Kapitel 13:
Ursachen acht und neun: Die wahre Geschichte über Gehirne und Gene
Die Geschichte, die uns immer wieder über unser Gehirn erzählt wird – die Depressionen und Ängste der Menschen hätten ihre Ursache schlicht und einfach in einem Mangel an Serotonin –, ist, wie ich ja nun wusste, nicht wahr. Aber ich sah auch, dass manche Menschen daraus schlossen, keines
der biologischen Narrative zu diesem Thema entspreche der Wahrheit und die Ursache sei ausschließlich in sozialen und psychischen Faktoren zu suchen. Im persönlichen Gespräch betonten jedoch auch die vehementesten Verfechter der sozialen und Umweltursachen, biologische Ursachen existierten durchaus und seien ganz real.
Deshalb wollte ich nun der Frage nachgehen, welche Rolle diese biologischen Faktoren spielten. Wie wirkten sie sich aus? Und in welchem Verhältnis standen sie zu all dem, was ich bislang herausgefunden hatte?
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Marc Lewis’ Freunde dachten, er sei tot.
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Es war im Sommer 1969, als der junge Student in Kalifornien mit allen Mitteln versuchte, seine Verzweiflung zu verdrängen. Seit einer Woche schluckte, schnupfte oder injizierte er sich jedes Aufputschmittel, das er in die Finger bekam. Nachdem er sechsunddreißig Stunden ununterbrochen wach gewesen war, brachte er einen Freund dazu, ihm Heroin zu spritzen, damit er endlich Schlaf fand. Als er aufwachte, bemerkte er, dass seine Freunde nach einem hinreichend großen Sack suchten, in dem sie seinen Leichnam wegschaffen könnten.
Als er plötzlich zu sprechen begann, flippten sie aus. Sein Herzschlag, so erklärten sie ihm, habe mehrere Minuten lang ausgesetzt.
Ungefähr zehn Jahre nach diesem Vorfall verabschiedete sich Marc Lewis von den Drogen und begann mit dem Studium der Neurowissenschaften. Als ich ihn kennenlernte – es war in Sydney –, war er ein führender Experte auf diesem Gebiet und hatte eine Professur in den Niederlanden inne. Als Forscher beschäftigte ihn die Frage: Wie verändert sich das Gehirn, wenn man zutiefst verzweifelt ist?
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Und erschweren es diese Veränderungen dem Betroffenen, wieder aus dem Tal herauszukommen?
Der Hirnscan eines depressiven oder unter schweren Ängsten leidenden Menschen, erklärte mir Lewis, sieht anders aus als der eines Menschen, der nicht mit solchen Problemen zu kämpfen hat. Die Hirnareale, die mit dem Gefühl des Unglücks oder der Wahrnehmung von Gefahr zu tun haben, leuchten dann wie Christbaumkerzen. Sie sind größer und aktiver. Er zeigte mir Schaubilder und zeichnete diese Teile des Gehirns für mich nach.
Das stimmt damit überein, erwiderte ich, was mir als Teenager mein Arzt gesagt hat – ich sei depressiv, weil mein Gehirn physisch kaputt sei, und es müsse mit Medikamenten repariert werden. War diese Geschichte also doch richtig?
Als ich das erzählte, schaute er mich traurig an und erklärte: Nein, es sei keineswegs richtig. Um das zu begreifen, müsse man ein wichtiges Konzept verstehen, nämlich die Neuroplastizität.
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Wenn man mir vor fünfzehn Jahren eine Darstellung meines Gehirns gezeigt und mir beschrieben hätte, wie es aussieht, hätte ich – so wie die meisten Menschen – gedacht: Das bin also ich. Wenn Teile des Gehirns aktiver sind, die mit Unglücklichsein oder Angsthaben zu tun haben, dann bin ich als Mensch darauf festgelegt, unglücklicher oder ängstlicher zu sein. So wie jemand kurze Beine oder lange Arme hat, so habe ich ein Hirn, dessen aktivere Teile mit Angst und Beklemmung zusammenhängen; so ist das nun mal.
Aber heute wissen wir, dass dem nicht so ist. Sieh es einmal anders, erklärte mir Lewis. Wenn ich dir das Röntgenbild von den
Armen eines Mannes zeige, könnten sie mager und schwach aussehen. Jetzt stell dir vor, er würde sechs Monate lang mit Hanteln trainieren und dann wieder eine Röntgenaufnahme machen. Seine Arme sähen nun anders aus. Sie sind nicht festgelegt. Sie würden sich verändern, je nachdem, wie er sie eingesetzt hat. Dein Gehirn, so sagte er, verhält sich genauso: Es ändert sich, je nachdem, wie du es nutzt. »Neuroplastizität ist die Neigung des Gehirns, sich auf der Basis von Erfahrungen immer wieder umzustrukturieren«, erklärte er. Zum Beispiel müssen Londoner Taxifahrer für ihren Taxischein den gesamten Londoner Stadtplan im Kopf haben, um einen äußerst schwierigen Test zu bestehen. Wenn man einen Hirnscan eines Londoner Taxifahrers macht, wäre die Hirnregion für räumliches Bewusstsein sehr viel größer als bei Ihnen oder mir.
