Kapitel 15:
Wir haben diese Stadt erbaut
In einer Betonsiedlung des sozialen Wohnungsbaus quälte sich im Sommer 2011 eine dreiundsechzigjährige Frau mit Kopftuch aus ihrem Rollstuhl, um einen Zettel an ihr Fenster zu heften. 1 Darauf stand, dass sie einen Räumungsbefehl bekommen habe, weil sie mit ihrer Miete im Rückstand sei. Bevor in genau einer Woche der Gerichtsvollzieher käme, werde sie sich deshalb umbringen. Sie bat nicht um Hilfe, denn sie wusste, dass sie keine erhalten würde. Sie wollte einfach nur, dass die Leute den Grund ihres Todes erfuhren. Später sagte sie zu mir: »Ich spürte, dass ich am Ende war – dass das Ende bevorstand.«
Nuriye Cengiz kannte ihre Nachbarn ebenso wenig wie die Nachbarn sie. Das Haus mit den Sozialwohnungen befand sich am Kotti, in der Bronx von Berlin, einem Viertel, vor dessen Besuch – zumindest abends – Eltern der Mittelschicht ihre Kinder warnten. Die Sozialwohnungen glichen denen, die ich, von East London bis West Baltimore, überall auf der Welt gesehen hatte – ein großer anonymer Komplex, wo die Bewohner rasch in ihre Wohnungen eilten und dann den Schlüssel dreimal umdrehten. Nuriyes Verzweiflung war nur ein Indiz unter vielen, dass dies kein Ort zum Leben war. Über dem Komplex lag die Aura von Angst und Antidepressiva.
Es dauerte nicht lange, bis andere Bewohner an Nuriyes Tür klopften und vorsichtig fragten, ob alles in Ordnung sei. Ob sie Hilfe brauche. Sie war misstrauisch. »Ich dachte, es wäre nur flüchtiges Interesse und dass sie mich einfach für eine dumme Frau mit Kopftuch hielten.«
Menschen, die jahrelang aneinander vorbeigehuscht waren, sahen sich in den Fluren und auf der Straße vor Nuriyes Wohnung plötzlich in die Augen. Sie verstanden nur allzu gut, was Nuriye so weit gebracht hatte. Die Mieten stiegen überall in Berlin, aber in diesem Viertel waren die Bewohner aufgrund eines historischen Ereignisses mit besonders krassen Mieterhöhungen konfrontiert. Als 1961 quasi über Nacht die Mauer errichtet worden war, die die Stadt in zwei Hälften teilte, wurde ihr Verlauf ziemlich willkürlich festgelegt und wies einige seltsame Windungen auf. So kam es, dass dieses Westberliner Viertel um das Kottbusser Tor, den Kotti, wie die Anwohner sagen, wie ein Zahn in den Ostteil der Stadt hineinragte. Das hieß, es lag an der Frontlinie: Wenn die Sowjets einmarschierten, würde es ihnen als Erstes in die Hände fallen. Folglich wurde das Viertel zur Hälfte niedergerissen, und die Einzigen, die inmitten der Überreste wohnen wollten, waren die Menschen, die von anderen Berlinern gemieden wurden: türkische Arbeiter und Arbeiterinnen wie Nuriye, linke Hausbesetzer und Aktivisten sowie Angehörige der LGBT.
Bei ihrem Einzug bauten die türkischen Arbeiter das halb verlassene Viertel wieder auf, und die Hausbesetzer und die Schwulenbewegung hinderten die Berliner Behörden daran, es wegen einer Schnellstraße ganz niederzureißen. Sie waren die Retter des Kiezes um den Kotti.
Doch die verschiedenen Bevölkerungsgruppen begegneten einander jahrelang mit Misstrauen. Obwohl die Mittellosigkeit sie einte, gab es ansonsten kaum irgendwelche Gemeinsamkeiten. Dann fiel die Mauer, und plötzlich war die Gegend um den Kotti keine Gefahrenzone mehr, sondern im Gegenteil ein Spekulationsobjekt erster Güte – ungefähr so, als würden die New Yorker eines Morgens aufwachen und die South Bronx läge mitten in Manhattan. Im Zeitraum von zwei Jahren stiegen die Preise für Wohnungen, für die man zuvor sechshundert Euro bezahlt hatte, auf achthundert Euro. Die meisten Menschen in den Sozialwohnungen mussten über die Hälfte ihrer Einkünfte für die Miete hinlegen. Die Folge war, dass manchen Familien gerade einmal zweihundert Euro zum Überleben blieben. Viele Bewohner waren gezwungen, auszuziehen und das Viertel zu verlassen, in dem sie aufgewachsen waren.
Als sie Nuriyes Zettel am Fenster sahen, blieben die Nachbarn plötzlich wie angewurzelt stehen. Sie empfanden nicht nur Mitgefühl, sondern konnten sich mit ihr identifizieren.
In den Monaten bevor Nuriye den Zettel an ihr Fenster klebte, hatten bereits verschiedene andere Bewohner des Viertels versucht, ihre Wut zum Ausdruck zu bringen. Es war das Jahr der Revolution auf dem Kairoer Tahrir-Platz (und bald auch der Occupy-Bewegung), und als Bilder davon über die Bildschirme flackerten, hatte einer eine Idee. Es gibt eine große breite Straße, die an den Wohnhäusern vorbei in die Innenstadt führt. Dort hatten sich von Zeit zu Zeit bereits Anwohner aufgestellt, um gegen die Mietsteigerungen zu protestieren.
Wie wäre es, überlegte man nun, wenn wir die Straße mit Stühlen und Brettern blockierten und die Leute, die aus dem Viertel gedrängt werden sollen wie Nuriye, kämen heraus und stellten sich auf die leere Straße? Nuriye könnte in ihrem großen elektrischen Rollstuhl in der Mitte sitzen, und wir würden uns um sie scharen und verkünden, dass wir nicht mehr weggehen, bis sie in ihrer Wohnung bleiben kann.
