Nebel und Schatten

Ryans Herz pochte heftig. Das Beben hatte aufgehört ... und es ging ihm gut. Er war doch nicht von Tausenden Tonnen Gestein erschlagen worden.

Er sah sich um. Dad, Ma und Aaron kauerten in der Nähe, verängstigt und verwirrt. Auch sie erwiesen sich als unversehrt.

Von Silver jedoch fehlte jede Spur.

»Wo ist Silver?«, rief Ryan panisch.

Hektisch sah sich Aaron um. »Oh Gott, vielleicht ist er von den Felsen zerquetscht worden ...«

»Sag so was nicht!«

Ryan drehte sich suchend im Kreis. Die Höhle wirkte ... völlig verändert. Tatsächlich konnte er weder die Wände noch die Decke sehen. Dichte, wellenförmige Nebelschwaden zogen vorbei und versperrten ihm in jede Richtung die Sicht. Die Luft schien kühler als zuvor zu sein. Es herrschte ein beinah überwältigender Modergeruch nach abgestorbener Vegetation. Herabfallende Steine mussten das Feuer gelöscht haben, aber es gab Umgebungslicht. Was ging hier vor sich?

»Silver ist ein schlauer Kater«, meldete sich Ma zu Wort. »Bestimmt findet er uns bald.«

Ryan entfernte sich ein paar zaghafte Schritte von seiner Familie. Seine Füße bewegten sich mit schmatzenden Lauten durch dichten Schlamm. »Wo sind wir? Fühlt sich an, als würde ich auf einem nassen Schwamm laufen.«

»Keine Ahnung. Das Wasser aus dem Fluss scheint versiegt zu sein. Seien wir einfach dankbar, dass wir alle noch leben und niemand verletzt wurde.« Dad ließ einen bangen Blick über sie alle wandern. »Es ist doch niemand verletzt, oder?«

»Nur Silver«, warf Aaron ein.

»Halt die Klappe, Aaron«, schimpfte Ryan. »Das wissen wir nicht.«

»Jared ...«, meldete sich Ma zu Wort. Sie hatte sich ein paar Schritte entfernt. »Wo sind unsere ganzen Sachen? Die Rucksäcke sind weg. Die Kanus sind weg. Und hier steht ein Baum. Warum steht in einer Höhle ein Baum?«

»Weil wir nicht mehr in der Höhle sind.«

»Was soll das heißen, wir sind nicht mehr in der Höhle?«

»Das soll heißen, dass wir irgendwie außerhalb der Höhlen gelandet sind. Das Feuer ist weg, aber es herrscht Umgebungslicht, das durch den Nebel dringt. Wir sind draußen. Ich ... ich versteh das nicht.« Er schüttelte den Kopf, wirkte unbehaglich. »Konzentrieren wir uns darauf, was wir jetzt machen. Wir müssen den Weg zurück zur Hütte finden.«

»Wie sollen wir das anstellen? Wir haben nichts dabei, wir wissen nicht, wo wir sind, und wir können nichts sehen!«

Ma nahm die Lage nicht gut auf. Und Ryan konnte ihr keinen Vorwurf daraus machen.

Dad kniff die Augen zusammen und schaute nach oben. »Ich kann durch den Dunst die Sonne nicht sehen. Also muss ich uns einen Feldkompass basteln.«

»Du brauchst keinen Kompass«, warf Ryan ein. »Wir können auch …«

Dad hob die Hand. »Mir ist klar, dass du nur helfen willst, Ryan, aber ich weiß schon, was ich tue.«

Statt darauf herumzureiten, nickte Ryan.

»Aubrey, hast du eine Haarnadel?«, fragte Dad.

Ma zog eine Nadel aus ihrem Haar und reichte sie ihm.

»Ich muss mir auch irgendwas Seidiges von dir leihen, Schatz«, fügt Dad hinzu. »Keine Sorge. Du bekommst beides zurück.«

Ma nahm ihr Halstuch ab und reichte es ihm.

Dad hielt die Haarnadel so hoch, dass alle sie sehen konnten. »Indem man einen Metallgegenstand an etwas wie Seide reibt, kann man ihm eine magnetische Ladung geben. Man muss zwar ordentlich reiben, damit es funktioniert, aber sobald es wirkt, legt man das Metall einfach auf ein Blatt und lässt das Blatt auf Wasser treiben. Durch die magnetische Ladung wird die Nadel das Blatt so drehen, dass es von Norden nach Süden zeigt.«

Dad rieb die Haarnadel fast eine Minute lang, bevor er sie auf ein Blatt legte, das in einer Pfütze trieb. Das Blatt drehte sich auf Anhieb – nur hielt es nicht in einer Position inne, sondern drehte sich einfach weiter.

Grummelnd schnappte sich Dad die Nadel und rieb sie erneut an dem Halstuch, diesmal länger. Schließlich legte er die Nadel wieder auf das Blatt und wartete.

Diesmal geschah überhaupt nichts.

Ryan hob die Hand.

