Wie sehr hätte sie sich gewünscht, einen Spiegel zu haben!
Auf der Schwelle zu dem Gemach, das sie von jetzt an mit Mary und den Knaben teilte, blieb Juliana stehen. Sie fühlte sich zerzaust und unordentlich und hatte Sorge, dass ihr Erscheinungsbild ihren Fehltritt verriet. Mary würde ihr Verhalten missbilligen, wenn sie je herausfand, was ihre Schwester getan hatte. Schlimmer noch, sie wäre tief enttäuscht. Daran, wie ihr Bruder reagieren würde, wenn er je von ihrem Treuebruch erfuhr, wagte Juliana nicht einmal zu denken.
Vorsichtig öffnete sie die Tür und spähte in den Raum.
Die Jungen lagen schlafend im Bett, eine Felldecke war über sie gebreitet, unter der sie alle drei Platz fanden. Mary stand beim Feuer und wärmte sich die Hände. Sie drehte sich um, als Juliana eintrat. „Wo warst du so lange?“
Sie konnte nicht behaupten, dass sie die vergangene Stunde damit verbracht hatte, Alasdair um die Freilassung Marys und ihrer Kinder zu bitten. „Erst habe ich mit Alasdair gesprochen und anschließend mit seiner Mutter“, log sie unbehaglich. Sie senkte den Blick und hoffte, dass sie nicht errötet war. Wie es ihr gegen den Strich ging, ihre Schwester zu täuschen! Mary sagte nichts.
Juliana sah auf. Sie bemerkte das hölzerne Servierbrett auf der Truhe, die leer gegessenen Teller darauf. Wenn Alasdairs Mutter das Abendessen persönlich heraufgebracht hatte, war ihre Lüge aufgeflogen.
„Was hat er gesagt?“ Mary wandte sich um. „Wenn ich überhaupt fragen darf.“
„Er lässt dich und die Jungen frei, sobald das Lösegeld bezahlt wird“, erwiderte Juliana rasch.
„Und dich?“
Juliana zuckte zusammen, rief sich den genauen Wortlaut in Erinnerung. Von einem Lösegeld für sie oder ihrer Freilassung hatte er nichts erwähnt. „Natürlich werde ich auch freikommen“, antwortete sie langsam. Doch noch während sie sprach, stieg die Erinnerung an die schockierend hemmungslose Leidenschaft, die sie mit Alasdair geteilt hatte, in ihr auf, und plötzlich wurde sie unsicher. Hatte sie nicht bereits auf Lismore geahnt, dass er ihretwegen zurückgekommen war und Coeffin Castle angegriffen hatte?
„Was ist mit dir?“
Sie zwang sich zu lächeln. „Nichts. Ich bin nur beunruhigt … und müde.“ Wahrscheinlich bildete sie sich das alles nur ein. Er hatte Coeffin Castle nicht angegriffen, um sie in seine Gewalt zu bringen, sondern als Vergeltungsschlag gegen ihren Bruder.
„Vielleicht solltest du dich ausruhen.“
„Das werde ich. Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich am Abendessen in der Großen Halle teilnehme?“
„Aber nein.“ Mary musterte sie nachdenklich. „Sei vorsichtig, Juliana“, sagte sie nach einem Moment.
Juliana lächelte und wandte sich zum Gehen. Als sie die Tür hinter sich schloss, verblasste ihr Lächeln. Ihre Schwester wusste, was passiert war. Daran konnte kein Zweifel bestehen.
Auf der Schwelle zur Großen Halle blieb Juliana stehen und ließ den Blick durch den Saal schweifen.
Alasdair saß auf dem Platz neben seinem Vater, und als sie ihn ansah, begann ihr Herz schneller zu klopfen. Kein Wunder, dass sie sich ihm hingegeben hatte – er war unglaublich stark und attraktiv. Sie konnte es nicht mehr leugnen.
