Kapitel 9:
Ursache vier: Abgeschnitten vom Kindheitstrauma
Als die Frauen zum ersten Mal in Dr. Vincent Felittis Sprechzimmer kamen, passten einige von ihnen kaum durch die Tür. Die Patientinnen waren nicht nur leicht übergewichtig, sondern aßen so viel, dass sie Diabetikerinnen geworden waren und ihre inneren Organe zu zerstören drohten. Offenbar konnten sie sich nicht zügeln. Dass man sie hierher, in Felittis Klinik, überwiesen hatte, war ihre letzte Chance. 1
Es war Mitte der Achtzigerjahre, und der gemeinnützige medizinische Dienstleister Kaiser Permanente im kalifornischen San Diego hatte Felitti beauftragt, sich intensiv mit dem am schnellsten wachsenden Kostentreiber zu befassen: der Fettleibigkeit. Nichts, was bisher unternommen worden war, hatte Wirkung gezeigt, weshalb man ihm jetzt völlig freie Hand ließ. Er sollte noch einmal ganz von vorne anfangen, um herauszufinden, was sich tun ließe. Und so lud Felitti Betroffene zu sich in die Klinik. Was er bei seiner Arbeit mit ihnen entdeckte, führte letztlich jedoch zu einem großen Durchbruch auf einem völlig anderen Gebiet, nämlich in unserem Verständnis von Depressionen und Ängsten.
***
Als Felitti sämtliche Hypothesen beiseitegetan hatte, die sich um Adipositas rankten, erfuhr er von einem neuen Diätplan, der auf einem fast unverschämt simplen Gedanken beruhte: Was, wenn diese schwer übergewichtigen Menschen einfach aufhören würden zu essen, um bis zum Erreichen ihres Normalgewichts von den Fettspeichern zu leben, die sich in ihrem Körper angesammelt hatten? Was würde passieren?
Zufälligerweise war von einem derartigen Experiment gerade kürzlich in den Nachrichten berichtet worden. Allerdings hatte es fast dreizehntausend Kilometer entfernt und vor einem etwas sonderbaren Hintergrund stattgefunden. In Nordirland galten Häftlinge, die sich an Gewaltaktionen der IRA gegen die Briten beteiligt hatten, jahrelang als politische Gefangene. Das heißt, sie wurden anders behandelt als zum Beispiel Bankräuber. Sie durften ihre eigene Kleidung tragen und mussten auch nicht dieselben Arbeiten verrichten wie die übrigen Gefängnisinsassen.
Dann aber beschloss die britische Regierung, diese Unterscheidung abzuschaffen – und zwar mit der Begründung, diese Gefangenen seien einfach normale Kriminelle und sollten das auch spüren. Daraufhin traten die betroffenen Häftlinge in Hungerstreik, an dem allmählich immer mehr von ihnen starben. 2
Die Erfinder dieser neuartigen Diät, die wissen wollten, was letztlich die konkrete Todesursache der nordirischen Kämpfer war, sahen sich die medizinischen Befunde der Verstorbenen an und prüften die verschiedenen Symptome, die durch die Verweigerung der Nahrungsaufnahme entstanden waren. Dabei stellten sie fest, dass es als Erstes zu einem Kalium- und Magnesiummangel kam, der zu einer Störung des Herzschlags führt. Gut, man brauchte den Leuten also nur Kalium und Magnesium zuzuführen, um das zu verhindern, meinten die Erfinder der Radikaldiät. Bei ausreichenden Fettspeichern würden sie ein paar Monate länger leben – bis sie an Proteinmangel starben.
Okay, also müsste man ihnen den entsprechenden Ersatz verabreichen, wodurch sich ihr Leben, ein entsprechender Fettvorrat vorausgesetzt, um ein Jahr verlängern würde. Dann aber würden sich der Vitamin-C-Mangel – Skorbut – oder andere Mangelzustände bemerkbar machen. Doch auch diese Stoffe könnte man ersetzen. Es sah also ganz so aus, als könnte man die Diät, wie Felitti in der medizinischen Literatur bestätigt fand, ohne Schäden überleben und dabei etwa hundertdreißig Kilogramm im Jahr verlieren. 3 Danach könnte man wieder anfangen zu essen, und zwar auf gesunde Art.