Wir würden Aufmerksamkeit gewinnen; wahrscheinlich würden sich die Medien blicken lassen, und vielleicht würde sich Nuriye nicht umbringen.
Die meisten waren skeptisch, aber eine kleine Gruppe ging zu Nuriye und schlug ihr vor, zu ihrem notdürftig errichteten Protestcamp zu kommen, das die Straße versperrte. Anfangs hielt sie das für ziemlich verrückt. Doch eines Morgens verließ sie ihre Wohnung und stellte sich direkt an die Hauptkreuzung. Eine ältere Frau mit Kopftuch, die im Rollstuhl mitten auf der Straße neben notdürftig errichteten Barrikaden saß, war etwas, das aus der Reihe fiel. Und auf einen Hinweis hin erschienen tatsächlich die Berliner Medien, um der Sache auf den Grund zu gehen. Anwohner mit höchst unterschiedlichem Hintergrund erzählten vor laufender Kamera ihre Geschichten. Sie berichteten, dass ihre Mittel kaum noch zum Leben reichten und dass sie Angst hatten, rausgeworfen zu werden und in einen Vorort ziehen zu müssen, wo es noch mehr Vorurteile gegen Türken, linke Aktivisten oder Angehörige der LGBT gab. Eine der türkischen Frauen, die wegen der Armut dreißig Jahre zuvor ihre Heimat verlassen hatte, erklärte mir später: »Wir haben schon den Ort verloren, aus dem wir stammen. Wir ertragen es nicht, noch einmal so einen Verlust zu erleiden.«
Ein türkisches Sprichwort lautet: Ein Baby, das nicht schreit, bekommt keine Milch. Die Bewohner erklärten, sie würden protestieren, weil sie sich nur auf diese Weise Gehör verschaffen könnten.
Doch kurz darauf rückte die Polizei an. Gut, sagten die Beamten, ihr habt euren Spaß gehabt, aber jetzt wird es Zeit, dass ihr die Straße räumt und nach Hause geht. Die Protestierenden erwiderten, sie hätten keine Zusicherung, dass Nuriye in ihrer Wohnung bleiben könne, und, was noch entscheidender war, keine Garantie, dass sämtliche Mieten eingefroren würden. Sandy Kaltenborn, dessen Eltern Bauarbeiter aus Afghanistan waren, sagte: »Wir haben diese Stadt erbaut. Wir sind nicht die Ärsche der Gesellschaft. Wir haben ein Recht auf diese Stadt, weil wir dieses Viertel aufgebaut haben … Nicht die Investoren [die jetzt höhere Mieten verlangen] haben diese Stadt zu einem lebenswerten Ort gemacht, sondern wir.«
Da sie befürchteten, die Polizei würde in der Nacht die Stühle und Bretter wegschaffen, die sie aufgetürmt hatten, entwarfen sie spontan einen Plan. Eine Frau aus dem Kiez – Taina Gärtner – besaß zufällig eine laute Hupe, die sie nun aus ihrer Wohnung holte. Sie schlug vor, einen Schichtplan für den Schutz der Barrikade aufzustellen, und wenn die Polizei käme, sollte derjenige, der gerade Wache hielt, einen Riesenlärm mit der Hupe veranstalten. So wären alle alarmiert und könnten sich gemeinsam der Polizei in den Weg stellen.
Die Leute drängten sich darum, ihre Namen für die Tag- und Nachtschichten einzutragen. Niemand wusste, mit wem er Wache schieben würde – nur, dass es ein Nachbar war, den er noch nicht kannte.
»Ich dachte, dass wir keine drei Tage durchhalten würden«, erinnerte sich Uli Hamann, die an jenem Abend dabei war.
Das glaubten fast alle.
***
Es war mitten in einer eiskalten Berliner Nacht, und Nuriye stand mit ihrem Rollstuhl auf der Straße. Im Kiez am Kotti hatten die Bewohner Angst, in der Dunkelheit nach draußen zu gehen, sie aber sagte: »Ich dachte: Ich habe nichts zu tun und kein Geld; wenn mich jemand umbringen will, dann bin ich eben tot. Ich habe keine Angst.«
Damals sah alles danach aus, dass sich das Protestcamp rasch auflösen würde, weil durch die zufällige Auswahl Leute mit Nachbarn zusammenarbeiten würden, gegen die sie lange Misstrauen gehegt hatten. Nuriye wurde zuerst Taina zugeordnet, einer sechsundvierzigjährigen alleinerziehenden Mutter mit blondierten Haaren, deren Brust und Arme mit Tätowierungen bedeckt waren und die stets, auch im bitterkalten Berliner Winter, einen Minirock trug. Die beiden Frauen wirkten wie ein Comedy-Duo, ein krasser Gegensatz, wie er für Berlin typisch ist: auf der einen Seite die gläubige Türkin, auf der anderen die deutsche Hipster-Frau.
So saßen sie nebeneinander und bewachten die Barrikade. Taina glaubte, alles im Kiez zu kennen, doch jetzt in der Dunkelheit nahm sie plötzlich ganz andere Dinge wahr, die Stille der Nacht oder das trübe Licht der Straßenlaternen.
Anfangs tippte Taina verlegen auf ihrem Laptop herum. Doch im weiteren Verlauf der Nacht kamen die beiden allmählich miteinander ins Gespräch und erzählten sich von ihrem Leben. Und dabei machten sie eine Entdeckung. Sie waren beide als sehr junge Frauen in das Viertel gekommen – und beide auf der Flucht gewesen.
Als Nuriye aufwuchs, war es normal, dass man das Essen auf einem offenen Feuer kochte, denn in dem Armenviertel, in dem sie lebte, gab es weder Strom noch fließend Wasser. Mit siebzehn wurde sie verheiratet und bekam ihr erstes Kind. Sie war entschlossen, dafür zu sorgen, dass ihr Nachwuchs es einmal besser hatte. Deshalb gab sie vor, ein paar Jahre älter zu sein, als sie tatsächlich war, damit sie nach Deutschland emigrieren konnte. Dort arbeitete sie in einer Fabrik und setzte irgendwelche Teile zusammen. Und sie sparte Geld, um ihren Mann nachkommen zu lassen. Aber als es so weit war, erfuhr sie von ihren Angehörigen in der Türkei, ihr Mann sei unerwartet gestorben. So stand sie, noch eine Jugendliche, plötzlich allein da, allein in Deutschland, weit weg von der Heimat, und musste zwei Kinder großziehen.
