Kapitel 12:
Ursache sieben: Abgeschnitten von einer hoffnungsvollen oder sicheren Zukunft
Noch etwas war mir im Lauf der Jahre an meiner Depression und meiner Angst aufgefallen. Sie machten mich oft auf merkwürdige Weise extrem kurzsichtig. Wenn sie sich einstellten, hatte ich nur noch die nächsten paar Stunden im Kopf: wie lang sie mir erscheinen und wie schmerzlich sie sein würden. Es war, als hätte ich keine Zukunft mehr.
Bei meinen Gesprächen mit depressiven oder unter schweren Ängsten leidenden Menschen fiel mir auf, dass sie häufig von ähnlichen Empfindungen berichteten. Eine Freundin erzählte mir, sie wüsste, dass ihre Depression nachließ, sobald sich das Gefühl einstellte, dass die Zeit sich wieder vor ihr erstreckte, und sie darüber nachdenken konnte, wo sie in einem Monat oder in einem Jahr sein würde.
Diese Besonderheit wollte ich verstehen und stieß bei meinen Recherchen auf einige bemerkenswerte Forschungsergebnisse. Sie waren von allen Erklärungen für Depressionen und Ängste, die ich kennenlernte, am schwersten zu begreifen – aber sobald es mir gelungen war, halfen sie mir, diversen Rätseln auf den Grund zu gehen.
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Kurze Zeit vor seinem Tod saß Häuptling Plenty Coups in seinem Haus und schaute auf die sich vor ihm erstreckende Ebene, durch die sein Stamm einst in Gesellschaft der Büffel gezogen war. Jetzt war sie leer.
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Als er geboren wurde, ging die Epoche, in der sein Volk – die Crow – noch als Nomaden und Jäger gelebt hatten,
gerade zu Ende.
Eines Tages kam ein weißer Cowboy zu ihm mit dem Anliegen, die Geschichte des Häuptlings zu erzählen – sie getreu in dessen eigenen Worten aufzuzeichnen und für kommende Zeitalter festzuhalten. Viele weiße Männer hatten Geschichten der amerikanischen Ureinwohner gestohlen und sie verfälscht, deshalb dauerte es lange, bis die beiden Vertrauen zueinander fassten. Aber als es so weit war, erzählte Häuptling Plenty Coup diesem Mann eine Geschichte. Sie handelte vom Ende der Welt.
Als er noch jung war, so erklärte er, war sein Volk zu Pferde durch die Great Plains gezogen, und ihr Leben hatte sich stets um zwei wesentliche Aktivitäten gedreht.
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Sie gingen auf die Jagd, und sie rüsteten sich für Kriege gegen rivalisierende Stammesgruppen unter den Ureinwohnern. Alles, was sie taten, war dazu bestimmt, sich auf einen der beiden ordnenden Pole ihres Lebens vorzubereiten. Kochte man eine Mahlzeit, diente es der Vorbereitung auf die Jagd oder den Kampf. Führte man den zeremoniellen Sonnentanz auf, so bat man damit um Kraft für die Jagd oder für den Kampf. Selbst der eigene Name – und die Namen all derer, die man kannte – basierte auf seiner Rolle bei der Jagd oder im Kampf.
Das war die Welt.
Der Häuptling schilderte ihre zahlreichen Regeln. Zum Beispiel stand im Mittelpunkt der Crow-Weltsicht das Pflanzen des sogenannten Coup Stick. Zog man durch die Ebene, markierte man das Gebiet des eigenen Stamms durch diesen geschnitzten Holzstock, indem man ihn in den Boden rammte. Der Stock bedeutete: Jeder, der diesen Punkt überschreitet, ist ein Feind und wird angegriffen. Durch das Pflanzen und Verteidigen des Coup Stick erntete man bei den Crow größte Bewunderung. Dieser Vorgang stand im Zentrum der Wertvorstellungen des Stammes.
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Auch auf andere Regeln seiner untergegangenen Welt ging Häuptling Plenty Coups in allen Einzelheiten ein. Anschaulich schilderte er sein Leben, die spirituellen Werte seines Volks, dessen Beziehung zu den Büffeln und zu rivalisierenden Stämmen. Diese Welt war ebenso komplex wie die Kulturen Europas oder Chinas oder Indiens und ebenso reich an Regeln,
Bedeutungsinhalten und Metaphern.
