Kapitel 17:
Ausweg zwei: Social Prescribing
Ich konnte selbst miterleben, wie die Leute um den Kotti von Depressionen und Ängsten befreit wurden – aber die Umstände schienen mir ungewöhnlich. Wie, fragte ich mich, kann man ihren Schritt aus der Isolation hin zur Gemeinschaft auf andere Situationen übertragen? Bald zeigte sich, dass die Antwort – oder zumindest erste Hinweise auf eine Antwort – schon während der Zeit meiner Depressionen gleich bei mir um die Ecke zu finden gewesen wären, nämlich in einer kleinen Praxis im ärmsten Teil Londons. Die Ärzte dort glauben, ein Modell dafür gefunden zu haben, wie man solche Erfahrungen auf breiterer Basis umsetzen kann.
***
Lisa Cunningham setzte sich ins Sprechzimmer ihres Arztes in East London und erklärte ihm, sie könne gar nicht depressiv sein. Dann brach sie in Tränen aus und konnte nicht mehr aufhören zu weinen. »Ach du meine Güte«, sagte der Arzt, »Sie sind doch depressiv, nicht wahr?« Während der Schmerz aus ihr hervorbrach, dachte sie: Das kann nicht sein. Ich bin Krankenschwester in der Psychiatrie, und es ist meine Aufgabe, Probleme wie dieses zu lösen, statt ihnen selbst zu unterliegen.
Sie war Mitte dreißig, und ihre Kraft war erschöpft. Bis zu diesem Tag in den Neunzigerjahren hatte sie mehrere Jahre als Krankenschwester auf einer psychiatrischen Station in einem führenden Londoner Krankenhaus gearbeitet. Jener Sommer war einer der heißesten in der Geschichte der Stadt, und es gab auf der Station keine Klimaanlage – offenbar wollte man sparen –, und sie musste schwitzend zusehen, wie die Dinge mehr und mehr
schiefliefen. In ihrer Abteilung wurden Menschen mit psychischen Erkrankungen behandelt, die so schwer waren, dass sie die Unterbringung in einem Krankenhaus erforderten, von Schizophrenie über bipolare Störungen bis hin zur Psychose. Lisa war Krankenschwester geworden, weil sie genau solchen Menschen helfen wollte, doch mit der Zeit wurde ihr klar, dass in dem Krankenhaus, in dem sie arbeitete, die Patienten einfach bis zu den Ohren mit Medikamenten vollgestopft wurden.
Einmal wurde ein junger Mann mit einer Psychose eingeliefert, und man verabreichte ihm eine so hohe Dosis, dass seine Beine unentwegt zitterten und er nicht mehr gehen konnte. Lisa beobachtete, wie der Bruder des Patienten ihn auf dem Rücken aus seinem Zimmer trug, um ihn an einen Tisch zu setzen und zu füttern. Einer von Lisas Kollegen machte sich über ihn lustig, indem er sich auf einen alten Monty-Python-Sketch bezog: »O, wir sind hier wohl im Ministerium für alberne Gänge! Schaut euch seine Beine an!«, erzählte sie mir. Ein anderes Mal wurde eine Patientin inkontinent, und eine Schwester schalt sie vor allen anderen: »Schaut euch das an – sie hat sich selbst bepisst. Mein Gott, kannst du nicht rechtzeitig zur Toilette gehen?«
Als sich Lisa beschwerte, die Patienten würden nicht wie Menschen behandelt, sagte man ihr, sie sei »überempfindlich«, und es dauerte nicht lange, bis die anderen Pflegerinnen und Pfleger sie attackierten. Lisa war in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem Aggressionen an der Tagesordnung waren, daher war für sie die Dynamik von Schikanen und Mobbing sowohl vertraut als auch unerträglich. »Eines Tages dachte ich auf dem Weg zur Arbeit, ich halte es dort nicht mehr aus«, erzählte sie mir. »Ich saß an meinem Schreibtisch und starrte auf den Computerbildschirm. Ich konnte nichts mehr machen. Ich meine körperlich, ich konnte überhaupt nichts mehr machen. Dann habe ich gesagt: ›Ich fühle mich nicht wohl. Ich muss nach Hause.‹« Dort angekommen, machte sie die Tür hinter sich zu, kroch ins Bett und weinte. So brachte sie im Wesentlichen die nächsten sieben Jahre zu.