Nuriye arbeitete unablässig. Wenn ihre Schicht in der Fabrik zu Ende war, wusch sie sich, ging nach Hause, um ein paar Stunden zu schlafen, stand dann in der Morgendämmerung auf und trug Zeitungen aus.
Taina kam mit vierzehn Jahren in das Viertel, nachdem ihre Mutter sie rausgeworfen hatte. Sie wollte nicht in einem Kinderheim landen, und außerdem: »Ich war immer schon neugierig auf das Leben in Kreuzberg 36 [das Viertel um den Kotti]«, sagte sie mir. Ihre Mutter hatte ihr nämlich erzählt, wer sich dort hinwage, »endet mit einem Messer im Rücken«, und das erschien ihr unheimlich aufregend. Sie stellte fest, dass »alle Häuser mehr oder weniger noch wie gleich nach dem Zweiten Weltkrieg aussahen. Sie alle waren leer und kaputt … Also begannen wir, die Häuser im Schatten der Mauer zu besetzen. Damals gab es hier nur ein paar Leute wie mich und einige Türken, die in den ihnen zugewiesenen Dreckshäusern wohnten. Manchmal war es wirklich gespenstisch in den verlassenen Wohnungen mit all den Möbeln und der ganzen Ausstattung. Wir fragten uns, was hier passiert war.« Jedenfalls gründete Taina mit ein paar Freunden eine Kommune und lebte in den Hinterlassenschaften der ehemaligen Bewohner. »Damals waren wir Punks, politische Punks. In vielen Häusern befanden sich Clubs von uns, in denen unsere Bands spielten. Der Eintritt war quasi kostenlos – nur ein, zwei Mark, damit wir der Band etwas geben konnten, und der Preis für Bier und andere Getränke war sehr niedrig.«
Nach ein paar Jahren stellte sie fest, dass sie schwanger war, und das in einem besetzten Haus. »Für mich war das sehr schwierig. Plötzlich stand ich mit meinem Sohn allein da. Es gab niemanden, der mir half. Es war wirklich schlimm für mich.«
Taina und Nuriye, zwei alleinerziehende Mütter, waren beide an einem ihnen unbekannten Ort auf sich gestellt gewesen.
Am Tag, an dem die Mauer fiel, schob Taina ihren kleinen Sohn in einem Buggy durch die Straßen, und plötzlich sah sie zwei ostdeutsche Punks durch ein Loch in der Mauer krabbeln. »Wissen Sie, wo hier ein Plattenladen ist?«, fragten sie Taina. »Wir wollen Punk-Platten kaufen.«
»Es gibt einen ganz in der Nähe«, antwortete sie, »aber ich glaube, ihr könnt euch das nicht leisten.« Sie fragten nach den Preisen, doch als sie hörten, wie viel die Platten kosteten, fiel ihnen die Kinnlade runter. Taina hatte damals fast kein Geld, dennoch öffnete sie ihr Portemonnaie und gab ihnen alles, was sie hatte. »Hier, Leute, das reicht für eine Platte«, sagte sie zu ihnen. »Und jetzt los mit euch.«
Als Nuriye Taina so reden hörte, dachte sie: »Auch so eine Verrückte wie ich!« Sie hatte es noch nie jemandem erzählt, aber jetzt vertraute sie ihrer neuen Bekanntschaft an, dass ihr Mann nicht an Herzproblemen gestorben war, wie sie immer gesagt hatte, sondern an Tuberkulose. »Ich habe mich einfach zu sehr deswegen geschämt«, bekannte sie. »Es ist eine Armutskrankheit. Er hatte nicht genug zu essen, und er bekam keine medizinische Hilfe. Das ist einer der Gründe, warum ich hierhergekommen bin – ich dachte, dass er medizinisch behandelt würde und ich ihn nachholen könnte. Aber es war bereits zu spät.«
Nach Nuriyes und Tainas Nachtschicht war Mehmet Kavlak an der Reihe, ein siebzehnjähriger Deutschtürke in Baggy-Jeans. Er hörte viel Hip-Hop, und ihm drohte der Rausschmiss aus der Schule. Als Mehmets Partner für die Wache kam ein pensionierter deutscher Lehrer namens Detlev hinzu, ein Kommunist der alten Schule, der Mehmet mürrisch erklärte: »Das ist gegen alle meine Überzeugungen.« Für ihn war diese »reformistische« Politik – also der Versuch, allmählich Veränderungen herbeizuführen – unsinnig. Aber immerhin machte er mit. In den Nächten erzählte Mehmet ihm von seinen Problemen in der Schule. Nach einer Weile schlug Detlev ihm vor, seine Hausaufgaben mitzubringen, vielleicht könne er ihm helfen. Im Lauf der Wochen und schließlich Monate »wurde er eine Art Großvater für mich«, erzählte mir Mehmet. Seine Hausaufgaben wurden nun ordentlich erledigt, und schließlich drohte die Schule nicht mehr, ihn rauszuwerfen.
***
Der Sonnenschirm, der dieses kleine improvisierte Protestcamp schützte, war eine Spende von Südblock, einem LGBT-Café und Club, der ein paar Jahre zuvor eröffnet hatte und dem Komplex mit den Sozialwohnungen direkt gegenüberlag. Anfangs stieß das Lokal bei den türkischen Bewohnern auf krasse Ablehnung, und nachts wurden die Fenster des Lokals zerschmettert. »Ich fand, in meinem Viertel sollte kein Scheiß-Schwulencafé aufmachen«, erklärte mir Mehmet.