Aber es gab etwas an der Geschichte, was der Cowboy merkwürdig fand. Als die weißen Europäer kamen, die Büffel ausgerottet, die Crow umgebracht und die Überlebenden in Reservate gepfercht wurden, war der Häuptling erst ein Jugendlicher gewesen. Trotzdem endete seine Geschichte stets hier. Über den Rest, also den Großteil seines Lebens, gab es nichts zu erzählen. Es war alles gesagt.
Wenn er zu dem Punkt gelangte, an dem die Crow in Reservate gesperrt wurden, sagte er: »Danach geschah nichts.«
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Natürlich wusste der Cowboy ebenso gut wie jeder andere, dass der Häuptling in seinem Leben noch vieles mehr getan hatte. Eine Menge war geschehen. Aber in einem ganz realen Sinn war damals für ihn und sein Volk das Ende der Welt gekommen.
Gewiss konnte man im Reservat noch Stöcke in den Boden rammen, aber dieser Akt hätte jeden Sinn verloren. Wer sollte sie überschreiten? Wie sollten sie verteidigt werden? Gewiss konnten die Stammesangehörigen über Mut sprechen, der Wert, den sie am höchsten schätzten – aber wie sollten sie noch in einer Weise Mut zeigen, die ihnen einleuchtete, wenn sie nicht mehr jagen und kämpfen konnten? Gewiss konnten sie noch den Sonnentanz aufführen, aber warum sollten sie sich die Mühe machen, wenn es keine Jagd und keine Schlacht mehr gab, für die man um Erfolg bitten musste? Wie konnte man noch Ehrgeiz oder Tatkraft oder Tapferkeit beweisen?
Selbst die Alltagshandlungen schienen sinnlos. Zuvor hatten Mahlzeiten der Vorbereitung auf die Jagd oder den Kampf gedient. »Offensichtlich kochten die Crow weiterhin Mahlzeiten«, erklärt der Philosoph Jonathan Lear, als er darüber schrieb. »Und wenn man sie fragte, konnten sie sagen, was sie taten. Und wenn man nachhakte, konnten sie sagen, sie versuchten zu überleben, ihre Familie von einem Tag bis zum nächsten zusammenzuhalten.«
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Aber »es gab keinen größeren Bedeutungszusammenhang, in den es sich gefügt hätte«.
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Ein Jahrhundert später machte der Psychologieprofessor Michael Chandler eine Entdeckung.
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Er hatte, ebenso wie viele seiner kanadischen Mitbürger, über die Nachrichten Jahr für Jahr grauenhafte Berichte verfolgt. In Kanada gab es über das ganze Land verteilt hundertsechsundneunzig First-Nations-Gruppen, die dortige Bezeichnung für die Ureinwohner, die es geschafft hatten, die europäische Invasion zu überleben – allerdings in Reservaten und desorientiert wie Häuptling Plenty Coups und seine Crow. Wie auch in den Vereinigten Staaten hatten kanadische Regierungen viele Jahre lang daran gearbeitet, die Kultur der First Nations zu zerstören, indem sie ihnen ihre Kinder wegnahmen und sie in Waisenhäusern aufzogen, ihnen verboten, ihre Muttersprache zu benutzen, und ihnen das Recht absprachen, ihre Lebensweise selbst zu wählen. Diese Praxis hielt sich bis vor einigen Jahrzehnten. In der Folge wiesen die Menschen, die all dies durchgemacht hatten – und ihre Kinder –, die höchsten Suizidraten im Land auf. Als sich 2016 in einer Nacht in einem einzigen Reservat elf Mitglieder der First Nations das Leben nahmen, schaffte es das Thema bis ganz nach vorne in den Schlagzeilen.
Chandler wollte verstehen, warum das so war. Deshalb begann er in den Neunzigerjahren, die Statistiken über Suizide bei den First Nations auszuwerten, und ermittelte, wo sie stattfanden. Dabei fiel ihm etwas Interessantes auf. Bei der Hälfte der Stammesgruppen gab es überhaupt keine Selbsttötungen, während sich bei anderen außerordentlich hohe Zahlen fanden. Warum verhielt sich das so? Was konnte den Unterschied erklären? Was geschah in den selbstmordfreien Stämmen, das in jenen mit hohen Suizidraten nicht passierte?
