8

Sara hatte vergessen, zu Mittag zu essen. Ihr Frühstück hatte nur aus einem Apfel und einem Schluck Kaffee bestanden, und jetzt war schon fast Abend. Als sich also herausstellte, dass der Anruf der unbekannten Nummer von Malin stammte, der Tochter von Stellan Broman und Schwester der Stasispionin Lotta Broman, schlugen die Kopfschmerzen direkt wieder zu.

»Wolltest du etwa witzig sein?«, schepperte Malins Stimme aus dem winzigen Lautsprecher des Handys, während Sara darüber nachdachte, wie oft sie in letzter Zeit Schmerzen im Kopf hatte. Lag das an ihrem stresserfüllten Leben, oder war es ein Signal für etwas Ernsteres, das sich in ihrem Körper festgesetzt hatte, nachdem sie in Erics Keller um Leben und Tod gekämpft hatte? »Oder glaubst du, dass wir Freunde werden, nur weil du mir Blumen schickst?«

Sara ging vom Gas, sie musste wegen der Kopfschmerzen die Augen zusammenkneifen. Sie gab ihr Bestes, um Malins Worten folgen zu können.

»Ich habe keine Blumen geschickt«, sagte sie und wich ruckartig einem jungen Mann auf einem Elektroroller aus, der direkt auf ihre Spur fuhr, nachdem sie gerade die Augen wieder geöffnet hatte. Sie hupte ihn an, aber viel zu spät, sodass der alte Mann, der am Fußgängerüberweg an der Strömbron auf grünes Licht wartete, zu gestikulieren begann, um zu zeigen, dass er gar nicht vorhatte, ihr direkt vor das Auto zu laufen.

»Wer war es denn dann?«, fragte Malin ungläubig.

Sara ordnete sich rechts auf dem Slottsbacken ein und blieb vor der Livrustkammaren stehen. Um diese Jahreszeit waren nicht allzu viele Touristen und Busse dort unterwegs, aber es gab immer irgendwelche Gruppen von Deutschen oder Amerikanern, die das Schloss umkreisten, egal, wie dunkel und kalt es in der Hauptstadt war.

»Ja, was weiß ich denn?«, sagte Sara. »Irgendjemand halt. Hast du nicht heute Geburtstag?«

»Siehst du? Du weißt sogar, wann ich Geburtstag habe. Du bist doch nicht normal! Du bist auf uns fixiert«, sagte Malin.

Dass Sara wusste, wann Malin Geburtstag hatte, lag nur daran, dass Lotta und Malin ihr in der Kindheit die Daten für ihre jeweiligen Festtage in die Erinnerung eingeimpft hatten, gemeinsam mit den hochgesteckten Erwartungen, die sie hinsichtlich der Geschenke und der Aufwartungen hatten. Was heißt Erwartungen, in diesem Fall ging es eher um Ansprüche. Aber sie hatte keine Lust, auf die wirklichen Gründe einzugehen, warum sie über Malins Lebensdaten so gut Bescheid wusste.

»Nein, ich bin nicht auf euch fixiert. Am liebsten hätte ich gar nichts mit euch zu tun. Was ist denn so seltsam daran, Blumen zum Geburtstag zu bekommen?«

»Wir reden hier nicht von einem Strauß, sondern von eintausend Rosen. Die ins Büro geschickt wurden. Und auf der Karte stand ›Ich liebe dich‹.«

»Dann war es doch bestimmt Christian?«

»Nein«, kam Malins schnelle Antwort.

»Okay. Dann irgendein verrückter Bewunderer.«

Zu ihren Bewunderern zählte Sara definitiv nicht, dachte sie im Stillen. Sie seufzte müde.

»Warum hast du denn gedacht, dass ich es war?«

»Weil du meine Freundin werden willst. Weil du meine Schwester werden willst. Vielleicht versuchst du die Gelegenheit zu ergreifen, mir nahezukommen, während Lotta verreist ist«, ratterte Malin in einem atemlosen Tonfall heraus.

Lotta war alles andere als verreist, so viel wusste Sara, aber das verriet sie Malin nicht.

