Kapitel 20:
Ausweg fünf: Mitfühlende Freude und die Überwindung der Selbstsucht
Ich hatte meine Freundin Rachel fast drei Jahre nicht gesehen, als sie mein Hotelzimmer in einer Kleinstadt im Herzen Amerikas betrat, sich aufs Bett legte und lachte.
Als ich nach New York zog, war Rachel Shubert eine der Ersten, zu denen ich eine engere Beziehung aufbaute. In einem Seminar an der New York University saßen wir nebeneinander, und die Stadt und das Leben hatten uns beide ein bisschen aus dem Konzept gebracht. Rachel war verheiratet, aber die Ehe lief aus vielerlei Gründen nicht gut. Sie wollte sich beruflich unabhängig machen und sollte, wie sich herausstellte, bald zum ersten Mal schwanger werden. Ich war durch eine Reihe von Krisen zerrissen und erschöpft. Wir hatten ein paar Dinge gemeinsam – unter anderem meckerten wir gern über alles Mögliche. Sie hatte zwei lange Jahre in der Schweiz gelebt; da mein Vater von dort stammte, war ich als Kind im Sommer immer dorthin verbannt worden. Also frotzelten wir über die Schweiz. Aber auch über die anderen Seminarteilnehmer und über unseren Dozenten. Wir lachten viel. Aber häufig – wenn auch nicht immer – war es ein bitteres Lachen, die Art von Lachen, bei dem man sich nicht recht wohlfühlt. Wir hatten viel Freude miteinander – die Liebe zur britischen Komödie verband uns auf ewig –, aber in der ersten Zeit unserer Freundschaft war da auch eine Menge Wut.
Als Rachels Ehe schließlich zu Bruch ging, zog sie wieder in die Kleinstadt im ländlichen Illinois, aus der sie stammte, und wir verloren uns für eine Weile aus den Augen. Doch als ich sie besuchte, bemerkte ich recht bald, dass sich ihr Charakter verändert hatte. Sie schien unbeschwerter und war offensichtlich nicht mehr so depressiv. Als ich sie fragte, was geschehen sei, erzählte sie mir, sie habe nach ihrer Rückkehr Antidepressiva genommen und anfangs ein Hoch gehabt, doch dann sei es ihr wieder schlecht gegangen. Doch statt die Dosis zu erhöhen, wie der Arzt ihr riet, dachte sie viel darüber nach, wie sie ans Leben heranging. Nach umfassender Lektüre fand sie schließlich einige wissenschaftlich erprobte Mittel, ihr Leben anders zu gestalten.
Rachel hatte erkannt, dass sie viel zu oft wütend und neidisch war. Es war ihr peinlich, das einzugestehen, weil es so klang, als wäre sie ein schlechter Mensch. Aber sie hatte, um ein Beispiel zu nennen, eine Verwandte, die sie schon seit Jahren in den Wahnsinn trieb. Diese Verwandte war nett, und Rachel hatte keinen Grund, sie nicht zu mögen. Doch jeder Erfolg dieser Frau – ob in der Arbeit oder in der Familie – kam ihr vor wie ein Schlag ins Gesicht, was bei Rachel eine tiefe Abneigung gegen die Verwandte weckte, und das wiederum bewirkte, dass sie sich selbst verachtete. Dieser Neid zog sich wie ein roter Faden durch ihr Leben und schlug sich Tag für Tag auf ihre Stimmung nieder. Sie sah darin einen der Hauptgründe für ihre Depressionen und Ängste. Selbst Facebook fand sie mittlerweile unerträglich, weil sie den Eindruck hatte, dort stelle jeder seine Überlegenheit zur Schau und ihr »Neid-Monster«, wie sie es nannte, laufe Amok.
Im Lauf der Jahre versuchte sie auf eigene Faust, diesen Teufelskreis mit kleinen Tricks zu durchbrechen. Wenn sie jemanden traf, der Neid bei ihr auslöste, dachte sie sich einen Grund aus, warum die Person eigentlich nicht zu beglückwünschen war. Gut, du bist großartig, aber dein Mann ist hässlich. Mag sein, du hast eine tolle Karriere hingelegt, aber du bekommst deine Kinder kaum zu Gesicht. Es war, wie sie meinte, ihre »unbeholfene Art, ihren Neid im Zaum zu halten«. Daraufhin ging es ihr etwas besser, aber nur für kurze Zeit.
Sie glaubte, es stimme etwas nicht mit ihr. Doch als sie dann Literatur zum Thema Neid las, wurde ihr klar, dass unsere Kultur diese Gefühle förderte. Sie war dazu erzogen worden, ständig mit anderen zu konkurrieren und sich mit ihnen zu vergleichen. »Wir sind zutiefst individualistisch«, meinte sie, und man redet uns dauernd ein, das Leben sei ein »Nullsummenspiel. Es gibt nur so und so viele Kuchenstücke, und wenn der eine Erfolg hat oder schön ist oder was auch immer, bleibt für die anderen weniger übrig. Kann man es aber selbst bekommen, ist es nicht mehr so bedeutsam, wenn die anderen es auch haben.« Man bringt uns bei, zu denken, das Leben sei ein Kampf um knappe Ressourcen – »selbst bei der Intelligenz, obwohl die menschliche Intelligenz weltweit unendlich zunehmen kann«. Wenn ein anderer klüger wird, werde ich selbst damit nicht weniger klug – aber wir werden geprägt, es so zu empfinden.
Rachel wusste also, wenn sie sich (beispielsweise) hinsetzte und ein wunderbares Buch schrieb und die Verwandte, die ständig ihren Neid erregte, ebenfalls ein wunderbares Buch schrieb, »nahm es mir praktisch den Wind aus den Segeln, auch wenn damit mein Buch, in dem es ja um etwas ganz anderes ging, nicht schlechter wurde«. Schließlich schwanken wir ständig zwischen Neidgefühlen und dem Versuch, andere neidisch zu machen, hin und her. »Es ist, als hätten wir mit den Jahren viel von den Werbeleuten gelernt. Wir sind zu Experten der Selbstvermarktung geworden und wissen einfach, wie wir unser Leben präsentieren und vermarkten können – aber das ist kein bewusster Prozess. Wir lernen es durch unsere Kultur.« Also stellt man sein eigenes Leben auf Instagram oder in Gesprächen zur Schau, als wäre man der Marketingchef des eigenen Ichs, »und versucht, andere zum Kauf von nichts Geringerem als dem Gedanken zu bringen, dass wir selbst super und beneidenswert sind. Verstehst du?«
Dass bei ihr etwas falschlief, merkte sie, als ihr eines Tages zu Ohren kam, dass jemand sie beneidete und sie sich riesig darüber freute. »Ich gebe das nur ungern zu, doch es war so«, meinte sie.
Aber Rachel wollte nicht so sein. Sie ist wie ich äußerst kritisch und rational, und so hielt sie nach Techniken Ausschau, die sich in wissenschaftlichen Studien als einigermaßen tragfähig erwiesen hatten. Dabei stieß sie unter anderem auf eine erprobte Methode namens »liebevolles Mitgefühl«, für deren Wirksamkeit erstaunliche neue wissenschaftliche Beweise vorlagen. 1
Es ist, meinte sie, ganz einfach. Es handle sich um eine Methode, mit der »das Gegenteil von Eifersucht und Neid« eingeübt werde. »Einfach gesagt geht es darum, sich für andere Menschen zu freuen.« Rachel führte mich durch eine Übung.
Man schließt die Augen und visualisiert sich selbst. Dann stellt man sich vor, dass einem etwas Gutes widerfährt – dass man sich verliebt oder etwas geschrieben hat, auf das man stolz ist. Man spürt die Freude, die damit verbunden ist, und lässt diese Freude durch sich hindurchfließen.
Dann visualisiert man jemanden, den man liebt, und stellt sich vor, ihm geschehe etwas Wunderbares. Man spürt die Freude darüber und lässt auch diese durch sich hindurchfließen.
So weit, so einfach. Nun visualisiert man jemanden, den man nicht näher kennt – etwa die Verkäuferin im Lebensmittelladen –, und stellt sich vor, ihr sei etwas Wunderbares geschehen. Und man versucht, Freude für sie zu empfinden – echte Freude.
Von nun an wird es schwieriger. Man visualisiert jemanden, den man nicht mag, versucht, sich vorzustellen, dass dieser Person etwas Gutes widerfährt, und Freude für sie zu empfinden. Es sollte dieselbe Freude sein, die man für sich selbst oder jemanden, den man liebt, empfunden hat. Man stellt sich vor, wie gut dieser Person das tut und wie gerührt sie ist.