Er aß mit großem Appetit, während sein Vater etwas zu ihm sagte. Angus Mor sah aus wie eine ältere Version seines Sohnes – ein muskulöser Hüne mit hohen, wie gemeißelt wirkenden Jochbeinen, dessen langes Haar ergraut war. Er trug den blau und rot karierten Umhang des MacDonald-Clans um die Schultern. Eine Goldbrosche hielt ihn auf seiner Brust zusammen. Auch Lady MacDonald saß an der Tafel, außerdem mehrere Hochlandkrieger, die Juliana alle schon einmal gesehen hatte.
Angus Mor unterbrach sich, als er ihrer ansichtig wurde, und als er schwieg, verstummten die anderen ebenfalls und wandten sich zu ihr um. Alasdair sprang so schnell von seinem Stuhl auf, dass es beinahe komisch wirkte. „Lady Juliana.“
Sie merkte, dass sie errötete, als sie seinem brennenden – nein, schlimmer: seinem warmherzigen – Blick begegnete. „Ich störe“, brachte sie verunsichert zustande.
„Unsinn“, ließ Lady MacDonald sich umgehend vernehmen. Sie erhob sich und kam um die Tafel herum auf sie zu. Alasdair blieb stehen und starrte sie reglos an. „Ich habe Lady Comyn und den Kindern ihr Abendessen hinaufgebracht.“ Lady MacDonald lächelte. „Ich wusste nicht, ob Ihr mit ihnen oder mit uns essen würdet.“
Fragte auch sie sich, wo Lady Comyns Schwester die vergangene Stunde gewesen war? Juliana mied Alasdairs Blick, sah jedoch aus dem Augenwinkel, dass er sich setzte. Und die ganze Zeit gingen ihr die Bilder ihrer leidenschaftlichen Begegnung nicht aus dem Sinn.
„Ihr kennt meinen Gatten noch nicht“, sagte Lady MacDonald in ihre Gedanken hinein.
Angus Mor erhob sich zwar nicht, doch er lächelte. „Willkommen auf Dunyveg, Lady Juliana.“
Juliana begegnete dem Blick seiner blauen Augen, die sie einer kühlen Begutachtung unterzogen. Angus war der Herrscher der Inseln und der ärgste Feind ihres Bruders. Im Unterschied zu seinem Sohn empfand er weder Bewunderung noch Zuneigung zu ihr.
Schon als kleines Kind hatte sie gewusst, wie gefährlich er war, und ihr Bruder und er lagen bis auf einen kurzen Waffenstillstand vor ein paar Jahren, als sie gemeinsam gegen König Alexander gekämpft hatten, praktisch seit sie denken konnte, ununterbrochen im Krieg. „Mylord“, begrüßte sie ihn unbehaglich und fragte sich, warum sie nicht auf ihrem Zimmer geblieben war.
„Alasdair sagte mir, Ihr seid eine furchtlose Frau.“
„Im Gegenteil. Ich habe große Angst.“
Er überging ihre Antwort. „Nehmt Platz, Lady Juliana.“
Juliana tat, wie ihr geheißen. Lady MacDonald saß zwischen ihr und Angus Mor, Alasdair ihr gegenüber. Sie warf ihm einen verstohlenen Blick zu und merkte, dass er sie unverhohlen anstarrte.
„Wie geht es dem Lord of Lorn, Lady Juliana?“
Bei Angus Mors Frage spannte sie sich an. „Ich weiß es nicht, da ich ihn seit über einer Woche nicht gesehen habe.“
„Richtig. Er ritt seinen Angriff auf meinen Sohn von Dunstaffnage aus, und jetzt befindet er sich auf dem Weg nach Lochaber.“
Sie krümmte sich innerlich. Wie konnte Angus Mor davon wissen? „Lasst Ihr uns ausspionieren?“
„Ihr uns nicht?“, fragte er zurück.
Angus Mor machte ihr Angst, auf eine ganz andere Art als sein Sohn. Ein Zittern durchlief sie.
„Juliana kann nicht wissen, ob ihr Bruder Spione bei uns eingeschleust hat“, schaltete Alasdair sich ein.
Sie fuhr zusammen bei der Härte in seiner Stimme. Ihr Blick flog zu ihm. Verteidigte er sie tatsächlich vor seinem Vater?
„Es kann nicht schaden zu fragen. Du solltest ihre Namen fordern, als Teil des Freikaufs“, erwiderte Angus Mor ausdruckslos.