An einem typischen Tag in ihrer langen Depression wachte sie krank vor Angst gegen Mittag auf. »Echte, richtige Angst« habe
sie überfallen, sagte sie. Wie unter Zwang dachte sie ständig: »Was sollen die Leute von mir denken? Kann ich überhaupt das Haus verlassen? Wissen Sie, ich wohnte im East End. Man konnte nicht aus dem Haus treten, ohne Leuten zu begegnen.« Tag für Tag legte sie Make-up auf, schlich sich zur Haustür, schminkte sich dann wieder ab und ließ sich ins Bett fallen. Hätte sie nicht Futter für ihre Katzen besorgen müssen, wäre sie vielleicht einfach zu Hause geblieben und verhungert. Aber so hastete sie zu dem kleinen Laden fünf Häuser weiter, besorgte sich einen Vorrat an Katzenfutter und ungeheure Mengen Schokolade und Eis und eilte nach Hause zurück. Kurz bevor sie krankgeschrieben wurde, hatte sie mit der Einnahme von Fluoxetin (Prozac) begonnen und daher enorm zugenommen, bis sie es schließlich auf über hundert Kilogramm brachte. Sie aß zwanghaft – »Schokoeistorte, Schokoriegel und sonst kaum etwas anderes den ganzen Tag«, bekannte sie.
Als ich Jahre später mit Lisa zusammensaß, fand sie es immer noch schwierig, jene Jahre zu schildern. »Ich war absolut arbeitsunfähig. Die Selbstverständlichkeit, mit der ich bis zu diesem Punkt alles Mögliche unternommen hatte, [war dahin]. Ich war immer gern zum Tanzen gegangen. Als ich nach London zog, hatte ich den Ruf, in den Clubs als Erste auf die Tanzfläche zu gehen, deshalb hatte ich meist freien Eintritt. ›Ah, ist das Lisa? Sie braucht keinen Eintritt zu bezahlen. Sie wird sofort anfangen zu tanzen.‹ Doch jetzt litt ich die ganze Zeit unter Depressionen. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich verloren hatte … Ich hatte alles verloren, was mich ausmachte.«
Dann erzählte ihr Arzt ihr eines Tages, jemand habe ein neues Konzept entwickelt, und fragte sie, ob sie nicht an diesem Projekt teilnehmen wolle.
***
An einem Nachmittag Mitte der Siebzigerjahre arbeiteten zwei Siebzehnjährige auf einer Werft an der grauen westlichen Küstenlinie Norwegens. Sie gehörten zu einem Team, das ein großes Schiff baute. Am Abend zuvor hatte ein starker Wind
geweht, und um einen Kran zu sichern, hatte man ihn mit einem Wurfanker an einem großen Felsen befestigt. Doch am nächsten Morgen dachte niemand mehr daran, und als ein Arbeiter den Kran in Bewegung setzen wollte, hörten die jungen Männer ein lautes, knarrendes Geräusch, und der Kran stürzte auf sie zu. Einem der beiden – Sam Everington – gelang es, sich mit einem Sprung zu retten, aber er musste zusehen, wie sein Kumpel unter dem Kran begraben wurde.
»Es gibt Schlüsselmomente im Leben, in denen man denkt: ›Mist, das war’s, ich werde sterben‹«, sagte er zu mir. Nachdem er seinen Freund hatte sterben sehen, schwor er sich, nicht als Schlafwandler durchs Leben zu gehen, sondern es in vollen Zügen auszukosten. Und das hieß für ihn, nicht den Drehbüchern anderer zu folgen und stattdessen zu dem vorzudringen, was wirklich zählt.
Daran dachte Sam Everington, als er sich als junger Arzt in London unbehaglich fühlte, weil ihm immer wieder etwas auffiel, was er eigentlich nicht bemerken sollte. Viele Patienten kamen mit Depressionen und Ängsten zu ihm, und in seiner Ausbildung hatte er gelernt, wie damit umzugehen sei. »Im Studium«, erklärte er mir, »drehte sich alles um Biomedizin, und was als Depression bezeichnet wurde, führte man auf Neurotransmitter zurück, also auf ein chemisches Ungleichgewicht.« Die Behandlung bestand daher darin, den Betroffenen entsprechende Medikamente zu verschreiben. Aber er konnte diese Methode nicht mit dem in Einklang bringen, was er sah. Denn wenn er sich mit seinen Patienten hinsetzte, sich mit ihnen unterhielt und ihnen zuhörte, zeigte sich, dass das anfänglich vermutete Problem – etwas im Gehirn läuft falsch – »nur selten die entscheidende Rolle spielte«. Fast immer gab es etwas Tieferliegendes, und wenn er nachfragte, erzählten ihm die Patienten davon.