»Ich will nicht deine Schwester werden. Ich bin deine Schwester. Halbschwester. Und ich würde wirklich lieber darauf verzichten.«

»Glaubst du, ich hätte alles vergessen, was du getan hast?«

Sara war klar, dass Malin auf Saras Eifer anspielte, mit dem sie hatte beweisen wollen, wer der Vater der Geschwister Broman in Wirklichkeit gewesen war. Dass der große Stellan Broman ein Vergewaltiger war, der sich an unzähligen Minderjährigen vergriffen hatte, auch an Saras Mutter, und aus genau diesem Grund von Spionen aus der DDR ausgenutzt werden konnte, unter anderem von seiner eigenen Tochter. Aber Malin wusste nichts über die wahre Identität ihrer Schwester und weigerte sich, das wahre Ich ihres Vaters zu akzeptieren. Sara hatte keine Lust auf einen weiteren Versuch, sie über den Zustand der Dinge aufzuklären.

»Glaubst du etwa, ich bekomme es nicht mit, wenn du da stehst und uns beobachtest?«

»Euch beobachten?«

»Von der Straße vor dem Haus. Und aus dem Garten.«

»Jetzt brennen dir wirklich die Sicherungen durch. Warum um alles in der Welt sollte ich das tun?«, brüllte Sara und massierte sich die Schläfe mit den Fingerspitzen.

»Weil du auf uns fixiert bist. Du wärst schon immer lieber ich gewesen«, sagte Malin mit quengeliger Stimme.

»Wenn jemand vor eurem Haus steht und glotzt, dann solltest du lieber die Polizei anrufen. Und sei froh, dass es jemanden gibt, der dich so gerne mag, dass er dir Blumen schickt.«

Sara drückte das Gespräch weg und fuhr das Auto in die Tiefgarage unter dem Slottsbacken. Martins Parkstreifen war im Augenblick immer leer, und sie wusste nicht, ob sie sich darüber freuen oder es bedauern sollte.

»Hallo?«

Drei unerwartete Paar Schuhe im Flur ließen Sara hoffnungsfroh in die Wohnung in Gamla Stan rufen. Niemand antwortete, aber sie hörte Stimmen aus dem Wohnzimmer. Die ihrer Mutter und die ihrer Tochter. Jane saß in einem der Sessel, mit durchgedrücktem Rücken, und Ebba fläzte sich auf einem Sofa. Jane trug eine fliederfarbene Seidenbluse und einen schwarzen Faltenrock. Ebba ein dunkelgraues Kostüm und eine türkise Bluse, bestimmt von einer wahnsinnig teuren Marke mit einem Laden auf der Birger Jarlsgatan. Beide waren gut angezogen, die eine aus geschäftlichen Gründen, die andere, weil sie schlicht und ergreifend dachte, dass es eine Schande war, nicht auf sein Äußeres zu achten. Jane kleidete sich für niemand anderen als sich selbst.

Ebba hielt ein kleines Bild in den Händen und lächelte es ironisch an.

»Also, dann kann uns ja nichts mehr passieren«, sagte sie zu Jane und zog die Augenbrauen hoch.

»Böse Sachen können jederzeit passieren«, lautete Janes Antwort.

»Hallo«, sagte Sara und betrat den Raum.

Jane drehte sich zu Sara um, und wie gewohnt lächelte sie nicht, wenn sie ihre Tochter sah, sondern nickte nur unmerklich. Als würde sie die Anwesenheit der Tochter auf einer Liste abhaken oder zur Kenntnis nehmen, was sie sah. Sara hatte im Laufe der Jahre allerdings eingesehen, dass sie dieses Nicken wollte. Es war, als hätte sie verstanden, dass ein seltsamer Laut in einer fremden Sprache ein schönes Wort sein konnte.

»Was habt ihr da?«

Sara zeigte auf einen Stapel von Holzplatten und kleinen Statuen, die auf dem Couchtisch lagen.

»Oma will uns bekehren. Mithilfe von Märchenfiguren.«

»Es sind Heilige«, erwiderte Jane.

»Same same.«

»Sie sind für dich gestorben. Für uns.«

Jane betrachtete ihr Enkelkind mit gerunzelter Stirn.

»Oder auch nicht. Aber klar, häng sie ruhig auf. Wenn Mama es erlaubt.«

Ebba betrachtete ihre Mutter mit einer fragenden Miene, lächelte sie kurz an, bevor sich die Großmutter wieder einmischte.

»Wir sollten dankbar sein für alles, was wir haben. Und um Hilfe bitten, damit es geschützt wird.«

»Also sollten wir eine Rockergang anrufen, meinst du?«

»Ebba …«, sagte Sara in einem scharfen Tonfall.

