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D as Haus der Präfektin in Périgueux war ein kleines klassizistisches Château aus dem 18 . Jahrhundert – ganz wie es der Hausherrin gebührte, der Repräsentantin der Französischen Republik im Département, einem Amt, das von Napoleon eingerichtet worden war. Es stand leicht erhöht hinter dem Hauptgebäude der Präfektur, nur durch einen formalen französischen Garten mit Kiespfaden zwischen Rasenflächen und Blumenbeeten davon abgetrennt. Vom Präsidenten Frankreichs ernannt, war die Präfektin in ihrem Zuständigkeitsbereich verantwortlich für nationale Interessen, eine funktionierende Verwaltung sowie die Koordination der verschiedenen Polizeibehörden. Außerdem wurde von ihr erwartet, dass sie in Notfallsituationen die Führung übernahm.

So auch jetzt. Paris hatte Alarm geschlagen und forderte die Einsatzbereitschaft von Polizei, Sicherheitsdiensten, Außenministerium und dem Präsidialstab im Élysée-Palast. Die Präfektin war angehalten, eine Sitzung mit den relevanten Amtsträgern in der Region einzuberufen. Sie fand in der Bibliothek statt, in der ein Bildschirm für Videokonferenzen die gesamte Stirnwand einnahm. Bruno kannte die anderen Teilnehmer, die um einen langen Tisch Platz genommen hatten: Contrôleur Général Prunier, der Leiter der Police nationale des Départements und entsprechend auch der General der Gendarmerie, außerdem Jean-Jacques als Chefermittler und die Präfektin. Bruno war dazugeladen worden, weil er sich bestens in seinem Revier auskannte. Wie Prunier und der General der Gendarmerie trug er Uniform. Man begrüßte sich gegenseitig, Kaffee und Mineralwasser wurden angeboten, während die Präfektin erklärte, dass gleich Paris zugeschaltet werde.

Sie war noch nicht lange im Amt. Jede neue Regierung hatte das Recht, ihre eigenen Unterstützer unter den infrage kommenden Kandidaten oder Kandidatinnen zu wählen, die größtenteils bereits als Sub-Präfekten in anderen Regionen gedient hatten. Bruno fand, dass sie gegenüber ihrem Vorgänger nur eine Verbesserung sein konnte, einem Mann, der zum Zaudern geneigt, Schuld auf Untergebene abgewälzt und sich allzu viele Gedanken darüber gemacht hatte, was Paris wohl denke.

»Was sollen wir von der niedergebrannten Scheune halten, Bruno?«, fragte Prunier. »Der Chef der Feuerwehr von Périgueux sagt, seine Kollegen in Sarlat seien von Brandstiftung überzeugt.«

»Davon gehen auch meine pompiers in Saint-Denis aus, wollen allerdings noch das Gutachten abwarten«, antwortete er. »Jedenfalls ist die Sache ernst zu nehmen. Les Troubadours sind populär, und hier freuen sich die meisten sehr über ihren Erfolg.«

Der Bildschirm leuchtete auf, wurde dunkel und dann wieder hell. Isabelle war zu sehen. Obwohl Bruno ihre Stimme erst vor Kurzem im Handy gehört hatte, legte sein Herz einen Schlag zu, als er ihr liebes, vertrautes Gesicht erblickte. Er lächelte innerlich über ihre fast jungenhaft kurzen Haare, das Fehlen von Schmuck und das nur angedeutete Augen-Make-up. Sie trug eine hemdartige cremefarbene Bluse, vielleicht aus Seide.

