundert Jahren« werde niemand auch nur einen Bruchteil dieser Vorgänge verstehen. »Deshalb werden wir den Fokus nicht darauf richten.«
Aber Cacioppo vergaß seine Fragen nicht. Jahrelang dachte er darüber nach, bis er in den Neunzigerjahren eines Tages eine Idee hatte, wie er der Sache auf den Grund gehen könnte. Wenn man herausfinden will, wie sich das eigene Gehirn und die eigenen Gefühle verändern, während man mit dem Rest der Welt interagiert, könnte man sich zunächst einmal anschauen, was in der gegenteiligen Situation passiert, also wenn man sich einsam und von der Außenwelt abgeschnitten fühlt. Verändert dieses Erlebnis das Gehirn? fragte sich Cacioppo. Verändert es den Körper?
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Cacioppo begann mit dem einfachsten Experiment, das er sich vorstellen konnte. Er und seine Kollegen holten hundert nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Personen an die University of Chicago, wo er inzwischen arbeitete, und machte mit ihnen ein einfaches Experiment, das noch niemand durchgeführt hatte.
Stellen Sie sich vor, als Teilnehmer an der Studie hätte man Sie aufgefordert, ein paar Tage lang Ihr normales Alltagsleben weiterzuführen – allerdings mit ein paar kleinen Vorkehrungen. Sie müssten ein kardiovaskuläres Überwachungsgerät bei sich tragen, das Ihre Herzfrequenz misst, außerdem erhielten Sie einen kleinen Signalgeber und einige Röhrchen. Dann würden Sie das Labor verlassen. Am ersten Tag des Experiments müssten sie jedes Mal, wenn der Signalgeber piepst – was, wie Sie bald feststellen würden, neunmal am Tag geschieht –, Ihre Alltagsgeschäfte unterbrechen und zwei Dinge aufschreiben: erstens, wie einsam oder verbunden Sie sich fühlen, und zweitens Ihre Herzfrequenz laut dem Überwachungsgerät.
Am zweiten Tag würden Sie denselben Prozess durchlaufen, nur dass Sie jetzt beim Piepsen des Signalgebers in ein Röhrchen spucken, es versiegeln und ins Labor geben müssen.
Cacioppo wollte genau analysieren, wie stressig es ist, einsam zu sein. Niemand war bislang dieser Frage nachgegangen. Aber es war bekannt, dass sich, wenn man gestresst ist, der Herzschlag beschleunigt und der Speichel mit einem Hormon namens Cortisol überschwemmt wird. Mit diesem Experiment konnte man also – endlich – messen, wie groß dieser Effekt war.
Als Cacioppo und seine Kollegen das Datenmaterial ausgewertet hatten, waren sie verblüfft. 1 Das Gefühl der Einsamkeit führte, wie sich herausstellte, dazu, dass der Cortisolspiegel enorm in die Höhe schoss – und zwar genauso stark wie bei den verstörendsten Dingen, die einem geschehen können. Absolut einsam zu sein war dem Experiment zufolge genauso stressig wie das Erlebnis eines körperlichen Angriffs. 2
Noch einmal: Tiefe Einsamkeit verursacht ebenso viel Stress wie ein Faustschlag durch einen Fremden.
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Cacioppo begann, die Literatur zu durchforsten, um zu sehen, ob schon vor ihm Wissenschaftler die Wirkung von Einsamkeit untersucht hatten. So entdeckte er, dass ein Professor Sheldon Cohen für eine Studie dokumentiert hatte, wie viele Freunde und gesunde soziale Kontakte die Probanden jeweils hatten. 3 Dann hatte er sie in ein Labor geführt und – mit ihrem Einverständnis – dem Erkältungsvirus ausgesetzt. Er wollte wissen, ob die einsamen Versuchsteilnehmer eher krank wurden als jene mit guten sozialen Kontakten. Dabei stellte sich heraus, dass die Wahrscheinlichkeit, sich eine Erkältung zuzuziehen, bei Ersteren dreimal so hoch war wie bei jenen, die zahlreiche enge Kontakte zu ihren Mitmenschen hatten.
Lisa Berkman, eine Epidemiologin, hatte isoliert lebende Menschen und Personen mit vielen sozialen Bindungen über einen Zeitraum von neun Jahren beobachtet, um herauszufinden, ob die Sterbewahrscheinlichkeit in der einen Gruppe höher war als in der anderen. 4 Wie sich zeigte, war diese Wahrscheinlichkeit im Studienzeitraum bei den isolierten Menschen um das Dreifache höher als bei den anderen. Fast jede Erkrankung erhöhte die Sterbewahrscheinlichkeit bei denen, die einsam lebten: Krebs, Herzleiden, Atemwegserkrankungen.
Wie Cacioppo allmählich erkannte, als er die Daten zusammentrug, war Einsamkeit ein Faktor, der zum Tod führen konnte. Er und andere Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass das Abgeschnittensein von den Menschen im näheren Umkreis dieselbe Auswirkung auf die Gesundheit der Betroffenen hatte wie Fettleibigkeit, was bis dahin als die größte Gefahr für Leib und Leben in der westlichen Welt gegolten hatte. 5
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Jetzt wusste Cacioppo also, dass Einsamkeit beachtliche körperliche Folgen hat. Als Nächstes wollte er der Frage nachgehen, ob sie auch die offenkundige Epidemie von Depressionen und Ängsten erklären konnte.
Anfangs schien es zu schwierig, dies zu erforschen. Man kann Menschen drei Dinge fragen: Sind Sie einsam? Sind Sie deprimiert? Haben Sie Ängste?, und anschließend die Antworten einander zuordnen. Man wird dann feststellen, dass einsame Menschen mit großer Wahrscheinlichkeit depressiv sind oder Ängste haben. Doch das bringt uns nicht viel weiter, da depressive und ängstliche Menschen häufig Angst vor der Welt und sozialen Kontakten haben und daher dazu neigen, sich zurückzuziehen: Es könnte also sein, dass man unter Depressionen leidet und deshalb einsam wird. Cacioppo aber vermutete, dass es umgekehrt ist – dass Einsamkeit depressiv machen kann.
Um diese Frage zu beantworten, führte er zwei ganz unterschiedliche Studien durch. Zunächst einmal bat er hundertfünfunddreißig Personen, die als sehr einsam kategorisiert worden waren, einen Tag und eine Nacht in seinen Labors an der University of Chicago zu verbringen. Dort durchliefen sie so umfassende Persönlichkeitstests, als sollten sie auf eine Marsmission geschickt werden, wie Cacioppo scherzte. Die Ergebnisse entsprachen weitgehend den Erwartungen – dass einsame Menschen zugleich auch Ängste und ein geringes Selbstwertgefühl haben, pessimistisch sind und befürchten, von anderen abgelehnt zu werden. Für Cacioppo war nun der springende Punkt, eine Möglichkeit zu finden, wie er einen Teil von ihnen noch einsamer machen konnte, ohne sie damit in anderer Hinsicht zu beeinträchtigen – etwa in Panik zu versetzen oder ihnen das Gefühl zu geben, sie würden verurteilt. Aber wie konnte er das anstellen?