Alasdair nickte langsam. „Ich werde es mir überlegen.“
Juliana sah ihn an, dann seinen Vater. Ihr war nicht bewusst gewesen, dass Alasdair seine Angelegenheiten unabhängig von seinem Vater regelte. Und dass es Spannungen zwischen den beiden Männern gab, eine Art von Rivalität. Aber Angus Mor war ein alter Mann – er musste weit über fünfzig sein –, während sie Alasdair auf Ende zwanzig schätzte. Er war reif genug, um den Donald-Clan zu führen. Und er wollte es sicher auch.
„Warum esst Ihr nicht, Juliana?“
Es überraschte sie nicht, dass er sie wieder mit dem förmlichen „Ihr“ ansprach, wohl aber, dass er sie fragte. Man hatte einen reichlich gefüllten Holzteller vor sie hingestellt, doch ihr war der Appetit vergangen.
Alasdair betrachtete sie als Geisel und bewunderte sie als Frau. Und sie waren Liebende. Sie mochte seine Gefangene sein, doch er würde ihr nichts Böses tun. Dieses Vertrauen hatte sie in seinen Vater nicht.
Sie bemerkte, dass Angus Mor sie anstarrte, und begann zu essen.
Roger und Donald stürmten von einem Ende des Korridors zum andern und wieder zurück, jagten einander unter lautem Gekreische. Es war Mittag, und die Jungen hatten den ganzen Morgen, seit sie erwacht waren, im Zimmer verbracht. Dennoch ermahnten Juliana und Mary die beiden, leise zu sein, da sonst zu befürchten stand, dass alle in der Burg sich beschweren würden.
„Donald! Roger! Hört auf, euch wie unzivilisierte Wilde zu benehmen!“ Mary bekam Roger beim Ärmel zu fassen.
Juliana erwischte Donald am Rückenteil seiner Tunika und hielt ihn fest. „Wir sind Gäste auf Burg Dunyved“, sagte sie ernst und sah auf, weil sie Schritte hörte. Ein Knabe von schätzungsweise sieben oder acht Jahren kam die Treppe herauf. Donald nutzte den Moment ihrer Unaufmerksamkeit, riss sich los und rannte fort, während der fremde Junge vor ihr stehen blieb und sie herablassend musterte. „Ihr seid keine Gäste“, erklärte er kühl. „Sondern Geiseln, sagt Alasdair.“
Juliana betrachtete den kleinen Burschen verblüfft. Er war unverkennbar mit Alasdair verwandt, und nicht nur wegen seines Gebarens. Mit seinem dunklen Haar und den hellblauen Augen sah er aus wie eine jüngere Version von ihm.
„Und wer könntest du wohl sein?“ Sie schlug einen bewusst gebieterischen Ton an und setzte hinzu: „Ich bin Lady Juliana MacDougall.“
„Und ich bin Alexander – der zweite Alexander.“ Wieder hörte Juliana sich nähernde Schritte.
Alasdair erschien am Treppenabsatz. „Wie ich sehe, habt Ihr meinen kleinen Bruder Alexander kennengelernt. Wir nennen ihn den jungen Wolf.“ Lächelnd trat er zu ihnen und zerzauste dem Jungen das Haar. „Selbst du musst Gefangenen gegenüber freundlich sein – besonders, wenn es sich um eine Dame handelt.“
Der Junge zuckte die Schultern und duckte sich unter Alasdairs Hand fort. Wie ein Wirbelwind rannte er die Treppe hinunter.
Plötzlich standen sie einander gegenüber, und Juliana war sich Alasdairs Nähe mit jeder Faser bewusst. Ihr Herz fing an, schneller zu klopfen.
„Ihr seid früh gegangen gestern Abend“, sagte er leise.
Sie war regelrecht geflohen, nachdem sie das Mahl beendet hatte. Nur um sicherzustellen, dass sie auch wirklich in ihrem eigenen Bett übernachtete.
„Jagt mein Vater Euch Angst ein?“
„Ja“, antwortete sie vorsichtig.