All das deutete darauf hin, dass theoretisch selbst ein äußerst fettleibiger Mensch in überschaubarer Zeit ein Normalgewicht erreichen konnte. Die Patientinnen, die zu Felitti kamen, hatten schon vieles durchgemacht, hatten erfolglos alle Modediäten ausprobiert, waren bloßgestellt und bedrängt worden. Nichts hatte etwas bewirkt. Sie waren zu allem bereit. Also nahmen sie nun – unter sorgfältiger Beobachtung und mit zahllosen Kontrolluntersuchungen – an Felittis Studie teil. Und im Lauf der Monate zeigte sich, dass es funktionierte. Die Probandinnen nahmen ab. Sie wurden auch nicht krank – im Gegenteil, sie wurden gesünder. Nachdem sie durch ständiges Essen zu Behinderten geworden waren, wurden sie nun Zeuge, wie sich ihr Körper nach und nach verwandelte.
Freunde und Verwandte spendeten ihnen Beifall. Bekannte waren verblüfft. Felitti glaubte, die Lösung für extremes Übergewicht gefunden zu haben. »Ich dachte, mein Gott, wir haben das Problem endlich im Griff«, sagte er.
Doch dann geschah etwas, womit er nie gerechnet hätte.
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In dem Projekt gab es einige Stars: Probanden, die in bemerkenswert kurzer Zeit bemerkenswert stark abgenommen hatten. Das medizinische Team sowie alle ihre Freunde gingen davon aus, dass sie sich darüber freuten, wieder gesund zu sein. Aber das war nicht der Fall.
Diejenigen, die am meisten Gewicht verloren hatten, wurden häufig von einer brutalen Depression, von Panik oder Wut überfallen. Manche zeigten sogar Suizidtendenzen. 4 Sie hatten das Gefühl, ohne ihre dicken Fettpolster das Leben nicht mehr meistern zu können und unglaublich verwundbar zu sein. 5 Häufig nahmen sie Reißaus, schlangen Fastfood in sich hinein und legten sehr schnell wieder an Gewicht zu.
Felitti war ratlos. Sie flohen aus einem gesunden Körper, den sie, wie sie mittlerweile wussten, haben konnten, in einen ungesunden, der sie umbringen würde. Warum? Es war nicht Felittis Art, sich als arroganter, moralisierender Arzt über seine Patientinnen zu stellen, mit dem Finger zu drohen und ihnen vorzuwerfen, sie würden ihr Leben aufs Spiel setzen. Er hatte den aufrichtigen Wunsch, ihnen dabei zu helfen, sich selbst zu retten. Deshalb packte ihn die Verzweiflung. Dann aber tat er etwas, was noch kein Wissenschaftler mit adipösen Menschen jemals gemacht hatte. Er gab ihnen keine Anweisungen mehr – er hörte ihnen zu. Er holte die Probandinnen, die in Panik geraten waren, als sie Pfund um Pfund verloren, zu sich und fragte sie: »Was ist passiert, als Sie abgenommen haben? Was haben Sie dabei empfunden?«
Unter den Teilnehmern des Programms befand sich eine achtundzwanzigjährige Frau, die ich hier Susan nenne, um der ärztlichen Schweigepflicht zu genügen. Unter Felittis Aufsicht war Susan in einundfünfzig Wochen von über hundertfünfundachtzig Kilogramm auf weniger als sechzig Kilogramm heruntergekommen, und es sah aus, als habe er ihr damit das Leben gerettet. Doch dann legte sie – ganz plötzlich und ohne ersichtlichen Grund – in einem Zeitraum von drei Wochen mehr als sechzehn Kilogramm zu. Und es dauerte nicht lange, bis sie wieder über hundertachtzig Kilogramm wog. Nun fragte Felitti sie vorsichtig, was sich verändert habe, als sie an Gewicht verlor. Es war für beide ein Rätsel. Sie unterhielten sich lange, und schließlich sagte Susan, es gebe da etwas. Als sie noch dick gewesen sei, habe ihr nie ein Mann Avancen gemacht, doch als sie auf ein gesundes Gewicht gekommen sei, habe sich ihr ein Kollege genähert, von dem sie zufällig wusste, dass er verheiratet war. Sie habe die Flucht ergriffen und umgehend angefangen, zwanghaft zu essen, ohne sich bremsen zu können.
