Kapitel 10:
Ursache fünf: Abgeschnitten von gesellschaftlicher Stellung und Ansehen
Die Gefühle, die jemanden bei Depressionen und akuter Angst packen, lassen sich nur schwer beschreiben – sie sind derart vielschichtig, dass uns dafür die Worte fehlen. Es gibt jedoch einige Klischees, auf die wir immer wieder zurückgreifen. Oft heißt es beispielsweise, man fühle sich »niedergeschlagen«. Das klingt zwar wie eine Metapher, ist meiner Ansicht nach aber keine. Wenn ich depressiv bin, kommt es mir schon fast so vor, als würde ich von einer Kraft nach unten gedrückt werden. Ich möchte den Kopf hängen lassen, mein Körper sinkt in sich zusammen. Andere, die Erfahrungen mit Depressionen haben, berichteten mir Ähnliches. In diesem Zusammenhang fiel einem Wissenschaftler vor vielen Jahren etwas auf – und das führte ihn zu einer Entdeckung. 1
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Ende der Sechzigerjahre stand der elfjährige Robert Sapolsky im American Museum of Natural History in New York vor einem Glaskasten und betrachtete den mächtigen ausgestopften Gorilla-Silberrücken, der darin ausgestellt war. 2 Danach lag er seiner Mutter ewig in den Ohren, das Museum erneut mit ihm zu besuchen. Das Tier faszinierte ihn, es hatte ihn in seinen Bann gezogen, obwohl er nicht sagen konnte, warum. Als kleines Kind war er in einem Traum ein Zebra gewesen, das durch die Savannen Afrikas streifte, in einem anderen ein Insekt, doch nun sehnte er sich nach einer Gruppe von Primaten, die die seine war. Die Vitrinen, die er vor sich sah, erschienen ihm wie ein Refugium – wie der Ort, an den er eigentlich gehörte.
Gerade einmal zehn Jahre später hatte Sapolsky es geschafft. 3 Er befand sich allein in der Savanne und versuchte, sich das Verhalten eines Pavians anzueignen. Paviane leben in Horden von fünfzig bis hundertfünfzig Tieren auf den weiten Grasebenen Kenias. Er lauschte ihren Rufen, mit denen sie sich über größere Distanzen hinweg verständigten, und übte sich stundenlang darin, sie nachzuahmen.
Immer wieder wurde ihm währenddessen bewusst, dass Paviane in der evolutionären Ordnung unsere Vettern sind. Eines Tages »kletterte ein Weibchen mit einem Baby in einem Baum herum. Sie hatte zum ersten Mal Nachwuchs, war noch nicht besonders erfahren und ließ ihren Sprössling tatsächlich fallen«, berichtet Sapolsky. Alle fünf Pavianweibchen, die es gesehen hatten, hielten die Luft an. Genau wie Sapolsky. Sie alle rückten näher, um nachzuschauen, ob das Kleine noch am Leben war. Das rappelte sich auf und stieß wieder zu seiner Mutter. Alle fünf Weibchen glucksten erleichtert. 4 Genau wie Sapolsky.
Er befand sich nicht auf einer Urlaubsreise, sondern war nach Kenia gekommen, um ein ganz privates Rätsel zu lösen. In New York hatte Sapolsky unter einem ersten Schub von Depressionen gelitten. 5 Nun hoffte er, hier, bei unseren Vettern, den Schlüssel zum Verständnis seines Leidens zu finden. 6
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Nicht lange nach seiner Ankunft sah Sapolsky das erste Alphamännchen der Paviangruppe. An der Spitze dieser Kolonie, die Sapolsky in den darauffolgenden zwanzig Jahren beobachten würde, stand der Inbegriff eines Don Juan, eine wahrhaft herausragende Persönlichkeit der Wildnis – ein Pavian, den Sapolsky nach dem weisesten König des Alten Testaments Salomon taufte. 7 Paviane leben nach einer strikten Rangordnung, und jeder kennt seinen Platz. Salomon als Erster in der Hierarchie durfte sich alles erlauben. Wenn ein Pavian aus der Gruppe etwas aß, konnte er es ihm aus der Hand reißen und selbst verspeisen. Jedes Weibchen, das er haben wollte, stand ihm für eine Paarung zur Verfügung – überhaupt war Salomon an der Hälfte aller sexuellen Aktivitäten der Horde beteiligt. Bei großer Hitze konnte er jeden seiner Artgenossen verscheuchen und es sich an dessen kühlem Platz im Schatten gemütlich machen. Seine Stellung an der Spitze hatte er sich erobert, indem er das vorherige Alphamännchen so lange terrorisiert hatte, bis es sich ihm unterwarf.