Ihre Blicke verfingen sich ineinander, doch plötzlich trat Mary zu ihnen, Roger an der einen und Donald an der anderen Hand.
Sie sah zwischen Juliana und Alasdair hin und her. „Guten Tag“, begrüßte sie Alasdair schließlich.
Er lächelte. „Ich hoffe, Ihr habt gut geschlafen. Und Ihr braucht die Jungen nicht einzusperren. Nehmt einen meiner Wachsoldaten mit und geht hinaus in den Burghof oder an den Strand.“
„Ich danke Euch.“ Mary wandte sich an ihre Söhne. „Lauft aufs Zimmer und sagt Elasaid, sie soll euch eure Umhänge anlegen.“
Als die Kinder außer Hörweite waren, trat sie näher zu Juliana – beinahe so, als wolle sie sie beschützen. „Wann werdet Ihr die Lösegeldforderungen losschicken?“
„Der Bote verlässt Dunyved noch heute Nachmittag.“ Alasdair krauste die Stirn. „Ich bin dabei, die Botschaft zu verfassen.“
„Ihr verlangt Lösegeld für uns beide?“ Juliana musterte ihn skeptisch.
Er lächelte sie an. „Wieso zweifelt Ihr daran?“
Sie hätte ihm am liebsten gegen das Schienbein getreten. „Ich traue Euch nicht.“
„Keine Sorge, Lady Juliana, ich schreibe beiden, Comyn und MacDougall. Ich könnte Euch nicht hier behalten, ohne Lösegeld zu verlangen.“
Genauso war es. Wenn er sie einfach gefangen hielte, ohne die Möglichkeit zum Freikauf anzubieten, würde das eine umso blutigere Fehde nach sich ziehen. „Und werdet Ihr dem Vorschlag Eures Vaters folgen und die Namen der Spione fordern?“
Er lächelte träge. „Ja. Als Zeichen guten Willens.“
Das Herz wurde Juliana schwer. Es dauerte Monate, bis Lösegelder gezahlt wurden, mitunter Jahre, wenn die Summe entsprechend hoch war. Doch die Forderung, die Namen der Spione preiszugeben, würde ihren Bruder erzürnen und die Dinge schwieriger machen.
„Willst du mit uns spazieren gehen?“, fragte Mary in ihre Gedanken hinein.
Juliana zögerte. Wenn ihre Schwester eine Zeitlang nicht da war, konnte sie tun, was sie wollte. Eine Erinnerung zuckte in ihr hoch – an Alasdairs Umarmung. Was war bloß los mit ihr? Sie hatten eine Stunde miteinander verbracht, und ein solches Stelldichein würde sich nicht wiederholen. Denn Alasdair mochte sie bewundern und sie begehren, doch er war gnadenlos. Davon hatte sie sich selbst überzeugen können, und sie würde sich etwas vormachen, wenn sie glaubte, er würde sie beschützen, wenn es darauf ankäme. Oder vergessen, dass sie MacDougalls Schwester war. Er war kein bisschen anders als Angus Mor.
„Selbstverständlich begleite ich euch.“ Ohne Alasdair eines weiteren Blickes zu würdigen, drehte Juliana sich um und eilte davon.
Juliana trat in die Große Halle. Ihre Schwester, Elasaid und die Jungen saßen mit Lady MacDonald und Alasdairs Bruder, dem jungen Wolf, an der langen Tafel. Während die Frauen sich unterhielten, fochten die Jungen einen lautstarken Streit aus. Juliana konnte sich lebhaft vorstellen, worüber. Doch da der kleine Alexander sich ihren Neffen gegenüber freundlich verhielt, lächelte sie.
Von den Männern war keiner anwesend.
Plötzlich war aus der von zwei mächtigen Türmen flankierten Eingangshalle Tumult zu vernehmen. Männerstimmen, schwere Schritte, das Klirren von Kettenhemden, zuschlagende Türen und knallend einrastende Riegel. Juliana eilte durch den Korridor zurück und spähte um die Ecke in den Eingangsbereich.
