7. KAPITEL

Endlich traf ein Bote ein und brachte Nachricht von Alexander MacDougall und dem Earl of Buchan.

Juliana und Mary saßen in der Großen Halle vor dem Kamin und verrichteten Näharbeiten. Roger und Donald waren draußen am Strand und spielten. Der kleine Thomas lag in seiner Wiege und schlief. Plötzlich waren laute Stimmen und schwere Schritte zu hören, und drei Männer kamen herein. Alasdair trat als Erster in den Saal, mehrere Pergamentrollen in den Händen.

Ihm folgten Angus Mor und ein Mann, den Juliana nicht kannte. Der fremde Highlander trug einen karierten Umhang in Rot und Grün – den Farben Buchans.

Die Antwort auf die Lösegeldforderung war endlich eingetroffen. Juliana erhob sich zögernd, vor Aufregung trommelte ihr das Herz gegen die Rippen. Alasdair trat vor sie hin. „Euer Bruder hat uns geschrieben.“

Sie schaffte es kaum, den Blick von ihm zu wenden, als er ihr die Rolle aushändigte, die an sie gerichtet war. „Und ich?“ Mary erhob sich ebenfalls. „Hat William mir geschrieben?“

Aye.“ Alasdair reichte auch ihr eine Pergamentrolle. „Diese hier ist von ihm. Aber ehe Ihr anfangt zu lesen: Buchan hat sich bereiterklärt, das Lösegeld für Euch zu entrichten, Lady Comyn. Ihr werdet vermutlich im Juni freikommen, sobald die Forderung beglichen ist.“

Mary nickte, die Augen groß, die Wangen gerötet. „Juni“, flüsterte sie gedankenverloren. Es war der zweite April.

Juliana riss den Blick von Alasdair los. Bis Juni war es nicht mehr lange hin. Würde sie auch im Juni freigelassen werden? Und wenn – warum fühlte sie sich dann so unerklärlich traurig?

Sie sah zu Mary, die sich wieder gesetzt hatte und in Williams Brief vertieft war. Tränen rollten ihr die Wangen hinunter. Juliana eilte an ihre Seite und ging neben ihr in die Hocke, ihre eigene Pergamentrolle ungeöffnet in der Hand. „Ist alles in Ordnung?“

Mary sah auf, nickte und wischte sich über die Wangen. „Es geht ihm gut. Er vermisst mich. Und die Jungen. Man hat ihn wissen lassen, dass ich bei guter Gesundheit bin. Und er verliert kein Wort über den Krieg, der uns zweifellos in Kürze bevorsteht.“

Er wollte nicht, dass Mary sich Sorgen machte. „Wir haben bald Juni.“ Juliana tätschelte ihrer Schwester die Hand.

„Ich werde William im Juni nicht wiedersehen. Das Kind kommt im Juli. Ich werde nicht mehr reisen können.“

Finster sah Juliana über die Schulter. Alasdair war dabei, den an ihn gerichteten Brief zu lesen, doch als sie sich zu ihm umwandte, blickte er auf. Er wusste, was sie ihm zu signalisieren versuchte – er sollte Mary jetzt gleich freilassen, damit sie ihr Kind zu Hause zur Welt bringen konnte.

„Was schreibt Alexander?“, fragte Mary leise. „Wann kommst du frei?“

Juliana erhob sich, entrollte das Pergament und strich es auf der Tischplatte glatt. Mary rückte einen Kerzenhalter heran, damit sie mehr Licht zum Lesen hatte.

Meine liebe Juliana,

es bedrückt mich zutiefst, dass Alasdair Og es gewagt hat, Lismore in meiner Abwesenheit anzugreifen und Dich und Mary und die Jungen gefangen zu nehmen. Buchan wird das Lösegeld für Mary entrichten, und dafür bin ich ihm dankbar. Die Summe indes, die Alasdair Og für Deine Freilassung fordert, übersteigt meine Mittel, und ich werde unsere Alliierten um Hilfe bitten müssen. Wie lange es dauert, das Geld aufzubringen, weiß ich nicht, aber man sagte mir, dass Du bei guter Gesundheit bist, darum bitte ich Dich um Geduld. Unterdessen halte Gott seine schützende Hand über Dich.