An diesem Punkt kam Felitti auf die Idee, eine Frage zu stellen, die er seinen Patientinnen bisher noch nicht gestellt hatte. Wann haben Sie begonnen zuzunehmen? War es (sagen wir) mit dreizehn oder als Sie aufs College kamen – warum gerade da und nicht ein Jahr vorher oder ein Jahr später?
Susan dachte nach. Es habe mit elf angefangen, sagte sie dann. »Und ist in Ihrem Leben zu dieser Zeit noch etwas anderes passiert?«, fragte Felitti. »Hm«, erwiderte Susan, »damals ging es los, dass mich mein Großvater missbrauchte.«
Daraufhin stellte Felitti all seinen Patientinnen diese drei einfachen Fragen: Wie ging es Ihnen, als Sie Gewicht verloren? Zu welcher Zeit haben Sie begonnen zuzunehmen? Was ist damals sonst noch passiert? Im Lauf der Gespräche mit hundertdreiundachtzig Teilnehmern bildete sich ein Muster heraus. Eine Frau hatte plötzlich drastisch zugenommen, als sie dreiundzwanzig war. Was war damals passiert? Sie wurde vergewaltigt. Sie blickte zu Boden und sagte leise: »Übergewicht heißt, nicht wahrgenommen zu werden, und das brauche ich.« 6
»Ich konnte es nicht fassen«, sagte Felitti, als ich ihm in San Diego gegenübersaß. »Jede zweite Probandin, die ich befragte, räumte ein derartiges Erlebnis ein. Aber ich dachte weiterhin: Das kann einfach nicht sein. Man würde es doch wissen, wenn es stimmte. Irgendjemand hätte es mir erzählt. Ist dafür nicht auch die medizinische Fakultät zuständig?« Nachdem er fünf Kollegen hinzugezogen hatte, um weitere Gespräche zu führen, wussten sie, dass etwa fünfundfünfzig Prozent der Teilnehmer seiner Studie sexuell missbraucht worden waren – ein viel höherer Anteil als in der allgemeinen Bevölkerung. Und noch größer war der Prozentsatz derer, die eine schwer traumatische Kindheit gehabt hatten, darunter die meisten der Männer.
Viele der Frauen hatten sich ihr Übergewicht aus einem unbewussten Grund zugelegt: um sich vor der Aufmerksamkeit der Männer zu schützen, die sie, wie sie glaubten, verletzen würden. Dickleibige Frauen werden in der Regel kaum von Männern beachtet. Als sich Felitti wieder einmal eine zermürbende Geschichte von sexuellem Missbrauch anhörte, wurde ihm plötzlich etwas klar. »Was wir als das Problem angesehen hatten – die schwere Fettleibigkeit –, war in Wirklichkeit sehr häufig die Lösung von Problemen, von denen wir Übrigen nichts wussten.«
Damit stand Felitti vor der Frage, ob die Programme zur Bekämpfung der Adipositas – nicht zuletzt auch sein eigenes – ins Leere liefen, da sie (zum Beispiel) als wichtigen Bestandteil Ernährungsempfehlungen enthielten. 7 Fettleibige Menschen brauchten keine Ratschläge, was sie essen sollten, das wussten sie besser als er. Sie brauchten vielmehr jemanden, der begriff, warum sie so viel aßen. Nachdem er mit einer Probandin gesprochen hatte, die vergewaltigt worden war, erkannte er »mit ungemeiner Klarheit, dass es grotesk wäre, diese Frau zu einem Diätspezialisten zu schicken, um sich von ihm Ernährungstipps geben zu lassen«.