Eine größerer Gruppe Männer stand in der Mitte des Raumes, schüttelte sich den Schnee von den Fellumhängen. Sie wusste, dass Alasdair unter ihnen war, weil sie seine Stimme erkannt hatte. Im nächsten Moment entdeckte sie ihn. Er umarmte einen der Neuankömmlinge – einen Mann, der genauso hünenhaft und muskulös war wie er selbst, mit dem gleichen dunklen Haar und einem blau und rot karierten Wolltartan unter dem Fellumhang.
Sie nahm an, dass es sich um seinen Bruder, Angus Og, handelte, der soeben mit seinen Männern auf Dunyved eingetroffen war, dem Schnee und der späten Stunde zum Trotz. Angus Mor drängte sich durch die Menge und ergriff seinen Sohn bei der Schulter. „Du kommst spät“, sagte er freundlich.
„Einen guten Abend, Vater“, erwiderte Angus Og die Begrüßung. „Im Osten gab es heftige Schneefälle.“
Als er sich umwandte, konnte Juliana sein Gesicht sehen, das ihn unzweifelhaft als Alasdairs Bruder auswies. Er hatte die gleichen hohen, wie gemeißelt wirkenden Wangenknochen, die gleichen blauen Augen, das gleiche energische Kinn und sogar das gleiche prächtige schwarze Haar. „Konntest du Lennox dafür gewinnen, Bruce zu unterstützen?“, erkundigte Angus Mor sich gespannt.
Angus Og nickte. „Der Earl of Lennox hat sich Bedenkzeit erbeten und zugesagt, in spätestens zwei Wochen eine Entscheidung zu fällen – vor seinem Treffen mit Menteith.“
„Ohne den Rückhalt Lennox’ und Atholls werden wir Bruce nie auf den Thron bringen können“, sagte Angus Mor grimmig.
„Vielleicht sollte ich Atholl aufsuchen.“ Alasdair wirkte genauso düster wie sein Vater. „Ich warte schon viel zu lange auf seine Antwort.“
Angus Mor machte ein finsteres Gesicht. „Hält man uns etwa zum Narren? Glauben sie, mit John Balliol fahren sie besser?“
„Es gibt noch mehr Neuigkeiten.“ Wut flackerte in Angus Ogs blauen Augen auf. „Richard de Burgh hat es nicht pünktlich zur Ratssitzung geschafft. Er schickte Nachricht, dass er aufgehalten wurde.“
Eine verblüffte Stille senkte sich über den Raum.
Julianas Gedanken überschlugen sich. Es war nicht ihre Absicht gewesen zu lauschen, doch was sie gerade vernommen hatte, mochte sich als wertvolle Information für ihren Bruder erweisen. Sie konnte sich weder vorstellen, dass es den MacDonalds gelang, die Earls of Lennox und Atholl für ihre Ziele zu gewinnen, noch, dass der irische Magnat de Burgh auf ihrer Seite stand, aber sie wusste, dass sie sich besser zurückzog, ehe man sie entdeckte.
Sie wandte sich zum Gehen, doch in diesem Moment sah Alasdair in ihre Richtung. Als er ihrer ansichtig wurde, weiteten sich seine Augen ungläubig.
Sogleich blickte auch Angus Mor in ihre Richtung, und dann wandte Angus Og sich um und folgte dem Blick seines Vaters und seines Bruders.
Juliana erstarrte und sah Alasdair, der mit weit ausgreifenden Schritten auf sie zukam, furchtsam entgegen. „Lady Juliana?“, sprach er sie an.
Sie begegnete seinem Blick, sah die Warnung darin. „Ich habe Stimmen gehört. Eure Mutter wünscht Eure Anwesenheit …“ Oh Gott, wie wenig überzeugend hörte sich das denn an! Sie schluckte schwer. „Ich versprach ihr, Euch zu suchen.“
Angus Mor kam auf sie zu, seine Miene verschlossen und hart, der Ausdruck seiner Augen eisig. „Schon wieder ein frecher Spion unter uns?“ Er wandte sich zu Alasdair um. „Führt sie dich an der Nase herum, Alasdair? Ist sie womöglich gar nicht deine Gefangene? Bist du am Ende vielmehr gefangen von ihr? Hat sie dich so betört, dass du nicht erkennst, dass sie eine Spionin ist?“ Juliana krümmte sich innerlich. Ihr Blick flog zu Alasdair, der aussah, als schäume er vor Wut.