Dein Bruder Alexander MacDougall

Juliana konnte es nicht glauben. Sie sah auf und stellte fest, dass Alasdair sie scharf beobachtete. Ihre Blicke begegneten sich. Für Mary forderte er ein Lösegeld in vernünftiger Höhe und für sie eines, das so hoch war, dass ihr Bruder seine Verbündeten um Hilfe bitten musste? Ihr wurde bewusst, dass sie unkontrolliert zitterte.

„Juliana?“ Mary klang besorgt.

Irgendwie gelang es ihr zu lächeln. „Ich weiß nicht, wann ich freikomme. Alexander hat nicht genug Gold, um das Lösegeld für mich zu bezahlen. Nicht im Augenblick jedenfalls.“

Mary schnappte nach Luft. Sie bedachte Alasdair mit einem scharfen Blick. „Wie viel verlangt Ihr für sie?“

Juliana starrte ihn ebenfalls an. „Ja. Wie viel?“

Alasdair erwiderte ihren Blick ungerührt. „Die Summe, die ich verlange, entspricht genau dem Wert, den Ihr für mich habt.“

Auf einmal hatte Juliana das Gefühl, dass alle Anwesenden in der Halle sie anstarrten … sonderbar wissend anstarrten. Angus Mor wirkte erfreut.

Was war es, das allen außer ihr klar zu sein schien? Und konnte es wirklich sein? Sie war ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass Alasdair ein normal bemessenes Lösegeld fordern würde – und dass sie freikam, wenn es gezahlt war. Nun schien es, als sei ihre Annahme töricht gewesen.

Mary legte den Arm um sie, doch Juliana schüttelte ihn ab. „Ich habe schreckliche Kopfschmerzen. Am besten, ich lege mich einen Moment hin.“ Ohne irgendjemanden anzusehen – und besonders nicht Alasdair –, verließ sie die Halle.

Sie kochte vor Wut, als sie die Treppe hinaufstieg, so sehr, dass sie am ganzen Körper bebte. Hatte er eine exorbitante Summe verlangt, weil er sie nicht freigeben wollte? Um sie als seine Geliebte behalten zu können? War das möglich?

Sie genoss es, das Bett mit ihm zu teilen. Sie genoss seine Gesellschaft, auch außerhalb des Bettes. Sie hatte angefangen, ihn zu mögen, wagte sogar, es sich einzugestehen. Aber sie wäre nie so bereitwillig zu ihm gegangen, wenn sie gewusst hätte, dass der Preis dafür ihre Freiheit war.

Sie hatte ihm vertraut, und er hatte ihr Vertrauen missbraucht.

„Juliana!“

Sie spannte sich an und ging zielstrebig weiter zu Marys Zimmer.

Alasdair folgte ihr in den Raum.

Sie wirbelte herum und hob die Hand zum Zeichen, dass er besser nicht näher kam. „Du hättest eine vernünftige Lösegeldforderung stellen können. Eine, die mein Bruder bezahlen kann.“

„Du bist von großem Wert für mich.“

„Ah, ja. Wir kommen zum Kern der Sache. Ich teile das Bett mit dir, und du willst mich behalten. Für wie lange? Sechs Monate? Ein Jahr? Sechs Jahre?“

Er musterte sie ernst. „Würde es dir wirklich etwas ausmachen?“

„Ich muss nach Hause, Alasdair!“

„Warum? Du bist gern mit mir zusammen, du hast zu essen, du musst nicht frieren, dir fehlt es an nichts.“

Verwundert sah sie ihn an. „Ich bin gern mit dir zusammen, aber ich bin nicht frei.“

„Du kommst jede Nacht freiwillig zu mir.“

Sie lachte unfroh auf. „Alasdair! Ich bin achtzehn! Ich hätte letztes Jahr Lachlan MacRuari heiraten sollen. Ich muss nach Hause, damit eine andere Ehe für mich arrangiert werden kann. Eine gute. Und bald.“

Er verschränkte die Arme vor seiner breiten Brust und sah vor sich hin.

