Kapitel 16:
Ausweg eins: Gemeinschaft mit anderen Menschen
In weiten Teilen der westlichen Welt hätte man Nuriye erklärt, mit ihrer Hirnchemie sei etwas nicht in Ordnung. Ähnlich wäre es jedem anderen am Kotti ergangen. Sie hätten ihre Pillen geschluckt und allein in ihrer kleinen Wohnung gesessen, bis man sie hinausgeworfen hätte und sie in alle Winde zerstreut worden wären. Nirgends ist mir schärfer zu Bewusstsein gekommen, dass diese Geschichte falsch ist, als am Kotti. Dort habe ich gelernt, wenn Menschen einander wiederentdecken, sehen Probleme, die vorher unlösbar schienen, mit einem Mal lösbar aus. Nuriye war suizidgefährdet. Tuncai wurde in die Psychiatrie gesperrt. Mehmet stand in der Schule vor dem Rauswurf. Und wodurch wurden ihre Probleme gelöst? Ich hatte den Eindruck, es waren die Menschen, die ihnen beistanden und sich verpflichteten, mit ihnen einen gemeinsamen Weg zu gehen und dabei gemeinsam Lösungen zu finden. Sie brauchten keine Medikamente. Sie brauchten Gemeinschaft.
Aber das war alles nur ein Eindruck. Am Ende stellten sich mir zwei Fragen: Gibt es – abgesehen von den Geschichten der Menschen, die ich dort kennenlernte – wissenschaftliche Nachweise dafür, dass durch solche Veränderungen Depressionen und Ängste vermindert werden? Und können wir so etwas nachmachen, unabhängig von den ungewöhnlichen Umständen am Kotti?
Nachdem ich mich in die Forschungsliteratur zu einem wichtigen Aspekt dieses Themas eingelesen hatte, fuhr ich nach Kalifornien, um mit einer Frau zu sprechen, die an
entsprechenden Studien mitgearbeitet hat – die brillante Sozialwissenschaftlerin Brett Ford. Wir trafen uns in einem Café im Herzen von Berkeley, einem Ort, der bei Außenstehenden als Inbegriff des Linksradikalismus gilt, aber auf dem Weg zu unserem Treffen sah ich sehr viele junge Obdachlose, die bettelten, jedoch von ihren Mitmenschen kaum beachtet wurden. Ford hämmerte auf ihren Laptop ein, als ich eintraf. Sie sei gerade dabei, sich eine neue Stelle zu suchen. Mit ihren Kolleginnen Maya Tamir und Iris Mauss – beide Professorinnen – hatte sie einige Jahre zuvor zu einer grundlegenden Frage geforscht.
Sie wollten wissen: Kann es funktionieren, wenn man ganz bewusst versucht, glücklicher zu werden?
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Wenn Sie sich – hier und heute – dafür entscheiden, einen größeren Teil Ihres Lebens der Glückssuche zu widmen, werden Sie dann in einer Woche oder in einem Jahr tatsächlich glücklicher sein? Das Team ging dieser Frage in vier Ländern nach: den Vereinigten Staaten, Russland (an zwei Orten), Japan und Taiwan. Sie verfolgten die Entwicklung von Tausenden Teilnehmern, von denen sich einige bewusst entschieden hatten, ihr Glück zu fördern, andere nicht.
Als die Wissenschaftlerinnen die Ergebnisse verglichen, machten sie eine Entdeckung, mit der sie nicht gerechnet hatten. Wenn jemand bewusst versucht, glücklich zu werden, wird er nicht
glücklicher – sofern er in den Vereinigten Staaten lebt. In Russland, Japan oder Taiwan wird er hingegen durchaus glücklicher. Die Forscherinnen wollten nun herausfinden, woran das lag.