Eines Tages suchte ihn ein junger Mann aus dem Londoner East End auf, der zutiefst niedergeschlagen war. Everington griff zum Rezeptblock, verschrieb dem Mann Tabletten und gab ihm eine Überweisung zu einem Sozialarbeiter. Aber der sah ihn an und sagte: »Ich brauche keinen verdammten Sozialarbeiter. Ich
brauche das Gehalt eines Sozialarbeiters.« Everington erwiderte seinen Blick und dachte: Er hat recht. Was ich hier mache, ist völlig daneben. Ihm wurde klar, dass in seiner Ausbildung »etwas gefehlt hatte«. Das ganze Studium, sagte er zu mir, hatte nur dazu geführt, dass nun »ein Großteil der Lösung fehlte«. Viele seiner Patienten waren depressiv, weil ihnen nichts mehr geblieben war, was das Leben lebenswert machte. Und da fiel ihm sein Schwur als junger Mann wieder ein. Wenn wir wirklich aufrichtig gegen Depressionen angehen wollen, dachte er sich, was muss ich dann tun?
***
Lisa betrat zum ersten Mal das Ärztezentrum, an dessen Aufbau Sam Everington beteiligt war. Das Bromley by Bow Centre befindet sich in einer Betonschlucht East Londons, eingequetscht zwischen hässlichen Sozialwohnungsbauten nah am Ausgang eines großen Autotunnels. Lisa fühlte sich schrecklich befangen, hatte sie doch jahrelang kaum das Haus verlassen. Sie hatte ihre Haare einfach wachsen lassen, es war lockig und ungekämmt, und sie glaubte, sie sähe aus wie Ronald McDonald. Außerdem hatte sie ihre Zweifel, ob das neue Programm ihr helfen und ob sie es längere Zeit unter Menschen aushalten würde.
Sam Everington hatte gemeinsam mit einem Team Gleichgesinnter einen schlichten Plan ersonnen. Wenn bei seinen depressiven Patienten weder im Gehirn noch im Körper etwas falschlief, sondern in ihrem Leben, und wenn er dazu beitragen wollte, dass es ihnen besser ging, musste er ihnen helfen, ihr Leben zu verändern. Sie brauchten einen Ausweg zum Wiederverbundensein. Er und seine Kollegen starteten ein nie dagewesenes Experiment und öffneten die Tore dieser Arztpraxis in East London für gemeinnützige Projekte aller Art.
1
Die Patienten, die kamen, erhielten nicht einfach Tabletten. Ihnen wurde eine von mehr als hundert verschiedenen Möglichkeiten verschrieben, wieder Verbindungen aufzubauen – mit den Menschen in ihrem Umfeld, mit der Gesellschaft und mit Werten, die wirklich zählten.
Lisa wurde etwas verordnet, was auf den ersten Blick verblüffend unscheinbar wirkt. Gleich um die Ecke befand sich ein hässlicher Betonweg mit wild wachsendem Gestrüpp, den die Anwohner »Dog Shit Alley« (»Hundekackeweg«) nannten – dreckig, voller Unkraut, mit einem heruntergekommenen Pavillon und (wie schon der Name vermuten lässt) einer Menge Hundehaufen. Eins der Programme, die Everington und sein Team entwickelten, bestand darin, diese hässliche Brache in einen Garten mit Blumen und Gemüse zu verwandeln. Es gab einen Koordinator, ansonsten aber blieb das Projekt der Gruppe von etwa zwanzig Patienten mit Depressionen oder anderen psychischen Störungen überlassen. Nehmt es selbst in die Hand und macht was Schönes draus, hieß es.
Als Lisa an diesem ersten Tag die kleine Wildnis sah und die anderen Freiwilligen anblickte, machte ihr der Gedanke, ihre Gruppe solle die Verantwortung dafür übernehmen, panische Angst. Wie sollten sie an zwei Tagen pro Woche irgendetwas zustande bringen? Ihr Herz raste.
Nervös und zögerlich sprach sie mit den anderen Gruppenmitgliedern. Dabei lernte sie einen weißen Arbeiter namens Phil kennen, der schon als ganz junger Mensch aus der Schule geflogen war. Später erklärten ihr die Ärzte, er komme schon seit Jahren zu ihnen und habe sich oft so aggressiv und bedrohlich verhalten, dass sie lange darüber nachgedacht hätten, ob sie ihn überhaupt in das Programm aufnehmen sollten. Sie lernte Mr. Singh kennen, einen älteren Herrn asiatischer Herkunft, der sagte, er habe die ganze Welt bereist, und ihr fantastische Geschichten aus fremden Ländern erzählte.