»Bonjour, messieurs-dames, ich bin Commissaire Isabelle Perrault, Frankreichs Vertretung im Koordinationsteam der EU für Sicherheit und Terrorismusbekämpfung. Tut mir leid, dass ich Ihre Sonntagspläne durchkreuzen muss, aber nach dem Bericht, den ich gestern am späten Abend von meinem spanischen Kollegen erhalten habe, legt der Élysée großen Wert auf Ihre Mitwirkung.«

Unter den Extremisten und potenziell gewalttätigen Gruppen, die der spanische Verfassungsschutz im Auge habe, gebe es Nationalisten aus dem äußersten rechten Spektrum, erklärte sie. Manche von ihnen seien Mitglieder der neuen Vox-Partei, die sich von der moderateren Volkspartei Partido Popular abgespalten habe. Meinungsumfragen zufolge habe diese Partei in der Wählergunst stark zugelegt, nachdem sie schärfere Maßnahmen gegen die katalanischen Unabhängigkeitsbestrebungen verlangt habe. Die Parteispitze fordere eine neue »Reconquista«, führte Isabelle weiter aus. Das bezog sich auf die erste Reconquista im Mittelalter, bei der alle Muslime aus Spanien verdrängt werden sollten. Vox warne vor einer Islamisierung Europas und plädiere für die Rückkehr der Frauen in ihre traditionellen Rollen. Die Partei behauptete, die Europäische Union verletze die nationale Souveränität Spaniens, Vox verehrte General Franco und trat für die Abschaffung der Autonomie ein, die den katalanischen und baskischen Gebieten gewährt worden sei.

»Manche Mitglieder von Vox sind Soldaten und extrem militant. Um die geht es uns heute«, sagte sie und hielt zwei Fotos in die Höhe. Sie zeigten Männer in Camouf‌lage vor einem Wall aus Sandsäcken und Kriegsgerät. Einer von ihnen trug eine sehr große Waffe.

»Diese beiden Männer machen Madrid Sorgen«, erklärte Isabelle. »Der mit dem Scharfschützengewehr ist Sargento Primero Luis Eduardo Jaudenes; angeblich der beste Scharfschütze im spanischen Militär. Der andere ist Major José-Maria Garay. Beide gehörten der Spanischen Legion an, genauer: der 19 . Sondereinsatzgruppe namens Maderal Oleaga. Sie wurde ausgebildet in Fort Bragg, North Carolina, und war in Bosnien, im Irak und in Afghanistan im Einsatz. Als die Mitte-links-Regierung die spanischen Einheiten aus dem Irak abziehen ließ, schieden die beiden Männer unter Protest aus dem Militärdienst aus.

Derzeit stehen diese beiden Männer auf unserer Fahndungsliste ganz oben. Ihre Steckbriefe und Fingerabdrücke wurden an alle Polizeistationen in Frankreich verschickt, Bilder auch an die Medien mit der Bitte, sie an prominenter Stelle zu platzieren. Es handelt sich um eine landesweite Fahndung.« Isabelle legte eine Pause ein und ließ ihre Worte sacken.

»Lassen Sie mich noch kurz auf den Hintergrund der beiden eingehen«, fuhr sie fort. »Nachdem die neue Regierung die spanischen Truppen abgezogen hatte, kehrten Jaudenes und Garay als sehr gut bezahlte Sicherheitsberater, sprich Söldner, in den Irak zurück. Mit über einer Million Euro waren sie 2008 wieder in Spanien und gründeten eine Firma für Personenschutz, die offenbar florierte, weil wegen der Rezession vermögende Geschäftsleute zunehmend um ihre Sicherheit besorgt waren. Bei den Parlamentswahlen von 2011 kandidierte Garay für die Partido Popular, scheiterte aber in seinem Wahlkreis, obwohl die Partei landesweit deutlich gewann. Zwei Jahre später beteiligten sich beide Männer an der Abspaltung des ultrarechten Flügels der Partei und der Gründung von Vox, die inzwischen über zwanzig Abgeordnete im Nationalrat und schätzungsweise fast vier Millionen Wählerinnen und Wähler hat.

Doch selbst die Vox-Partei scheint unseren beiden Veteranen zu zahm zu sein. Unsere spanischen Quellen sagten mir, dass sie in eine Untergrundgruppe namens Novios involviert sind, benannt nach dem alten Schlachtruf der Spanischen Legion Los Novios de la Muerte, Hochzeit mit dem Tod.« Bruno erinnerte sich, dass sie in einem ihrer Telefonate die Novios bereits erwähnt hatte.