»Was denn?« Sie zuckte mit den Schultern. »Du glaubst ja noch weniger als ich an diesen Kram.«

»Ich weiß nicht, was ich glaube«, sagte Sara mit einem leisen Seufzen.

Die Ereignisse im Garten der Bromans und in Titus’ Keller hatten alles auf den Kopf gestellt, was Sara vom Leben zu wissen glaubte. Sicher war sie sich nur noch darin, dass ihre Nächsten das Wichtigste in ihrem Leben waren.

»Gibt es etwas zu essen?«

Für einen Augenblick übertrumpfte der Hunger das Metaphysische.

»Ich habe auf dich gewartet«, sagte Ebba.

»Jetzt bin ich ja hier. Dann koch etwas Leckeres.«

»Ich?« Die Tochter starrte sie erstaunt an.

»Wer sonst?«

»Du«, entgegnete Ebba.

»Du bist jetzt erwachsen. Dann ist es auch Zeit, sich wie eine Erwachsene zu benehmen. Mama, möchtest du auch etwas essen?«

»Nein, danke. Aber ich nehme gerne eine Tasse Tee«, sagte Jane und zupfte ihren Rock zurecht.

Sara zog Ebba vom Sofa hoch und schob sie in Richtung Küche. Widerwillig setzte sich Ebba in Bewegung.

»Überleg dir irgendetwas Schnelles«, sagte Sara zum Rücken ihrer Tochter und hörte ihren Bauch knurren wie ein schnarchendes Wildschwein, das an Essen dachte. Dann setzte sie sich auf das Sofa und nahm eines der Heiligenbilder in die Hand. Eine Frau mit langem Gesicht und großen, leidenden Augen.

»Sind die hier für uns?«

»Sie haben mir geholfen, aus Polen herauszukommen. Ohne ihre Unterstützung hätte es dich nicht gegeben. Und auch nicht deine Kinder.«

»Mama, es war nur deine eigene Stärke, die es ermöglicht hat«, sagte Sara und sah zu ihrer Mutter.

»Darüber weißt du nichts. Glaubst du, ich hätte dir von den Dingen erzählt, die wirklich schwer waren?«

»Das hoffe ich doch.«

»Wo willst du sie haben?«

Typisch Jane. Sobald das Gespräch auch nur ein wenig persönlich wurde, wechselte sie das Thema. Aber das stand ihr vielleicht auch zu. Sara dachte mittlerweile, dass ihre Mutter an dem Tag darüber reden würde, an dem sie dazu bereit war. Sie hoffte jedenfalls, dass dieser Tag kommen würde.

»Es gibt Spaghetti!«, rief Ebba aus der Küche.

Und noch irgendetwas dazu, hoffte Sara.

»Ist Olle zu Hause?«, rief sie zurück. Der Sohn sollte sich eigentlich auch an der Hausarbeit beteiligen.

»Keine Ahnung«, brüllte Ebba.

Sara ging zu Olles Tür und klopfte an. Sie wartete ein paar Sekunden zusätzlich, weise geworden durch die Erfahrung, welche unerwünschten Anblicke einen erwarten konnten, wenn man die Tür zum Zimmer eines heranwachsenden Jungen zu hastig öffnete.

Als sie die Tür schließlich aufschob, sah sie Olle mitten im Zimmer stehen. Er schien Saras Klopfen gar nicht gehört zu haben. Vor dem Computer saß sein Freund Gabriel. Was das dritte Paar unbekannter Schuhe im Hausflur erklärte.

»Okay. Noch mal von vorne.«

Gabriel drückte auf die Eingabetaste, und ein eintöniger Beat klang aus den Genelec-Lautsprechern, die an den Computer angeschlossen waren. Olle begann zu rappen. Oder irgendetwas in dieser Richtung.

»Das sind meine Worte, sie sind schwer, machen Sinn. Egal wohin du wohnst, ich scheiß drauf, wo.«

»Wo du wohnst«, sagte Sara.

»Was?«, sagte Olle und hielt inne. Gabriel hielt den Rhythmus an.

»Es heißt, wo man wohnt, nicht wohin man wohnt. Wohin ist die Richtung, in die man unterwegs ist. Wo wohnst du, wohin willst du?«

»Nach Spotify«, verkündete der Sohn stolz.