Dann visualisiert man jemanden, den man wirklich verabscheut oder beneidet; Rachel stellte sich die Verwandte vor, auf die sie neidisch war. Und man versucht, sich auch für diese Person zu freuen. Wahre, echte Freude für sie zu empfinden. »Es kann sein, dass man beim Meditieren überhaupt nicht dieses Gefühl entwickelt. Vielleicht bringt es einen fast um, diese Dinge zu sagen«, erklärte mir Rachel. »Man hasst vielleicht die Person und ihren Erfolg immer noch – aber man sagt es.«
Das macht man fünfzehn Minuten lang jeden Tag. In den ersten Wochen hielt Rachel es für zwecklos. Nichts veränderte sich. Doch dann merkte sie allmählich: »Ich spürte nicht mehr diesen Schlag, bei dem sich mir der Magen umdreht. Das ist einfach weg.« Nach und nach klangen die giftigen Gefühle ab. Der Neid überfiel sie nicht länger mehrmals am Tag. Je mehr Zeit verstrich, desto mehr ebbten diese Gefühle ab. Und wenn sie an ihre Verwandte dachte, mit der sie besondere Probleme hatte? »Das bedeutet nicht, dass ich überhaupt keinen Neid mehr auf sie empfinde. Aber er ist so weit heruntergeschraubt, dass es nicht mehr so wehtut.«
Bei der Meditation geht es darum, »sich das Ziel zu setzen, anders zu empfinden«, erklärte sie mir. »Fast als würde ich sagen: ›Ich möchte, was dich betrifft, anders fühlen‹, und es so oft aussprechen, bis es wirklich eintritt. Ich glaube, das läuft unterhalb der Bewusstseinsebene ab.«
Mit der Zeit stellte sie aber auch noch etwas anderes fest. Durch die Meditation empfindet man nicht nur weniger Neid, ein viel wichtigerer Aspekt besteht darin, dass man das Glück anderer nicht mehr als Vorwurf gegen sich selbst auffasst, sondern als Quelle eigener Freude. Eines Tages sah Rachel in einem Park, wie eine Braut und ihr Bräutigam für Fotos posierten. Früher hätte sie der Neid gepackt, und sie hätte sich nur beruhigen können, indem sie irgendeinen Makel an der Braut oder dem Bräutigam ausfindig gemacht hätte. Jetzt aber überkam sie eine Woge der Freude, die für den Rest des Tages ihre Stimmung hob. Sie hatte nicht das Gefühl, dass das Glück der Braut ihrem eigenen Glück Abbruch tat, im Gegenteil, es wurde gesteigert. Und sie stellte auch keinen Vergleich mehr zwischen dem Bild der Braut und ihrem eigenen Aussehen bei ihrer eigenen Hochzeit an. Sie würde das Paar nie wiedersehen, dennoch war sie erfüllt von liebevollem Mitgefühl.
Ich fragte sie, wie es ihr bei alldem ging. »Es ist Glück, Wärme – und es hat etwas Zärtliches«, antwortete sie. »Es ist fast so, als wären die Leute meine Kinder. Dasselbe zartliebende, warme Glück, das man empfindet, wenn die eigenen Kinder Spaß haben und glücklich sind oder etwas bekommen, das ihnen gefällt; man kann das Gefühl auch einem völlig Fremden gegenüber empfinden, ganz unglaublich. Es ist fast, als würde man sie mit den Augen liebender Eltern sehen, die sich einfach wünschen, dass jemand, den sie lieben, glücklich ist und schöne Dinge bekommt, und für mich hat das etwas Zärtliches.«
Sie war überrascht, dass sie sich in dieser Weise wandeln konnte. »Man denkt ja, dass man an bestimmten Dingen nichts ändern kann«, meinte sie, aber »dann stellt sich heraus, dass es doch geht. Man kann ein absolutes Eifersuchtsungeheuer sein und glauben, das sei ein Teil der eigenen Persönlichkeit, und dann entdeckt man, dass man das ändern kann, [indem man einfach] ein paar grundlegende Dinge tut.«
Rachel und ich verbrachten ein paar Tage zusammen, machten Spaziergänge und gingen essen. Dabei konnte ich bei ihr eine echte Veränderung beobachten und begann – die Ironie dabei entging mir nicht –, sie darum zu beneiden. Rachel sah mich an und sagte: »Ich bin mein ganzes Leben dem eigenen Glück hinterhergejagt, jetzt bin ich es müde und fühle mich meinem Ziel kein bisschen näher – wo soll das schließlich enden? Die Latte rutscht immer weiter nach oben.« Diese andere Geisteshaltung hingegen bringt echte Freude mit sich und eröffnet einen Pfad, der von den deprimierenden, Angst auslösenden Gedanken wegführt, die sie gequält hatten. »Es wird immer irgendeinen Mist im Leben geben, über den man unglücklich ist. Wenn man aber Glück für andere empfinden kann, hat man stets einen Vorrat an Freude zur Verfügung. Jeden Tag gibt es Millionen Gelegenheiten, Freude über das Glück anderer zu empfinden. Wenn man will, kann man jeden Tag glücklich sein, egal, was einem passiert.«
Als sie sich diese Geisteshaltung zu eigen machte, stellte sie fest, dass dies ein radikaler Bruch mit allem war, was man ihr eingetrichtert hatte. Sie weiß, dass man das für eine Loser-Philosophie halten könnte – du schaffst es selbst nicht, also musst du einen Kick kriegen, wenn es einem anderen gelingt. Du lässt stark nach. Du wirst im Wettlauf um Erfolg zurückfallen. Aber Rachel findet, dass damit ein falscher Gegensatz aufgebaut wird. Warum kann man sich nicht für andere freuen und gleichzeitig auch selbst glücklich sein? Warum sollte es einen stärker machen, wenn man von Neid zerfressen wird?
Sie meint, allmählich begreife sie, dass die Dinge, auf die sie kulturell bedingt neidisch war, in Wirklichkeit völlig wertlos sind. »Wer ist neidisch auf den guten Charakter eines anderen? Wer beneidet jemanden, der wunderbar mit seinem Ehepartner umgeht? Nein, auf so etwas ist man nicht neidisch. Man bewundert es allenfalls, aber Neid, nein. Man beneidet andere nur um Dinge, die eigentlich Mist sind: um das, was sie an materiellem Besitz haben, oder um ihren gesellschaftlichen Status.« Im Lauf der Jahre wurde Rachel durch die Meditationen klar, dass all diese Dinge sie gar nicht glücklich machen würden. Sie waren nicht das, was wirklich zählte.
»Ich glaube, dieses Denken könnte unheimlich vielen depressiven Menschen helfen«, sagte Rachel und wies mich auf die wissenschaftliche Literatur hin, die ich anschließend gründlich studierte. Die größte wissenschaftliche Studie zu Meditationen als Behandlungsmethode bei Depressionen zeigt etwas höchst Interessantes: Depressive Menschen, die ein achtwöchiges Meditationsprogramm durchliefen, erholten sich mit weitaus höherer Wahrscheinlichkeit von ihrer Erkrankung als die Kontrollgruppe, die nicht daran teilnahm. Etwa achtundfünfzig Prozent derer in der Kontrollgruppe wurden erneut depressiv, in der Meditationsgruppe hingegen nur achtunddreißig Prozent – ein enormer Unterschied. 2 Andere Studien ergaben, dass die Meditation bei Menschen mit Ängsten ähnlich wirksam ist. Eine differenziertere Untersuchung ergab, dass die Meditation besonders gut bei Menschen wirkt, die aufgrund von Missbrauch in der Kindheit eine Depression entwickelt haben – bei ihnen liegt die Besserungsrate um zehn Prozent höher als bei anderen. 3
Aber natürlich war ich besonders neugierig auf die wissenschaftlichen Untersuchungen über die spezielle Meditation, die Rachel mir beigebracht hatte. Ich wollte wissen, ob die damit erzeugte Geisteshaltung die Menschen tatsächlich verändert. Bei einer großen Studie über eine ähnliche Methode wurden die Probanden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt: Die eine nahm an Meditationen über liebevolle Freundlichkeit teil, die andere erhielt keinerlei Unterstützung. Die Meditationen fanden über mehrere Wochen einmal pro Tag statt. Für den Test wurde zunächst ein Spiel gespielt, um sich ein wenig aufzuwärmen. Die Probanden wussten nicht, dass zwei der Teilnehmer in Wirklichkeit Schauspieler waren. Während der Spiele ließ einer von ihnen heimlich und unangekündigt etwas fallen oder gab zu verstehen, dass er in anderer Weise Hilfe benötigte. Die Forscher wollten herausfinden, ob sich die Probanden, die an den Meditationen teilgenommen hatten, hilfsbereiter zeigen würden als andere.
Wie sich herausstellte, war die Hilfsbereitschaft bei denjenigen, die an der Meditation über liebevolle Freundlichkeit teilgenommen hatten, doppelt so groß wie bei den anderen. Dies war ein erster Hinweis darauf, dass Rachel recht hatte: Man kann sein Mitgefühl um hundert Prozent steigern, wenn man diese Übungen auch nur über einen kurzen Zeitraum durchführt. 4 Und das wiederum bewirkt, dass man sich stärker mit anderen Menschen verbunden fühlt. Es ist, als ob durch diese Meditation ein Muskel trainiert würde, der uns veranlasst, dem Schlimmsten in unserer Kultur zu widerstehen und aktiv entgegenzuwirken. Dabei spielt weniger eine Rolle, was in den fünfzehn Minuten geschieht – Rachel hatte den Eindruck gewonnen, dass »man während des Meditierens Samen ausstreut, die dann im Lauf des Tages und des Lebens mit einem Mal aufgehen«.