Dad runzelte die Stirn. »Ja?«

»Was ich vorhin sagen wollte: Wächst Moos nicht normalerweise auf der Nordseite eines Baums dichter? Da ist reichlich Moos an diesen Bäumen. Und es scheint auf einer Seite dichter zu sein. Vielleicht könnten wir ja das statt dem Kompass benutzen ...«

Einen Moment lang verschlug es Dad die Sprache. Dann zerzauste er Ryan die Haare und lachte. »Das ist brillant. Und wird mir eine Lehre sein, nächstes Mal lieber auf dich zu hören.« Er klatschte in die Hände. »Okay, machen wir uns auf den Weg nach Süden. Wir sollten höchstens ein paar Kilometer vom Highway entfernt sein. Wenn wir ihn gefunden haben, sind wir im Handumdrehen wieder bei der Hütte.«

* * *

Sie waren noch nicht weit gegangen, als Ryan seinen Vater beiseitenahm und eine Sorge ansprach, die ihn von Anfang an beschäftigt hatte. Er sprach so leise, dass seine Mutter es nicht hören konnte.

»Dad, hier fühlt es sich überhaupt nicht wie in Arizona an. Wo ist die drückende Hitze abgeblieben? Ein Erdbeben ändert doch nicht das Wetter. Es lässt auch keinen Nebel entstehen. Und die Gegend hier ... ist ein Sumpf. Wir waren nicht mal in der Nähe irgendeines Sumpfs.«

»Ich weiß, Junge. Gehen wir einfach weiter. Ich bin sicher, es wird sich bald alles klären.«

Während sein Vater weiterging, bückte sich Ryan und hob ein abgefallenes Blatt auf. Eine Seite erwies sich als weiß, die andere als dunkelgrün.

»Dad«, rief er. »Sieh dir das Blatt an. Diese Bäume sind Zweifarbige Eichen. Die haben wir in der Schule durchgenommen. Und ich kann dir mit Sicherheit sagen, dass diese Bäume nicht in Arizona wachsen.«

Er hatte vergessen, leise zu sprechen. Prompt sah er die besorgten Mienen von Ma und Aaron.

»Jared?«, sagte Ma. »Wovon redet er? Wo sind wir?«

Dad blieb stehen und stieß die Luft zwischen den Zähnen hindurch aus. »Passt auf, es ist klar, dass irgendetwas Seltsames passiert ist. Wir können es alle sehen ... und ich kann’s mir nicht erklären. Aber unabhängig davon bleibt uns nichts anderes übrig, als weiterzugehen, bis wir auf eine Straße oder irgendein Anzeichen von Zivilisation stoßen.«

Danach liefen sie schweigend weiter, hingen alle ihren eigenen Gedanken und Sorgen nach. Die einzigen Geräusche waren das stete Tropfen von den Ästen der Bäume und die platschenden, schmatzenden Laute, mit denen die Familie durch zähen Schlamm, abgestandene Lachen und Laubhaufen stapfte.

Ryan kippte vor Schreck fast aus den Stiefeln, als von vorn ein lautes Krachen ertönte. Ein mächtiger Ast war von einer der Zweifarbigen Eichen ... und direkt auf Aaron gefallen.

Ma kreischte, und sie alle rasten zu Aaron. Er lag mit dem Gesicht nach unten darunter eingeklemmt. Sie mussten zu dritt anpacken, um den schweren Ast von Aarons Rücken zu hieven.

»Aaron!«, rief Ma. »Alles in Ordnung?«

Aaron stand auf und wischte sich Schlamm aus dem Gesicht. »Es geht mir gut, Ma. Ich bin nur ... total verdreckt.«

Ansatzlos zog sie ihn in eine innige Umarmung und wurde dabei selbst voll Schlamm.

»Wie um alles in der Welt kann’s dir gutgehen?«, fragte Ryan. »Der Ast muss um die 100 Kilo gewogen haben.«

Aaron zuckte mit den Schultern. »Ich schätze mal, der weiche Matsch hat wie ein Kissen gewirkt.«

»Du hättest umkommen können.« Ma zog sich zurück und musterte ihren Jüngsten von Kopf bis Fuß. Sie war kalkweiß im Gesicht.

»Bin ich aber nicht. Ehrlich, Ma, es geht mir gut.« Aaron lächelte und fuhr sich mit einer Hand durchs Haar.

»Wir müssen weg von diesen Bäumen und raus aus dem Sumpf«, sagte Dad. Er ließ den Blick prüfend durch das Blätterdach über ihnen wandern. Vermutlich hielt er Ausschau nach weiteren absturzgefährdeten Ästen. »Legen wir einen Zahn zu. Ich will auf festen Boden, bevor die Sonne untergeht. Obwohl ich keine Ahnung habe, wann das sein wird.«

Sie gingen weiter und behielten das Moos an den Bäumen im Auge, um sicherzustellen, dass sie einer geraden Linie folgten. Aber je weiter sie kamen, desto dichter wurde der Nebel. Allmählich beschlich Ryan die Sorge, sie müssten vielleicht tatsächlich die Nacht an diesem schrecklichen Ort verbringen.

Plötzlich hallte ein wildes Jaulen durch den Wald und ließ alle erstarren.

»Was war das?«, kreischte Aubrey.

»Leise!«, mahnte Dad. »Was immer es war, ich will ihm nicht begegnen. Also lasst uns leise sein und hoffen ...«

Das Jaulen ertönte erneut und ließ Dad abrupt verstummen. Alle schwiegen schlagartig und rührten sich nicht.

Dann prallte etwas gegen Ryans Rücken und stieß ihn zu Boden.

Er rappelte sich auf – und hatte die größte Katze vor sich, die er je gesehen hatte. Ryan schrie vor Angst und Verzweiflung auf. In dem Moment schlug dort, wo er sich befand, ein greller Blitz in den Boden ein.