Richard Stein – ein ehemaliger Krankenpfleger, dem der Club gehörte – trug einen kleinen Spitzbart. Er stammte aus einem Dorf in der Nähe von Köln und war mit Anfang zwanzig in den Kiez am Kotti gekommen. Wie Nuriye und Taina betrachtete auch er sich als Flüchtling. »Wenn man in einem kleinen Nest in Westdeutschland aufwächst«, sagte er, »und schwul ist, muss man irgendwann gehen. Ich hatte keine andere Wahl.« Er kam hierher, als der Weg nach Westberlin noch über eine holprige, streng kontrollierte Autobahn aus Betonplatten führte. »Westberlin war die Insel im kommunistischen Meer«, sagte er, und der Kiez »war umgeben von der Mauer«. Der Kotti war deshalb für ihn eine kaputte Insel auf einer kaputten Insel. Der wahre Berliner, meinte er, sei der, der von anderswo zugezogen sei. Und das hier war sein wahres Berlin.
Richards erste Bar, die er in den 1990er-Jahren eröffnet hatte, hieß Café Anal. (Er hatte auch den Namen Gay Pig in Erwägung gezogen.) Es gab Transvestitenabende, und in den Jahren nach dem Fall der Mauer, als die Welt nach Berlin stürmte, um im neuen Wilden Westen Party zu machen, galten die Abende in seinem Etablissement als so ziemlich die geilsten der Stadt. Als Richard dann hier im Kiez sein Café Südblock eröffnete und die Nachbarn zu Kaffee und Kuchen einlud, reagierten sie misstrauisch – oder schlimmer. Manche bedachten ihn mit bösen Blicken.
Richard und seine Leute stellten die Stühle und den Schirm, die Getränke und das Essen für die Protestaktion zur Verfügung – alles kostenlos, versteht sich. Als er vorschlug, dass sich die Beteiligten, wann immer sie wollten, im Südblock trafen und ihre Versammlungen abhielten, »waren manche von uns sehr skeptisch«, erzählte mir Matthias Clausen, einer der Bewohner, »weil es hier eine Menge konservative Leute gibt«. Und Sandy Kaltenborn fügte hinzu: »Viele von ihnen waren sogar homophob.« Deshalb befürchteten sie, es würde niemand zu den Versammlungen kommen.
Doch zum ersten Treffen fanden sie sich, wenn auch zögerlich, alle ein: Ältere Frauen mit Kopftüchern und fromme Männer setzten sich mit Punkerinnen in Miniröcken an einen Tisch, und das in einem Schwulenclub. Auf allen Seiten herrschte Nervosität, denn auch in der LGBT-Gemeinde hatten manche Angst, es könne die Bewohner spalten, wenn die türkischen Teilnehmer zu sehr unter Druck gesetzt würden. Aber die Notwendigkeit, gegen die Mietpreiserhöhungen zu kämpfen, war stärker, wie es schien. »Alle gaben sich große Mühe«, erinnert sich Sandy Kaltenborn.
Einigen der dezidiert linken Bewohner, die schon zuvor an Protestaktionen teilgenommen hatten, fiel zu Beginn der Treffen etwas auf. »Wir sprachen buchstäblich verschiedene Sprachen«, sagte mir Matthias. Wenn sie das Standardvokabular des linken Aktivismus benutzten – wie sie es gewöhnlich taten, wenn sie unter ihresgleichen waren –, wussten die anderen nicht, was sie meinten, und schauten sie nur fragend an. Deshalb, sagte Matthias, »mussten wir erst einmal lernen, so zu sprechen, dass uns alle verstehen konnten. Das zwang uns – mich –, darüber nachzudenken, was ich sagen wollte, statt Zuflucht zu gut formulierten Phrasen zu suchen, die am Ende gar nichts aussagen.« Und er lernte auch, Menschen zuzuhören, denen er noch nie zugehört hatte.
Immerhin stand das gemeinsame Ziel fest – die Mieten waren zu hoch und mussten gesenkt werden. »Es war der Zeitpunkt, als den Leuten klar wurde, so geht es nicht weiter«, erklärte mir einer der Bewohner. »Wir leben hier. Wir sind das Viertel, und wir wollen hier nicht weg.«
Manche der Bauarbeiter im Kiez um den Kotti vermuteten, dass es ein langer Kampf werden würde, und schlugen vor, das Protestcamp aus ein paar Stühlen und einem Schirm in ein dauerhafteres Konstrukt zu verwandeln. So wurden Bretterwände hochgezogen und ein Dach darübergebaut. Jemand schenkte den Protestierenden einen schönen alten Samowar (das in der Türkei weitverbreitete Gerät, mit dem man Wasser für Tee und andere Heißgetränke erhitzt). Und die Demonstranten gaben sich auch einen Namen: Kotti und Co. Zuvor hatte eine Handvoll Bewohner von sich aus Kontakt mit Berliner Politikern aufgenommen, um sich über die Mieterhöhungen zu beschweren, aber man hatte sie mit einem Achselzucken abblitzen lassen. Jetzt kamen Menschen aus der ganzen Stadt, um sich vor Ort umzusehen, und die Protestler erschienen auf den Titelseiten der Zeitungen. Nuriye wurde zu ihrem Symbol. Schließlich ließen sich auch Politiker am Kotti blicken und versprachen, sich der Sache anzunehmen.
Menschen, die zuvor völlig isoliert gewesen waren – die zur Arbeit eilten und die Blicke anderer mieden –, begannen mit einem Mal, Augenkontakt aufzunehmen. »Plötzlich suchte man Tag für Tag einen Raum auf, den man zuvor nie betreten hätte«, sagte Sandy zu mir. »Man muss besser zuhören … Wir haben Leute kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hätten.« Eines Abends schilderten zwei ältere Männer, wie es war, in der Türkei seinen Militärdienst abzuleisten. Solche Aspekte im Leben seiner Nachbarn hatte er noch nie bedacht.