Es dauerte nicht lange, da kehrte Salomon seine Dominanz auch gegenüber Sapolsky heraus. Als der junge Primatologe einmal auf einem Felsen saß, lief er zu ihm hin und schubste ihn so heftig, dass er herunterfiel und dabei seine Brille zerbrach.
Ein Pavianweibchen erbt seinen Rang in der Hierarchie von seiner Mutter, doch ein Männchen muss ihn sich in heftigen Auseinandersetzungen um den Platz an der Spitze erobern.
Jene anderen aber, die ganz unten in der Rangordnung standen, waren nicht zu beneiden. Unter ihnen entdeckte Sapolsky eine schwache räudige Kreatur, die er nach dem unglücklichsten Menschen in der Tora und im Alten Testament Hiob taufte. 8 Hiob zitterte fast unentwegt und schien unter irgendwelchen Anfällen zu leiden. Hin und wieder fiel ihm das Fell aus. Jeder aus der Horde konnte seine schlechte Laune an Hiob auslassen. Man nahm ihm sein Fressen fort, schob ihn aus dem Schatten in die Sonne und versetzte ihm häufig Hiebe. Wie alle Paviane mit einem niedrigen Rang war er übersät mit Bisswunden.
Zwischen den Männchen Salomon und Hiob erstreckte sich eine ganze Hierarchiekette. Nummer vier stand über Nummer fünf und durfte ihm Dinge fortnehmen. Nummer fünf stand über Nummer sechs und durfte ihm Dinge fortnehmen. Und so weiter. Anhand seiner Stellung in der Rangordnung entschied sich, was man aß, ob man sich mit Weibchen paaren durfte und alles Sonstige im Leben.
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Sapolsky in seinem Zelt wurde in der Regel morgens um halb sechs von den Geräuschen der erwachenden Savanne geweckt. Dann bereitete er seine medizinische Ausrüstung und seinen Pfeil vor. Er hatte die Aufgabe, loszuziehen und einen der Paviane zu betäuben, um ihm eine Blutprobe zu entnehmen. Bald entwickelten die Tiere ausgefeilte Methoden, ihm aus dem Weg zu gehen, und er musste sich Tricks ausdenken, wie er sie überraschen und von hinten mit dem Pfeil treffen konnte. Die Blutproben wurden auf mehrere wichtige Faktoren untersucht, unter anderem auf den Gehalt des Stresshormons Cortisol. 9 Sapolsky wollte feststellen, welcher der Paviane das höchste Stresslevel hatte, weil er meinte, damit etwas Entscheidendes aufdecken zu können.
Sobald ein Kampf um die Rolle des Alphatieres entbrannte, waren es die Paviane an der Spitze, die am stärksten unter Stress litten. Die meiste Zeit jedoch, so stellte sich heraus, war ein umso höherer Gehalt des Stresshormons zu finden, je tiefer das jeweilige Tier in der Hierarchiekette stand. 10 Paviane wie Hiob, die ganz unten in der Rangordnung standen, litten unter Dauerstress.
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Um nicht schikaniert zu werden, müssen die Paviane am unteren Ende der Hierarchie unentwegt demonstrieren, dass ihnen ihr niedriger Status bewusst ist. 11 Dies zeigen sie durch eine Unterwerfungsgeste, also einen körperlichen Ausdruck der Unterordnung: Sie senken den Kopf oder kriechen auf dem Bauch. Das bedeutet: »Du brauchst mich nicht mehr anzugreifen. Ich bin geschlagen und keine Bedrohung mehr für dich. Ich gebe auf!«
Eins fällt dabei auf: Wenn ein Pavian dieses Verhalten annimmt, weil er von niemandem in seiner Umgebung respektiert wird und ans untere Ende der Hierarchie gedrängt wurde, hat er eine erschreckende Ähnlichkeit mit einem unter Depressionen leidenden Menschen. Er hält den Kopf gesenkt, sein Körper sinkt in sich zusammen, er mag sich nicht mehr rühren, verliert den Appetit, ist antriebslos, und wenn jemand in seine Nähe kommt, weicht er zurück.