* * *

Aaron schüttelte den Kopf und versuchte, das Klingeln in den Ohren loszuwerden. Die Druckwelle der Explosion hatte ihn auf den Hintern geschleudert.

Er sah sich um. Die riesige Katze war verschwunden. Aber Ryan ...

Aarons Bruder lag auf dem Boden, die Augen geschlossen, der Körper regungslos.

Ma schrie. »Oh mein Gott – Ryan! « Sie lief zu ihm und tastete nach einem Puls, dann legte sie den Kopf auf seine Brust. »Oh, Gott sei Dank, Gott sei Dank, er lebt!« Sie klatschte ihm leicht auf die Wange. »Ryan, wach auf!«

»Ich trage ihn«, sagte Dad. »Wir müssen hier weg, bevor die Katze zurückkommt.«

Aaron bemerkte den verunsicherten Ton in der Stimme seines Vaters. Und er gefiel ihm überhaupt nicht. Er wollte glauben, dass sein Vater alles unter Kontrolle hatte – was offensichtlich nicht zutraf. Sie hatten sich hoffnungslos verirrt, und im Verlauf nur einer Stunde wären sowohl Ryan als auch Aaron beinah gestorben. Und nun musste Ryan ärztlich versorgt werden.

Aber Dad hatte recht – was blieb ihnen anderes übrig, als weiterzuziehen? Also hievte sich Dad seinen verletzten Sohn über die Schulter, Aaron reihte sich neben seine Mutter, und sie setzten den Weg nach Süden fort.

Sie marschierten stundenlang. Der Nebel und der Sumpf schienen sich ewig hinzuziehen. Aber letztlich lichtete sich der Nebel, und der Boden fühlte sich nicht mehr so weich an.

»Sieht so aus, als hätten wir diesen gottverlassenen Sumpf bald hinter uns«, meinte Dad.

Sie gingen weiter. Ihre Stiefel verursachten noch schmatzende Laute, als sie sich längst wieder auf trockenem Boden befanden. Der Nebel löste sich weiter auf, und zum ersten Mal seit dem Erdbeben konnte Aaron mehr als ein paar Meter weit sehen.

Und was er sah, war nicht ermutigend.

Sie hatten ein Tal mit steilen Felsen im Osten und im Westen erreicht. Im Süden hatte es einst einen Ausgang gegeben, den jedoch ein Felsrutsch blockiert hatte. Im Norden, von wo sie kamen, lagen die Sümpfe. Von einer Straße fehlte jede Spur.

Wohin jetzt?

Und dann fiel Aaron noch etwas auf. »Dad ...«, sagte er. »Schau mal zur Sonne. Sie steht hoch am Himmel – es muss noch früher Nachmittag sein. Wie ist das möglich?« Es war früher Nachmittag gewesen, als sie mit den Kanus aufgebrochen waren. Vor vielen Stunden.

Dad zuckte nur mit den Schultern und setzte Ryan ab. Sofort kniete sich seine Mutter neben ihn.

»Er murmelt etwas«, sagte Dad. »Vielleicht träumt er.«

Aaron beobachtete, wie sein Vater die Felsen betrachtete. Nach einer Weile schüttelte er den Kopf. »Aaron«, sagte er. »Komm her.«

Aaron eilte zu seinem Vater.

»Hör zu, Aaron, du hast recht mit der Sonne. Verstehen kann ich das nicht. Aber ich will nicht zurück in diese Sümpfe, und du bestimmt auch nicht. Ich sage, wir gehen weiter nach Süden. Was bedeutet, dass wir über diese Felsen müssen.« Er zeigte zu dem Felsrutsch. »Mal sehen, ob wir da drüberklettern können. Sehen wir uns das zusammen an?«

»Klar, Dad.«

Die beiden ließen Ma bei Ryan zurück und marschierten zu dem Felsrutsch. Die herabgestürzten Felsen hatten einen Hang erschaffen, der bewältigbar aussah. Aber als Dad ihn erklimmen wollte, verlor er den Halt und rutschte zurück. Eine Flut von Kieselsteinen folgte ihm nach unten.

»Zu steil, um gefahrlos hinüberzuklettern. Aber die Felsbrocken und das Erdreich sehen eigentlich ziemlich stabil aus. Ich denke, wir sollten versuchen, Auftritte anzubringen, um es auf die andere Seite zu schaffen«, schlug Dad vor. »Suchen wir uns Stöcke, die wir als Hebel benutzen können. Damit wird es einfacher, die größeren Brocken aus dem Weg zu räumen.«

»Was immer nötig ist, um von hier wegzukommen«, meinte Aaron. Eifrig kletterte er etwa ein Drittel der Schutthalde hinauf und begann, die losen Steine zu ergreifen und so weit wie möglich den Berg hinunterzuwerfen. Zu seiner Überraschung schienen selbst die größten Felsbrocken ungewöhnlich leicht zu sein.

»He«, rief er zurück zu seinem Vater. »Die Steine hier sind fast wie Bühnenrequisiten. Sie fühlen sich hohl an. Sieh mal!« Er hob einen Stein an, der größer als sein Kopf war. Normalerweise hätte er um die 25 Kilo wiegen müssen. Aber Aaron konnte ihn mühelos mit einer Hand anheben und von sich werfen.