2
Ferner gehörten der Gruppe zwei Personen mit schweren Lernproblemen an und einige Angehörige der Mittelschicht, die einfach ihre depressive Stimmung nicht abschütteln konnten. Lisa dachte: Es gibt keinen anderen Ort in ganz London, wo wir alle miteinander reden würden. Aber sie hatten auch ein gemeinsames Ziel – sie würden diesen Streifen zu einem hübschen Park machen, den die Leute gern aufsuchten.
In den ersten Monaten machten sie sich mit verschiedenen Samen und Pflanzen vertraut und diskutierten darüber, wie der
Park aussehen sollte. Sie alle waren Städter und hatten nicht die geringste Ahnung von Gartenbau. Bald wurde ihnen klar, dass sie sich überhaupt erst einmal Wissen über die Natur aneignen mussten. Es war ein langwieriger Prozess. Einmal setzten sie Pflanzen und erwarteten, dass sie wachsen würden, aber es tat sich nichts. Erst als sie den Finger in den Boden steckten und feststellten, dass sie auf Tonerde gepflanzt hatten, erkannten sie ihren Fehler. Im Lauf der Wochen wurde ihnen bewusst, dass sie sich mit dem Rhythmus der Jahreszeiten und der Erde unter ihren Füßen beschäftigen mussten.
Irgendwann beschlossen sie, Narzissen zu setzen, Stauden und Saisonpflanzen. Anfangs ging es nur langsam voran, und alles schien schwierig. Sie begriffen, dass »die Natur etwas Eigenes ist«, erzählte mir Lisa. »Man kann sie nicht beeinflussen, das kann nur das Wetter. Oder die Jahreszeiten. Wenn man etwas pflanzt, wird es misslingen oder nicht. Man muss lernen, wie man es am besten macht. Man muss lernen, Geduld zu haben. Es gibt keine raschen Lösungen. Einen Garten anzulegen braucht Zeit, und man muss viel Energie investieren und sich einlassen … Vielleicht glaubt man, in einer Saison nicht viel erreicht zu haben, aber wenn man über eine gewisse Zeit jede Woche daran arbeitet, sieht man, wie es sich allmählich verändert.« Kurz: Sie musste lernen, dass »es um Engagement für eine Sache geht, die lange Zeit in Anspruch nimmt, und dass man Geduld aufbringen muss«.
Normalerweise werden depressive oder ängstliche Menschen – sofern sie eine Behandlung erhalten, die sich nicht auf Medikamente beschränkt – dazu angehalten, ihre Gefühle zu beschreiben, aber das ist meist das Letzte, was sie wollen. Denn ihre Gefühle sind unerträglich. Hier aber konnten sie etwas tun, langsam und stetig, und es herrschte kein Druck, über etwas anderes als ihren kleinen Park zu sprechen. Doch mit wachsendem Vertrauen zueinander sprachen sie auch über ihren Gemütszustand – und zwar in einem Maße, das ihnen angenehm war. Und so erzählte Lisa den Mitgliedern der Gruppe, die sie mochte, ihre Geschichte. Und umgekehrt hörte sie die Geschichte der anderen.
Dabei wurde ihr klar, dass es bei jedem von ihnen plausible
Gründe dafür gab, dass sie sich so elend fühlten. Einer der Männer in der Gruppe offenbarte Lisa halb flüsternd, er schlafe nachts im Bus Nummer 25; die Fahrer wüssten, dass er obdachlos sei, und würfen ihn nicht hinaus. Lisa sah ihn an und dachte sich: Wie kann jemand in einer solchen Situation nicht depressiv werden? So wie die Ärzte in Kambodscha erkannten, dass der Bauer eine Kuh brauchte, erkannte auch Lisa, dass viele der Mitglieder in ihrem Gärtnertrupp praktische Lösungen brauchten. Also griff sie zum Telefon und piesackte den Stadtrat so lange, bis er sich bereit erklärte, dem Mann eine Wohnung zu geben. In den folgenden Monaten flauten seine Depressionen ab.
Schließlich konnte die Gruppe sehen, wie ihre Blumen blühten und Leute den Park aufsuchten. Viele bedankten sich bei ihnen – die so lange mit dem Gefühl, nutzlos zu sein, in Isolation gelebt hatten – für ihre Arbeit. Eine ältere Dame, die stets auf ihrem Weg vom Einkaufen nach Hause vorbeischaute, gab den Bengalinnen in der Gruppe jedes Mal Geld für weitere Blumen. Mr. Singh, der ältere Bengale, erklärte den anderen, dass diese Pflanzen mit dem ganzen Universum verbunden und Teil eines kosmischen Plans seien. So machten sie nach und nach die Erfahrung, dass sie eine Aufgabe erfüllten und etwas verändern konnten.