Bei seinem nächsten Experiment teilte er seine Probanden in zwei Gruppen ein, Gruppe A und Gruppe B, die dann von einem Psychiater namens David Spiegel nacheinander hypnotisiert wurden. 6 Die Mitglieder von Gruppe A wurden in der Hypnose aufgefordert, sich an Zeiten in ihrem Leben zu erinnern, in denen sie sich sehr einsam gefühlt hatten. Die Mitglieder der Gruppe B sollten sich an Gegenteiliges erinnern – an eine Zeit in ihrem Leben, als sie sich mit einer anderen Person oder Gruppe sehr verbunden gefühlt hatten. Anschließend mussten sich alle erneut den ausführlichen Persönlichkeitstests unterziehen.
Cacioppo vermutete, dass sich, sollten Depressionen zu Einsamkeit führen, nichts verändern würde, wenn man bei einsamen Menschen das Gefühl des Alleinseins noch verstärkte. Sollte hingegen Einsamkeit zu Depressionen führen, müsste die Verstärkung des Einsamkeitsgefühls auch die Depressionen verschlimmern.
Das Ergebnis des Experiments wurde später als großer Wendepunkt auf diesem Gebiet bezeichnet. Die Teilnehmer, bei denen man das Gefühl der Einsamkeit ausgelöst hatte, wurden deutlich depressiver, während bei denjenigen, bei denen man das Gefühl der Verbundenheit in Erinnerung gerufen hatte, die Depression deutlich abgeschwächt wurde. »Das Umwerfende war, dass Einsamkeit nicht einfach die Folge einer Depression ist«, erklärte mir Cacioppo. »Im Gegenteil, sie führt zu Depressionen.« Es sei wie der Augenblick in einer Episode der Krimiserie CSI , in dem die Experten endlich die passenden Fingerabdrücke finden. »Einsamkeit«, betonte Cacioppo, »war definitiv der Hauptfaktor.« 7
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Damit war jedoch Cacioppos Frage nicht beantwortet. Es kann durchaus sein, dass die Laborbedingungen in vielerlei Hinsicht zu sehr von der Wirklichkeit abweichen. Deshalb versuchte es Cacioppo mit einer anderen Methode.
Vor den Toren Chicagos, in einem zum Cook County gehörenden Gebiet, das von ausuferndem Vorstadtbeton und Asphalt beherrscht ist, beobachtete er zweihundertneunundzwanzig Amerikaner im Alter zwischen Anfang fünfzig und Ende siebzig. Sie stellten einen breiten Bevölkerungsquerschnitt dar – je zur Hälfte Männer und Frauen, ein Drittel Latinos, ein Drittel Afroamerikaner und ein Drittel Weiße. Entscheidend war, dass sie zu Beginn der Studie weder depressiv noch ungewöhnlich einsam waren. Einmal im Jahr sollten sie ins Labor kommen und eine ganze Reihe von Tests durchlaufen. Cacioppo würde dabei ihren Gesundheitszustand untersuchen – sowohl in physischer als auch in psychischer Hinsicht. Dann würde sein Team ihnen zahlreiche Fragen stellen, in denen es darum ging, wie einsam oder isoliert sie sich fühlten. Mit wie vielen Menschen hatten sie wann Kontakt? Wie vielen Menschen standen sie nahe? Mit wem teilten sie in ihrem Leben Augenblicke der Freude?
Cacioppo wollte wissen, was zuerst kam, wenn im Lauf der Studie einige der Teilnehmer eine Depression entwickelten (was unausweichlich war). Würden Isolation und Einsamkeit zuerst eintreten oder die Depression?
Die ersten fünf Jahre, in denen bislang Daten gesammelt wurden, ergaben, dass in den meisten Fällen die Einsamkeit den Symptomen der Depression vorausging . 8 Man wurde einsam, und dann erst folgten Gefühle der Verzweiflung, tiefe Traurigkeit und Depressionen. Und die Wirkung war wirklich enorm. Stellen Sie sich einmal das Ausmaß der Einsamkeit in unserer Kultur als eine gerade Linie vor: An einem Ende stehen null Prozent Einsamkeit, am anderen Ende hundert Prozent. Stiege die Einsamkeitsquote von fünfzig Prozent auf fünfundsechzig Prozent, würde die Wahrscheinlichkeit, Symptome einer Depression zu entwickeln, um das Achtfache zunehmen. Dass Cacioppo aufgrund von zwei sehr unterschiedlichen Studien – sowie durch umfangreiche weitere Forschungen – zu diesem Ergebnis kam, führte ihn zu einer wichtigen Schlussfolgerung, die inzwischen durch weitere Studien gestützt wird: Einsamkeit, so schloss er, verursacht einen ganz erheblichen Anteil der Depressionen und Ängste in unserer Gesellschaft.
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Im Lauf seiner Entdeckungen stellte sich für Cacioppo die Frage, warum das so ist. Warum ist Einsamkeit in so hohem Maße Auslöser für Depressionen und Ängste?
Nach und nach gelangte er zu der Vermutung, es müsse gute Gründe dafür geben. Menschen tauchten erstmals in den Savannen Afrikas auf, wo sie in kleinen Jäger- und Sammlerstämmen von allenfalls Hundert Artgenossen zusammenlebten. Sie und ich existieren nur aus einem Grund: weil jene Menschen herausfanden, wie man kooperiert. Sie teilten die Nahrung, kümmerten sich um die Kranken, »waren in der Lage, sehr große Tiere zu erlegen«, so Cacioppo, »jedoch nur, weil sie zusammenarbeiteten«. Sie stellten nur als Gruppe etwas dar. »Vor der Erfindung der Landwirtschaft hatte jede Gesellschaft diese elementare Struktur«, schrieben er und seine Kollegen. »Angesichts der harten Bedingungen können sie kaum überleben, doch die Tatsache, dass sie überhaupt überleben, verdanken sie dem dichten Netz sozialer Kontakte und der enormen Zahl gegenseitiger Verpflichtungen. In diesem Naturzustand mussten Bindung und soziale Kooperation nicht erst eingeführt werden … Natur ist Verbindung.« 9 Man stelle sich nun vor, jemand würde – wir sind wieder in den afrikanischen Savannen – von der Gruppe getrennt und wäre für einen längeren Zeitraum allein. Er wäre in schrecklicher Gefahr und schutzlos gegenüber Raubtieren; wenn er krank würde, wäre niemand da, ihn zu versorgen, und auch der Rest der Sippe wäre ohne ihn angreifbarer. Es wäre nur allzu verständlich, wenn er verzweifelt wäre. 10 Sein Körper und sein Gehirn würden ein Alarmsignal aussenden, auf schnellstem Weg zur Gruppe zurückzukehren. 11
Alle menschlichen Instinkte sind also nicht auf ein Leben als Einzelgänger ausgerichtet, sondern auf ein Leben in einer Sippe. Menschen brauchen Sippen wie Bienen einen Bienenstock. 12
Die Furcht und Beunruhigung, die durch zu langes Alleinsein ausgelöst werden, entwickelten sich also, wie Cacioppo sagt, aus wirklich guten Gründen. Die Angst trieb die Menschen wieder zurück zur Gruppe und bewirkte, dass jeder, solange er bei seiner Sippe war, einen Anreiz hatte, die anderen gut zu behandeln, damit er nicht vertrieben wurde. »Ein starker Impuls, sich mit anderen zu verbinden«, erklärt er, »erhöht schlicht die Überlebenschancen.« Oder, wie er mir später sagte: Einsamkeit ist »ein aversiver Zustand, der uns motiviert, uns wieder mit anderen zusammenzutun«.