»Was?« Vorsichtig bahnte sich sein Vater den Weg dorthin, wo das von Aaron geräumte Geröll gelandet war. Er schnappte sich einen der Steine. Und taumelte unter dessen Gewicht. »Mir kommt er nicht hohl vor«, presste er ächzend hervor.

Plötzlich wurde Aaron von Erschöpfung überwältigt. Sie erfasste ihn so schnell, dass seine Knie beinah einknickten. »Dad ... ich bin müde.«

»Oh Aaron, tut mir leid. Das ist im Augenblick zu viel für dich. Geh zurück und ruh dich neben deinem Bruder aus. Ich mache inzwischen weiter.«

»Okay, Dad. Tut mir leid. Ich bin nur ... echt müde.«

Damit kehrte er zu den anderen zurück. Ma lag mittlerweile neben Ryan, und Aaron ließ sich auf der anderen Seite seines Bruders nieder.

Im Nu war er eingeschlafen.

* * *

Als Ryan erwachte, stellte er fest, dass der Nebel verschwunden war und er auf festem Boden lag. Er musste eingeschlafen sein. Aber wo war er?

Kaum hatte er sich aufgesetzt, rief seine Mutter und umarmte ihn. Gleich darauf umgab ihn seine gesamte Familie.

»Geht’s dir gut, Kumpel?«, fragte Dad und kniete sich vor ihn. »Tut irgendwas weh?«

Ryan versuchte eine körperliche Bestandsaufnahme, was sich jedoch schwierig gestaltete, weil seine Mutter ihn nicht loslassen wollte. »Ich glaub, es ist alles in Ordnung«, meldete er. »Als die Katze mich umgestoßen hat, dachte ich, irgendetwas in mir wäre gerissen, aber dann ...« Er schüttelte den Kopf. Nein, das stimmte nicht. Der Riss hatte sich nicht ereignet, als er zu Boden gestoßen wurde, sondern kurz danach. »Da war ein Lichtblitz. Ich kann mich nicht richtig erinnern.«

»Was ist gerissen?«, fragte Ma und zog sich zurück.

Ryan verlagerte das Gewicht. Er spürte keinerlei Schmerzen. »Ehrlich, ich glaube, mir fehlt nichts. Ich bin mir nicht sicher, warum ich ›reißen‹ gesagt habe – vielleicht habe ich auch nur irgendwas reißen gehört. Jedenfalls hab ich überhaupt keine Schmerzen. Ich bin nur ... richtig müde.«

»Was bin ich froh, dass es dir gut geht.« Ma küsste ihn auf die Stirn.

»Ich auch.« Aaron wirkte ein wenig verlegen dabei, Besorgnis um seinen Bruder zu zeigen.

Plötzlich spürte Ryan ein Jucken in den Fingerspitzen und begann, sie an seiner Jeans zu reiben. Als er ein Knistern hörte, schaute er nach unten, und seine Augen wurden groß. Winzige Funken sprühten aus seinen Fingerspitzen und erschufen einen Kranz aus violett-weißem Licht.

»Dad!«, rief Aaron.

Der Juckreiz steigerte sich, bis er fast unerträglich wurde. Ryan kratzte mit den Fingern über den Boden. Spannung baute sich in seinen Armen auf, und die Funken schwollen zu gleißenden Bögen weißer Energie an. Er konnte die von seinen Fingern abgestrahlte Hitze auf den Wangen spüren.

Dann sah er das Gesicht seiner Mutter. Tränen kullerten ihr über die Wangen, während sie ihn mit weit aufgerissenen, fassungslosen Augen anstarrte.

»Es tut nicht weh, Ma. Es juckt nur. Mir passiert nichts«, sagte Ryan schnell. Obwohl er keine Ahnung hatte, ob es stimmte. Er wusste nicht, wie es angefangen hatte – woher also sollte er wissen, ob es enden würde?

»Das ist so cool«, befand Aaron und rückte langsam näher.

Schließlich ließ der Juckreiz nach, und damit verblasste auch die Lichtshow.

Ma sah Dad an. »Jared, du bist der Techniker. Kann das eine Nebenwirkung von dem Blitz gewesen sein, der ihn getroffen hat?«

»Was?«, fragte Ryan. »Mich hat ein Blitz getroffen?«

Dad schaute von Ma zu Ryan. »Ja, Ryan, unmittelbar nach dem Angriff der Katze hat dich ein Blitz getroffen. Und nein, Aubrey, Menschen speichern solche Energie nicht auf diese Weise. So funktioniert Elektrizität nicht.« Er kniete sich vor Ryan und fuhr mit den Händen sanft über jeden Quadratzentimeter zwischen den Fingerspitzen seines Sohns bis zu den Ellbogen. »Ich sehe auch keine Brandspuren.«

Ryan betrachtete die besorgten Gesichter seiner Eltern. »Was ist hier los? Was soll ich tun?«

Dad schenkte ihm ein mattes Lächeln. »Du hast gesagt, du bist müde – ruh dich erst mal noch ein bisschen aus. Eigentlich würde euch das allen nicht schaden. Ich hab noch jede Menge Steine zu bewegen. Hoffentlich habe ich vor Einbruch der Dunkelheit einen Pfad geräumt, über den wir klettern können.«

Ryan starrte auf seine Fingerspitzen. Wenn seine Familie es nicht auch gesehen hätte, er hätte geschworen, dass er halluzinierte. Er lehnte sich zurück und schloss die Augen.