Sozialwissenschaftler wissen schon seit Längerem, dass zwischen den Menschen in westlichen Gesellschaften und den Bewohnern weiter Teile Asiens – grob gesprochen – ein erheblicher Unterschied in der Selbstwahrnehmung besteht. Es gibt eine Menge kleiner Experimente, bei denen man das beobachten kann. So zeigte man zum Beispiel einer Gruppe von Freunden aus dem Westen ein Bild von einem Mann, der zu einer Menschenmenge spricht. Anschließend wurden sie gebeten zu beschreiben, was sie sahen. Dann ging man auf eine Gruppe chinesischer Touristen zu, zeigte ihnen dasselbe Bild und bat sie um eine Beschreibung. Die Menschen aus dem Westen
beschrieben fast immer zuerst die Person, die vor der Menge steht, und zwar in allen Einzelheiten – dann erst beschäftigten sie sich mit der Menge. Bei Asiaten verhält es sich genau umgekehrt, sie beschrieben in der Regel die Menge und dann, eher nebenbei, widmeten sie sich dem Mann, der die Rede hält.
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Oder nehmen Sie das Bild eines Mädchens, das inmitten einer Gruppe anderer kleiner Mädchen, die traurig aussehen, fröhlich lächelt. Zeigen Sie es Kindern und fragen Sie: Sieht das Mädchen in der Mitte für euch glücklich oder traurig aus? Kinder aus dem Westen denken, sie sei glücklich. Asiatische Kinder finden, sie sei traurig. Warum? Weil westliche Kinder kein Problem damit haben, ein Individuum von der Gruppe zu isolieren, während asiatische Kinder davon ausgehen, dass ein Kind, das von Kummer umgeben ist, ebenfalls unglücklich ist.
Mit anderen Worten: Im Westen haben wir weitgehend eine individualistische Sicht aufs Leben. In Asien ist die Sichtweise eher kollektiv.
Als Ford und ihre Kolleginnen genauer nachforschten, schien das die beste Erklärung für die Unterschiede zu bieten, die sie festgestellt hatten. Wenn sich jemand in den Vereinigten Staaten oder Großbritannien für die Glückssuche entscheidet, sucht er das Glück für sich selbst – weil er glaubt, dass es so funktioniert. Er macht, was ich die meiste Zeit gemacht habe: Er kauft Sachen für sich, verbessert seine Leistungsbilanz, er baut sein Ego auf. Jemand, der in Russland oder Japan oder China lebt und sein Glück sucht, macht etwas ganz anderes. Er versucht, das Leben für seine Gruppe besser zu machen – für die Menschen in seinem Umkreis. Er denkt, das sei Glück, also erscheint es ihm als der offensichtliche Weg. Diese Vorstellungen vom Glück stehen in einem fundamentalen Widerspruch zueinander. Und aus den bereits früher genannten Gründen stellt sich heraus, dass unsere westliche Vorstellung vom Glück praktisch nicht funktioniert – während die Vision vom gemeinschaftlichen Glück Erfolg verspricht.
»Je stärker man überzeugt ist, dass Glück etwas Soziales ist, desto besser ist man dran«, fasste Ford für mich ihre Ergebnisse und die Erkenntnisse anderer sozialwissenschaftlicher
Untersuchungen zusammen.
Während sie mir die Forschungsergebnisse erklärte, wurde mir klar, was ich im Grunde bereits am Kotti beobachtet hatte. Die Bewohner hatten die individualistische Sicht aufs Leben – schließ dich in deiner Wohnung ein, horte dort Sachen für dich selbst – durch eine gemeinschaftliche Sicht ersetzt: Wir sind eine Gruppe, wir gehören zusammen, wir bilden eine Gemeinschaft. Wir im Westen haben unser Selbstgefühl auf unser Ego reduziert (oder allenfalls auf unsere Kleinfamilie), und das hat unseren Schmerz wachsen und unser Glück schrumpfen lassen.
Diese Erkenntnisse legen nahe, dass es Einfluss auf unsere Gefühle hat, wenn wir unsere Not und unsere Freude wieder als etwas sehen, das wir mit einem Netzwerk von Freunden und Nachbarn teilen.
