Fazit:
Heimkommen
Nachdem meine Recherchen abgeschlossen waren und ich den Großteil dieses Buches geschrieben hatte, wanderte ich eines Nachmittags ziellos durch die Straßen von London. Irgendwann merkte ich, dass ich es nicht weit zu dem Einkaufszentrum hatte, in dem ich als Teenager vor fast zwanzig Jahren meine ersten Antidepressiva aus der Apotheke geholt hatte. Ich ging hin, stand im Eingang und dachte an die Geschichte, an die ich an jenem Tag und noch lange Zeit danach geglaubt hatte. Mein Arzt hatte sie mir erzählt, und die Pharmariesen und Bestseller von damals beteuerten: Das Problem ist in deinem Kopf. Dort herrscht ein chemisches Ungleichgewicht. Deine kaputte Maschinerie muss repariert werden, das ist die Lösung.
Menschen gingen an mir vorbei, betraten das Einkaufszentrum oder kamen wieder heraus, und wenn man bedenkt, wie verbreitet Antidepressiva sind, schien es nur wahrscheinlich, dass einige von ihnen hier ihre Pillen abholten. Vielleicht war einer darunter, der heute zum ersten Mal eine Pille schlucken würde, und das ganze Drama würde von vorn beginnen.
Ich überlegte, was ich – nach allem, was ich inzwischen wusste – zu dem Teenager sagen würde, der ich damals war, wenn ich eine Zeitreise antreten und mit ihm sprechen könnte, bevor er an Ort und Stelle die erste Pille einnimmt.
Ich würde mir Mühe geben, diesem Teenager eine Geschichte über seine Verzweiflung zu erzählen, die ehrlicher wäre. Was sie dir bisher gesagt haben, ist falsch, würde ich ihm erklären. Das heißt nicht, dass alle Antidepressiva schlecht sind: Einige glaubwürdige Wissenschaftler haben festgestellt, dass sie einer kleineren Zahl von Patienten vorübergehend Linderung verschaffen, und das sollte man nicht leugnen. Falsch an der Geschichte ist aber die Behauptung, Depressionen würden durch ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn verursacht und die vorrangige Lösung für die meisten Betroffenen sei ein chemisches Antidepressivum. Diese Geschichte hat den Pharmariesen dreistellige Milliardenbeträge eingebracht, 1 und das ist ein maßgeblicher Grund dafür, warum sie sich so hartnäckig hält.
Die wahre Geschichte, würde ich erklären, ist den Wissenschaftlern seit Jahrzehnten bekannt. Depressionen und Ängste haben dreierlei Ursachen: biologische, psychische und soziale. Sie alle sind real, und keine dieser drei Ursachen kann mit einer so primitiven Vorstellung wie der des chemischen Ungleichgewichts erfasst werden. Die sozialen und psychischen Ursachen wurden lange Zeit außer Acht gelassen, obwohl die biologischen Ursachen ohne sie offenbar gar nicht in Erscheinung treten.
Dabei handelt es sich keineswegs um eine verschrobene Außenseitertheorie, würde ich dem jungen Menschen erklären. Sie wird auch von den führenden medizinischen Institutionen vertreten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO – die international maßgebliche Behörde für das Gesundheitswesen – brachte ihre Erkenntnisse im Jahr 2011 folgendermaßen auf den Punkt: »Psychische Gesundheit ist ein Produkt der Gesellschaft: Die Existenz beziehungsweise Abwesenheit von psychischer Gesundheit ist vor allem anderen ein sozialer Indikator und erfordert deshalb sowohl soziale als auch individuelle Lösungen.« 2
Die Vereinten Nationen stellten – in ihrer offiziellen Erklärung zum Weltgesundheitstag 2017 – fest: »Das herrschende biomedizinische Narrativ der Depression« basiere auf »einem einseitigen und selektiven Gebrauch von Forschungsergebnissen«, der »mehr Schaden als Nutzen anrichtet, das Recht auf Gesundheit unterminiert und beendet werden muss«. Wie es weiter heißt, existieren »zunehmende Beweise« dafür, dass es tiefere Ursachen für Depressionen gibt, und auch wenn Medikamente eine gewisse Rolle spielen, müssen wir aufhören, sie einzusetzen, »um Fragen zu beantworten, die in engem Zusammenhang mit sozialen Problemen stehen«. Wir müssen uns von der »Fokussierung« auf ein »chemisches Ungleichgewicht« lösen, um uns auf »ein Machtungleichgewicht« zu konzentrieren. 3
Ich würde also dem jungen Mann gern erklären, dass diese Erkenntnisse ganz erhebliche Folgerungen für sein Leiden haben.