Zu seiner Rechten hörte er seinen Bruder flüstern. »Wird alles wieder gut, Ma?« Seine Stimme klang zittrig.

In der Regel war Ryan der Besorgtere von ihnen. Dass die Rollen ausnahmsweise vertauscht waren, fand er interessant.

»Mach dir keine Sorgen«, beruhigte ihn Ma. »Uns passiert nichts. Wir können nicht weit von einer Straße entfernt sein. Sobald wir eine gefunden haben, gehen wir in den nächsten Ort und checken in einem schönen Hotel ein. Ich kann’s kaum erwarten, mir ein herrliches langes Bad zu genehmigen.«

* * *

Nachdem die Rivertons auf den von Jared geräumten Weg die Felsen überwunden hatten, setzten sie den Weg nach Süden fort. Die Sonne sank unter den Horizont und vermittelte allen ein Gefühl von Dringlichkeit. Wenn sie nicht bald eine Straße fänden, würden sie ohne Zelt oder Schlafsack unter freiem Himmel übernachten müssen.

Ein mulmiges Gefühl beschlich Aaron, als er die Weiten des Geländes betrachtete.

Wir werden unser Zuhause nie wiedersehen.

Wie zur Antwort ertönte schrilles Geheul aus Westen.

»Was zum Geier war das?«, fragte Ryan.

»Hat sich wie eine Hyäne angehört«, meinte Dad mit gerunzelter Stirn. »Was natürlich Wahnsinn ist ... es sei denn, wir sind in der Nähe eines Zoos.«

In der näheren Umgebung ploppte es laut. Darauf folgte erst dasselbe schrille Geheul, dann ein Bellen.

»Es kommt näher!«, rief Aaron kläglich.

Ich hasse Hunde. Ich hasse Hyänen. Ich hasse diesen Ort.

»Kein Grund zur Sorge«, beruhigte Ryan. »Das war nur eine Hyäne mit Husten. Und dazwischen hat wohl jemand eine Dose Limo aufgerissen.«

Dann sichtete Aaron etwas. Auf einer Anhöhe im Westen zeichnete sich eine vierbeinige Gestalt vor dem zunehmend dunkleren Himmel ab. Doch bevor er etwas sagen konnte, verschwand die Kreatur schlagartig.

Hä?

Ein besonders lautes Ploppen ertönte ganz in der Nähe. Aaron drehte sich um und stellte fest, dass die Kreatur plötzlich gerade mal sechs Meter entfernt stand. Sie ähnelte einem Wolf, hatte verfilztes Fell und ein von Dreck verkrustetes Gesicht. Und während das Geschöpf sie musterte, spürte Aaron, dass hinter den gelben Augen eine beunruhigende Intelligenz steckte.

Dad gab allen hinter ihm einen Wink. »Macht keine plötzlichen Bewegungen.«

Die Kreatur schnupperte, knurrte – dann verschwand sie mit einem weiteren jähen Ploppen einfach.

Aarons Mund klappte auf. »Es ... es hat sich einfach ... in Luft aufgelöst

»Was zum Teufel war das, Jared?« Ma knurrte. »Bitt sag, dass du mir das erklären kannst.«

Dad trat vor und kauerte sich an die Stellen, an der sich das wolfsähnliche Wesen befunden hatte. Eine Weile betrachtete er den Boden, bevor er schwer seufzte. »Tut mir leid, ich kann das alles nicht erklären. Was wir gerade gesehen haben, dürfte eigentlich nicht möglich sein.«

Nichts von all dem dürfte möglich sein , wollte Aaron sagen.

»Vielleicht hat sich der Wolf getarnt«, schlug Ryan vor. »Ihr wisst schon, wie ein Chamäleon.«

Dad schüttelte den Kopf. »Nein. Ich sehe hier Abdrücke von Pfoten. Nur kommen sie von nirgends und führen nirgendwohin. Es ist, als hätte er sich wegteleportiert.«

»Teleportierende Wölfe«, murmelte Ma.

»Funkensprühende Finger«, fügte Ryan hinzu.

»Und hohle Felsen«, warf Aaron ein.

Dad schüttelte völlig ratlos den Kopf. »Ehrlich, ich hatte noch nie weniger Ahnung, was vor sich ging, als jetzt. Jedenfalls sind wir definitiv nicht mehr in Arizona. Was weiß ich, wir könnten in Oz oder in Timbuktu sein.«

»Oha, warte.« Aaron grinste. »Oz und Timbuktu sind beide bekannt und langweilig. Wenn wir schon in einem seltsamen neuen Land sind, dann sollten wir es für uns beanspruchen! Willkommen in Rivertonland! Nein – in Rivertonia!«

Ma verdrehte die Augen. »Über den Namen können wir später brainstormen. Jetzt will ich erst mal weg von dem teleportierenden Wolf und hin zur Möglichkeit auf ein heißes Bad.«

»Ich halte dein heißes Bad und erhöhe um eine Flasche Wein«, erwiderte Dad.

Zum ersten Mal an diesem Tag lächelte Ma.

* * *

Munson folgte dem Ruf von Fürst Azazel und eilte die Wendeltreppe hinauf in die oberste Ebene. Er fand seinen Meister wartend auf dessen Thron in der Mitte eines kalten, kahlen Raums vor. Der Thron bestand durchgehend aus schwarzem Stein. Das Licht von den Fackeln in Halterungen an den feuchten Wänden tänzelte unheilvoll auf der polierten Oberfläche.

