Ein Krieger auf Abwegen

Als wir wieder bei mir zu Hause angekommen sind, bedankt sich Arik doch tatsächlich für meine Hilfe. Verlegen winke ich ab, da ich es eher aus Zwang getan habe, denn aus dem tiefen Wunsch, ihm zur Seite zu stehen. Mein schlechtes Gewissen meldet sich, und ich schalte schnell den Fernseher ein, um mich sinnlos berieseln zu lassen. Mit an die Brust gezogenen Knien sitze ich da, umklammere sie mit beiden Armen.

"Dieses Fernsehding ist echt komisch", sagt Arik, der neben mir auf der Couch Platz genommen hat. Er lehnt sich gegen die Kissen, hat die Beine ausgestreckt.

"Habt ihr sowas nicht?" Fragend schaue ich ihn von der Seite an.

Er schüttelt den Kopf. "Bei uns wird mithilfe von Hologrammen der Eindruck erweckt, dass die Künstler direkt vor uns stehen."

Ich muss lachen. "Künstler sind unsere Fernsehdarsteller nicht gerade."

"Unsere haben jahrelang die Sonderschule besucht. Sie sind hoch angesehen, und nur Angehörigen von Kriegern ist dies erlaubt." Arik klingt stolz, als sei es sein Verdienst, der Krieger-Bevölkerungsgruppe anzugehören.

"Klingt, als hättet ihr strenge Regeln." Mich schüttelt es bei dem Gedanken, ich könnte nicht das machen, was ich möchte. "Ein Diener kann also kein Künstler werden?", hake ich vorsichtshalber nach, da ich ihm nicht Unrecht tun will.

Arik schnaubt verächtlich. "Das ist undenkbar."

Da ist sie wieder, diese nervige Arroganz. Mir fehlt die Lust, mich weiter auf diesem Niveau zu unterhalten. Also schweige ich und starre stattdessen auf den Bildschirm. Irgendwelche jungen Pärchen treten gerade gegeneinander an, um Geld zu gewinnen. Sie tragen überdimensionale Schweinchenkostüme und versuchen, sich gegenseitig von einem schmalen Balken zu schubsen.

Am liebsten würde ich schlafen gehen, doch ich befürchte, dies ist mir verwehrt. Trotz seines impertinenten Benehmens bringe ich es nicht übers Herz, Arik auf die aufblasbare Matratze zu verbannen, die ich mir nebst Bettzeug von Tante Marcy ausgeliehen habe. Also ziehe ich mir meine Kuscheldecke heran und vergrabe mich bis zur Nasenspitze darunter. Jetzt käme mir ein Glas Wein gelegen, doch ich habe keinen im Haus.

"Es tut mir leid, dass ich dein Leben so durcheinandergebracht habe", sagt Arik plötzlich. "Wegen mir hattest du jetzt auch noch Streit mit deiner Tante."

Ich zucke mit den Schultern, schenke ihm ein leichtes Lächeln. "So schlimm war es nicht. Und du bist schließlich nicht freiwillig hier."

"Wegen mir hast du nur Ärger." Er verschränkt die Hände vor der Brust. "Das war wirklich nicht meine Absicht."

"Na ja, du kennst dich halt hier nicht aus." Kurz wundere ich mich, warum wir uns plötzlich so gesittet unterhalten, schüttle den Gedanken aber ab. Warum kann ich nicht einfach dankbar darüber sein anstatt alles sofort zu hinterfragen?

Müde reibe ich mir die Augen, schiele zur aufblasbaren Matratze. Soll ich in den sauren Apfel beißen und heute darauf nächtigen? Bequemer als die Nächte während der Zelttouren mit meiner Clique wäre es allemal. Bevor ich einen Entschluss fassen kann, höre ich Arik tief seufzen.

"Ich muss unbedingt zurück", sagt er so leise, dass ich ihn kaum verstehe.

"Das ist durchaus in meinem Sinne." Ich ziehe die Stirn kraus, denke an meine gemütliche Couch. "Aber das Tor ist verschwunden, schon vergessen?"

"Meine Mutter liegt im Sterben." Er klingt verzweifelt.

Erschrocken zucke ich zusammen. Ausnahmsweise fehlen mir die Worte. Ich weiß nur zu gut, wie es ist, die Eltern zu verlieren. Bei mir ging es wenigstens schnell, und ich musste nicht zusehen, wie sie leiden. Ihnen beim langsamen Dahinvegetieren zuzusehen, hätte ich nicht ertragen, dessen bin ich mir sicher.

"Deswegen muss ich so dringend nach Hause, verstehst du?" Arik dreht den Kopf zur Seite, um mich anzublicken. In seinen Augen sehe ich Tränen schimmern.

"Besser als du denkst", flüstere ich.

Der Krieger schweigt. Seine Verzweiflung schwebt spürbar im Raum, materialisiert sich in monotonem Händekneten. Seine Haltung ist gebückt, als laste etwas zu Schweres auf seinen Schultern.

"Was hat deine Mutter?", frage ich, um überhaupt etwas zu sagen.

"Ein großer Klumpen hat sich in ihr festgesetzt." Eine Träne rollt von Ariks Wange, was er unbeachtet lässt. "Die Heiler haben sie aufgeschnitten, doch es war sinnlos. Es hatte sich schon ausgebreitet. Sie hat nur noch wenig Zeit. Bestenfalls Wochen."

