Kapitel 11:
Ursache sechs: Abgeschnitten von der Natur
Isabel Behncke stand im Schatten eines Berges, sah mich an und sagte: »Ich werde Ihnen nur erklären, warum das Abgeschnittensein von der Natur zu Depressionen führen kann, wenn Sie jetzt mit mir da hinaufklettern.« Sie deutete auf den Tunnel Mountain, der sich über die kanadische Stadt Banff erhebt. Ich folgte mit den Augen argwöhnisch ihrer Handbewegung. Der Gipfel war nicht zu sehen, doch ich wusste von Ansichtskarten, dass er sich, bedeckt mit Schnee, irgendwo über mir befand und dahinter in der Ferne einige Seen lagen.
Ich hüstelte und erwiderte so höflich wie möglich, dass ich kein Naturliebhaber sei. Ich mag hübsche Betonwände mit Bücherregalen. Ich mag Wolkenkratzer und U-Bahn-Stationen, an denen ein Taco-Imbiss auf mich wartet. Der Central Park ist für mich schon zu viel des Guten, und ich nehme meist die Tenth Avenue, um ihn zu umgehen. In die Natur begebe mich nur dann, wenn mich die Jagd nach einer Story dazu zwingt.
Aber Isabel Behncke blieb dabei: keine Bergwanderung, kein Interview. »Auf geht’s!«, sagte sie. »Schauen wir mal, ob wir etwas finden, wo wir ein Selfie davon machen können, wie wir gerade noch dem Tode entrinnen!« Und so stapfte ich widerwillig, nur von meiner Journalistenehre getrieben, los. In diesem Augenblick kam mir der Gedanke, dass Behncke von allen Menschen, die ich kenne, diejenige ist, die am wahrscheinlichsten eine Apokalypse überlebt. Sie ist auf einer Farm in Chile aufgewachsen, und deshalb »habe ich mich in der Natur immer seltsam wohlgefühlt«, sagte sie. »Mit zehn Jahren bin ich selbstständig auf Pferden geritten, auch wenn ich immer wieder hinunterfiel. Mein Vater hielt Adler, wir hatten drei Stück, die
sich frei im Haus bewegten.«
»Adler? Im Haus?«, fragte ich nach. »Haben die euch nicht angegriffen?«
»Ja, mein Elternhaus war ziemlich außergewöhnlich«, erwiderte sie, während wir weiterwanderten. Ihre Familie glich einer Nomadengruppe, die durch die Natur streifte. Man machte tagelange Segeltörns auf dem Meer, und mit acht zeichnete Isabel die Killerwale, die sie mit eigenen Augen gesehen hatte. Schon bald wagte sie sich zum ersten Mal in den Regenwald.
Mit Anfang zwanzig studierte sie Evolutionsbiologie, und heute untersucht sie an der Oxford University »die Natur der menschlichen Natur«.
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Momentan erforscht sie, wie wir Menschen wurden, was wir sind, mit anderen Worten, sie beschäftigt sich mit unseren evolutionären Vorfahren und Verwandten. Ihre erste Studie, bei der es um die Unterschiede zwischen Schimpansen und Bonobos in Gefangenschaft ging, führte sie im Twycross Zoo in Südengland durch. Bonobos sehen wie schlanke Schimpansen aus, haben eine lustige Frisur – das Kopfhaar ist in der Mitte geteilt und steht ab, sodass es an ein gerade abhebendes Flugzeug erinnert – und werden sehr groß. Ein erwachsenes Exemplar hat etwa die Größe eines zwölfjährigen Kindes. Bei ihren Beobachtungen bemerkte Behncke schon bald etwas, für das sie berühmt sind – sie, besser gesagt meist die Weibchen, bauen Bindungen auf, indem sie häufig Gruppensex haben.