Das macht verständlich, warum Einsamkeit so häufig mit Ängsten einhergeht. »Die Evolution hat uns so geformt, dass wir, wenn wir in Gemeinschaft leben, uns nicht nur gut fühlen, sondern auch sicher«, schreibt Cacioppo. 13 »Und daraus ergibt sich zwangsläufig, dass die Evolution uns dahin gehend geprägt hat, dass wir uns in der Isolation nicht nur schlecht fühlen, sondern auch unsicher.«
Das ist eine schöne Theorie. Aber konnte man sie auch überprüfen? Es gibt immer noch Menschen, die so leben wie ihre Vorfahren in früheren Stadien der Evolution. So erfuhr Cacioppo beispielsweise von einer weitgehend von der Außenwelt isolierten, hochreligiösen landwirtschaftlichen Gemeinschaft in North und South Dakota – vergleichbar etwa mit dem fundamentalistischsten Zweig der Amischen: den Hutterern. 14 Sie ernähren sich von dem Land, auf dem sie leben, sie arbeiten, essen, beten und verbringen ihre Freizeit zusammen. Alle müssen ständig kooperieren. (Später besuchte ich selbst eine Gruppe wie diese; davon werde ich noch berichten.)
Cacioppo knüpfte Kontakte zu Ethnologen, die schon seit Jahren Untersuchungen bei den Hutterern durchführten, um herauszufinden, wie einsam die Menschen dieser Gruppe sind. Es gibt eine elegante Methode, dies zu prüfen. Überall auf der Welt finden bei Menschen, die sich einsam fühlen, während des Schlafs mehr sogenannte Micro-Awakenings statt als bei anderen. Dabei handelt es sich um kurze Augenblicke, an die man sich beim Aufwachen nicht erinnert, in denen man jedoch ein wenig aus dem Schlummer auftaucht. Dies ist auch bei allen anderen sozialen Tierspezies zu beobachten, wenn sie isoliert werden. Die beste Theorie dazu lautet, dass ein einsamer Mensch nicht ruhig schläft, weil die ersten Menschen real in Gefahr waren, wenn sie abseits von ihrem Stamm schliefen. Sie wussten, dass ihnen niemand beistehen würde, und deshalb ließ ihr Gehirn nicht zu, dass sie in den vollen Schlafmodus fielen. Diese »Micro-Awakenings« zu zählen ist eine gute Methode, um Einsamkeit zu messen. Cacioppos Team nahm also mittels elektronischer Geräte, an die die Probanden über Elektroden angeschlossen wurden, Messungen vor, wie viele solcher kurzen Wachzustände diese Hutterer in der Nacht hatten.
Wie sich herausstellte, hatten sie so gut wie keine. 15 »Das Ergebnis war, dass die Gemeinschaft das geringste Maß an Einsamkeit zeigte, das ich jemals irgendwo auf der Welt vorgefunden habe«, erklärte mir Cacioppo. »Es war wirklich verblüffend.«
Dies war ein Beweis, dass Einsamkeit nicht eine unausweichliche traurige Tatsache ist wie der Tod, sondern vielmehr ein Produkt unserer Lebensweise.
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Als meine Mutter nach dem Umzug nach Edgware feststellte, dass dort keine Gemeinschaft existierte – nur höfliches Nicken und verschlossene Türen –, nahm sie an, es stimme etwas nicht in Edgware. Aber unser kleiner Vorort war gar nicht so ungewöhnlich.
Der Harvard-Professor Robert Putnam verfolgt schon seit Jahrzehnten einen der wichtigsten Trends unserer Zeit. 16 Es gibt zahllose Möglichkeiten, wie Menschen zusammenkommen und etwas als Gruppe tun können – vom Mannschaftssport über einen Chor bis hin zu einem gemeinnützigen Verein oder einfach, indem sie sich regelmäßig zum Abendessen treffen. Putnam sammelt Daten, die Auskunft darüber geben, in welchem Maß wir all diese Dinge tun, und hat dabei festgestellt, dass sich die Zahlen im freien Fall befinden: Bowling ist eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen in den Vereinigten Staaten, und meist fand dieser Sport in organisierten Ligen statt – die Leute waren Teil eines Teams, das gegen andere Teams antrat, und dabei lernte man sich kennen. Heute bowlen die Leute immer noch, aber sie tun es allein auf einer eigenen Bahn und machen ihr eigenes Ding. Die kollektive Struktur ist kollabiert.
Dies betrifft auch andere Dinge, die wir tun, um mit unseren Mitmenschen zusammenzukommen – etwa die Unterstützung der Schule, die unsere Kinder besuchen. Allein »in dem kurzen Jahrzehnt zwischen 1985 und 1994«, schrieb Putnam, »sank die aktive Beteiligung an Gemeindeeinrichtungen … um 45 Prozent«. 17 In nur einem Jahrzehnt – in genau der Zeit, in der ich Teenager war und Depressionen bekam – hörten wir in der gesamten westlichen Welt auf, uns in größeren Gruppierungen zusammenzutun, und zogen uns stattdessen ins eigene Heim zurück.
Wir seien aus der Gemeinschaft ausgestiegen und hätten uns nach innen gewandt, erklärte mir Putnam. Diese Entwicklung findet bereits seit den Dreißigerjahren statt, hat sich aber im Lauf meines Lebens enorm beschleunigt.
Das bedeutet, dass das Gefühl der Menschen, in einer Gemeinschaft zu leben oder auch nur Freunde zu haben, auf die sie zählen können, kaum noch vorhanden ist. So stellten beispielsweise Sozialwissenschaftler mehrere Jahre hintereinander einem Querschnitt von US-Bürgern eine einfache Frage: »Wie viele Vertraute haben Sie?« Die Forscher wollten wissen, an wie viele Menschen sich die Befragten in einer Krise – oder wenn etwas Positives passiert war – wenden konnten. Als die Wissenschaftler vor mehreren Jahrzehnten mit ihrer Studie begannen, betrug die Zahl enger Freunde, die ein Amerikaner hatte, durchschnittlich drei. Im Jahr 2004 lautete die häufigste Antwort: keine. 18
Es lohnt sich, sich dies einmal klar vor Augen zu führen: Heute hat die überwiegende Zahl der Amerikaner keine engen Freunde.