Isabelle legte die Fotos beiseite. »Übrigens sind beide Männer in dritter Generation Mitglieder der Spanischen Legion«, fuhr sie fort. »Ihre Großväter kämpf‌ten während des Rifkriegs in Nordafrika unter dem Kommando von Franco. Beide meldeten sich später freiwillig zur spanischen Division Azul, die für Hitler an der Ostfront kämpf‌te. Beide fielen dort, hatten zu diesem Zeitpunkt aber schon die Väter unserer beiden Novios gezeugt. Und diese Sprösslinge sind vor einer Woche aus Madrid, wo sie ihre Firma haben, verschwunden.«

Isabelle lächelte. »Den Mitarbeitern haben sie gesagt, dass sie neue Geschäftsmöglichkeiten in Europa auskundschaften wollen, ohne genauer zu verraten, wo. Man hat uns ihre Fingerabdrücke aus spanischen Militärakten zugeschickt, und obwohl der verunglückte Peugeot offenbar gründlich sauber gemacht wurde, konnte am Verstellhebel des Beifahrersitzes ein leichter Abdruck sichergestellt werden, der zu Jaudenes’ Daumen zu passen scheint, aber wohl nicht gerichtsfest ist.«

»Auch das kommt mir wieder zu einfach vor«, meinte Jean-Jacques. »Die Patrone eines Scharfschützen, ein Golfball, und dann wird beim Spurenverwischen ausgerechnet eine Stelle ausgelassen, die wir mit Sicherheit unter die Lupe nehmen. Jeder, der fernsieht, weiß doch, dass man Spuren in und an einem Auto am besten loswird, indem man es in Flammen aufgehen lässt. Warum haben sie das nicht getan?«

»Vielleicht, weil es ein Diesel ist«, spekulierte Prunier. »Diesel brennt nicht so leicht. Und diese beiden sind Veteranen, keine professionellen Kriminellen.«

»Auf wen könnten sie es abgesehen haben?«, fragte Jean-Jacques Isabelle. Bruno glaubte, bei ihm immer noch die Zuneigung für seine ehemalige Mitarbeiterin zu spüren, die er ausgebildet und von der er gehofft hatte, dass sie seine Nachfolge antreten würde.

»Verschiedene Ziele kommen infrage«, antwortete sie. »Das prominenteste wäre der ehemalige Präsident von Katalonien, Carles Puigdemont, der jetzt Mitglied des EU -Parlaments ist. Er hat in Kehl gewohnt, auf der deutschen Rheinseite gegenüber von Straßburg, wohnt aber jetzt in einem gemieteten Haus in Waterloo, einer Gemeinde südlich von Brüssel. Ich werde heute noch meine deutschen und belgischen Kollegen informieren.«

»Waterloo ist eine interessante Wahl«, fand die Präfektin und schaute in die Runde. »Damit macht man sich in Frankreich nicht beliebt.«

»Das andere potenzielle Ziel dürf‌te Sie besonders interessieren, Madame«, ergänzte Isabelle, als sich das Gelächter am Konferenztisch gelegt hatte. »Joël Martin, der okzitanische Poet und Verfasser des inzwischen sehr berühmten Songs für Katalonien. Der Élysée schlägt vor, dass wir ihn in Schutzgewahrsam nehmen, entweder in einer Unterkunft der Gendarmerie oder auf einem Militärstützpunkt.«

»Und wenn er das nicht will?«, fragte die Präfektin.

»Er hat die Wahl«, erwiderte Isabelle. »Wir können ihn nicht zwingen. Er sollte allerdings wissen, in welcher Gefahr er schwebt. Wenn nötig, könnte unser Schutzangebot öffentlich gemacht werden.«

»Würden dann in den Nachrichten auch zwei ehemalige spanische Legionäre und ihr Scharfschützengewehr auf‌tauchen?«, fragte Jean-Jacques.