Felitti begriff, dass er diesen Menschen nichts beibringen, sondern vielmehr von ihnen erfahren konnte, was wirklich vor sich ging. Deshalb teilte er seine Patienten in Gruppen von etwa fünfzehn Personen ein und fragte sie: »Warum, glauben Sie, werden Menschen dick? Nicht wie. Das liegt ja auf der Hand. Ich meine, warum … Was bringt es ihnen?« Auf diese Weise zum ersten Mal ermutigt, darüber nachzudenken, begannen sie zu erzählen. Die Antworten erstreckten sich auf drei Bereiche. Erstens war die Esssucht ein Schutz vor der Sexualität: Dass sich die Männer nicht für sie interessierten, gab Frauen das Gefühl der Sicherheit. Zweitens war sie ein körperlicher Schutz. An dem Programm nahmen auch zwei Gefängniswärter teil, die fünfundvierzig beziehungsweise achtundsechzig Kilogramm abnahmen, sich dann jedoch plötzlich unter den Inhaftierten angreifbarer fühlten – sie konnten leichter zusammengeschlagen werden. Um ohne Angst durch diese Zellengänge patrouillieren zu können, erklärten sie mir, müssten sie das Format eines Kühlschranks haben.
Die dritte Art von Antworten betraf die Erwartungen anderer an sie, die sich automatisch verringerten. »Wenn man mit hundertachtzig Kilogramm Gewicht zu einem Bewerbungsgespräch geht, glauben die Leute, dass man beschränkt ist und faul«, erklärte mir Felitti. Menschen, die einmal furchtbar verletzt wurden – und sexueller Missbrauch ist nicht die einzige Art, in der das passieren kann –, wünschen sich oft, sich zurückziehen zu können. Sich ein massives Gewicht zuzulegen ist – so paradox es erscheinen mag – eine Möglichkeit, sich für einen Großteil der Menschheit unsichtbar zu machen.
»Das offensichtlichste Anzeichen dafür, dass ein Haus brennt, ist der Rauch, der herausquillt«, meinte Felitti. Deshalb denkt vielleicht manch einer, der Rauch sei das Problem – und wenn man den beseitige, sei auch das Problem gelöst. Aber »Gott sei Dank wissen die Feuerwehrleute, dass man gerade das angehen muss, was man nicht sieht – die Flammen im Inneren des Hauses, nicht den Rauch, der herausquillt. Sonst könnte man den Brand mit einem riesigen Gebläse bekämpfen, das den Rauch wegfegt. [Doch das würde nur] dazu führen, dass das Haus umso schneller niederbrennt.«
Adipositas war also nicht das Feuer, sondern der Rauch.
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Einmal besuchte Felitti einen Kongress zum Thema Adipositas, um dort seine Ergebnisse zu präsentieren. Nach seinem Vortrag stand ein Arzt aus dem Publikum auf und erklärte: »Leute, die mit diesen Dingen vertrauter sind, haben festgestellt, dass diese Behauptungen der Patienten« – bezogen auf den sexuellen Missbrauch – »im Grunde Hirngespinste sind, die als Deckmäntelchen für ihr verfehltes Leben dienen.« Wie sich herausstellte, war vielen Ärzten bereits aufgefallen, dass eine unverhältnismäßige Zahl ihrer fettleibigen Patienten von Missbrauch berichtete, was jedoch mehrheitlich als Ausrede betrachtet wurde.
Felitti war entsetzt. In Gesprächen mit Angehörigen und polizeilichen Ermittlern waren derartige Behauptungen vieler seiner Patientinnen bestätigt worden. Aber er hatte noch keine tragfähigen wissenschaftlichen Belege, um seine Kollegen widerlegen zu können. Seine Rückschlüsse aus den Unterhaltungen mit einzelnen Patienten und das in den Gruppen seines Projekts gesammelte Zahlenmaterial waren kein Beweis. Er brauchte einwandfreie wissenschaftliche Daten. Daher tat er sich mit dem Wissenschaftler Robert Anda zusammen, der sich seit Jahren mit der Frage beschäftigte, warum Menschen selbstzerstörerische Dinge tun, zum Beispiel rauchen. Mit finanzieller Hilfe der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) – einer großen amerikanischen Behörde, die unter anderem medizinische Forschungsprojekte fördert – entwickelten sie eine Methode, um ihre Erkenntnisse zu überprüfen und zu sehen, ob sie über den kleinen Querschnitt an Probanden in Felittis Programm hinaus zutrafen.
