Kapitel acht

Das Gold

Der Luchs und ich verließen die Lichtung Richtung Norden. Ich erhaschte noch einen Blick auf den Nordstern, bevor ich wieder zwischen die Bäume trat. Längst war kein Pfad mehr zu sehen, der Schnee unter unseren Füßen blass wie ein Grubengeist. Ich musste mich nun ganz auf den Luchs verlassen, meinen Führer. Die Kreatur aus den Legenden, die neben mir durch den Wald wandelte, während mein Körper immer kälter wurde, von Kopf bis Fuß, so eisig kalt.

Jahrelang hatte ich nicht mehr an Grubengeister gedacht, an Eschenfrauen, an Mühlenkobolde und den Nöck. Jahrelang hatte ich nicht mehr an die Bäume gedacht, nur noch an das Eis, an Unik und Kay, an meine Raben, das Leben in der Burg oder der Stadt. Ich hatte nicht nachgedacht über das Holz, das ich tagtäglich verwendete, auch wenn ich nicht selbst Beil an die Baumstämme anlegte. Woraus war mein Bett gezimmert, woraus die Waschzuber, woraus die Weinkisten, die uns aus Frankreich erreichten? Jemand anderes hatte diese Bäume geschlagen, Bäume, die Kinder der Eschenfrau waren, sodass ich ein gutes Leben führen, in einem schönen Bett schlafen, saubere Kleidung tragen, schweren Rotwein trinken konnte aus Bordeaux.

Menschen verschwinden so schnell in ihrem alltäglichen Leben, oder? Man geht darin unter wie in einer Sturmflut. Es lähmt sie wie Eiswasser, obwohl sie doch den ganzen Tag hin und her eilen, von hierhin nach dorthin, getrieben davon, den Stillstand aufrechtzuerhalten.

Nicht sehen zu müssen, was um sie herum geschieht.

Nicht darüber nachdenken zu müssen.

So ging es mir zumindest. Als ich damals die Lichtung verließ, dachte ich an Bäume, aber ich dachte auch an Kay und Ida und all das, was ich im geschäftigen Alltag vielleicht übersehen hatte. Wie begierig er darauf gewesen war, mit ihr in die Stadt zu gehen. Ihr über das Eis zu folgen, trotz der Lebensgefahr, in die er sich und mich damit gebracht hatte. Die Sorge eines Frauenarztes um eine schwangere Frau, hatte ich mir eingeredet. Die Sorge meines Mannes um meine geliebte Schwester.

Geliebt von wem? , schoss es mir durch den Kopf.

Aber das war absurd. Völlig absurd.

Während ich dem Pfad folgte, beobachtete ich den Luchs, der mich begleitete, aus den Augenwinkeln.

Der Luchs aus dem Lied. Naturgeister aus den Märchen.

Sie alle waren zum Leben erwacht vor meinen Augen. So auch Ängste, die ich unterdrückt und vergessen geglaubt hatte. Liebte mein Mann mich noch? Oder waren wir nur noch Eltern, ich die Mutter seines Kindes?

Würde er mich verlassen, sobald nur jemand anderes daherkam, jemand Jüngeres, Vollbusigeres?

Wie wenig Vertrauen ich in meinen Mann damals hatte. Wie wenig Vertrauen in mich.

Ich zog die Handschuhe wieder an und stellte sicher, dass alle Knöpfe an meinem Mantel geschlossen waren. Immer noch war mir eisig kalt.

Einen Augenblick lang hatte ich das Gefühl, die Kälte würde von innen kommen, nicht von außen. Als hätten sich kleine Eissplitter in meinen Adern festgesetzt, sich hineingefressen, als wäre mein Blut blau und kühl geworden, so kühl wie schmelzendes Eis.

Ich blieb stehen und stampfte ein paar Mal mit den Füßen auf. Erst als ein leichter Schmerz durch meine Oberschenkel schoss, fielen mir die Wunden wieder ein, die mir die Eschenfrau zugefügt hatte.