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Das heißt nicht, dass das seit seiner Geburt so ist. Es bedeutet nur, dass er sein Gehirn im Lauf seines Lebens anders genutzt hat. Ihr Gehirn wandelt sich stetig, um Ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Das tut es auf zweierlei Weise: durch Zurechtstutzen der Synapsen, die Sie nicht benutzen, und durch Wachstum der Synapsen, die Sie nutzen. Wenn man zum Beispiel ein Baby in völliger Dunkelheit aufzieht, werden die Synapsen, die für das Sehen zuständig sind, aufgeben – das Gehirn meint, sie nicht zu benötigen und es sei besser, seine Kräfte anderswo einzusetzen.
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Die Neuroplastizität bleibt das ganze Leben lang bestehen, und das Gehirn »verändert sich ständig«, erklärte mir Lewis.
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Aus diesem Grund sei das, was ich als Teenager über mein Hirn gehört habe, völlig falsch – das Urteil eines Arztes, der zu einem Depressiven sagt: »Sie haben ein kaputtes Hirn, denn es unterscheidet sich von einem normalen Hirn«, sei im heutigen Kontext Unsinn, weil wir wissen, dass das Gehirn seine Schaltkreise ständig verändert. Die Physiologie verläuft stets parallel zur Psychologie. So ist das nun mal.« Ein Hirnscan ist »ein Schnappschuss eines bewegten Bildes«, so Lewis. »Man kann von einem Fußballspiel jederzeit einen Schnappschuss machen – aber der sagt einem nicht, was als Nächstes passiert oder wohin sich das Gehirn bewegt.« Das Gehirn verändert sich, wenn man depressiv oder ängstlich wird, und es verändert sich erneut, wenn
die Depression oder Angst verschwindet. Es verändert sich stets in Reaktion auf Signale aus der Welt.
In der Zeit seiner Drogensucht hätte Lewis’ Hirnscan völlig anders ausgesehen als heute. Es würde deutlich werden, dass er sein Hirn inzwischen anders nutzt.
Als ich Lewis erzählte, dass man mir dreizehn Jahre lang Antidepressiva verordnet und immer wieder erzählt hatte, meine Verzweiflung werde nur durch ein Problem in meinem Hirn verursacht, meinte er: »Das ist verrückt. Sie hat
immer
mit deinem Leben und deinen persönlichen Umständen zu tun.« Die sieben sozialen und psychologischen Faktoren, die ich erforscht hatte, so Lewis, seien imstande, das Gehirn von Millionen Menschen physisch zu verändern. Wenn das Auswendiglernen eines Stadtplans das Gehirn verändert, dann wird es auch durch Einsamkeit, Isolation oder eine krass materialistische Einstellung verändert. Und das Entscheidende ist: Durch die Wiederherstellung von Verbindungen kann man es in den früheren Zustand versetzen. Wir hätten zu sehr vereinfacht, meint er. Man kann die Handlung von
Breaking Bad
nicht nachvollziehen, indem man seinen Fernseher zerlegt.
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In ähnlicher Weise kann man die Ursache für seinen Schmerz nicht finden, indem man sein Gehirn zerlegt. Wenn man Genaueres wissen will, muss man die Signale betrachten, die der Fernseher – oder das Gehirn – erhält.
Depressionen und Ängste sind »nicht wie ein Tumor, der im Gehirn wächst, weil im Gewebe etwas kaputt ist, bevor es zu psychischen Problemen kommt«, sagte Marc Lewis. »So ist das nicht. Sie« – die von der Außenwelt verursachte Verzweiflung und die Veränderungen im Hirn – »treten gemeinsam auf«.
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Aber Lewis erklärte auch, es gebe hier einen wichtigen Vorbehalt – denn das, was im Hirn geschieht, verändere für depressive und ängstliche Menschen tatsächlich die Situation.
Stellen Sie sich vor, Sie wären einigen der sieben Ursachen für Depressionen oder Ängste ausgesetzt. Sobald dieser Prozess
beginnt, verursacht er – so wie alles andere, das uns passiert – reale Veränderungen im Gehirn, und diese können eine Eigendynamik entwickeln, die die Wirkung der Außenwelt verstärkt.
»Stell dir vor«, sagte Lewis zu mir, »deine Ehe ist gescheitert, du hast deinen Arbeitsplatz verloren und weißt du, was noch? Deine Mutter hatte gerade einen Schlaganfall. Es ist ziemlich viel auf einmal.« Weil man über einen langen Zeitraum heftigen Schmerz empfindet, wird das Hirn annehmen, dies sei der Zustand, in dem man von nun an überleben muss – es könnte also von nun an die Synapsen stilllegen, die mit erfreulichen und vergnüglichen Dingen zu tun haben, und die Synapsen verstärken, die mit Angst und Verzweiflung verbunden sind. Das ist einer der Gründe, warum man oft das Gefühl hat, in einem Zustand der Depression oder Angst zu verharren, obwohl die ursprünglichen Ursachen des Leids schon eine Weile zurückliegen. John Cacioppo, der Wissenschaftler, der diesen Vorgang im Zusammenhang mit Einsamkeit entdeckt hat, bezeichnete dies, wie bereits erwähnt, als Schneeballeffekt.