„Ich habe dir zu Unrecht vertraut. Das sehe ich jetzt“, fuhr sie unbehaglich fort, als er nichts sagte.

„Du könntest mich heiraten“, erwiderte er nach einem Moment.

Sie war sicher, sich verhört zu haben.

„Was hast du gesagt?“

„Du könntest mich heiraten“, wiederholte er ungerührt und sah sie durchdringend an.

Sie stand reglos, wagte nicht zu atmen. „Wir sind Feinde“, brachte sie schließlich zustande. „Mein Bruder würde einer solchen Verbindung niemals zustimmen.“

Er zuckte die Schultern, scheinbar gleichgültig, doch der Blick seiner blauen Augen war alles andere als das. „Wir könnten trotzdem heiraten.“

Sie schüttelte den Kopf. „Wenn wir uns ohne seine Zustimmung trauen ließen, würde er nicht eher ruhen, bis er dich getötet hat – oder du ihn.“

Alasdair trat näher. „Ich glaube, du unterschätzt mich. Und deinen Bruder auch.“

„Was meinst du?“

„Wenn er der Heirat zustimmt – würdest du es ebenfalls tun?“

„Er wird nicht zustimmen. Niemals.“ In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie waren Erzfeinde.

Aber Alasdair war kein leichtfertiger Mensch. Die Worte ihrer Schwester hallten in ihrem Kopf wider.

„Du weißt, dass ich mir etwas aus dir mache“, fuhr sie stirnrunzelnd fort. „Auch wenn ich es nicht sollte, nicht nur, weil du meinen Bischof getötet, meine Burg erobert und Achanduin Castle besetzt hast. Oder weil meine schwangere Schwester und ich deine Geiseln sind, Alasdair. Wie viele meiner Verwandten aus dem Dougall-Clan hast du getötet?“

„Ich habe nicht gezählt, wie viele meiner Gegner im Kampf mit mir fielen.“

„Es ist ausgeschlossen, dass eine MacDougall einen MacDonald heiratet“, bekräftigte Juliana noch einmal. Bilder blitzten vor ihrem inneren Auge auf – von ihr, wie sie in Alasdairs Armen lag, von ihm, wie er sie über den Tisch hinweg anlächelte oder wie er mit Roger auf der Bank saß und dem Kind so freundlich davon erzählte, was es hieß, in diesem Alter Geisel zu sein.

„Nichts ist unmöglich“, sagte er in ihre Gedanken hinein.

„Forderst du deshalb ein Lösegeld, das mein Bruder nicht zahlen kann?“

„Aye.“

Er musste verrückt sein – ihr Bruder würde nie zustimmen. Stattdessen würden Alexander und er sich ihretwegen gegenseitig umbringen.

„Wenn dein Bruder der Verbindung zustimmt, stimmst du dann auch zu?“

Sie versteifte sich. Versuchte sich vorzustellen, wie es sein würde, seinen Haushalt zu führen, seine Kinder zu bekommen, darauf zu warten, dass er aus dem Krieg zurückkehrte – dem Krieg gegen ihren Bruder und den MacDougall-Clan. Sie würde um sein Leben bangen, und ebenso um das Leben jedes einzelnen MacDougall auf dem Schlachtfeld.

Wenn Alasdair und sie heirateten – würde er dann immer noch versuchen, ihren Bruder im Kampf zu töten? Würde ihr Bruder immer noch das Schwert gegen ihn erheben?