Im schwachen Licht der Laterne versuchte ich sie notdürftig zu inspizieren und zu versorgen. Ich wusste, welche Lebensgefahr von einer ungereinigten Wunde ausging.

Als ich sie aber berührte und abtastete, schien es mir, als wäre das Blut schon versiegt. Als wären sie nur oberflächliche Kratzer gewesen.

Aber hatte die Eschenfrau denn nicht ihre Klauen tief in meine Haut hineingebohrt?

Hatte ich es nicht gespürt?

Wie war das möglich?

Ich reinigte die Wunden, obwohl sie sich nunmehr wie Kratzer anfühlten, und ging weiter. In dem Versuch, sowohl die Kälte als auch die ängstigenden Gedanken abzuschütteln, begann ich zu singen, während ich immer wieder die Hände zusammenklopfte. Es war entscheidend, in Bewegung zu bleiben gegen die Kälte. Tanzen und singen und laufen.

Zuerst sang ich das Lied der Schneekönigin, wie Agnes es mir empfohlen hatte, aber es klang dumpf unter den langen Armen und dichten Nadeln der Bäume.

Der Luchs gab ein leises Geräusch von sich.

»Du müsstest das Lied doch mögen, oder?«, fragte ich ihn. »Das Lied der Schneekönigin, deiner Herrin, wenn die alten Legenden stimmen.«

Der Luchs sah mich an, antwortete aber nicht.

»Wie soll ich dich nennen?«, fragte ich. »Wenn du mein Führer sein sollst, wie die Eschenfrau meinte, brauchst du einen Namen. Was, wenn ich dich im Wald verliere und nach dir rufen muss?«

Der Luchs legte den Kopf schief und sah mich an. Lag etwas Ratloses in seinen Augen? Dann fuhr er mit der Vorderpfote durch den Schnee. Meine Laterne leuchtete nur noch schwach. Trotzdem konnte ich erkennen, dass er Buchstaben in den Schnee schrieb.

Grim

»Du bist ein Grim?«, fragte ich. »Aber ein Grim beschützt Kirchen und Friedhöfe.«

Wieder sah der Luchs mich an. Mit der Pfote malte er einen Strich unter die Buchstaben.

»Na gut«, sagte ich. »Dann nenne ich dich Grim, mein Junge.«

Der Luchs schien zufrieden zu nicken, dann drehte er sich um und lief weiter.

Ich folgte ihm im schwachen Licht der Laterne, aber mir war nicht ganz wohl dabei. Grims kannte ich als Hunde, die man bei lebendigem Leib auf einem neuen Friedhof begrub, damit ihr Geist die Gräber bewachen würde, eine Tradition, die wir im Norden nicht guthießen. Außerdem waren es Geister, keine Tiere aus Fleisch und Blut.

Der Luchs stieß einen Laut aus. Ich hob die Lampe und hielt überrascht inne. Vor uns ragte ein schlanker Wegweiser auf. Er war nicht aus Holz oder aus Stein gefertigt, sondern schien ganz aus Eis zu bestehen.

Ein Arm deutete nach rechts, der andere nach links. Gekrönt war er von einer eisigen Rose, deren dorniger Stamm sich in den Boden grub.

»Wohin jetzt, mein lieber Grim?«

Der Grim schaute mich einen Moment lang an. Dann wandte er sich nach rechts. Ich schulterte mein Bündel und folgte dem Weg einige Hundert Schritte, bis ich vor mir schon den nächsten eisigen Wegweiser erspähte. Er schien in der Dunkelheit zu leuchten, als wohnte ihm ein eigenes Licht inne.