»Der Élysée will die Öffentlichkeit nicht wegen eines wild gewordenen Scharfschützen in Unruhe versetzen, jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt. Es gibt außerdem natürlich noch andere katalanische Prominenz im Exil.«

Bruno fragte sich, an wie vielen solcher Videokonferenzen Isabelle schon teilgenommen hatte. In ihrer neuen Rolle stand sie regelmäßig in Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen in ganz Europa. Sie machte auch hier auf dem Bildschirm eine gute Figur, sachlich und professionell. Ihre Kompetenz war aber nicht einschüchternd, weil sie immer wieder lächelte oder spöttisch eine Augenbraue hob, wenn sie den Élysée erwähnte, als teilte sie die Skepsis ihrer Kollegen in Europa gegenüber den politischen Spitzen in den verschiedenen Hauptstädten.

»Es wäre ja noch nachzuvollziehen, wenn es diese beiden Kerle auf katalanische Politiker im Exil abgesehen haben«, meinte der General der Gendarmerie. »Aber warum auf einen Songwriter? Klar, er ist eine Symbolfigur, aber ich glaube nicht, dass Ex-Legionären Symbolfiguren so wichtig sind. Und einen französischen Staatsbürger zu töten, wirft zwangsläufig diplomatische Komplikationen auf.«

»Das waren anfangs auch unsere Überlegungen«, erwiderte Isabelle mit einem flüchtigen Lächeln. »Ich will Ihnen jetzt einen Kollegen vorstellen, der uns auf einen anderen Gedanken gebracht hat, Colonel Richard Morillon von CALID , der Cyberabwehr unseres Verteidigungsministeriums.«

Der Bildschirm teilte sich. Isabelle schrumpf‌te auf die Hälfte zusammen, während in der anderen Hälfte ein schlanker Mann mit eisengrauen kurzen Haaren und einem freundlichen Lächeln erschien. Er trug ein gut geschnittenes Camouf‌lage-Jackett der Armee, darunter ein frisch gebügeltes khakifarbenes T-Shirt, und saß hinter einem Schreibtisch vor einer weißen Fläche, die zu flattern schien. Bruno meinte darin einen speziellen Bildschirmhintergrund zu erkennen, der verbergen sollte, was an Karten oder Whiteboards an der Wand hinter ihm hing.

Bruno richtete sich auf. Über CALID war in der Öffentlichkeit nur wenig bekannt. Allerdings hatte er von Yves, dem Computerexperten in Jean-Jacques’ Team, gehört, dass dieses Analysezentrum mit einem Budget von über anderthalb Milliarden Euro ausgestattet war und fast tausend Spezialisten aus Universitäten und Forschungseinrichtungen beschäftigte. Man hatte auch versucht, Yves anzuheuern, doch er und seine Frau wollten das Périgord nicht verlassen und nach Rennes in der Bretagne ziehen, wo das übergeordnete Commandement de la cyberdéfense , kurz COMCYBER , seinen Hauptsitz hatte.

»Bonjour, Commissaire Perrault, General, messieurs-dames «, begann der Colonel. »Ein Mitglied unseres Teams stammt aus Perpignan, hat Angehörige jenseits der Grenze in Katalonien und interessiert sich sehr für die okzitanische Kultur. Als der Kollege letzte Woche diesen Song für Katalonien hörte, wenige Tage bevor er in Spanien verboten wurde, hat er ihn sich kurz entschlossen auf sein Handy geladen und war überrascht von der großen Nachfrage. Er sah sich das genauer an und stellte fest, dass ein Bot dahintersteckt, also ein Computerprogramm, das durch automatische Wiederholungen den Anschein erweckt, als würden Tausende von Nutzern den Song herunterladen. Er hat das einem Kollegen mitgeteilt, der mich in Kenntnis setzte. Das Ganze war so ungewöhnlich, dass sich ein genauerer Blick lohnte.