Standen sie sich nicht unversöhnlich gegenüber? Ihr Bruder gegen Robert Bruce, Alasdair gegen John Balliol? Wie sollte eine so alte Blutfehde jemals ein Ende finden?

„Du antwortest nicht.“ Alasdair maß sie mit einem kalten Blick, wandte sich zum Gehen und verließ das Gemach.

Juliana sah ihm hinterher. In ihrem Kopf drehte sich alles.

Juliana hatte sich auf dem Bett ihrer Schwester zusammengerollt, als Mary, den kleinen Thomas auf dem Arm, die Tür öffnete. Roger und Donald rannten an ihrer Mutter vorbei in den Raum, stießen einen begeisterten Schrei aus, als sie ihrer Tante ansichtig wurden, und sprangen auf das Bett.

„Tante Juliana! Es ist noch zu früh zum Schlafen.“ Donald landete halb auf ihrem Bauch.

Juliana zog ihn und seinen Bruder in ihre Arme und lächelte zu ihrer Schwester empor. „Ich darf mich ausruhen, nicht wahr?“ Sie küsste Donald auf sein rotes Haar und dachte an Alasdairs Antrag.

Das Herz hämmerte ihr in der Brust. Allein die Vorstellung war unerhört, und wenn sie ihn wirklich heiratete, würde es Krieg geben. Aber wünschte sie sich nicht auch zwei Jungen wie Donald und Roger? Und einen starken, gut aussehenden, mutigen Ehemann? Einen, der ihr etwas bedeutete?

Ihr Bruder würde niemals sein Einverständnis geben. Mary legte Thomas in seine Wiege, doch er setzte sich umgehend wieder auf, begann am Daumen zu nuckeln und beobachtete seine Brüder mit großen Augen.

„Bist du krank, Tante Juliana?“, verlangte Donald stirnrunzelnd zu wissen. „Du ruhst dich nie aus.“

„Nein, ich bin nicht krank.“ Sie küsste auch Rogers Scheitel. Im nächsten Moment sprangen beide Jungen vom Bett und sammelten die geschnitzten Holzfiguren ein, die sie auf dem Boden liegen gelassen hatten.

Das Spielzeug, das Alasdair ihnen gegeben hatte. Julianas Herz tat einen Satz, als Mary zu ihr trat und sich auf die Bettkante hockte.

„Was ist los?“, fragte sie leise.

Juliana nahm Marys Hand. „Alasdair will, dass wir heiraten.“

Ihre Schwester erblasste. „Alexander würde nie seine Erlaubnis geben.“

„Das habe ich ihm auch gesagt. Mary, was glaubst du, führt er im Schilde?“

„Er hat dich wirklich gern, aber ich nehme an, es geht ihm um Lismore.“

„Lismore ist das Blutvergießen nicht wert, das zwangsläufig folgen würde, wenn er mich ohne Alexanders Einwilligung heiratet. Und es ist der größte Teil meiner Aussteuer.“

Mary schnappte entsetzt nach Luft. „Hast du das vor? Ohne Zustimmung zu heiraten?“

Juliana schüttelte langsam den Kopf. „Nein, natürlich nicht.“ Sie liebte beide Männer, und sie wollte nicht, dass einer von ihnen starb. Auf einmal wurde ihr etwas klar, das alles unendlich einfach und unendlich kompliziert zugleich machte. „Mary, ich liebe Alasdair.“

Mary zog sie an sich. „Ich weiß. Es ist unübersehbar. Und er liebt dich, daran kann kein Zweifel bestehen. Aber unsere Väter und Großväter lagen im Krieg miteinander, Juliana. Und wir tun es ebenfalls.“

Juliana hörte kaum, was Mary sagte. Sie hatte sich in Alasdair verliebt. Es war wundervoll, es sich endlich eingestehen zu dürfen. Die Erkenntnis schien ihrem Herzen Flügel zu verleihen, doch der hochfliegenden Freude folgte die Verzweiflung auf dem Fuße.