»Er reflektiert das Licht von Mond und Sternen, Grim«, sagte ich zu dem Luchs. »Deshalb wirkt es so. Und das zum Glück, denn diese Laterne ist wirklich voll und ganz nutzlos.«

Ich tippte mit dem Finger einmal gegen das Glas. »Wieso will die Schneekönigin bloß, dass man im Dunkeln den Berg hinaufsteigt?«

Als ich den nächsten Wegweiser erreichte, führte der Luchs mich aufs Neue. Keiner der Wege führte steil nach rechts oder nach links. Stattdessen spaltete sich der Pfad erst einmal nur auf, und beide schienen zunächst den Berg hinaufzuweisen, der eine eben ein wenig weiter nach Westen, der andere nach Osten.

Dreimal wählten wir den westlichen Pfad, dreimal den östlichen. An jeder Gabelung fand ich einen weiteren Wegweiser aus ewigem Eis, dessen Arme in zwei Richtungen wiesen, gekrönt mit einer glitzernden Rose mit dornigem Stamm, der von innen heraus zu leuchten schien.

Immer höher kletterte ich, und der Wald wurde lichter. Es schien mir auch wärmer zu werden, obwohl die Temperatur eigentlich hätte sinken müssen, gerade nun, da die Bäume uns kaum mehr schützten.

Als ich die siebte Weggabelung erreichte, erlosch meine Laterne.

Im letzten Zucken des Lichts streckte ich den Arm aus und schlang ihn um die Rose, um den Wegweiser nicht aus den Augen zu verlieren, der ein blasses Licht ausstrahlte.

Sie fühlte sich nicht kalt an.

Stumm stand ich in der Dunkelheit, stumm wie der Luchs, der keinen Schritt von meiner Seite gewichen war. Vor mir glitzerte der Wegweiser. Der Schnee zu unseren Füßen reflektierte sein Licht, sodass ich wenigstens die Hand vor Augen erkennen konnte.

Warum fühlte sich die Rose nicht kalt an?

Ich zog die Handschuhe aus und legte einen Finger auf den Stängel.

Keine brennende Kälte. Stattdessen ein beinahe wohliges Gefühl.

Meine Finger zuckten. Mich durchfuhr das Verlangen, die Rose in beiden Händen zu halten.

Ich legte die Stirn in Falten und beugte mich näher zu meinen Händen.

Waren meine Nägel blau? Meine Haut blass?

Ich bewegte all meine Finger, jedes Gelenk. Es tat nicht weh, und ich spürte keinen Widerstand. Allem Anschein nach ging es meinen Händen gut. Ich ließ sie sinken. Trotz der entblößten Haut wurde mir nicht kalt.

Etwas Weiches strich meine Hand entlang. Ich sah hinab zum Luchs, der meinen Blick erwiderte, vielleicht erwartungsvoll, den Kopf an meine Hand gepresst.

»Was passiert hier, Grim?«, flüsterte ich.

Grim betrachtete mich nur in Ruhe. Sein Fell reflektierte das Mondlicht, genau wie der Schnee, der hier auf dem Boden lag. Sobald der Luchs außer Sicht wäre, würde ich kaum noch etwas sehen können.

»Wer bist du, schweigsamer Gefährte?«, fragte ich ihn wieder. »Und wie soll ich dir im Dunkeln folgen?«

Er rieb den Kopf an meinem Bein. Einen Moment lang schloss ich die Augen und genoss das Gefühl, nicht allein zu sein in diesem magischen Wald.

Grims warme Zunge berührte meine nackte Hand. »Wir können nicht weiter«, sagte ich. »Nicht, wenn ich dich nicht sehen kann, ob mit offenen oder geschlossenen Augen!«

Grim gab einen Laut von sich.

Und da zuckte vor meinen geschlossenen Augenlidern etwas auf.

Etwas Goldenes, Flackerndes. Es schien blendend, blendend hell.

Feuer.

Das musste ein Feuer sein.

Ich öffnete die Lider, schirmte die Augen mit der Hand ab, um durch die Bäume zu spähen.