Diese Bot-Welle hält seit Tagen an, und zwar nicht nur bei dem Song, sondern auch bei Websites von Joël Martin zur okzitanischen Sprache und Kultur«, fuhr Morillon fort. »Nach unseren Recherchen kommt ein Großteil aus dem Darkweb, versteckt hinter etlichen Sicherheitsvorkehrungen. Das nationale Institut für Computerforschung hat die Verschlüsselungssysteme mancher Overlay-Netzwerke wie TOR oder BitTorrent knacken können und damit Pionierarbeit geleistet. Wir mussten in dieser Hinsicht wirklich aufholen, nachdem APT 28 im Jahr 2017 versucht hat, die französische Präsidentschaftswahl zu beeinflussen«, fügte er nicht ohne Stolz in der Stimme hinzu.

»Entschuldigen Sie, Colonel, würden Sie den Herren und der Dame bitte erklären, was es mit APT 28 auf sich hat?«, schaltete sich Isabelle ein.

»Das Kürzel APT steht für Advanced Persistent Threat. Dabei handelt es sich um ein Hackerkollektiv, das auch unter den Namen Fancy Bear oder Pawn Storm bekannt ist«, antwortete Morillon. »Wir glauben, dass es dem russischen Militärgeheimdienst GRU angeschlossen ist. Zwei Tage vor der Stichwahl, die Präsident Macron für sich entscheiden konnte, bombardierte diese Gruppe das Netz mit einer riesigen Datenflut an Dokumenten aus Macrons Wahlkampf, wie dem internen E-Mail-Verkehr seines Stabes, aber auch gefälschten Dokumenten, in denen behauptet wurde, Macron habe private Konten auf den Bahamas. Wir sind ziemlich sicher, dass Russland dahintersteckt, denn manche der Metadaten in den gefälschten Dokumenten sind auf Computern mit russischen Betriebssystemen generiert worden. Glücklicherweise kannten die Hacker die französische Regel nicht, dass zwei Tage vor einer Wahl keine neuen politischen Themen mehr eingeführt werden dürfen. Jedenfalls ist das Macron-Team im Élysée-Palast seitdem sehr hellhörig, wenn es um Angriffe auf unsere Cybersicherheit geht.«

»Wollen Sie damit sagen, dass die Russen aus dem Song für Katalonien den großen Hit gemacht haben, der er jetzt ist?«, fragte der General der Gendarmerie.

Bruno war sich nicht sicher, ob der General in Sachen Cyberattacken so unbedarft war wie er selbst oder ob er dafür sorgen wollte, dass die Präfektin und die anderen am Tisch genau verstanden, was Morillon zu erklären versuchte.

»Ja, das vermuten wir«, antwortete Morillon. »Zwar steht hinter den meisten Downloads des Songs und des geschichtlichen Materials ein wirkliches Interesse individueller Nutzer, doch die Russen haben für einen massiven Initialschub gesorgt. Darin sind sie mittlerweile sehr gut. Eine vergleichbare Operation tarnte sich unter dem Anschein, von der Hackergruppe Lazarus lanciert worden zu sein, einer Cyberkriegseinheit aus Nordkorea. Sie richtete sich gegen die Olympischen Spiele in Tokio, von denen Russland aufgrund von Dopingskandalen ausgeschlossen worden war. Die jüngste Attacke nutzt denselben Computercode. Außerdem haben wir während der vergangenen drei Tage hier in Frankreich mehrere verdächtige Telefonate abgefangen, die allerdings sehr gut verschlüsselt sind.«

»Schaffen Sie es, sie zu entschlüsseln?«, wollte der General wissen.

»Wenn überhaupt, wird es dauern. Ich habe meinem Vorgesetzten vorgeschlagen, Großbritannien oder die USA um informelle Mithilfe zu bitten. Bislang gab es jedoch noch keine Reaktion. Ich weiß auch nicht, ob die spanische Regierung bereits informiert worden ist, dass irgendjemand irgendwo diese Bot-Welle ausgelöst hat, die ihr letztlich schaden soll. Dies nachzuholen wäre eine weitere Option.«

»Vielen Dank, Colonel Morillon«, sagte Isabelle. »Nun, Madame le Préfet, Messieurs, gibt es Ihrerseits noch Fragen oder können wir unseren Cyberkrieger zurück aufs elektronische Schlachtfeld schicken?«

Es war still im Raum. Bruno zumindest fiel nur die nächstliegende Frage ein: Wer unterstützt die Katalanen und will die spanische Regierung düpieren und einen Keil zwischen Spanien und Frankreich treiben? Zu seiner Überraschung stellte nun die Präfektin genau diese Frage.