Behncke gefiel es, wenn die Mütter unter den Zoobesuchern, nichts von dieser Angewohnheit der Bonobos ahnend, ihre Kinder zum Gehege führten und die Kleinen riefen: »Mama! Mama! Was machen die da?« Die Mütter drängten ihren Nachwuchs dann rasch weiter zu den Galapagos-Riesenschildkröten gegenüber. »Sie können sich nicht vorstellen, wie pornografisch« die in der Paarungszeit sein können, erklärte mir Behncke. »Wenn das Männchen das Weibchen besteigt, gibt es laute Stöhngeräusche von sich.«
Behncke musste immer kichern, wenn sie von ihrem Beobachtungsplatz aus zusah, wie bleiche englische Mütter von den Orgien der Bonobos zum Liebesspiel der Schildkröten
wankten und murmelten: »Oh mein Gott, oh mein Gott.«
Behncke verliebte sich in die Bonobos und die Art und Weise, wie sie die Welt sahen. Besonders beeindruckt war sie, als sie bemerkte, dass eins der Bonoboweibchen einen Dildo anfertigte. »Eines Tages bekam es Futter in einem Plastikeimer, der in der Mitte durchgeschnitten war – einen blauen Eimer.« Sie rollte ihn zusammen, »nahm das Ding überallhin mit und masturbierte damit! Erstaunlich! Schließlich begriff ich – natürlich, Plastik ist weich. Im Gegensatz zu einem Ast. Es war eine geniale Lösung.«
Aber irgendetwas stimmte nicht mit diesen Bonobos – etwas, was Behncke erst später begriff.
Ihr wurde klar, dass sie, wollte sie wirklich etwas über diese Spezies erfahren, die Tiere in ihrem natürlichen Habitat beobachten musste, in Zentralafrika – etwas, was schon seit Jahren niemand mehr gemacht hatte. Ein schrecklicher Krieg hatte die Demokratische Republik Kongo in Schutt und Asche gelegt, doch mittlerweile schien sich dieser Krieg dem Ende zu nähern. Freunde und Kollegen, denen sie von ihren Plänen erzählte, hielten sie für verrückt. Aber Behncke ist eine Frau, der man schlecht etwas abschlagen kann. Und so landete sie – nachdem sie lange für ihr Projekt geworben hatte – im Herzen des kongolesischen Regenwalds, wo sie drei Jahre lang in einem Haus aus Lehm lebte und Tag für Tag einer Bonobogruppe nachstellte. Dabei legte sie täglich durchschnittlich siebzehn Kilometer zurück und wurde unter anderem von Wildschweinen angegriffen. In dieser Zeit lernte sie die Bonobos so gut kennen wie fast niemand sonst auf diesem Planeten. Und sie bemerkte etwas, was Folgen für uns Menschen hat.
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Dort im Kongo stellte sie fest, dass viele Verhaltensweisen der Bonobos im Zoo, die sie für normal gehalten hatte, in ihrem natürlichen Lebensraum höchst ungewöhnlich waren.
Im Regenwald – der Landschaft, die im Lauf der Entwicklung zu ihrem Habitat geworden war – werden Bonobos gelegentlich von ihrer sozialen Gruppe schikaniert, woraufhin sie ihr Verhalten
ändern: Sie kratzen sich zwanghaft, sitzen am Rand der Gruppe und starren in die Ferne, lausen sich nicht mehr so häufig und weigern sich, sich von ihren Artgenossen lausen zu lassen. Als Behncke das sah, wusste sie sofort, was hier passierte. Für sie waren das Symptome einer Depression – ausgelöst durch dieselben Ursachen, die ich im vorigen Kapitel beschrieben habe. Die Tiere wurden schlecht behandelt – worauf sie mit Traurigkeit reagierten und ihre Hoffnung verloren.
Doch etwas war merkwürdig. In der Wildnis ist, zumindest was Bonobos betrifft, das Maß dessen, wie weit eine Depression geht, begrenzt. Die Depressionen treten vor allem bei Hordenmitgliedern mit niedrigem Rang auf, aber es gibt eine Untergrenze, unter die auch diese Tiere nicht weiter hinabsinken. Hingegen deutete vieles darauf hin, dass Bonobos in den Zoos so depressiv wurden, wie es in der Wildnis niemals geschehen würde. Sie kratzten sich blutig, heulten, bekamen Tics oder wiegten sich wie besessen vor und zurück. In ihrem natürlichen Habitat entwickelten die Bonobos hingegen nie eine solche »ausgewachsene, chronische Depression« wie in den Zoos, erklärte mir Behncke.
Das Phänomen ist nicht auf Bonobos beschränkt. Nachdem wir über ein Jahrhundert lang in Gefangenschaft lebende, also ihres natürlichen Habitats beraubte Tiere beobachten konnten, wissen wir, dass sie häufig Symptome extremer Verzweiflung entwickeln. Papageien reißen sich Federn aus, Pferde wiegen sich unaufhaltsam hin und her. Elefanten schaben ihre Stoßzähne – in der Wildnis ein stolz präsentiertes Zeichen der Stärke – an den Wänden ihrer Zellen zu verhutzelten Stümpfen ab. Manche sind so traumatisiert, dass sie jahrelang stehend schlafen und die ganze Zeit neurotisch hin und her schwanken.