Du bist keine Maschine mit kaputten Komponenten. Du bist ein Tier, dessen Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Du brauchst eine Gemeinschaft. Du brauchst sinnvolle Werte, nicht die Schrottwerte, mit denen du dein Leben lang vollgestopft wurdest und die dir versichert haben, Glück entstehe durch Geld und den Kauf von Sachen. Du brauchst sinnvolle Arbeit. Du brauchst die Natur. Du brauchst das Gefühl, dass du in der Welt respektiert wirst. Du brauchst eine sichere Zukunft. Du brauchst Bezug zu all diesen Dingen. Du musst die Schamgefühle loslassen, die entstehen können, wenn man missbraucht worden ist.
Jeder Mensch hat diese Bedürfnisse, und in unserer Kultur haben wir es geschafft, physische Bedürfnisse recht gut zu erfüllen – zum Beispiel muss fast niemand verhungern, was eine außerordentliche Errungenschaft ist. Aber es gelingt uns nur ganz schlecht, den psychischen Bedürfnissen gerecht zu werden. Das ist ein wesentlicher Grund, warum du – und so viele andere, die du kennst – unter Depressionen und Ängsten leiden.
Du leidest nicht an einem chemischen Ungleichgewicht in deinem Gehirn. Du leidest an der sozialen und spirituellen Unausgewogenheit unserer Lebensweise. Anders als man dir bisher versichert hat, liegt es nicht am Serotonin, es liegt an der Gesellschaft. Es stimmt schon, deine Biologie kann deine Verzweiflung verschlimmern. Aber sie ist nicht die Ursache. Sie ist nicht der Motor. In ihr findest du weder die zentrale Erklärung noch die maßgebliche Lösung.
Man hat dir die falsche Erklärung dafür geliefert, warum deine Depressionen und Ängste entstehen, deshalb suchst du nach der falschen Lösung. Man hat dir gesagt, Depressionen und Ängste seien Fehlzündungen im Gehirn, also hörst du auf, nach Antworten in deinem Leben und deiner Psyche und deiner Umwelt zu suchen und zu überlegen, wie du etwas ändern kannst. Du lebst abgeschottet in deiner Serotoninlegende. 4 Du versuchst, die depressiven Gefühle in deinem Kopf loszuwerden. Aber das funktioniert nicht, solange du die Ursachen der depressiven Gefühle in deinem Leben nicht beseitigst.
Nein, würde ich zu meinem jüngeren Selbst sagen, deine Verzweiflung ist keine Fehlfunktion. Sie ist ein Signal – ein notwendiges Signal.
Ich weiß, das klingt hart, würde ich ihm sagen, weil mir klar ist, wie tief deine Wunden sind. Aber dieser Schmerz ist nicht dein Feind, so weh es auch tut (mein Gott, ich weiß, wie weh es tut). Er ist dein Verbündeter – er führt dich weg von einem vertanen Leben und weist dir den Weg zu einem erfüllteren Dasein.
Dann würde ich ihm sagen: Du stehst jetzt an einem Scheideweg. Du kannst versuchen, das Signal zu dämpfen. Dann kommen viele vertane Jahre auf dich zu, in denen der Schmerz bleibt. Oder du kannst auf das Signal hören und dich von ihm leiten lassen – weg von den Dingen, die dir wehtun und dich kaputt machen, hin zu den Dingen, die deine wahren Bedürfnisse befriedigen.
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Warum hat mir das damals niemand gesagt? Ein Umsatz von vielen, vielen Milliarden Dollar ist schon einmal eine gute erste Erklärung. Aber das allein reicht nicht; wir können den Pharmariesen nicht die alleinige Schuld geben. Sie hatten nur deshalb Erfolg, weil sie, wie mir inzwischen klar geworden ist, einen tiefer gehenden Trend in unserer Kultur aufgegriffen haben.