***
In diesem Buch habe ich mehrfach erwähnt, dass es nach den bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen dreierlei Gründe für Depressionen und Ängste gibt: biologische, psychische und soziale. Gleich zu Beginn habe ich darauf hingewiesen, dass biologische Interventionen – in Gestalt von Antidepressiva – bei den meisten von uns nicht viel ausrichten. Dann habe ich die sozialen Veränderungen im Umfeld der Betroffenen geschildert, die uns vielleicht helfen könnten.
Doch was Rachel mir beigebracht hatte, war etwas anderes. Sie hatte eine psychische Veränderung vorgeschlagen.
Es gibt aber noch andere psychologische Techniken, mit denen es Betroffene versuchen können. Eine davon ist das Gebet; wir haben Belege dafür, dass Menschen, die beten, seltener depressiv werden. 5 (Ich bin Atheist, deshalb kommt diese Lösung für mich nicht infrage.) Eine weitere ist die kognitive Verhaltenstherapie (KVT), bei der sich die Patienten negative Muster oder Gedanken abtrainieren und an ihre Stelle positivere setzen. Studien zeigen, dass diese Therapieform nur eine geringe Wirkung zeigt, die zudem nicht lange anhält – dennoch ist die Wirkung nachweisbar. (Der Gerechtigkeit halber möchte ich hinzufügen, dass der Hauptverfechter der KVT, Professor Richard Layard, einräumt, die besten Ergebnisse seien zu erzielen, wenn die Anwendung dieser Methode mit Veränderungen im Umfeld der Betroffenen einhergeht.) 6 Eine weitere Methode ist die Psychotherapie. Es ist schwierig, (wissenschaftlich) zu messen, ob sie hilfreich ist – es ist schlicht nicht möglich, ein klinisches Experiment durchzuführen, in dem man eine Gruppe eine Pseudotherapie durchlaufen lässt und sie mit einer vergleicht, die eine echte Therapie bekommt. Dennoch gibt es erstaunliche Belege zum Wert einer Psychotherapie für Menschen, die eine traumatische Kindheit hatten. Ich werde im nächsten Kapitel darauf zurückkommen.
Ich möchte daher betonen, dass nicht nur Veränderungen im sozialen Leben der Betroffenen hilfreich sind. Wenn man sich in einer echten Sackgasse befindet und wirklich nicht in der Lage ist, in seiner Umwelt etwas zu verändern, sollte man die genannten Methoden in Erwägung ziehen. Ich hege die starke Vermutung, dass man, wenn mithilfe dieser Techniken die eigenen Depressionen und Ängste aufgehellt werden, auch sein Umfeld mehr verändern kann, als man es sich zugetraut hätte – indem man sich mit anderen Menschen zusammentut.
Vor meiner Erfahrung mit Rachel war ich immer skeptisch gewesen, was Meditation betraf. Dafür gab es, wie mir hinterher klar wurde, zwei Gründe. Erstens hatte ich Angst davor, schweigend mit meinen Gedanken allein zu sein – für mich war dieser Zustand selbst mit Depressionen und Ängsten verbunden.
Zweitens hielt ich viele der Argumente, die in den letzten Jahren für das Meditieren ins Feld geführt wurden, für problematisch. Es gibt Selbsthilfe-Gurus, die ein Vermögen damit machen, dass sie den Leuten erzählen, sie könnten durch Meditation bessere kleine Arbeitsbienen werden und eher damit zurande kommen, ständig und unter großem Stress arbeiten zu müssen. Für meine Begriffe war dies nur eine weitere individualistische »Lösung«, die an der Sache vorbeiging, nämlich der Frage, warum sich überhaupt so viele Menschen ausgebrannt und gestresst fühlen und wie wir dem ein Ende setzen können.
Jetzt aber weiß ich, dass es eine ganze Reihe verschiedener Meditationstechniken gibt. Rachels Sitzungen sind das Gegenteil jener individualistischen Meditation, die meinen Widerstand hervorruft. Denn es geht nicht darum, mit der Verzweiflung und dem Stress des Abgeschnittenseins ein wenig besser zurechtzukommen. Es geht darum, einen Weg zu finden, wie man wieder Verbindungen herstellen kann.
***
Was mich an Rachel und ihrer Wandlung am meisten faszinierte, war, wie sie die veränderte Beziehung zu ihrem eigenen Ego beschrieb. Sie ließ sich durch die ständige Bearbeitung des Egos in unserer Kultur – durch Werbung, durch die sozialen Medien, durch das Konkurrenzverhalten der Menschen in ihrem Umfeld – nicht (mehr) verunsichern. Sie hatte eine Möglichkeit gefunden, sich davor zu schützen – indem sie neue Verbindungen aufgebaut hatte.
Also überlegte ich, was wir noch tun könnten, um uns vor den »Depressiva« zu schützen, die unsere Umwelt verschmutzen. Was könnten wir noch tun, um unsere Egos zu verkleinern und unsere Verbindungen zu stärken? Im Zuge meiner weiteren Beschäftigung mit der Meditationsforschung vertiefte ich mich in eine andere Reihe von Studien, denen ich ehrlich gesagt anfangs sehr skeptisch gegenüberstand. Die Leser meines vorherigen Buchs Chasing the Scream (dt. Drogen ) wissen, dass ich mich ziemlich ablehnend dazu geäußert habe.
Dennoch verfolgte ich die neuesten wissenschaftlichen Ergebnisse, und die waren verblüffend, weshalb ich mich auf eine Reise in dieses Gebiet einließ. Was ich dort erfuhr, mag zunächst sonderbar klingen. Auch mir schien es merkwürdig. Doch folgen Sie mir.
***
Roland Griffiths wollte meditieren, aber es gelang ihm nicht. Nach wenigen Minuten hatte er das Gefühl, vor ihm erstreckten sich quälende Stunden. Am Ende fühlte er sich nur frustriert, und so gab er auf. Es sollte zwanzig Jahre dauern, bis er einen neuen Versuch unternahm – als er gemeinsam mit Kollegen etwas nicht nur für ihn, sondern für uns alle Entscheidendes entdeckte.
In der Zeit seiner scheiternden Meditationsversuche arbeitete Griffiths an seiner Promotion und stand am Anfang einer steilen Karriere in wissenschaftlicher Psychologie. Nach seinem raschen Aufstieg wurde er schließlich Professor an der medizinischen Fakultät der Johns Hopkins University in Maryland, einer der führenden wissenschaftlichen Einrichtungen der Welt. Als ich ihn kennenlernte, hatte er sich in der Erforschung des Drogenkonsums, insbesondere von Koffein, als Kapazität weltweit einen Namen gemacht. Bei unserem Gespräch in seinem Büro erklärte er mir, in den zwanzig Jahren seiner Laufbahn bis zur Professur sei er »zwar nicht nachweislich ein Workaholic geworden, aber ich war nahe daran«.
»Meine Karriere verlief gut«, aber er hatte den Eindruck, dass ihm etwas fehlte. »Ich hatte das Gefühl, als würde ich in der Wissenschaft und als erfolgreicher Wissenschaftler nur mechanisch arbeiten.« In dieser Situation fielen ihm – er wusste selbst nicht, warum – die hilflosen Meditationsversuche seiner Jugendjahre wieder ein. In seiner Disziplin galt es als Häresie, von einem tieferen inneren Selbst zu sprechen. Er war Experte auf einem Gebiet der Psychologie, in dem man so etwas als Hippie-Spinnerei abtat, mit der sich ernst zu nehmende wissenschaftliche Psychologen auf keinen Fall beschäftigen sollten. Aber »für mich ging eine offenkundige Faszination von der jahrtausendealten Meditationstechnik aus, bei der man sich darauf konzentriert, die tieferen Erfahrungen des Geistes, des Selbst, des Bewusstseins – wie auch immer man es nennen mag – auszuloten«.
Griffiths hatte einen Freund, der regelmäßig einen Ashram, einen spirituellen Rückzugsort, im nördlichen Teil des Staates New York aufsuchte, um dort in einer Gruppe zu meditieren, und eines Tages fragte Griffiths ihn, ob er einmal mitkommen könne. Anders als bei seinen Versuchen viele Jahre zuvor gab es dort jemanden, der ihn anleitete und mit ihm durchsprach, wie er vorgehen sollte. Und schließlich waren seine Versuche von Erfolg gekrönt. Als er danach jeden Tag meditierte, stellte er zu seiner Überraschung fest, dass »sich diese innere Welt allmählich öffnete – und damit auch ich selbst … Mit der Zeit fand ich es ehrlich gesagt richtig spannend.« Das Leben der Menschen, die er jetzt kennenlernte und die schon seit Jahren meditierten, schien für ihn eine spirituelle Dimension zu haben, von der sie in jeder Hinsicht profitierten. Sie wirkten auf ihn ausgeglichen, glücklich und angstfrei. Mit der Zeit entdeckte er, dass es Aspekte bei ihm – und bei jedem Menschen – gab, die er vernachlässigt hatte und die nicht ausreichend wissenschaftlich untersucht wurden.
