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»Wasser! Schnell!«

Olle fuchtelte mit den Händen, während er hyperventilierte und sich umsah.

»Nein, Wasser macht es nur noch schlimmer. Nimm weißes Brot.«

Olle hörte nicht zu, sondern steckte seinen Kopf unter den Wasserhahn an der Spüle und zog das eiskalte Wasser in sich hinein.

»Wie viele Chilis hast du denn hineingetan?«, fragte Sara.

»Alle«, sagte Ebba.

»Alle? Die ganze Tüte? Ein oder zwei reichen doch schon.«

»Nein, die waren doch superklein.«

Sara nahm eine Gabel und begann die Chilistücke herauszufischen, die sie sehen konnte.

»Ich finde es lecker«, sagte Tom, kaute und versuchte es mit einem wertschätzenden Gesichtsausdruck. Aber bald verzog sich sein Gesicht zu einer Grimasse. »Ein bisschen scharf vielleicht.« Er räusperte sich, und Tränen traten ihm in die Augen.

»Ich liebe scharfes Essen«, sagte Martin, tauchte seinen Löffel in den Eintopf und schob sich eine ordentliche Portion in den Mund. »Hmm«, sagte er und sah aus, als würde er es tatsächlich so meinen.

Ebba war vor zwei Tagen zurück in ihre Wohnung am Mosebacken gezogen, war jetzt aber gemeinsam mit Tom als offiziellem Freund wieder zu Besuch im Elternhaus. Um zusammen Thai zu essen, das Ebba für sie gekocht hatte.

Nun standen sie alle um den Herd herum und probierten das Essen.

»Ihr müsst viel Reis dazunehmen«, sagte Sara. »Das macht es auch milder. Und sucht die Chilistücke heraus, die ich nicht gefunden habe. So, tragt ihr das bitte rüber?«

Sie beförderte Gläser, Porzellan und Schüsseln in Ebbas, Olles, Janes und Toms Hände und schickte sie ins Wohnzimmer.

»Am besten suchst du den Wein aus«, sagte Sara zu Martin.

»Hierzu trinken wir wohl besser Bier. Irgendein helles.«

Martin öffnete den Kühlschrank und holte vier Flaschen Corona und eine Dose Pepsi heraus. Er stellte sie auf den Küchentisch und drehte sich zu Sara um.

»Danke.«

»Wofür? Ebba hat das Essen gekocht.«

»Dafür, dass ich dabei sein darf«, sagte Martin leise.

»Natürlich darfst du. Wir … brauchen einander. Die ganze Familie.«

Sie betrachteten einander schweigend.

Bis Martin einen Schritt nach vorne machte und seine Arme um Sara legte.

Sie blieb eine Sekunde still stehen, aber dann entzog sie sich der Umarmung.

»Nein. Nicht jetzt«, sagte sie. »Noch nicht … Vielleicht auch nie wieder.«

»Entschuldige«, sagte Martin. »Ich habe mich einfach so nach euch allen gesehnt.«

»Bring das Bier raus.«

Martin nahm die Flaschen und die Dose und ging. Sara blieb stehen und versuchte herauszufinden, was sie fühlte.

Sie musste sich eingestehen, dass sie nicht wusste, was sie wollte. Aber es war trotzdem zu früh, das war ihr klar. Sie hatten alle damit begonnen, in Therapie zu gehen, und es half, doch Sara hatte dabei auch eingesehen, dass sie noch einen sehr langen Weg gehen mussten, zumindest Martin und sie. Sie hatten enorme Traumata zu bearbeiten. Und man konnte diesen Prozess nicht beschleunigen.

Auf dem Küchentisch lag der Bieröffner. Der kleine Metallklumpen war geformt wie ein Elefant, sie hatte ihn als Weihnachtsgeschenk auf der Arbeit bekommen, als sie alle gewichtelt hatten. Es war ihr Auftrag, ihn ins Wohnzimmer mitzunehmen.

Die Familie hatte sich am großen Tisch versammelt, mit Tom als dem neuesten Zugang. War das hier das erste Familientreffen mit Tom in einer langen Reihe, oder würde es irgendwann als Ausnahme in Erinnerung bleiben, als dieses lustige Abendessen, bei dem Ebbas Chef als ihr Freund dabei gewesen war?

Als Sara hereinkam, spielte Olle einen Beat auf seinem Handy ab, stellte sich hin und begann im Takt der Musik mit kleinen Handbewegungen zu wackeln, von denen Sara annahm, dass sie als Hip-Hop-Gesten zu verstehen waren, wie auch immer solche jetzt heißen mochten.

Als Olle das Gefühl hatte, dass das Intro abgeschlossen war, begann er zu rappen.

»Blam blam blam! That’s the sound of no police. Blam blam blam! Every gangster has a piece. Kids get shot, capisce? Both your brother and your niece. So peace!«

Er verschränkte die Arme vor der Brust und beugte sich protzig für ein paar Sekunden schräg zur Seite, bevor er den Beat abstellte. Danach lächelte er verlegen, aber zufrieden, bevor er sich wieder hinsetzte. Und die Familie applaudierte.