»Das gehört leider nicht zu meinem Kompetenzbereich, Madame«, antwortete der Colonel.

»Aber darüber werden Sie doch nachgedacht haben«, hakte sie in freundlichem Ton nach. »Haben Sie eine Ahnung? Könnte ein katalanisches Regierungsmitglied im Exil dahinterstecken?«

»Das bezweif‌le ich sehr«, erwiderte Morillon. »Die spanische Regierung hat erst in letzter Zeit eine eigene Strategie zur Cybersicherheit entwickelt und sucht immer noch nach weiteren Spezialisten, aber selbst mit einer kompletten Mannschaft bin ich mir nicht sicher, ob sie zu einer solchen Operation in der Lage wäre. Wir halten die Augen in alle Richtungen offen, sind uns aber fast sicher, dass wir es in diesem Fall mit den Russen zu tun haben.« Er hielt kurz inne. »Wenn wir uns mit den Briten vom GCHQ oder den Amerikanern kurzschließen könnten, würde uns das wahrscheinlich sehr helfen. Wir glauben, die meisten russischen Cyberkrieg-Experten sind der GRU angeschlossen und Mitglieder der sogenannten Einheit 74 455 , des Zentrums für Spezialtechnologien. Wir wissen, wo sie stationiert sind: Kirkow-Straße 22 in Chimki, einem Vorort von Moskau. Von dort wurde die Operation gestartet, die das Stromnetz der Ukraine außer Betrieb gesetzt hat. Außerdem haben sie versucht, Informationen über die britischen Ermittlungen zum Nervengiftattentat in Salisbury abzufangen, und den Angriff auf Macron geplant. Das FBI hat im Oktober 2021 Haftbefehle gegen namentlich bekannte Mitglieder der Einheit 74 455 erlassen.«

»Wie sind sie an die Namen gekommen?«, wollte die Präfektin wissen. Und gleichzeitig wunderte sich der General: »Warum um alles in der Welt sollte uns das FBI helfen?«

»Weil wir ihnen geholfen haben«, antwortete Morillon. »Uns ist es gelungen, in das russische Zulassungsregister für Kraftfahrzeuge einzudringen, und wir haben den Amerikanern den Tipp gegeben, die Fahrzeughalter zu ermitteln, die in der Kirkow-Straße gemeldet sind. Sie haben siebenundvierzig Namen ermittelt und uns mitgeteilt.«

»Vielen Dank, Colonel«, sagte Isabelle schnell und schaltete seine Hälfte des Bildschirms weg. Bruno vermutete, dass Morillon mehr von den französischen Kapazitäten preisgegeben hatte, als Isabelle lieb war.

»Jetzt wissen Sie, warum wir Joël Martin für ein potenzielles Ziel der Ex-Legionäre halten«, fuhr Isabelle ruhig fort. »Irgendein Staat oder eine Gruppe, aller Wahrscheinlichkeit nach Russland, hat versucht, ihn und seinen Song berühmt zu machen, um die spanische Regierung in Verlegenheit zu bringen beziehungsweise das Verhältnis zwischen Paris und Madrid in eine Krise zu stürzen. Wir wissen noch nicht, warum, aber ich denke, wir werden diese Frage zu beantworten haben. Derweil müssen wir Major Garay und Sargento Jaudenes dingfest machen. Contrôleur Général Prunier, haben Sie noch etwas zu berichten? Chef de police Courrèges hat mich informiert, dass das Aufnahmestudio der Troubadours gestern Nacht niedergebrannt ist und dass das Feuer wahrscheinlich vorsätzlich gelegt wurde.«

»Es gibt noch keine neuen Erkenntnisse. Wir überprüfen, welche Fahrzeuge in den letzten Tagen gemietet, gekauft oder gestohlen wurden, erkundigen uns in Hotels, auf Campingplätzen und in Golfklubs –«

»Warum Golfklubs?«, unterbrach die Präfektin.