Er begann, sich ein paar grundlegende Fragen zu stellen. Was geschieht, wenn jemand meditiert? Was verändert sich in seinem Inneren? Die meisten Menschen – wie auch meine Freundin Rachel – stellen, sofern sie lange genug und konzentriert meditieren, fest, dass sie eine spirituelle Veränderung erleben: Sie bewerten die Dinge anders. Sie sehen die Welt mit neuen Augen. Warum war das so? wollte Griffiths wissen. Warum hatten die Leute das Gefühl, dass sie sich durch die Meditation in einer Weise veränderten, die einem mystisch erscheint – und was bedeutete das überhaupt?
Griffiths begab sich auf die Suche nach wissenschaftlichen Studien über Menschen, die das Gefühl hatten, mystische Erlebnisse zu haben. Wie sich herausstellte, gab es einen ganzen Berg von Literatur dazu, die allerdings ziemlich kurios erschien. Zwischen der Mitte der Fünfziger- und Ende der Sechzigerjahre hatten verschiedene wissenschaftliche Teams etwas herausgefunden: Wenn man Menschen unter klinischen Bedingungen psychedelische Drogen verabreichte – meist LSD, das damals noch legal war –, hatten sie mit großer Wahrscheinlichkeit Erlebnisse, die mit spirituellen Erfahrungen vergleichbar waren. Sie hatten das Gefühl, ihr Ego und ihre Alltagsbelange zu transzendieren und sich intensiv mit etwas viel Größerem zu verbinden: mit anderen Menschen, mit der Natur, sogar mit dem Wesen der Existenz. Das galt für die überwiegende Mehrheit der Probanden, die zudem diese Erfahrung als tief greifend beschrieben. 7
Eines fiel Griffiths bei seiner Lektüre besonders auf. Die Schilderungen dieser Erfahrungen durch die Versuchsteilnehmer glichen verblüffend denen der Menschen, die regelmäßig intensiv meditierten.
Zur Zeit dieser Untersuchungen sahen die Wissenschaftler offenbar viele Einsatzmöglichkeiten für die Drogen, sofern sie unter klinischen Bedingungen verabreicht wurden. Gab man sie chronischen Alkoholikern, hörte eine erstaunliche Zahl von ihnen mit dem Trinken auf. 8 Bei den chronisch Depressiven fühlten sich viele nach der Einnahme deutlich besser oder waren überhaupt nicht mehr depressiv. 9 Diese wissenschaftlichen Experimente wurden nicht nach den heutigen Standards durchgeführt, und man sollte die Ergebnisse daher mit Vorsicht genießen, aber sie erregten doch Griffiths’ Aufmerksamkeit. 10 Aber gegen Ende der Sechzigerjahre wurden die Vereinigten Staaten von panischer Angst vor Psychedelika gepackt. Manche Menschen hatten unter Einfluss dieser Drogen schlimme Erfahrungen gemacht, statt den erhofften Rausch zu erleben; hinzu kam, dass zahllose frei erfundene Geschichten kursierten, die dazu gedacht waren, die Drogen zu dämonisieren. 11 So wurde beispielsweise behauptet, wenn man LSD nähme, könne es passieren, dass man in die Sonne schaue und blind werde. Im Lauf dieser Debatte wurde LSD verboten, alle Studien über Psychedelika wurden abrupt eingestellt, und die Spur verlor sich.
Aber Griffiths betrachtete diese Studien in den Neunzigerjahren mit frischem Blick. Er wollte wissen, ob es zwischen den Erfahrungen regelmäßig Meditierender und denen von Menschen, die Psychedelika verabreicht bekamen, einen Zusammenhang gab. Wenn beides dieselben Gefühle auslöste, könnten wir dann nicht herausfinden, was sich da wirklich abspielte? Also beantragte Griffiths die Finanzierung des ersten klinischen Versuchs mit einem Psychedelikum seit dem Verbot von LSD eine Generation zuvor. 12 Er wollte unbescholtenen Bürgern, die noch nie Drogen genommen hatten, Psilocybin verabreichen, einen natürlich vorkommenden Stoff, der in sogenannten Zauberpilzen (magic mushrooms) zu finden ist, und sehen, ob sie mystische Erlebnisse hatten und welche langfristigen Folgen sich daraus ergaben.
»Ich muss ehrlich sagen, dass ich skeptisch war«, sagte er, als wir uns in Maryland unterhielten. Er glaubte nicht, dass die Einnahme der Droge dieselbe Erfahrung auslösen würde wie die intensive, regelmäßige, über Jahrzehnte praktizierte Meditation im Ashram. Und er glaubte auch nicht, dass diese Droge darüber hinaus noch weitere Wirkungen entfalten könnte. Seit dem Abbruch der Studien in den Sechzigern hatte kein Wissenschaftler mehr die Genehmigung für eine derartige Untersuchung erhalten, aber Griffiths besaß ein solches Renommee und war so unanfechtbar, dass er zum Erstaunen der meisten Kollegen grünes Licht bekam. Viele glauben, dies sei nur deshalb geschehen, weil die Behörden annahmen, er werde nachweisen, dass die Droge bei den Menschen furchtbaren Schaden anrichtete. Jedenfalls rekrutierten Griffiths und sein Team in Maryland Dutzende normale Berufstätige. Wir wollen, sagte man ihnen, dass sie etwas Ungewöhnliches tun.
***
Mark wusste nicht, was ihn erwartete, als er durch Griffiths’ Labor in einen Raum trat, der wie ein Wohnzimmer in einem normalen Haushalt eingerichtet war – mit einem Sofa, beruhigenden Bildern an den Wänden und einem Teppich. 13 Mark war Finanzberater, neunundvierzig Jahre alt und lebte ziemlich puritanisch. Er war in einer Zeitung auf eine Anzeige gestoßen, in der Probanden für eine neue Studie über Spiritualität gesucht wurden. Er hatte noch nie ein Psychedelikum geschluckt, ja, nicht einmal Cannabis geraucht.
Er meldete sich, weil er nach der Scheidung von seiner Frau depressiv geworden war. Vier Monate lang hatte er ein Antidepressivum genommen – Paxil, wie ich auch –, aber es hatte ihn nur träge und lustlos gemacht. Seitdem er es eineinhalb Jahre zuvor abgesetzt hatte, machte er sich Sorgen um sich. »Ich konnte keinen Kontakt zu Menschen herstellen«, erklärte er mir. »Ich hielt einfach alle auf Abstand. Ich habe mich nie richtig wohlgefühlt, wenn mir Leute nahe kamen.« Es hatte angefangen, als Mark zehn Jahre alt war und sein Vater Probleme mit dem Herzen bekam; wie sich herausstellte, handelte es sich um einen Herzklappenfehler. Eines Tages hatte er so starke Schmerzen, dass er ins Krankenhaus musste, und als Mark ihn beim Abschied sah, war ihm instinktiv klar, dass er ihn nie wiedersehen würde. Marks Mutter versank in so tiefe Trauer, dass sie nicht mit ihm über den Tod ihres Mannes reden konnte, und auch sonst sprach niemand mit ihm darüber. »Ich war ganz allein auf mich gestellt, als ich versuchte, es zu verstehen und im Leben weiterzukommen, und ich denke, ich habe alles weggesteckt. Ich glaube, ich bin in den Verdrängungsmodus gegangen.« Und so entstand bei ihm ein Muster: Er verbarg seine Gefühle, um sich zu schützen.
Im Lauf seines Lebens führte dieses Gefühl der Distanz zu vielfältigen sozialen Ängsten. Wenn er eingeladen wurde, etwa zu einer Party, ließ er sich stets einen Grund einfallen, warum er nicht kommen konnte. Und wenn er sich dazu zwang, hinzugehen, stand er verlegen am Rande. »Ich achtete genau darauf, was ich sagte, und beobachtete mich ständig selbst.« Unablässig führte er einen inneren Monolog der Art: War es dumm, das zu sagen? Was soll ich als Nächstes sagen? Wird es wieder so was Blödes sein? Und was sage ich danach?
Verständlicherweise loderte seine Angst wieder auf, als er an jenem Tag in dem vorgetäuschten Wohnzimmer auf dem Sofa lag. Es sollte die erste von drei Sitzungen sein, in denen man ihm Psilocybin gab. Zur Vorbereitung hatte er – mit Bill Richards, einem Psychologen der Johns Hopkins University – ein paar Monate lang Meditationsübungen gemacht. Und man gab ihm ein Mantra – om mani padme hum – , das er chanten sollte, um sich zu stabilisieren, falls er während der Drogenerfahrung die Orientierung verlor oder Panik bekam. Richards versprach, er werde während der ganzen Sitzung dabei sein, um ihn zu beruhigen und anzuleiten.