Nuriye wunderte sich, dass überhaupt jemand auf den Zettel in ihrem Fenster reagiert hatte. »Die Leute schienen mich zu mögen. Ich weiß nicht genau, warum«, erzählte sie. »Sie kamen immer wieder, um mit mir Zeit zu verbringen.«
Nach ein paar Monaten sahen Kotti und Co., dass sie ihre Proteste verstärken mussten, und organisierten eine Demonstration. Nuriye hatte noch nie an einer Demonstration teilgenommen und wollte lieber im Hintergrund bleiben. Aber Taina – in ihrem Minirock – meinte, das sei Quatsch. Im Gegenteil, sie solle den Marsch ganz vorn anführen. So war es dann auch. Die Teilnehmer schlugen auf Töpfe und Pfannen, und die Menschen im Kiez jubelten ihnen zu. Eine Familie hatte ein Spruchbanner aus dem Fenster gehängt, auf dem stand: WIR BLEIBEN HIER.
Zugleich begannen die Bewohner mit Nachforschungen, was eigentlich der Grund für die Mietsteigerungen war. Dabei entdeckten sie, dass in den Siebzigerjahren eine Reihe seltsamer Grundstücksgeschäfte getätigt worden waren. Damals gab es eine stetige Abwanderung aus Westberlin, und die Bundesregierung fürchtete den für den Westen peinlichen Tatbestand, dass dieses Schaufenster der Freiheit inmitten eines sozialistischen Landes nur aus verlassenen Wohnungen bestehen würde. Aus diesem Grund garantierte man Bauträgern bemerkenswert großzügige, von Staatsseite über Generationen hinweg gesicherte Mieten, wenn sie im Gegenzug an der Mauer Wohnungen bauten. Die Protestler errechneten, dass die Baukosten mit diesen Einnahmen inzwischen bereits fünfmal abgedeckt waren. Und dennoch sollten die Bewohner immer mehr Miete zahlen.
Die Proteste hielten über Monate an. Manchmal mit großer, manchmal mit weniger großer Beteiligung.
Eines Tages brach eine der engagiertesten Bewohnerinnen bei einer Versammlung in Tränen aus. Sie war erschöpft. Trotz all der Nachtwachen und der vielen Aktionen hatte sich nichts getan. »Du siehst so müde aus, ganz niedergeschlagen«, sagte ihr eine andere Teilnehmerin. »Wir sollten aufhören – wir sollten aufhören mit den Protesten und nach Hause gehen. Es lohnt sich nicht, dass wir uns hier fertigmachen.« Sie kam zu der Schlussfolgerung: »Wir sollten aufhören, wenn das der Preis ist.«
»Wir sahen uns an«, erinnerte sich Uli, »und die Frage stand im Raum, wie viel wir noch ertragen konnten.«
***
Etwa drei Monate nach Beginn der Proteste tauchte eines Tages ein Mann bei Kotti und Co. auf. Sein Name war Tuncai, er war Anfang fünfzig, hatte nur noch wenige Zähne und einen missgebildeten Gaumen, der ihm das Sprechen erschwerte. Zweifellos war er schon seit einer Weile obdachlos. Ohne dass ihn irgendjemand darum gebeten hätte, begann er im Camp aufzuräumen. Dann fragte er, ob er noch etwas tun könne.
Tuncai hing ein paar Tage bei ihnen herum, reparierte hier und da etwas, schleppte Wasser vom Schwulenclub über die Straße zum Camp, bis Mehmet – der junge Hip-Hop-Fan aus der Nachtschicht – ihm sagte, er dürfe gern in ihrem Protestcamp übernachten. In den folgenden Wochen kam Tuncai mit einigen der traditionsbewussten türkischen Bewohner ins Gespräch, die sich bislang von den Protesten ferngehalten hatten. Sie brachten ihm Kleidung und Essen und blieben von da an gelegentlich auch länger im Camp.
Bald wurde das Camp tagsüber von türkischen Frauen aus dem Viertel geführt – jenen Frauen, deren Rolle es oft gewesen war, tagsüber allein zu Hause zurückzubleiben. Sie mochten Tuncai.
»Wir brauchen dich hier auf Dauer«, erklärte Mehmet Tuncai irgendwann. Sie bauten ihm ein Bett, und alle legten zusammen, um ihn zu versorgen, bis ihm das Café Südblock auf der anderen Straßenseite einen bezahlten Job gab. Tuncai wurde zu einer der wichtigsten Figuren des Camps: Wenn jemand niedergeschlagen war, umarmte er ihn, und er nahm mit einer Trillerpfeife an vorderster Front an den Protestmärschen teil.
Eines Tages erschien während einer Demonstration die Polizei. Tuncai, der Streit hasste, glaubte, es würde sich eine Auseinandersetzung entwickeln. Deshalb trat er auf einen der Beamten zu und umarmte ihn. Daraufhin nahm man ihn fest.
Kurz danach stellte sich heraus, dass Tuncai etliche Monate zuvor aus einer psychiatrischen Anstalt entwichen war, in der man ihn fast sein ganzes Erwachsenenleben lang festgehalten hatte. Die Polizei brachte ihn dorthin zurück. Psychiatriepatienten werden auf die geschützten Bereiche in den entsprechenden Einrichtungen nach dem Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens verteilt, und Tuncai landete am anderen Ende der Stadt. Er wurde in einen Raum gesperrt, in dem es außer einem Bett keine Möbel gab und das Fenster verriegelt war. »Man kommt nie raus, weil draußen ein Wärter steht«, erklärte er mir. »Man kommt nie raus.« Dann fügte er hinzu: »Das Schlimmste war die Isolation. Man ist von allem abgeschnitten.«
Die Leute von Kotti und Co. begannen mit Nachforschungen nach Tuncais Verbleib. Die türkischen Frauen marschierten ins Café Südblock und erklärten Richard, dem Geschäftsführer: »Sie haben Tuncai mitgenommen! Wir müssen ihn zurückholen. Er gehört zu uns.«
Von der Polizei erfuhren die Bewohner zunächst nichts. Nach hartnäckiger Suche fanden sie jedoch heraus, wo Tuncai festgehalten wurde. Daraufhin zogen dreißig Mitglieder von Kotti und Co. zur Anstalt und forderten Tuncai zurück. Als man ihnen erklärte, er müsse in Verwahrung bleiben, erwiderten sie: »Das kann nicht sein. Tuncai ist kein Mensch, den man wegsperren muss. Wir wollen ihn gleich mitnehmen.«
Nun verwandelten sich die Proteste in eine Bewegung zur Befreiung Tuncais. Man setzte eine Petition auf und ließ sich in großen Gruppen immer wieder in der psychiatrischen Anstalt blicken, verlangte, ihn zu sehen und ihn mitzunehmen. Die Einrichtung war mit Stacheldraht umzäunt, und die Sicherheitsmaßnahmen, denen sich Besucher unterziehen mussten, glichen denen am Flughafen. »Wir kennen ihn alle persönlich, und wir lieben ihn«, erklärten sie den Psychiatern.