Munson nahm seinen Platz am einzigen Ausgang ein und wappnete sich für weitere Gräuel, wie sie in letzter Zeit so alltäglich geworden waren. Mittlerweile hatte er mehr solcher Verhöre miterlebt, als er zählen wollte. Daher ahnte er, dass auch dieses mit Blutvergießen enden würde. Seine Eingeweide krampften sich zusammen, als er auf das Opfer dieses Tags hinabblickte. Der Mann, der zu Füßen des Fürsten kauerte, hieß Farley – ein Mann, der seit seiner Kindheit Munsons bester Freund gewesen war.

»Bitte verschont mich, Fürst Azazel!«, winselte Farley. Er streckte die Hand aus und fuhr mit zitternden Fingern den Saum der roten Robe des Zauberers entlang. »Ein ... ein s-solcher Fehler w-wird mir nie wieder unterlaufen.«

Munson betete, dass sein Meister nicht das Mitgefühl wahrnehmen würde, das er gerade empfand.

Azazels bösartige Augen blickten finster auf den kriechenden Farley hinab. Mit wallender Robe erhob sich der Zauberer vom Thron und umkreiste den Gefangenen. Ein bedrohliches, beinah hungrig wirkendes Grinsen teilte sein gutaussehendes Gesicht.

»Ein solcher Fehler wird dir also nie wieder unterlaufen?« Der Zauberer ließ den Blick über die Soldaten um ihn herum wandern, als wartete er auf ein Lachen. Als es ausblieb, verzog sich seine Miene zornig. »Wie oft habe ich das im Verlauf der Jahrhunderte schon gehört? Du hast mir Gefolgstreue geschworen, Farley, und doch hast du gelogen. Du wolltest das Kind deiner Schwester vor mir verstecken, obwohl du genau gewusst hast, dass es Anzeichen magischer Fähigkeiten zeigt.«

Azazel wirbelte herum und wandte dem Gefangenen den Rücken zu. Sein anklagender Blick heftete sich nacheinander auf die Augen jedes Soldaten. »Du musst wissen, dass ich alles höre und sehe. Treue gereicht meinen Dienern immer zum Vorteil. Aber wer mich verrät ... wird bestraft.«

Gespannte Stille trat ein. Es war eine Gnade, als Farleys Wimmern sie durchbrach.

»Ja, Herr«, sagte der Gefangene. »Ich werde es nie vergessen. Es wird nie wieder vorkommen.«

Azazel wandte sich wieder seinem Gefangenen zu und lachte. Eine Wolke aus Energie bildete sich zwischen den Fingerspitzen des Zauberers. Sämtliche anwesenden Soldaten hielten den Atem an.

»Du hast recht«, sagte Azazel. »Es wird nie wieder vorkommen. Etwas sollst du wissen, Farley. Da du mir viele Jahrzehnte lang gut gedient hast, erweise ich dir mehr Entgegenkommen, als du verdienst. Ich verschone deine Schwester und den Rest deiner Familie. Nur das Kind wird vernichtet.«

Zum ersten Mal hob der Gefangene den Kopf. »Aber Fürst Azazel, er ist nur ein Kind!«

Azazels Augen loderten. »Dein Mangel an Dankbarkeit widert mich an.« Sein Körper versteifte sich, und eine dunkle Aura bildete sich um seinen Kopf.

Weißglühendes Plasma schoss aus seinen Fingerspitzen.

Munson zuckte bei dem mittlerweile vertrauten Geräusch knisternder Energie zusammen. Ein Strom funkelnden Lichts schlängelte sich aus den Fingern des Zauberers und umhüllte den Gefangenen. Im Nu verschwand der arme Farley, wurde wie all die anderen vollständig von Licht und Feuer verbrannt.

Azazels Anspannung ließ nach. Die dunkle Aura zog sich in ihn zurück, die Lichter um seine Hände erloschen.

Von Farley blieben nur ein paar geschmolzene Rüstungsteile und ein Häufchen Asche auf dem versengten Ziegelsteinboden. Das und der Geruch von verbranntem Fleisch, der durchdringend die Luft beherrschte. Munson musste an sich halten, um sich nicht zu übergeben. Seine Soldatenkameraden wirkten genauso unbehaglich. Ganz gleich, wie oft sie das bezeugten, einfacher wurde es nie.

Azazel lächelte. Dann tat er etwas völlig Unerwartetes – und Furchteinflößendes.

Er drehte sich Munson zu und winkte ihn nach vorn.

Munsons Magen krampfte sich zusammen, als er seinem Meister entgegenging. Wusste Azazel von seiner Freundschaft mit Farley? Würde er Munson irgendwie die Schuld daran geben, was passiert war?

Munson zitterte in seinem Kettenhemd, als er vor den Füßen des Zauberers auf ein Knie sank.

Eine lange Weile schien zu verstreichen, bevor Azazel das Wort ergriff. »Übermittle meinem Vertreter die Anweisung, den Säugling zu finden und zu beseitigen«, sagte er.

Munson verspürte überwältigende Dankbarkeit für die Gelegenheit zu töten, statt getötet zu werden – gleichzeitig erfüllte ihn der Gedanke mit tiefer Scham.

Er stand auf und salutierte. »Ja, Fürst Azazel.«

Munson gab seinen Männern ein Zeichen und trat den Weg zur Tür an, doch Azazel ließ ihn noch einmal anhalten.