In seiner Jugend hatte Mark zwar schon von Psychedelika gehört, aber immer nur insofern, als sie angeblich geisteskrank machten. In der baptistischen Kirche, der er angehörte, gab man den Teenagern kleine Comicstrips über einen Mann, der nach der Einnahme von LSD glaubte, sein Gesicht schmölze zusammen. Er konnte den Film nicht stoppen und musste in eine psychiatrische Klinik gebracht werden, aber er wurde nicht wieder normal. Mark hätte nie gedacht, dass er einmal im Herzen einer international hoch angesehenen Universität eine solche Droge schlucken würde.
Man hatte ihm geraten, ein paar Gegenstände mitzubringen, die eine Bedeutung für ihn hatten, und er entschied sich für Fotos von seinen Eltern – inzwischen war auch seine Mutter gestorben – und seiner neuen Freundin Jean sowie eine Kastanie, die er an dem Tag, als seine Scheidung vollzogen wurde, auf dem Boden gefunden und, ohne zu wissen, warum, aufbewahrt hatte. Mark legte sich also auf das Sofa, und als er es sich bequem gemacht hatte, reichte man ihm eine kleine Psilocybin-Pille. Er nahm sie und sah sich zusammen mit Richards schweigend Landschaftsbilder in einem Buch an. Dann legte Richards ihm eine Augenbinde an und setzte ihm Kopfhörer auf, aus denen sanfte Musik erklang. Nach etwa fünfundvierzig Minuten spürte Mark, dass sich etwas veränderte.
»Ich konnte fühlen, wie ich mich geistig entspannte«, erzählte er mir. »Ich spürte, dass da etwas war – eine sich anbahnende Veränderung, wie man sagt –, ich konnte deutlich spüren, wie sie auf mich zukam.«
Und dann, ganz plötzlich, flippte Mark aus. Er wusste nicht, wie ihm geschah. Er stand auf und wollte gehen. Ihm war klar geworden, dass er seiner Freundin gegenüber nicht ganz ehrlich gewesen war, was seine Gefühle für sie betraf. Er wollte zu ihr, um es ihr zu sagen.
Richards sprach vorsichtig mit ihm, und nach ein paar Minuten war Mark bereit, sich wieder aufs Sofa zu setzen. Und während er sein Mantra sang, um sich zu zentrieren und zu entspannen, hatte er das Gefühl, »tiefer und tiefer gehen« und diesem Gefühl vertrauen zu müssen. In dem langen Vorbereitungsprozess hatten die Wissenschaftler ihm erklärt, diese Drogen als »Halluzinogene« zu bezeichnen sei eigentlich falsch. Zu einer echten Halluzination gehört, dass man etwas sieht, was nicht da ist, und es für so real hält wie dieses Buch, das Sie in Händen halten – ein physisches Objekt in der Welt. Tatsächlich komme das sehr selten vor. Es sei korrekter, von Psychedelika zu sprechen, ein Begriff, der aus dem Griechischen stammt und so viel bedeutet wie »die Seele offenbarend«. Diese Substanzen ziehen Inhalte aus dem Unterbewusstsein und bringen sie ins Bewusstsein. Daher halluziniert man nicht, sondern sieht Dinge eher wie im Traum, nur dass man bei Bewusstsein und jederzeit in der Lage ist, mit dem Begleiter – in diesem Fall Bill Richards – zu sprechen; man weiß, dass er physisch präsent ist und die Dinge, die man wegen der Droge sieht, es nicht sind.
»Es ist kein visuelles Erleben von einstürzenden Mauern oder Ähnlichem«, meinte Mark. »Es ist vollkommen dunkel. Und man hört nur die Musik, die dazu dient, einen zu erden – es ist eher eine innere Visualisierung … Ich würde sagen, [es ist wie] ein Wachtraum«, nur dass er sich hinterher lebhaft an alles erinnern konnte – »so lebhaft wie an nichts sonst in meinem Leben«.
Als er wieder auf dem Sofa lag, hatte Mark das Gefühl, in einem großen, kühlen See zu paddeln. Er fuhr hin und her und entdeckte verschiedene Höhlen, aus denen Wasser in den See floss. Intuitiv – wie in einem Traum – erkannte er, dass dieser See die ganze Menschheit symbolisierte. Wir entleeren all unsere Gefühle, all unser Sehnen, all unsere Gedanken in diesen See.
Er beschloss, eine der Höhlen zu erforschen, sprang von Felsen zu Felsen, immer stromaufwärts, wobei ihn etwas aufforderte, weiter und weiter in diese Landschaft vorzudringen. Dann kam er zu einem zwanzig Meter hohen Wasserfall und betrachtete ihn ehrfurchtsvoll. Er merkte, dass er hinaufschwimmen konnte, und dachte, wenn er bis ganz oben auf den Wasserfall käme, wäre er an dem Ort, den er in seinem Leben erreichen wollte, wo immer das auch sein mochte – »dass die Antwort dort für mich bereitläge«.
Er teilte Bill Richards mit, was geschah. »Nimm es tief in dich auf«, sagte dieser.
Als Mark das obere Ende des Wasserfalls erreichte, sah er ein kleines Rehkitz, das sich am Wasser labte. Es blickte Mark an und sagte: »Es gibt hier etwas Unerledigtes, um das du dich kümmern musst«, es stammt aus deiner Kindheit. »Wenn du dich weiterentwickeln und wachsen willst, musst du dich damit beschäftigen.« Mark empfand dies als eine Art Offenbarung, dass »ich bestimmte Erlebnisse verdrängt hatte. Erlebnisse zu Beginn meines Lebens, und ich hatte versucht, sie zuzudecken und so gut wie möglich im Leben klarzukommen.«
Oben auf dem Wasserfall hatte Mark zum ersten Mal in seinem Leben das Gefühl, er könne sich gefahrlos der Trauer stellen, die er seit seinem zehnten Lebensjahr verdrängt hatte. Er folgte dem Kitz flussabwärts und stieß auf ein Amphitheater. Und dort wartete sein Vater auf ihn, in der Gestalt, in der Mark ihn das letzte Mal gesehen hatte.
Der Vater erklärte ihm, er werde ihm ein paar Dinge sagen, die er ihm schon lange habe mitteilen wollen. Vor allem wollte er Mark wissen lassen, dass es ihm gut gehe. »Dass er hat gehen müssen«, erzählte Mark, »und er deswegen Gewissensbisse hatte, aber dann [sagte er]: Mark, du bist, so wie du bist, perfekt, und du hast alles, was du brauchst.«
Mark weinte bei diesen Worten, wie er nie zuvor um seinen Vater geweint hatte. Sein Vater umarmte ihn und sagte: »Mark, versteck dich nicht. Mach dich auf die Suche.«
Da wusste Mark: »Diese ganze Reise, alles, was ich dabei erlebt hatte, dieser Anstoß sollte mir sagen: Das Leben ist da, um es zu leben. Geh und lebe. Geh und erforsche die Welt und nimm einfach alles in dich auf.« Besonders intensiv war das Gefühl, wie schön es ist, am Leben zu sein, ein Mensch zu sein – »wie großartig all das ist, wie weise, es war überwältigend«. Aber er empfand auch etwas anderes sehr stark: »Das Verrückte daran ist, dass dies nicht von irgendwo da draußen kam. Das kommt einfach aus meinem Inneren, verstehen Sie? Es ist nicht die Droge, die all das mit einem macht. Es ist einfach so, dass die Droge einen anderen Raum in mir geöffnet hat«, einen Raum, der die ganze Zeit da war, unterhalb des Verlustgefühls.
Dann merkte er, dass die Wirkung nachließ, und es war, als »wäre ich wieder im eigenen Ego«, wie er es ausdrückte. Er war um neun Uhr an der Johns Hopkins University eingetroffen und verließ sie um halb sechs. Als seine Freundin Jean ihn abholte und ihn fragte, wie es gelaufen sei, wusste er nicht, was er sagen sollte.
In den folgenden Monaten stellte Mark fest, dass er über seinen Vater sprechen konnte, wie es ihm nie zuvor möglich gewesen war. Und dabei wurde ihm klar: »Je offener ich bin, je mehr ich preisgebe, desto mehr bekomme ich.« An die Stelle seiner Ängste waren in hohem Maße Verwunderung und Staunen getreten. »Ich spürte, dass ich ein bisschen menschlicher im Umgang mit anderen geworden war«, und er ging sogar mit seiner Freundin zum Tanzen, während er sich früher mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hätte.
In drei Monaten stand die nächste Sitzung bevor. Sie verlief genauso wie die erste – aber dieses Mal tauchten zahlreiche unzusammenhängende Bilder auf, die ihm nicht besonders bedeutsam vorkamen. »Das war keine Poesie – es war Prosa, verstehen Sie?« Er war enttäuscht.
Aber dann kam die dritte Sitzung, und die »hat mein Leben komplett verändert«.