Da zuckte ein goldenes Feuer durch den Wald. Zwischen den Baumstämmen hindurch, die nun nicht mehr so dicht standen, konnte ich es erkennen. Es sah aus wie eine brennende Kerze. Oder das Licht einer kleinen Laterne.

»Ein Licht, Grimm!«, flüsterte ich. »Das ist unsere größte Hoffnung!«

Grim knurrte, aber ich beachtete ihn nicht weiter. Mit flinken Fingern band ich die Schneeschuhe um meine Stiefel, dann streifte ich die Handschuhe wieder über. So hell der Mond gerade auch schien, mir wäre viel wohler gewesen, wenn ich wieder eine Laterne in der Hand gehalten hätte. Wer auch immer sie trug, wäre vielleicht zu einem Tausch bereit.

Je näher ich dem Licht kam, desto deutlicher erkannte ich, dass es sich wahrhaftig um eine kleine Laterne handelte. Nur dass dieses Licht in der Luft zu schweben schien.

Ich erinnerte mich an die Feuermännchen, von denen mein Vater uns vorgelesen hatte, Irrwische, wie meine Großmutter sie genannt hatte. Manche sollten übellaunig sein und Menschen in die Irre führen, wenn diese auf dem Heimweg waren. Andere aber waren hilfsbereit, besonders, wenn man auch etwas für sie tat …

Der Luchs knurrte immer noch. Er schien Irrwische nicht zu mögen. Ich aber ging unbeirrt auf die Laterne zu. Ohne ein Licht war ich verloren.

»Halten Sie ein, lieber Irrwisch!«, rief ich.

Die Laterne zuckte noch einmal. Dann hielt sie inne.

Ruhig schwebte sie in der Luft, ruhig und verlockend, ein kleines, warmes goldenes Licht zwischen den schmalen Baumstämmen.

»Lieber Irrwisch«, sagte ich, als ich die Laterne erreicht hatte, die den Schnee golden erstrahlen ließ. »Ich bin nicht auf der Suche nach meinem Heimweg, sondern muss zum Palast der Schneekönigin. Mein Sohn ist krank und braucht ihre Hilfe. Würden Sie mir den Weg leuchten?«

Die Laterne neigte sich hierhin und dorthin. Geisterhaft schwebte sie in der Luft.

Einen Moment lang glaubte ich, den Irrwisch zu erkennen, der sie hielt, das kleine Wesen mit den blitzenden goldenen Schuhschnallen, den glänzenden Manschettenknöpfen, der Feder im grünen Filzhut.

Dann war da wieder nur die Nacht, nur die Luft, nur die Leere.

Und mit einem Mal ging die Laterne aus.

Ich stieß einen Fluch aus, während ich in meiner Tasche herumwühlte. Diese vermaledeiten Handschuhe! Da musste doch noch etwas übrig sein …

»Warten Sie, lieber Herr Irrwisch!«, rief ich. »Ich kann Sie gut entlohnen.«

Endlich fand ich, was ich suchte. Ich zückte eine große goldene Münze.

Gold, das musste diesem Männchen mit seinen goldenen Schnallen und Knöpfen doch gefallen.

Ich hielt sie hoch in die Luft. »Hieraus können Sie sich neue Knöpfe machen oder einen schönen Reif.«

Es blieb dunkel.

Neben mir stieß Grim einen Laut aus, der verdächtig nach einem Schnauben klang.

Ich hielt die Münze weiterhin hoch in die Luft gereckt. »Ich brauche Ihr Licht, und Sie mögen doch sicher mein Gold, oder? Ist das nicht ein schöner Lohn dafür, dass Sie mir ein Stück den Weg zum Palast der Schneekönigin weisen?«

Meine Worte verhallten. Immer noch standen wir einfach nur da, der Luchs und ich, allein im Mondlicht. Grim sah mich an, ganz so, als wollte er fragen: Was nun?