Er hatte eine Vermutung. »Regierungen haben die Ureinwohner in der Vergangenheit wie Kinder behandelt und quasi anstelle von Eltern die Kontrolle über deren Leben übernommen«, erklärte mir Chandler. Aber »in den letzten Jahrzehnten haben indigene Gruppen gegen diesen Ansatz gekämpft und versucht, die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen«. Einige erlangten die Aufsicht über ihre traditionellen Gebiete zurück, belebten ihre Sprache neu und übernahmen die Verwaltung ihrer Schulen, ihrer
Gesundheitsversorgung, ihrer Polizei und besetzten die entsprechenden Führungspositionen durch Wahlen. Mancherorts hatten die Behörden der Selbstverwaltung durch die First Nations zugestimmt und ihnen einige Freiheiten eingeräumt, anderswo nicht.
Demnach bestand eine gewaltige Kluft zwischen den First-Nations-Gruppen, die nach wie vor uneingeschränkt von den Entscheidungen der kanadischen Regierung abhängig sind, und anderen, die eine gewisse Freiheit erlangt haben, eine Kultur wieder aufbauen zu können, die ihnen etwas bedeutet – und sich auf diese Weise eine Welt schaffen, in der sich, aus ihrer Sicht, etwas ereignet.
Chandler und seine Kollegen brachten Jahre mit der sorgfältigen Sammlung und Prüfung der Statistiken zu.
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Zur Messung der Kontrolle, die eine Stammesgruppe ausübte, entwickelten sie neun Parameter, die sie über längere Zeiträume den Suizidstatistiken gegenüberstellten. Sie wollten herausfinden, ob es einen Zusammenhang gab.
Dann trugen sie die Ergebnisse zusammen. Es stellte sich heraus, dass die Gemeinschaften mit der weitestgehenden Kontrolle die niedrigsten Suizidraten aufwiesen, während die Gemeinschaften mit der geringsten Kontrolle die meisten Selbsttötungen verzeichneten. Wenn man diese beiden Faktoren in einer Grafik gegeneinander auftrug, ergab sich eine bemerkenswert gerade Linie – man konnte die Suizidraten durch einen Blick auf die Kontrollmöglichkeiten einer Gemeinschaft vorhersagen.
Diese Entdeckung barg an sich schon Sprengkraft. Aber sie veranlasste Chandler zu noch tiefer gehenden Überlegungen.
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Bei der Auswertung der Ergebnisse aus der First-Nations-Studie erinnerte sich Chandler an eine Untersuchung, die er mehrere Jahre zuvor durchgeführt hatte. Sie ist ein wenig komplizierter als die Studien, die ich bisher vorgestellt habe, aber es lohnt sich, darauf genauer einzugehen.
Schon 1966, als er sein Psychologiestudium an der University of California in Berkeley abschloss, hatte ihn eine uralte Menschheitsfrage in den Bann gezogen: Wie entwickelt man ein Identitätsgefühl? Wie weiß man, wer man ist? Dies scheint unser Verständnis zu übersteigen. Andererseits betrachten wir einfach mal Folgendes: Was ist das verbindende Element zwischen dem Ich des Kleinkinds, das Kinderkrankheiten durchmachte, und der Person, die heute dieses Buch liest? Werden Sie in zwanzig Jahren noch dieselbe Person sein? Wenn Sie ihr begegnen, würden Sie sie erkennen? Welche Beziehung besteht zwischen Ihnen in der Vergangenheit und Ihnen in der Zukunft? Sind Sie stets derselbe Mensch?
Fast jeder tut sich schwer mit seiner Antwort. Wir haben instinktiv das Gefühl, unser Leben lang ein und dieselbe Person zu sein – aber es ist nicht leicht zu erklären, warum. Es gibt jedoch eine Gruppe, für die diese Aufgabe unlösbar scheint.