Ihre Untersuchung mit dem Namen Adverse Childhood Experiences (ACE) Study war eigentlich ganz einfach. Sie bestand aus einem Fragebogen, in dem zehn verschiedene Kategorien traumatischer Ereignisse aufgeführt wurden, die einem in der Kindheit widerfahren können – von sexueller Gewalt über den emotionalen Missbrauch bis hin zur Vernachlässigung. Hinzu kam ein detaillierter medizinischer Fragebogen, in dem die verschiedensten möglichen negativen Entwicklungen im Leben der Patienten aufgelistet waren, wie Fettleibigkeit oder Sucht. Fast wie in einer Eingebung fügten die beiden Wissenschaftler dann noch die Frage hinzu: Leiden Sie unter Depressionen?
Die Fragebögen wurden siebzehntausend Patienten vorgelegt, die – aus den verschiedensten Gründen – medizinische Hilfe bei Kaiser Permanente in San Diego in Anspruch nahmen. 8 Sie waren ein wenig wohlhabender und älter als der allgemeine Bevölkerungsdurchschnitt, ansonsten aber ziemlich repräsentativ für die Stadt.
Als die Ergebnisse eintrafen, prüften die beiden Forscher zunächst, ob es Korrelationen gab. Es zeigte sich, dass sich mit traumatischen Kindheitserfahrungen jeglicher Art die Wahrscheinlichkeit enorm erhöhte, als Erwachsener depressiv zu werden. Wenn jemand als Kind traumatische Ereignisse aus sechs Kategorien erlebt hatte, bestand eine fünfmal höhere Wahrscheinlichkeit, als Erwachsener depressiv zu werden, als bei Menschen ohne solche Erfahrungen. 9 Bei traumatischen Kindheitserfahrungen aus sieben Kategorien ist die Suizidgefahr für den Erwachsenen um dreitausendeinhundert Prozent erhöht. 10
»Als wir diese Zahlen erhielten, konnte ich es nicht glauben«, sagte Anda. »Ich blickte darauf und fragte: Wirklich? Das kann doch nicht wahr sein.« In der medizinischen Forschung sind solche Ergebnisse eher selten. 11 Interessanterweise waren sie nicht nur auf einen Beweis für eine Korrelation gestoßen – nämlich, dass beides zum selben Zeitpunkt auftritt. Offenbar hatten sie auch herausgefunden, dass derartige traumatische Erfahrungen zu den Erkrankungen beitragen. Woher wir das wissen? Je schwerer das Trauma, desto größer das Risiko von Depressionen, Ängsten oder Suizid. Der wissenschaftliche Terminus dafür lautet Dosis-Wirkungs-Beziehung . Je mehr Zigaretten man raucht, desto größer die Gefahr, an Lungenkrebs zu erkranken – das ist einer der Gründe, warum wir wissen, dass Rauchen Krebs verursacht. Genauso steigt das Risiko, Depressionen zu entwickeln, je mehr man in der Kindheit traumatisiert wurde.
Auffällig ist, dass emotionaler Missbrauch mit größerer Wahrscheinlichkeit zu Depressionen führt als jedes andere Trauma – selbst im Vergleich zu sexuellem Missbrauch. 12 Eine grausame Behandlung durch die Eltern war unter allen Kategorien der sicherste Garant für Depressionen.