Aber ich war nicht erst gestern geboren und hatte einen Sohn erzogen, der drei Jahre alt war.

»Das ist aber schade«, rief ich. »Wenn Sie das Angebot nicht annehmen wollen, dann behalte ich meine schöne Münze wohl für mich.«

Langsam, ganz langsam und genüsslich senkte ich die Münze. »Ich stecke sie einfach wieder in meine Tasche, sodass Sie sie niemals bekommen werden.«

Da!

Das goldene Licht.

Plötzlich ging die Laterne wieder an. Direkt vor mir schwebte etwas in der Luft. Ein Glänzen, die goldenen Knöpfe, die Schnallen. Wieder erhaschte ich einen Blick auf die Feder im Filzhut und auf ein paar große grüne Augen.

Der Irrwisch betrachtete mich prüfend.

Oder gar nicht mich.

Sondern das Gold.

Die Laterne zuckte hinüber zu meiner Hand, aber blitzschnell schloss ich die Faust um die Münze. »Wenn Sie mich geführt haben, lieber Herr Irrwisch, ist das Gold Ihres.«

Er schien mich anzusehen. Ein kleines, leises Seufzen fuhr durch die Luft.

Dann lupfte er seinen Hut.

Ich machte, völlig überrascht, einen Knicks. Und lächelte.

Auch der Irrwisch lächelte. Im nächsten Augenblick huschte die Laterne davon.

Im Zickzack hüpfte der Irrwisch durch die Bäume. Ein paar Schritte eilte er mir voraus, dann blieb er in der Luft hängen. Erwartungsvoll, wie mir schien.

»Schau, manche Leute sind doch noch ganz vernünftig«, sagte ich zu Grim. »Komm, schweigsamer Begleiter. Noch schöner wäre es übrigens, wenn du mir antworten könntest, aber man kann wohl nicht alles haben.«

Ich band meine eigene Laterne an mein Bündel, dann lief ich los. Der Luchs folgte mir, schien aber zögerlich.

»Ich weiß, dass sie einen manches Mal in die Irre führen«, flüsterte ich ihm zu. »Aber der hier, der will mein Gold. Vertrau mir. Der trägt wirklich schöne Schnallen, und seine Knöpfe sind so sehr poliert, dass sie strahlen wie Sterne. Der legt Wert auf das richtige Material.«

Außerdem war es sehr angenehm, eine Zeit lang die Laterne nicht tragen zu müssen.

Also folgte ich dem Lichtschein, der den Weg vor meinen Füßen erhellte, und gab besser Acht, wohin ich trat. Im goldenen Licht der Laterne blitzte sogar das eine oder andere Mal eine dunkle Eisplatte auf und warnte mich so vor besonders gefährlichen Stellen unter meinen Füßen. Es schien ein besonderes Licht zu sein, das der Irrwisch trug und mit dem er mir den Weg wies.

Während ich dem Irrwisch folgte, blickte ich immer wieder hinauf zum Himmel, auf der Suche nach dem Nordstern. Ab und zu glaubte ich, durch die Wipfel den Großen Wagen zu erspähen. Wenn ich die hintere Achse fünfmal verlängerte, sollte dort der Nordstern sein …

Aber immer, wenn ich versuchte, den Blick lang genug auf den Himmel zu lenken, schien der Irrwisch seinen Flug zu beschleunigen, sodass mir nichts anderes übrigblieb, als wieder beide Augen auf den Pfad zu richten, um dem Eis zu entwischen.

Trotzdem konnte ich das Gefühl nicht abschütteln, dass wir längst nicht mehr nach Norden gingen.

Nun liefen wir eine Hügelkuppe hinauf, und es war unmöglich zu erkennen, was in der Mulde dahinter liegen würde.

Wieder knurrte der Luchs an meiner Seite. Auch ich verlangsamte meine Schritte, als wir den Hügel erklommen.