Die Leitung des Hauses war perplex. Einen Massenprotest zur Freilassung eines Anstaltsinsassen hatte es bisher noch nie gegeben. »Für sie war es neu, dass jemand an einem der sogenannten Klienten interessiert war«, meinte Uli. »Indem wir am Ball blieben und nicht akzeptieren wollten, dass dieses Schweinesystem so lange brauchte, übten wir Druck aus.« Die Leute von Kotti und Co. erfuhren, dass Tuncai schon fünfmal entflohen und immer wieder zurückgebracht und eingesperrt worden war. »Niemand gab ihm eine Chance«, meinte Sandy. »Es ist ein typisches Beispiel dafür, dass eine Menge Menschen keine Chance bekommen.«
Schließlich – nach acht Wochen des Protests – erklärte sich die verantwortliche Behörde bereit, Tuncai unter bestimmten Bedingungen freizulassen. Er musste eine Wohnung und eine feste bezahlte Anstellung vorweisen. »Jeder, der Tuncai kennt, weiß, das ist das Letzte, was er will«, sagte mir Uli. »Was er brauchte, war eine Gemeinschaft, der er sich zugehörig fühlte und für die er nützlich sein konnte. Er brauchte etwas Sinnvolles, ein Ziel, das ihm zusagte und das er mit anderen teilte. Aber das haben die einfach nicht kapiert.« Aber gut, wenn’s denn sein musste. Der Schwulenclub Café Südblock bestätigte Tuncai eine feste Anstellung. Und er bekam die Wohnung eines älteren Herrn, der wegzog, nachdem sein Fernsehgerät in Flammen aufgegangen war. Die Gemeinschaft renovierte sie, stattete sie aus und hieß Tuncai schließlich in seinem neuen Heim willkommen.
Als ich mit Tuncai im Protestcamp zusammensaß, sagte er zu mir: »Sie haben mir so viel gegeben – Kleidung und warmes Essen, eine Unterkunft. Als ich in der Klinik war, haben sie eine Petition eingereicht – ich weiß gar nicht, wie ich das wiedergutmachen kann. Es war unglaublich.« Und später: »Ich bin unheimlich glücklich mit meiner Familie – mit Uli und Mehmet und all den anderen, die hinter mir stehen – einfach unheimlich glücklich … hier zu sein oder drüben im Café Südblock – das ist es.«
»Mit seinen dreiundfünfzig Jahren«, erzählte mir Uli, »hatte er zum ersten Mal ein Zuhause gefunden.«
Vielen der Menschen, die sich an den Protesten um den Kotti beteiligten, ging es ähnlich. Matthias, der als Student ebenfalls in einer der Sozialwohnungen lebte, erzählte mir: »Seit frühester Kindheit bin ich alle vier oder sechs Jahre umgezogen, und ich habe mich noch nie so zu Hause gefühlt wie hier. Ich habe noch nie Kontakt zu so vielen Nachbarn gehabt, es ist einfach etwas ganz Besonderes – ich hatte nie in meinem Leben ein solches Verhältnis zu irgendeinem meiner Nachbarn, und so ist es auch bei den meisten anderen hier.«
Im Kampf um niedrigere Mieten, im Kampf um Tuncai veränderten sich die Protestler gegenseitig. Dass sich ihnen der Schwulenclub angeschlossen hatte, um einen Not leidenden Türken zu retten, beeindruckte seine Landsleute im Viertel. Mehmet, der sich anfangs massiv gegen den Schwulenclub gestellt hatte, sagte: »Als ich sie kennenlernte, begriff ich, dass jeder das Recht hat zu leben, wie er will. Wir bekommen viel Unterstützung vom Südblock … Das hat meine Einstellung grundlegend verändert.« Und im Hinblick auf die gesamte Bewegung meinte er: »Am meisten war ich von mir selbst überrascht. Mir wurde klar, wozu ich imstande bin, wo meine Fähigkeiten liegen.«
Wenn irgendjemand daherkam und sein Befremden zum Ausdruck brachte – über diese Koalition aus Muslimen und Schwulen, Hausbesetzern und Frauen in Hidschabs –, spotteten die Leute um den Kotti. »Das ist nicht mein Problem! Das ist das Problem der Leute, die so denken!«, erklärte mir Nuriye. »Das betrifft mich nicht. Wenn jemand die Stirn runzelt über Tainas kurze Röcke und mein Kopftuch, gehe ich darüber hinweg. Wir glauben, dass wir zusammenpassen.« Sie lachte. »Wenn das jemand nicht normal findet, sollte er zum Psychologen gehen! Wir sind Freundinnen. Meine Kultur und meine Erfahrungen haben mich gelehrt, dass es nicht auf das Aussehen ankommt. Was zählt, ist das Innere.«
Allerdings verlief der Weg zu mehr Toleranz nicht geradlinig, sondern eher im Zickzackkurs. »Jeder kann machen, was er will, solange er mich nicht zu bekehren versucht«, sagte Nuriye. »Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn ich von meinen Kindern erführe, sie wären schwul – ich weiß es nicht.« Als das Café Südblock anbot, das Fußballteam türkischer Mädchen zu sponsern, meinten die Eltern, es ginge zu weit, wenn ihre Töchter mit dem Namen des Schwulenclubs auf ihren Trikots herumlaufen würden.