***
Bei diesen Experimenten wird den Probanden nicht mitgeteilt, ob sie die geringe, mittlere oder hohe Dosis bekommen, aber Mark ist sich sicher, dass er in dieser letzten Sitzung die hohe Dosis erhalten hat.
Als die Wirkung einsetzte, fand er sich erneut in einem ganz anderen Raum wieder. Jetzt war es aber keine Landschaft, die ihm vertraut vorkam wie der Wasserfall. Es war etwas radikal anderes, etwas jenseits all seiner bisherigen Erfahrungen. Er hatte das Gefühl, in einem Nichts zu schwimmen – »in einem unendlichen Irgendwo« im All. Als er herauszufinden versuchte, wo er sich befand, tauchte neben ihm ein Wesen auf, eine Art Hofnarr. Mark wusste instinktiv, dass dieses Wesen ihn bei seiner Reise führen würde. In der Ferne tauchte langsam ein großes zylinderförmiges Objekt auf, und er spürte intuitiv, dass es das gesamte Wissen des Universums enthielt. Und dass dieses Wissen, wenn er aufnahmebereit war, auf ihn übergehen würde.
Anfangs sagte er bei diesem Anblick: »Ich weiß. Ich weiß.« Dann hörte er einen ganzen Chor anderer Stimmen, denen er sich anschloss: »Wir wissen. Wir wissen.«
Dieses »Wir wissen« erschien ihm viel stärker als sein »Ich weiß«. »Es war fast, als ob dieser ganze Tanz des Universums, der sich in der zylindrischen Gestalt auf mich zubewegte, plötzlich zum Stillstand kam, und mein Begleiter sagte: ›Wir müssen uns erst um etwas anderes kümmern.‹ Er griff in mich hinein und zog dieses bebende, furchtsame, ängstliche Wesen, das in mir war, heraus und kommunizierte mit ihm. [Er sagte:] ›Mark, wir müssen mit diesem Teil von dir sprechen.‹ [Und er sagte zu diesem Wesen:] Du hast Mark hervorragende Dienste geleistet. Du hast ihn beschützt. Du hast unglaubliche Kunstwerke für ihn geschaffen – diese schönen Mauern, die du für Mark gebaut hast, diese Gräben, dieses Gerüst, das Mark so viele, viele Jahre vor Schlimmem bewahrt und ihn hierhergebracht hat. Wir müssen dafür sorgen, dass es für dich in Ordnung ist, wenn wir diese [Mauern] niederreißen, damit du erfahren kannst, was dahinterliegt.«
»Und das geschah mit sehr viel Liebe«, sagte Mark. »Keine Wertungen, kein ›Schrecklich, dass es dich gibt.‹« Und die ängstlichen Teile Marks willigten ein, dass die Mauern niedergerissen wurden. Und dabei sah Mark neben sich Menschen, die er geliebt hatte und die gestorben waren – seinen Vater, seine Tante – und die ihm nun Beifall spendeten.
Dann spürte Mark, dass er offen war für jegliche Weisheit, die das Universum für ihn bereithielt, dass sie durch ihn hindurchfloss und er Glück dabei empfand.
»Wissen Sie, bei jedem von uns gibt es einen Teil des Selbst, der stets wertet, der stets von außen auf uns und auf andere blickt und alles überwacht«, sagte er zu mir. »[In diesem Augenblick], an diesem Ort war mein Ego einfach verschwunden. Man nennt [das] ja Tod des Egos. Aber ›ich‹ hatte dabei keinen Platz. Es war völlig ausgesperrt.« Und zum ersten Mal in seinem Leben spürte er: »Es gibt kein Urteil. Nur Mitgefühl, unglaubliches Mitgefühl mit mir selbst und allen anderen im Universum.« Es war ein intensives Gefühl der Einheit alles Lebendigen, verbunden durch die Natur.
Als er in die Freude darüber eintauchte, wandte er sich an den Narren, an seinen Vater und seine Tante und fragte: »Wer ist der eine, wahre Gott?« Sie sahen ihn an, zuckten die Achseln und erwiderten: »Wir wissen es nicht. Wir wissen viel. Aber das nicht.« Und dabei lachten sie alle, und Mark lachte mit ihnen in dem reinsten Glück, das er je erfahren hatte.
Nach dieser Sitzung fühlte sich Mark nicht mehr wie der, der er vorher gewesen war. Das Erlebnis habe ihm klargemacht, dass die Menschen das Gefühl brauchen, »akzeptiert zu werden, eine Bedeutung zu haben und geliebt zu werden. Und das kann ich jederzeit jedem geben, es ist ganz einfach. Es geht schlicht darum, aufmerksam zu sein. Mit Leuten zusammen sein. Lieben.«
Und dann, etwas später, geschah noch etwas anderes mit Mark.
***
Als skeptischer Wissenschaftler, der das Experiment leitete, war es Griffiths’ Aufgabe, nach zwei Monaten alle zu befragen, die Psilocybin erhalten hatten. Ihre Antwort war fast durchweg dieselbe: Es sei, meinten sie, »eine der bedeutendsten [Erfahrungen] meines Lebens« gewesen, und sie verglichen sie mit der Geburt eines Kindes oder dem Tod eines Elternteils. Mark war in dieser Hinsicht ein typischer Fall. »Anfangs leuchtete es mir ganz und gar nicht ein«, sagte Griffiths zu mir. »Ich dachte sofort: Was haben diese Menschen [vor dem Experiment] für Erfahrungen gemacht? Es handelte sich doch um bestens funktionierende, im Beruf erfolgreiche Menschen, also waren sie zweifellos glaubwürdig … So etwas hatte ich überhaupt nicht erwartet. Ich konnte es einfach nicht fassen.«
Etwa achtzig Prozent derjenigen, die die höchste Dosis Psilocybin erhalten hatten, sagten zwei Monate später, dies sei eins der fünf wichtigsten Ereignisse in ihrem Leben gewesen. Aber Griffiths und sein Team untersuchten auch, welche Veränderungen bei den Teilnehmern stattgefunden hatten. Eine große Mehrheit hatte »eine positivere Haltung sich selbst gegenüber und zum Leben sowie bessere Beziehungen zu anderen und [sie waren] mitfühlender geworden«. Genau das konnte auch bei Meditierenden nachgewiesen werden. Griffiths war sprachlos.
Als ich die Personen befragte, die an diesem und ähnlichen Experimenten teilgenommen hatten, verspürte ich eine seltsame Erregung. Viele erzählten von lang vergrabenen Kindheitstraumata, über die sie endlich sprechen, oder von einer Angst, die sie hatten überwinden können. Und manch einer weinte dabei vor Freude.
Anfangs hatte er nicht damit gerechnet, aber mit der ersten wissenschaftlichen Untersuchung über Psychedelika seit einer Generation hatte er ein Tor aufgebrochen, das lange verschlossen gewesen war. Und angesichts seiner verblüffenden Ergebnisse beschritten auch andere Wissenschaftler diesen Weg. Griffiths’ Experiment war nur das erste von Dutzenden, die folgten. Um mehr darüber zu erfahren, reiste ich nach Los Angeles, Maryland, New York, London, Aarhus, Oslo und São Paulo und sprach mit den Forschungsteams, die nun ebenfalls Studien zu Psychedelika durchgeführt hatten. 14 Vor allem aber wollte ich wissen, was das, was hier passierte, für die Überwindung von Depressionen und Ängsten bedeuten könnte.
Ein Team, das an der Johns Hopkins University mit Roland Griffiths zusammenarbeitet, wollte herausfinden, was geschah, wenn man chronischen Rauchern, die schon mehrmals vergeblich versucht hatten aufzuhören, Psilocybin verabreichte. Nach lediglich drei Sitzungen – wie bei Mark – gaben achtzig Prozent das Rauchen auf und brauchten auch sechs Monate später keine Zigaretten mehr. 15 Das ist im Vergleich zu allen anderen Techniken die höchste Erfolgsrate. Ein Team am University College London gab die Substanz Probanden mit schweren Depressionen, bei denen bis dahin keine andere Behandlung angeschlagen hatte. 16 Es handelte sich nur um eine Vorstudie, deshalb sollte man sie nicht überbewerten, doch es zeigte sich, dass bei annähernd fünfzig Prozent der Patienten in der dreimonatigen Laufzeit des Versuchs die Depressionen völlig verschwanden.
Aber die Forscher entdeckten dabei etwas noch Wichtigeres. Die positive Wirkung hing von einem bestimmten Umstand ab. Die Wahrscheinlichkeit, von Depressionen oder einer Sucht befreit zu werden, stieg mit der Intensität der spirituellen Erfahrung in den Sitzungen. 17 Je intensiver die spirituelle Erfahrung, desto besser das Ergebnis.
Alle beteiligten Wissenschaftler warnten zu Recht vor einer Verallgemeinerung kleiner Stichproben. Dennoch, die ersten Ergebnisse waren bemerkenswert – und sie schienen die Erkenntnisse zu bestätigen, die man damals in den Sechzigerjahren gewonnen hatte. Allmählich glaubte Griffiths, dass »die Wirkungen wirklich lebensverändernd in einem sehr grundlegenden Sinne sein könnten«.