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Dabei ist es nicht einmal so, dass die Wendung nach innen die Hinwendung zur Familie bedeutet. Die Daten, die Robert Putnam gesammelt hat, zeigen, dass Menschen weltweit auch weniger oder gar nichts mehr mit ihren Angehörigen unternehmen. Wir essen als Familie weitaus seltener zusammen; wir sehen als Familie weitaus seltener gemeinsam fern; wir machen weitaus seltener miteinander Urlaub. In den USA wurden »praktisch alle Formen des familiären Zusammenseins«, sagte Putnam und zeigte mir eine Reihe von Grafiken und Studien, »im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts weniger üblich.« 19 Ähnlich sehen die Daten für Großbritannien und den Rest der westlichen Welt aus.
Wir unternehmen weniger gemeinsam als sämtliche Menschen, die vor uns gelebt haben. Lange vor dem Finanzcrash von 2008 fand ein sozialer Crash statt, in dessen Folge wir uns häufiger einsam und allein fühlen als all unsere Vorfahren. Die Strukturen für einen fürsorglichen Umgang miteinander – von der Familie bis zur Nachbarschaft – brachen zusammen. Wir haben unsere Sippen aufgelöst und ein Experiment gestartet, um zu sehen, ob wir es schaffen, allein zu leben.
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Während meiner Recherchen für dieses Buch ging mir in Lexington, Kentucky, eines Tages das Bargeld aus, und für meine letzte Nacht in der Stadt nahm ich mir ein Zimmer in einem wirklich billigen Motel gleich neben dem Flughafen. Es war ein kahles Betonloch, über dem in einem fort Flugzeuge starteten. Auf dem Weg zu oder von meinem Zimmer bemerkte ich, dass die Tür zum Nachbarzimmer ständig offen stand, die ganze Zeit lief der Fernseher, und ein Mann mittleren Alters hockte in einer seltsamen, ungelenken Haltung auf dem Bett und schwankte ein wenig.
Als ich das fünfte Mal daran vorbeiging, blieb ich stehen und fragte den Mann, was ihm fehle. Mit einer Stimme, die schwer zu verstehen war, erzählte er mir, er sei ein paar Tage zuvor mit seinem Stiefsohn in Streit geraten – worüber, wollte er nicht sagen –, und der habe ihn verprügelt und ihm den Kiefer gebrochen. Er sei im Krankenhaus gewesen und würde in zwei Tagen operiert, aber man habe ihm ein Rezept für ein Schmerzmittel gegeben und ihn dann weggeschickt. Das Problem war nur, dass er kein Geld hatte, um das Rezept einzulösen, und deshalb saß er allein da und weinte. Beinahe hätte ich gesagt: Haben Sie denn keine Freunde? Gibt es niemanden, der Ihnen helfen kann? Aber es war klar, er hatte niemanden. Und so saß er mit seinem gebrochenen Kiefer da und heulte leise vor sich hin, allein.
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Die führende Expertin zum Thema Einsamkeit in Deutschland, Professor Dr. Maike Luhmann, erklärte mir, noch bis vor Kurzem sei die Diskussion darüber tabu gewesen. »Ich denke, Einsamkeit wird immer noch stark stigmatisiert – die Menschen geben nicht gern zu, einsam zu sein.« Folglich »gibt es auch nicht viele, die zum Thema Einsamkeit in Deutschland forschen … Ich denke, das ist ein Gebiet, das lange Zeit nicht wirklich im öffentlichen Bewusstsein war.«
Doch den Belegen, die uns zur Verfügung stehen, können wir entnehmen, »dass die historischen Trends starke Ähnlichkeit mit der Entwicklung in den USA haben. Man nehme nur die Zahl der Single-Haushalte [also die Haushalte, in denen eine Person allein lebt] – sie ist definitiv im Anstieg begriffen«, sagt Luhmann. In Deutschland sind dies siebzehn Millionen von einundvierzig Millionen Haushalten.
Ein weiteres Beispiel für diesen umfassenderen sozialen Zusammenbruch ist, dass Deutschland »früher eine starke Vereinskultur hatte«. Man kam zusammen, um »Sport wie etwa Fußball zu treiben, im Chor zu singen oder welchem Hobby auch immer nachzugehen. All das geschah in diesen kleinen Organisationen. Traditionell spielte das eine enorm große gesellschaftliche Rolle. Die Leute engagierten sich dort ehrenamtlich und waren wirklich Teil der Gruppe. Das hat sich geändert, und die Menschen haben nicht mehr so viel Zeit für diese Dinge.« Es gibt viele Gründe dafür, doch zum Teil »hat es mit dem Wandel in der Arbeitswelt zu tun – die Arbeitgeber verlangen mehr Arbeitsstunden«.
Eine detaillierte Studie zu Depressionen in Deutschland, finanziert vom Bundesgesundheitsministerium, ergab, dass die Zahl der Erkrankungen in Kleinstädten am niedrigsten ist – also dort, wo die Menschen einander noch kennen und die Rate der Einsamkeit am geringsten ist – und viel höher in Großstädten und in ländlichen Gebieten, wo die Menschen weniger soziale Kontakte haben.
Bei einer sehr kleinteiligen Erhebung unter Deutschen antwortete die überwältigende Mehrheit – es waren 91,6 Prozent – auf die Frage, was ihrer Meinung nach am besten gegen Depressionen helfe: Freundschaft. Die Deutschen erkennen demnach instinktiv, dass Einsamkeit ein wichtiger Motor der gegenwärtigen Verbreitung von Depressionen ist.
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Als Kind war mir nicht bewusst, dass mir soziale Kontakte fehlten. Doch in den Gesprächen mit den Wissenschaftlern, die Studien zur Einsamkeit durchgeführt hatten, fiel mir eine Kleinigkeit wieder ein. Bis zum Anfang meiner Teenagerzeit hatte ich einen Tagtraum, nämlich dass alle Freunde meiner Eltern – die im ganzen Land verstreut lebten und die wir nur ein paarmal im Jahr sahen – in unsere Straße ziehen würden und ich zu ihnen gehen könnte, wenn es zu Hause schwierig war, was häufig vorkam. Diesen Tagtraum hatte ich jeden Tag. Doch in unserer Straße gab es nur Fremde, die sich genauso zurückzogen und genauso allein waren wie ich.
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Einmal hörte ich die Komikerin Sarah Silverman in einem Rundfunk-Interview, in dem sie erzählte, wie sie als Jugendliche zum ersten Mal von einer Depression niedergedrückt worden war. Ihre Mutter und ihr Stiefvater fragten sie, was los sei, aber sie fand die Worte nicht, um es zu beschreiben. Doch dann sagte sie schließlich, sie habe Heimweh, als befände sie sich in einem Sommerlager. Als sie dies gegenüber ihrem Interviewer, Terry Gross von der Sendung Fresh Air auf NPR, erwähnte, schien sie es selbst merkwürdig zu finden, weil sie Heimweh gehabt hatte, obwohl sie zu Hause gewesen war. 20
Ich glaube, ich weiß, wovon sie damals gesprochen hat. Wenn wir heute über unser Zuhause sprechen, meinen wir nur unsere vier Wände und (wenn wir Glück haben) unsere Kleinfamilie. Doch das hat es für keinen Menschen vor uns bedeutet. Für sie war das Zuhause die Gemeinschaft – ein dichtes Netz von Menschen, mit denen sie zusammenlebten, eine Sippe eben. Aber das gibt es fast nirgendwo mehr. Unser Zuhause ist so stark und so schnell geschrumpft, dass es unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit nicht mehr erfüllt. Und deshalb haben wir Heimweh, auch wenn wir daheim sind.