Also, so Lewis, sei es zwar falsch zu behaupten, der Ursprung dieser Probleme liege allein im Gehirn, es wäre aber ebenso falsch zu sagen, die Reaktionen im Gehirn könnten sie nicht verschlimmern. Sie können es. Der Schmerz, den ein unglücklich verlaufendes Leben verursacht, kann eine Reaktion auslösen, die »so stark ist, dass [das Gehirn] dazu neigt, eine Weile [in einer schmerzvollen Reaktion] zu verharren, bis etwas eintritt, das es aus dieser Ecke herausholt und an einen anpassungsfähigeren Ort verschiebt«. Wenn die Welt einem aber weiterhin tiefen Schmerz zufügt, bleibt man natürlich lange Zeit in dieser Situation gefangen, und der Schneeball wird immer größer.
Wenn man depressiven Menschen allerdings sagt, ihr Leiden werde einfach schon immer durch ihr Gehirn verursacht, dann gibt man ihnen eine falsche Landkarte, die einem gar nichts nützt, wenn man wissen will, warum man sich so fühlt und wie man da wieder herausfindet. Sie kann sogar dazu führen, dass man in der Falle gefangen bleibt.
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In seiner ersten und einzigen Antrittsrede als amerikanischer Präsident forderte John F. Kennedy bekanntlich: »Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, frage, was du für dein Land tun kannst.« Lewis erklärte mir: Wenn du die Ursachen der Depression begreifen willst und in welcher Beziehung sie zum Gehirn stehen, dann halte dir vor Augen, was der Psychologe W. M. Mace vor Jahren in Anlehnung an Kennedy formuliert hat: »Frage nicht, was in deinem Kopf los ist, frage, was um deinen Kopf herum los ist.«
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Es gibt eine weitere physische Ursache von Depressionen und Ängsten, die allgemein bekannt ist.
Meine Mutter machte vor meiner Geburt (und danach) Zeiten schwerer Depressionen durch. Meinen beiden Großmüttern war es ähnlich ergangen – obwohl damals niemand diesen Begriff gebrauchte. In all den Jahren, in denen ich Antidepressiva schluckte, nahm ich folglich an, es gebe neben einer Fehlfunktion des Gehirns noch eine Ursache für meine Depression, und die liege in den Genen. Manchmal stellte ich mir die Depression als einen verlorenen Zwilling vor, der neben mir im Mutterleib entstanden war. Im Lauf der Jahre hörte ich Ähnliches oft von anderen Menschen. »Ich bin mit Depressionen zur Welt gekommen«, erklärte mir ein Freund, der über lange Zeiträume suizidgefährdet gewesen war, in einer langen Nacht, als ich versuchte, mit ihm darüber zu sprechen, warum es sich lohnt zu leben.
Also wollte ich wissen, inwieweit Depressionen über die Gene vererbt werden. Als ich dieser Frage nachging, stellte ich fest, dass Wissenschaftler bisher weder ein spezielles Gen noch eine Gengruppe für Depressionen und Ängste gefunden haben. Wir wissen aber, dass ein bedeutender genetischer Faktor vorhanden ist, was sich auf recht einfache Weise überprüfen lässt.
Dazu benötigt man große Gruppen identischer Zwillinge und
große Gruppen nicht identischer Zwillinge, die man miteinander vergleicht.
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Alle Zwillinge sind genetisch ähnlich, aber identische Zwillinge stehen sich genetisch noch bedeutend näher, denn sie entstammen derselben Eizelle. Wenn also identische Zwillinge bei Eigenschaften wie roten Haaren, Suchtneigung oder Adipositas mehr Übereinstimmungen aufweisen als nicht identische Zwillinge, dann weiß man, dass die Gene hierbei eine größere Rolle spielen. Aus dem Ausmaß der Unterschiede kann man nach Ansicht von Wissenschaftlern Rückschlüsse darauf ziehen, inwieweit die Eigenschaft genetisch bedingt ist.
Genau das wurde im Hinblick auf Depressionen und Ängste untersucht.
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Die US-amerikanischen National Institutes of Health bieten eine Übersicht zu den besten Zwillingsstudien, der zufolge Depressionen zu siebenunddreißig Prozent vererbt werden, während der Wert für schwere Ängste zwischen dreißig und vierzig Prozent liegt.
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Zum Vergleich: Die Körpergröße ist zu neunzig Prozent genetisch bedingt, ob man Englisch sprechen kann, hingegen zu null Prozent.
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Die Fachleute, die sich mit der genetischen Basis von Depressionen und Ängsten beschäftigen, haben daraus gefolgert, dass die Gene nicht unbeteiligt sind, aber keine Hauptrolle spielen. Allerdings gibt es in dieser Geschichte eine überraschende Wendung.
Eine besonders detaillierte Studie zur Genetik der Depression stammt von einem Team um den Psychologen und Neurowissenschaftler Avshalom Caspi. Fünfundzwanzig Jahre lang begleiteten die Wissenschaftler in Neuseeland Tausende Kinder von ihrer Geburt bis ins Erwachsenenalter. Unter anderem wollten sie herausfinden, welche Gene die Anfälligkeit für Depressionen erhöhen.