Schon Jahrzehnte bevor diese neuen Antidepressiva entwickelt wurden, sind unsere Verbindungen gekappt worden – zueinander, zu allem, worauf es ankommt. Wir haben den Glauben daran verloren, dass es etwas Größeres und Bedeutungsvolleres gibt als das Individuum und die Ansammlung von immer mehr Dingen. Als ich ein Kind war, sagte Margaret Thatcher: »So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht, nur Einzelne und ihre Familien.« Und in der ganzen Welt hat sich ihre Ansicht durchgesetzt. Wir haben es geglaubt – sogar diejenigen unter uns, die diese Haltung von sich gewiesen zu haben glaubten. Das weiß ich heute, weil ich sehe, dass ich, seit meine Depressionen anfingen, dreizehn Jahre lang nicht einmal auf die Idee kam, über einen Zusammenhang zwischen meiner Verzweiflung und meiner Umwelt nachzudenken. Ich meinte, es sei nur meine Sache, eine Sache in meinem Kopf. Ich hatte meinen Schmerz vollkommen privatisiert – ebenso wie alle anderen, die ich kannte.
In einer Welt, in der alle glauben, so etwas wie eine Gesellschaft gebe es nicht, erscheint die Vorstellung, dass unsere Depressionen und Ängste soziale Ursachen haben, unfassbar. Das ist, als würde man mit einem Kind des 21. Jahrhunderts Altaramäisch sprechen. Die Pharmariesen boten eine Lösung an, die unsere isolierende, materialistische Kultur zu brauchen glaubte – eine Lösung, die man kaufen kann. Wir hatten die Fähigkeit eingebüßt, zu erkennen, dass es Probleme gibt, die durch Kaufen nicht zu beheben sind.
Aber es stellt sich heraus, dass wir nach wie vor in einer Gesellschaft leben. Die Sehnsucht nach Gemeinschaft hält sich hartnäckig.
Statt deine Depressionen und Ängste als Form von Verrücktheit zu betrachten – würde ich meinem jüngeren Selbst sagen –, solltest du das Gesunde an dieser Traurigkeit sehen. Du solltest begreifen, dass sie sinnvoll ist. Natürlich quält sie dich. Ich werde immer fürchten, dass dieser Schmerz wiederkehrt, jeden Tag meines Lebens. Aber das heißt nicht, dass der Schmerz verrückt oder irrational wäre. Wenn du auf eine heiße Herdplatte fasst, löst das auch einen heftigen Schmerz aus, und du ziehst die Hand schnellstens zurück. Das ist eine gesunde Reaktion. Wenn du die Hand auf der Herdplatte lässt, dann wird sie nach und nach verschmoren. 5
Depressionen und Ängste könnten gewissermaßen die gesündeste Reaktion sein, die du hast. 6 Sie sind ein Signal, das sagt: Du solltest so nicht leben müssen, und wenn dir niemand hilft, einen besseren Weg einzuschlagen, dann versäumst du mit das Beste, was das menschliche Dasein zu bieten hat.
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In mancher Hinsicht sollten gerade die Deutschen mehr als alle anderen Gruppen weltweit zu diesen Einsichten gelangen können. In der bisher umfangreichsten Erhebung zum Thema Depressionen, die das Bundesgesundheitsministerium durchgeführt hat, stellte sich heraus, dass die befragten Deutschen ein intuitives Gespür für die Entdeckungen haben, die ich auf meiner langen Reise gemacht habe. Bei einer repräsentativen Umfrage wurde achttausend Teilnehmern die Frage gestellt, welche Faktoren Depressionen auslösen. Am häufigsten genannt wurden Schicksalsschläge (95 Prozent), Belastungen am Arbeitsplatz (93,9 Prozent) und Probleme mit Mitmenschen (82,1 Prozent). Das kommt recht nah heran an die wissenschaftlichen Ergebnisse der besten Experten auf diesem Gebiet, auf die ich gestoßen bin.