***
Und dennoch: Etwas in mir sträubte sich dagegen, was ich nur ungern eingestehe. Als ich mit der Arbeit an diesem Buch begann, wollte ich schnelle Lösungen für meine Depressionen und Ängste – Lösungen, die ich selbstständig und schnell umsetzen konnte. Ich wollte etwas, das ich jetzt, für mich, tun konnte, damit es mir
besser ginge. Ich wollte eine Pille, und wenn Pillen nicht funktionierten, dann wollte ich etwas, das so rasch wirkt wie Pillen. Sie als Leser, die Sie sich für ein Buch über Depressionen und Ängste entschieden haben, wollen wahrscheinlich dasselbe.
Als ich über einige der Ideen sprach, von denen dieses Buch handelt, meinte ein Bekannter, ich hätte einfach die falsche Pille genommen – du solltest stattdessen Alprazolam (Xanax) probieren. Ich geriet in Versuchung. Aber dann fragte ich mich: Wie können wir behaupten, die Lösung für all die verständlichen Schmerzen und Qualen, die ich schildere, sei die Einnahme eines Beruhigungsmittels, und Millionen Menschen sollten es auf unbegrenzte Zeit schlucken?
Aber wenn ich ehrlich bin, war das die Lösung, nach der ich mich sehnte. Etwas Individuelles, etwas, das man allein tun kann, ohne jede Anstrengung, etwas, das man allmorgendlich in
kürzester Zeit einnehmen kann, um mit dem Leben so weiterzumachen wie bisher. Wenn Chemie nicht half, dann wünschte ich mir einen anderen Trick, einen Schalter, den ich umlegen könnte, und alles wäre gut.
Diese Ergebnisse sagten mir jedoch, dass die Suche nach schnellen individuellen Lösungen eine Falle ist. Die Suche nach individuellen Lösungen ist sogar mitverantwortlich dafür, dass wir in dieses Schlamassel geraten sind. Wir sind in unserem eigenen Ego gefangen, sitzen hinter Mauern, wo wir keine echte Gemeinschaft aufbauen können.
So fing ich an, über ein extrem banales, offensichtliches Klischee nachzudenken: Sei du. Sei du selbst. Wir sagen das ständig zueinander. Wir teilen Memes darüber. Wir wollen Menschen damit aufmuntern, wenn sie niedergeschlagen sind oder nicht weiterwissen. Sogar auf der Shampooflasche steht es – weil du es dir wert bist.
Ich habe jedoch Folgendes gelernt: Wenn du nicht mehr depressiv sein willst, sei nicht du selbst.
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Fixiere dich nicht darauf, was du dir wert bist. Das Nachdenken über dich, dich, dich hat dazu beigetragen, dass du dich so elend fühlst. Sei nicht du. Sei uns. Sei wir. Sei Teil der Gruppe. Mach, dass die Gruppe es wert ist. Der wahre Weg zum Glück, so wurde mir gesagt, wird frei, wenn wir unsere Ego-Mauern niederreißen – wenn wir uns auf die Geschichte anderer Menschen einlassen und ihre Geschichte in unsere einfließen lassen, wenn wir unsere Identitäten zusammenwerfen und erkennen, dass du nie du warst – allein, heroisch und traurig.
Nein, sei nicht du. Tritt mit deinen Mitmenschen in Kontakt. Sei Teil des Ganzen. Strebe nicht danach, der Typ zu sein, der zu der Menge spricht. Strebe danach, die Menge zu sein.