Zwischen ihren Clans würde es nie Frieden geben, und Alexander würde ihre Verbindung nie gestatten. Wenn sie ohne seine Einwilligung heirateten, würde die Blutfehde sich nur verschlimmern, und sie selbst wäre innerlich zerrissen, im Zwist mit ihrer eigenen Familie. Denn wenn sie heirateten, würde sie zu ihrem Gatten halten müssen, und nicht nur gegen Alexander, sondern auch gegen Mary und sämtliche Verwandten der Familie Comyn.

„Ich weiß nicht, was ich machen soll“, flüsterte sie mutlos.

„Du kannst nichts machen, jedenfalls im Moment nicht. Du bist Alasdairs Geisel, und Alexander kann das Lösegeld für dich nicht aufbringen. Vielleicht ist es zu deinem Besten.“

Juliana nickte langsam. Mary hatte recht. Sie war eine Gefangene und Alasdair würde in den Krieg ziehen. Im Augenblick konnte sie nur auf das Ende der Kämpfe warten und beten, dass diejenigen, die sie liebte, die Auseinandersetzung lebend überstanden.

Erschrocken setzte Juliana sich im Bett auf. Sie hatte in Alasdairs Arm gelegen und geschlafen, doch plötzlich war sie erwacht und hatte seine Seite des Betts leer vorgefunden. Dabei war es mitten in der Nacht.

Ein Streifen Mondlicht drang durch einen angelehnten Fensterladen und erhellte das dunkle Gemach gerade so weit, dass sie Alasdair sehen konnte. Er war komplett angezogen und im Begriff, den Raum zu verlassen.

„Alasdair?“

Er wandte sich halb zu ihr um. „Pst. Schlaf weiter. Es gibt nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest.“ Im nächsten Augenblick fiel die Tür hinter ihm zu.

Juliana sank in die Kissen zurück. Sie war hellwach. Was ging hier vor? Warum war er mitten in der Nacht aufgestanden?

Kurz entschlossen glitt sie aus dem Bett, nahm ihren Fellumhang vom Haken und öffnete die Tür.

Von unten drangen Stimmen an ihr Ohr – einige davon kannte sie nicht. Offenbar waren Gäste eingetroffen. Aber mitten in der Nacht? Besuch um diese Zeit verhieß nichts Gutes, er konnte nur schlechte Neuigkeiten bringen.

Sie schlich zurück ins Bett, tat aber kein Auge mehr zu, und als es dämmerte, stand sie auf, wusch sich und schlüpfte in ihre Kleider. Als sie die Große Halle betrat, saßen dort nur ihre Schwester, Lady MacDonald und die Jungen. Ihr Herz tat einen Satz.

„Wo sind die Männer? Die, die letzte Nacht kamen?“ Juliana eilte zum Tisch.

Lady MacDonalds Gesicht wirkte fahl. „Buittle Castle wurde zurückerobert, Juliana. Von Balliol und seinen Anhängern.“ Sie klang beinahe anklagend.

„Unser Bruder kämpfte auf Balliols Seite.“ Marys Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Buchan ebenfalls. Und William.“

„Ein Bote von Bruce traf heute Nacht bei uns ein“, fuhr Lady MacDonald fort. „Sie marschieren nach Wigtown. Bruce will die Stadt halten, und wir helfen ihm.“

Juliana wurde schwindlig, und sie musste sich an der Tischkante festklammern, um nicht umzukippen. Hatte sie nicht geahnt, dass ein solcher Tag kommen würde? Der Tag, an dem Alasdair gegen ihre Familie in den Kampf zog?