Nach jahrelanger Forschungsarbeit entdeckten sie etwas Erstaunliches: Zwischen einer Variante des Gens 5-HTT und der Entstehung von Depressionen besteht tatsächlich ein Zusammenhang.
Die Sache hatte aber einen Haken. Wir alle kommen mit einem genetischen Erbe zur Welt – aber unsere Gene werden durch die Umwelt aktiviert. Sie können ein- oder ausgeschaltet werden, je nachdem, was uns widerfährt. Und Avshalom Caspi entdeckte –
wie Professor Robert Sapolsky es erklärt –, »dass jemand, der eine bestimmte Variante von 5-HTT besitzt, ein erheblich erhöhtes Depressionsrisiko trägt, aber nur in einer bestimmten Umgebung«.
Wenn Sie dieses Gen tragen, so zeigte die Studie, dann steigt für Sie die Wahrscheinlichkeit, depressiv zu werden – aber nur, wenn Sie eine schrecklich belastende Erfahrung oder ein schweres Kindheitstrauma durchgemacht haben. (Die meisten anderen Ursachen für Depression, die ich hier erörtert habe, wie etwa Einsamkeit, wurden nicht untersucht – wir wissen also nicht, ob auch hier eine Wechselwirkung mit Genen stattfindet.)
Wenn Sie
nicht
solche schlimmen Erlebnisse haben, dann ist für Sie das Depressionsrisiko nicht höher als für andere Menschen.
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Gene erhöhen also Ihre Anfälligkeit, und zwar teilweise erheblich. Aber sie sind – für sich genommen – nicht die Ursache.
Das heißt, wenn 5-HTT so funktioniert wie andere Gene – und es sieht ganz danach aus –, dann ist niemand wegen seiner Gene dazu verdammt, depressiv oder ängstlich zu sein. Ihre Gene können Ihre Anfälligkeit erhöhen, aber sie bestimmen nicht Ihr Schicksal. Wir alle wissen, wie es beim Körpergewicht läuft. Manche Menschen tun sich schwer mit dem Zunehmen: Sie können regelmäßig Burger und Pommes futtern und bleiben trotzdem wahre Bohnenstangen. Andere hingegen (hüstel, hüstel) gönnen sich nur einen Mini-Schokoriegel, und schon sehen sie aus wie ein Walbaby. Wir alle hassen diese mageren Burger-Fresser – aber wir wissen auch, dass wir, selbst wenn wir zu Übergewicht neigen, ein großes Nahrungsangebot brauchen, damit unsere genetische Veranlagung durchschlägt. Würden wir ohne Lebensmittel im Regenwald oder in der Wüste stranden, würden wir abnehmen, und zwar ganz unabhängig von unseren Genen.
Bei Depressionen und Ängsten verhält es sich nach dem Stand der Wissenschaft ähnlich. Die genetischen Faktoren, die zu Depressionen und Ängsten beitragen, sind durchaus real, aber auch sie benötigen einen Auslöser in unserer Umwelt oder der eigenen Psyche. Gene können dann diese Faktoren verstärken, aber sie können sie nicht hervorbringen.
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Aber als ich weiter nachforschte, wurde mir klar, dass die Frage nach der Rolle von Gehirn und Genen für mich damit noch nicht ganz beantwortet war.
Wie ich bereits erklärt habe, dachte man früher, bestimmte Depressionstypen würden durch Ereignisse in unserem Leben verursacht und daneben gebe es eine andere, reinere Form der Depression, die durch schlimme Fehlfunktionen im Gehirn ausgelöst würde. Den ersten Typ der Depression nannte man »reaktiv«, während die zweite, rein interne Form als »endogen« bezeichnet wurde.
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Also wollte ich wissen, ob es Depressive gibt, deren Leiden tatsächlich so zustande kommt, wie mein Arzt es mir erklärt hatte – durch Fehlschaltungen im Gehirn oder einen anderen angeborenen Defekt. Und wenn es dieses Leiden gibt, wie verbreitet ist es? Die einzige wirklich wissenschaftliche Studie, auf die ich stieß und die ich bereits erwähnt habe, stammt von George Brown und Tirril Harris, die als Erste eine Untersuchung der sozialen Ursachen von Depression mit Frauen in Südlondon durchführten. Sie befragten Menschen, die wegen reaktiver Depression in stationärer Behandlung waren, und verglichen sie mit Personen, bei denen eine endogene Depression diagnostiziert worden war. Es stellte sich heraus, dass ihre Lebensumstände praktisch identisch waren: Beide Gruppen hatten gleich viel Schlimmes erlebt, das ihre Verzweiflung erklären konnte. Somit erschien die Unterscheidung den Wissenschaftlern damals, basierend auf ihren Erkenntnissen, sinnlos.
Aber das heißt nicht unbedingt, dass die endogene Depression nicht existiert. Es könnte einfach bedeuten, dass die damaligen Ärzte den Unterschied nicht erkannten.