"Das tut mir sehr leid." Fieberhaft überlege ich, was ich sagen kann, um ihn zu trösten. Doch es gibt nichts. Aber wir können etwas tun, müssen nicht untätig herumsitzen. Ich richte mich auf, straffe die Schultern. "Weißt du was? Morgen gehen wir nochmal ins Schloss. Vielleicht ist das Tor ja wieder offen."

 

***

 

Natürlich ist es das nicht. Arik und ich drücken wie die Bekloppten auf den Steinen herum, die keinen Nanometer nachgeben.

"Was macht ihr da?", fragt uns ein kleiner Junge, der gerade, gefolgt von zwei Erwachsenen, den Bergfried betritt.

Ertappt zucke ich zusammen. "Wir … äh … überprüfen, ob die Mauer noch fest ist", antworte ich und fühle, wie sich meine Wangen rot verfärben.

"Das sieht man doch." Der Junge mustert uns ungläubigen Blickes.

"Sei nicht so neugierig, Joshua", sagt eine Frau, die vermutlich seine Mutter ist. "Die beiden werden schon wissen, was sie tun." Sie klingt nicht so, als ob sie meint, was sie sagt.

"Komm Arik, wir gehen." Ich erlaube mir einen tiefen Seufzer. "Das ist doch sinnlos. Lass uns lieber schauen, ob wir über den Online-Katalog der Unibibliothek etwas herausfinden." Ich grinse dem Jungen zu und gehe die schiefen Steintreppen hinab, ohne mich zu vergewissern, dass Arik mir folgt.

Er tut es. Ohne zu murren, steigt er in mein Auto ein. Inzwischen ist er ein recht entspannter Beifahrer geworden. Dass es so schnell ging wundert mich, wenn ich bedenke, wie sehr er sich gestern noch angestellt hat. Anscheinend ist er anpassungsfähiger, als ich dachte.

Bei mir zu Hause angekommen, schnappe ich mir meinen Laptop und logge ich mich über Phil-services in der Unibibliothek ein. Arik sitzt mir gegenüber an meinem silberfarbenen Küchentisch und mustert mich neugierig, sagt aber nichts. Die ganze Zeit, in der ich recherchiere, bewegt er sich kaum. Er sitzt kerzengerade da, verlagert nur ab und zu sein Gewicht.

Nach drei Stunden reibe ich mir die schmerzenden Augen. "Nichts", sage ich leise und schüttle den Kopf.

Mit voller Kraft schlägt Arik seine Fäuste auf den Tisch, was den Laptop kurz aufhüpfen und den Schüttelschutz einschalten lässt. "Beim Hollukstinker!", schreit er. "Es muss doch eine Möglichkeit geben, wie ich hier wieder wegkomme!"

"Momentan sieht es leider schlecht aus." Hilflos deute ich auf den Bildschirm. "Ich finde einfach nichts, was uns auch nur ansatzweise weiterhilft."

"Irgendjemand muss doch Erfahrungen mit Dimensionstoren haben."

"Wenn, hat derjenige nicht darüber berichtet", sage ich und seufze tief. "Ich habe das ganze Internet durchforstet, aber nichts gefunden. Der Steinkreis von Stonehenge, das Bermuda-Dreieck und Òrrius, ein Wald bei Barcelona, stehen zwar im Verdacht, Dimensionstore zu sein, doch bestätigen kann das niemand."

"Wovon auch immer du sprichst." Mit beiden Händen streicht sich Arik durch die Haare. Er wirkt resigniert. "Wir können also nichts machen."

"Vorerst wohl nicht." Mitleidig schaue ich den Krieger an. Keiner versteht besser als ich, wie wichtig es ihm ist, jetzt bei seiner Mutter zu sein. Ich würde viel dafür geben, wenn ich mich von meinen Eltern hätte verabschieden können. "Aber ich bleib dran, versprochen. Und ich schaue jede Nacht, wenn ich arbeite, ob sich im Bergfried etwas tut, okay?"

"Was anderes bleibt uns ja nicht übrig."

Ich bin fast froh, dass wir uns gleich mit André und seinen Kumpels treffen. Den ganzen Tag einen trübsinnigen Krieger an der Backe zu haben, ist nicht gerade das, was ich mir unter angenehmer Freizeitgestaltung vorstelle. Zudem fällt es mir schwer, mich in meiner Wohnung frei zu bewegen. Sie ist einfach zu klein für zwei Personen, und ich fühle mich von Arik beobachtet. Dabei stört er mich gar nicht. Wie eine Statue sitzt er auf der Couch, starrt blicklos in den Fernseher, der immer noch läuft. Normalerweise schaue ich kaum fern, doch ich weiß nicht, was ich sonst mit Arik anstellen soll. Wir kennen uns kaum, und ein Gespräch will er momentan wohl nicht führen, was ich verstehen kann. Wäre ich unfreiwillig in einer mir unbekannten Welt, ginge es mir sicherlich ähnlich wie ihm.

Eine Dauerlösung ist das allerdings nicht. Mir muss dringend etwas einfallen, wie ich den Krieger beschäftigen kann. Momentan sind zum Glück Semesterferien. Wenn die Uni wieder losgeht, muss er eine andere Bleibe gefunden haben. So kann ich nicht lernen. Wieder einmal seufze ich tief. Vielleicht hat André eine Idee. Nachher kann ich ihn nicht fragen, da seine Kumpels dabei sind. Was er sich dabei wohl gedacht hat? Ihm muss doch klar sein, dass Arik sich hier nicht zu verhalten weiß.