Gehorsam blieb Munson stehen, drehte sich um und kniete nieder.

»Kümmere dich darum, dass auch die Familie verschwindet«, zischte der Zauberer. »Wir dürfen das Wagnis eines weiteren solchen Vorfalls nicht eingehen. Wenn es einmal passiert ist, kann es wieder passieren.«

Übelkeit stieg in Munson auf, als er die Befehle wiederholte, salutierte und zur Treppe eilte.

* * *

Sie wanderten durch die Dämmerung. Der Himmel verdunkelte sich zusehends, als Dad auf einen Felsausbiss zeigte. »Seht euch den grauen Stein an, Jungs. Ich wette, ich weiß, was das ist. Kommt mit.« Er führte sie hin.

Als sie die Stelle erreichten, hob Dad einen abgerundeten Stein vom Boden auf und benutzte ihn wie einen Meißel an dem Felsausbiss, um Splitter davon abzubrechen.

»Aha! Seht euch das an!«

»Glückwunsch, Schatz«, meinte Ma nüchtern. »Du hast ein paar Steine gefunden.«

»Nein – sieh her.« Dad hob zwei der Steinsplitter auf, die er von dem Felsausbiss abgebrochen hatte. Als er sie aneinanderschabte, sprühten sie Funken. »Seht ihr? Feuerstein. Wir können ein Feuer anzünden.« Er richtete sich auf. »Lasst uns hier lagern. Ich weiß ja nicht, wie’s euch geht, aber ich schlafe schon fast im Gehen ein.«

»Und ich bin am Verhungern«, klagte Aaron.

Dad schaute mit zusammengekniffenen Augen nach Osten. »Die Bäume da drüben sehen aus, als würde etwas an ihnen wachsen. Von hier wirken sie fast wie Apfelbäume. Keine Ahnung, wie in der Nähe von Sumpfgebieten Apfelbäume wachsen können. Andererseits sollte es hier auch kein Grasland geben. Wie wär’s, wenn ich ein Feuer anzünde, während ihr herausfindet, ob es wirklich Obstbäume sind?«

Nachdem die Rivertons eine halbe Stunde lang Holz und etwas eingesammelt hatten, das wie kleine grüne Äpfel aussah, scharten sie sich um das wachsende Feuer. Dad hatte es mit trockenen Gräsern und kleinen Zweigen entfacht. Inzwischen jedoch nährten es größere Stöcke und ließen die Flammen höher aufzüngeln.

»Diese Äpfel sind ein bisschen sauer«, meinte Ma und verzog das Gesicht. »Und bitter.« Sie probierte einen weiteren Bissen. »Was haltet ihr davon, wenn wir versuchen, sie zu braten? Vielleicht schmecken sie dann besser.«

Ryan war so hungrig, dass er bereits drei der kleinen grünen Äpfel verschlungen hatte. Nun befolgte er den Vorschlag seiner Mutter und ließ die restlichen Äpfel einige Minuten über dem Feuer braten, bevor er erneut davon probierte. Er musste zugeben, dass sie danach nicht mehr so bitter schmeckten – aber immer noch sauer. Trotzdem aß er einige weitere. Er war am Verhungern.

Aber sich sein Magen endlich zufriedengab, verfiel er in Gedanken. Die Lage sah nicht gut aus. Seit anderthalb Tagen waren sie unterwegs und hatten immer noch weder eine Straße noch ein Gebäude gesehen. Nicht mal ein Flugzeug war über sie hinweggerast.

Offenbar gingen den anderen ähnliche Gedanken durch den Kopf, denn Dad sagte: »Tja. Das gibt irgendwann sicher eine gute Geschichte ab.«

»Eher einen Fantasy-Roman«, meinte Ryan.

Dad schmunzelte. »Wenn’s genehm ist, lege ich mich jetzt ein bisschen schlafen. Vielleicht könnten wir in Schichten Wache halten. Und ich lege noch Holz nach, damit das Feuer weiterbrennt und die Tiere fernhält.«

»Tiere?«, hakte Ma nach. »Glaubst du, sie könnten nachts über uns herfallen?«

»Keine Sorge«, beruhigte Dad. »Sie sollten sich vom Feuer fernhalten. Lass mich nur kurz schlafen, dann halte ich den Rest der Nacht Wache.«

Sie legten sich hin. Ma übernahm die erste Wache. Ryan war so erschöpft, dass er im Nu einschlief.

Qualmende Überreste verbrannter Belagerungsmaschinen sprenkeln ein von Toten und Sterbenden übersätes Schlachtfeld. Ein Schaubild blanken Elends. Im Westen jedoch tobt die Schlacht noch.

Auf einer Seite kämpfen verzweifelt menschliche Soldaten. Überwiegend Menschen – aber unter ihnen befinden sich auch kurzbärtige Krieger, die im Chor einen Sprechgesang rufen, während sie riesige Hämmer schwingen.

Auf der anderen Seite ... sind Dämonen.

Eine bunt zusammengewürfelte Horde. Manche sind braun gesprenkelt, andere knallrot, wieder andere schwarz wie die tiefste Nacht. Die kleinsten muten wie Kinder an, die größten ragen als gewaltige Monster über drei Meter hoch auf. Aber alle sind gefährlich, alle sind geschaffen für den Kampf. Sie schlitzen mit verheerenden, dolchartigen Klauen, beißen mit vorstehenden Fängen. Sogar die knöchernen Grate entlang ihrer Gelenke sind scharf genug, um Soldaten aufzuschlitzen, die das Pech haben, sie zu streifen.

