Kapitel 14:
Die Kuh
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts landete der südafrikanische Psychiater Dr. Derek Summerfield mit dem Flugzeug in einem Landstrich Kambodschas, dessen Bild allen Klischees von Südostasien entsprach – friedliche Reisfelder, die sich in Wellen bis zum Horizont erstreckten. Die meisten Menschen hier waren Bauern, die wie Generationen ihrer Vorfahren von den Erträgen der Landwirtschaft lebten. Aber sie hatten ein Problem. Immer wieder kam es vor, dass jemand auf eine Unebenheit im Boden trat und dann eine Explosion über die Felder hallte. Überall lagen noch Landminen, die amerikanische Soldaten in den Sechziger- und Siebzigerjahren hinterlassen hatten.
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Summerfield war gekommen, um zu untersuchen, wie diese ständige Gefahr die psychische Gesundheit der Bewohner beeinträchtigte. (Im Lauf meiner Recherchen für dieses Buch bin auch ich dorthin gereist.) Zufällig waren nicht lange vor seinem Eintreffen erstmals Antidepressiva auf dem kambodschanischen Markt erhältlich, doch die Pharmaunternehmen, die sie produzierten, hatten ein Problem. Es gab nämlich keine adäquate Übersetzung für das Wort »Antidepressivum« in die Khmer-Sprache. Offenbar war der Gedanke, dass es derartige Medikamente geben sollte, für Kambodschaner nicht nachvollziehbar.
Summerfield versuchte, es ihnen zu erklären. Depressionen seien Gefühle tiefer Traurigkeit, die man nicht abschütteln könne. Die Kambodschaner dachten sorgfältig darüber nach und erwiderten darauf, ja, es gebe Menschen unter ihnen, auf die diese Beschreibung zutreffe, und sie nannten ein Beispiel: ein Bauer, dessen linkes Bein durch eine Landmine weggerissen worden war,
der einen Arzt aufgesucht und eine Prothese bekommen hatte, aber nicht wieder froh wurde. Er hatte ständig Angst vor der Zukunft und war zutiefst verzweifelt.
Summerfields Gesprächspartner meinten, in Kambodscha brauche man diese neumodischen Mittel nicht, weil sie bereits über Antidepressiva für Menschen wie diesen Bauern verfügten. Summerfield wurde neugierig und bat sie, ihm mehr darüber zu erzählen.
Als offensichtlich wurde, dass dieser Mann ständig niedergeschlagen war, setzten sich die Ärzte und Nachbarn mit ihm zusammen und sprachen mit ihm über sein Leben und seine Probleme. Dabei stellte sich heraus, dass ihm seine alte Tätigkeit – die Arbeit auf dem Reisfeld – trotz seines neuen künstlichen Beins einfach zu schwer fiel und dass er ständig gestresst war und Schmerzen hatte. Deshalb wollte er einfach nicht mehr leben.
Schließlich kamen sie gemeinsam auf eine Idee. Sicher war er ein absolut fähiger Milchbauer, und als solcher müsste er nicht mehr so viel auf seinem künstlichen Bein herumlaufen und Schmerzen erleiden und es würden ihn seltener die beunruhigenden Erinnerungen plagen. Also kauften sie ihm eine Kuh.
In den folgenden Monaten und Jahren veränderte sich sein Leben. Seine schweren Depressionen verschwanden. »Sehen Sie, Doktor, die Kuh war ein Schmerzmittel und ein Antidepressivum«, erklärten sie Summerfield. Nach Meinung der Kambodschaner konnte ein Mittel, das die chemischen Vorgänge im Gehirn beeinflusste, keine Abhilfe bei Depressionen schaffen. Dieser Gedanke schien in ihrer Kultur geradezu bizarr. Ein geeignetes Mittel bestand für sie darin, dass die Gemeinschaft den depressiven Menschen mit vereinten Kräften in die Lage versetzte, sein Leben zu verändern.
Eigentlich, dachte Summerfield, traf dies auch auf seine eigene psychiatrische Praxis zu Hause in einem Londoner Krankenhaus zu. Als er an die Menschen dachte, die dort zu ihm kamen, wurde ihm plötzlich klar: »Wenn ich etwas erreiche, dann indem ich mich mit ihrer sozialen Situation befasse, und nicht mit dem, was zwischen ihren Ohren geschieht«, erzählte er mir später bei einem
Bier.