Chandler besuchte eine Einrichtung der Jugendpsychiatrie in Vancouver und führte über Monate Interviews mit den dort untergebrachten Teenagern. Sie lebten während der Behandlung in Zimmern mit Etagenbetten und bedeckten oft voller Scham die Narben an ihren Armen. Er stellte ihnen viele Fragen über ihr Leben. Einige davon zielten auf den Kern dieses Themas: Wie bildet sich unser Identitätsgefühl? Chandler ging mit unterschiedlichen Methoden an das Thema heran – eine davon war ziemlich einfach. In Kanada gibt es eine Buchreihe, die klassische Literatur in Form von Comics herausbringt, darunter Eine Weihnachtsgeschichte
von Charles Dickens. Wahrscheinlich kennen Sie die Handlung: Im Mittelpunkt steht ein alter Geizkragen namens Scrooge, der Besuch von drei Geistern bekommt, sich durch diese Erfahrung völlig verändert und unglaublich großzügig wird. Eine weitere Comicbearbeitung widmet sich Victor Hugos Klassiker Die Elenden.
Die Handlung in Kurzform: Ein armer Mann namens Jean Valjean begeht ein Delikt, verbüßt eine langjährige Haftstrafe, entkommt nach einer erneuten Straftat der Verfolgung, gelangt unter anderem Namen zu Reichtum und wird sogar Bürgermeister seiner Stadt, muss erneut untertauchen – und wird unterdessen unerbittlich verfolgt
von Inspektor Javert.
Chandler brachte zwei Gruppen aus der Jugendpsychiatrie dazu, diese Comics zu lesen. Eine Gruppe bestand aus Magersüchtigen in stationärer Behandlung, die andere aus Teenagern, die wegen Depressionen suizidgefährdet waren. Er bat beide Gruppen, über die Hauptfiguren nachzudenken. Wird Scrooge in Zukunft, nach der Begegnung mit den Geistern und seinem Sinneswandel, noch dieselbe Person sein? Wenn ja, warum? Wird Jean Valjean nach Flucht und Namensänderung noch derselbe Mensch sein? Sag mir, wieso.
Die Jugendlichen aus beiden Gruppen waren gleichermaßen krank, und ihre seelische Not war ähnlich groß. Dennoch konnten die magersüchtigen Teenager diese Fragen ganz normal beantworten, während die depressiven Jugendlichen nicht dazu in der Lage waren. »Fast ausschließlich bei der suizidalen Gruppe zu beobachten war ein generelles Unvermögen zu verstehen, wie ein Mensch weiterhin dasselbe Individuum sein kann«, erklärte mir Chandler. Die schwer depressiven Jugendlichen konnten die verschiedensten anderen Fragen ganz normal beantworten, doch wenn die Sprache darauf kam, was sie oder irgendein anderer in Zukunft sein würden, wirkten sie ratlos. Sie wussten, dass sie eigentlich in der Lage sein sollten, eine Antwort darauf zu finden. Aber sie sagten nur traurig: »Ich habe nicht die leiseste Ahnung.«
Das Interessante dabei ist: So wie sie nicht sahen, wer Jean Valjean in Zukunft sein würde, konnten sie auch nicht sehen, wer sie selbst in Zukunft sein würden. Für sie gab es keine Zukunft. Auf die Bitte, sich selbst in fünf oder zehn oder zwanzig Jahren zu beschreiben, reagierten sie verunsichert.
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Es war wie ein Muskel, der ihnen den Dienst versagte.
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Auf einer tiefer gehenden Ebene hatte Chandler entdeckt, dass schwer depressive Menschen den Bezug zur Zukunft in einer Weise verloren haben, wie es andere Menschen in seelischen Notlagen nicht erleben. Aus dieser frühen Untersuchung ließ sich jedoch kaum ableiten, ob die Symptome der Jugendlichen Ursache oder Auswirkung der Störung waren. Beides war möglich. Vielleicht führt der Verlust des Konzepts Zukunft zu Suizidneigungen, oder eine massive Depression erschwert das
Nachdenken über die Zukunft. Doch wie sollte Michael Chandler diese Frage klären?