»Okay, cool. Habt ihr Hunger?«

»Wir haben bei Max gegessen«, sagte Olle. »Weil wir Hunger hatten.«

»Gut«, sagte Sara. »Immerhin die schwedische Imbisskette.«

»Es sind dieselben Kapitalisten wie bei allen anderen auch«, sagte Gabriel. »Aber sie haben die besseren vegetarischen Burger.«

Etwas verwundert blickte Sara zu Olle, um zu sehen, wie er sich zu vegetarischen Burgern und Kapitalisten verhielt, aber er schien diesbezüglich keine andere Ansicht zu haben als Gabriel.

Sara wollte gerade gehen und nachsehen, wie ihre Tochter in der Küche zurechtkam, aber ihre Augen blieben am Computerbildschirm hängen, sobald sie sich umgedreht hatte.

Sie erstarrte.

Auf dem Bildschirm sah sie mehrere Standbilder aus den Videos, die Uncle Scam auf der Peepshow eingespielt hatte, bei der eine junge Frau ermordet worden war. Die Peepshow, bei der auch Martin dabei gewesen war.

In Saras Kopf drehte sich alles.

»Was seht ihr euch da an?«, fragte sie und machte ein paar Schritte auf den Computer zu, um den Bildschirm herunterzuklappen.

»Wir sehen uns die Videos gar nicht an!«, sagte Olle und hielt eine Hand hoch, um seine Mutter aufzuhalten.

»Das ist eine Seite, die alle Videos durchgesehen hat, die Scam angeblich eingespielt hatte«, sagte Gabriel. »Um zu beweisen, dass sie Fake sind.«

»Es ist der Deep State, der ihn loswerden möchte«, ergänzte Olle. »Weil er ein weißer Mann ist, der sich als schwarz identifiziert. Dieselben Personen, die auch BLM zerstören wollen.«

»Bonniers Literarisches Magazin?«, fragte Sara, war sich dann aber schnell darüber im Klaren, was der Sohn meinte.

»Black Lives Matter.«

»Ja, das habe ich schon verstanden. Aber lasst doch die Finger von diesem widerlichen Scam. Er ist nichts anderes als ein Arschloch.«

»Und du magst natürlich Blue Lives Matter, oder?«, sagte Gabriel, machte eine halbe Drehung und betrachtete Sara skeptisch.

»Nein, aber Scam ist ein Schwein. So ist es einfach.«

Sara wusste zwar, dass die Videos echt waren, weil sie sie von Scam gestohlen und an eine Skandalzeitung in den USA geschickt hatte, aber das konnte sie kaum erzählen. Zum einen könnte sie verklagt werden, zum anderen würde ihr Sohn es ihr niemals verzeihen.

»Seht euch das mal an. Diese Seite hat herausgefunden, wo Scams Videos aufgenommen wurden. Das stimmt von der Zeit her überhaupt nicht.«

»Und wenn sie echt wären, warum sollte er sie dann verbreiten?«, sagte Olle.

»Sie versuchen ihn zu framen«, stellte Gabriel fest.

»Es ist die CIA «, sagte Olle und begann wieder zu rappen, auf seine eigene, besondere Weise. »The CIA and the KKK , are the DNA of the USA .« Dann hielt er inne und lächelte seine Mutter groß an. »Aber wir surfen anonym, damit sie uns nicht finden«, beruhigte er sie.

»Sag einfach nur deinen Kollegen nichts«, meinte Gabriel.

»Worüber?«

»Das hier«, sagte Gabriel und gestikulierte zu der Homepage, die sie gerade besuchten. »Auch wenn es nette Bullen wie dich gibt, seid ihr trotzdem ein Teil vom Deep State.«

»Im Endkampf musst du auf ihrer Seite stehen«, stimmte Olle mit ernster Miene zu.

»Der Endkampf? Was für ein Endkampf?«

»Das erzählen sie natürlich erst, wenn es an der Zeit ist. Need to know-System.«

Der Freund ihres Sohns verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich in dem Stuhl zurück.

»Und trotzdem loggt ihr euch ein?«, sagte Sara und zeigte auf ein Fenster, das den Incel-Thread auf dem schwedischen Chatserver Flashback zeigte. Sie sah Olle nicken und konnte sich nicht zurückhalten, laut von der Seite vorzulesen. »Ex-Marine«, sagte sie und betrachtete ihren halbwüchsigen Sohn. »Wann warst du denn in der Marine? Bist du überhaupt schon einmal Boot gefahren?«

»Äh«, sagte Olle.

»Man muss sich einen Nick aussuchen, den niemand mit dir in Verbindung bringen kann«, sagte Gabriel. Aber Olle sah nicht aus, als würde er diese Erklärung für den militärischen Decknamen unterschreiben.