»Wegen des Golfballs, den wir in dem Unfallwagen gefunden haben. Außerdem hat uns Bruno Courrèges darauf aufmerksam gemacht, dass sich eine Golfschlägertasche als unauf‌fälliges Versteck für Langwaffen eignet«, antwortete Prunier. »Jean-Jacques und ich sollten die Fahndung nach diesen beiden Männern koordinieren. Vielleicht will uns der General begleiten. Und da Bruno diesen Joël Martin wie auch die Musiker kennt, schlage ich vor, dass er Martin überredet, unser Schutzangebot anzunehmen.«

»Ich bin mir fast sicher, dass Joël Martin in Gefahr ist«, sagte Bruno. »Aber wenn er unter unserem Schutz steht und für einen Anschlag außer Reichweite ist, könnten es die beiden Legionäre stattdessen auf Flavie und die anderen Musiker anlegen. Vielleicht sollten auch sie unter Personenschutz gestellt werden. Wäre es denn ratsam, das Konzert abzusagen?«

»Ich bin mir nicht sicher«, erwiderte Isabelle. »Diese beiden Ex-Legionäre haben eine Mission, und sie sind wahrscheinlich Überzeugungstäter, vielleicht sogar fanatische Nationalisten. Sie haben schon einiges riskiert und sind von sich und ihren Methoden überzeugt. Ich glaube, sie lassen sich nicht mehr aufhalten. Wenn das Konzert abgesagt wird, suchen sie sich eine andere Möglichkeit. Vielleicht ist es klüger, das Konzert wie geplant stattfinden zu lassen und sie aus der Reserve zu locken.«

Nach einer kurzen Pause sprachen plötzlich alle durcheinander. Jemand protestierte, ein anderer erhob Einwände, wieder jemand anderes meinte, dass der Élysée da nie mitmachen und die Presse sie kreuzigen würde. Nur Bruno schwieg und dachte über Isabelles Worte nach.

Er wusste, dass ein Scharfschütze ein Versteck mit unverstelltem Blick auf das Ziel brauchte, etwa in einer Entfernung von einem bis anderthalb Kilometern. Wind wäre ein Problem, genau wie Nebel oder Gegenlicht. Vielleicht sollten sie beim Auf‌tritt der Troubadours Nebelmaschinen einsetzen, wie er sie von anderen Konzerten kannte; nur im Rücken des Publikums, um die Sicht des Scharfschützen zu behindern. Denkbar waren auch Suchscheinwerfer, die, als Lightshow getarnt, das Gelände bis zur nächsten Anhöhe abtasteten, wo er möglicherweise auf der Lauer lag. Sicher würden Stroboskoplichter den Scharfschützen durch sein Visier blenden. Überall auf dem Gelände würde er Sicherheitsteams des Militärs postieren, und er könnte alle Jagdvereine bitten, sich nach geeigneten Verstecken umzusehen und sie zu markieren. Vielleicht konnten Spezialkräf‌te sogar einen Hinterhalt einrichten.

Die anderen redeten immer noch durcheinander, als er den Blick direkt auf Isabelles Augen auf dem Bildschirm richtete und zwei-, dreimal auf den Tisch klopf‌te.

»Chef de police Courrèges«, sagte sie scharf, worauf das Durcheinander verstummte. »Sie sind der Militärveteran in unserer Runde. Möchten Sie etwas sagen?«

»Ja, Commissaire, vielen Dank«, sagte er, und alle Blicke richteten sich auf ihn.

»Ich kenne mich ein wenig mit Scharfschützen und ihren Fähigkeiten wie auch ihren Grenzen aus«, meldete sich Bruno zu Wort. »Natürlich ist es ein Risiko, aber ich hätte ein paar Vorschläge, wie es funktionieren könnte.«

Und er erklärte, was ihm durch den Kopf gegangen war.