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Keine dieser Spezies verhält sich in der Natur so. Viele in Gefangenschaft lebende Tiere verlieren auch das Verlangen nach Sex – ein Grund, warum es so schwierig ist, Tiere in Zoos dazu zu bringen, sich fortzupflanzen.
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Behncke stellte sich nun die Frage: Warum litten Tiere außerhalb ihres natürlichen Lebensraums unter so schweren Depressionen?
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Dann aber wurde diese Frage zu einer persönlichen, als sie an einem College in Oxford über ihre Forschungsarbeit schrieb. Den ganzen Tag in geschlossenen Räumen am Schreibtisch sitzend, wurde sie zum ersten Mal in ihrem Leben selbst depressiv. Sie konnte nicht mehr schlafen, und es gelang ihr nicht, sich darauf zu konzentrieren, wie sie sich von diesen schrecklichen Qualen befreien konnte. Sie nahm Antidepressiva, doch dies änderte wie bei den meisten Menschen nichts. Konnte es sein, überlegte sie, dass ihr Leiden etwas mit den Depressionen zu tun hatte, die sie bei den Bonobos im Käfig beobachtet hatte? Neigen Menschen vielleicht ebenfalls zu Depressionen, wenn sie keinen Zugang mehr zu der Landschaft haben, in der sich ihre Evolution vollzogen hat?
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Ging es ihr deshalb so schlecht?
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Es ist seit Langem bekannt, dass viele psychische Erkrankungen – auch so gravierende wie Psychosen und Schizophrenie – in Städten sehr viel häufiger vorkommen als auf dem Land.
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Die psychischen Auswirkungen des Abgeschnittenseins von der Natur werden jedoch erst seit fünfzehn Jahren genauer untersucht.
Die bislang gründlichste Studie zu dieser Frage hat ein Wissenschaftlerteam an der University of Essex in Großbritannien durchgeführt. Die Forscher beobachteten über drei Jahre hinweg die psychische Gesundheit in über fünftausend Familien. Insbesondere zwei Typen von Familien interessierte sie – einerseits solche, die aus einem von Grün beherrschten ländlichen Gebiet in die Stadt gezogen waren, und andererseits solche, bei denen das Umgekehrte der Fall war. Die Frage war, ob sich im Hinblick auf das Auftreten von Depressionen dadurch etwas veränderte.
Das Ergebnis war eindeutig: Bei denjenigen, die aufs Land zogen, schwächte sich die Depression enorm ab, bei den anderen verstärkte sie sich im gleichen Maße.
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Mittlerweile ist dies nicht die einzige Studie mit diesem Resultat.
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Natürlich wissen Forscher, die sich mit dem Thema beschäftigen, dass alle möglichen anderen Faktoren bei dieser Entwicklung eine Rolle spielen können: Vielleicht ist der Grund, warum es den Menschen in ländlichen Regionen besser geht, gar nicht das viele Grün, sondern vielmehr die Tatsache, dass dort das Gemeinschaftsleben ausgeprägter ist und es weniger Kriminalität und Umweltverschmutzung gibt. Auch dies wurde in einer britischen Studie untersucht. Dabei verglich man soziale Brennpunkte, wo es Grünflächen gab, mit ähnlichen Brennpunkten ohne Grün. Alle anderen Variablen – wie beispielsweise der Grad der sozialen Kontakte unter den Bewohnern – waren gleich. Es stellte sich heraus, dass die Menschen in den grünen Vierteln weniger gestresst und verzweifelt waren.
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Eine Studie, die mir besonders erstaunlich erschien, war zugleich verblüffend einfach. In einem Experiment wurden Stadtbewohner dazu aufgefordert, einen Spaziergang in der Natur zu unternehmen, anschließend wurden ihre Gemütsverfassung und ihre Konzentrationsfähigkeit getestet. Wie zu erwarten fühlten sich alle wohler und konnten sich besser konzentrieren – doch die Wirkung bei den Menschen mit Depressionen war deutlich stärker als bei den anderen, und zwar um das Fünffache.
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Warum war das so? Was hatte sich da abgespielt?