Er war überzeugt, eine Antwort in den Forschungen zu den kanadischen First Nations zu finden. Lebte man in einer First-Nations-Gemeinschaft, die keinen Einfluss auf das eigene Schicksal hatte, war es schwer, gedanklich das Bild einer hoffnungsvollen oder sicheren Zukunft zu entwerfen. Man war fremden Kräften ausgeliefert, die das eigene Volk schon mehrfach zerstört hatten. Lebte man aber in einer First-Nations-Gemeinschaft, die das eigene Schicksal in der Hand hatte, konnte man ohne Weiteres die Vision einer hoffnungsvollen Zukunft konstruieren – weil man gemeinsam darüber entschied.
Chandler folgerte, dass es der Verlust der Zukunft war, der die Suizidraten nach oben trieb. Man fühlt sich sicher, wenn man glaubt, eine positive Zukunft zu haben. Tauchen dann irgendwann Probleme auf, kann man sich sagen: Das tut weh, aber es wird nicht ewig so bleiben. Wenn einem aber die Zukunft genommen ist, bekommt man leicht den Eindruck, dass der Schmerz niemals aufhören wird.
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Nach diesen Forschungen sieht Chandler inzwischen wenig Sinn in unserer Annahme, dass Depressionen und Ängste hauptsächlich durch Defekte in unserem Gehirn oder unseren Genen verursacht werden. »Es ist eine Art Überbleibsel aus einer absolut verwestlichten, medikalisierten Sicht auf Gesundheit und Wohlbefinden«, erklärte er mir, und dabei »fehlt jedes ernsthafte Verständnis des kulturellen Zusammenhangs, in dem diese Dinge geschehen.« Wenn man sich so verhält, ignoriert man »die Berechtigung der Depression« vieler Menschen, denen die Hoffnung genommen wurde. Statt über diese Ursachen der Depression nachzudenken, haben wir den Menschen einfach Medikamente verordnet, und »daraus ist eine Industrie geworden«.
***
Zurück in London, verabredete ich mich mit einer alten Freundin aus Studientagen, zu der in den vergangenen zwölf Jahren der Kontakt abgerissen war. Ich nenne sie hier Angela. Als wir studierten, gehörte sie zu den Leuten, die mit vielen Bällen gleichzeitig jonglierten – sie spielte Theater, las Tolstoi, war bei allen beliebt, ging mit den attraktivsten Jungs aus. Ihr Leben glich einem Feuerwerk aus Adrenalin, Cocktails und alten Romanen. Von gemeinsamen Freunden hatte ich jedoch gehört, dass sie seit einigen Jahren ein ernstes Problem mit Depressionen und Ängsten hatte, und weil das in meinen Augen so gar nicht zu ihr passte, wollte ich mit ihr sprechen.
Ich lud sie zu einem ausgedehnten Mittagessen ein, und sie erzählte mir, was in ihrem Leben passiert war, seit wir uns zuletzt gesehen hatten.
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Dabei sprach sie gehetzt und entschuldigte sich ständig, ohne zu erklären, wofür.
Angela berichtete, sie habe ihr Studium mit dem Master abgeschlossen, doch als sie begann, sich zu bewerben, bekam sie stets die gleiche Antwort: Sie sei überqualifiziert, und wenn man ihr eine Stelle gebe, würde sie bald wieder kündigen. Das zog sich über Monate hin. Schließlich war ein Jahr vergangen, und sie hatte immer noch kein Glück gehabt. Angela war es gewohnt, hart zu arbeiten, und arbeitslos zu sein erschien ihr seltsam. Am Ende konnte sie ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen, also bewarb sie sich für einen Stundenlohn von acht Pfund (rund neun Euro), damals knapp über dem britischen Mindestlohn, bei einem Callcenter.
An ihrem ersten Tag betrat sie eine alte Farbenfabrik im Osten Londons. Dort waren wackelige Tische mit Kunststoffplatten aufgereiht, wie man sie in britischen Grundschulen findet, und darauf standen Computer. In der Mitte saß an einem größeren Schreibtisch ein Aufseher. Man sagte ihr, dass er jederzeit bei ihren Gesprächen mithören könne und ihr Feedback geben würde. Das Callcenter erledigte Anrufe für drei führende britische Wohltätigkeitsorganisationen, und Angela sollte in ihrem Auftrag Kaltakquise machen; es ging also darum, potenzielle Spender unaufgefordert anzurufen und ihnen drei Fragen zu stellen. Als Erstes fragte man nach einer großen Summe: Könnten Sie fünfzig
Pfund im Monat entbehren? Antworteten sie mit Nein, dann bat man um einen kleineren Betrag: Wie steht es mit zwanzig Pfund? Wenn wieder verneint wird, fragte man: Wie wäre es mit zwei Pfund im Monat? Der Anruf galt nur dann als Erfolg, wenn es gelang, alle drei Fragen zu stellen.