Eines Tages fragte ein Mitglied der Gruppe Lisa, warum sie depressiv geworden sei, und als sie es ihm erzählte, erwiderte er: »Du wurdest in der Arbeit gemobbt? Ich auch.« Später meinte er zu ihr, dass dies ein wichtiger Augenblick in seinem Leben gewesen sei. »Ich erkannte, dass es dir genauso geht wie mir«, sagte er.
Als sie mir das erzählte, wurden ihre Augen feucht. »O mein Gott, aber darum ging es ja gerade in dem Projekt.«
Bei vielen Mitgliedern der Gruppe konnten zwei Formen des Abgeschnittenseins geheilt werden. Zunächst das Abgeschnittensein von anderen Menschen. Im Café des Bromley by Bow Centres, das Sam Everington führte, saßen sie nach der Arbeit meist noch zusammen, und nach ein paar Monaten stellte Lisa fest, dass sie hätte schreien können vor Erleichterung darüber, nach so langer Zeit endlich wieder echte Gespräche zu führen. Sie hatte Angst gehabt, aus dem Haus zu gehen, und war
schrecklich unsicher im Umgang mit anderen gewesen; aber jetzt hatte man ihr über diese anfängliche Schwelle hinweggeholfen. »Ich sehnte mich fast verzweifelt danach, wieder mit Menschen in Kontakt zu sein.« Während sie sich auf die Probleme, aber auch die Freude der anderen einließ, »dachte ich nicht mehr zwanghaft über mich nach. Ich musste mich um andere kümmern.«
Phil, der zornige junge Mann, vor dem die Ärzte ein wenig Angst hatten – und bei dem sie lange überlegt hatten, ob sie ihn überhaupt in das Programm aufnehmen sollten –, nahm die beiden Patienten mit Lernschwierigkeiten unter seine Fittiche. Er half ihnen und sorgte als Erster dafür, dass sie sich an allem beteiligen konnten. Und er schlug ihnen vor, eine Gartenbau-Ausbildung zu machen – worauf sich gleich die ganze Gruppe dazu anmeldete.
Die zweite Form des Abgeschnittenseins, die hier geheilt wurde, war laut Lisa die Entfremdung von der Natur. »Es hat etwas, wenn man sich in einem natürlichen Umfeld engagiert, selbst wenn es nur ein kleiner Flecken in einem absolut städtischen Areal ist … Ich konnte mich einfach wieder mit der Erde verbinden, und ich nahm auch die kleinen Dinge wahr. Man hört die Flugzeuge und den Verkehr nicht mehr, und man bekommt ein Gefühl dafür, wie klein wir sind und wie unbedeutend.« Und dann sagte sie: »Ich habe mir buchstäblich die Hände schmutzig gemacht«, und das half ihr, »ein Gefühl für den Ort« zu bekommen. »Es ging nicht mehr nur um mich. Da war der Himmel, die Sonne … Es dreht sich nicht alles nur um mich, klar? Es geht nicht nur um meinen Kampf gegen Ungerechtigkeiten. Hier gewinnt man ein breiteres Bild, und ich habe das Bedürfnis, wieder ein Teil davon zu sein. So habe ich empfunden, als ich, die Hände im Blumenbeet, in diesem Garten auf dem Pflaster hockte.«
Dieses bescheidene kleine Projekt hatte bewirkt, dass »die zwei Dinge, zu denen ich komplett den Kontakt verloren hatte« – zu Menschen und zur Natur – »wieder Teil meines Lebens wurden«.
Lisa gewann den Eindruck, dass die Mitglieder der Gruppe im selben Maße wieder zum Leben erwachten, wie der Park zum Leben erwachte. Zum ersten Mal seit Jahren waren sie stolz auf das, was sie gemacht hatten. Sie hatten etwas Wunderbares
geschaffen. Als ich einen Spaziergang durch ihren Garten machte, verspürte ich in dieser kleinen grünen Oase mit dem sprudelnden Brunnen eine Ruhe inmitten des polternden, verpesteten Knotens von East London, wo ich so lange gewohnt hatte.
Nach ein paar Jahren in dem Projekt kam Lisa ohne Fluoxetin zurecht, und in den folgenden Jahren nahm sie fast dreißig Kilogramm ab. Sie lernte einen Gärtner kennen, in den sie sich verliebte, einen Mann namens Ian, und nach einiger Zeit zogen die beiden in ein Dorf in Wales. Als ich mich mit ihr traf, stand sie im Begriff, ein Gartencenter zu eröffnen. Sie hat noch Kontakt zu einigen Leuten aus der Gärtnergruppe. Sie hätten sich gegenseitig gerettet, sagte sie zu mir. Sich und den Boden.