Die Verteidiger fallen zurück, bewegen sich nach Osten. Sie können den Ansturm nicht aufhalten. Bald haben sie sich an einem Hügel versammelt, ihrem letzten Bollwerk. Auf halber Höhe den Hang hinauf spannt ein Kreis schlanker Kämpfer wieder und wieder Langbögen und entfesselt einen dichten Hagel von Pfeilen auf den Feind. Und auf der Kuppe des Hügels, geschützt von einer niedrigen, umlaufenden Steinmauer, steht ein Mann in einer Robe und hält eine Kugel in der Hand.

Der Mann bildet einen krassen Gegensatz zum Schlachtfeld. Während alles um ihn herum in Trümmern liegt und alle Kämpfer blutverschmiert und gebeutelt sind, ist die weiße Robe des Mannes makellos, und er selbst wirkt ruhig. Nachdenklich.

Seine gesamte Aufmerksamkeit ist auf die Kugel gebündelt.

Die Dämonenhorde drängt den Hügel hoch, durchbricht die Ränge der Soldaten. Einen Moment lang wirkt es so, als wäre alles verloren.

Dann hebt der Mann mit der Robe die Kugel hoch über den Kopf. Sie strahlt so hell, dass sich die Sonne im Vergleich dazu matt ausnehmen würde. Das Licht der Kugel weitet sich langsam aus, entfernt sich von dem Mann, wogt den Hügel hinunter und setzt sich auf den Feldern dahinter fort.

Jeder Feind, den es berührt, geht in Flammen auf und zerfällt zu Asche.

Das Licht breitet sich immer schneller aus, durchwirkt die Erde, bis es sich von Horizont zu Horizont erstreckt. Was Nacht war, ist zum Tag geworden. Eine sicher scheinende Niederlage hat sich in einen Sieg gewandelt.

Abrupt erwachte Ryan. Der Traum hatte sich so ... real angefühlt.

Er sah sich um. Mittlerweile saß sein Vater am Feuer und hielt Wache.

Ryan schloss die Augen wieder und ließ sich erneut vom Schlaf übermannen.

* * *

Azazel ergriff eine Handvoll Weizen und ließ die Körner zwischen seinen Fingern hindurchrieseln. Die Lieferung war gerade aus einem der entlegenen Dörfer eingetroffen.

»Haben die Dörfler dir irgendwelchen Ärger bereitet?«, fragte er.

Der abgekämpfte Soldat schüttelte den Kopf. »Nein, Fürst Azazel. Niemand bei klarem Verstand würde es wagen, Euch zu verweigern, was Euch zusteht.«

Azazel seufzte. »Ich bin seit fast einem Jahrhundert nicht mehr herausgefordert worden.«

Der Soldat schaute verwirrt drein, schwieg aber.

Plötzlich spürte Azazel ein vertrautes Kribbeln im Nacken. Er überließ den Soldaten seiner Verwirrung, rannte zu seinem Turm, raste die Treppe zu seinem Thronsaal hinauf und befahl lauthals den dort postierten Männern zu verschwinden. Sie hasteten hinaus, und er verriegelte die Tür hinter ihnen.

Dann setzte er sich auf seinen Thron und wartete.

Gleich darauf spürte er das Kribbeln erneut. Diesmal begleitet von Schwefelgeruch. Der Zauberer lächelte.

Vor dem Thron erschienen die Umrisse einer Frau. Einer großen, schlanken, wunderschönen Frau.

»Nimm dich in Acht, Azazel.«

»Was meinst du, Ellisandrea?«, fragte Azazel. Besorgnis regte sich in seinem Herzen.

»Ich sehe Gefahr vorher. Halte Ausschau nach Fremden in Trimoria. Sie bedrohen alles, was wir erreicht haben.«

»Fremde?«, wiederholte Azazel. »Aber in Trimoria gibt es keine Fremden. Dank dieses törichten Beschützers sind wir von einer undurchdringlichen Barriere umgeben.«

»Ich kann nicht sehen, woher sie kommen. Aber sie stammen nicht aus Trimoria, und sie gehören nicht hierher. Finde sie, oder sie werden alles gefährden, wonach wir streben.«

»Ich lasse die Fremden von meinen Männern aufspüren und zu mir bringen«, verkündete Azazel. »Was soll ich mit ihnen machen, wenn sie gefunden sind?«

»Sie müssen getötet werden.«

Azazel nahm einen vagen Anflug von Qualen wahr. Aber das Gefühl verflüchtigte sich sofort, und er lächelte. »Es wird mir ein Vergnügen sein, Ellisandrea.« Er trat näher, streichelte ihre Wange und flüsterte: »Wann können wir uns wiedersehen, Liebste?«

»Bald. Tu, was du zu tun hast, dann wird alles wie versprochen.«

Die Erscheinung der Frau verblasste, und der beißende Geruch verflog. Als die letzten Reste ihres Anblicks aus dieser Welt verschwanden, sank Azazels Hand an seine Seite. Die Traurigkeit, die er in dem Moment empfand, wurde von Wut verdrängt.

Er stapfte zur Tür des Thronsaals und riss sie auf. »Hergekommen!«, rief er die Treppe hinunter. »Ich habe Aufgaben für euch alle!«