 

***

 

Die Kneipe, in der wir uns treffen, liegt in der Gummersbacher Fußgängerzone. Da ich mir ein paar Bier genehmigen werde, haben wir uns per pedes auf den Weg gemacht. Arik erregt nur noch wenig Aufsehen, was mir gut zupasskommt. Einzig eine Gruppe schwer angeschickerter Damen dreht sich nach ihm um. Kein Wunder, denn der typische Oberberger ist eher klein und untersetzt. Er besticht nicht gerade durch Hünenhaftigkeit und silberfarbene, hüftlange Haare.

Als wir das Oberberg forever betreten, werden Ariks Augen groß, was ich ihm nicht verdenken kann. Die Kneipe ist, ganz untypisch für den Oberbergischen Kreis, dem Andenken von Elvis Presley gewidmet. Überall hängen Bilder mit seinem Konterfei. Die braunen Barhocker und Stühle sind mit rotem Kunstleder bezogen. Auf den Tischen stehen kleine Elvisfiguren. In einer Ecke befindet sich eine alte Jukebox, die, oh Wunder, bei Bedarf sämtliche Presleytitel rauf- und runterspielt. Da momentan keiner eine Münze eingeworfen hat, dudeln sanfte Klavierklänge im Hintergrund. Diese sind, bedingt durch den Lärm der Gäste, allerdings kaum hörbar.

Binnen Bruchteilen einer Sekunde hat uns André ausgemacht. Er springt von seinem Stuhl auf, wedelt überschwänglich mit den Armen. "Hier sind wir!", ruft er überflüssigerweise.

Ich verdrehe die Augen, mache mich auf zu seinem Tisch. "Hi", sage ich halbherzig, was nicht an meinem Cousin, sondern an seinen Begleitern liegt.

Womanizer-Will zwinkert mir anzüglich zu, während Lager-Lars einen auf dicke Hose macht und an derselben in Schritthöhe herumzuppelt. Bereits beim ersten Treffen habe ich den beiden damals ihre Spitznamen verpasst.

Will sieht sich nicht nur als You-Tube Star, er ist wirklich einer. Durch seine Let's Plays hat er sich eine große Fangemeinde aufgebaut. Besonders die Mädels stehen auf ihn, woran seine blonden, halblangen Haare und blauen Augen wohl eine nicht unbeträchtliche Rolle spielen.

Der muskulöse, glatzköpfige Lars sieht aus wie ein typischer Schläger. Er arbeitet bei irgendeinem Mafioso im Lager, wo er irgendwelche illegalen Jobs erledigt. Aus einem für mich unerfindlichen Grund hat er beschlossen, dass ich die perfekte Partnerin für ihn abgeben würde.

Dementsprechend finster mustert er meinen Begleiter, in dem er wohl mehr vermutet. "Du wohnst also jetzt bei Muriel?", fragt er ohne eine Begrüßung.

"Lass die beiden doch erstmal richtig ankommen." André hebt in einer beschwichtigenden Geste beide Hände.

"Ja, setzt euch." Will klopft einladend auf den freien Stuhl neben sich. "Muriel, komm zu mir."

Dafür erntet er einen bösen Blick von Lars, der ebenfalls einen unbesetzten Platz neben sich vorweisen kann. Demonstrativ setze ich mich neben Will, der Lars triumphierend angrinst. Ich überlege kurz, ob es mal wieder Zeit ist zu seufzen, lasse es aber sein, bevor ich noch schwermütig werde.

Der am Kopfende sitzende André winkt nach der Kellnerin, bestellt eine neue Runde Bier. Als die hübsche Brünette es vor uns hinstellt, verzieht Arik das Gesicht zu einer zweifelnden Grimasse.

"Ist das noch gut?", fragt er.

Ich muss lachen. "Wie kommst du denn darauf?"

Mit gerunzelter Stirn blickt er in sein Glas. "Der Schaum ist doch bestimmt giftig."

"Aus welchem Zoo bist du denn ausgebrochen?" Lars wirft ihm einen verächtlichen Seitenblick zu.

"Er steht unter Schock", sage ich schnell. "Vorgestern ist sein Haus abgebrannt."

"Das ist noch lange kein Grund, so …"

"Ist dir das schon mal passiert?", unterbreche ich Lars in scharfem Ton.

Er schüttelt den Kopf.

"Dann halt den Mund." Genervt wende ich mich an André, der breit vor sich hin grinst. "Schön, dass wenigstens du deinen Spaß hast."

Anstatt mir zu antworten, greift er nach seinem Bierglas und hält es mir entgegen. "Prost."

Halbherzig stoße ich mit ihm an, bevor ich Arik aufmunternd zunicke. Erklären kann ich ihm das mit dem Schaum nicht, ohne, dass es noch seltsamer wirkt. Zum Glück vertraut er mir genug, um mit uns allen anzustoßen und einen kleinen Schluck Bier zu trinken.

"Schmeckt seltsam", stellt er fest. "Irgendwie bitter."

"Hey, das ist gutes Kölsch, das beste Bier der Welt!" Will als echter Kölschliebhaber fühlt sich wohl in seiner Ehre gekränkt.

Jetzt seufze ich doch. Das kann ja heiter werden. Wenn der Abend so weitergeht, werde ich irgendwann ausrasten. Es ist André, der die Situation rettet, indem er einfach das Thema wechselt.