Gegen John Balliol, den Earl of Buchan, gegen William, ihren Bruder und so viele andere Krieger, die angetreten waren, die königliche Garnison von Wigtown zurückzuerobern. Bruce würde seine Eroberung verteidigen, und dazu brauchte er seine Verbündeten – Angus Mor und dessen Söhne. Kraftlos ließ sie sich auf einen Stuhl sinken. „Wo ist Alasdair?“

„Er trifft Vorbereitungen für den Aufbruch“, antwortete Lady MacDonald düster. „Und mein Gatte begleitet ihn. Er ist alt und sollte seinen Söhnen das Kämpfen überlassen, doch sein Entschluss ist unumstößlich.“ Sie war den Tränen nahe. „Denn in Wahrheit liebt er den Krieg. So war es immer und so wird es immer sein.“

Mary nahm Lady MacDonald in den Arm und warf Juliana einen angstvollen Blick zu. „William begleitet seinen Vater, Juliana. Er hat in Buittle mitgekämpft, und in Wigtown wird er es auch tun.“

Juliana fühlte sich sterbenselend. Sie wusste, was Mary ihr sagen wollte. Alasdair würde gegen William kämpfen, ihren Gatten, den Vater ihrer Kinder. Es war entsetzlich. „Wann brechen sie auf?“, schaffte sie es zu fragen.

„Um Mittag wollen sie auf dem Weg sein“, erwiderte Lady MacDonald grimmig.

Juliana sprang auf und lief aus der Halle, eilte zum Eingang und durch die schwere Eichentür nach draußen. Es war ein herrlicher Morgen Ende April, doch sie bemerkte es kaum. Sie hatte nur Augen für die bewaffneten Hochlandkrieger, ihre Schlachtrösser und den Tross von Fuhrwerken, mit dem Belagerungsgerät und die Katapulte transportiert wurden. Die Streitmacht, die sich sammelte, um loszumarschieren.

„Hältst du nach mir Ausschau?“, hörte sie plötzlich Alasdairs Stimme hinter sich.

Sie wirbelte herum. „Wolltest du aufbrechen, ohne dich von mir zu verabschieden?“

Er lächelte, hakte die Brosche seines Umhangs auf und legte ihn ihr um die Schultern. „Ich würde nie gehen, ohne dir Auf Wiedersehen gesagt zu haben“, versicherte er ihr leise.

Sie hätte ihn schlagen können. „Was habt ihr vor?“

Er wurde ernst, nahm sie bei der Hand und zog sie aus dem Getümmel in eine ruhige Ecke. „Buittle ist gefallen. An deinen Bruder und Buchan und ihre Verbündeten. Bruce braucht uns in Wigtown, Juliana.“

Sie umklammerte sein Handgelenk. „Werdet ihr in der Lage sein, das Kastell zu halten?“ Im Winter hatte Bruce es den Engländern abgenommen. „König Edward ist sicher schon auf dem Weg dorthin. Es ist eine Festung der Krone, und er will sie zurück.“

Alasdair zögerte. „Ja, die Engländer werden gegen uns aufmarschieren.“

Die Streitmacht der Engländer war gewaltig. „Alasdair! Habt ihr überhaupt eine Chance gegen sie?“

„Ich ziehe nicht in den Krieg, um ihn zu verlieren, Juliana.“ Er klang fast feierlich. „Aber was du wissen solltest, ist dies: Wir warten schon den ganzen Monat auf Verstärkung aus Irland, aber de Burgh hat uns im Stich gelassen. Er schickt keine Truppen. Und um die Sache noch schlimmer zu machen – im Winter konnten wir noch auf die Unterstützung des Verwalters von Schottland zählen, doch er ist zu König Edward übergelaufen.“

„Ihr führt einen völlig aussichtslosen Aufstand gegen halb Schottland und England?