Wollen wir unsere Depressionen und Ängste überwinden, so ist der erste Schritt – und einer der wichtigsten –, dass wir zusammenkommen, so wie am Kotti, und praktisch sagen: Was wir bisher hatten, ist nicht genug. Das Leben, in das wir gedrängt wurden, das uns (von der Propaganda) angepriesen wird, entspricht nicht unseren psychischen Bedürfnissen – nach Gemeinschaft, Sicherheit oder Zusammengehörigkeit. Wir
verlangen etwas Besseres, und wir werden gemeinsam für das Bessere kämpfen. Das Schlüsselwort in diesem Satz – und in ihrem Denken – ist »wir«. Der gemeinsame Kampf ist
die Lösung oder wenigstens die unverzichtbare Grundlage dafür. Am Kotti haben die Bewohner einen Teil dessen erreicht, was sie zu Beginn gefordert hatten – aber nicht alles. Und doch hat das Erlebnis, sich zusammenzuschließen und dafür zu kämpfen, ihnen das Gefühl gegeben, dass sie keine kaputten Individuen sind, sondern ein Kollektiv.
Mir ist bewusst, dass dieses Buch in manchen Buchläden in der Selbsthilfeabteilung stehen wird. Aber jetzt sehe ich, dass diese ganze Denkweise Teil des Problems ist. Wenn ich mich schlecht fühlte, habe ich bisher meist versucht, mir selbst zu helfen. Ich habe mich an das Selbst gewandt. Ich dachte, mit dem Selbst sei etwas nicht in Ordnung und die Lösung bestehe darin, das Selbst zu reparieren und zu stärken. Ich habe es aufgeblasen. Aber es stellt sich heraus: Das Selbst ist nicht die Lösung. Die Antwort liegt jenseits des Selbst.
Mein privater und persönlicher Wunsch nach einer Lösung – als psychologisches Äquivalent zu einer Pille – war in Wirklichkeit ein Symptom der Geisteshaltung, die meine Depressionen und Ängste überhaupt erst verursacht hatte.
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Nachdem mir das klar geworden war, traf ich die bewusste Entscheidung, etwas anders zu machen. Bis dahin verspürte ich, sobald sich Depressionen und Ängste einstellten, das panische Bedürfnis, den Kopf über Wasser zu halten – also versuchte ich, etwas für mich zu tun. In der Regel kaufte ich etwas oder schaute einen Film an, den ich mochte, oder las ein Buch, das mir gefiel, oder redete mit einem Freund über meine Verzweiflung. Das war ein Versuch, das isolierte Selbst zu behandeln, und es funktionierte nur selten. Tatsächlich rutschte ich oft noch tiefer ab.
Aber nachdem ich auf Brett Fords Forschungsergebnisse gestoßen war, erkannte ich den Irrtum, dem ich unterlegen war.
Wenn ich heute das Gefühl habe, dass ich in ein Tief gerate, tue ich nichts für mich – ich versuche, etwas für andere zu tun. Ich besuche Freunde, konzentriere mich intensiv auf ihren Zustand und überlege, wie ich ihre Stimmung heben kann. Ich versuche, etwas für mein Netzwerk oder meine Gruppe zu tun – oder sogar Fremden zu helfen, die verzweifelt wirken. Ich habe etwas gelernt, was ich anfangs nicht für möglich gehalten hätte. Selbst wenn man leidet, kann man fast immer dafür sorgen, dass es jemand anderem ein bisschen besser geht. Manchmal versuche ich auch, mich direkt politisch zu betätigen und mich für eine bessere Gesellschaft einzusetzen.
Wenn ich diese Technik anwende, stelle ich fest, dass sie oft – wenn auch nicht immer – die Talfahrt bremst. Sie funktioniert wesentlich besser als der Versuch, mich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen.
***
Um diese Zeit erfuhr ich von einer anderen Studie, die für diese Frage von Bedeutung ist – also beschloss ich, die Menschen, mit denen sie sich beschäftigt, selbst aufzusuchen. Mein erstes amisches Gespann erspähte ich auf den weiten Ebenen Indianas, als ich in einem Auto mit hundert Stundenkilometern vorüberbrauste. Neben dem Highway saß ein Mann mit langem Bart und schwarzer Kleidung auf einem Pferdewagen. Hinter ihm sah ich ein Kind und zwei Frauen mit Hauben, die aussahen, als wären sie einem Historiendrama über die Zeit des 17. Jahrhunderts entsprungen. Vor dem Hintergrund der endlosen Weiten des Mittleren Westens der USA, wo am Horizont nichts zu sehen ist außer noch mehr Horizont, wirkten sie fast wie Gespenster.