In diesem Callcenter gab es keinen »Arbeitsplatz« im herkömmlichen Sinn, wie es Angelas Großeltern, einstmals Dienstmädchen und Fabrikarbeiter, gekannt hatten. Wenn wir dich behalten, so der Boss, bekommst du einmal in der Woche eine E-Mail, in der deine Schichten für die folgende Woche stehen. Kann sein, dass du vier bekommst oder gar keine. Das hängt von mir ab und von deinen täglichen Leistungen.
Am Ende des ersten Tags erklärte ihr der Aufseher, sie mache bei ihren Anrufen alles falsch, und wenn das nicht besser werde, bekäme sie keine Schicht mehr. Sie müsse durchsetzungsfähiger werden. Angela brauchte eine hohe Rate von Angerufenen, die auf alle drei Fragen antworteten, und dann einen hohen Anteil, der zu einer Spende bereit war. In den folgenden Wochen erlebte sie, dass sie angeschrien wurde, sobald die Rate auch nur um zwei Prozent gegenüber der vorherigen Schicht abfiel, und der Aufseher drohte, das könne durchaus ihre letzte Schicht gewesen sein.
Manchmal hatte Angela Leute am Apparat, die ihr unter Tränen berichteten, sie könnten sich regelmäßiges Spenden nicht mehr leisten. »Ich weiß, dass die blinden Kinder mich brauchen«, schluchzte eine alte Frau. »Vielleicht kann ich ein günstigeres Hundefutter kaufen«, überlegte sie, damit sie die gesparten Pennybeträge für die Blinden spenden könne. Angela hatte die Anweisung, auf keinen Fall lockerzulassen.
Im ersten Monat dachte Angela noch, sie könne ihre Leistung steigern, was ihren Job erträglicher machen würde, bis sie eine richtige Arbeitsstelle fände. »Ich sagte mir, es gefällt mir nicht wirklich, aber es wird schon werden. Es wird schon«, erzählte sie mir. In den Wochen mit vier Schichten konnte sie endlich den Bus zur Arbeit nehmen und ein ganzes Hühnchen kaufen, aus dem sie dann mehrere Mahlzeiten zubereitete. In den Wochen, in denen sie nur eine, zwei oder gar keine Schicht bekam, aß sie Bohnen
und ging zu Fuß zur Arbeit. Ihr Freund war gezwungen, eine ähnliche chronisch unsichere Arbeit anzunehmen, und eines Tages wurde er krank. Angela überkam die Wut, weil er sich nicht zwang, zur Arbeit zu gehen: Weißt du nicht, dass wir diese sechzig Pfund brauchen?
Am Anfang des zweiten Monats stellte Angela fest, dass sie auf dem Weg zur Arbeit im Bus zitterte. Sie wusste nicht, warum. Nach der Arbeit trank sie manchmal im Pub auf der anderen Straßenseite ein Bier, und zum ersten Mal in ihrem Leben fing sie in der Öffentlichkeit an zu weinen. Etwa zur selben Zeit bemerkte sie, dass sie eine Wut packte wie nie zuvor. Manchmal gab es mehrere neue Kollegen, und deshalb wurden ihr die Schichten gekürzt. »Man fängt an, die neuen Leute regelrecht zu hassen«, sagte sie. Sie und ihr Freund gerieten oft wegen irgendeiner Kleinigkeit miteinander in Streit.