Eines Tages – die Protestaktionen waren schon lange im Gange – betrat eine der tiefreligiösen türkischen Bewohnerinnen – sie trug sogar einen Niqab, einen Gesichtsschleier – Richard Steins Schwulenclub und schenkte ihm eine Schachtel mit Plätzchen. Eins davon hatte sie mit einem Fähnchen aus Zuckerguss in Regenbogenfarben verziert.
***
Doch während sich Kotti und Co. formierte, ging es mit den Räumungen weiter. Einmal lernte Nuriye eine Frau kennen, der es ähnlich ergangen war wie ihr. Rosemarie war in ihren Sechzigern, musste meist im Rollstuhl sitzen und sollte aus ihrer Wohnung ausziehen, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen konnte. »Sie hatte in Ostdeutschland sehr unter dem Regime gelitten. Man hatte sie gefoltert, sie war nicht gesund, sie war psychisch und körperlich krank«, erzählte Nuriye. »Es berührte mich, dass diese Frau einfach rausgeschmissen wurde.« Deshalb ergriff sie nun konkretere Maßnahmen. Wenn sie von einer Zwangsräumung hörte, begab sie sich zu der entsprechenden Adresse – oft auch mit Taina – und blockierte mit ihrem großen elektrischen Rollstuhl die Eingangstür, um den Gerichtsvollziehern den Weg zu versperren.
»Ich war so wütend, dass ich beschloss, den Hauseingang zu blockieren, auf welche Art auch immer«, sagte sie. Als die Polizei kam und sie wegschaffen wollte, erklärte sie, ihr sei gerade erst die Gallenblase entfernt worden – was tatsächlich stimmte. »Ich sagte, wenn ihr mich anrührt, wenn mir irgendwas passiert, dann habe ich all diese Leute hier als Zeugen, und das wird sehr schlecht für euch ausgehen … Ich werde keinen Widerstand leisten, ich werde euch nicht verfluchen, aber was ihr macht, ist nicht richtig. Rührt mich nicht an.«
»Man konnte von ihren Gesichtern ablesen, dass sie das nicht erwartet hatten«, fügte Taina hinzu. »Eine solche Art von Protest, und das von einer Muslimin in einem Rollstuhl, die sich nicht vom Fleck bewegte und keine Angst vor ihnen hatte. Sie waren in voller Montur gekommen, sahen aus wie Darth Vader, und sie sitzt einfach in ihrem Rollstuhl da und sagt lächelnd: ›Ich werde mich nicht von der Stelle bewegen.‹«
Trotzdem musste Rosemarie ihre Wohnung verlassen. Zwei Tage später starb sie in einem kalten Obdachlosenheim an einem Herzinfarkt.
Nicht lange danach wurde auch Nuriye gezwungen, ihre Wohnung aufzugeben – aber nach einer zeitaufwendigen, fieberhaften Suche fand die Gemeinschaft für sie nicht weit entfernt ein neues Zuhause.
In der Folge steigerten Kotti und Co. ihre Aktivitäten. Sie protestierten heftiger. Sie stritten mehr. Sie demonstrierten häufiger. Sie zogen mehr Medien an. Sie vertieften sich noch mehr in die Geschäfte der Unternehmen, denen ihre Wohnungen gehörten – und entdeckten dabei, dass selbst die Politiker der Stadt die grotesken Verträge nicht verstanden, die vor so langer Zeit abgeschlossen worden waren. 2
Etwa ein Jahr nach Beginn der Protestaktionen kam Bewegung in die Sache. Dank des politischen Drucks, den Kotti und Co. aufgebaut hatten, sollten ihre Mieten eingefroren werden. Man würde ihnen garantieren, dass sie auf dem bisherigen Niveau blieben. In keinem anderen sozialen Wohnbaukomplex wurde etwas Vergleichbares erreicht. Es war die unmittelbare Folge ihrer Aktionen.
Die Beteiligten waren aus dem Häuschen – doch als ich mit ihnen darüber sprach, erklärten sie mir, bei ihrem Protest sei es nicht nur um die Mieten gegangen. Neriman Tuncer, eine der Deutschen türkischer Herkunft, sagte, sie habe etwas viel Wichtigeres erreicht als eine niedrigere Miete. Ihr sei »klar geworden, wie viele wunderbare Menschen um mich herum leben, als meine Nachbarn«. Obwohl sie schon so lange hier wohnten, hatten sie nie miteinander gesprochen. Aber nun waren sie alle zusammengekommen. Früher in der Türkei war das ganze Dorf ihre »Wohnung« gewesen. Aber in Deutschland mussten sie feststellen, dass die Wohnung nur noch aus den eigenen vier Wänden und dem Raum dazwischen bestand – eine eingeengte, beschränkte Auffassung von einem Zuhause. Doch als die Proteste ausbrachen, erweiterte sich ihre Sicht wieder – und das Bild von einem Zuhause umfasste den gesamten Wohnkomplex und das dichte Netzwerk der Menschen, die darin lebten.