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Soweit ich sehe, liegen dazu keine aussagekräftigen Forschungsergebnisse vor. Also fragte ich mehrere Fachleute, die mit der Behandlung von Depressiven zu tun haben, ob sie glauben, dass endogene Depressionen – ausgelöst durch eine Fehlfunktion von Gehirn oder Körper – existieren. Aber in diesem Punkt herrschte Uneinigkeit. Joanna Moncrieff glaubte überhaupt nicht an die Existenz einer endogenen Depression. David Healy meinte, es handle sich um »eine verschwindend geringe Zahl von
Menschen – nicht mehr als hundert von denen, die als depressiv bezeichnet werden, vielleicht weniger«. Saul Marmot erklärte mir, die Diagnose treffe wohl auf einen von zwanzig Patienten zu, die ihn wegen Depressionen aufsuchten.
Aber alle stimmten darin überein, dass es sich, wenn überhaupt, um eine kleine Minderheit unter den Depressiven handle. Das heißt, es ist keine gute Idee, wenn man allen an Depressionen Leidenden eine Geschichte erzählt, die sich ausschließlich auf diese physischen Ursachen beschränkt – warum, werde ich gleich erläutern.
Aber wie verhält es sich bei einer bipolaren oder manischen Depression? Hier scheint schon eher eine physische Komponente vorzuliegen. Joanna Moncrieff erklärte, das sei wohl richtig – man solle es aber nicht überbetonen. Betroffen sei eine sehr kleine Gruppe, bei der »die Depression, wie ich meine, eine biologische Komponente hat«. Eine manische Episode sei ein bisschen, als habe man eine Menge Amphetamine geschluckt, und danach folgt ein Tief, das Ähnlichkeit mit einem Speedabsturz hat. Aber davon sollten wir uns nicht irreführen lassen, so die Professorin. Selbst wenn es, wie in diesen Fällen, eine reale biologische Komponente gibt, sei das Bild damit sicher nicht vollständig – und mehrere Studien haben gezeigt, dass die sozialen Ursachen von Depressionen und Ängsten dennoch Auswirkungen auf die Schwere und Häufigkeit dieser Depressionsform haben.
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Es gibt noch andere Umstände, unter denen nach heutigem Kenntnisstand eine biologische Disposition zu höherer Anfälligkeit führt. Menschen mit Drüsenfieber oder Schilddrüsenunterfunktion haben ein deutlich erhöhtes Risiko, depressiv zu werden.
Es wäre Unsinn zu leugnen, dass es bei Depressionen und Ängsten eine reale biologische Komponente gibt (und es kann auch andere biologische Faktoren geben, die wir noch nicht kennen) – ebenso unsinnig wäre es aber zu behaupten, dass sie die einzige Ursache darstellt.
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Warum klammern wir uns also hartnäckig an eine Geschichte, die sich ausschließlich auf das Gehirn konzentriert? Ich habe mit vielen Menschen über diese Frage gesprochen und bin dabei auf vier Hauptgründe gestoßen. Zwei sind durchaus verständlich, zwei weitere sind unverzeihlich.
Jede Leserin und jeder Leser kennt wohl jemanden, der Depressionen oder Ängste entwickelt, aber scheinbar keinen Anlass hat, unglücklich zu sein. Es kann einem Rätsel aufgeben: Jemand, der den Eindruck macht, er hätte allen Grund, glücklich zu sein, fällt plötzlich in völlige Verzweiflung. Ich kenne viele solche Menschen. Zum Beispiel hatte ich einen älteren Freund, der eine liebevolle Partnerin, eine schöne Wohnung, eine Menge Geld und einen leuchtend roten Sportwagen hatte. Eines Tages überfiel ihn tiefe Traurigkeit, und wenige Monate später bat er seine Partnerin, ihn zu töten. Es kam ganz plötzlich über ihn und hatte offenbar so gar nichts mit seinem Leben zu tun. Es schien, als müsste eine körperliche Ursache vorliegen. Wo sonst sollte die Erklärung liegen?
Meine Meinung über ihn – und die vielen Menschen, denen es ähnlich ergeht – änderte ich erst, als ich durch Zufall begann, mich in Klassiker des Feminismus aus den Sechzigerjahren zu vertiefen,
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denn dabei ging mir etwas auf.
Stellen Sie sich eine Hausfrau der Fünfzigerjahre vor der Epoche des Feminismus vor. Sie sucht ihren Arzt auf, um zu berichten, mit ihr stimme etwas von Grund auf nicht. Sie könnte sagen: »Ich habe alles, was sich eine Frau nur wünschen kann. Ich habe einen guten Ehemann, der für mich sorgt. Außerdem habe ich ein hübsches Haus mit Garten, zwei gesunde Kinder, ein Auto. Ich habe keinen Grund, unglücklich zu sein. Aber sehen Sie mich an – mir geht es miserabel. Bei mir ist innen drin etwas kaputt. Bitte, können Sie mir Valium verschreiben?«
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In der klassischen feministischen Literatur werden solche Frauen häufig beschrieben. Es gab Millionen, die sich ähnlich äußerten. Sie meinten es ernst. Wenn wir aber heute mit einer Zeitmaschine zurückreisen und mit diesen Frauen sprechen könnten, dann würden wir sagen: »Du hast alles, was sich eine Frau nur wünschen kann, nach den Maßstäben deiner Kultur
. Du hast keinen Grund, unglücklich zu sein,
nach den Maßstäben deiner Kultur
.« Aber wir wissen heute, dass die Maßstäbe dieser Kultur falsch waren. Frauen brauchen mehr als ein Haus, ein Auto, einen Ehemann und Kinder. Sie brauchen Gleichberechtigung, eine sinnvolle Arbeit und Unabhängigkeit.