Als Felitti und Anda ihre Ergebnisse anderen Wissenschaftlern vorlegten – darunter den CDC, die sich an der Finanzierung des Forschungsprojekts beteiligt hatten –, reagierten diese ebenso fassungslos. »Die Studie schockierte die Leute«, sagte Anda zu mir. »Sie wollten es nicht glauben. Auch Mitarbeiter von CDC hatten Zweifel. Es gab dort Widerstand, als ich die Daten weitergab, aber auch die medizinischen Zeitschriften reagierten [anfangs] ungläubig. Sie fanden es einfach zu erstaunlich. Schließlich bedeutete es, dass man die eigene Sicht auf die Kindheit infrage stellen musste … Überhaupt stellte es mit einem Schlag so vieles infrage.« In den darauffolgenden Jahren wurde die Studie mehrfach wiederholt – stets mit denselben Ergebnissen. 13 »Aber was die Folgerungen daraus betrifft, stehen wir noch ganz am Anfang«, meinte Felitti.
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Als Felitti all diese Dinge überdachte, kam er zu dem Schluss, dass wir bei Depressionen denselben Fehler begehen wie er anfangs bei der Adipositas. Wir sehen nicht, dass sie das Symptom von etwas Tieferliegendem ist, dem wir uns zuwenden müssen. Er war überzeugt, dass in vielen von uns ein Feuer brennt, wir jedoch unsere Aufmerksamkeit auf den Rauch richten, der daraus aufsteigt. 14
Viele Wissenschaftler und Psychologen sahen in Depressionen eine nicht weiter erklärbare Störung im Gehirn oder in den Genen, doch Felitti hörte auch von der Theorie eines Internisten an der Stanford University namens Allen Barbour, Depressionen seien keine Krankheit, sondern eine normale Reaktion auf widrige Lebenserfahrungen. 15 »Ich halte das für einen sehr wichtigen Gedanken«, sagte Felitti. »Er führt über die begrenzte Vorstellung hinaus, dass Depressionen durch eine Störung im Serotonin- oder im Dopaminhaushalt oder was auch immer verursacht werden.« Es sei schon richtig, dass etwas im Gehirn passiert, wenn man depressiv ist, aber das »ist keine kausale Erklärung«; es sei »ein notwendiger intermediärer Mechanismus«.
Viele wollen das nicht sehen, weil es, zumindest auf den ersten Blick, »bequemer ist«, wie Felitti sich ausdrückte, zu glauben, all das geschehe einfach aufgrund von Veränderungen im Gehirn. »An die Stelle eines Erfahrungsprozesses wird ein mechanischer Prozess gesetzt.« Das macht aus dem Schmerz eine Täuschung, die mit Medikamenten aus dem Gehirn verbannt werden kann. Diese aber lösen das Problem ebenso wenig, wie man das Problem adipöser Patienten beseitigt, indem man sie dazu bringt, mit dem Essen aufzuhören. »Medikamente haben ihren Stellenwert«, sagte Felitti. »Aber sind sie das Nonplusultra? Nein. Wird den Menschen damit manchmal etwas vorgemacht? Ganz bestimmt.«
In seinem Projekt seien sie gemeinsam zu dem Schluss gekommen, dass sie, um ihren übergewichtigen Patienten zu helfen, sich mit den Problemen befassen mussten, die die Essstörung ursprünglich ausgelöst hatten. Er stellte Selbsthilfegruppen zusammen, in denen die Patienten über die wahren Gründe diskutieren und von ihren Erlebnissen berichten konnten. Dies hatte zur Folge, dass weitaus mehr Teilnehmer das Fasten durchhielten und ein gesundes Gewicht wahren konnten. 16 Daraufhin begann er, seine Methode auch auf Depressionen auszudehnen – mit verblüffenden Ergebnissen, wie ich später noch ausführen werde.
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Mehr als jeder andere, mit dem ich über die verborgenen Ursachen von Depressionen sprach, machte mich Felitti wütend. Irgendetwas in meinem Inneren lehnte sich gegen das auf, was er gesagt hatte. Ich ging ich an den Strand von San Diego und suchte verzweifelt nach Gründen, seine Ansichten ablehnen zu können. 17 Dann aber fragte ich mich: Warum macht dich das so sauer? Es schien mir seltsam, und ich konnte es nicht recht verstehen. Doch als ich dann später mit Menschen, denen ich vertraue, darüber sprach, begriff ich allmählich.