Trotz dieser Einsichten bietet man den Deutschen in den allermeisten Fällen nur Medikamente an sowie – nach einer durchschnittlichen Wartezeit von mehr als sechs Monaten – ein wenig Psychotherapie. Beide Optionen haben einen gewissen Wert. Aber sie beschäftigen sich nicht mit den zugrunde liegenden Ursachen, warum in Deutschland die zweitgrößte Depressionskrise innerhalb der OECD-Staaten ausgebrochen ist.
Tom Bschor erklärte mir: »Ich würde sagen, dass in der Alltagspraxis etwas schiefläuft. Es gibt viel zu viele Patienten, die nicht viel mehr bekommen als Antidepressiva. Sie gehen zum Arzt, sprechen fünf Minuten mit ihm, und dann heißt es: ›Hier haben Sie ein Rezept, bitte kommen Sie in ein, zwei Monaten wieder.‹ Das ist die Realität für viele Patienten, und das ist grundverkehrt. Es fehlt ein echtes Verständnis für den Menschen. Es fehlt eine echte Diagnose. Ist das wirklich eine Depression, oder ist das Angst oder einfach Trauer, oder ist es etwas anderes? Und alles, was man neben der Verabreichung von Antidepressiva tun müsste, wird vernachlässigt. Also, das sehe ich bei vielen unserer Patienten, die ins Krankenhaus kommen. Wir sprechen mit ihnen [und fragen], was ist bisher passiert, und dann sagen sie: ›Ja, mein Arzt hat mir fünf verschiedene Antidepressiva gegeben, und keines hat geholfen, aber er hat mir keine anderen Vorschläge gemacht.‹«
Wie Tom Bschor sagte, wird in Deutschland »keine große Debatte über die sozialen Gründe für Depression geführt«. Ich fragte ihn, warum. »Gute Frage«, antwortete er. »Vielleicht haben die Leute das Gefühl, die Antwort oder die Konsequenz könnte sein, dass wir unsere Gesellschaft oder unsere Arbeitswelt ändern müssen. Das würde zu einer Riesendebatte führen.«
Stattdessen gibt es also nur Pillen und Schweigen. Wenn wir aber in zunehmende Einsamkeit abrutschen und uns mit einer Gesellschaft abfinden, in der wir lernen, im Leben gehe es darum, Schrott zu kaufen und einander über einen Bildschirm anzuschreien, dann wird sich die deutsche Depressionskrise verschärfen. Wenn wir nicht über die tieferen Ursachen sprechen, werden wir diese Krise nicht einmal ansatzweise bewältigen.
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An jenem Nachmittag in London kamen mir viele Menschen in den Sinn, denen ich auf dieser Reise begegnet war – ganz besonders dachte ich aber an Joanne Cacciatore, die ihre neugeborene Tochter verloren hatte und von einer tiefen Trauer überwältigt wurde, einer Trauer, die ganz natürlich und richtig ist, wenn einem jemand genommen wird, den man unendlich liebt. Aber sie musste mit ansehen, wie Trauernden – ganz offiziell durch den Psychiater – mitgeteilt wurde, wenn ihre tiefe Verzweiflung nach einem kurzen Zeitfenster noch anhalte, dann seien sie geisteskrank und müssten Medikamente einnehmen.
Joanne erklärte mir, dass Trauer notwendig ist. Wir trauern, weil wir lieben. Wir trauern, weil uns der Mensch, den wir verloren haben, etwas bedeutet hat. Die Aussage, diese Trauer sollte nach einem akkuraten Zeitplan aufhören, ist eine Beleidigung für die Liebe, die wir empfinden.
Tiefe Trauer und Depression, erklärte sie mir, haben identische Symptome, und zwar aus gutem Grund. Depression ist an sich eine Form der Trauer – Trauer um das Gefühl des Verbundenseins, das wir brauchen, aber nicht haben.
So wie es eine Beleidigung für Joanne war, als man ihre anhaltende Trauer um ihre Tochter als psychische Funktionsstörung bezeichnete, so war es für den Teenager, der ich war, eine Beleidigung zu behaupten, sein Schmerz sei nur das Ergebnis einer gestörten Hirnchemie. Es war eine Beleidigung angesichts dessen, was er durchgemacht hatte und was er brauchte.
Auf der ganzen Welt wird heute der Schmerz der Menschen beleidigt. Wir sollten damit anfangen, diese Beleidigung von uns zu weisen – und zu fordern, dass man sich mit den echten Problemen befasst, die gelöst werden müssen.