Du bist nicht kaputt, würden wir ihnen versichern. Die Kultur ist kaputt.
Und wenn die Maßstäbe der Kultur damals falsch waren, so ging mir auf, dann könnten sie auch heute falsch sein. Man kann alles haben, was eine Person nach den Maßstäben unserer Kultur braucht – aber diese Maßstäbe könnten völlig falsche Auskunft darüber geben, was ein Mensch tatsächlich braucht, um ein gutes oder auch nur erträgliches Leben zu führen. Die Kultur kann ein Bild dessen schaffen, was man »braucht«, um glücklich zu sein – anhand all der falschen und schlechten Werte, die auch mir nahegebracht worden waren. Aber das muss gar nichts damit zu tun haben, was man
wirklich
braucht.
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Da fiel mir wieder mein älterer Freund ein, den plötzlich die Verzweiflung überkam. Er sagte, er hätte das Gefühl, dass ihn niemand braucht und sich niemand für einen alten Mann interessiert. Er meinte, sein Leben werde von nun an davon bestimmt, dass man ihn ignoriert, und das sei demütigend, er könne es nicht ertragen. Ich wollte das als Fehlfunktion des Gehirns auffassen,
weil ich nicht sehen wollte,
was unsere Kultur ihm antat. Ich war wie ein Arzt, der einer Hausfrau in den Fünfzigerjahren erzählt, der einzige Grund, warum sich eine Frau unglücklich fühlen könne – ohne Arbeit, ohne Kreativität und ohne Kontrolle über das eigene Leben –, sei ein Defekt in ihrem Hirn oder ihren Nerven.
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Der zweite Grund, warum wir an der Vorstellung festhalten, diese Erkrankungen würden lediglich durch unser Hirn verursacht, greift noch tiefer. Lange Zeit hat man depressiven und ängstlichen Menschen versichert, ihre Verzweiflung sei nicht real – sie beruhe nur auf Faulheit oder Schwäche, oder sie ließen sich gehen. Mir
wurde dies in meinem Leben mehrfach vorgehalten. Die rechtsgerichtete britische Kritikerin Katie Hopkins sagte unlängst, Depression sei »der ultimative Freibrief für Ich-Sucht. Reißt euch zusammen, Leute«, meinte sie, verbunden mit der Aufforderung, joggen zu gehen und mit dem Gejammere aufzuhören.
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Derartigen Gemeinheiten sind wir bisher mit der Feststellung begegnet, Depression sei eine Krankheit. Man würde ja Krebspatienten auch nicht mit dem Rat drangsalieren, sie sollten sich zusammenreißen, und genauso grausam sei es, so mit den Leuten umzuspringen, die unter der Krankheit der Depression oder schweren Ängste leiden. Um der Stigmatisierung zu entgehen, haben wir immer wieder geduldig erklärt, es handle sich um ein physisches Leiden wie Diabetes oder Krebs.
Ich fürchtete also, durch die Beweise, dass Depressionen nicht primär durch ein Problem im Gehirn oder Körper ausgelöst werden, solchen Verhöhnungen wieder Tür und Tor zu öffnen. Sieh an! Sogar du gibst zu, dass es keine Krankheit wie Krebs ist. Also reiß dich zusammen!
Wir glauben mittlerweile, der Stigmatisierung könnten wir nur entgehen, wenn wir den Leuten erklären, dass es sich um eine biologische Krankheit mit rein biologischen Ursachen handelt. Ausgehend von diesem positiven Motiv, haben wir uns daher bemüht, die biologischen Auswirkungen zu finden und hochzuhalten, um die Spötter zu widerlegen.
Mit dieser Frage plagte ich mich monatelang. Eines Tages diskutierte ich sie mit Marc Lewis, und er fragte mich, warum ich annehme, die Aussage, Depression sei eine Krankheit, würde das Stigma vermindern, das sie umgab. Jeder habe schließlich von Anfang an gewusst, dass Aids eine Krankheit ist. Aber das habe nichts an der Stigmatisierung dieser Krankheit geändert. »Menschen mit Aids sind noch heute stigmatisiert, und zwar ganz erheblich«, sagte er. Niemand hat bezweifelt, dass Lepra eine Krankheit ist, und dennoch wurden Leprakranke jahrtausendelang verfolgt.
Darüber hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht, und es brachte mich aus dem Konzept. Trägt es wirklich zum Ende der
Stigmatisierung bei, wenn wir den Stigmatisierten als krank bezeichnen? Da entdeckte ich, dass ein Team an der Auburn University in Alabama genau diese Frage untersucht hatte. Die Teamleiterin, Professor Sheila Mehta, die ich später interviewte, hatte ein Experiment dazu entwickelt.