»Mann, das war gut!«, sagte Martin und klang so, als meinte er es aufrichtig. »Arschgeil!« Vaterliebe war ein effektiver Filter, um was auch immer als hübsches Resultat bezeichnen zu können.

»Sehr gut!«, sagte Sara als die gute Mutter, die sie sein wollte.

»An meinen Ohren muss irgendetwas verkehrt sein«, sagte Jane. »Für mich klang das alles nur nach Lärm.«

»Du, ich werde dir bessere Sachen besorgen«, fuhr Martin enthusiastisch fort. »Profiausrüstung, dann kannst du deine Songs richtig einspielen.«

»Meinst du das ernst?«

»Du hast Talent«, sagte Tom. »Definitiv.«

»Das sagst du nur, um dich bei der Schwester beliebt zu machen.«

»Nein, ich habe selbst gespielt.«

»Was?«, sagte Martin erstaunt. »Welches Instrument?«

»Den Synthesizer.«

Tom imitierte ein paar Klavierakkorde in der Luft.

»Oh Mann, ich habe eine Band«, sagte Martin und lächelte den fast gleichaltrigen Beinahe-Schwiegersohn an. »Können wir dich nicht zu uns locken? C.E.O. Speedwagon. Nur Vorstandsvorsitzende, daher der Name. Du passt also gut rein.«

»Und je schlechter du spielst, desto besser passt du«, warf Sara ein und nahm sich von dem Reis.

»Was spielt ihr denn so?«

»Klassiker. Springsteen, Guns n’ Roses, U2

»Ich kann ja mal bei euch vorspielen«, sagte Tom artig, während er Ebba Bier einschenkte.

»Denn es ist ja nicht so, dass du schon alle Hände voll zu tun hättest, indem du einen Konzern leitest, dich um deine Kinder kümmerst und mit deiner Verlobten zusammen bist«, sagte Ebba.

»Man muss ja auch mal ein bisschen entspannen«, sagte Martin.

»Und was bin ich dann? Arbeit?«

»Jedenfalls keine Entspannung«, sagte Olle und grinste.

»Jetzt wartet mal«, sagte Sara, der die Wortwahl aufgefallen war und die jetzt ihren Blick über Toms und Ebbas Finger gleiten ließ. »Verlobte?«

Ebba lächelte ihre Mutter an. Dann hielt sie ihre linke Hand hoch, an der ein großer Diamant in einem Ring aus Weißgold saß. Und Tom hielt seine linke Hand hoch, die mit einem breiten Ring aus demselben Material geschmückt war.

»Herzlichen Glückwunsch!«, rief Martin. »Werde ich jetzt Opa?«

Sara verschluckte sich und begann zu husten.

»Das kann noch dauern«, sagte Ebba und lachte laut auf. »Ich glaube nicht, dass Mama das sonst verkraften würde.«

»Es liegt nicht daran«, sagte Sara, »es ist nur das Essen, es … es ist scharf.«

Sie hustete und trank Wasser, während sie Ebbas Ring musterte. Dann stand sie auf, ging zu ihrer Tochter hinüber und umarmte sie.

»Gratuliere«, sagte sie und küsste Ebba auf die Wange. Dann umarmte sie den sitzenden Tom, so gut sie es konnte. »Ich gratuliere euch beiden.«

Martin stand ebenfalls auf und wiederholte Saras Umarmungen, und Jane hob das Glas, um darauf anzustoßen.

»Herzlichen Glückwunsch«, sagte er. »Willkommen in der Familie.«

»Hallo«, meldete sich Olle zu Wort. »Wir haben eigentlich über meinen Song gesprochen.«

»Der war sehr gut!«

»Wenn mein Vater für die Abmischung bezahlt, kann ich ihn richtig veröffentlichen.« Er sah sich im Wohnzimmer um. »Und dann kann ich die Release-Party ja hier machen, statt einen teuren Saal zu mieten. Dann spart ihr Geld.«

»Wir?«, fragte Sara. »Wir müssen keine Release-Party haben.«

»Ich bin nicht volljährig. Daher habt ihr die finanzielle Verantwortung«, sagte Olle altklug.

»Was allerdings nicht bedeutet, dass wir alles Mögliche tun müssen. Du kannst dein eigenes Fest organisieren. Wenn du kein Geld hast, kannst du ja Popcorn verkaufen. Ich kann dann die Limo spendieren.«

»Und dann noch eine Runde Topfschlagen vielleicht«, schlug Ebba mit einem boshaften Lächeln vor.

»Ooh, Mann. Wollt ihr nicht, dass ich eine Release-Party habe?«

»Doch«, sagte Martin, der wie gewohnt dem Sohn zur Seite sprang.

»Aber nicht hier zu Hause«, sagte Sara. »Ich weiß genau, wie Partys mit sturmfreier Bude enden. Sobald meine Mama früher irgendwohin ausgeflogen war, gab ich eine Party, und es kamen jede Menge ungebetener Gäste. Die Leute stahlen, machten alles kaputt und kotzten in jede Ecke.«

»Du hattest richtige Saufpartys?«, fragte Olle fasziniert.