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In den vergangenen Jahren habe ich mich nicht nur mit all diesen Erkenntnissen beschäftigt, sondern auch versucht, sie in meinem Leben umzusetzen. Einige der psychologischen Werkzeuge, die ich in diesem Buch bespreche, wende ich nun in der Praxis an: Ich verschwende weniger Zeit damit, mein Ego aufzublähen, hinter materiellen Dingen herzujagen, einen höheren Status zu erreichen – das alles waren, wie ich jetzt sehe, Drogen, die dafür gesorgt haben, dass es mir am Ende schlechter ging. Hingegen wende ich weit mehr Zeit für Vorhaben auf, die meine intrinsischen Werte wieder hervorholen. Ich nutze Techniken wie Meditation, um ruhiger zu werden. Ich habe mein Trauma losgelassen.
Außerdem greife ich inzwischen auf einige der erwähnten Techniken zurück, die meine Umwelt betreffen. Ich versuche, eine stärkere Bindung an Kollektive aufzubauen – mit Freunden, mit meiner Familie, mit Anliegen, die wichtiger sind als ich. Ich habe meine Umwelt so verändert, dass ich nicht mehr mit Triggern umgeben bin, die deprimierende Gedanken auslösen – meine Nutzung der sozialen Medien habe ich radikal zurückgeschraubt und TV-Sendungen mit Werbung sehe ich mir gar nicht mehr an. Stattdessen verbringe ich mehr Zeit mit Menschen, die ich mag, und unterstütze Projekte, die wichtig sind. Ich fühle mich sowohl anderen Menschen als auch sinnvollen Werten tiefer verbunden als je zuvor.
Mit diesen Veränderungen in meinem Leben sind meine Depressionen und Ängste massiv zurückgegangen. Die Entwicklung verläuft nicht geradlinig. Schlechte Tage habe ich immer noch – wegen persönlicher Probleme und weil ich immer noch in einer Kultur lebe, in der all die Kräfte, über die wir gesprochen haben, blindwütig um sich greifen. Aber ich habe nicht mehr das Gefühl, dass mich der Schmerz unkontrolliert überschwemmt.
Aber ich hüte mich davor, ans Ende dieses Buches den allzu schlichten Aufruf zu setzen: »Ich habe es geschafft, Sie können es auch.« Denn das wäre nicht ehrlich. Ich konnte mein Leben ändern, weil ich Glück hatte. Mein Beruf lässt es zu, dass ich heute anders lebe; ich hatte eine Menge Zeit; mit dem Geld, das mein vorheriges Buch eingebracht hatte, konnte ich mir einen Freiraum schaffen; ich habe keine Kinder oder Angehörige, die auf mich angewiesen sind. Für viele Menschen mit Depressionen und Ängsten, die dies lesen, ist der Rahmen – wegen der Kultur, in der wir leben – sehr viel enger gesteckt als bei mir.
Deshalb bin ich überzeugt, dass wir nicht behaupten dürfen, Depressionen und Ängste könnten allein durch individuelle Schritte geheilt werden. Würde man den Menschen erklären, die Lösung liege allein oder primär darin, am eigenen Leben herumzuschrauben, würde man vieles verleugnen, was ich auf dieser Reise erfahren habe. Sobald man begriffen hat, dass Depressionen zu einem erheblichen Anteil ein kollektives Problem darstellen, etwas, das in unserer Kultur schiefläuft, liegt es auf der Hand, dass auch die Lösungen – zu einem erheblichen Anteil – kollektiv sein müssen. Wir müssen die Kultur verändern, damit mehr Menschen die Freiheit erhalten, ihr Leben zu ändern.
Bisher haben wir es allein den Betroffenen aufgebürdet, einen Ausweg aus ihren Depressionen und Ängsten zu finden. Wir belehren oder bedrängen sie, erklären ihnen, sie müssten sich mehr anstrengen (oder die Pillen schlucken). Wenn aber das Problem nicht bei ihnen allein liegt, kann es auch nicht von ihnen allein gelöst werden. Als Gruppe müssen wir gemeinsam unsere Kultur ändern – um die Ursachen von Depressionen und Ängsten zu beseitigen, die so viel Unglück bringen.