Die Teilnehmer des Experiments wurden in einen Raum geführt und erfuhren, es gehe darum, herauszufinden, wie Menschen neue Informationen aufnehmen. Dann wurden sie gebeten, ein wenig zu warten, bis alles vorbereitet sei. Während der Wartezeit fing ein weiterer »Teilnehmer«, bei dem es sich in Wirklichkeit um einen Schauspieler handelte, ein Gespräch mit dem Probanden an.
Nebenbei erwähnte er, er leide an einer seelischen Erkrankung, und erklärte entweder, es sei »eine Krankheit wie jede andere« und darauf zurückzuführen, dass seine »Biochemie« nicht richtig funktioniere, oder er sagte, sein Leiden hänge mit Ereignissen in seinem Leben zusammen, etwa einer unglücklichen Kindheit.
Dann wurde der erste Teilnehmer in einen anderen Raum gebracht und erfuhr, der Test würde nun beginnen.
Der Teilnehmer lernte, in einem komplizierten Muster Tasten zu drücken, und anschließend sollte er dieses Muster wiederum dem anderen Teilnehmer beibringen – von dem er nicht wusste, dass er ein Schauspieler war. Es ging angeblich darum, herauszufinden, wie gut Menschen solche Dinge lernen. Und dann kam der Clou an der Geschichte: Wenn die andere Person die Tasten nicht im richtigen Muster drückte, sollte der erste Teilnehmer einen großen roten Knopf drücken, womit er dem anderen einen elektrischen Schlag verpasste. Der würde ihn nicht verletzen oder gar töten, ihm aber durchaus wehtun.
Weil der Schauspieler die Muster nicht richtig eintippte, gab der erste Teilnehmer ihm mehrere kleine Stromschläge. In Wirklichkeit tat er nur so, als würde er Stromschläge erhalten – aber das wussten die Probanden nicht. Sie meinten, sie würden dem anderen wehtun.
Was Sheila Mehta und ihr Team wirklich wissen wollten, war: Bestand ein Unterschied, wie häufig und wie heftig Stromschläge erteilt wurden, je nachdem, welchen Grund der Schauspieler für seine Depression angegeben hatte?
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Es stellte sich heraus, dass man anderen mit höherer Wahrscheinlichkeit wehtat, wenn man davon ausging, dessen seelisches Leiden sei biochemisch bedingt, als wenn man es auf Lebensereignisse zurückführte. Die Annahme, Depressionen seien eine Krankheit, verminderte die Feindseligkeit nicht, sie erhöhte sie vielmehr.
Auch dieses Experiment verwies also auf eine wichtige Schlussfolgerung: Lange Zeit wurde uns versichert, es gebe nur zwei Sichtweisen auf die Depression. Entweder sie ist ein moralisches Versagen – ein Zeichen von Schwäche –, oder sie ist eine Erkrankung des Gehirns. Beide Deutungen haben wenig dazu beigetragen, Depressionen zu lindern und der damit verbundenen Stigmatisierung ein Ende zu setzen. Aber alle meine Recherchen lassen darauf schließen, dass es eine dritte Option gibt – und sie besteht darin, Depressionen weitgehend als Reaktion auf unsere Lebensumstände zu sehen.
Wenn sie eine angeborene biologische Krankheit wären, dürften die Betroffenen von anderen bestenfalls Mitleid erwarten – also das Gefühl, dass sie mit ihrem Anderssein allenfalls großherzige Freundlichkeit verdienen. Wenn Depressionen aber eine Reaktion auf Lebensumstände sind, wird den Erkrankten etwas Wertvolleres entgegengebracht: Mitgefühl – weil das Leiden jeden von uns befallen kann. Das ist nichts Fremdartiges, Unmenschliches. Es ist ein allgemein menschlicher Quell der Verletzlichkeit.
Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Marc Lewis recht hat – eine solche Sichtweise der Depression macht Menschen weniger grausam gegenüber sich selbst und anderen.
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Eine große Mehrheit der Deutschen glaubt, die Stigmatisierung der Depression (und anderer psychischer Leiden) habe in den letzten zwanzig Jahren abgenommen – tatsächlich aber ergab eine ausführliche Untersuchung der Universität Leipzig, dass sie unverändert anhält und sich in manchen Bereichen sogar verschlimmert hat. Etwa 31,5 Prozent der Deutschen glauben
heute, Depressionen seien, wenigstens teilweise, auf »Charakterschwäche« zurückzuführen (und sogar siebzehn Prozent aller Depressiven teilen diese Meinung).
Ich vermute, dass wir gegen die Stigmatisierung so wenig ausrichten konnten, liegt – teilweise – daran, dass wir die falsche Taktik verfolgt haben. Bei den Anti-Stigmatisierungskampagnen wurde ein Schwerpunkt auf die Biologie der Depression gelegt – man hätte aber dem Sinn der Depression mehr Aufmerksamkeit schenken sollen.
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Das Seltsame ist, dass die meisten meiner neu gewonnenen Erkenntnisse eigentlich weder kontrovers noch für irgendjemanden neu sein sollten. Wie bereits geschildert, werden Psychiater in ihrer Ausbildung seit Jahrzehnten mit dem bereits erwähnten Bio-Psycho-Sozial-Modell vertraut gemacht.