Was also geschah bei diesen Experimenten? Und wo lag der Haken?
***
Um Antworten auf diese Fragen zu finden, warfen die Forscher einen Blick über den Tellerrand – sie betrachteten die Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen den Erfahrungen, die bei ihren Versuchen beziehungsweise in der Tiefenmeditation gemacht wurden. Fred Barrett, Assistenzprofessor an der Johns Hopkins University, führt gegenwärtig gemeinsam mit Roland Griffiths eine Studie durch, in der sie Menschen, die seit mehr als zehn Jahren mindestens eine Stunde am Tag Tiefenmeditation üben – und schon an monatelangen Retreats teilgenommen haben –, Psilocybin verabreichen. 18 Menschen wie Mark, die vorher nicht meditiert und noch nie zuvor Psychedelika genommen haben, erklärte er mir, finden in der Regel (zumindest anfangs) keine Worte, um zu beschreiben, was sie unter dem Einfluss der Droge erleben, und können nichts Vergleichbares in ihrem Leben nennen. Die Leute hingegen, die schon lange meditieren, verfügen über ein reichhaltiges Vokabular dafür, weil sie die Droge, wie sie sagen, an »denselben Ort« führt, wie es manchmal die echte Tiefenmeditation vermag. »Im Großen und Ganzen«, erklärte mir Barrett, »meinen sie, dass diese Orte ähnlich, wenn nicht sogar identisch sind.«
So lag die Frage nahe: Was geschieht bei diesen beiden Prozessen? Was haben sie gemeinsam? Als wir in einem Thai-Restaurant zusammensaßen, lieferte Barrett mir eine Erklärung, die mich aufhorchen ließ.
Sie durchbrechen beide, sagte er, unsere »Selbstsucht«. Wenn wir geboren werden, als Babys, haben wir kein Ichgefühl. Beobachtet man einen Säugling, wird man bald feststellen, dass er sich ins Gesicht schlägt, weil er die Grenzen des eigenen Körpers noch nicht kennt. Das ändert sich dann mit dem Wachstum. Er wird Grenzen aufbauen. Das ist weitgehend gesund und notwendig. Man braucht Grenzen, um sich zu schützen. Doch manche entfalten mit der Zeit keine rein positive Wirkung. Mark hatte als einsamer Zehnjähriger Mauern errichtet, um sich von der Trauer um seinen Vater, über die er mit niemandem sprechen konnte, abzuschirmen. Doch mit zunehmendem Alter wurden diese schützenden Mauern zum Gefängnis und hinderten ihn daran, in vollen Zügen zu leben. Unser Ego, unser Selbst hat stets diese beiden Seiten – es beschützt uns und hält uns gefangen.
Doch sowohl die Tiefenmeditation als auch psychedelische Erlebnisse versetzen uns in die Lage, zu sehen, welch große Anteile dieses Selbst – dieses Egos – konstruiert sind. Mark konnte plötzlich erkennen, dass seine Sozialangst ein Mittel war, sich zu schützen – und dass er sie nicht mehr brauchte. Meine Freundin Rachel begriff, dass ihr Neid ein Instrument war, sich vor der Trauer zu schützen – und die Meditationen versetzten sie in die Lage, zu sehen, dass er kein unveränderlicher Aspekt ihrer Persönlichkeit war: Sie konnte sich auch durch Positivität und Liebe schützen.
Beide Prozesse, erklärte mir Griffiths, »bewirken eine ganz neue Beziehung zum Bewusstsein«. Das Ego ist ein Teil des Menschen, nicht der ganze Mensch. In Augenblicken, in denen das Ego sich, wie er es ausdrückte, »auflöst und mit einem größeren Ganzen zusammenfließt«, in den Strom der Menschheit eingeht, den Mark in seiner Vision vor sich sah, kann man über das eigene Ego hinausschauen und bekommt eine radikal andere Perspektive auf das eigene Selbst. Solche Erfahrungen, meinte Barrett, »zeigen uns, dass wir nicht durch unser Selbstkonzept kontrolliert werden müssen«.
»Wenn die Meditation der bewährte und wahre Weg [für diese Entdeckung] ist«, sagte Griffiths, »ist Psilocybin zweifellos der Crashkurs.«
Alle meine Interviewpartner, die an klinischen Versuchen mit Psychedelika teilgenommen hatten, hoben hervor, dass diese Substanzen oft zu einem tiefen, anhaltenden Gefühl des Verbundenseins führen – mit anderen Menschen, mit der Natur und mit einem tieferen Sinn. Es ist das Gegenteil der sinnlosen Werte, mit denen wir überschüttet werden.
»Ein sehr häufig auftauchendes Thema«, wenn Probanden nach einer Psilocybin-Erfahrung von der Couch aufstehen, sagte Barrett zu mir, »ist Liebe. Sie haben die Verbindung zwischen sich und anderen erkannt … Sie fühlen sich stärker motiviert, Kontakt zu anderen aufzunehmen. Stärker motiviert, in gesunder Weise mit sich selbst umzugehen und nicht destruktiv.« Bei diesen Worten musste ich an die sieben Ursachen von Depressionen und Ängsten denken, die ich identifiziert hatte – die Parallelen waren offensichtlich. Diese Erfahrungen zeigen den Menschen, dass das ganze Zeug, mit dem wir uns tagtäglich wie unter Zwang beschäftigen – Shoppen, Status, belanglose Taschenspielertricks – eigentlich unbedeutend ist. Die neuen Erfahrungen ermöglichen den Menschen, ihre Kindheitstraumata in einem anderen Licht zu sehen. Sie bieten ihnen, wie Griffiths es ausdrückte, »einen Perspektivwechsel, der ihnen die Augen dafür öffnet, dass sie nicht Sklaven ihrer Gedanken, Emotionen oder Gefühle sind – dass sie eigentlich in jedem Moment die Wahl haben und dass das Freude macht«. Das ist der Grund, warum achtzig Prozent der chronischen Raucher nach dieser Erfahrung von ihrer Sucht befreit waren. Dabei ist es nicht so, dass ein chemischer Schalter in ihrem Gehirn umgelegt wurde. Vielmehr denkt man, wenn man zurückblickt und die Großartigkeit des Lebens erkennt: Zigaretten? Gier? Darüber bin ich erhaben. Ich entscheide mich für das Leben.
Es hilft uns außerdem zu verstehen, warum der kleine erste Versuch am University College London bei schwer depressiven Menschen so bemerkenswerte Ergebnisse brachte. »Depressionen sind eine Art eingeschränktes Bewusstsein«, sagte Bill Richards, der die Experimente an der Johns Hopkins University leitete. »Man könnte sagen, dass die Menschen vergessen haben, wer sie sind, wozu sie fähig sind, dass sie sich festgefahren haben … Viele depressive Menschen sehen nur ihr Leid, ihre Verletzungen, ihre Verbitterung und ihre Fehler. Sie können den blauen Himmel und die gelben Blätter nicht sehen, verstehen Sie?« In diesem Prozess, in dem das Bewusstsein wieder geöffnet wird, kann der Teufelskreis durchbrochen werden – und damit werden auch die Depressionen aufgebrochen. Er reißt die Mauern des Egos nieder und macht die Menschen offen dafür, Kontakt aufzunehmen zu den Dingen, die zählen.
Und »auch wenn die Wirkung [der Droge] nachlässt«, meinte Griffiths, »die Erinnerung an das Erlebnis hält an«, und sie kann zu einem neuen Begleiter auf dem Weg durchs Leben werden.
***
Aber es gibt zwei Haken an der Sache, und die dürfen nicht unerwähnt bleiben.
Der erste besteht darin, dass manche Menschen es als befreiend empfinden, von ihrem Ego loszukommen, andere hingegen von schrecklichen Erlebnissen erzählen. Etwa fünfundzwanzig Prozent der Teilnehmer der Studien an der Johns Hopkins University berichteten von zumindest gelegentlichen Augenblicken furchtbarer Angst. Bei den meisten verging sie wieder, doch eine Handvoll erlebte einen sechs Stunden währenden Horrortrip. Eine Frau schilderte, wie sie durch eine trostlose Landschaft gewandert war, in der nur Leichen herumlagen. Viele der in den Sechzigerjahren kursierenden Behauptungen über Psychedelika – etwa, dass sie einen vergessen machen, wie gefährlich es ist, in die Sonne zu schauen und man sich dabei die Hornhaut verbrennen kann – sind schlichtweg falsch; aber der »schlechte Trip« war kein Mythos. Viele Menschen können ein Lied davon singen.