Wir unterhalten uns über Belangloses, wozu Arik größtenteils schweigt. Wenn, gibt er nur einsilbige Kommentare von sich, was mich hoffen lässt, dass wir ohne weitere Peinlichkeiten aus der Kneipe kommen. Sein Bier scheint ihm mit jedem Schluck besser zu schmecken, da sein Gesichtsausdruck immer zufriedener wirkt.

"Wir müssen unbedingt mal wieder zum Eishockey", sagt Will und legt einen Arm um meine Schulter.

Durch einen hoffentlich eleganten Schlenker entziehe ich mich ihm. "Mal sehen." Böse funkle ich André an. Warum um alles in der Welt zwingt er mich dazu, mit seinen Kumpels abzuhängen? Worin besteht für ihn der Witz?

Sein triumphierendes Grinsen, mit dem er mich bedenkt, ist mir Antwort genug. Er genießt es, Macht über mich zu haben. Das hat er sicher von seinem Vater. Am liebsten würde mich André mit einem seiner Freunde verkuppeln, damit er mich immer im Auge haben kann. Arik ist ihm sicher ein Dorn im Auge, da er ihn als Gefahr für seine Kontrollfantasien sieht. Warum aber hat er dann darauf bestanden, dass Arik mitkommt? Hofft mein Cousin, dass sich der Krieger lächerlich macht?

Nachdenklich mustere ich den Hünen, der gerade versonnenen Blickes einen weiteren Schluck Bier nimmt. Er schaut auf und ich sehe, dass seine Augen bereits leicht glasig wirken. Es kommt mir merkwürdig vor, da er kaum einen Viertelliter Bier intus hat. Ich denke nicht weiter darüber nach, weil Lars beginnt, meine ach so süße Himmelfahrtsnase zu lobpreisen. Habe ich schon erwähnt, dass ich die ganz doof finde?

In Andrés Schuld stehen hin oder her – ich will einfach nur hier weg, bevor Lager-Lars sich in bierseliger Laune noch auf mich stürzt. Bevor ich entsprechende Maßnahmen ergreifen kann, ordert mein Cousin die nächste Runde Bier, was Arik mit einem fröhlichen "der Vesteti sei Dank" quittiert. Woraufhin er irritierte Blicke der Jungs erntet, während ich seine Worte mit einem albernen Lachen zu überspielen versuche.

Der Krieger macht es nicht besser, indem er den letzten Schluck nimmt, das Glas auf den Tisch wummert und lautstark preisgibt: "Beim Hollukstinker, das Zeug ist echt gut!"

"Wann geht die Saison denn los?", wende ich mich an Will in der Hoffnung, dass unser aller geliebtes Eishockey ausreichen wird, die seltsamen Äußerungen Ariks in der Versenkung verschwinden zu lassen.

Leider beachtet mich der Youtuber gar nicht. Stattdessen stützt er den Kopf auf seine Fäuste und mustert den Krieger eindringlich. "Du bist echt seltsam, weißt du das?"

"Der Schock", beeile ich mich, zu sagen. "Das ist alles nur der Schock."

Mit jeder neuen Runde Bier entspannt sich die Lage zusehends. Will und Lars sind inzwischen wohl zu betrunken, um den Kommentaren Ariks etwas Merkwürdiges abzugewinnen. André amüsiert sich ohnehin schon die ganze Zeit köstlich. Ich entspanne mich ein wenig, achte aber darauf, meinen Alkoholkonsum in Maßen zu halten. Will ist ein dankbarer Abnehmer und trinkt jedes zweite Kölsch, das mir die hübsche Kellnerin vor die Nase stellt. Umgehend wandert es weiter nach links vor die seine. Ohne einen Kommentar ergreift der Youtuber es jedes Mal brav und leert das Glas.

Inzwischen sind die Jungs bei albernen Witzen angekommen, über die Arik am lautesten lacht. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob er sie überhaupt versteht.

Lars hat seine anfängliche Aversion gegen seinen angeblichen Konkurrenten vergessen. In einer vertraulichen Geste umfasst er Ariks Oberarm. "Du bist schon ganz okay, weißte."

Will nickt zustimmend. "Seltsam, aber schon in Ordnung."

"Ihr auch, Juungs, ihr auch."

Dass Arik das für ihn unbekannte Wort falsch ausspricht, scheint keinem aufzufallen. Mir soll es recht sein. Je betrunkener die anderen sind, desto weniger wirkt sein Verhalten merkwürdig.

Unvermittelt lehnt sich Arik über den Tisch, packt meine rechte Hand. "Ohne Muriel hättichs nich geschafft." Aus glasigen Augen blickt er mich an. Seine Hand, welche die meine hält, zittert, als habe er Probleme mit der Koordination.

Will beugt sich vor, um Arik auf die Schulter zu schlagen. Dass er dabei sein Bierglas umstößt, stört ihn nicht weiter. "Wenn du mich brauchst, ich bin da", nuschelt er. Weit ist er nicht mehr vom Lallen entfernt.

"Kannst bei mir unterkommen", bietet ihm Lars an und lehnt sich an ihn.

Arik strahlt ihn an. "Könnwer machen."

"Bei Muriel ist er gut aufgehoben." André sieht seine Verkupplungsfelle davonschwimmen. "Lasst ihn mal bei ihr."