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Man erklärt ihnen, Depressionen und Ängste hätten dreierlei Ursachen: biologische, psychologische und soziale.
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Und doch wurde fast niemand, den ich kenne und der an Depressionen oder schweren Ängsten leidet, von seinem Arzt darauf aufmerksam gemacht. Bei den meisten beschränkte sich die Therapie auf die chemischen Vorgänge im Gehirn.
Ich wollte wissen, warum, also traf ich mich mit Laurence Kirmayer, dem Leiter der Fakultät für Sozialpsychiatrie an der McGill University in Montreal, der sich diesen Themen mit außergewöhnlicher Besonnenheit gewidmet hat.
»In der Psychiatrie ist vieles anders geworden«, sagte er – und dann nannte er mir zwei wesentliche Gründe, warum wir nur Geschichten über unsere Gene und unser Gehirn zu hören bekommen.
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»Die Psychiatrie hat im Hinblick auf den Bio-Psycho-Sozial-Ansatz eine starke Einengung erfahren. Manche legen noch ein Lippenbekenntnis dazu ab, die etablierte Psychiatrie aber arbeitet mittlerweile fast nur noch biologisch.« Er runzelte die Stirn. »Das ist höchst problematisch.« Wir sind bei einem »grob übersimplifizierenden Bild« der Depression angelangt, das »soziale Faktoren nicht berücksichtigt …
Grundlegende menschliche Prozesse auf einer tieferen Ebene bleiben unberücksichtigt.«
Ein Grund dafür ist, dass es »größere Herausforderungen an die Politik« stellt, wenn man der Ansicht folgt, dass sich so viele Leute wegen unserer Gesellschaft, so wie sie heute funktioniert, elend fühlen.
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In unser System des »neoliberalen Kapitalismus« passt es viel besser, wenn man sagt: »Schön, wir bringen Sie dazu, effizienter zu funktionieren, aber bitte fangen Sie nicht an, Fragen zu stellen … denn damit würde ein Großteil des Systems ins Wanken geraten.«
Diese Beobachtung passt auch zu einem weiteren bedeutenden Grund: »Die Pharmazie[branche] hat großen Einfluss auf weite Teile der Psychiatrie, weil das ein Riesengeschäft ist – es geht um Milliarden Dollar … Sie legen das Geld auf den Tisch, also geben sie auch weitgehend den Ton an, und offensichtlich möchten sie, dass unser Schmerz als chemisches Problem mit einer chemischen Lösung gesehen wird. Das Ergebnis ist, dass wir als Kultur in eine verzerrte Wahrnehmung unserer eigenen Verzweiflung hineingeraten sind.« Kirmayer sah mich an. Die Tatsache, dass »das gesamte Programm der psychiatrischen Forschung so aussehen soll«, sagte er, »ist wirklich beunruhigend«.
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Einige Monate später erklärte mir der britische Psychologe Dr. Rufus May, es habe verschiedene gefährliche Konsequenzen, wenn man den Menschen erzählt, ihre Verzweiflung sei weitestgehend oder ausschließlich auf eine biologische Fehlfunktion zurückzuführen.
Als Erstes wird sich die Person, der so etwas erzählt wird, »machtlos fühlen und meinen, sie sei nicht gut genug – weil ihr Gehirn nicht gut genug ist«. Der zweite Punkt ist, laut May, dass es »uns dazu verleitet, Teile unserer Persönlichkeit zu bekämpfen«. Es wird uns suggeriert, dass in unserem Kopf ein Krieg stattfindet. Auf der einen Seite steht das Gefühl der Verzweiflung, verursacht durch Fehlfunktionen im Gehirn oder die Gene. Auf der anderen
Seite steht der gesunde Teil. Und es bleibt nur die Hoffnung, den inneren Feind durch Medikamente zur Unterwerfung zu zwingen – für immer.
Aber dabei passiert noch etwas Tiefergreifenderes. Wir hören, wir seien grundlos verzweifelt – es handle sich nur um defektes Körpergewebe. Aber »ich glaube, dass wir aus gutem Grund verzweifelt sind«, sagt May.
Das, so wurde mir klar, war der größte Unterschied zwischen der alten Geschichte über Depressionen und Ängste und der neuen Geschichte. Die alte Geschichte behauptet, unsere Verzweiflung sei im Wesentlichen irrational, verursacht durch eine fehlerhafte Apparatur in unserem Kopf. Der neuen Geschichte zufolge ist unsere Verzweiflung – so schmerzlich sie auch sein mag – in Wirklichkeit rational und gesund.
May erklärt den Patienten, die ihn aufsuchen, weil sie tief depressiv oder voller Angst sind: Sie sind nicht verrückt, wenn Sie sich so verzweifelt fühlen. Sie sind nicht kaputt. Sie haben keinen Defekt. Manchmal zitiert er den indischen Philosophen Jiddu Krishnamurti, der schrieb: »Es ist kein Maßstab für Gesundheit, wenn man an eine kranke Gesellschaft gut angepasst ist.«
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Ich sah jetzt, dass es meine Aufgabe war, meinem Schmerz – unserem Schmerz – wieder Sinn zu geben.