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Im Zeitalter der chemischen Antidepressiva kommt das den meisten von uns seltsam vor. Uns wurde erzählt, Depressionen würden durch ein chemisches Ungleichgewicht verursacht, sodass uns der Gedanke an eine Kuh als Antidepressivum fast wie ein Witz erscheint. Doch jetzt kommt das Interessante: Jener kambodschanische Bauer war tatsächlich nicht mehr depressiv, als sich seine Lebensumstände veränderten. Es war keine individualistische Lösung, man sagte ihm nicht, das Problem sei sein Hirn und er müsse sich zusammenreißen oder eine Pille schlucken. Es war eine kollektive Lösung. Allein wäre er niemals zu der Kuh gekommen; allein hätte er sein Problem nicht lösen können, weil er viel zu niedergeschlagen war, und außerdem hatte er gar nicht das Geld dafür. Aber die Kuh war die Lösung, und sein Leiden wurde geheilt.
Als ich nach meinem langen Gespräch mit Derek Summerfield in Südostasien Menschen in ähnlichen Situationen kennenlernte, fragte ich mich zum ersten Mal: Was, wenn wir ein falsches Verständnis von Antidepressiva haben? Für uns sind nur Pillen, die wir ein oder mehrere Male am Tag schlucken, Antidepressiva. Was, wenn wir etwas ganz anderes darunter verstehen würden? Was, wenn wir auch die Veränderung unserer Lebensweise – konkret, gezielt, evidenzbasiert – als Antidepressivum auffassen würden?
Müssten wir nicht unsere Vorstellung von dem, was ein Antidepressivum ist, ausweiten?
Kurz darauf besprach ich alles, was ich in Erfahrung gebracht hatte, mit der klinischen Psychologin Dr. Lucy Johnstone. Sie fand vieles davon überzeugend, doch jetzt müsse ich mich einer anderen Frage zuwenden, meinte sie. »Was wäre anders, wenn ein Arzt die ›Diagnose Abgeschnittensein‹ stellen würde?«
3
Was würde daraus folgen?
***
Da wir das Problem nicht korrekt erfasst haben, haben wir auch nur mangelhafte Lösungen gefunden. Wenn es sich vorwiegend
um eine Hirnstörung handelt, ist es plausibel, in erster Linie im Gehirn nach Antworten Ausschau zu halten. Wenn es sich aber in einem erheblichen Maß um ein Problem handelt, das mit unserer Lebensweise zu tun hat, müssen wir den Blick auf die Dinge außerhalb unseres Gehirns richten, auf die Dinge in unserem Leben. Wo sollte ich anfangen?
Klar war, dass wir, wenn Abgeschnittensein der Hauptgrund unserer Depressionen und Ängste ist, Wege finden müssen, um wieder Verbindungen aufzubauen. Und so reiste ich Tausende von Kilometern auf der Suche nach Gesprächspartnern, die etwas dazu sagen konnten.
Schon bald entdeckte ich, dass diese Frage noch viel weniger Aufmerksamkeit gefunden hatte als die nach den Gründen für Depressionen und Ängste. Mit den Studien über das Geschehen im Gehirn eines depressiven Menschen könnte man ganze Flugzeughangars füllen. Die Untersuchungen über die sozialen Ursachen von Depressionen und Ängsten würden hingegen in ein Flugzeug passen. Für die Aufbewahrung von Studien über den Wiederaufbau von Verbindungen würde ein Modellflugzeug reichen.
Doch im Lauf der Zeit konnte ich sieben Lösungswege ausmachen, die ersten Belegen zufolge heilende Wirkung bei Depressionen und Ängsten haben können. Ich nenne sie soziale oder psychische Antidepressiva im Gegensatz zu den chemischen Antidepressiva, die uns bisher angeboten werden. Wenn ich heute auf die sieben Auswege schaue, auf die ich gestoßen bin, sind mir zwei Dinge klar, nämlich, dass sie womöglich einerseits unbedeutend klein und andererseits unerreichbar groß erscheinen.
Einerseits sind diese sieben Auswege nur erste tastende Schritte, die auf vorläufigen ersten Untersuchungen beruhen. Ich möchte betonen, dass sich unser Wissen darüber noch im Anfangsstadium befindet. Es weist zwar vieles darauf hin, dass sie im Kampf gegen unsere Depressionen und Ängste sehr hilfreich sind, doch selbst wenn wir sie alle beschreiten, bleibt noch eine Menge zu tun. Ich glaube aber, dass uns ein genauer Blick auf diese Lösungsansätze den Weg in eine ganz neue Richtung weisen
kann. Sie stellen kein Programm dar, sondern nur Punkte auf einem Kompass.