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Während Cacioppo nachwies, wie es bei Menschen zu diesem Phänomen kam, gingen andere Wissenschaftler demselben Phänomen bei Tieren nach. So teilte beispielsweise die Professorin Martha McClintock Laborratten in zwei Gruppen ein. Einige Ratten wurden allein in einem Käfig gehalten, die anderen lebten gemeinschaftlich. Bei den isoliert lebenden Ratten entwickelten sich vierundachtzigmal häufiger Krebstumore als bei denjenigen, die in einer Gemeinschaft lebten. 21
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Viele Jahre nach Beginn seiner Experimente und Recherchen entdeckte Cacioppo eine grausame Wendung in dieser Geschichte. Beim Gehirnscanning einsamer Menschen fiel ihm etwas auf. Diese Menschen machten mögliche Bedrohungen in hundertfünfzig Millisekunden aus, während Menschen mit guten sozialen Kontakten dafür dreihundert Millisekunden brauchten. Warum war das so?
Wie er herausfand, führt lang anhaltende Einsamkeit dazu, dass man sich sozial verschließt und bei sozialen Kontakten misstrauischer reagiert. Man wird überwachsam. Man fasst etwas als Beleidigung auf, was gar nicht so gemeint war, und fürchtet sich vor Fremden. Man ängstigt sich gerade vor dem, was man am dringendsten braucht. Cacioppo bezeichnet das als »Schneeballeffekt«, da Isolation zu noch mehr Isolation führt.
Einsame Menschen suchen ständig nach Bedrohungen, da ihr Unterbewusstsein ihnen sagt, dass niemand auf sie aufpasst und ihnen daher niemand helfen wird, wenn sie verletzt werden. Dieser Schneeballeffekt ist, wie Cacioppo erkannte, reversibel – doch um einem depressiven oder äußerst ängstlichen Menschen zu helfen, muss man ihm mehr Liebe und Bestätigung geben, als er ursprünglich benötigt hätte.
Das Tragische dabei ist, fand Cacioppo, dass viele depressive und ängstliche Menschen weniger Liebe bekommen, weil sie Nähe kaum ertragen können. Stattdessen erfahren sie Ablehnung und Kritik, und das verstärkt ihren Rückzug aus ihrer Umgebung. Der Schneeball rollt in eine immer kältere Welt.
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Nachdem Cacioppo jahrelang Studien mit Menschen durchgeführt hatte, die sich einsam fühlten, stellte er sich eine verblüffend elementare Frage: Was ist Einsamkeit? Sie zu beantworten erwies sich als unerwartet schwierig. Wenn er Leute fragte, ob sie einsam seien, wussten sie sofort, was er meinte, aber es fiel ihnen nicht leicht, es genauer zu benennen. Anfangs, als ich noch nicht viel darüber nachgedacht hatte, ging ich davon aus, es bedeute einfach, physisch allein zu sein, des Kontakts zu anderen beraubt. Ich sah eine alte Frau vor mir, die zu gebrechlich war, um das Haus zu verlassen, und die keinen Besuch bekam.
Aber Cacioppo fand heraus, dass das nicht zutraf. Bei seinen Studien stellte sich heraus, dass sich einsam zu fühlen etwas anderes ist, als einfach allein zu sein. Überraschenderweise hatte das Gefühl der Einsamkeit nicht viel damit zu tun, mit wie vielen Menschen jemand am Tag oder in der Woche sprach. Manche seiner Probanden, die sich am einsamsten fühlten, sprachen sogar tagtäglich mit einer Vielzahl von Menschen. »Die Übereinstimmung zwischen tatsächlichen und empfundenen Beziehungen ist relativ gering«, sagt er.
Das gab mir Rätsel auf. Aber dann meinte er, ich solle mir vorstellen, allein in einer großen Stadt zu sein, in der ich kaum jemanden kennen würde, und einen großen Platz aufsuchen würde – zum Beispiel den Times Square, den Vegas Strip oder die Place de la République. Ich wäre nicht mehr allein, denn der Ort sei ja voller Menschen. Dennoch würde ich mich einsam fühlen – wahrscheinlich sogar höchst einsam. Oder stellen Sie sich vor, Sie lägen auf einer Krankenhausstation, auf der viel Betrieb herrscht. Sie sind nicht allein, denn Sie sind umgeben von anderen Patienten. Sie brauchen nur auf einen Knopf zu drücken, und in wenigen Augenblicken ist eine Krankenschwester bei Ihnen. Dennoch werden Sie sich wie fast jeder in dieser Situation einsam fühlen. Warum?
Als Cacioppo dieser Frage nachging, stellte er fest, dass in seiner Theorie ein Aspekt der Einsamkeit und ihrer Überwindung fehlte.
Um die Einsamkeit zu durchbrechen, braucht man andere Menschen – aber nicht nur das. Man braucht außerdem das Gefühl, etwas mit der anderen Person oder Gruppe gemeinsam zu haben, das für beide Seiten bedeutsam ist. Man muss ein gemeinsames Interesse haben – und das kann alles sein, was beide für bedeutsam und wertvoll halten. Wenn Sie sich an Ihrem ersten Nachmittag in New York auf dem Times Square aufhalten, sind Sie nicht allein, aber Sie fühlen sich einsam, weil sich niemand um Sie schert, und Sie scheren sich auch nicht um die anderen. Sie teilen weder Ihre Freude noch Ihr Leid mit anderen. Sie bedeuten den Menschen in Ihrer Umgebung nichts, und sie bedeuten Ihnen nichts.
Auch als Patient in einem Krankenhausbett sind Sie nicht allein, aber die Hilfe fließt nur in eine Richtung. Die Krankenschwester ist dazu da, Ihnen zu helfen, aber Sie sind nicht dort, um ihr zu helfen – wenn Sie es versuchen würden, würde man Sie daran hindern. Eine einseitige Beziehung kann die Einsamkeit nicht heilen. Das vermögen nur beidseitige (oder mehrseitige) Beziehungen.
Einsamkeit ist nicht die physische Abwesenheit anderer Menschen, meinte Cacioppo – sie ist das Gefühl, dass man nichts, was zählt, mit irgendjemandem teilt. Wenn man von einer Vielzahl von Menschen umgeben ist – vielleicht sogar von einem Ehepartner oder einer Familie oder vielen Arbeitskollegen –, aber nichts Bedeutsames mit ihnen gemeinsam hat, wird man sich dennoch einsam fühlen. Um die Einsamkeit zu beenden, muss man das Gefühl »gegenseitiger Hilfe und Geborgenheit« bei mindestens einer Person, idealerweise aber bei mehreren haben.