Ausnahmsweise bin ich mit meinem Cousin einer Meinung. Nicht auszudenken, was Arik alles anstellen könnte. Sanft will ich ihm meine Hand entziehen, die er immer noch festhält. Doch er umklammert sie fest und hängt dabei halb über dem Tisch. Sein Kopf wackelt hin und her, was mich befürchten lässt, dass er gleich auf die von Bier verklebte Tischplatte fällt.

Mich beschleicht ein unangenehmer Verdacht. Mit einem Ruck entreiße ich meine Hand der seinen. Ich stehe auf, gehe um den Tisch herum. "Lars, wir tauschen die Plätze!", befehle ich.

Sowohl Arik als auch Lars schauen mich mit beleidigter Miene an, wohingegen mein Cousin recht angefressen dreinblickt. Einzig Will scheint mein Ansinnen nicht zu stören.

Immerhin löst Lars den Körperkontakt zu seinem neuen Kumpel und steht auf. Dabei brummt er etwas Unverständliches in meine Richtung. Mir ist es egal, da ich Arik unbedingt etwas fragen muss. Für die paar Kölsch erscheint er mir viel zu betrunken. Die anderen drei haben weit mehr intus als er, da sie früher angefangen haben zu trinken.

"Kann es sein, dass du normalerweise nicht so viel Alkohol trinkst?", flüstere ich ihm ins Ohr, sobald ich neben ihm sitze.

"Wasn das?" Schwankend wendet sich Arik zu mir, versucht, ein Küsschen auf meine Wange zu drücken. Er verfehlt sie um mehrere Zentimeter.

Ich deute mit dem Kinn auf sein Kölschglas. "Na, so etwas wie Bier eben. Mit Promille, die dich betrunken macht."

"Kennsch nich." Arik grinst mich schief an. "Aber is gut."

"So eine Scheiße", zische ich.

"Alles in Ordnung?", fragt André und blickt mich fragend an.

"Gar nichts ist in Ordnung." Aufgebracht neige ich mich zu meinem Cousin. "Der hat, glaube ich, noch nie Alkohol getrunken. Schau ihn dir an."

Er folgt meinem vielsagenden Blick. "Scheiße!"

"Mein Reden." Ich deute auf Arik, der inzwischen mit geschlossenen Augen dasitzt und vor sich hin summt. "Was machen wir jetzt mit ihm?"

"Meinst du, er kann noch laufen?"

"Woher soll ich das denn wissen?", fahre ich André an. Dann fällt mir auf, dass es wenig hilfreich ist, wenn wir uns gegenseitig mit Fragen bombardieren.

Hilfesuchend schaue ich zu Will und Lars, doch die beiden haben die Köpfe zusammengesteckt und sind in ein bierselig-vertrauliches Gespräch vertieft. Wenn man sie jetzt so sieht, käme man nie auf den Gedanken, sie könnten in Mafiageschäfte verwickelt sein.

"Ich fürchte, wir müssen es testen", sage ich achselzuckend an André gewandt. "Wir können ihn jedenfalls nicht noch mehr Bier trinken lassen."

Arik schlägt die Augen auf. "Bier!", ruft er, da er meine Worte gehört hat. "Noch ein Bier!"

Unglücklicherweise hat ihn die Kellnerin gehört. Bevor ich reagieren kann, entschwindet sie und hat binnen kürzester Zeit ein frisches Kölsch vor seine Nase gestellt.

"Das solltest du wirklich nicht mehr trinken", ermahne ich ihn. "Du hast genug Alkohol."

Er beachtet mich gar nicht, sondern erhebt sein Glas. "Prost!", ruft er in fröhlichem Ton das neue Wort, welches er unlängst von seinen frischgebackenen Kumpels gelernt hat. Dann nimmt er einen großen Schluck.

"Wenn das mal gutgeht", murmelt André mit beträchtlichem Zweifel in seiner Stimme.

Er hat kaum ausgesprochen, als Arik mit seinem Stuhl nach hinten kippelt. Das Bierglas in der Hand, kippt er um wie ein gefällter Baum. Mit einem gewaltigen Knall kommt der Krieger auf dem Boden auf, kippt dabei den Inhalt seines Glases über sich. Verwundert betrachtet er es und fängt käfergleich an, mit seinen Gliedmaßen zu zappeln.

Ich springe auf, gehe neben ihm in die Hocke. "Geht es dir gut?" Wider Willen klinge ich besorgt, was dieser Idiot gar nicht verdient hat.

Mit der bierglasfreien Hand greift er sich an den Kopf. "Brummt."

"Morgen wird er dir noch viel mehr brummen", sage ich. "Und eine schöne Beule gibt es bestimmt auch."

Mehrere Menschen haben sich inzwischen um uns versammelt, erkundigen sich besorgt nach Ariks Wohlbefinden. Ich strecke ihm meine Hand hin, um ihn hochzuziehen. Er ergreift sie. Ob es an der Bierpfütze liegt, in der ich stehe oder ob meine Kräfte geringer sind, als ich vermutet habe, vermag ich nicht zu sagen. Jedenfalls steht Arik nicht auf, sondern ich falle auf ihn. Mein Gesicht landet mitten auf seinem bierfeuchten T-Shirt.

Ich höre ein Klirren, dann umfassen Ariks Hände meinen Hinterkopf und drücken mich noch tiefer in die bierige Sauerei. Angeekelt ringe ich nach Luft.

"So is schön", nuschelt Arik.