„Ich bin kein liebestrunkener Narr, und ich werde es niemals sein. Und sie ist keine Spionin, sondern meine Geisel.“
„Du tätest gut daran, das sicherzustellen.“ Zornig wandte Angus Mor sich um und ging davon.
Ein Zittern überlief Juliana, als sie mit den beiden Brüdern allein dastand. Angus Og musterte sie – weniger feindselig als vielmehr voller Neugier. Dann nickte er kurz und folgte seinem Vater in die Große Halle.
In Erwartung eines Zornesausbruchs hob Juliana den Blick zu Alasdair. Seine Miene wirkte ebenso verschlossen und hart wie die seines Vaters. „Über Euer Verhalten sprechen wir später“, beschied er knapp. „Geht zurück in die Halle.“
Juliana nickte und beeilte sich, seinem Befehl Folge zu leisten. Angus Mor hatte an der langen Tafel Platz genommen. Er wirkte erbittert, schaufelte sein Mahl schweigend in sich hinein. Angus Og drückte seine Mutter an sich, dann nahm er zwischen ihr und seinem Vater Platz. Mary und die Jungen hatten sich auf der anderen Seite des Tischs niedergelassen. Juliana wich dem fragenden Blick ihrer Schwester aus und quetschte sich auf die Bank neben ihre Neffen, so weit entfernt von Angus Mor wie nur möglich.
Grundgütiger, wie sehr sie wünschte, nicht an diesem Tisch sitzen zu müssen! Rasch fühlte sie ihren Holzteller mit Fisch und Wildbret. Tränen stiegen ihr in die Augen.
Was hatte sie bloß unbeabsichtigt angerichtet? Es war eine Sache, Alasdairs Gefangene zu sein; eine ganz andere, die seines Vaters. Alasdair war und blieb ein Feind, doch verglichen mit Angus Mor war er vernünftig und gerecht. Und sein Interesse an ihr reichte weiter als das eines Geiselnehmers an seiner Gefangenen.
Sie hatte Angst, dass Angus Mor sich einmischte und Anspruch auf sie erhob. Auf Gnade vonseiten des alten Mannes konnte sie nicht hoffen. In seinen Augen war sie die Schwester seines Erzfeindes und sonst gar nichts, ein Unterpfand, das es rücksichtslos zu nutzen galt.
Alasdair betrat die Halle. Juliana vermied es, in seine Richtung zu blicken. Doch er setzte sich nicht zu seinen Eltern und seinem Bruder, sondern ging um den Tisch herum und nahm neben ihr auf der Bank Platz. Ohne sie oder irgendjemanden sonst anzublicken, lud er sich Wildbret auf seinen Teller und begann schweigend zu essen.
Sein Verhalten war eine klare Aussage. Sie war seine Gefangene, und er machte deutlich, dass daran kein Zweifel bestehen konnte. Und gleichzeitig fühlte es sich so an, als habe er seinen Anspruch auf sie deutlich gemacht. Als wolle er zeigen, dass sie unter seinem Schutz stand.
Eigentümlicherweise fühlte sie sich von seiner Geste getröstet.
Immer noch finster schweigend, verzehrte sein Vater sein Essen. Er kochte vor Zorn, das war unübersehbar.
Juliana versuchte zu essen, doch sie brachte keinen Bissen hinunter. Schließlich brach Angus Og das Schweigen. Er wandte sich an seinen Vater und erzählte ihm von einer Fehde, bei der es um Ländereien in der Gegend von Jute ging. Angus Mor schenkte seinem jüngeren Sohn seine volle Aufmerksamkeit, stellte Fragen zu dem Streit, und Juliana verspürte einen Anflug von Erleichterung. Hoffentlich fiel sie dem Clananführer nicht noch einmal unangenehm auf.