Dr. Jim Cates und ich waren zwei Stunden zuvor aus Fort Wayne, der nächstgelegenen Stadt, aufgebrochen und hatten die amische Siedlung Elkhart-LaGrange erreicht. Cates ist Psychologe und erstellt psychologische Gutachten für Amische, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. Er ist zwar ein »Englischer« – die amische Bezeichnung für Leute außerhalb ihrer Gruppe –, gehört
aber zu den wenigen Außenstehenden, die jahrelang in der Gemeinschaft gelebt haben. Er hatte sich bereit erklärt, mich mit den Amischen in der Siedlung bekannt zu machen.
Wir begannen mit einem Spaziergang durch den Ort, sahen überall Pferde und begegneten Frauen, die im selben Stil gekleidet waren wie ihre Vorfahrinnen vor vierhundert Jahren. Als die Amischen in die Vereinigten Staaten auswanderten, brachten sie eine schlichte fundamentalistische Vision des Christentums mit und waren entschlossen, jede neue Entwicklung abzulehnen, die im Widerspruch dazu stand. An dieser Entschlossenheit halten sie heute noch fest. Die Menschen, die ich nun kennenlernte, beziehen keinen Strom aus dem Netz, sie haben kein Fernsehen, kein Internet, fast keine Konsumgüter. Untereinander verständigen sie sich in einem süddeutschen Dialekt. Mit Nicht-Amischen kommen sie selten zusammen. Nicht nur ihr Schulsystem, auch ihr Wertesystem ist von den Vorstellungen im Rest der Vereinigten Staaten scharf abgegrenzt.
Als ich ein Kind war, lebte ich in der Nähe einer Gemeinde ultraorthodoxer Juden, die in gewisser Weise Ähnlichkeit mit den Amischen hatten, und wenn sie mir auf der Straße begegneten, war ich immer verdutzt. Wie konnte man nur so leben wollen? Mit zunehmendem Alter entwickelte ich – wenn ich ehrlich bin – Verachtung für jede Gruppe, die all die Vorteile der modernen Welt ablehnte. Ich sah sie als Verrückte an, die aus der Zeit gefallen waren.
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Aber als ich nun über die Schwachstellen in unserer Lebensweise nachdachte, überlegte ich, ob ich von ihnen nicht doch etwas lernen konnte – und zwar vor allem wegen einer wichtigen Forschungsarbeit.
Freeman Lee Miller wartete vor einem Restaurant auf uns. Er war Ende zwanzig und trug einen mittellangen Bart: Amische Männer lassen sich nach ihrer Heirat einen Bart stehen. Noch bevor unser Gespräch begann, deutete er auf etwas in der Nähe. »Dort drüben, das rot-grüne Dach, die Scheune. Da bin ich aufgewachsen«, sagte er. Als Kind lebte er in einem der Häuser, die dort beisammenstanden, gemeinsam mit vier Generationen seiner Familie, einschließlich seiner Urgroßeltern. Strom kam aus Batterien oder wurde mit Propangas erzeugt, und reisen konnte
man nur so weit, wie man zu Fuß oder mit dem Pferdefuhrwerk kam.