Dem kann ich nicht zustimmen, weswegen ich mich mit beiden Händen auf seiner Brust abstütze und versuche, mich zu hochzudrücken. Vergeblich.

Jemand zerrt an meinem Oberarm. "Lass sie los!", höre ich Andrés Stimme. "Merkst du nicht, dass sie keine Luft bekommt?"

"Oh", macht Arik.

Er lässt mich los, und ich richte mich schnellstmöglich auf. Momentan ist mir der Kerl zu unberechenbar.

"Das schöne Bier", jammert derselbige.

"Das schöne Glas", sagt Will trocken und deutet auf die neben uns liegenden Scherben.

Arik muss es einfach weggeworfen haben, um mich neandertalergleich zu umschlingen. Zumindest hat er nicht versucht, mich an den Haaren in eine Höhle zu zerren. Vielleicht hat er den Gedanken gehabt, doch die Wiehler Tropfsteinhöhle kennt er zum Glück nicht. Unwirsch vertreibe ich die albernen Gedanken. Jetzt gibt es wirklich Wichtigeres zu tun. Zum Beispiel, den Krieger irgendwie in meine Wohnung zu bekommen.

Dies gestaltet sich alles andere als einfach. Sobald er wieder wohlbehalten auf seinem Stuhl sitzt, verlangt er nach dem nächsten Bier. André versucht, ihm zu erklären, warum das keine gute Idee ist; verweist auf den zu erwartenden Kater am nächsten Morgen. Da Arik keine Vergleichswerte hat, prallen die Worte meines Cousins an ihm ab. Auch Will und Lars versuchen ihr Glück und scheitern genauso kläglich.

Erst, als ich ihm wütend zuzische, dass ich ihn hierlassen würde, bewege er nicht umgehend seinen Hintern in Richtung Ausgang, kommt Leben in ihn.

"Is ja gut", lallt er beleidigt, bevor er schwankend aufsteht.

"Soll ich mitkommen?", fragt André.

Prüfend mustere ich Arik, der sich in Schlangenlinien zur Tür bewegt. Er ist zwar nicht sonderlich trittsicher, scheint aber auch nicht Gefahr zu laufen, mitten im Gehen umzufallen.

Daher winke ich ab. "Es wird schon klappen", sage ich. "Feier du noch ein bisschen."

Fröhlich schwankt Arik neben mir die Fußgängerzone entlang. Der sonst so ernste Krieger singt lauthals ein Lied, in dem es um Holluks und Ranuns geht, die sich um einen Ganaal streiten. Was auch immer das bedeuten mag. Nichts liegt mir ferner, als jetzt nachzufragen. Solange er brav weitergeht, sind mir auch die Blicke der Passanten egal. Er ist schließlich nicht der einzige Betrunkene jetzt um diese Uhrzeit.

Ohne weitere Vorkommnisse erreichen wir meine Wohnung. Arik stützt sich am Türrahmen ab und schiebt sich hinein. Nach ein paar Stolperschritten lässt er sich rücklings aufs Sofa fallen, breitet die Arme weit neben seinem Körper aus.

Kurz überlege ich, ob ich ihm einen Kaffee anbieten soll, verwerfe den Gedanken wieder. Es ist am besten, wenn er jetzt schläft. Morgen wird es ihm schlecht genug ergehen. Ich gehe ins Bad und krame einen Blister Kopfschmerztabletten heraus.

Als ich wieder in mein Wohn-/Schlafzimmer komme, sehe ich, dass Arik sich seiner Schuhe entledigt hat. Er liegt seitlich mitten auf dem Sofa und stützt seinen Kopf auf den rechten Ellbogen ab.

"Da bist du endlich", sagt er in schmeichelndem Ton. "Ich habe dich schon vermisst."

"Du redest ja wieder ganz normal." Ich lächle ihn an. Anscheinend hat ihm die frische Luft gutgetan.

"Setz dich zu mir." Auffordernd klopft er mit der freien Hand neben sich, während er mir zuzwinkert.

Stirnrunzelnd blicke ich ihn an. Wieso ist er plötzlich so … ich suche nach dem richtigen Wort … anders? Es muss am Alkohol liegen. Ich zucke mit den Achseln und lasse mich neben ihn aufs Sofa plumpsen. Er wird schon nicht versuchen, mich anzugraben.

Leider tut er genau das, indem er mir seinen Arm um die Schultern legt und leise sagt: "Du bist schon ein süßes Ding."

Unwirsch entziehe ich mich seiner Berührung, rücke vorsichtshalber ein Stück zur Seite. "Spinnst du jetzt völlig?", frage ich wenig höflich und tippe mir mit einem Zeigefinger gegen die Stirn.

Arik dreht sich auf den Bauch, stützt sich auf den Ellbogen ab. Ein intensiver Blick seiner tannengrünen Augen trifft mich, der einen Schauder über meinen Rücken laufen lässt. Da auch ich nicht mehr ganz nüchtern bin, schiebe ich das seltsame Gefühl, welches mich plötzlich überkommt, auf den Alkohol.

Der Krieger streckt seinen linken Arm aus, streicht mit dem Zeigefinger federleicht über meine Lippen. Unwillkürlich öffne ich sie ein wenig, nur, um sie gleich darauf fest zusammenzupressen. Was bildet der Kerl sich ein? Bevor ich ihm eine saftige Äußerung entgegenschleudern kann, zieht er seinen Arm wieder zurück. Unvermittelt erschlafft sein ganzer Körper. Sein Kopf fällt seitlich auf eines der Sofakissen. Sekunden später höre ich ein leises Schnarchen.