Die Laterne des Irrwischs hüpfte voran, den Hügel hinauf. Sobald es die Kuppe erreicht hatte, sah ich im goldenen Licht, dass sich der dicke Ast einer Esche über den Pfad rankte.

Daran hing eine Reihe schlanker, spitzer Eiszapfen, die grünlich golden schimmerten. Das beseitigte mein Zögern. »Komm. Da ist der zweite Eissplitter!«

Der der werdenden Mutter , schoss es mir durch den Kopf. Völlig unmöglich war es, mir vorzustellen, dass hier eine schwangere Frau lebte, so weitab von den Dörfern, der Burg.

Der Irrwisch wartete, bis ich die Kuppe erreicht hatte. Dann hüpfte er die andere Seite hinab: Auf allen Seiten von Hügeln umgeben, befand sich dort eine kreisrunde Mulde.

Sie war größer, als ich zunächst erwartet hatte. Sie erinnerte mich an Kampfarenen aus dem antiken Griechenland, wie ich sie aus Büchern kannte. In der Mitte der Mulde stand ein breiter Baumstumpf, der – seltsamerweise frei von Schnee – einst zu einer mächtigen Esche gehört haben musste, weitaus größer als jener Baum, den ich zuvor gesehen hatte.

Der Irrwisch hielt über dem Baumstumpf inne. Nur wenige Handbreit über dem Holz schwebend, wandte er sich mir zu, so glaubte ich, und schüttelte seine Laterne. Dabei tippte er mit der freien Hand auf die goldenen Schnallen an seinen Schuhen und deutete sodann auf den Baumstumpf.

Umsichtig folgte ich dem Licht der Laterne hinunter in die Mulde. Als ich ihren Boden erreicht hatte, hörte ich ein leises Klingeln, als läuteten viele kleine goldene Glocken. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass der Irrwisch seine Laterne gegen die Knöpfe und Schnallen seiner Kleider schlug.

»Sie wollen Ihr Gold, lieber Herr Irrwisch«, sagte ich. »Das habe ich schon verstanden. Ich frage mich nur, worin die zweite Prüfung besteht.«

Aber der Irrwisch schüttelte seine Laterne nur noch heftiger. Was wie goldene Glöckchen geklungen hatte, erinnerte nun eher an Krach: eine Besteckschublade, die auf den Boden fiel, ein Teller, der an der Wand zerschellte, eine unbezahlbare Porzellankanne, die laut klirrend auf dem Steinboden zerbrach.

»Schon gut«, beschwichtigte ich das Feuermännchen. Der Boden war uneben, überall ragten Wurzeln durch den Schnee. So konnte ich nicht einmal den Baumstumpf erreichen. Eilig zog ich die Handschuhe aus, tauschte Schneeschuhe gegen Stiefel, dann ging ich auf den Irrwisch zu und steckte die Hand in die Tasche. Die Handschuhe band ich an mein Bündel.

Sobald ich die goldene Münze gefunden hatte, legte ich sie auf den Baumstamm.

Der Irrwisch führte einen kleinen Tanz auf vor Freude. Sein Licht flackerte golden und groß in der Mulde. Es wurde heller und heller, während er sich freute, so hell, dass es weit über die Kuppen der Hügel hinausschien, weit in den Wald hinein.

Lachend schüttelte ich den Kopf und wandte mich nach links. Jetzt musste ich noch nur herausfinden, worum es sich bei der zweiten Prüfung handelte. Sollte ich noch einen Eiskristall schlucken?

»Komm, schweigsamer Gefährte!«, rief ich Grim zu und schaute auf den Boden.

Aber der Luchs war nicht mehr an meiner Seite.

Während der Irrwisch noch tanzte, kicherte und keckerte, blickte ich mich verwirrt um, bis ich das Tier erspähte. Grim stand noch immer auf der Hügelkuppe, über die ich geklettert war, um in die Mulde zu gelangen.