Andererseits scheinen sie jedoch allzu kühn, weil sie grundlegende Veränderungen erfordern – in unserem persönlichen Leben wie in unserer Gesellschaft insgesamt –, und das zu einer Zeit, da wir den Glauben an unsere Fähigkeit, kollektiv etwas zu verändern, verloren haben. Manchmal fragte ich mich, ob ich nicht zu viel verlange. Doch dann wurde mir klar, dass die Kühnheit der jetzt notwendigen Veränderungen nichts mit mir zu tun hat. Sie offenbart lediglich, wie tief greifend dieses Problem ist. Wenn die notwendigen Veränderungen groß erscheinen, so heißt das nur, dass es sich um ein großes Problem handelt.
Und ein großes Problem ist nicht notwendigerweise unlösbar.
***
Ich möchte ehrlich sein und nicht verbergen, wie es mir bei meiner Recherche erging. Wenn ich meinen Journalistenhut aufsetzte und Leute befragte, war ich fasziniert; doch sobald ich in mein Hotelzimmer zurückkehrte und darüber nachdenken musste, wie das alles mit meinem eigenen Leben zusammenhing, gab es mir oft einen Stich. All diese Wissenschaftler, die ich interviewte, sagten mir – jeder auf seine Weise –, dass ich seit meiner Jugend an den falschen Stellen nach Erklärungen für meine Depressionen und Ängste gesucht hatte. Das war schmerzlich für mich. Mein Denken so auszurichten, dass ich die Quellen des Leids erkennen konnte, von denen mir die Experten erzählten, war nicht leicht.
In dieser Gemütsverfassung fuhr ich nach Berlin, als es Winter wurde. Ich weiß eigentlich nicht genau, warum. Manchmal frage ich mich, ob es uns nicht alle – unausgesprochen – an die Orte zieht, wo unsere Eltern am glücklichsten waren. Meine Eltern hatten im Schatten der Mauer in Westberlin gelebt, und mein Bruder wurde dort geboren. Vielleicht fand ich mich aber auch in dieser Stadt wieder, weil mehrere meiner Freunde in den vergangenen Jahren aus London oder New York geflohen waren
und hofften, in Berlin ein gesünderes Leben zu führen. Eine Freundin von mir, die Schriftstellerin Kate McNaughton, hatte mir am Telefon immer wieder versichert, Berlin sei eine Stadt, in der Menschen wie wir – die langsam auf die vierzig zugingen – weniger arbeiteten und mehr lebten. Sie kenne niemanden, der von neun bis fünf in irgendeinem Büro hocke. Es sei ein Ort, wo die Leute atmen könnten – ganz anders als in den Städten, in denen ich mich aufhielt und in denen ein ständiger Druck herrschte. Berlin kam ihr vor wie eine lange Party ohne Türsteher und Eintrittsgeld. Komm zu uns, sagte sie.
Und so geschah es, dass ich jeden Morgen in einer Wohnung im anonymen Bezirk Berlin-Mitte von der Katze ihrer Mitbewohnerin geweckt wurde. Wochenlang zog ich durch die Stadt und unterhielt mich planlos mit Menschen. Stunden um Stunden sprach ich mit älteren Berlinern, die schon fast ein Jahrhundert lang in der Stadt überlebt hatten. Sie hatten gesehen, wie die Welt wiederaufgebaut, zerstört und erneut wiederaufgebaut wurde. Eine alte Dame namens Regina Schwenke führte mich zu dem Bunker, in dem sie als Kind mit ihrer Familie bei Bombenangriffen Zuflucht gesucht und gebetet hatte, sie möge überleben.
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Eine andere ging mit mir dort entlang, wo einst die Mauer stand.
Und dann erzählte mir eines Tages jemand von einem Ort in Berlin, der sein Leben verändert hatte. Am nächsten Tag begab ich mich dorthin. Ich blieb sehr lange und befragte Dutzende Menschen, und in den folgenden drei Jahren suchte ich diesen Ort immer wieder auf.
Es war, denke ich, der Ort, der mich lehrte, wie man es anfängt, zerstörte Verbindungen wiederaufzubauen.