Nachdem Salomon ein Jahr die Hierarchie angeführt hatte, kam es eines Tages zu einem Vorfall. 12 Ein jüngerer Pavian, Uriah, tat etwas Empörendes. Als Salomon mit einer der heißesten Bräute der Horde auf einem Felsen lag, stellte sich Uriah zwischen die beiden und versuchte, sich mit dem Weibchen zu paaren – direkt vor der Nase des Oberbosses. Salomon griff Uriah an und verletzte ihn an der Oberlippe. Uriah lief fort.
Am nächsten Tag war er jedoch wieder da. Am darauffolgenden auch. Er steckte zwar immer Prügel ein, doch bei jeder Provokation reagierte Salomon ein wenig kraftloser und vorsichtiger.
Irgendwann, als Uriah angriff, wich Salomon ein kleines Stück zurück. Nur einen kurzen Moment lang. Doch nach nicht einmal einem Jahr war Uriah der Boss und Salomon in der Hierarchie auf Platz neun abgesunken. Jeder, den er einst geschlagen und gekränkt hatte, wollte sich nun an ihm rächen. Von allen aus der Kolonie wurde er schikaniert, und sein Stresslevel schnellte in die Höhe.
Verzweifelt, wie Salomon war, trollte er sich eines Tages einfach in die Savanne und schloss sich einer Nachbarhorde an. 13 Er ward nie wieder gesehen.
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Wie Sapolsky entdeckt hatte, gibt es zwei Situationen, in denen unsere nahen Vettern unter Stress gerieten: wenn ihre Stellung bedroht ist und wenn sie einen niedrigen gesellschaftlichen Rang einnehmen.
Nach Veröffentlichung seiner Erkenntnisse begann man, diese Fragen in weiteren wissenschaftlichen Studien zu untersuchen, und Robert Sapolsky wurde als Professor für Neurobiologie an die Universität Stanford berufen, wo er eine führende Stellung einnahm.
Einige Jahre nach Sapolskys Entdeckung konnte man nachweisen, dass unter Depressionen leidende Menschen von demselben Stresshormon überflutet werden wie rangniedrige Paviane. Bei tiefer gehenden Untersuchungen fand Sapolsky sogar noch mehr heraus: Er sah, »dass die Hypersekretion bei diesen Pavianen derselben Konstellation von Veränderungen im Gehirn, in der Hypophyse und in den Nebennieren entsprang wie die Hypersekretion bei Individuen mit Depressionen.« 14
Dies veranlasste andere Wissenschaftler zu der Vermutung, Depressionen seien teilweise tief in unserer animalischen Natur verankert. 15
Der Psychologe Paul Gilbert etwa vertrat die These, Depressionen seien bei Menschen auch als »Unterwerfungsreaktion« zu verstehen – das evolutionäre Äquivalent zu Hiob, dem Pavian ganz unten in der Rangordnung, der signalisierte: »Genug! Bitte lasst mich jetzt zufrieden!«
Da ich mit einer ganzen Reihe an Depressionen leidenden Menschen gesprochen hatte, stand ich nach all diesen Erkenntnissen vor einer Frage: Könnte eine Depression nicht auch eine Reaktion auf die Demütigungen sein, denen viele Menschen in unserer modernen Welt ausgesetzt sind? Man braucht nur den Fernseher anzumachen, um zu erfahren, dass es allein auf die Prominenten und die Reichen ankommt – und dass unsere Chancen, zu dieser Gruppe zu stoßen, verschwindend gering sind. Wenn wir durch ein Instagram-Feed oder ein Hochglanzmagazin stöbern, empfinden wir unseren eigenen Körper mit seinen Normalmaßen rasch als abstoßend. Und am Arbeitsplatz gehorchen wir den Launen eines körperlich nicht anwesenden Chefs, der hundertmal mehr verdient als wir selbst.
Auch ohne aktuelle Demütigung beschäftigt viele von uns die Angst vor einem jederzeit denkbaren Statusverlust. Selbst Angehörige der Mittelschicht – und sogar die Wohlhabenden – müssen inzwischen mit einer ständigen Ungewissheit leben. Wie Sapolsky herausfand, gibt es nur eins, was noch größeren Stress auslöst als ein gesellschaftlich niedriger Rang: Wenn der eigene Rang nicht sicher ist.