»Versuch doch mal ›Ros-Marie‹«, sagte Sara und ging aus dem Zimmer.

Hinter ihr setzte der eintönige Beat wieder ein.

»Big brother, deep state, illuminati. Wenn ich’s dir erzähle, findest du mich lahm«, leierte Olle so taktfest, wie er es vermochte.

Sara seufzte. Sie hatte wirklich keine Ahnung, wie man mit den aufblühenden Verschwörungstheorien eines Heranwachsenden umgehen sollte. Wenn man nichts sagte, wuchsen sie frei, wenn man dagegen argumentierte, fachte man die Glut nur an. Das Risiko bestand darin, dass ein echtes Feuer daraus werden konnte.

Draußen im Wohnzimmer ging Jane herum und suchte nach einem guten Platz für ihre Heiligen. Sara wollte sie gerade bitten, ein wenig mit dieser Seligsprechung zu warten, als das Handy auf eine Weise brummte, die ihr sagte, dass sie eine SMS bekommen hatte. Sie sah auf das Display.

Sie war von Martin.

Sara überlegte kurz hin und her. Dann entschied sie sich, sie zu lesen.

»Hallo, Liebling«, schrieb Martin, und Sara fragte sich, ob er wirklich das Recht hatte, so zu schreiben. Selbst wenn die Ansprache nur aus alter Gewohnheit herrührte, sollte er ihre Ansichten zu dem Thema aufmerksamer verfolgt haben.

»Großer Spaziergang«, schrieb er. »Hab es satt mit dem Rumliegen. Du hattest recht. Wie imme r :) Ich hör auf m Schmerztbl, will wieder leben, zurück zu Job u Familie. Vielleicht die Band wieder sammeln ? :) Ist Post gek? Vermisse euch.«

Sara fragte sich, ob er wirklich glaubte, dass er eine Familie hatte, zu der er zurückkommen könnte. Und sie war sich unsicher, was sie selbst darüber dachte. Zuerst wollte sie gar nicht antworten. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass die Leute nur SMS schickten, um sich in ihr Leben einzumischen, dass sie eine Antwort erwarteten zu einem Zeitpunkt, der ihnen passte. Aber dann dachte sie, es wäre leichter abzuhaken, wenn sie eine Antwort abgeschickt hatte.

»Gut. Lauf weit.«

Dann musste sie nicht mehr darüber nachdenken, was sie dachte und hoffte, wenn es um Martin ging. Abgesehen von dem, was zwischen ihnen passieren würde, war es wichtig, dass er sein Leben in den Griff bekam, vor allem wegen der Kinder.

Die Post, ja. Sara sah ihre eigene von diesem Tag durch. Nur Reklame von Coop, Life und Kicks und eine Abrechnung für die Innenstadtmaut. Dann blätterte sie den Stapel durch, der für Martin eingetroffen war. Er war ziemlich hoch geworden in den vielen Monaten, die mittlerweile vergangen waren, auch wenn Sara regelmäßig Rechnungen und Behördenpost herausgefischt hatte. Abgesehen von Reklame und einigen Nummern der Zeitschriften Guitar Player und Hifi & Musik gab es nur noch einen Umschlag von Go Live, Martins Firma, bei der er krankgeschrieben war.

Sicherheitshalber öffnete sie den Brief, es könnte ja wichtig sein. Als sie ihn las, begann ihr schlecht zu werden. Aus mehreren Gründen.

»Hallo, Martin. Weil du weder per Mail noch per Handy zu erreichen bist, war es uns unmöglich, ein persönliches Treffen mit dir zustande zu bringen. Darum muss leider dieser beklagenswerte Bescheid auf dem Postweg zu dir kommen. Du wirst hiermit von deinem Posten als Geschäftsführer von Go Live in Schweden entlassen, mit unmittelbarer Wirkung. Björn Andersson, Aufsichtsratsvorsitzender, Go Live Sweden AB

Beigelegt war ein Ausdruck einer im Internet veröffentlichten Pressemitteilung, dass der internationale Star Uncle Scam seinen ehemaligen Konzertveranstalter Go Live International auf zwei Milliarden Dollar Schadensersatz verklagt hatte – für den Gefängnisaufenthalt in Schweden und die gefälschten Videos, die auf den sozialen Medien verbreitet worden seien und seinen Ruf zerstört hätten.

Die Videos, die Sara gestohlen und verbreitet hatte.