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Wir hatten die Hälfte des Aufstiegs hinter uns, und Behncke blickte in die Ferne zu den Seen. In diesem Augenblick gestand ich ihr etwas: Ich könne durchaus sehen, wie schön diese Szenerie sei, jedoch nur in einer abstrakten Weise. Ich sei so abgeschnitten von der Freude über solche Dinge, dass die Landschaft mir, ehrlich gesagt, wie ein Bildschirmschoner vorkam. Ein schöner Bildschirmschoner. Dabei empfand ich irgendwo in meinem Unterbewusstsein ein Kribbeln. Ich hatte das Gefühl, ich sollte lieber schnell eine Taste auf meinem Laptop drücken.
Behncke lachte, aber es war ein trauriges Lachen. »Ich fühle
mich persönlich dafür verantwortlich, wenn Sie das als Bildschirmschoner empfinden! Ich denke, ich habe eine Mission. In meinen Augen ist es nicht integer, über diese Themen zu sprechen und [dann zu sagen]: Gehen wir heim und setzen uns wieder vor unseren Bildschirm.« Sie nahm mir das Versprechen ab, mit ihr den Gipfel zu erklimmen. Und so stapften wir weiter bergan. Im Lauf des weiteren Gesprächs erfuhr ich, dass Behncke aus einem breiten Spektrum wissenschaftlicher Untersuchungen drei Theorien herausdestilliert hatte. Sie räumte offen ein, dass sie noch sehr viel gründlicher überprüft werden müssten und sich teilweise überschnitten.
Um zu begreifen, warum wir uns in Landschaften wie dieser wohler fühlen, müssten wir mit etwas ganz Elementarem beginnen, meinte sie. »Die Sache ist die, dass wir Tiere sind. Das vergessen wir ständig«, und als solche … – sie deutete auf ihren Körper – »nun, das hier ist dazu gemacht, dass wir uns bewegen.« Wenn wir nach Lösungen für unser Unbehagen Ausschau halten, suchen wir in der Sprache und in den Symbolen danach, die wir als Spezies geschaffen haben. Aber in Anbetracht der langen Zeitspanne unserer Evolution sind sie noch jung. »Wir waren fünfhundert Millionen Jahre lang wirbellos, sind seit zweihundertfünfzig bis dreihundert Millionen Jahren Säugetiere und seit fünfundsechzig [Millionen Jahren] Primaten.« In all den Jahren, die Behncke im kongolesischen Regenwald verbracht und bei den Bonobos gelebt, geschlafen und gegessen hatte, war ihr klar geworden, wie nahe wir ihnen sind. »Der Zeitraum, in dem wir Tiere waren, die sich fortbewegten, ist viel länger als die Zeit, in der wir Tiere sind, die sprechen und Begriffe austauschen«, meinte sie. »Dennoch glauben wir immer noch, Depressionen auf dieser begrifflichen Ebene heilen zu können. Ich denke, [die erste Antwort ist] einfacher. Bringen wir zunächst die Physiologie wieder in Ordnung, indem wir rausgehen und uns bewegen.«
Es kommt selten vor, dass sich ein hungriges Tier, das einen niedrigen Rang in der Gruppe hat, depressiv durch sein natürliches Habitat bewegt – jedenfalls gibt es kaum Berichte darüber.
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Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Bewegung zu einer signifikanten Milderung von Depressionen und Ängsten führt.
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Behncke zufolge liegt das daran, dass uns Bewegung in einen natürlicheren Zustand zurückversetzt – in dem wir unser Körper sind, Tiere sind, die sich bewegen, und unsere Endorphine frei fließen. »Ich glaube nicht, dass man Kinder oder Erwachsene, die sich nicht für eine gewisse Zeit bewegen und in der Natur aufhalten, als vollkommen gesunde Tiere betrachten kann.«
Doch sie meint, es müsse noch etwas Tieferes mitspielen. Beim Vergleich zwischen Menschen, die in einem Fitnessstudio auf dem Laufband trainierten, und anderen, die in der Natur joggten, zeigte sich, dass bei beiden die Depressionen abnahmen – doch bei jenen, die in der Natur liefen, in höherem Maße.
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Welche anderen Faktoren gibt es also noch?
Als wir hierauf zu sprechen kamen, stellte ich fest, dass wir uns auf dem Gipfel des Berges befanden. Zu beiden Seiten eröffnete sich mir ein grandioser Blick. »Jetzt«, erklärte Behncke, »gibt es Bildschirm[schoner] auf beiden Seiten. Wir sind umringt.«
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Vorsichtig näherte sich uns ein Streifenhörnchen und kam bis auf wenige Zentimeter an meine Füße heran. Ich legte ein Stück Dörrfleisch auf den Boden, das ich an jenem Tag gekauft hatte.
