Kapitel 21:
Ausweg sechs: Das Kindheitstrauma annehmen und überwinden
Vincent Felitti wollte sich nicht damit begnügen, eine traurige Tatsache aufzudecken, er wollte eine Lösung finden. Er ist – wie ich bereits dargestellt habe – der Arzt, der die erschreckende Rolle von Kindheitstraumata als Ursache für später auftretende Depressionen und Ängste erkannte. Wie er nachgewiesen hat, erhöht ein Kindheitstrauma ganz erheblich die Wahrscheinlichkeit, dass jemand als Erwachsener depressiv wird oder unter schweren Ängsten leidet. Felitti fuhr kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten, um seine Befunde bekannt zu machen, und inzwischen herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass er recht hat. Doch für ihn ging es nicht darum, den Menschen, die traumatisiert waren, klarzumachen, dass sie kaputt und zu einem eingeschränkten Leben verdammt seien, weil sie als Kinder keinen angemessenen Schutz genossen hatten. Er wollte sie von ihrem Leid befreien. Aber wie?
Wie ich bereits dargelegt habe – das liegt Hunderte Seiten zurück, also machen Sie sich keine Sorgen, wenn Sie eine Gedächtnisauffrischung benötigen –, gewann er seine Erkenntnisse durch Fragebögen, die er an Patienten des Gesundheitsunternehmens Kaiser Permanente verschickt hatte. Darin wurden zehn mögliche traumatische Erfahrungen in der Kindheit aufgeführt und dem gegenwärtigen Gesundheitszustand der Teilnehmer gegenübergestellt. Nach der Auswertung dieser Fragebögen, bei der sich im Lauf eines Jahres deutliche Ergebnisse abzeichneten, kam ihm eine Idee.
Was würde passieren, wenn der Arzt, dessen Patient auf dem Fragebogen angekreuzt hatte, er habe in der Kindheit ein Trauma erlitten, bei dessen nächstem Besuch in der Sprechstunde nach diesem Trauma fragte? Wie würde sich das auswirken?
Um dies herauszufinden, führten er und sein Team ein Experiment durch. Jeder Arzt, der einen Patienten von Kaiser Permanente behandelte – sei es wegen Hämorrhoiden, eines Ekzems oder Schizophrenie –, wurde gebeten, sich dessen Trauma-Fragebogen anzusehen und, sofern der Patient ein Kindheitstrauma erlitten hatte, einer einfachen Anweisung zu folgen. Er sollte etwas sagen wie: »Ich sehe, dass Sie als Kind X oder Y erlebt haben. Das tut mir leid – das hätte nicht passieren dürfen. Möchten Sie über diese Erlebnisse sprechen?« Wenn der Patient dies bejahte, sollte der Arzt seinem Mitgefühl Ausdruck verleihen und fragen: »Glauben Sie, dass das langfristig negative Auswirkungen auf Sie hatte? Ist das für Ihren gegenwärtigen Gesundheitszustand von Bedeutung?« 1
Die Absicht war, dem Patienten zwei Dinge gleichzeitig anzubieten. Erstens wurde ihm damit Gelegenheit gegeben, das traumatische Erlebnis zu schildern – eine Geschichte darüber zu konstruieren, die für ihn einen Sinn ergab. Fast unmittelbar nach Beginn des Experiments stellten die Forscher fest, dass viele Patienten noch nie jemandem anvertraut hatten, was ihnen widerfahren war.
Ebenso entscheidend war der zweite Punkt: Ihnen sollte deutlich gemacht werden, dass ihre traumatischen Erlebnisse nicht bewertet wurden. Im Gegenteil, sie sollten das Gefühl haben, dass ihnen eine Autoritätsperson, der sie vertrauten, Mitgefühl für das entgegenbrachte, was sie durchgemacht hatten.
Wie sich zeigte, war die überwiegende Mehrheit der Patienten bereit, darüber zu sprechen. Manche erzählten, sie seien vernachlässigt worden oder hätten sexuelle Übergriffe erlebt, manche waren von ihren Eltern geschlagen worden. Die meisten Patienten, die von solchen Dingen berichteten, hatten sich nie gefragt, ob diese Erfahrungen mit ihrem gegenwärtigen gesundheitlichen Zustand zusammenhängen könnten. Nun aber begannen sie, darüber nachzudenken.
Felitti interessierte jedoch vor allem, ob ihnen dies half. Oder schadete es ihnen, an alte Traumata zu rühren? Voller Spannung wartete er auf die Ergebnisse aus Zehntausenden solcher Sprechstunden.
Schließlich war es so weit. In den folgenden Monaten und Jahren zeigte sich bei denjenigen Patienten, deren Trauma eine Autoritätsperson mitfühlend anerkannt hatte, eine bedeutende Besserung – die Wahrscheinlichkeit, dass sie wegen irgendeiner Erkrankung erneut einen Arzt aufsuchten, sank bei ihnen um fünfunddreißig Prozent. 2
Anfangs fürchteten die Ärzte, der Grund dafür sei, dass sie ihre Patienten verunsichert hätten und sie sich schämten. Aber niemand beklagte sich; und in weiteren Befragungen meinten viele Patienten, sie seien froh darüber gewesen, dass man sie nach dem Trauma gefragt hatte. So schrieb beispielsweise eine ältere Dame – die zum ersten Mal bekannt hatte, als Kind vergewaltigt worden zu sein – in einem Brief: »Danke, dass Sie mich gefragt haben. Ich dachte, zeit meines Lebens würde niemand erfahren, was passiert war.« 3
Nachdem die Patienten diese Fragen beantwortet hatten, konnten sie in einer kleineren Pilotstudie entscheiden, ob sie in einer Sitzung mit einem Psychologen über das Geschehene sprechen wollten. Im folgenden Jahr war bei jenen, die diese Gelegenheit wahrgenommen hatten, die Wahrscheinlichkeit, wegen physischer Beschwerden erneut ihren Arzt aufzusuchen oder um die Verschreibung von Medikamenten zu bitten, um fünfzig Prozent gesunken.