Das hieß, wenn ein Erwachsener nicht da war, »gab es jemand anderen, der einem zeigte, wo’s langgeht«. Immer waren Erwachsene oder andere Kinder in der Nähe: »Also bekam ich auf jeden Fall genug Aufmerksamkeit«, sagte er. Die Idee, Zeit mit der Familie zu verbringen, gab es nicht, weil man ständig mit der Familie zusammen war. Zeit mit der Familie zu verbringen hieß oft »rausgehen und auf dem Feld arbeiten oder die Kühe melken«. Aber man nahm auch die Mahlzeiten gemeinsam ein und besuchte gesellschaftliche Veranstaltungen. Eine amische Familie ist anders als eine englische Familie, erklärte er. Sie besteht nicht nur aus Mom und Dad und den Geschwistern. Sie ist eine große, vernetzte Sippe von ungefähr hundertfünfzig Leuten – das sind alles Amische, die man von zu Hause aus zu Fuß oder mit dem Fuhrwerk erreichen kann. Ein Kirchengebäude haben die Amischen nicht. Zum Sonntagsgottesdienst versammelt man sich reihum bei den Leuten daheim. Es gibt keine dauerhafte Hierarchie – das Los bestimmt, wer Pastor wird.
»Diesen Sonntag findet der Gottesdienst bei uns zu Hause statt«, sagte Freeman, dazu erscheinen seine Verwandten, aber auch andere Amische, die er teilweise sehr gut, teilweise nur flüchtig kennt, »dadurch entsteht einfach eine andere Beziehung … In unserer Gemeinschaft dreht sich alles um Verbindungen und um Zuneigung. Und ich denke, an sie wenden wir uns, wenn es Schwierigkeiten gibt – im Nullkommanichts sind die Leute bei dir.«
Mit sechzehn Jahren müssen die Amischen eine Reise antreten – auf der sie lernen, sich ein solides Urteil über unsere Kultur zu bilden. Sie ziehen aus und leben für ein paar Jahre in der »englischen« Welt. Das nennt man »Rumspringa«, und sie sind dabei für rund zwei Jahre von den strengen amischen Regeln entbunden. Sie betrinken sich, besuchen Striplokale (zumindest Freeman hat das getan), sie benutzen Handys und das Internet. (Freeman meinte, Rumspringa wäre doch ein guter Name für einen Rum.) Und dann, am Ende ihrer wilden Jahre, müssen sie eine Entscheidung treffen. Wollen sie das alles hinter sich lassen,
heimkehren und sich der amischen Gemeinde anschließen – oder wollen sie draußen in der Welt bleiben? Wenn man draußen in der Welt bleibt, kann man noch zu Besuch kommen, aber man ist kein Amischer mehr. Rund achtzig Prozent treten der Gemeinde bei.
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Diese Erfahrung der Freiheit ist einer der Gründe, warum die Amischen nie als Sekte betrachtet wurden. Es gibt echte Wahlfreiheit.
Freeman Lee hat vieles an der Welt dort draußen gefallen, erklärte er mir – er würde sich gern hin und wieder Baseballspiele im Fernsehen ansehen oder die neuesten Popsongs hören. Aber er ist unter anderem deshalb zurückgekehrt, weil er glaubt, eine amische Gemeinde sei ein besserer Ort, um Kinder aufzuziehen und um Kind zu sein. Er fand, da draußen in der Welt sei »man immer gehetzt. Man hat keine Zeit für die Kinder.« Er konnte sich nicht vorstellen, was in einer solchen Kultur mit den Kindern passiert. Wie wachsen sie auf? Was für ein Leben ist das? Ich fragte ihn, wie sich seine Beziehung zu seinen Kindern verändern würde, wenn er (zum Beispiel) einen Fernseher hätte. »Wir könnten gemeinsam fernsehen«, sagte er achselzuckend. »Wir hätten gemeinsam Spaß beim Fernsehen. Aber das kann es nicht damit aufnehmen, draußen etwas gemeinsam zu unternehmen. Und wenn wir nur den Pferdewagen sauber machen. Wirklich kein Vergleich.«