 

***

 

Am nächsten Morgen erwache ich durch lautes Gepolter. Stöhnend richte ich mich auf der aufblasbaren Matratze auf, die ich statt Arik, wie es eigentlich vorgesehen war, als Nachtlager verwendet habe. Die halbe Nacht habe ich kein Auge zugetan, was nicht nur am lautstarken Geschnarche meines unfreiwilligen Mitbewohners lag. Zugegebenermaßen ging mir auch Arik selbst nicht mehr aus dem Kopf. Wenn ich ehrlich bin, finde ich ihn längst nicht mehr so abstoßend wie zu Beginn. Inzwischen entdecke ich an ihm auch angenehme Züge. Seine Sorge um seine Mutter. Sein fröhliches Lachen, das aus ihm eine richtige Frohnatur macht. Seine Besorgnis um mein Wohlergehen. Und natürlich seine sanfte Berührung. Warum hat er das nur getan? Bestimmt war es die Trunkenheit. Ein wenig genervt, dass mich meine Überlegungen um meinen wohlverdienten Nachtschlaf gebracht haben, blicke ich in Richtung des Lärms.

"Beim Hollukstinker!", flucht Arik lauthals. Er steht neben dem Türrahmen und hält sich eine Hand vor die Stirn. "Jetzt hab ich mir auch noch den Kopf angestoßen! Als ob mein Schädel nicht schon genug wehtäte."

"Was bist du denn auch schon auf?", frage ich nach einem Blick auf die Uhr.

"Ich musste dringend eine gewisse Örtlichkeit aufsuchen." Arik grinst mich schief an und lehnt sich an den Türrahmen. Ihm entfährt ein Schmerzenslaut, worauf er seinen Hinterkopf befühlt. "Warum habe ich da eine Beule?"

"Setz dich erstmal, bevor du wieder umfällst." Einladend deute ich auf die Couch.

Arik reagiert nicht darauf, schaut mich stattdessen entrüstet an. "Ich falle nie um", informiert er mich.

"Das sah gestern aber ganz anders aus", sage ich und kichere bei der Erinnerung daran. Eine Erinnerung, an der es ihm augenscheinlich mangelt.

Es scheint ihm zu dämmern, dass eventuell doch gewisse Gedächtnislücken bestehen könnten, denn er schaut ausgesprochen bedröppelt drein. Zumindest kommt er meiner Aufforderung nach und lässt sich schwer auf das Sofa fallen.

Da ich mich noch gut an meinen ersten Kater erinnern kann, regt sich Mitgefühl in mir. "Ich mach uns erstmal Kaffee, dann erzähle ich dir alles."

Drei Kopfschmerztabletten und zwei Tassen Kaffee später reibt sich Arik die Stirn. "Da hatte ich gestern wohl ganz schöne Ausfallerscheinungen."

"Mhm." Ich verschweige ihm den Lippenberührungsvorfall. Es ist besser, wenn er vom Mantel der Vergessenheit bedeckt wird.

"Musst du heute arbeiten?", fragt Arik.

Ich schüttle den Kopf. "Erst übermorgen wieder. Heute, dachte ich mir, erzähle ich dir mal ein bisschen was von meiner Welt. Du musst dich ja auch ohne mich irgendwie zurechtfinden."

"Da war ja was." Arik zieht eine Grimasse, die auf mich verzweifelt wirkt. "Wieso musste das ausgerechnet mir passieren?"

Aufmunternd lächle ich ihm zu. "Tröste dich, genau das könnte ich mich auch fragen."

Damit entlocke ich ihm zumindest ein kleines Grinsen.

Den restlichen Tag verbringen wir mit diversen Lektionen, in denen ich ihm erläutere, wie es in meiner Welt so zugeht. Dabei erfahre ich auch ein wenig von seiner. Dort ist etwa alles in Klassen aufgeteilt. Es gibt Hatronen, Diener und Namenlose. Und natürlich die Klasse der Krieger, die ein hohes Ansehen genießen. Deren Angehörige haben ebenfalls einen besonderen Status: Sie dürfen die Sonderschule besuchen, um die hohen Künste zu erlernen.

Als ich das höre, muss ich laut lachen. Wenn Tante Marcy das wüsste, würde sie Arik umgehend in eine feste Umarmung ziehen und ihn minutenlang nicht loslassen, so begeistert wäre sie von seiner Anerkennung.

"Hast du eine Ahnung, was ich hier machen soll, solange ich nicht zurück kann?", fragt Arik unvermittelt. "Mir wird schlecht bei dem Gedanken, dass ich immer hier herumsitzen muss und in diesen komischen Fernseher starren."

"Verständlich." Mich schüttelt es. Auch für mich wäre ein zur Untätigkeit verdammtes Leben undenkbar. "Das Problem ist halt, dass du in meiner Welt eigentlich gar nicht existierst. Du bist nirgendwo registriert, kannst nirgendwo deine Personalien angeben, was es mit dem Arbeiten echt schwierig macht. Und", ich hebe einen Zeigefinger, "du verhältst dich wirklich merkwürdig. Du wirst überall anecken und Aufmerksamkeit auf dich ziehen."

"Ich weiß." Arik verzieht das Gesicht. "Anfangs halte ich mich besser nur in deiner Nähe auf. Du kannst mir notfalls helfen." Ein spitzbübisches Grinsen auf den Lippen, sieht er mich bittend an. "Ich kann doch auf dich zählen, oder?"