Das ist der Hauptpunkt, den ich meinem jüngeren Ich erklären möchte. Du wirst dieses Problem nicht allein lösen können. Es ist kein Defekt in dir. Um dich herum herrscht überall ein Hunger nach Veränderung, er lauert direkt unter der Oberfläche. Schau dir die Leute an, die dir in der U-Bahn gegenübersitzen, während du das hier liest. Viele von ihnen leiden an Depressionen und Ängsten. Noch viele weitere sind ohne Not unglücklich und fühlen sich in der Welt, die wir geschaffen haben, verloren. Wenn du am Boden bist und in der Isolation verharrst, wirst du wahrscheinlich depressiv und ängstlich bleiben. Wenn du dich aber mit anderen zusammentust, dann kannst du deine Umwelt verändern.
Am Kotti, dem Wohnprojekt in Berlin, wo ich so viel Zeit verbracht habe, begann die Veränderung mit der nüchternen Forderung, die Mieten einzufrieren, aber in diesem Kampf erkannten die Menschen, welche Formen der Verbundenheit ihnen so lange gefehlt hatten. Ich dachte viel über das nach, was mir eine der Frauen am Kotti gesagt hatte. Sie war in einem Dorf in der Türkei aufgewachsen und hatte das ganze Dorf als ihr Zuhause angesehen. Als sie aber nach Europa kam, merkte sie, dass man hier nur die eigene Wohnung als Zuhause ansieht, und da fühlte sie sich allein. Als aber der Protest begann, fing sie an, die ganze Siedlung und deren Bewohner als ihr Zuhause zu betrachten. Ihr wurde klar, dass sie sich über dreißig Jahre lang heimatlos gefühlt hatte, und jetzt hatte sie wieder ein Zuhause.
Viele von uns in der westlichen Welt sind heimatlos. Es brauchte nur einen kleinen Anstoß – einen Moment des Verbundenseins –, der die Leute am Kotti begreifen und einen Ausweg finden ließ. Aber es brauchte jemanden, der den ersten Schritt tat.
Das möchte ich dem Teenager sagen, der ich einmal war. Du musst dich jetzt all den anderen verletzten Menschen in deiner Umgebung zuwenden, einen Weg suchen, mit ihnen Kontakt aufzunehmen und gemeinsam mit ihnen ein Zuhause zu schaffen – einen Ort, wo wir gegenseitiges Verbundensein aufbauen und gemeinsam Sinn in unserem Leben finden. 7 Wir sind schon viel zu lange ohne Sippe und abgeschnitten.
Es ist Zeit, dass wir alle heimkommen.
***
In diesem Augenblick begriff ich zum ersten Mal, warum ich – während dieser ganzen Reise – immer wieder an jenen Tag in Vietnam denken musste, an dem mir so grauenhaft übel war. Als ich nach Medikamenten schrie, die meine schlimmsten Symptome unterdrücken würden – den extremen Schwindel, verbunden mit Übelkeit –, und mein Begleiter mir den Rat des Arztes übersetzte: »Du brauchst deine Übelkeit. Sie ist eine Botschaft, und wir müssen auf die Botschaft hören. Sie wird uns sagen, was dir fehlt.« Wenn ich dieses Symptom ignoriert oder zum Schweigen gebracht hätte, dann hätten meine Nieren versagt und ich wäre gestorben.
Du brauchst deine Übelkeit. Du brauchst deinen Schmerz. Das ist eine Botschaft, und wir müssen auf diese Botschaft hören. All die depressiven und ängstlichen Menschen auf der ganzen Welt – sie senden uns eine Botschaft. Sie sagen uns, dass etwas schiefläuft mit unserer Lebensweise. Wir müssen aufhören, diesen Schmerz zu dämpfen, zu unterdrücken oder zu pathologisieren. Stattdessen müssen wir ihm lauschen und ihn würdigen. Erst wenn wir uns unserem Schmerz stellen, können wir ihn zu seinem Ursprung zurückverfolgen – und nur dort, an dem Ort, wo seine wahren Ursachen zu finden sind, können wir beginnen, ihn zu überwinden.