„Bruce hat einen berechtigten Anspruch auf die schottische Krone.“

„Balliol nicht minder. Und Alexanders Enkelin ebenfalls!“

Alasdair zog sie dichter zu sich. „Der Kampf ist noch nicht verloren. Schottland braucht einen König auf dem Thron, kein kleines Mädchen.“

Doch er hörte sich wenig zuversichtlich an, und Juliana hatte Angst um ihn. Sie umfasste sein Gesicht mit beiden Händen. „Marys Ehemann war in der Schlacht um Buittle dabei. Er wird auch in Wigtown dabei sein. Genau wie mein Bruder.“

„Ich weiß. Aber so ist der Krieg.“ Alasdair nahm sie in die Arme und küsste sie. „Ich werde dich vermissen, Juliana.“

Sie konnte kaum sprechen. „Komm heil zu mir zurück, hörst du?“ Noch nie hatte sie etwas so ernst gemeint.

Seine Augen weiteten sich. „Soll das heißen, du wartest auf mich?“

Sie schüttelte langsam den Kopf. „Habe ich denn eine Wahl?“

„Deine Schwester kann gehen. Und du kannst sie begleiten, wenn du es wünschst.“

Juliana war sprachlos. Sie brauchte einen Moment, ehe sie wieder sprechen konnte. „Wurde das Lösegeld für Mary gezahlt?“

Alasdair schüttelte den Kopf, ließ sie nicht aus den Augen.

Eine aufgeregte Vorfreude durchlief Juliana, trotz der albernen Angst, die sie hatte. Alasdair ließ Mary ohne Lösegeld frei, damit sie ihr Kind zu Hause zur Welt bringen konnte. „Ich bedeute dir etwas.“

„Du bedeutest mir etwas, ja. So viel, dass ich deine Schwester gehen lasse, wie es dein Wunsch war, so viel, dass ich dich freigebe, Juliana.“

Erst jetzt wurde ihr klar, dass ihre Affäre vorbei war. Dass sie keine Wahl hatte, weil sie nicht auf Dunyveg bleiben konnte – als Mätresse, die auf die Heimkehr ihres Geliebten wartete. „Wann werde ich dich wiedersehen?“

„Ich weiß nicht, wie lange die Kämpfe dauern werden. Wenn Atholl und Lennox sich mit uns verbünden, könnten sie sich gut und gern bis zum kommenden Winter hinziehen.“

„Bis zum Winter!“, flüsterte sie erschrocken.

Er lächelte träge. „Du wirst mich vermissen?“

Sie nickte, biss sich auf die Unterlippe. Tränen brannten ihr in den Augen. „Sehr.“

Ihr wurde bewusst, dass sie sich ein Leben ohne Alasdair gar nicht mehr vorstellen konnte. „Was machen wir, wenn du zurückkehrst?“

„Wolltest du nicht dem Wunsch deines Bruders entsprechen und heiraten?“

Sie holte tief Luft. „Dann ist es also vorbei? Einfach so? Gleich brichst du auf, und ich werde nie wieder in deinen Armen sein?“

Er presste sie an sich. „Wenn der Krieg vorbei ist, bitte ich deinen Bruder um deine Hand. Heiratest du mich, wenn er einwilligt?“

„Das wird er nicht tun.“

„Aber wenn, sagst du Ja?“

Sie nickte. Tränen liefen ihr über die Wangen.

Seit Menschengedenken steckte Schottland in Kriegswirren, und Alasdair und sie standen bei den Kämpfen auf gegnerischen Seiten. Trotzdem konnte sie sich gut vorstellen, mit ihm verheiratet zu sein, vereint in ihren Interessen, in ihrer Liebe. Zusammen würden sie alle Schwierigkeiten, die sich ihnen in den Weg stellten, mühelos meistern. Sie würden treue Verbündete sein, bis der Tod sie entzweite.

Aber Alexander würde der Verbindung niemals zustimmen. Woher Alasdair die Zuversicht nahm, ihren Bruder umstimmen zu können, war ihr schleierhaft. Sie hatte Angst, dass eine anderweitige Heirat für sie schon arrangiert war, wenn sie nach Hause kam.

„Gott schütze dich, Alasdair“, wisperte sie an seiner Brust.

Er küsste sie besitzergreifend. „Ich ziehe als glücklicher Mann in den Krieg.“