Als ich sie bat zu beschreiben, wie sie sich bei der Arbeit fühlte, überlegte sie. »Es ist, als würde man zusammengequetscht – als würde man ständig versuchen, durch eine ganz enge Röhre zu kriechen. Oder wie auf einer Rutsche, wenn man begreift, dass es einem nicht gut geht und man nicht atmen kann, dass einem schlecht wird und man da nie wieder rauskommt. Zugleich fühlt man sich dumm – inkompetent wie ein Kind – wie ein Kind, das sein Leben nicht im Griff hat, also wird man in eine beschissene Welt verbannt, in der Leute einem sagen können, man wäre nicht gut genug, und einen einfach so« – sie schnippte mit den Fingern – »rausschmeißen können«.
Angelas Großmutter war als Dienstmädchen beschäftigt gewesen, und ihr Vertrag wurde jedes Jahr an Mariä Verkündigung (25. März) verlängert. Angelas Mutter gehörte der Mittelschicht an und arbeitete mit einem unbefristeten Vertrag. Angela hatte den Eindruck, dass sie sogar hinter das zurückfiel, was ihre Großmutter in den Dreißigerjahren gehabt hatte. In jeder Stunde, bei jedem Anruf stand ihre Stelle zur Disposition. Deshalb hatte sie »Angst, zur Arbeit zu gehen«, sagte sie, »weil ein schrecklicher Tag vor mir lag. Außerdem fürchtete ich, an diesem Tag wirklich alles zu vermasseln und meine Arbeit zu verlieren, denn dann steckten wir in der Klemme.«
Eines Tages wurde ihr klar, dass sie »dieses Gefühl, keine Zukunft zu haben«, niemals abschütteln konnte. Es war unmöglich, auch nur ein paar Tage im Voraus zu planen. Wenn sie hörte, wie Freunde über einen Wohnungskauf oder die Rente sprachen, klang das in ihren Ohren beinahe utopisch – Nachrichten aus einem Land, in dem sie nur Besucherin war. »Es nimmt einem jedes Identitätsgefühl, das man haben könnte, und ersetzt es durch Scham und Sorge und Angst … Was bist du? Ich bin nichts.« Sie konnte kein Bild von sich selbst in der Zukunft heraufbeschwören, das anders aussah als das heutige. »Ich habe schreckliche Angst, dass wir mit über sechzig oder über siebzig Jahren so arm sind wie heute als Zwanzigjährige«, sagte sie. Es sei, als stecke man in »einem ewigen Verkehrsstau«, wo es keinen Zentimeter vorwärtsging. Sie fing an, abends billigen Alkohol zu trinken, weil sie vor Angst nicht einschlafen konnte.
Eine derartige Unsicherheit in Bezug auf das Arbeitsleben ist seit dreißig Jahren für immer mehr Menschen fast in der ganzen westlichen Welt gang und gäbe geworden. Rund zwanzig Prozent der Beschäftigten in Deutschland und den Vereinigten Staaten haben keinen Arbeitsvertrag und können ihre Beschäftigung kurzfristig verlieren. Der italienische Philosoph Paolo Virno sagt, wir hätten nicht länger ein »Proletariat« – eine solide Arbeiterschicht mit Festanstellung –, sondern ein »Prekariat«, eine sich wandelnde Masse von Menschen, deren Leben von chronischer Unsicherheit geprägt ist, die nicht wissen, ob sie nächste Woche noch eine Beschäftigung haben, und die womöglich niemals eine feste Anstellung finden werden.
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Damals, als wir Studenten waren, sah Angela eine hoffnungsvolle Zukunft vor sich, und ihre überschäumende Positivität war ansteckend. Als sie mir jetzt gegenübersaß und davon sprach, dass jede Zukunftshoffnung erstickt sei, wirkte sie erschöpft und nahezu empfindungslos.
Es gab ein Zeitfenster, als den Menschen aus der Mittelschicht und der Arbeiterklasse ein gewisses Einkommen sicher war und sie Zukunftspläne schmieden konnten. Dieses Fenster hat sich zusehends geschlossen, und zwar als direkte Folge politischer Entscheidungen, die Vorschriften für Unternehmen aufhoben und
es Arbeitnehmern erschwerten, sich zum Schutz ihrer Rechte zu organisieren. Das Gefühl, eine vorhersagbare Zukunft zu haben, ging dabei verloren. Angela wusste nicht, was sie erwartete. Ihre Arbeitsbedingungen führten dazu, dass sie kein Bild von sich selbst in ein paar Monaten, geschweige denn in ein paar Jahren oder Jahrzehnten aufbauen konnte.