Wer glaubt, dass seine Depressionen ausschließlich einer Fehlfunktion seines Gehirns geschuldet sind, muss nicht über sein Leben oder die Dinge, die ihm angetan wurden, nachdenken. Die Ansicht, es sei alles eine Frage der Biologie, schützt ihn in gewisser Weise für eine Weile. Macht er sich hingegen jene andere Erzählung zu eigen, muss er sich mit diesen Dingen befassen. Und das tut weh.
Ich fragte Felitti, warum eine traumatische Kindheit seiner Meinung nach bei den Erwachsenen so oft Depressionen und Ängste nach sich ziehe. Er erwiderte, das könne er nicht beantworten. Er ist ein guter Wissenschaftler und wollte keine Spekulationen anstellen. Ich hingegen habe meine Vermutungen, obwohl sie über das hinausgehen, was ich wissenschaftlich beweisen kann.
Wenn ein Kind etwas wirklich Traumatisches erlebt, denkt es fast immer, es sei selbst schuld daran. Dafür gibt es einen alles andere als irrationalen Grund; wie die Fettleibigkeit ist es vielmehr die Lösung für ein Problem, das kaum jemand wahrnimmt. In meiner Kindheit war meine Mutter sehr oft krank und mein Vater meist unterwegs, in der Regel im Ausland. In dieser chaotischen Situation erfuhr ich gelegentlich extreme Gewalt durch einen Erwachsenen in meinem Leben. Beispielsweise wurde ich einmal mit einem Elektrokabel stranguliert. Mit sechzehn ging ich von zu Hause fort und zog in eine andere Stadt, weg von allen Erwachsenen, die ich kannte. Wie viele Menschen, die in der prägenden Lebensphase Dinge wie ich erlebt haben, setzte ich mich dort gefährlichen Situationen aus, in denen erneut mit mir umgegangen wurde, wie man es nicht hätte tun dürfen.
Wenn ich über all das schreibe und davon berichte, kommt es mir selbst heute noch – als siebenunddreißigjähriger Erwachsener – wie ein Verrat an dem Erwachsenen vor, der diese Akte der Gewalt an mir verübte. Mit demselben Gefühl denke ich an die anderen Erwachsenen, die Dinge taten, die sie nicht hätten tun dürfen.
Ich weiß, dass meine Leser nicht in Erfahrung bringen können, wer die Menschen waren, von denen ich hier spreche. Aber wäre ich Zeuge, wie ein Erwachsener ein Kind mit einem Elektrokabel stranguliert, würde es mir nicht im Entferntesten in den Sinn kommen, das Kind dafür verantwortlich zu machen, und ich würde jede entsprechende Behauptung als schwachsinnig abtun. Rational ist mir klar, wo in einer solchen Situation der eigentliche Verrat liegt. Aber das ändert nichts an meinem Gefühl. Es ist immer noch da, und es hätte mich beinahe davon abgehalten, es auch zu schreiben.
Warum werden so viele Menschen, die in der Kindheit Gewalt erfahren haben, von denselben Gefühlen geplagt wie ich? Warum führt es viele von ihnen zu einem selbstzerstörerischen Verhalten wie zwanghaftem Essen, starker Sucht oder Suizid? Ich habe lange darüber nachgedacht. Als Kind hat man nicht die Macht, das eigene Umfeld zu verändern. Man kann nicht von zu Hause ausziehen oder den, der einen misshandelt, zwingen, damit aufzuhören. Also hat man nur zwei Möglichkeiten: Entweder gesteht man sich ein, dass man machtlos ist – dass man in jedem Augenblick furchtbar verletzt werden und nichts dagegen tun kann. Oder man sagt sich, man sei selbst schuld daran. Damit gewinnt man tatsächlich eine gewisse Macht – zumindest meint man das. Wenn es die eigene Schuld ist, kann man etwas tun, was die Situation womöglich verändert. Man ist keine Kugel mehr, die im Flipper umhergeschleudert wird. Nun ist man selbst derjenige, der die Maschine bedient. Man hat die gefährlichen Hebel selbst in der Hand. Sich die Schuld für die Traumatisierungen in der Kindheit zu geben schützt einen davor, anschauen zu müssen, wie verwundbar man war und ist, so, wie die Adipositas die Frauen vor den Männern schützte, die sie eventuell hätten vergewaltigen können. Auf diese Weise kann man zu dem werden, der Macht ausübt. Es ist die eigene Schuld, und deshalb hat man die Situation unter Kontrolle.