"Darauf kannst du einen lassen." Noch während ich es sage, meldet sich ein Druck in der Blasengegend, der mich dringlichst die Toilette aufsuchen lässt.

Arik ist auf dem Weg zur Küche, als ich aus dem Bad komme. Ohne es zu wollen registriere ich, wie groß er ist und wie gut er aussieht. In meiner Herzgegend regt sich etwas. Ich will mich gerade ermahnen, mit der Gefühlsduselei aufzuhören, als ich über eine Falte meines quietschgelben Fransenteppichs stolpere. Den Mund zu einem Schrei geöffnet, strecke ich die Arme aus, um meinen Fall abzufangen. Ich komme nicht dazu, denn Arik hechtet in meine Richtung, sodass ich geradewegs in seine Arme sinke. In sehr starke Arme, wohlgemerkt.

Einen Augenblick drückt er mich an seine Brust. Er riecht leicht nach frisch geschnittenem Holz, was wohl seinen Eigengeruch darstellt. Damit vermengt sich sanft, aber unverkennbar, der Rosenduft meines Duschgels. Dies erinnert mich daran, dass ich ihm dringend ein eigenes besorgen muss.

Bevor ich dazu komme, mir im Geiste eine diesbezügliche Notiz zu machen, schiebt er mich von sich, betrachtet eingehend mein Gesicht. Ich fühle, wie sich meine Wangen unter seinem eindringlichen Blick rot verfärben. Mit dem Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand hebt er mein Kinn leicht an, sodass ich gezwungen bin, ihm in die Augen zu sehen, wenn ich nicht schielen will.

Der begehrliche Ausdruck in ihnen nimmt mich gefangen. Selbst wenn ich wollte, könnte ich jetzt nicht mehr wegsehen. Mein Magen zieht sich zusammen, weitet sich wieder, um Platz für eine Horde Glühwürmchen zu machen, die mich von innen erwärmen und ein interessantes Prickeln hervorrufen.

Er neigt den Kopf, kommt meinen Lippen langsam näher. Unwillkürlich halte ich den Atem an. Wie ein hypnotisiertes Kaninchen starre ich ihn an, unfähig, auch nur einen Muskel zu bewegen. Als seine Lippen die meinen berühren, entfährt mir ein leiser Laut. Leicht, federleicht, küsst er mich. Stoßweise atme ich ein, erwidere seinen Kuss, obwohl ich mir gar nicht sicher bin, dass ich es möchte. Seine Berührung geht mir derart unter die Haut, dass ich unfähig bin, mich dagegen zu wehren.

Mit einem Finger streicht er mir über den Mundwinkel, was mich dazu bringt, meine Lippen leicht zu öffnen. Ariks Zunge dringt sanft, aber bestimmt in mich ein, erkundet mich. Hilflos lasse ich es geschehen. Ein Schauder nach dem anderen jagt durch meinen Körper. Instinktiv lasse ich mich auf Ariks Spiel ein, wage den Tanz mit seiner Zunge.

Wie von selbst tastet meine Hand nach seinem Nacken, um ihn näher an mich zu ziehen. Seine Haut fühlt sich samten an; überhaupt nicht rau, wie ich mir die eines Kriegers vorgestellt habe. Immer tiefer versinke ich in einer wattigen Wolke der Begierde.

Abrupt löst sich Arik von mir, schiebt mich ein Stück weg. Es fühlt sich an, als hätte er mir dadurch etwas Wichtiges genommen. Etwas, das über reine Wollust hinausgeht. Am ganzen Körper zitternd stehe ich mit hängenden Armen da und schaue ihn an. Mein Blickfeld hat sich tunnelartig verengt. Ich kann nur ihn deutlich sehen. Alles andere verschwimmt. Warum hat er aufgehört, mich zu küssen?, frage ich mich in einem Anfall von Selbstmitleid.

"Es tut mir leid", flüstert Arik und sieht mich bedauernd an. "Das hätte ich nicht tun sollen."

Statt einer Antwort murmle ich etwas Unverständliches und flüchte mich in die Küche. Dort lehne ich mich gegen den Herd, versuche, mit dem Gefühlschaos, das in mir herrscht, irgendwie klarzukommen. Es hat mir zweifelsohne sehr gut gefallen, dass er mich geküsst hat. Nicht nur mein feuchtes Höschen legt davon Zeugnis ab. Was soll ich jetzt nur tun? Ich kann mich doch nicht mit einem Krieger aus einer anderen Welt einlassen! Will ich das überhaupt? Mein Körper schreit Ja!, doch mein Verstand bringt ihn zur Räson. Nein, ich muss vernünftig sein und unsere Beziehung auf einem platonischen Level halten. Alles andere kann nur schiefgehen.

Ich lache auf. Warum denke ich überhaupt darüber nach? Arik ist zumeist ziemlich nervig und lange Haare mochte ich an Männern sowieso noch nie.

In der kommenden Nacht wälze ich mich schlaflos auf der Couch. An Ariks unregelmäßigem Atem, der von der aufblasbaren Matratze zu hören ist, merke ich, dass auch er wach ist. Doch wir sagen beide kein Wort, hängen unseren Gedanken nach. Ob sich seine auch drehen wie in einem verrückten Karussell? Irgendwann siegt meine Erschöpfung, und ich schlafe ein.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist Arik verschwunden.