Zunächst betraf dieses prekäre Gefühl der Verunsicherung Menschen mit den niedrigsten Löhnen. Inzwischen greift es jedoch immer weiter um sich. Heute erledigen viele Angehörige der Mittelschicht Einzelaufträge ohne jeden Vertrag und ohne Absicherung. Dafür erfinden wir schicke Namen: Wir sprechen von »Freiberuflern« oder der »Gig Economy« – als wären wir Kanye West, der im Madison Square Garden auftritt. Für die meisten von uns löst sich eine stabile Vision der Zukunft allmählich auf, und man erklärt uns, wir sollten es als eine Art Befreiung auffassen.
Es wäre anmaßend, die Situation der Beschäftigten im Westen mit jener der Ureinwohner Nord- und Südamerikas zu vergleichen, die einen Genozid und mehr als ein Jahrhundert der Verfolgung überlebt haben. Aber bei meinen Recherchen für dieses Buch habe ich auch einige Zeit in den USA in den verfallenden Industrieregionen des Rust Belt verbracht. Einige Wochen vor den Präsidentschaftswahlen von 2016 fuhr ich nach Cleveland, um Wähler zu mobilisieren und so zu verhindern, dass Donald Trump gewählt wird. An einem Nachmittag ging ich durch eine Straße im Südwesten der Stadt, wo ein Drittel der Häuser von den Behörden abgerissen worden war, ein Drittel leer stand und das letzte Drittel noch bewohnt und mit Stahlgittern an den Fenstern versehen war. Ich klopfte an eine Tür. Eine Frau, die ich auf Mitte fünfzig geschätzt hätte, öffnete mir. Sie fing an zu schimpfen – sie habe schreckliche Angst vor ihren Nachbarn, die Jugendlichen im Viertel »müssten verschwinden«, sie hoffe verzweifelt auf jemanden, der für bessere Verhältnisse sorgen würde, es gebe nicht einmal mehr einen Lebensmittelladen in der Nähe, und sie müsse mit dem Bus zweimal umsteigen, nur um einzukaufen. Nebenbei erwähnte sie zu meinem Erstaunen, sie sei siebenunddreißig Jahre alt.
Und dann sagte sie etwas, das mir noch lange nach der Wahl in Erinnerung blieb. Sie schilderte, wie das Viertel gewesen war, als ihre Großeltern hier gelebt hatten und man in einer Fabrik arbeiten konnte und zur Mittelschicht gehörte – ehe sie sich versprach. Sie hatte sagen wollen: »Als ich jung war.« Tatsächlich sagte sie aber: »Als ich noch gelebt habe.«
In diesem Moment fiel mir ein, was ein Stammesangehöriger der Crow in den 1890er-Jahren einem Anthropologen erklärt hatte: »Ich versuche, ein Leben zu führen, das ich nicht verstehe.«
Gleiches gilt für Angela und meine anderen Freunde, die vom Prekariat geschluckt wurden: Auch sie können ihr Leben nicht verstehen – ihre Zukunft wird immer weiter ausgehöhlt. Alle Erwartungen an das künftige Leben, mit denen sie aufgewachsen waren, sind im Begriff, sich aufzulösen.
Als ich Angela von Michael Chandlers Studien erzählte, lächelte sie traurig. Es leuchtete ihr intuitiv ein, sagte sie. Wenn man ein stabiles Bild von sich in der Zukunft hat, erklärte sie, dann hat man eine »Perspektive, nicht wahr? Du kannst sagen: ›Okay, ich habe einen beschissenen Tag. Aber ich habe kein beschissenes Leben.‹« Sie hatte nie erwartet, mit Jay-Z zu feiern oder eine Jacht zu besitzen. Aber sie hatte damit gerechnet, einmal im Jahr in Urlaub zu fahren. Sie hatte erwartet, dass sie – sobald sie Ende dreißig wäre – wüsste, bei wem sie in der folgenden Woche beschäftigt ist und auch in der Woche danach. Stattdessen sitzt sie in der Prekariatsfalle.
Und danach geschah nichts.