Offenbar gingen sie weniger häufig zum Arzt, weil sie tatsächlich weniger unter Ängsten litten und sich nicht mehr so unwohl fühlten. 4 Das war ein verblüffendes Ergebnis. Wie kam es dazu? Die Antwort, vermutet Felitti, hat mit Scham zu tun. »Im Verlauf dieses kurzen Prozesses«, meinte er, »erzählt jemand – meist zum ersten Mal in seinem Leben – einem anderen, der ihm wichtig ist … etwas, für das er sich fürchterlich schämt. Und wenn ihm dann klar wird, dass er trotzdem noch von dieser Person akzeptiert wird, setzt das möglicherweise Veränderungen in Gang.«
Dies weist darauf hin, dass nicht nur das Kindheitstrauma an sich Probleme wie Depressionen und Ängste verursacht, sondern auch das Verbergen des Traumas. Dass man niemandem davon erzählt, weil man sich schämt. Doch wenn man es wegschließt, nagt es im Unterbewusstsein weiter, und die Scham nimmt zu. Auch als Arzt kann Felitti (leider) keine Zeitmaschinen erfinden, um in die Vergangenheit zurückzukehren und den Missbrauch zu verhindern. Aber er kann seinen Patienten helfen, ihn nicht mehr zu verbergen und sich nicht mehr zu schämen.
Wie ich bereits gezeigt habe, gibt es eine Vielzahl von Belegen dafür, dass das Gefühl der Demütigung eine große Rolle bei Depressionen spielt. Ich fragte mich, ob das auch hier relevant sei, und Felitti meinte dazu: »Ich denke, wir haben hier eine effiziente Behandlung gegen das Gefühl der Demütigung und das negative Selbstbild gefunden.« Er sah darin eine säkulare Version der Beichte in der katholischen Kirche. »Ich sage das nicht als religiöser Mensch – das bin ich nämlich nicht –, aber die Beichte gibt es seit achtzehnhundert Jahren. Nachdem sie sich so lange halten konnte, erfüllt sie vielleicht ein elementares menschliches Bedürfnis.« Der Betroffene muss jemandem erzählen, was ihm widerfahren ist, wobei man sich aber sicher sein muss, dass dieser andere nicht auf einen herabblickt. Wenn die Verbindung zum Kindheitstrauma wiederhergestellt wird und man dem Betroffenen zeigt, dass ein Außenstehender dies nicht für beschämend hält, dann hat man schon einen wichtigen Schritt hin zu seiner Befreiung von den negativen Auswirkungen des Traumas bewältigt. »Bleibt die Frage, ob noch weitere Schritte folgen müssen. Und ich sage, ja, durchaus, aber es ist schon ein riesiger Schritt nach vorn.«
Kann das sein? Andere wissenschaftliche Studien zeigen, dass Scham tatsächlich krank macht. So starben beispielsweise während der Aids-Krise verkappte Homosexuelle im Durchschnitt zwei bis drei Jahre früher als diejenigen, die sich zu ihrer Homosexualität bekannten, obwohl beide Gruppen zum selben Zeitpunkt ihrer Erkrankung medizinische Hilfe erhielten. 5 Einen Teil des Selbst abzuschotten und es für anstößig zu halten vergiftet das Leben. Könnte hier dieselbe Dynamik wirksam sein?
Die an der Studie beteiligten Wissenschaftler betonen, dass noch weitere Untersuchungen nötig sind, um herauszufinden, wie man auf diesem ermutigenden ersten Schritt aufbauen kann. Ihre Arbeit betrachten sie lediglich als Anfang. »Gerade jetzt, denke ich, wären wissenschaftliche Studien erforderlich«, meinte Felittis Kollege Robert Anda. »Was Sie da angesprochen haben, erfordert ein völlig neues Denken und Studien über eine ganze Generation hinweg, um all das zusammenzuführen. Bis jetzt ist da noch nichts geschehen.«
***
Erst mit Mitte zwanzig, als ich einen hervorragenden Therapeuten gefunden hatte, sprach ich über die Gewalt und den Missbrauch, den ich als Kind erlebt hatte. Ich schilderte ihm meine Kindheit und erzählte ihm die Geschichte, die ich mir selbst mein Leben lang erzählt hatte: All das sei passiert, weil ich etwas falsch gemacht und es deshalb verdient hätte.
»Lassen Sie sich das einmal auf der Zunge zergehen«, erwiderte er. Anfangs wusste ich nicht, was er meinte. Aber dann erläuterte er es noch einmal. »Glauben Sie, dass ein Kind so behandelt werden sollte? Wie würden Sie reagieren, wenn Sie mitbekämen, wie ein Erwachsener das heute zu einem Zehnjährigen sagte?«
Da ich diese Erinnerungen weggeschlossen hatte, konnte ich das Narrativ, das ich damals entwickelt hatte, nie hinterfragen. Es schien mir ganz natürlich. Deshalb fand ich seine Frage irritierend.
Anfangs verteidigte ich die Erwachsenen, die sich so verhalten hatten. Und ich kämpfte gegen die Erinnerung meines Kindheits-Selbst. Erst allmählich, im Lauf der Zeit, wurde mir klar, was er meinte.
Und ich fühlte mich wirklich von der Scham befreit.