***
Als ich in East London bei einem Frühstück mit Würstchen und Pommes mehrere Stunden mit Lisa sprach, erklärte sie mir, manch einer könne vielleicht die falschen Lehren aus dem Projekt ziehen. »Es ist nichts, was einfach passiert. Wenn man depressiv ist, kann man sich nicht einfach ein Stück Garten suchen, sich darüber hermachen und erwarten, dass es einem dann besser geht. Das Ganze muss organisiert und unterstützt werden.« Wenn einem jemand sagt: »Ach, setz dich einfach in den Park, dann wird es besser; mach einen Spaziergang im Wald, du wirst sehen, das hilft – nun ja, das stimmt natürlich, aber man braucht jemanden, der einen auf dem Weg dorthin unterstützt.«
Allein hätte sie es nie geschafft. Ein Arzt musste es ihr verschreiben – musste ihr vorsichtig den medizinischen Nutzen erklären und sie behutsam drängen. Ohne all das, fürchtete sie, würde sie sich wahrscheinlich immer noch in ihrer Wohnung einschließen, einen Becher Eis nach dem anderen löffeln, Angst vor fremden Blicken haben und langsam immer mehr abbauen.
***
An der Empfangstheke des Bromley by Bow Centres wird man entweder an einen Arzt weitergeleitet oder aber an eins der über
hundert sozialen Projekte, die hier koordiniert werden und vom Töpfern über Sportkurse bis hin zu Gemeindearbeit und Hilfe für andere die verschiedensten Tätigkeiten anbieten. Wird man zu einem Arzt geschickt, fällt einem sofort auf, dass dessen Sprechzimmer ein wenig anders aussieht als in anderen Arztpraxen. Der Arzt sitzt nicht vor einem Computerbildschirm hinter einem Schreibtisch, sondern nimmt neben seinem Besucher Platz. Das, erklärte mir Sam Everington, bringe bereits eine andere Haltung zu Krankheit und Gesundheit zum Ausdruck als üblich.
Als Arzt war er dazu ausgebildet worden, »die Person zu sein, die etwas weiß«. Der Patient tritt ein, beschreibt Symptome, der Arzt führt Untersuchungen durch und verkündet dann, was dem Patienten fehlt und wie man das beheben kann. Es gebe durchaus Fälle, in denen das der richtige Weg sei, meinte Everington. »Zum Beispiel braucht jemand, der eine Brustkorbinfektion hat, Antibiotika und – bum-bum – ist alles klar.« Aber in »der großen Mehrheit der Fälle« sei es nicht so einfach. Die meisten Menschen suchten ihren Arzt auf, weil sie niedergeschlagen seien. Selbst handfeste körperliche Schmerzen – etwa im Knie – werden weitaus schlimmer empfunden, wenn der Betroffene nichts sonst in seinem Leben hat, wenn er sich abgeschnitten fühlt. In den Sprechstunden gehe es fast immer auch um die seelische Gesundheit des Patienten, meinte Everington. Die wichtigste Aufgabe des Arztes bestehe darin, zuzuhören.
Er habe gelernt, insbesondere bei Depressionen und Ängsten, nicht mehr zu fragen: »Was fehlt Ihnen?«, sondern: »Was ist wichtig für Sie?« Wenn man eine Lösung finden will, muss man in Erfahrung bringen, was der depressive oder ängstliche Patient in seinem Leben vermisst, und ihm dann helfen, einen Weg zu finden, wie er es bekommen kann.