Doch das hat seinen Preis. Wenn man selbst dafür verantwortlich ist, dass man verletzt wird, muss man irgendwann glauben, man habe es verdient. Jemand, der meint, er habe es verdient, als Kind verletzt zu werden, wird als Erwachsener keine großen Erwartungen mehr haben.
Aber so kann man nicht leben. Das, was einen zu einem früheren Zeitpunkt hat überleben lassen, erweist sich später als Hindernis.
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Ihnen wird nicht entgangen sein, dass sich die hier geschilderte Ursache für Depressionen und Ängste ein wenig von den Ursachen unterscheidet, die ich bislang beschrieben habe, und sie unterscheidet sich auch von denen, die ich im Folgenden darlegen werde.
Die meisten, die sich mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen befasst haben, stimmen darin überein, dass sich die Ursachen für Depressionen und Ängste in drei Kategorien einordnen lassen: in biologische, psychische und soziale. Die bisher geschilderten Ursachen – auf die ich in Kürze zurückkommen werde – liegen im Umfeld des Betroffenen; auf die biologischen Gründe werde ich demnächst noch eingehen.
Aber das Kindheitstrauma gehört in eine andere Kategorie. Es handelt sich um eine psychische Ursache. Ich hoffe, dass meine Schilderung den Blick auch auf die vielen anderen psychischen Ursachen der Depression lenkt, die zu spezifisch sind, um ihnen an dieser Stelle ausführlich nachzugehen. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, in welcher Weise die menschliche Seele Schaden erleiden kann. Ich kenne jemanden, der von seiner Frau jahrelang mit seinem besten Freund betrogen wurde und der eine schwere Depression bekam, als er es entdeckte. Ich kenne jemanden, der einen Terrorangriff überlebt hat und zehn Jahre lang ständig unter Angst litt. Ich kenne eine Frau, deren Mutter kompetent und niemals grausam zu ihr war, die aber ständig negativ dachte und ihr beibrachte, von anderen Menschen stets das Schlechteste zu denken und sie auf Distanz zu halten. All diese Erfahrungen lassen sich nicht sauber kategorisieren – es wäre unsinnig, Grenzlinien zwischen »Ehebruch«, »Terrorangriffen« oder »Kühlschrankeltern« als Ursachen von Depressionen und Ängsten zu ziehen.
Doch eins ist klar: Psychische Schädigungen müssen nicht unbedingt so extrem sein wie die durch Gewalterfahrungen in der Kindheit, um einen Menschen schwer zu beeinträchtigen. Wenn ein Mann von seiner Frau betrogen wird, dazu noch mit seinem besten Freund, kann man nicht von einer Störung im Gehirn sprechen. Aber es kann dennoch zu tiefer seelischer Not führen – und zu Depression und Angst. Wann immer Ihnen jemand etwas über Ihre Probleme erzählt, ohne auf Ihre Psyche einzugehen, nehmen Sie es nicht ernst.
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Robert Anda – einer der Pioniere auf diesem Gebiet – erzählte mir, die Ergebnisse der Studie hätten ihn gezwungen, seine Auffassung von Depressionen und anderen Störungen auf den Kopf zu stellen.
»Es ist an der Zeit, dass wir angesichts von Menschen mit dieser Art von Problemen aufhören zu fragen, was mit ihnen nicht stimmt«, sagte er, »und endlich fragen, was ihnen im Leben widerfahren ist.«