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Ich dachte lange darüber nach. In den Monaten nach meinem letzten Gespräch mit Cacioppo fiel mir eine Selbsthilfefloskel auf, die die Leute unablässig einander vorsprechen und laufend auf Facebook teilen: »Du kannst dir nur selbst helfen.«
Mir wurde klar, dass wir seit den Dreißigerjahren in jedem Jahrzehnt nicht nur mehr allein machen. Wir glauben auch, Dinge allein zu machen sei der natürliche Zustand des Menschen und die einzige Möglichkeit, im Leben voranzukommen. 22 Seither beherrscht uns der Gedanke: Ich sorge für mich selbst, und alle anderen sollten das auch tun, als Individuen. Niemand kann dir helfen außer du selbst. Niemand kann mir helfen außer ich selbst. Dieses Denken ist inzwischen so tief in unsere Kultur eingeschrieben, dass wir es niedergeschlagenen Menschen als Wohlfühlklischee vorhalten – als könnte es ihre Stimmung aufhellen.
Aber Cacioppo konnte nachweisen, dass damit die Menschheitsgeschichte verleugnet wird – und die menschliche Natur. Es führt dazu, dass wir unsere grundlegenden Instinkte verkennen, und es macht uns schrecklich unglücklich.
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Als Cacioppo damals in den Siebzigerjahren erstmals diese Fragen aufwarf, meinten seine Professoren, soziale Faktoren seien weitgehend irrelevant (oder zu komplex, um sie zu erforschen), wenn man wissen wolle, was bei Stimmungs- und Gefühlsveränderungen im menschlichen Gehirn geschieht. In den folgenden Jahren hat Cacioppo schlüssig nachgewiesen, dass soziale Einflüsse – ganz im Gegenteil – sogar ausschlaggebende Faktoren sein können. Er ebnete einer Denkschule den Weg, die eine neue Auffassung vom Gehirn vertrat: den »sozialen Neurowissenschaften«. 23 Wie ich später darlegen werde, verändert sich das Gehirn je nachdem, wie man es benutzt. Cacioppo sagte zu mir: »Die Vorstellung, das Gehirn sei statisch und festgelegt, ist falsch. Es verändert sich ständig.« Einsamkeit verändert das Gehirn, von Einsamkeit befreit zu werden ebenfalls. Schaut man also nicht auf beides, das Gehirn und auf die sozialen Faktoren, die es verändern, versteht man nicht, was sich eigentlich abspielt.
Das menschliche Gehirn war nie eine Insel. Und das gilt heute ebenso wie früher.
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Und doch spricht etwas ganz Offensichtliches gegen die Behauptung, dass wir unsere Bindungen verlieren, etwas, das mir nicht aus dem Kopf ging. Ja, wir haben eine Form von Bindung verloren – aber haben wir nicht eine ganz neue gewonnen?
Ich habe soeben Facebook geöffnet. Wie ich sehe, sind siebzig meiner Freunde gerade online. Bei meinen Recherchen stieß ich immer wieder auf diesen offensichtlichen Widerspruch: Ich bereiste die halbe Welt, um zu erforschen, wie wir zutiefst bindungslos geworden sind – und wenn ich dann mein Laptop öffnete, wurde mir vor Augen geführt, dass wir heute mehr verbunden sind als jemals in der Geschichte der Menschheit.
Es wurde viel darüber geschrieben, in welchen Gefühlszustand uns unsere mentale Migration in den Cyberspace – die Tatsache, dass wir dort so viel Zeit verbringen – versetzt. Doch als ich mich in diese Frage vertiefte, wurde mir klar, dass wir den wichtigsten Punkt dabei übersehen haben. Das Internet versprach uns genau in dem Moment Verbundenheit, in dem die umfassenderen Kräfte des Bindungsverlusts einen Höhepunkt erreicht hatten.
Was dies bedeutet, begriff ich erst, als ich das erste Entzugszentrum für Internetsüchtige in den Vereinigten Staaten besuchte. Doch zunächst müssen wir einen Schritt zurückgehen, um zu sehen, warum dieses Zentrum gebaut wurde.
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Mitte der Neunzigerjahre marschierte eines Tages ein Fünfundzwanzigjähriger in Dr. Hilarie Cashs Praxis unweit des Hauptbüros von Microsoft in Washington State. Sie war Psychotherapeutin und er ein gut aussehender, adrett gekleideter junger Mann. Nach dem Austausch von Höflichkeiten erzählte er ihr von seinem Problem.
James stammte aus einer Kleinstadt und war der Star an seiner Schule gewesen. 24 Er bestand seine Prüfungen mit Bestnote und wurde Kapitän einer Sportmannschaft. Der Weg in die Ivy League war ein Spaziergang für ihn, und er verließ voller Stolz seine Gemeinschaft. Doch dann begann er ein Studium an einer Spitzenuniversität und erschrak. Zum ersten Mal in seinem Leben war er nicht der Klügste im Raum. Er beobachtete, wie die Leute sprachen, die Rituale, an denen er teilnehmen sollte, die sonderbaren Grüppchen, die sich bildeten, und fühlte sich zutiefst allein. Er zog sich, während die anderen Studenten Kontakte miteinander knüpften, in sein Zimmer zurück, schaltete seinen Computer ein und lud ein Spiel namens EverQuest hoch, eins der ersten, die man zeitgleich mit einer Vielzahl anonymer Fremder irgendwo draußen im Cyberspace spielen konnte. Auf diese Weise war er mit anderen verbunden, allerdings in einer Welt, in der klare, überschaubare Regeln herrschten und er wieder wer sein konnte.
James schwänzte immer häufiger Vorlesungen und Seminare, um EverQuest zu spielen. Im Lauf der folgenden Monate verschlang es mehr und mehr von seinem Leben. James tauchte buchstäblich in diese elektronische Welt ein. Nach einer Weile teilte ihm die Universität mit, er könne so nicht weitermachen. Doch er kehrte immer wieder zu dem Spiel zurück, als wäre es eine heimliche Geliebte, die ihn nicht losließ.
Als er von der Universität verwiesen wurde, waren seine Angehörigen zu Hause fassungslos. Dann heiratete er eine Freundin aus der Highschool und versprach ihr, einen kalten Entzug vom Spielen zu machen. Er fand Arbeit im Computerbereich und schien langsam wieder auf den richtigen Weg zu kommen. Doch wenn er sich einsam fühlte oder nicht weiterwusste, überfiel ihn wieder die alte Sucht. Eines Abends wartete er, bis seine Frau eingeschlafen war, schlich sich die Treppe hinunter und lud EverQuest hoch. Bald wurde das zu einem täglichen Verhaltensmuster. James war ein heimlicher Spielsüchtiger. Dann kam der Tag, an dem er wartete, bis seine Frau zur Arbeit ging, er sich bei seinem Arbeitgeber krankmeldete und bis zum Abend spielte. Auch das wurde zur Gewohnheit. Schließlich kündigte ihm sein Arbeitgeber. Er brachte es nicht über sich, es seiner Frau zu sagen, und so bezahlte er die Rechnungen mit der Kreditkarte. Je größer der Druck wurde, desto mehr spielte er.