Als mir Neriman das erzählte, fragte ich mich, wie viele Menschen in unserer Kultur nach den Maßstäben von Kotti und Co. obdachlos sind. Wie viele von uns hätten, würden sie aus ihrer Wohnung geworfen oder in eine psychiatrische Anstalt gesteckt, Dutzende Menschen hinter sich, die sie schützten. »Das ist der Kern dieses Protests: Wir alle gehen über unsere Grenzen hinaus, um uns umeinander zu kümmern«, sagte einer der Protestler zu mir. »Indem wir das tun, entwickeln wir uns weiter.«
Bei einem Tee aus dem Samowar gestand mir Mehmet, ohne die Protestbewegung wäre er aus der Schule geflogen. »Das hier ist etwas, an das man sich anlehnen kann, und gemeinsam sind wir stark. Ich bin so froh, dass ich so viele wunderbare Menschen kennengelernt habe.« Und Taina meinte: »Wir haben alle eine Menge gelernt – jetzt kann ich die Dinge mit den Augen eines anderen sehen, und das gibt meinem Leben einen neuen Sinn … Wir sind eine Familie.«
Sandy fand, die Proteste hätten gezeigt, wie absurd es sei, dass wir alle voneinander getrennt lebten und nur unsere eigene kleine Geschichte verfolgten, in den eigenen kleinen Fernseher starrten und nichts von den Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung wüssten. »Denn es ist ein natürliches Bedürfnis«, sagte er, »sich um andere zu kümmern.«
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Manchmal denke ich, die Leute von Kotti und Co. müssen mich für verrückt halten, weil ich immer wieder bei ihnen auftauchte, mit ihnen zusammensaß, mir ihre Geschichten anhörte und irgendwann anfing zu weinen.
Sandy hatte schon lange vor den Protesten bemerkt, dass »viele Leute niedergeschlagen waren. Sie zogen sich zurück, waren hochgradig depressiv. Nahmen Medikamente. Aber was sie krank, furchtbar krank machte, waren all diese Probleme.« Wie Nuriye, die so verzweifelt gewesen war, dass sie sich hatte umbringen wollen. Doch dann »wurden sie durch die Protestaktionen zu politischen Menschen«. Und er fügte leise hinzu: »Für uns ist das wie eine Therapie.«
Uli meinte, in den Protesten um den Kotti »they made themselves public«, sie hatten sich selbst öffentlich gemacht. Erst dachte ich, das sei eine ziemlich unbeholfene Formulierung in ihrem sonst perfekten Englisch. Doch nach einigem Nachdenken wurde mir klar, dass sie genau die richtigen Worte für ihr Handeln gefunden hatte. Die Bewohner hatten aufgehört, sich als Privatpersonen zu betrachten. Sie saßen nicht mehr allein da. Sie hatten sich öffentlich gemacht. Und nur dadurch – indem sie sich in etwas Größeres eingebunden und somit befreit hatten – hatten sie sich von ihrem Leid befreien können.
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Zwei Jahre nachdem Nuriye ihren Zettel ans Fenster geklebt hatte, besuchte ich das Camp erneut. Mittlerweile hatten sich die Bewohner um den Kotti mit anderen Aktivisten in ganz Berlin zusammengetan, um ihren Kampf zu intensivieren. In der deutschen Hauptstadt kann jeder normale Bürger ein Referendum beantragen, sofern er genügend Unterschriften dafür zusammenbekommt. Und so schwärmten die Menschen, die ich am Kotti kennengelernt hatte, aus und sprachen die Berliner an, mit ihrer Unterschrift eine Abstimmung über bezahlbare Mieten für alle zu ermöglichen. Die Forderung sollte eingebunden sein in eine Reihe von Maßnahmen – mehr Unterstützung, gewählte Gremien zur Kontrolle des sozialen Wohnungsbaus, die Verpflichtung, die Gewinne daraus in weitere preisgünstige Sozialwohnungen zu investieren, sowie ein Ende der Räumungsbefehle für Mittellose.
Sie sammelten die größte Zahl von Unterschriften für ein Referendum, die es je in Berlin gegeben hatte. Entsetzt über die Radikalität der Forderungen, suchten Mitglieder des Berliner Abgeordnetenhauses die Leute um den Kotti und andere Organisatoren des Referendums auf und boten ihnen einen Deal an. Wenn ihr auf das Referendum verzichtet, werden wir den Großteil eurer Vorschläge annehmen. Wenn ihr weitermacht und gewinnt, werden wir wegen Verstoßes gegen das Europäische Wettbewerbsrecht vor den Europäischen Gerichtshof ziehen, was die Reformen um Jahre hinauszögern würde.
Die Abgeordneten boten ein Paket von Veränderungen an. Arme, die ihre Miete nicht aufbringen konnten, sollten eine Beihilfe von hundertfünfzig Euro pro Monat erhalten – viel Geld für eine bedürftige Familie. Zwangsräumungen würden nur eine allerletzte Maßnahme sein und selten vorkommen. Und in den Verwaltungsräten der Wohnungsbauunternehmen sollten von nun an auch gewählte Delegierte der Bewohner sitzen. »Das entsprach nicht unseren Forderungen«, sagte Matti, aber es ist »’ne Menge. Das ist definitiv ’ne ganze Menge.«
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An meinem letzten Tag am Kotti saß ich mit Taina, die in der kalten Sonne fröhlich eine Zigarette nach der anderen rauchte, vor dem Café Südblock und sah auf der Straße viele der Figuren, die im Mittelpunkt dieser Geschichte stehen. Das Zentrum des Protests auf der anderen Seite ist heute ein festes Gebäude, das bleiben wird. Türkische Frauen tranken Kaffee, während ein paar Kinder um sie herum Fußball spielten.
Taina zog an ihrer Zigarette. Wenn man in der modernen Gesellschaft ganz unten sei, werde einem »das Gefühl vermittelt, dass es allein an einem selbst liegt. Man ist selber schuld. Weil du keinen Erfolg hast – keinen Job, in dem du viel Geld verdienst. Es ist dein eigenes Versagen. Du bist ein schlechter Vater. Aber als wir dann auf die Straße gingen, merkten viele Leute plötzlich: ›He, denen geht es genauso! Und ich dachte, ich wäre der Einzige …‹ Viele haben mir das gesagt – ich hatte mich so verloren gefühlt und war so deprimiert, aber dann, okay … Ich bin eine Kämpferin. Ich fühle mich wohl. Man kommt aus seiner Ecke, in der man sitzt und heult, und fängt an zu kämpfen.«
Sie blies den Rauch weg von mir in die Luft. »Es verändert einen«, sagte sie. »Man fühlt sich mit einem Mal stark.«