Theoretisch lässt sich aus alldem schließen, dass unsere Depressionen und Ängste Reaktionen auf die ständige, bei vielen von uns vorherrschende Ungewissheit über den eigenen Status sind. Wie aber ist das zu überprüfen?
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Mit diesen Theorien bekannt gemacht hatte mich ein Ehepaar, das eine faszinierende Möglichkeit gefunden hatte, sie zu überprüfen. Durch ihre Forschungen zu den entsprechenden Fragen – zusammengefasst in ihrem Buch Gleichheit ist Glück: Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind  – gehören Kate Pickett und Richard Wilkinson zu den einflussreichsten Sozialwissenschaftlern der Welt.
Nach der Lektüre von Robert Sapolskys Artikeln wurde den beiden klar, dass das System der Hierarchien bei den Pavianen etwas ist, was unverändert bleibt, dass es sich in den Horden mit nur geringen Abweichungen immer einstellen wird. 16 Bei uns Menschen aber ist das anders; wir haben als Spezies die verschiedensten Modelle des gesellschaftlichen Zusammenlebens entwickelt. In einigen Kulturen gibt es einen großen Abstand zwischen Personen an der Spitze und denen ganz unten. Dort herrscht oben eine kleine Gruppe von Salomons, während für den Rest der Gemeinschaft nur ein unterer Platz wie der von Hiob übrig bleibt. Dem stehen menschliche Gesellschaften gegenüber, die anders organisiert sind, in denen alle Mitglieder vergleichbare Lebensumstände genießen und kaum eine Lücke zwischen denen da oben und denen da unten klafft. Dort gibt es nur sehr wenige Salomons und sehr wenige Hiobs, weil die allermeisten im Mittelfeld angesiedelt sind, entsprechend den Nummern zehn bis dreizehn in der Rangordnung der Paviane.
Wenn sich Sapolskys Erkenntnisse auf menschliche Kulturen übertragen ließen, überlegten Richard Wilkinson und Kate Pickett, müsste man in einer höchst ungerechten Gesellschaft wie den Vereinigten Staaten einen höheren Anteil von psychischen Problemen finden als in einer gerechteren wie beispielsweise in Norwegen. Um dies herauszufinden, begannen sie mit einem groß angelegten Forschungsprojekt, in dem sie eine gigantische Menge von Daten analysierten.
Als sie ihre Ergebnisse endlich mithilfe einer Tabelle darstellen konnten, waren sie sogar selbst von den deutlichen Zusammenhängen überrascht: Je ungerechter eine Gesellschaft, desto höher der Anteil der Menschen, die unter diversen psychischen Störungen leiden. Andere Sozialwissenschaftler bauten darauf auf und befassten sich konkret mit Depressionen. 17 Sie stellten fest: Je größer die Ungerechtigkeit, desto höher der Anteil der Menschen, die an Depressionen erkranken. Dies gilt nicht nur für verschiedene Länder der Erde, sondern auch für verschiedene Staaten innerhalb der USA. 18 Es ist ein sicheres Indiz, dass ungerechte Verhältnisse etwas an sich haben, das Depressionen und Ängste fördert.
In einer Gesellschaft mit höchst ungleicher Verteilung von Vermögen und Ansehen entsteht leicht der Eindruck, dass »einige von höchster Wichtigkeit sind und andere überhaupt nicht zählen«, erklärte mir Richard. Dies beeinflusst nicht nur die Menschen ganz unten, sondern bewirkt, dass sich in einer äußerst ungerechten Gesellschaft alle Mitglieder unentwegt mit ihrem Status befassen müssen. Werde ich meinen Status behalten können? Von wem kommt die Bedrohung? Wie tief kann ich sinken? Diese Fragen – die man sich bei wachsender Ungleichheit zwangsläufig stellt – reichen schon aus, um uns mit wachsendem Stress zu belasten.
Das bedeutet, dass immer mehr Menschen unbewusst auf diese Belastung reagieren, indem sie eine tief in unserer evolutionären Entwicklung angelegte Haltung einnehmen: Sie senken den Kopf. Sie fühlen sich geschlagen.