Die Ärzte im Bromley by Bow Centre verschreiben durchaus auch chemische Antidepressiva, verteidigen deren Anwendung und glauben, dass sie wirken. Doch diese Medikamente stellen in ihren Augen nur einen kleinen Teil des Bildes dar und sind auch keine langfristige Lösung. Saul Marmot, ebenfalls Arzt in dem Zentrum, sagte zu mir: »Es hat keinen Sinn«, die Schmerzen des
Patienten »mit Pflastern zuzukleben«. Nein: »Man muss an die Gründe heran, warum er überhaupt gekommen ist.« Später meinte er noch: »Es ist nicht zielführend, weiter Antidepressiva zu verschreiben, wenn sich nichts geändert hat, sodass sie nach der Einnahme von Antidepressiva wieder dort landen, wo sie vorher waren … Es muss sich etwas ändern, sonst fällt man wieder zurück.«
Häufig glauben die Patienten – so wie ich es einst tat –, ihre Depressionen seien rein physischer Natur und Folge einer Fehlfunktion des Gehirns. Als Erstes erklärt Everington seinen Patienten zwei Dinge, die sie meist überraschen. Zunächst teilt er ihnen mit, dass Ärzte wenig Ahnung von Depressionen und Ängsten haben. Es handle sich aber um ein komplexes Problem, und man müsse diesem Problem zusammen mit dem Patienten auf den Grund gehen. »Die Basis [unserer] Philosophie besteht darin, dass wir die Bescheidenheit besitzen müssen, auch einmal sagen zu können: ›Ich weiß es nicht.‹ Das ist wirklich wichtig. Ja, es ist das Wichtigste. Und nebenbei stärkt man damit das Vertrauen des Patienten in den Arzt.«
Zweitens erzählt er ihnen, dass er nach seiner Scheidung vor einigen Jahren ständig furchtbare Ängste hatte, jahrelang. Das könne jedem passieren. Sie seien also nicht allein damit. »Es geht darum, ihnen klarzumachen, dass es in Ordnung ist. Ich zögere, das Wort ›normal‹ zu verwenden, aber es ist normal.«
Würde Everington ihnen hingegen erklären, dass ihr Gehirn erkrankt sei, »können sie keinen Einfluss darauf ausüben, sie können nichts daran ändern. Aber das ist natürlich barer Unsinn. Und wie wird es sich langfristig auswirken? … Wenn jemand depressiv ist«, meinte Sam Everington, »befindet er sich an einem sehr dunklen Ort. Kann man ihm den Vorgeschmack auf eine Besserung geben, und sei sie noch so klein, nur eine geringe Hoffnung, ein kleines bisschen Hoffnung, ist das von absolut entscheidender Bedeutung, aber man weiß ja zunächst nicht, woher die Hoffnung kommen könnte.« Deshalb legt er ihnen ein großes, breites Spektrum kleiner Schritte hin zum Wiederaufbau von Verbindungen vor.
Everington versucht, in den Gesprächen mit seinen Patienten
eine solche Verbindung herzustellen. Ein Teil seiner Aufgabe bestehe darin, »ein Freund zu sein«, sagt er. Er wohnt nur ein paar Hundert Meter entfernt und ist immer erreichbar. Und dann ist da noch ein anderer wichtiger Aspekt in der Philosophie des Zentrums: »Es gibt immer einen Vorwand für eine Party.« Sie finden stets einen Anlass zum Feiern, und alle Patienten werden dazu eingeladen.
Everingtons Methode, das sogenannte »Social Prescribing« (SP; in etwa: soziale Medikation), hat eine echte Kontroverse ausgelöst.
3
Die potentiellen Vorteile liegen auf der Hand. Allein Everingtons Stiftung gibt jährlich eine Million Pfund (1,3 Millionen Euro) für die Verteilung von Antidepressiva an siebzehntausend Patienten aus – mit begrenztem Erfolg. Er vermutet, dass man mit SP bei deutlich niedrigeren Kosten bessere Ergebnisse erzielen könnte. So sammeln das Bromley by Bow Centre und andere Gruppen, die mit dieser Methode arbeiten, eifrig Daten in der Hoffnung, dass Wissenschaftler Studien dazu durchführen. Doch bislang ist in dieser Hinsicht wenig geschehen.
Warum? Es ist dieselbe Geschichte, die ich fast überall zu hören bekomme. Der Verkauf von Medikamenten gegen Depressionen und Ängste floriert weltweit und spült eine Menge Geld in die Kassen der Pharmariesen, sodass enorme Summen für – wie ich erfuhr, häufig verzerrte – Studien auf diesem Gebiet zur Verfügung stehen. Mit dem Social Prescribing könnte man, auch wenn es erfolgreich ist, längst nicht so viel Geld machen. Im Gegenteil, es würde ein Loch in den milliardenschweren Pharmamarkt reißen – und die Gewinne würden einbrechen. Deshalb haben die Investoren kein Interesse, diese Methode zu erforschen.
Allerdings gibt es mittlerweile eine Reihe wissenschaftlicher Studien zum »therapeutischen Gärtnern«, das heißt zu dem Versuch, Menschen zur Gartenarbeit zu bewegen, um ihre psychische Gesundheit zu fördern.