Als er Hilarie Cash aufsuchte, lag sein Leben in Scherben. Seine Frau hatte entdeckt, was er getan hatte, und er selbst hegte Suizidgedanken.
Damals, Mitte der Neunzigerjahre, als sie erstmals mit solchen Fällen konfrontiert wurde, hatte Cash noch keine Erfahrung mit problematischen Beziehungen zum Internet – niemand hatte das. Doch mit der Zeit kamen immer mehr Patienten zu ihr, die dem Zwang unterlagen, ihr Leben in Online-Welten zu verbringen. Einmal wandte sich eine Frau an sie, die süchtig nach Online-Chats war: Sie hatte stets sechs Fenster gleichzeitig geöffnet und stellte sich vor, eine Liebesbeziehung oder Cybersex mit allen Chat-Partnern zu haben. Ein junger Mann konnte nicht aufhören, eine Online-Version von Dungeons & Dragons zu spielen. Und es kamen immer mehr.
Anfangs wusste Cash nicht, wie sie damit umgehen sollte. »Ich ging meist nach Instinkt vor«, erzählte sie mir, als wir in einem Landgasthaus in Washington State zusammensaßen. Es gab kein Regelwerk für die Behandlung. Und heute sagt sie, wenn sie an jene ersten Patienten denkt: »Es kommt mir vor, als hätte ich ein Rinnsal gesehen, das zur Flut anschwoll. Und diese Flut wird nun zu einem Tsunami.«
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Ich stieg aus dem Wagen und trat auf eine Lichtung im Wald. Die Ahornbäume und Zedern um mich herum wiegten sich im Wind. Von einem Gebäude, das aussah wie ein Farmhaus, rannte kläffend ein kleiner Hund auf mich zu. Irgendwo in der Ferne hörte ich die Geräusche anderer Tiere, hätte aber nicht sagen können, um welche es sich handelte und wo sie sich befanden. Ich stand vor reSTART Life, einem Entzugszentrum für Internet- und Spielsüchtige, das Hilarie Cash zehn Jahre zuvor mit Kollegen gegründet hatte.« 25
Aus einem Reflex heraus und ohne nachzudenken, sah ich auf mein Smartphone. Es hatte keinen Empfang, und ich verspürte – absurderweise – einen Anflug von Unmut.
Zunächst wurde ich von zwei Patienten herumgeführt. Matthew war ein magerer junger Sinoamerikaner Mitte zwanzig, Mitchell ein dreißigjähriger Weißer – kumpelhaft, hübsch und mit schütter werdendem Haar. 26 Das ist der Sportraum, erklärten sie, wir machen hier Gewichtheben. Das ist die Meditationshütte, in der wir Achtsamkeit üben. Das ist die Küche, in der wir kochen lernen.
Und dann setzten wir uns in den Wald gleich hinter dem Gebäude und unterhielten uns. Matthew erzählte mir, wenn er sich allein gefühlt habe, verbarg er es und »benutzte den Computer als eine Art Flucht«. Von Jugend an war er ganz versessen auf League of Legends gewesen. »Es ist ein Fünf-gegen-fünf-Spiel«, erklärte er mir. »In einem Team sind fünf Leute. Man arbeitet zusammen auf ein gemeinsames Ziel hin, und jeder hat bestimmte eigene Ziele. Es ist sehr komplex … Ich war glücklich, wenn ich es spielte – und hyperfokussiert.« Bevor er in das Zentrum kam, spielte er es vierzehn Stunden am Tag. Er war ohnehin schon mager gewesen, aber er verlor noch weitere vierzehn Kilo, weil er nicht einmal eine Pause machen wollte, um etwas zu essen. Er sagte: »Ich saß so ziemlich die ganze Zeit davor.«
Mitchells Geschichte hörte sich ganz ähnlich an. Solange er denken konnte, entfloh er der Isolation aufgrund einer schwierigen Situation zu Hause, indem er Informationen über alles sammelte, was ihn faszinierte. Als Kind lagerte er Berge von Zeitungsartikeln unter seinem Bett. Mit zwölf entdeckte er das Internet über Telefoneinwahl und druckte sich Unmengen an Lektüre aus – »bis ich umfiel«, sagte er. Er konnte einfach sein Bedürfnis nach Informationen nicht regulieren, nicht sagen: Okay, für heute habe ich genug erfahren. Als er eine Stelle als Softwareentwickler bekam und eine Anweisung erhielt, durch die er sich unter Druck gesetzt fühlte, jagte er endlos durch Kaninchenlöcher im Internet. Er hatte zu jedem denkbaren Zeitpunkt dreihundert Tabs geöffnet.
Matthew und Mitchell kamen mir sehr vertraut vor. Der typische Westler des 21. Jahrhunderts checkt alle sechseinhalb Minuten sein Handy. 27 Teenager versenden durchschnittlich hundert Botschaften am Tag. Und zweiundvierzig Prozent der Handybesitzer schalten ihr Gerät niemals ab. Nie.
In Deutschland verbringen Teenager im Alter zwischen zwölf und siebzehn Jahren im Durchschnitt zweieinhalb Stunden täglich in den sozialen Medien. Bei Mädchen liegt die Zahl sogar bei dreieinhalb Stunden täglich. Tag für Tag für Tag.
Wenn wir nach einer Erklärung dafür suchen, wie es dazu kommen konnte, wird uns ständig gesagt, die Hauptursache liege in der Technologie selbst. Jede neue E-Mail, die im Posteingang landet, sorgt für einen kleinen Dopaminstoß. Es heißt, etwas an den Smartphones mache süchtig. Wir geben dem Gerät die Schuld. Doch als ich mich in diesem Entzugszentrum für Internetsüchtige aufhielt und über meinen eigenen Umgang mit dem Internet nachdachte, fragte ich mich, ob es nicht noch eine andere, zutreffendere Erklärung gab.
Fast alle, die in diesem Zentrum behandelt wurden, sagte mir Hilarie Cash, haben bestimmte Dinge gemeinsam. Sie hatten ausnahmslos Depressionen oder Angstzustände, bevor die Sucht begann. Für die Patienten sei die Internetobsession eine Art der »Flucht aus diesen Angstzuständen durch Ablenkung. Genau das trifft auf neunzig Prozent der Fälle zu.«
Vor ihrer Internetsucht hatten sie sich in der Welt verloren und isoliert gefühlt. Dann aber bot die Online-Welt diesen jungen Menschen Dinge, nach denen sie sich sehnten, die aber aus ihrer Umwelt verschwunden waren – etwa ein Ziel, das einem wichtig ist, einen Status oder eine Sippe. »Die besonders beliebten Spiele«, sagt Cash, »sind die mit vielen Spielern, in denen es darum geht, Teil einer Gilde – das heißt eines Teams – zu werden und sich in dieser Gilde Ansehen zu erwerben. Das Positive für diese Jungs ist, dass sie sagen können: ›Ich bin ein Team-Player. Ich weiß, wie ich mit meinen Jungs zusammenarbeiten muss.‹ Das ist im Grunde nichts anderes als Sippendenken.« Sobald man das erreicht habe, so Cash, »kann man in eine andere Wirklichkeit eintauchen und völlig aus dem Auge verlieren, wo man sich befindet. Man fühlt sich durch die Herausforderungen belohnt, durch die Gelegenheit zur Zusammenarbeit, die Gemeinschaft, deren Teil man ist und in der man Respekt genießt – und [man] hat viel mehr Kontrolle darüber als über die wirkliche Welt.«
Ich dachte lange darüber nach – darüber, dass bei allen hier Depressionen und Angstzustände der zwanghaften Internetnutzung vorausgegangen waren. Diese sei, so Cash, ein dysfunktionaler Versuch, das Leiden zu beenden, in dem sie bereits gefangen waren, zum Teil verursacht durch das Gefühl des Alleinseins in der Welt. Was ist, wenn das nicht nur für die Menschen hier gilt, fragte ich mich, sondern für viele andere auch?