»Wir reagieren äußerst sensibel auf diese Dinge«, sagte Richard. Wenn das soziale Gefälle zu stark auseinanderdriftet, entwickelt sich »ein Gefühl der Niederlage, dem man nicht mehr ausweichen kann«. 19
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Heute sind wir mit einem stärkeren sozialen Gefälle konfrontiert als je zuvor in der Menschheitsgeschichte. Viele erinnern sich noch, dass der Inhaber eines großen Unternehmens in etwa das Zwanzigfache des Durchschnittsgehalts seiner Angestellten verdiente. 20 Heute ist es das Dreihundertfache. Die sechs Walmart-Erben haben ein größeres Vermögen als hundert Millionen der einkommensschwächsten US-Amerikaner zusammengerechnet. 21 Und acht Milliardäre haben mehr Besitz angehäuft, als die Hälfte der ärmsten Menschen der Welt gemeinsam ihr Eigen nennt. 22
Unter diesem Aspekt, sagte Richard, lässt sich leicht nachvollziehen, warum die psychischen Probleme, unter denen so viele von uns heute leiden, nicht durch eine unkoordinierte Fehlfunktion unserer Hirnchemie ausgelöst werden. Nein, es ist »etwas, das ungeheuer viele von uns betrifft. Sehen wir es als normale menschliche Reaktion auf unsere Lebensumstände. Es ist nichts, was nur wir und sonst niemand auf der Welt erlebt. Unzählige andere empfinden es ähnlich.« Uns sollte klar sein, dass wir es nicht mit einem persönlichen Problem zu tun haben, sondern »mit einem Problem, das uns alle betrifft und das sich zurückführen lässt auf die Gesellschaftsform, in der wir leben«.
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Die größte Untersuchung zu der Frage, welche Gruppen in Deutschland am stärksten von Depression betroffen sind – finanziert wurde die Studie durch das Bundesministerium für Gesundheit –, ergab, dass Menschen am unteren Ende der Einkommensskala ein deutlich höheres Risiko tragen, an Depressionen zu erkranken. Sie wurden finanziell und gesellschaftlich nach unten gedrückt – und als Folge davon fühlen sie sich psychisch bedrückt.
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Nach der Rückkehr von seinem Aufenthalt bei der Kolonie wilder Paviane in den Savannen Kenias hatte Robert Sapolsky immer wieder denselben Traum. 23 Darin sitzt er in New York in der U-Bahn, als eine Gruppe Gangster auf ihn zukommt, unverkennbar entschlossen, ihn zusammenzuschlagen. Starr vor Entsetzen sieht Sapolsky den Kerlen entgegen. 24 Betrachtet man die Hierarchie in dieser Konstellation, befindet sich Sapolsky ganz unten. Er wird das Opfer der Gang werden – so wie der von Bisswunden übersäte Pavian Hiob, den jeder ungestraft attackieren durfte.
Sapolsky aber macht in seinem Traum etwas Unerwartetes. Er spricht mit den Schlägern. Er erklärt den Kerlen, die ihn angreifen wollen, warum diese Situation paradox ist und warum es nicht zwangsläufig so laufen muss. In manchen Nächten geht er auf die Ursache ihrer Schmerzen ein, die sie dazu bringen, anderen Menschen Schläge anzudrohen, und bietet ihnen sein Mitgefühl und eine spontane Kurztherapie an. In anderen macht er Witze, sodass sie mit ihm lachen können. Und immer kommen sie zu der Entscheidung, ihm nichts anzutun.
Ich glaube, dieser Traum zeigt, wie wir uns verhalten könnten. 25 Paviane sind in ihrem System der Hierarchie gefangen. Sie brauchen jemanden, der ganz unten steht und den sie demütigen und verprügeln können. Mit Witzen oder einer Therapiesitzung hätte Hiob bei Salomon keine bessere Behandlung durchsetzen können, und er hätte seine Artgenossen auch nicht zu einer fairen Form des Zusammenlebens bewegen können.
Doch wir Menschen haben die Wahl. Wie ich später erfahren sollte, können wir Methoden entwickeln, um Hierarchien aufzulösen und mehr Gerechtigkeit in unserem Umfeld herzustellen, sodass ein jeder von uns einen gewissen Status und Respekt genießt. Oder wir fahren damit fort, Hierarchien aufzubauen und Demütigungen einzustecken, so wie wir es heute tun.
Entscheiden wir uns für Letzteres, werden sich viele von uns fast schon körperlich niedergeschlagen fühlen und die entsprechende Unterwerfungsgeste zeigen: Wir senken den Kopf, lassen uns körperlich zusammensinken und sagen stumm: Lasst mich zufrieden. Ihr habt mich geschlagen. Ich kann es nicht mehr ertragen!