4
Die Studien wurden alle anhand kleinerer Gruppen und über relativ kurze Zeiträume durchgeführt, zudem sind sie nicht wirklich gut strukturiert, aber die Ergebnisse legen nahe, dass sich gründlichere
Untersuchungen lohnen würden. So ergab eine Studie in Norwegen, dass bei einem Projekt wie dem von Sam Everington depressive Probanden im Durchschnitt um 4,5 Punkte auf der Depressionsskala hochkletterten – ein Erfolg, der den von chemischen Antidepressiva um mehr als das Doppelte überstieg. Eine andere Studie mit jungen, unter schweren Ängsten leidenden Frauen führte zu ähnlichen Resultaten. Dies weist darauf hin, dass solche Projekte zumindest gut geeignet sind, die Saat der Forschung aufgehen zu lassen.
5
***
Ich suchte erneut den Sozialwissenschaftler Michael Marmot auf, der als Erster erkannte, dass uns sinnlose Arbeit depressiv macht. Ausgangspunkt seiner Reise war, wie Sie sich vielleicht erinnern, eine Klinik in Sydney, wo er beobachtete, wie depressive Menschen, die ein elendes Leben führten, Hilfe suchten und mit einer Flasche eines weißen Gebräus abgespeist und nach Hause geschickt wurden. Ich wusste, dass Marmot im Lauf der Jahre mehrmals das Bromley by Bow Centre besucht und informell beraten hatte, und so wollte ich gern hören, was er davon hielt. Er meinte, was sie dort machten, sei im Grunde sehr einfach. Wenn jemand mit einem körperlichen Problem zu ihnen kommt, behandeln sie ihn entsprechend. Aber die Gründe, warum wir einen Arzt aufsuchen, sind größtenteils anderer Natur. »Wenn jemand mit einem Problem in seinem Leben zu ihnen kommt, dann wenden sie sich ebendiesem Problem im Leben des Patienten zu.«
***
In hundert Jahren, so vermutet Sam Everington, werden wir vielleicht die Entdeckung, dass wir die emotionalen Bedürfnisse depressiver oder ängstlicher Patienten erfüllen müssen, wenn wir zur Heilung ihres Leidens beitragen wollen, als entscheidenden Augenblick in der Medizingeschichte betrachten. Bis in die 1850er-Jahre kannte niemand die Ursache für Cholera, die zahlreiche Opfer forderte.
6
Dann entdeckte ein Arzt namens John Snow (zufälligerweise nur wenige Kilometer von Everingtons Praxis entfernt), dass die Krankheit über das Trinkwasser übertragen wurde – und so wurden entsprechende Abwassersysteme geschaffen. Seither gibt es in den Ländern der westlichen Welt keine Choleraepidemien mehr.
Ein Antidepressivum ist nicht unbedingt eine Pille, wie man hier erkannt hat. Es kann alles sein, was einem aus der Verzweiflung heraushilft. Die Belege dafür, dass chemische Antidepressiva bei den meisten Menschen keine Wirkung zeigen, sollten uns nicht von dem Konzept des Antidepressivums abbringen. Aber sie sollten uns dazu bewegen, nach besseren Antidepressiva Ausschau zu halten – und die werden vermutlich ganz anders aussehen als die Mittel, die uns die Pharmaindustrie ständig als einzige Lösung nahezubringen versucht.
Saul Marmot, einer der Allgemeinärzte in Everingtons Praxis, sagte zu mir, die Vorteile der hier entwickelten Methode seien »so offensichtlich, dass ich nicht weiß, warum ich sie nicht schon früher gesehen habe, und ich verstehe auch nicht, warum die Gesellschaft als Ganze sie nicht sieht«.
***
Unser Gespräch führten Sam Everington und ich im stark frequentierten Café des Zentrums, und ständig unterbrach uns jemand, um ihm etwas zu sagen oder ihn zu umarmen. Das ist die Frau, die den Leuten beibringt, wie man Fenster streicht, sagte er an einer Stelle zu mir. Ein anderes Mal: Das ist der Mann, der einmal Polizist war, als solcher hierhergeschickt wurde, sich in unser Zentrum verliebte und jetzt hier arbeitet. Es ist schon lustig, wenn Teenager zu ihm kommen und ihm die hypothetische Frage stellen, was jemand tun sollte, um ein hypothetisches Verbrechen nicht zu begehen.
Während Everington jemandem zuwinkte, meinte er, eines sei ihm bei seiner Arbeit bewusst geworden. Wenn es jemandem gelingt, sich mit anderen Menschen in seinem Umfeld zu verbinden, sei das »die Wiederherstellung der menschlichen
Natur«. Mitten in diesem Netz aus wieder zum Leben erweckten Verbindungen lächelte ihn eine Frau am Nachbartisch, die unserem Gespräch gelauscht hatte, an und schmunzelte.
Er schaute sie an und lächelte ebenfalls.