Später besuchte ich Lauron Beachey, einen Amischen Anfang dreißig, der als Auktionator arbeitet und häufig Dinge aus Haushaltsauflösungen verkauft. Wir saßen in seinem Wohnzimmer, umgeben von den Büchern, die er liebt (William Faulkner ist sein Lieblingsautor), und er erklärte mir, dass man den Unterschied zwischen der Welt der Amischen und der Welt da draußen nur versteht, wenn man begreift, dass sich die Amischen bewusst entschieden haben, sich bei allem Zeit zu lassen – und sie das nicht als Verlust empfinden. Er wusste, dass ich eine Flugreise von mehreren Tausend Kilometern hinter mir hatte, und meinte: »Ich würde gern einmal ins Heilige Land fliegen, aber unsere Kirche ist sich einig, dass wir nicht fliegen. So führen wir ein langsameres Leben. Die Familie bleibt zusammen – denn wenn wir fliegen würden, dann könnte ich nach Kalifornien reisen, eine
Auktion veranstalten und dann wieder zurückkommen, während das jetzt nicht praktikabel ist, also sind wir häufiger daheim.«
Aber warum, wollte ich wissen, entscheidest du dich für die Langsamkeit? Ja, meinte Lauron, man verliert etwas, wenn man langsam macht – aber er findet, dass man mehr gewinnt. »Du gewinnst dieses Gefühl der unmittelbaren Nachbarschaft, die einen umgibt. Wenn wir Autos hätten, dann würde sich unser Kirchenbezirk über einen Umkreis von dreißig Kilometern ausdehnen. Wir würden nicht mehr direkt nebeneinanderwohnen. Die Nachbarn würden nicht mehr so oft zum Essen vorbeikommen … Da ist eine physische Nähe, und als Folge davon entsteht auch eine spirituelle oder geistige Nähe. Die Automobile und Flugzeuge sind ungemein praktisch, und wir sehen den Komfort, den die Geschwindigkeit bietet, aber als Gruppe haben wir beschlossen, das abzuwehren, [zugunsten] einer engen Gemeinschaft.«
Wenn man überall sein kann – in Fahrzeugen oder online –, endet man, so glaubt er, im Nirgendwo. Die Amischen haben hingegen immer »das Gefühl, zu Hause zu sein«. Um das zu veranschaulichen, wählte er ein Bild: Das menschliche Leben ist wie ein großes, warmes Feuer, das aus glühenden Kohlen besteht. Wenn du aber eine Kohle rausnimmst und sie isolierst, dann verglüht sie bald. »Wir halten einander warm«, sagte er, »indem wir zusammenbleiben. Ich wäre gern Fernfahrer geworden. Das Land sehen und bezahlt werden, ohne dass ich schwitzen muss. Ich hätte auch gern jeden Abend die NBA-Ausscheidungsspiele angeschaut. Und ich sehe gern That ’70s Show
– die finde ich saukomisch. Aber es ist nicht schwer, darauf zu verzichten.«
Bei unserem Gespräch verglich er die Amischen mit Gruppen draußen in der englischen Welt, wie etwa die Weight Watchers, die zusammenkommen, um sich gegenseitig beim Abnehmen zu unterstützen. Man wäre nie imstande, ganz allein all dem Essen zu widerstehen; aber als Gruppe, wenn man sich zusammentut, einander bremst, einander ermutigt, merkt man, dass man es schafft. Ich sah ihn an und versuchte zu verarbeiten, was er sagte.
»Also«, fragte ich, »die Amischengemeinde ist fast so etwas wie eine Selbsthilfegruppe, um den Versuchungen einer
individualistischen Zivilisation zu widerstehen?«
Lauron dachte kurz darüber nach und erwiderte mit einem Lächeln: »Das ist einer der großen Vorteile, ja.«
***
Nach allem, was ich in Erfahrung gebracht hatte, wirkte mein Aufenthalt bei den Amischen irritierend auf mich. Als ich noch jünger war, hätte ich ihren ganzen Lebensstil als rückständig abgetan. Aber eine umfangreiche wissenschaftliche Studie zur seelischen Gesundheit der Amischen, die in den Siebzigerjahren durchgeführt wurde, zeigte, dass sie deutlich seltener an Depressionen leiden als andere Amerikaner. Durch mehrere kleinere Studien wurde dieses Ergebnis mittlerweile bestätigt.