Es gibt noch eine weitere wissenschaftliche Erklärung, warum der Aufenthalt in der Natur bei vielen Menschen eine Depression aufhellt, sagte Behncke. Der Biologe E.O. Wilson – im 20. Jahrhundert eine der wichtigsten Figuren auf seinem Gebiet – meinte, alle Menschen verfügten über etwas, was er als »Biophilie« bezeichnete.
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Es handelt sich um eine angeborene Liebe zu Landschaften, in denen der Mensch die längste Zeit seiner Existenz auf diesem Planeten gelebt hat, sowie für das natürliche Gewebe des Lebens, das ihn umgibt und sein Dasein ermöglicht. Fast alle Tiere leiden, wenn sie der Landschaft beraubt werden, in der sie dank der Evolution entstanden sind. Ein Frosch kann an Land leben – aber es wird ihm hundeelend gehen, und er wird resignieren. Warum, fragt Behncke, sollte der Mensch die einzige Ausnahme von dieser Regel sein? Sie ließ den Blick schweifen und sagte: »Verdammter Mist – das ist unser
Habitat.«
Diese These lässt sich nur schwer wissenschaftlich beweisen, aber ein Versuch wurde immerhin unternommen. Die Sozialwissenschaftler Gordon Orians und Judith Heerwagen zeigten Menschen in völlig unterschiedlichen Kulturen weltweit eine Reihe von Bildern verschiedener Landschaften, von der Wüste über Städte bis zur Savanne. Dabei stellte sich heraus, dass die Menschen ganz unabhängig von ihrer Kultur eine Vorliebe hatten: für Landschaften, die aussehen wie die afrikanischen Savannen. Daraus schlossen die Wissenschaftler, dass etwas an dieser Vorliebe angeboren sein muss.
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Dies führt uns zu einem weiteren Grund, warum Behncke glaubt, dass sich unter Depressionen oder Ängsten leidende Menschen in der Natur wohler fühlen. Wenn man depressiv ist, meint man – wie Behncke selbst erlebt hat –, dass »sich alles um einen selbst dreht«. Man sitzt in der Falle der eigenen Erzählung und der eigenen Gedanken, die mit dumpfer, bitterer Beharrlichkeit im Kopf herumgeistern. Depressiv oder ängstlich zu werden heißt, zum Gefangenen des eigenen Ichs zu werden, in das von außen keine frische Luft eindringt. Eine Reihe von Wissenschaftlern hat mittlerweile nachgewiesen, dass der Aufenthalt draußen in der Natur das exakte Gegenteil dieser Empfindung hervorruft – nämlich Ehrfurcht.
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Im Angesicht einer natürlichen Landschaft bekommt man ein Gefühl dafür, wie klein man ist mit seinen Sorgen und wie groß die Welt ist, und diese Erfahrung führt das Ego meist auf ein kontrollierbares Maß zurück. »Die Natur ist etwas Größeres als man selbst«, erklärte Behncke und sah sich erneut um. »Da ist etwas zutiefst, etwas animalisch Gesundes in diesem Gefühl. Die Menschen lieben es – diese kurzen, flüchtigen Augenblicke.« In solchen Augenblicken sieht man möglicherweise, dass man in tieferer und umfassenderer Weise mit allem, was einen umgibt, verbunden ist. »Es ist fast wie eine Metapher für die Zugehörigkeit zu einem größeren System«, meint sie. »Man ist stets in ein
Netzwerk eingebettet«, auch wenn man es nicht merkt; man ist »einfach ein Knoten unter vielen« in diesem unendlichen Teppich.
Behncke fand es verständlich, dass sie in Oxford, abgetrennt von alldem, depressiv geworden war. Im Kongo, bei ihrem Leben mit den Bonobos, konnte sie gar nicht depressiv werden. Sicher, auch dort überfielen sie manchmal düstere Gedanken. »Beim Kampieren in der Savanne hört man Löwen brüllen und denkt sich: ›O Scheiße, ich bin reines Protein für sie.‹« Doch dieses Ausbrechen aus dem Kokon des eigenen Egos befreite sie von der Verzweiflung.