»Hast du nichts davon gemerkt?«, fragte Ebba Jane.

Jane zuckte mit den Schultern.

»Du hast es nicht verboten?«

»Es war nicht so einfach. Ich war ja nicht da. Und ein bisschen Spaß musste Sara ja auch haben.«

»Wo warst du denn in der Zeit?« Ein entzücktes Lächeln breitete sich in Ebbas Gesicht aus. »Bei einem Liebhaber?«

»Mama wollte nie darüber sprechen«, sagte Sara. »Und das ist wohl Antwort genug.« Sie tätschelte ihrer Mutter den Arm. »Ich hoffe, dass er nett war.«

Jane zuckte nur mit den Schultern.

»Aber wenn du eine Party feiern durftest, dann möchte ich auch eine!«, sagte Olle und sah seine Mutter herausfordernd an.

»Meine Mutter hat mich verwöhnt. Diesen Fehler werde ich bei dir nicht wiederholen.«

»Hallo«, unterbrach Ebba ihren Bruder. »Mach doch erst einmal diesen Song klar, bevor du eine Release-Party forderst. Wir sprachen hier eigentlich gerade von einer Verlobung. Die gibt es nämlich tatsächlich.«

»Ja, das ist etwas Großes«, sagte Sara und hatte Schwierigkeiten, ihre eigenen Gefühle zu deuten.

Martin stand auf und ließ das Glas erklingen. Er räusperte sich und schlüpfte nach bestem Vermögen in die Rolle eines strengen, aber gerechten Vaters.

»Ich bin vielleicht nicht der richtige Mann dafür, aber die Stimmung scheint mir doch zu fordern, ein vierfaches ›sie leben hoch‹ für Ebba und Tom auszubringen. Sie leben hoch …«

Als das Essen verzehrt und alles gespült war und die Familie in ihren Betten lag und schlief, saß Sara im Turmraum und schaute in die Nacht über Stockholm. Ein einsamer Nachtbus kämpfte sich zum Södermalmstorg hinauf, Taxis warteten auf Kunden, die vielleicht gar nicht kommen würden, einzelne E-Rollerfahrer trotzten der Glätte und dem Herbstfrost. Und oberhalb von allem thronten die Glocke am Katharinaaufzug und die klassische Stomatol-Reklame oben am Mosebacken. Die farbenfrohen Lichter an den Baukränen der Slussenbaustelle ließen sie an den Film Unheimliche Begegnung der dritten Art denken und an die Schlussszene, in der sich das Raumschiff mit all seinen bunten Lampen auf die Erde senkte.

Wie ruhig das alles von hier oben wirkte. Die Stadt, die sie jetzt genoss, war so weit von der turbulenten Wirklichkeit entfernt, die sie in ihrer Arbeit erlebte. Jetzt lag Stockholm wie eine Ansichtskarte vor ihr, wie ein beruhigendes Versprechen, dass die Welt auch so schön wie jetzt sein konnte.

Dieser Abend war genau so verlaufen, wie sie ihn haben wollte.

Die ganze Familie zusammen.

Die Kinder so groß, dass sie eigenständige Individuen waren, mit eigenen Gedanken und Vorstellungen. Man konnte mit ihnen umgehen wie mit Erwachsenen, statt sich einfach nur um sie zu kümmern. Gemeinsam essen, reden, sich kabbeln, scherzen.

Sie hatte ein schlechtes Gewissen wegen all der Tage und Abende, an denen sie die Familie in den letzten Jahren allein gelassen hatte. Wenn sie auf der Arbeit alle Hände voll zu tun gehabt oder es zu Hause Ärger gegeben hatte, waren die Tage in einem dicken Nebel aus Müdigkeit verschwommen, eine Müdigkeit, die die Jahre mit den kleinen Kindern um sich verbreitet hatten.

Worauf dann die Müdigkeit mit den großen Kindern gefolgt war.

Und die Müdigkeit, die wie ein Gift mit dem Dasein einherging.

Und mit der Arbeit.

Alles, was einen fertigmachte, während das Leben dahinrann.

Während all diese Augenblicke, die den Sinn des Lebens ausmachten, vorbeisausten, ohne sich fangen zu lassen. Wie ein entgegenkommender Zug auf dem benachbarten Gleis. Er klirrte in den Scheiben, und dann war er schon wieder weg.

Vielleicht war dieser Abend der letzte gewesen, den Sara mit der Familie und allen Kindern im Haus genießen konnte. Oder zumindest mit diesem Gefühl. Ebba hatte Tom begleitet, als es Zeit gewesen war, nach Hause zu gehen. Die Wochen, die sie gemeinsam verbracht hatten, waren definitiv vorbei.

Was kam jetzt?

Selbst wenn sie und Martin einander wieder finden würden, wäre es ein ganz anderes Leben. Und Olle würde ausgeflogen sein, bevor sie überhaupt richtig darüber nachgedacht hätten.

Also, was hatten sie noch?

Hatten sie wirklich einander?

Die Nacht war schwarz außerhalb des Turmzimmers. Dunkle Wolken verbargen die Sterne. Dann half es auch nicht zu wissen, dass sie dort waren.