Als das Abendessen zu Ende war und alle einander Gute Nacht gesagt hatten, eilten Juliana und Mary, die Jungen vor sich her scheuchend, hinauf in ihr Zimmer. Donald und Roger stürmten in das Gemach, doch Mary ergriff Julianas Hand und hielt sie zurück. „Was geht hier vor?“ Obwohl ihre Stimme ruhig klang, war ihr die Anspannung anzuhören. „Hast du dich mit Angus Mor gestritten?“
Juliana schüttelte den Kopf, hielt jedoch inne, als sie aus dem Augenwinkel wahrnahm, dass Alasdair auf sie zukam. Mary drehte sich um und folgte ihrem Blick.
„Nein, sie hat sich nicht mit meinem Vater gestritten“, beantwortete er ihre Frage. „Sondern ihn ausspioniert.“
Mary schnappte nach Luft.
„Juliana, ich möchte Euch sprechen.“
Juliana versteifte sich. „Können wir nicht morgen reden?“
Alasdair fasste sie am Arm. Sein Griff war fest wie ein Schraubstock. „Nein. Wir unterhalten uns jetzt gleich.“ Er warf Mary einen kühlen Blick zu. „Gute Nacht.“
Mary rührte sich nicht vom Fleck, aus weit aufgerissenen Augen verfolgte sie das Geschehen. Sicher nahm sie an, dass Juliana in Schwierigkeiten steckte. Vielleicht war sie sogar in Sorge, was Alasdairs letztendliche Absichten betraf.
„Gute Nacht, Lady Comyn“, wiederholte Alasdair fest.
Mary schlang die Arme um Juliana und drückte sie an sich. „Bitte, pass auf dich auf!“, flüsterte sie erstickt. Dann verschwand sie in ihrem Zimmer.
Ohne zu zögern schloss Alasdair die Tür hinter ihr, warf Juliana einen flüchtigen Seitenblick zu und zog sie mit sich den Korridor entlang. Sie musste laufen, um mit ihm Schritt zu halten.
Sie betraten sein Schlafgemach, und er schloss die Tür. Dann erst ließ er sie los, ging zum Kamin und schürte das Feuer. Bald züngelten helle Flammen in den Rauchfang hinauf.
Juliana biss sich auf die Unterlippe. Er war wütend auf sie, und sie machte sich auf einen Zornesausbruch gefasst, doch ihr war auch klar, wie er die Nacht zu beenden gedachte. Das Wissen darum ließ ihr Blut lodernd durch die Adern kreisen, obwohl sie genau wusste, dass sie ihm nicht nachgeben durfte. Er richtete sich auf, drehte sich zu ihr um und legte seinen Umhang ab. „Spionier mir oder meinen Leuten nie wieder nach.“
Sie versteifte sich, als er den Umhang auf den einzigen Stuhl im Raum warf. „Alasdair, ich habe nicht absichtlich gelauscht.“
Er schnallte seinen Gürtel ab und warf ihn ebenfalls beiseite. „Dir ist hoffentlich klar, dass ich dir jetzt nicht mehr erlauben kann, mit deinem Bruder in Kontakt zu treten.“ Nun, da sie unter sich waren, redete er sie wieder mit dem vertraulichen Du an.
Der Mund wurde Juliana trocken. „Ich habe nicht einmal verstanden, wovon ihr gesprochen habt.“ Was nicht stimmte – sie hatte alles verstanden.
Er setzte sich auf die Bettkante, fing an zu lachen und zog einen Stiefel aus. „Unsinn. Du weißt, dass wir unsere Verbündeten brauchen, um Bruce auf den Thron zu bringen.
Sie begann zu zittern. „Ich kann heute Nacht nicht hier bleiben.“
Mit einem Ruck zog er sich den anderen Stiefel aus und stand auf. „Du kannst und du wirst.“ Er trat zu ihr und packte sie unnachgiebig bei den Schultern.
„Aber dann weiß Mary Bescheid.“
„Deine Schwester wird dich niemals verraten.“ Er küsste sie hart und fordernd.
Juliana schloss die Augen, ihre Sinne waren in Aufruhr. Sie presste sich an Alasdair, so fest sie konnte, schlang die Arme um ihn und erwiderte seinen Kuss leidenschaftlich und hemmungslos. Alasdair stöhnte rau, dann hob er sie auf die Arme und trug sie zum Bett.