6
In Elkhart-LaGrange hatte ich den Eindruck, ganz klar sehen zu können, was wir in der modernen Welt verloren haben – und gleichzeitig, was wir gewonnen haben. Die Amischen haben ein profundes Zusammengehörigkeitsgefühl, das ihr Leben mit Sinn erfüllt. Aber ich erkannte auch, dass es absurd wäre, ihre Lebensweise als Patentrezept zu empfehlen. Jim Cates und ich verbrachten einen Nachmittag bei einer Frau, die die Gemeinde gebeten hatte, ihr zu helfen, wenn ihr Mann gegen sie und ihre Söhne gewalttätig wurde. Die Kirchenälteren beschieden ihr, es sei die Aufgabe einer amischen Frau, sich ihrem Mann unter allen Umständen zu unterwerfen. Sie ertrug die Misshandlungen noch jahrelang, ehe sie endlich ging – was bei vielen Gemeindemitgliedern Anstoß erregte.
Der Gruppenzusammenhalt wirkt inspirierend – aber er verdankt sich auch einer in vielerlei Hinsicht extremen und brutalen Theologie. Frauen sind nicht gleichgestellt; Homosexuelle werden abscheulich behandelt; Kinder zu schlagen wird für gut erachtet. Elkhart-LaGrange erinnerte mich an das Dorf meines Vaters in den Schweizer Alpen. Dort fühlte man sich in seiner Gemeinde daheim; aber dieses Zuhause hatte häufig grausame Hausregeln. Es ist ein Zeichen dafür, wie machtvoll Gemeinschaft und ein sinnerfülltes Leben sind, dass sie, in die Waagschale geworfen, selbst das reale und schreckliche Leid
aufzuwiegen schienen, das durch solches Unrecht entsteht.
Ist das ein unausweichlicher Kompromiss? fragte ich mich. Bedeutet das Erstreiten von Individualität und Rechten unausweichlich, dass Gemeinschaft und ein sinnerfülltes Leben untergraben werden? Müssen wir zwischen der schönen, aber brutalen Zusammengehörigkeit von Elkhart-LaGrange und der offenen, aber deprimierenden Kultur von Edgware wählen? Ich will die moderne Welt nicht aufgeben und in eine mystische Vergangenheit zurückkehren, die einerseits mehr Gemeinschaft bietet, andererseits aber gewalttätige Züge aufweist. Ich will herausfinden, ob uns eine Synthese gelingen kann, in der wir uns dem Zusammengehörigkeitsgefühl der Amischen annähern, ohne darunter zu ersticken oder uns extremen Ideen zuzuwenden, die mir abschreckend erscheinen. Was müssten wir auf dem Weg dahin aufgeben, und was könnten wir gewinnen?
Auf meiner weiteren Reise entdeckte ich Orte und Techniken, die Ansätze zu einer Antwort bieten könnten.
***
Mitten im Land der Amischen erklärte mir Freeman Lee, er wüsste, dass seine Welt mir seltsam vorkommen würde. »Ich kann mir vorstellen, wie euch das alles erscheint«, sagte er. »Aber unser Denken ist: Du kannst hier auf Erden ein bisschen Himmel haben, wenn du einfach mit anderen Menschen im Austausch bist. Weil wir uns das nämlich so vorstellen: Wenn das Leben zu Ende geht und du in den Himmel kommst, nun, der Himmel, das ist das Zusammensein und der Austausch mit anderen Menschen. So sehen wir das.« Wenn dein Bild von einem perfekten Jenseits darin besteht, immer mit den Menschen zusammen zu sein, die du liebst, fragte er mich, warum entscheidest du dich dann nicht schon heute – solange du noch am Leben bist – dafür, wirklich da zu sein für die Menschen, die du liebst? Warum solltest du dich also in einem Nebel aus lauter Ablenkungen verlieren?