Das Internet traf auf eine Welt, in der viele Menschen bereits das Gefühl, einer Gemeinschaft anzugehören, verloren hatten. Dieser Kollaps war damals schon seit Jahrzehnten im Gange. Das aufkommende Internet bot ihnen eine Art Parodie dessen, was sie zusehends verloren – Facebook-Freunde statt Nachbarn, Videospiele statt sinnvoller Arbeit, Status-Updates statt Status in der Welt. Der Komiker Marc Maron schrieb einmal: »Jedes Status-Update ist nur die Variation einer einzigen Bitte: ›Würde mir bitte jemand Anerkennung schenken?‹« 28
»Wenn die Kultur, in die man eingebettet ist, nicht gesund ist«, sagte Cash zu mir, »ist am Ende auch das Individuum nicht gesund. Ich habe in letzter Zeit viel darüber nachgedacht. Und dann« – sie fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und wandte den Blick ab – »war ich entmutigt.« Wir leben, so glaubt sie, in einer Kultur, in der die Menschen nicht »die Beziehungen haben, die sie für ihre Gesundheit benötigen«, und deshalb können wir unsere Smartphones nicht beiseitelegen und ertragen es nicht, uns auszuloggen. Wir reden uns ein, dass wir einen so großen Teil unseres Lebens im Cyberspace verbringen, weil wir dort miteinander verbunden sind – eingeloggt in eine wirbelnde Party mit Milliarden Menschen. »Das ist so ein Schwachsinn«, meint Hilarie Cash. Sie hat überhaupt nichts gegen diese Technologie – sie ist selbst auf Facebook, und es gefällt ihr –, aber »ich sage, das ist nicht das, was wir wirklich brauchen«; es ist nicht wesentlich für uns. »Die Beziehung, die wir brauchen, ist die hier« – sie wedelt mit ihrer Hand zwischen sich und mir hin und her – »also zu einem realen Gegenüber, eine, bei der wir einander sehen, berühren, riechen und hören können … Wir sind soziale Wesen. Wir sollten auf angstfreie, fürsorgliche Weise miteinander verbunden sein, und wenn diese Verbindung über einen Bildschirm stattfindet, ist das überhaupt nicht gegeben.«
In diesem Moment wurde mir klar, dass online zu sein und physisch mit Menschen Umgang zu haben zwei so verschiedene Dinge sind wie Pornografie und Erotik: Erstere ist eine Antwort auf eine elementare Lust, befriedigt sie aber nicht wirklich. Cash sah mich an, dann fiel ihr Blick auf mein Handy auf dem Tisch. »Die Bildschirm-Technologie erfüllt nicht unsere wahren Bedürfnisse.«
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Nach seinen jahrelangen Forschungen zur Einsamkeit ist John Cacioppo zu einem klaren Ergebnis gekommen: Die sozialen Medien können auf psychischer Ebene nicht ersetzen, was wir verloren haben: das soziale Leben.
Mehr noch, unsere obsessive Nutzung der sozialen Medien ist der Versuch, ein Loch zu füllen, eine Aushöhlung, die stattfand, bevor irgendjemand ein Smartphone besaß. Sie ist – wie der Großteil unserer Depressionen und Ängste – ein weiteres Symptom unserer gegenwärtigen Krise.
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Kurz bevor ich das Entzugszentrum verließ, wollte Mitchell – der kumpelhafte Bewohner – mir etwas zeigen. »Es ist etwas wirklich Schönes, was ich dort drüben bemerkt habe«, sagte er, als wir einen kleinen Spaziergang machten. »Ein Spinnenei, das oben in einem Baum ausgebrütet wurde. Man erkennt das, wenn man [den Zeichentrickfilm] Charlotte’s Web [dt. Schweinchen Wilbur und seine Freunde ] gesehen hat. Am Ende schlüpfen dort die Spiderlinge, und dann sondern sie ihre Fäden ab und lassen sich davontragen. Genau das ist hier passiert! Bei jeder starken Brise sieht man, wie Fäden aus der Krone herausschießen.«
Er habe mit den anderen Jungs im Entzugszentrum stundenlang darüber diskutiert, erzählte er mir. Dabei sah er einen seiner Mitbewohner an und lächelte.
In einem anderen Kontext hätte ich das ziemlich kitschig gefunden – seht her, der Internetsüchtige tauscht das World Wide Web gegen die Freuden eines realen Spinnennetzes und ein Netz von Verbindungen von Angesicht zu Angesicht! Aber Mitchells Gesicht verriet echte Freude, und das belehrte mich eines Besseren. Wir sahen beide lange zum Baum hinauf. Er schwieg eine Weile. Dann sagte er: »Das ist wirklich interessant, und ich habe so etwas vorher noch nie zu sehen bekommen.«
Ich war bewegt und nahm mir vor, daraus zu lernen.
Und dann, nach zehn Minuten Fahrt in meinem Auto, verspürte ich einen Stich der Einsamkeit und bemerkte, dass mein Smartphone wieder auf Empfang war. Ich checkte sofort meine E-Mails.
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Wenn meine Eltern heute die Orte aufsuchen, wo sie aufgewachsen sind – und wo es in ihrer Kindheit ein reiches Gemeinschaftsleben gab –, stellen sie fest, dass sie sich in ein zweites Edgware verwandelt haben. Die Menschen nicken kurz zur Begrüßung und schließen die Türen hinter sich. Diese Verbindungslosigkeit hat sich über die ganze westliche Welt ausgebreitet. John Cacioppo, der uns viel über Einsamkeit gelehrt hat, zitiert gern den Biologen E.O. Wilson, der einmal schrieb: »Menschen müssen einer Sippe angehören.« So wie eine Biene in völlige Verwirrung gerät, wenn sie ihren Stock verliert, wird ein Mensch verrückt, wenn er seine Verbindung zur Gruppe verliert.
Cacioppo hatte entdeckt, dass wir – ohne es eigentlich zu wollen – die ersten Menschen sind, die ihre Sippe aufgelöst haben. Die Folge ist, dass wir uns allein in einer Savanne wiederfinden, in der wir uns nicht auskennen, und nicht verstehen, warum wir traurig sind.