Die Laterne des Irrwischs war nun so hell, dass ich den Luchs klar erkennen konnte.

Er fletsche die Zähne, die scharfen, spitzen Zähne.

Alle seine Krallen waren ausgefahren.

Das Fell stand ihm zu Berge, als er dort unter den Eiszapfen stand, die grün-golden leuchteten.

Er sah nicht mich an und nicht den Irrwisch, sondern auf die gegenüberliegende Hügelkuppe.

Ich wirbelte herum. Der Irrwisch achtete nicht auf mich. Er achtete auf niemanden, erfreute sich nur an seinem Gold, scheppernd lachend.

Doch ich sah den riesigen Schatten, der sich über die Hügelkuppe erhob. Die dunkle Gestalt, die in die Mulde hinabblickte.

Ich sah die grauen milchigen Augen und die großen weißen Zähne.

Dann breitete die Gestalt die Flügel aus. Breite schwarze Flügel. Wie die eines Raben, einer Krähe, eines Nachtvogels, jener Gestalten aus den Märchenbüchern, die mich in meinen Albträumen verfolgt hatten.

Sie streckte einen Arm aus, knochendünn, mit Händen, so groß wie die eines Bären, und Krallen, so scharf wie frisch geschliffene Messer.

Das war eine Mahr.

Auf der Hügelkuppe stand eine Nachtmahr.

»Gold!«

Der Ruf der Mahr ließ mich zu Eis erstarren. Das Wesen, das ich als Kind am meisten gefürchtet hatte. Die Kreatur, die sich nachts in meinen ärgsten Träumen auf meine Brust gesetzt und mich erdrosselt hatte, mich und meine ganze Familie, bis unsere Zungen und Augen hervorquollen.

Hier stand sie und deutete auf den Baumstamm, deutete auf die Goldmünze.

»Das ist Gold!«, rief sie mit heiserer, knochendünner Stimme.

Der Irrwisch verstummte. Das Licht der Laterne ging aus. Es zischte, ein Luftzug.

Dann war es dunkel.

Vollkommen dunkel.

Nur noch der Schnee am Boden, nur noch die Augen des Luchses, nur noch die Eiszapfen über seinem Kopf schimmerten blass im Licht des Mondes.

Und auf der anderen Seite die Zähne der Mahr, die milchigen Augen.

Zu meinen Füßen die goldene Münze auf dem Baumstamm.

»Mein Gold«, hauchte die Mahr. Die Worte erreichten mich in der Dunkelheit. Sie klangen so nah, als hätte mir die Mahr sie direkt ins Ohr geflüstert.

Ihr Blick heftete sich auf mich, die ich noch immer dastand wie gelähmt.

»Welch gutes, warmes Fleisch«, hauchte sie. »Ich werde dein Gold nehmen, und dann werde ich deine Milch trinken und dich kitzeln mit meinen Krallen.« Ihre Finger spreizten sich. »Ich werde deine Kehle kitzeln bis dein warmes Blut ganz aus dir hinausgelaufen ist und diese Mulde ein roter Teich.«

Ihr Mund verzog sich zu einem genießerischen Lächeln. Ich konnte mich nicht rühren, nicht einen Millimeter. Mein Atem ging so schnell, als würde ich gleich ohnmächtig werden. Als säße sie schon auf meiner Brust, als erdrosselte sie mich.

»Und vorher werde ich den Mund um deine Brust legen und saugen, all die leckere Milch aus dir heraussaugen.«

Endlich fand ich meine Stimme wieder, wenigstens die.

»Du bist nicht echt«, sagte ich, aber die Worte zitterten. »Du kannst nicht echt sein!«

Die Mahr lächelte. Dann bleckte sie die Zähne, spreizte die Krallen und Flügel und stürzte sich hinab in die Mulde.

Hinab auf das Gold.

Hinab auf mich.