Das Streifenhörnchen beschnüffelte das Dörrfleisch, das ich auf den Boden gelegt hatte, wandte sich aber angewidert ab und hoppelte davon. Erst als ich mir die Packung näher ansah, wurde mir klar, dass ich ihm gedörrten Lachs angeboten hatte, den Kanadier offenbar freiwillig essen. »Das Streifenhörnchen hat einen hervorragenden Geschmackssinn«, erklärte mir Behncke, blickte entsetzt auf die Packung und führte mich den Berg wieder hinunter.
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Quasi durch Zufall wurde in den Siebzigerjahren im Staatsgefängnis von Michigan zu diesem Thema eine interessante Entdeckung gemacht. Aufgrund der Bauweise der Anstalt blickte die Hälfte der Häftlinge von ihren Zellen aus auf hügeliges Ackerland und Wälder, die andere Hälfte hingegen auf nackte Ziegelsteinwände. Ein Architekt namens Ernest Moore, der die medizinischen Berichte über diese beiden Gefangenengruppen (die sich ansonsten nicht unterschieden) untersuchte, stellte dabei fest, dass die Gruppe derjenigen, die in die Natur blickten, im Vergleich zu den anderen Häftlingen mit vierundzwanzig Prozent geringerer Wahrscheinlichkeit körperlich oder psychisch erkrankte.
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»Ich muss sagen«, erklärte mir Professor Howard Frumkin, einer der weltweit führenden Experten auf dem Gebiet, »wenn wir Medikamente hätten, deren vorläufiges Ergebnis eine solche
Effizienz verspräche, würden wir uns sofort auf ihre nähere Erforschung stürzen … Wir haben hier eine Behandlungsmethode mit sehr geringen Nebenwirkungen, die nicht teuer ist, nicht durch einen ausgebildeten und zugelassenen Mediziner verschrieben werden muss und deren Wirksamkeit bislang recht gut nachgewiesen ist.« Aber es ist äußerst schwierig, Gelder für entsprechende Studien aufzutreiben, da »ein Großteil der modernen biomedizinischen Forschung von der Pharmaindustrie gelenkt wird«, und die hat kein Interesse, weil »es äußerst schwierig ist, den Kontakt zur Natur zu kommerzialisieren«. Man kann ihn nicht vermarkten, also will man in dieser Richtung nicht weiterforschen.
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Ich nahm all das in mich auf, und doch blieb für mich die Frage, warum ich mein Leben lang solche Widerstände gegen die natürliche Welt verspürt hatte. Erst als ich monatelang darüber nachgedacht und mir immer wieder die Aufzeichnungen von meiner Bergwanderung mit Isabel Behncke angehört hatte, wurde mir etwas klar. In der Natur spüre ich, wie mein Ego schrumpft, fühle, dass ich sehr klein bin und die Welt sehr groß ist, genau so, wie Behncke es beschrieben hatte. Doch den Großteil meines Lebens konnte ich dabei nicht erleichtert aufatmen, sondern nur Angst empfinden.
Ich will
mein Ego. Ich will es nicht loslassen.
Erst später auf dieser Reise begriff ich es richtig – wie Sie gleich sehen werden.
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Isabel Behncke hatte beobachtet, dass die Bonobos in Gefangenschaft depressive Symptome entwickelten, wie es in der Wildnis nie und nimmer der Fall gewesen wäre. Wir Menschen »befinden uns in vielerlei Hinsicht in ebensolcher Gefangenschaft«, meinte sie. Die Botschaft, die die depressiven Bonobos ihr vermittelt hatten, war, wie sie sagte: »Bleib nicht in
Gefangenschaft. Scheiß auf Gefangenschaft.«
Dort oben auf dem Gipfel jenes Berges oberhalb von Banff gibt es einen Felsvorsprung, von dem aus man in jeder Richtung den Blick auf die Weite der kanadischen Landschaft hat. Dieser Felsvorsprung löste Angst und Schrecken in mir aus, aber Isabel Behncke nahm mich an der Hand und führte mich bis an den Rand. Das Grausamste an Depressionen, erklärte sie mir, besteht darin, dass sie an dem Wunsch zehrt, so absolut lebendig zu sein wie in diesem Augenblick – Erfahrungen im vollsten Sinne zu machen. »Wir möchten uns lebendig fühlen.« Wir möchten es und haben das verzweifelte Bedürfnis danach. Später sagte sie: »Offensichtlich waren wir mit dem Tod konfrontiert, und doch haben wir uns lebendig gefühlt, nicht wahr? Sie waren vielleicht entsetzt – aber nicht deprimiert.«
Nein, ich war nicht deprimiert.