Als ich mich mit diesen Fragen beschäftigte, fiel mir wieder ein, dass mir Isabel Behncke damals auf jenem Berg in Kanada erklärt hatte, unser Abgeschnittensein von der Natur verstärke unsere Depressionen und Ängste. In der Natur aber werde uns oft klar, wie klein wir sind. Was uns unser Ego einflüstert – Du bist unheimlich wichtig! Deine Anliegen sind furchtbar dringlich! –, erscheint plötzlich banal. Auf diese Weise schrumpft das Ego, und das macht viele Menschen frei. Ich konnte ihr zustimmen und spürte es auch auf jenem Berg – nur dass ich es nicht als befreiend empfand, sondern als bedrohlich. Ich wollte mich dieser Erfahrung widersetzen. Aber mir war völlig schleierhaft, warum. Behncke hatte doch gemeint, es werde meine Depressionen und Ängste vermindern, und ich kannte auch all die wissenschaftlichen Belege dafür.
Nachdem ich die Literatur über Meditation und Psychedelika gelesen und vor allem nachdem ich mich mit Mark darüber unterhalten hatte, wie die beiden Methoden dazu beigetragen hatten, seine Trauer um seinen Vater zu überwinden, glaubte ich, meinen Widerstand zu verstehen. Ich hatte mein Ego aufgebläht – mein Gefühl, wichtig zu sein –, um mich zu schützen, und zwar auch in durchaus gefährlichen Situationen. Wenn man jemanden sieht, der unter dem Einfluss von Psychedelika steht, begreift man, warum wir ein Ego benötigen. Sein Ego ist ausgeschaltet – und er ist buchstäblich wehrlos; man würde ihn nicht allein auf die Straße lassen. Unser Ego schützt uns. Es bewacht uns. Es ist notwendig. Doch wenn es zu groß wird, schneidet es uns von der Möglichkeit ab, uns zu verbinden. Es ist daher nicht ratsam, einmal so nebenbei ein Psychedelikum einzunehmen. Für Menschen, die sich nur hinter Mauern sicher fühlen, wäre der Abbruch dieser Mauern keine Befreiung aus einem Gefängnis; für sie wäre es eher eine Invasion.
An jenem Tag, draußen in der Natur, war ich nicht bereit, die Mauern meines Egos niederzureißen, weil sie für mich notwendig waren.
Das ist der Grund, warum es keiner von den Leuten, mit denen ich sprach, für eine gute Idee hielt, wenn sich depressive oder ängstliche Menschen einfach ein paar Psychedelika besorgen und sie einwerfen, ohne sich darauf vorzubereiten und ohne sich dafür Begleitung zu suchen. Psychedelika sind stark. Bill Richards meinte, es sei wie beim Skifahren: Es ohne Anleitung zu tun sei dumm. Aber es wäre gut, wenn die Leute für eine Änderung der gegenwärtigen Gesetze kämpften, damit diese Drogen zu medizinischen Zwecken – unter den richtigen Rahmenbedingungen – bei Menschen eingesetzt werden können, die davon profitieren könnten.
Das Ziel sei nicht, so erläuterte mir Richards, das Ego auf lange Sicht auszuschalten, sondern uns zu einem gesunden Verhältnis dazu zurückzuführen. Um das zu erreichen, müssen wir uns geborgen genug fühlen, für eine Weile die dicksten Mauern niederzureißen – in einem sicheren Raum und mit Menschen, denen wir vertrauen.
***
Der zweite Haken ist, wie ich glaube, noch bedeutsamer. Dr. Robin Carhart-Harris gehörte zu den Wissenschaftlern, die an dem Experiment in London beteiligt waren, bei dem schwer depressiven Menschen Psilocybin gegeben wurde. Als wir in einem Café in Notting Hill saßen und stundenlang darüber diskutierten, schilderte er mir eine Beobachtung seines Teams. Die Psychedelika hatten in den ersten drei Monaten eine bemerkenswerte Wirkung: Die meisten Probanden fühlten sich viel stärker verbunden und damit auch insgesamt erheblich besser. Doch es gab insbesondere eine Patientin, die auf einen breiteren Trend hinwies.
Nach dem außergewöhnlichen Erlebnis führte sie ihr normales Leben weiter. Sie arbeitete unter ziemlich entwürdigenden Bedingungen als Rezeptionistin in einer öden englischen Kleinstadt. Und dann kam dieses Erwachen – die Erkenntnis, dass materielle Dinge nicht zählen, wir alle gleich und unsere Differenzierung nach Status unsinnig sind. Danach kehrte sie in eine Welt zurück, die uns allen ständig eintrichtert, dass materialistisches Denken das Allerwichtigste ist, wir nicht gleich sind und man Statusunterschiede zu respektieren hat. Es war ein Wiedereintauchen in das kalte Bad des Abgeschnittenseins. Und nach und nach wurde sie wieder depressiv: Die Erkenntnisse, die sie bei dem psychedelischen Experiment gewonnen hatte, waren in der äußeren Welt, mit der wir gegenwärtig konfrontiert sind, wertlos.
Doch erst als ich mit Dr. Andrew Weil sprach, der an den Untersuchungen in den Sechzigerjahren beteiligt gewesen war, begriff ich, was das tatsächlich bedeutete. Niemand behauptet, dass Psychedelika so wirken, wie es in den Neunzigerjahren von Antidepressiva behauptet wurde: Sie greifen nicht in die Hirnchemie ein und »korrigieren« sie. Nein. Sie geben einem – wenn die Sitzung gut läuft – für kurze Zeit ein bemerkenswertes Gefühl des Verbundenseins. »Der Wert dieser Erfahrung«, meinte Well, besteht darin, dass sie »einen spüren lässt«, welche Wirkung dieses Gefühl hat. Danach hängt es von dem Betroffenen ab, andere Wege zu finden, wie er diese Wirkung aufrechterhalten kann. Im Grunde ist es keine Drogen-, sondern eine Lernerfahrung. Und man muss ständig auf die eine oder andere Weise weiterüben.
Wenn man nach einer solch intensiven Erfahrung in den Zustand des Abgeschnittenseins zurückkehrt, kann sie keine nachhaltige Wirkung haben. Anders ist es, wenn man auf dieser Grundlage ein tieferes, lang anhaltendes Gefühl des Verbundenseins – jenseits von materialistischem Denken und Ego – entwickelt. Es zeigt uns, was wir verloren haben, aber immer noch benötigen.
Das ist die Lehre, die Mark, der im Rahmen der Johns-Hopkins-Studie so lebhafte Eindrücke gewinnen konnte, aus dem Experiment gezogen hat. Nach der dritten und letzten Psilocybin-Sitzung fragte er den verantwortlichen Professor: »Roland, was um alles in der Welt mache ich jetzt damit? … Ich brauche etwas in meinem Leben, mit dem ich festigen kann, was ich gelernt habe.« Und Griffiths – der einst so tief in seiner Arbeitssucht versunken gewesen war, dass er nicht mehr als ein paar Minuten meditieren konnte – kannte inzwischen die Lösung. Er empfahl Mark ein Zentrum, in dem Techniken der Tiefenmeditation praktiziert werden. Als ich Mark interviewte, ging er seit fünf Jahren regelmäßig dorthin. Er weiß, dass er nicht vollständig in dem Raum leben kann, den er bei der Psilocybin-Sitzung entdeckt hat, und er will es auch nicht, vielmehr möchte er die gewonnenen Erkenntnisse in sein Alltagsleben integrieren. »Ich wollte meine Eindrücke bewahren«, sagte er zu mir.
Roland Griffiths hatte nicht damit gerechnet, dass er einmal Meditation und Psychedelika empfehlen würde, und Mark hatte sich nicht vorstellen können, dass er einmal begierig einem solchen Rat folgen würde. Für beide war dies eine nahezu undenkbare Wendung in ihrem Leben – allein das Gewicht der Beweise und die Tiefe ihrer Erfahrung bewog sie dennoch dazu.
***
Inzwischen führt Mark selbst Menschen durch Meditationssitzungen. Mithilfe dieser Technik hat er seine Sozialangst, die ihn einst so quälte, verloren. Er ist offen für das, was die Welt ihm bietet. Am Ende unseres Gesprächs sagte er zu mir, er empfinde jetzt »ein Verbundensein, das nicht mehr verschwinden wird«, ein tiefes Gefühl mitfühlender Freude. Er denkt nicht mehr an chemische Antidepressiva. Sie waren ohnehin nicht das Richtige für ihn, und er braucht sie auch nicht mehr.
***
Nicht jeder müsse genau diesen Weg gehen, um so weit zu kommen, erklärte Mark. Wir können dem, was uns zerreißt – den wertlosen Werten und dem Egoismus, der ihre Folge ist –, in vielerlei Weise den Boden entziehen. Manche werden zu Psychedelika greifen, mehr noch die Meditation der liebevollen Freundlichkeit praktizieren, aber wir müssen noch viele andere Techniken erforschen. Doch wofür man sich auch entscheidet, so Mark, »es ist keine Sinnestäuschung, sondern eine Öffnung des Bewusstseins, die uns die Dinge sehen lässt, die bereits in uns existieren«.
»Es öffnet nur die Tür«, sagte er beim Rückblick auf seine lange Reise, zu dem, was wir wirklich brauchen. Und was wir wirklich brauchen, haben wir eigentlich die ganze Zeit gewusst.